Anhang Nr. 15 · 7. Oktober 1930

Gerhard Krüger an Karl Barth

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Anhang 15

[Brief von Privatdozent Dr. Gerhard Krüger, Marburg, an K. Barth (Orig. im Karl Barth-Archiv):]

Marburg, d. 7.X.1930
Zeppelinstr. 23
Sehr verehrter Herr Professor!

Nachdem Sie Ihren Vortrag in Marburg abgesagt haben, werden Sie kaum erwarten, noch einmal von einem andern von der Sache zu hören. Ich möchte auch wirklich nicht, daß Sie sich nur um unsres «vielen Geilens» willen doch noch entschließen zu kommen, wenn Sie es nur ungern tun können, — ohne rechten Sinn darin zu finden. Aber unsre Lage ist peinlicher, als Sie vielleicht denken, weil die Marburger in diesem Falle ohne Sie gar nichts machen können; und auf der andren Seite hätte es vielleicht doch auch für Sie einen Zweck, wenn Sie uns den Vortrag hielten. Selbstverständlich fehlt viel, wenn Sie dabei nicht mit allen denen sprechen können, auf die es Ihnen ankommt, aber die Möglichkeit, |242 das in Zukunft zu tun, bliebe Ihnen ja immer noch, wenn Sie diesen vorläufigen Anlaß benutzten, nun die Sache auszuarbeiten: scriptum est, manet. Und für die Tagung wäre es eine Rettung. So nämlich bliebe die ganze Verantwortung dafür — genau genommen — auf mir liegen! Bultmann kann Ihre Arbeit hier nicht gut ersetzen; das Thema ist eben so bestimmt, daß wirklich nur ein Systematiker darüber sprechen kann. Mit dem Römerbrief, ohne Kenntnis der Dogmatik, läßt sich das doch einfach nicht machen! Ich aber bin nur auf eine historische Einleitung gefaßt, bin nicht einmal imstande, die philosophische Seite der Sache systematisch zu behandeln, geschweige denn die theologische. Und darauf kommt es doch für die Frage selbst und vor allem auch für die Teilnehmer der Tagung allein an. Plato und Aristoteles sind doch ganz uninteressant, wenn nicht gesagt wird, was von ihnen und ihrer Aufnahme in die alte Theologie dogmatisch zu halten sei. Das vorige Mal wurde eben um dieser Lage willen beschlossen, Sie zu bitten. Daß es nicht gut möglich ist, so kurz vorher ganz etwas andres vorzunehmen, ist ja auch klar. Kurz, ich bin in großer Verlegenheit: soll ich auch absagen — was Ausfall der Tagung und eine Gefahr für ihre regelmäßige Fortdauer bedeuten würde, oder soll man sich mit einer halben Sache begnügen, um derentwillen es sich nicht mehr lohnt, daß die Leute alle herkommen. Leider ist Bultmann nicht zu erreichen. So haben Schlier und ich beschlossen, den Teilnehmern zunächst die Gefährdung des Programms mitzuteilen, damit sie sich selbst entschließen können, ob sie kommen wollen. Das ist die Situation, die ich Ihnen nicht verschweigen möchte. Sie werden es mir, der ich davon besonders betroffen bin, verzeihen, wenn ich Ihnen das vorstelle!

Ich möchte Sie allerdings überzeugen und nicht nur nötigen. Sie haben es sich ja anders vorgestellt und mit solchen Verlegenheiten bei uns nicht gerechnet. Ich brauche wohl nicht näher auszuführen, wie viel uns und insbesondre mir mit Ihrem Vortrag gedient wäre. Mich beschäftigt das Thema immer, und ich habe hier niemand, der mir das Theologische genügend sagen kann.

Ich kann Ihnen bei dieser Gelegenheit endlich für das freundschaftliche Interesse danken, das Sie meiner Kantarbeit1 widmen. Ich hoffe |243 immer noch, daß ich Ihnen auch für Ihr Kommen nach Marburg danken kann!

Es grüßt Sie
Ihr sehr ergebener
G. Krüger

Sachfußnoten

1
Die Arbeit erschien wenig später: G. Krüger, Philosophie und Moral in der kantischen Kritik, Tübingen 1931. 📖 ↩