Brief Nr. 54 · 8. Juni 1928

Rudolf Bultmann an Karl Barth

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Lieber Herr Barth!

Hier kommt das erste Stück meiner Bemerkungen zu Ihrer Dogmatik. Mein Brief vom 28. IV.1 ist mittlerweile zu alt geworden, um ihn abzuschicken. Ich wiederhole aus ihm, daß ich meine Bemerkungen schrieb, um Ihnen zu danken, freilich als einen kritischen Dank. Ich stimme Ihnen darin zu, daß es zurzeit keine wirkliche Dogmatik unter uns gibt, und ich begreife Ihr Buch als einen Anfang echter dogmatischer Arbeit. Sie werden nicht erwarten, daß ich aufzähle, worin ich Ihnen überall zustimme; es betrifft vor allem Ihre Auffassung von der Aufgabe, die Orientierung der Dogmatik an der Predigt.2 Aber gegen die Durchführung habe ich manche Bedenken; die (Ihre) Kritik übertrifft oft die positive Darstellung. Freilich sollte auch die Kritik umfassender sein, d. h. ich bedaure, daß Sie die kritische Auseinandersetzung nicht auch mit Ihren Freunden, vor allem mit Gogarten3, führen. Allerdings verstehe ich, daß Sie Ihren ersten «Entwurf» ohne Rücksicht |82 auf Ihre Weggenossen, deren Sie zudem offenbar nicht ganz sicher sind, durchgeführt haben. Aber in der 2. Auflage sollten Sie nicht darauf verzichten, sich mit Gogarten auseinanderzusetzen.

Wichtiger ist, daß Sie auf die (latente, aber radikale) Auseinandersetzung mit der modernen Philosophie verzichtet haben und naiv die alte Ontologie aus der patristischen und scholastischen Dogmatik übernehmen. Was Sie sagen (und oft nur sagen wollen), sprengt diese Begrifflichkeit, und Unklarheit und Unsauberkeit sind nicht selten die Folge. Sie verachten souverän die moderne philosophische Arbeit, also vor allem die Phänomenologie. Was hat es für einen Sinn, gelegentlich zu sagen, der Dogmatiker müsse auch über die philosophische Arbeit orientiert sein, wenn die Darstellung diese Orientierung vermissen läßt, ja wenn die Seiten 403–4074 zeigen, daß die philosophische Arbeit überhaupt nicht ernst genommen wird, nämlich als unter der Verantwortung der Wahrheitsfrage stehend? Mir scheint, Sie sind geleitet durch die Besorgnis, die Theologie möge sich in Abhängigkeit von der Philosophie bringen lassen. Sie suchen dem zu entgehen dadurch, daß Sie die Philosophie ignorieren. Der Preis, den Sie dafür zahlen, ist der, daß Sie faktisch einer vergangenen Philosophie verfallen. Denn da der Glaube der Glaube des Glaubenden, d. h. eines existierenden Menschen ist (ich kann auch sagen: da der Gerechtfertigte der Sünder ist), kann auch die Dogmatik nur in existentialontologischen Begriffen reden; diese aber werden (aus einem ursprünglichen Daseinsverständnis entsprungen) von der Philosophie ausgearbeitet. Wenn nun die kritische Arbeit der Philosophie, die sich dauernd, und gerade jetzt mit erneuter Bewußtheit und Radikalität, vollzieht, ignoriert wird, so ist die Folge, daß die Dogmatik mit den unkritisch übernommenen Begriffen einer alten Ontologie arbeitet. Das aber ist bei Ihnen der Fall. Richtig ist, daß die Dogmatik mit einer Philosophie, sofern sie systematisch ist, nichts zu tun haben darf; ebenso richtig aber auch, daß sie von einer Philosophie, die kritische (ontologische) Forschung ist, lernen muß. Denn nur dann bleibt sie frei und bedient sich der Philosophie als der ancilla theologiae; sonst wird sie zur Magd und jene zur Herrin. Tertium non datur: entweder Magd oder Herrin. Das von Ihnen beabsichtigte Ignorieren ist nur ein scheinbares. — Selbstverständlich bezieht sich hier Herrschaft |83 oder Knechtsdienst auf die Begriffsbildung. Aber wenn Dogmatik eine Wissenschaft sein soll, so ist es doch wohl für sie unerläßlich, nach der sachgemäßen Begrifflichkeit zu fragen.

Ihre Polemik gegen die Wobbermin, Schaeder5 etc. ist ebenso treffend wie amüsant. Aber ist sie nicht schon zum Teil ein Kampf gegen Gespenster? Steht nicht der ernste Gegner heute anderswo? Für die Wobbermin und Schaeder etc. genügt doch heute eigentlich schon das Barathrum6. Aber die Tillich, die Berneuchener und weiter die Gundolfianer7 und Max Schelers Wertphilosophie8 (von der freilich auch positiv zu lernen ist!), — in diesen Gestalten begegnet heute doch ernstlich der (seinem Wesen nach freilich immer gleiche) Gegner. Eine Dogmatik muß doch m. E. an die kommende Generation denken, sowohl was die Pfarrer wie was die Gemeinde betrifft. Welche Gedanken leben denn heute unter unsern Gebildeten und in den Zeitungen? Muß denn die Theologie immer post festum kommen?

Bitte, verübeln Sie meinen energischen Appell nicht, und auch nicht die apodiktische Form, in der meine Einzelbemerkungen gehalten sind. Dies liegt nicht nur an meinem Temperament, sondern auch am Interesse der Kürze. Daß ich von Ihnen Entscheidendes gelernt habe, lerne und weiter zu lernen hoffe, brauche ich wohl kaum zu betonen. Ich bin Ihnen gegenüber der Empfangende, der Schüler, freilich ein kritischer Schüler. Aber wichtiger als die Kritik ist mir der Dank, den ich Ihnen schulde; und die Kritik selbst ist geleitet von der Überzeugung, daß ich in dem Anliegen, das Sie in Ihrer Dogmatik vertreten, mit Ihnen einig bin.9

Mit meiner Frau grüße ich Sie herzlich!
Ihr
Rudolf Bultmann

Sachfußnoten

1
Siehe Nr. 53, Anm. 1. — Bultmanns Bemerkungen zu Barths Die christliche Dogmatik im Entwurf (1927) 📖 sind nicht erhalten. — Am 12.6.1928 schrieb Barth an seine Frau Nelly: «Heim hat mir die neue Auflage seiner Vorträge geschickt […] und Bultmann einen ganzen Stoß Blätter mit Anmerkungen zu meiner Dogmatik, die im Ganzen darauf hinaus laufen: ich meine zwar das Richtige, es fehlen mir aber die dazu gehörigen richtigen Begriffe.» (Brief im Karl Barth-Archiv).↩
2
Vgl. K. Barth, Die christliche Dogmatik im Entwurf …, a.a.O. (Nr. 43, Anm. 4), vor allem das 1. Kapitel: S. 18–125 📖; Neuausgabe: S. 33–164 📖 ↩
3
Implizit setzt sich Barth an zwei Stellen seines Buches gerade auch mit Gogarten auseinander; Nachweis in der Neuausgabe S. 91–93 (dort Anm. 1–3) und S. 524f. (dort Anm. 23 und 27) 📖.↩
4
Neuausgabe S. 521–527 📖.↩
5
K. Barth, a.a.O.; s. das Namenregister der Neuausgabe, S. 611.613. 📖 ↩
6
Siehe Nr. 43, Anm. 11.↩
7
Anhänger des Heidelberger Germanisten Friedrich Gundolf (20.6.1880–12.7.1931).↩
8
Vgl. M. Scheler, Der Formalismus in der und die materiale Wertethik. Neuer Versuch der Grundlegung eines ethischen Personalismus (Sonderdruck aus: Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische Forschung, Bd. I und II, hrsg. von E. Husserl, Halle a.d. S. 1913 und 1916), Halle 1921 (= 2. Aufl.; 19273) 📖; 5. Aufl., hrsg. mit einem neuen Sachregister in: ders., Gesammelte Werke, Bd. II, Bern 1966. 📖 ↩
9
Mit Bultmanns Kritik stimmt weitgehend überein Fr. Gogarten, Karl Barths Dogmatik, in: ThR NF, Jg. 1 (1929), S. 60–80 📖 (= Fr. Gogarten, Gehören und Verantworten. Ausgewählte Aufsätze. In Zusammenarbeit mit R. Bultmann hrsg. von H. G. Göckeritz, Tübingen 1988, S. 14–30 📖). Mit dieser Kritik Gogartens setzt sich Barth auseinander in: KD I/1, S. 128–136.177–180. 📖 ↩