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Heute traf ich den von Marburg
zurückgekehrten Herrn Fuchs1, der mir erzählte oder
vielmehr von Ihnen ausrichtete, daß Sie mir zwei Dinge ernstlich übelnehmen:
- daß ich Ihnen in Sachen des Kirchenvertrags2 nie geschrieben, |115 bzw. daß ich mich einseitig durch
Herrn Schmidt3 in dieser Sache habe informieren und
beeinflussen lassen,
- daß ich mich Ihnen und den anderen Marburgern im letzten Oktober nicht zur Diskussion gestellt habe.
Ich möchte gerne, daß Sie mir beides nicht übelnehmen, und will darum zur Aufhellung
Folgendes beizutragen suchen.
ad 1) Der Kirchenvertrag hat mich nicht eben aus großer Nähe beschäftigt. Ich habe mir in
der Tat von Herrn Schmidt mit dem Interesse,
das dem Spezialfachmann gebührt, allerlei darüber vortragen lassen. Ich glaube doch nicht
durch ihn bestimmt gewesen zu sein, wenn ich es für richtig hielt, dem
Professoren-Paragraphen4 seinen Lauf zu lassen. Es geschah ohne alles Pathos.
Über Ihre Stellungnahme5, ihre mir durch Ihre
Briefe an Herrn Schmidt bekannte Begründung und
vor allem die Gesellschaft, in der ich Sie da sah, habe ich den Kopf geschüttelt, aber mit
so wenig Heftigkeit, daß ich keinen Augenblick auf den Gedanken kam, Sie deshalb
anzureden. Meine einzige lebhaftere Geste in dieser Sache war ein Votum in der Fakultät
bei Anlaß des von Ihrer Fakultät gewünschten außerordentlichen Fakultätentages.6 Vielleicht wissen Sie |116 davon durch
Herrn Hölscher7, der hier Ihren Standpunkt vertrat,
und bezieht sich darauf Ihr erstes Übelnehmen? Ich erklärte mich gegen jenen
Fakultäten-Tag, weil ich es für unmöglich hielt, unter dem Druck Ihrer feierlich erfolgten
Drohung mit Kirchenaustritt und Amtsniederlegung8 würdig mit Ihnen zu
verhandeln. Diese Drohung mißfiel mir überaus, nicht an sich, aber in ihrem Verhältnis zu
dem, was Sie von uns wollten: ich meinte und meine noch jetzt, wenn Sie mit uns Anderen
ernsthaft diskutieren wollten, dann mußte das vor dem Ergehen solcher
Drohung geschehen. Ist die ultima ratio schon geltend gemacht, was sollen dann alle
rationes? Sie konnten uns nicht vor diese geladene Kanone stellen und verlangen, daß wir
uns in dieser für Sie offenbar entschiedenen Situation für Ihre theologischen Argumente
interessieren sollten. In irgend einem Stadium der Sache habe ich auch einmal einen Brief
redigiert, der dann als Schreiben der Fakultät irgendwohin abging9, aber ich weiß
wirklich nicht einmal mehr, wann das war und um was es ging. Diese meine spärliche
Beteiligung an der Sache ging für mich irgendwie sehr nebenher neben den Dingen, bei denen
ich eigentlich beteiligt bin, und wieder kam es mir gar nicht in den Sinn, Ihnen meinen
Dissensus schriftlich anzeigen zu sollen. Wenn ich an Sie dachte, so dachte ich wohl
einfach und ohne Eile, man könne später einmal bei Bier und Pfeife über Alles reden und
über das Für und Wider sich austauschen. Die Geschichte ging mir eben nicht zu Herzen.
ad 2) Was mein Ausbleiben in Marburg vorigen
Herbst betrifft, so müßte ich zunächst einfach nochmals an den Grund erinnern, den ich |117 damals dafür hatte. Eine Aussprache mit Ihnen, Gogarten, Brunner, Thurneysen war in
Aussicht gestellt. Die Versammlung Ihrer Schüler und deren Wunsch, mich zu hören bzw. zu
verhören, war mir kein zwingender Ruf. Ich muß aber auch zugeben, daß meine Unfreudigkeit
zu kommen damit zusammenhing, daß ich mir vorigen Herbst noch sehr viel weniger klar war
über Ihre eigene, in einer Diskussion über natürliche Theologie in diesem Kreis
vorauszusetzende Stellung. Aus Ihrer Antwort an Kuhlmann10 meine ich Sie seither nun endlich einigermaßen verstanden zu haben,
auch das, was mir in Ihrem Jesus-Buch so fremd war, auch das, was mir jeweilen im 1. Teil
Ihrer Aufsätze nicht als gut und notwendig einleuchten wollte, auch das, was Sie mit
Gogarten mir gegenüber verbindet, auch das,
was Ihren Schülern das eigentümliche Marburger
Selbstbewußtsein gibt — kurz, eben das, worin unsere Wege auseinandergehen. Damals wußte
ich nicht, daß die Sache so schlimm steht, wie ich sie nun allerdings bis auf bessere
Belehrung sehen muß. Ich meine: daß Sie mit Ihrer Verhältnisbestimmung von Anthropologie
und Theologie das 18. und 19. Jahrhundert so wenig los geworden sind, daß Sie das alte
unverschämte Diktat der modernen Philosophie unter dem neuen Heideggerschen Vorzeichen so wenig erkannt und
abgewiesen haben, daß ich mich bei Ihnen schließlich einfach in dasselbe Diensthaus
Ägypten11
zurückversetzt fühle, das wir nach meiner Auffassung mit der Absage an Schleiermacher und mit dem neuen Anknüpfen an die
Theologie der Reformatoren verlassen haben sollten. Ich habe jahrelang, wenn man mich nach
meiner Meinung über Sie fragte, geantwortet, ich sehe bei Ihnen gewisse liberale
Eierschalen, die ich aber nicht weiter ernst nehmen könne. Erst aus dem Kuhlmann-Aufsatz drängte sich mir die Einsicht auf, daß
dem sehr anders sein müsse, als ich dachte, daß das neue Marburg dem alten12
nur zu verwandt sei. Aber es eilt mir auch jetzt nicht mit der Diskussion mit diesem
Marburg. Vielleicht habe ich Sie ja noch
immer nicht recht verstanden, und dessen müßte ich doch sehr sicher sein, bevor sich ein
Gespräch vor Zeugen lohnen würde. Oder vielleicht habe ich Sie nur zu gut verstan|118den und könnte ein Gespräch vor Zeugen nur das sehr
Schmerzliche an den Tag bringen, wie sehr man sich auseinandergeredet hat und wie wenig
man wohl im Grunde immer beieinander war. Wie denn vielleicht auch zwischen Gogarten und mir seit seiner Entdeckung der Ständelehre
und zwischen Brunner und mir seit seiner
Entdeckung der Eristik13 etwas Entscheidendes kaputt gegangen ist,
über das sich schwer diskutieren läßt. Da kommen mir denn die Herren Schlier etc.14 mit ihrem munteren Verlangen nach klärenden Auseinandersetzungen
einfach ein bißchen ahnungslos vor. Ein gründliches Zusammensein unter vier Augen könnte
etwas Gutes sein, und darauf sollten wir gemeinsam zielen, wogegen eine Redeschlacht mit
jenem Marburg, das meint, daß es nur um ein
paar der geliebten «Begriffe» gehe, mir heute erst recht keine allzu dringliche
Angelegenheit zu sein scheint.
So würde ich in beiden Punkten, dem m. E. harmlosen ersten und dem m. E. sehr
gefährlichen zweiten, denken, daß Übelnehmen nun nicht gerade das sein möchte, was der
wirklichen Situation entspricht, und es ist Ihnen gewiß nicht unmöglich, mir nach diesen
Erläuterungen zu sagen, daß Sie mich in beiden Punkten wenigstens ein Stück weit verstehen
können.
Ich bin dabei, die Prolegomena für eine zweite Auflage anders und womöglich besser zu
machen. Auch Ihre Anmerkungen stehen mir dabei vor Augen, wenn ich auch im entscheidenden
Punkt das von Ihnen Monierte nicht ändern kann.15 Daneben bin ich im Seminar16 und in der Societät wieder einmal sehr mit Schleiermacher beschäftigt, den nicht loszuwerden
sicher zu unserem Schicksal gehört.
Bitte grüßen Sie Ihre Frau und seien Sie selber herzlichst gegrüßt von