Rudolf Bultmann an Karl Barth
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Hier kommt das erste Stück meiner Bemerkungen zu Ihrer Dogmatik. Mein Brief vom 28.
IV.1 ist mittlerweile zu alt geworden, um ihn
abzuschicken. Ich wiederhole aus ihm, daß ich meine Bemerkungen schrieb, um Ihnen zu danken, freilich als einen kritischen Dank. Ich stimme
Ihnen darin zu, daß es zurzeit keine wirkliche Dogmatik unter uns gibt, und ich begreife
Ihr Buch als einen Anfang echter dogmatischer Arbeit. Sie werden nicht erwarten, daß ich
aufzähle, worin ich Ihnen überall zustimme; es betrifft vor allem Ihre Auffassung von der
Aufgabe, die Orientierung der Dogmatik an der Predigt.2 Aber gegen die Durchführung habe ich manche
Bedenken; die (Ihre) Kritik übertrifft oft die positive Darstellung.
Freilich sollte auch die Kritik umfassender sein, d. h. ich bedaure, daß Sie die kritische
Auseinandersetzung nicht auch mit Ihren Freunden, vor allem mit
Wichtiger ist, daß Sie auf die (latente, aber radikale) Auseinandersetzung mit der modernen Philosophie verzichtet haben und naiv die alte Ontologie aus der patristischen und scholastischen Dogmatik übernehmen. Was Sie sagen (und oft nur sagen wollen), sprengt diese Begrifflichkeit, und Unklarheit und Unsauberkeit sind nicht selten die Folge. Sie verachten souverän die moderne philosophische Arbeit, also vor allem die Phänomenologie. Was hat es für einen Sinn, gelegentlich zu sagen, der Dogmatiker müsse auch über die philosophische Arbeit orientiert sein, wenn die Darstellung diese Orientierung vermissen läßt, ja wenn die Seiten 403–4074 zeigen, daß die philosophische Arbeit überhaupt nicht ernst genommen wird, nämlich als unter der Verantwortung der Wahrheitsfrage stehend? Mir scheint, Sie sind geleitet durch die Besorgnis, die Theologie möge sich in Abhängigkeit von der Philosophie bringen lassen. Sie suchen dem zu entgehen dadurch, daß Sie die Philosophie ignorieren. Der Preis, den Sie dafür zahlen, ist der, daß Sie faktisch einer vergangenen Philosophie verfallen. Denn da der Glaube der Glaube des Glaubenden, d. h. eines existierenden Menschen ist (ich kann auch sagen: da der Gerechtfertigte der Sünder ist), kann auch die Dogmatik nur in existentialontologischen Begriffen reden; diese aber werden (aus einem ursprünglichen Daseinsverständnis entsprungen) von der Philosophie ausgearbeitet. Wenn nun die kritische Arbeit der Philosophie, die sich dauernd, und gerade jetzt mit erneuter Bewußtheit und Radikalität, vollzieht, ignoriert wird, so ist die Folge, daß die Dogmatik mit den unkritisch übernommenen Begriffen einer alten Ontologie arbeitet. Das aber ist bei Ihnen der Fall. Richtig ist, daß die Dogmatik mit einer Philosophie, sofern sie systematisch ist, nichts zu tun haben darf; ebenso richtig aber auch, daß sie von einer Philosophie, die kritische (ontologische) Forschung ist, lernen muß. Denn nur dann bleibt sie frei und bedient sich der Philosophie als der ancilla theologiae; sonst wird sie zur Magd und jene zur Herrin. Tertium non datur: entweder Magd oder Herrin. Das von Ihnen beabsichtigte Ignorieren ist nur ein scheinbares. — Selbstverständlich bezieht sich hier Herrschaft |83 oder Knechtsdienst auf die Begriffsbildung. Aber wenn Dogmatik eine Wissenschaft sein soll, so ist es doch wohl für sie unerläßlich, nach der sachgemäßen Begrifflichkeit zu fragen.
Ihre Polemik gegen die
Bitte, verübeln Sie meinen energischen Appell nicht, und auch nicht die apodiktische Form, in der meine Einzelbemerkungen gehalten sind. Dies liegt nicht nur an meinem Temperament, sondern auch am Interesse der Kürze. Daß ich von Ihnen Entscheidendes gelernt habe, lerne und weiter zu lernen hoffe, brauche ich wohl kaum zu betonen. Ich bin Ihnen gegenüber der Empfangende, der Schüler, freilich ein kritischer Schüler. Aber wichtiger als die Kritik ist mir der Dank, den ich Ihnen schulde; und die Kritik selbst ist geleitet von der Überzeugung, daß ich in dem Anliegen, das Sie in Ihrer Dogmatik vertreten, mit Ihnen einig bin.9