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Haben Sie Dank für Ihre freundliche Karte. Es ist ja höchste Zeit, daß ich Ihnen und Ihrer Frau sage, wie gern und dankbar ich wieder in Ihrem Hause gewesen bin! Ich werde mich je und je, wenn ich darf, mit Vergnügen wieder zu einer Pfeife und einem guten Gespräch bei Ihnen einfinden. Daß mein Weggehen an jenem Dienstag nun doch noch Ent|99täuschung verursacht hat, tut mir recht leid. Aber das Wiederholen desselben Vortrags an derselben Stelle wäre mir doch auch innerlich eine so unerfreuliche Sache gewesen, daß ich froh war, entrinnen zu dürfen. Ich will mich dann Ihnen und den Marburgern lieber ein anderes Mal wieder stellen. — Nun muß ich Ihnen aber doch gestehen, daß ich eigentlich, zurückblickend auf unsere privaten Gespräche und auf unsere öffentliche Diskussion, nicht zum wenigsten auf den Kuhlmann-Aufsatz1, den Sie mir vorgelesen haben, richtig bekümmert von Marburg weggefahren bin und mich bis jetzt noch nicht richtig erholt habe. Was ich von Ihnen hörte, reihte sich mir mit dem 8 Tage früher hier in Münster von Schumann gehörten Vortrag2 und dann weiter mit dem mir grundunsympathischen Anthropologie-Artikel Gogartens3 und schließlich mit Brunners Eristik4 zu einem Bilde zusammen, das ich ja gewiß auch schon früher hätte sehen können, das sich mir aber, langsam von Begriffen, wie ich bin, tatsächlich erst jetzt so gezeigt hat. Von mir aus gesehen bedeutet das, was offenbar, wenn auch in verschiedener Weise, im Unterschied zu mir Ihrer Aller Anliegen ist, so etwas wie eine großartige Rückkehr zu den Fleischtöpfen Ägyptens. Ich meine damit: Sie sind, wenn mich nicht Alles täuscht, Alle miteinander dabei, den Glauben aufs neue — gewiß in einer sehr neuen und von der Theologie des 19. Jahrhunderts sehr verschiedenen Weise — als eine menschliche Möglichkeit oder, wenn Sie wollen, als begründet in einer menschlichen Möglichkeit verstehen zu wollen und damit die Theologie aufs neue der Philosophie in die Hände zu liefern.5 Was diese zunächst formale grundsätzliche Rückkehr zu den alten Wegen, denen gerade abzusagen |100 jedenfalls bei mir mit unter die dringendsten Anliegen gehört, für den sachlichen Gehalt der Theologie bedeutet, kann ich ja weithin noch nicht übersehen. Ich müßte dazu Ihre dogmatischen und ethischen Sätze im Einzelnen und Ganzen viel besser kennen, als ich sie kenne. Ich weiß nur Eines, was ich als mir sichtbare Frucht des da gepflanzten Baumes namhaft machen könnte, und das sind Gogartens ethische Ansätze, wie er sie in der Schrift über die Schuld der Kirche bekannt gemacht, und wie sie dann von Frau von Tiling in ihren Aufsätzen in «Schule und Evangelium» in aller Unzweideutigkeit entfaltet worden sind.6 Von dieser Ethik kann ich nur sagen, daß ich sie inhaltlich aufs Bestimmteste ablehne. Ich sehe in ihr eine Vereinfachung, eine Vergröberung und Verwirrung der Probleme, wie sie mir durch die Bibel und durch die theologische Tradition einerseits und durch das Leben andererseits gestellt scheinen, angesichts derer ich es für ein Unheil ansehen würde, wenn diese Lehre in der Kirche herrschend werden würde. Es kann für mich gar keine Frage sein, daß ich mich ihr in Zukunft nur werde widersetzen können. Und nun scheint mir der Zusammenhang zwischen solchen so unerfreulichen Resultaten und den mehr oder weniger von Ihnen Allen eingeführten bzw. neu eingeführten formalen Voraussetzungen nur zu deutlich. Wo man so mit der Möglichkeit einer natürlichen Theologie spielt, so eifrig ist, die Theologie im Rahmen eines untheologisch gewonnenen Vorverständnisses zu treiben, da kann es gar nicht anders sein, als daß man in solchen Verkrampfungen und reaktionären Winkeln endigt, die um nichts besser sind als die Liberalismen der Anderen: im Gegenteil, wenn es darauf ankäme, will ich immer noch lieber mit den Religiös-Sozialen in die Hölle als in den Himmel kommen, in dem es einem beschieden sein wird, von Ewigkeit zu Ewigkeit in seinen «Stand» gebannt, das einem schöpfungsmäßig verordnete «Du» anzustarren und diesen Zustand dann noch für Erlösung halten zu müssen.7 Ich wollte ja persönlich so gerne, ich könnte die |101 Dinge anders ansehen und mich einiger mit Ihnen wissen. Aber es steht mir gerade jetzt bei meiner Vorlesung über die neuere protestantische Theologie8 so deutlich vor Augen, was da vor 100 Jahren in allen Lagern der Theologie aus ganz ähnlichen Erwägungen wie die, von denen Sie geleitet sind, unternommen und vollbracht worden ist, und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß die dialektische Theologie als Ganzes im Begriffe steht, zu einer großen Wieder-Bringung aller jener Dinge zu werden, und wenn dem so wäre, so könnte ich wenigstens das Ganze nur noch als ein Lärmen um nichts9 ansehen. Es wäre ja so schön, wenn Sie mich trösten und mir sagen könnten, daß Alles so gefährlich nicht ist und wir nach wie vor beieinander sind, aber ich fürchte sehr, Sie können mir das nicht sagen. Es könnte wohl sein, daß das, was ich unter «Wort Gottes» verstehe, für Sie überhaupt nie in dieser Weise Anliegen gewesen ist, daß Sie sich viel geradliniger, als ich es mir manchmal vorstellte, von Herrmann und von Otto her zu dem Ort, wo Sie jetzt stehen, hin entwickelt haben, sodaß unsere Schiffe doch nur solche gewesen wären, die sich nachts begegneten10.
Genug für diesmal! Beiliegend sende ich Ihnen mit herzlichem Dank
jenes Manuskript Ihres Votums11 zurück. Grüßen Sie Ihre liebe Frau
und Ihre Kinder, und seien Sie in aller Bekümmerung herzlichst gegrüßt
von