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Dafür, daß Sie mir so ausführlich geschrieben haben, danke ich Ihnen herzlich. Der Inhalt
Ihres Briefes hat mich freilich schmerzlich bewegt.
1.) Bei Ihrem Verhalten in der Frage des Kirchenvertrags hat mir eben gerade das den
Anstoß gegeben, daß Sie die Sache «nicht eben aus großer Nähe» betrachtet haben. Wenn uns
Ihr Münsterer Kollege Schmidt1 richtig
informiert hat, haben Sie als Münsterer
Dekan2 Ihre Fakultät nicht einmal von der
Korrespondenz und dem Stand der Dinge unterrichtet, sodaß dieser (Schmidt) völlig ahnungslos nach Breslau3 kam.4 Daß Sie selbst nicht über
den Stand der Dinge unterrichtet waren, zeigt mir in Ihrem Briefe wieder, was Sie über den
von uns vorgeschlagenen außerordentlichen Fakultätentag schreiben. Denn wenn wir dort natürlich auch unsere Marburger
Stellungnahme5 hätten theologisch begründen müssen, so war
sein Sinn doch keineswegs der einer theologischen Diskussion. Wir wollten einmal die auf
dem Breslauer Fakultätentag von 1930 zu
Unrecht ignorierten oder verletzten Beschlüsse des vorhergehenden Marburger Tages (von 1929, wenn ich nicht irre6) wieder zur Geltung bringen, und wollten sodann die
anderen Fakultäten informieren, da diese fast durchweg gar nicht wußten, wie die
kirchenpolitische Lage in [der] Provinz Hessen war und welchen Sinn unsere Beschlüsse hatten. Sie haben unsern
«Kirchenaustritts»-Entschluß als «Drohung» aufgefaßt; es ist klar, daß er so wirken konnte
und vielleicht auf Außenstehende so wirken mußte. Er war nicht so gedacht, und darüber war
den Instanzen, denen er mitgeteilt war, kein Zweifel gelassen. Sie wußten außerdem gar
nicht, was mit unserm «Kirchenaustritt» gemeint war, |120 und ich
habe jetzt auch nicht die Absicht, Sie darüber aufzuklären. — Wenn K. L. Schmidt Ihnen etwa unsern Briefwechsel gezeigt
hat, so werden Sie wissen, daß K. L. Schmidt
über wichtige (wenigstens für uns wichtige) Vorgänge auch nicht unterrichtet war und mir
in einigen Briefen7
hintereinander Dinge vorwarf, die wir getan oder unterlassen haben sollten, — was eben nur
infolge von Unkenntnis geschehen konnte. Wir wünschten, alle Kollegen genau zu
unterrichten; es wurde uns durch die Ablehnung des Fakultäten-Tages unmöglich gemacht.
(Die nachher vom Minister nach Berlin gerufene
Zusammenkunft8 hatte ja
einen ganz andern Zweck, der ihr eben vom Minister gegeben war.)
War es uns und besonders mir schmerzlich, daß Sie eine Sache leicht nahmen, die uns ernst
war, und habe ich schon das nicht verstanden, daß Sie, der Sie Quousque tandem9 geschrieben hatten, keine Notiz davon nahmen, wie
sich die Kirchenleitungen in der Vertrags-Sache benommen haben, — nun, so war das Ihre
Sache. Was ich aber vollends nicht verstand (und weshalb ich denn auch mich verwundert
fragte, warum Sie nicht einmal eine Frage an mich richteten), ist dies, daß Sie, wie ich
durch K. L. Schmidt erfuhr10, derjenige waren, der
sich in der Bonner Fakultät am schärfsten
gegen uns ausgesprochen hatte und der den Brief, der die Ablehnung unserer Wünsche
enthielt, geschrieben hatte in einer scharfen Form, die K.
L. Schmidt (nach dessen Mitteilung) noch milderte.11
2.) Was die Marburger Oktober-Zusammenkunft
betrifft, so meinte ich keinen Zweifel daran gelassen zu haben, daß wir Sie zunächst zur
Diskussion mit unserm Marburger Kreis
einluden, und ich meinte, Sie hätten das auch verstanden, wenn Sie mir am 17.
Februar 1930 antworteten, daß ich Ihnen «in Bismarckscher Weise ans Portepee gegriffen» habe, und daß Sie nun keine
andere Wahl hätten, als zuzusagen. Da Gogarten
ja auch sein Kommen in Aussicht gestellt hatte, so hielt ich die |121 Gelegenheit für günstig, zugleich ein Zusammentreffen der στῦλοι12 zu veranstalten. Daß dieses für Sie die Hauptsache war, nehme ich
Ihnen natürlich nicht übel; daß Sie aber um deswillen uns Marburger im Stich ließen (als eben aus dem für Sie Wichtigsten nichts
wurde), habe ich nicht verstanden. Oder vielmehr, ich habe es verstehen zu müssen geglaubt
aus dem Mißtrauen und der Antipathie, die Sie gegen uns und unsere Arbeit haben. Leider
wird mir das durch Ihren jetzigen Brief bestätigt. Ich weiß nicht, wodurch wir Sie zu dem
Mißtrauen gebracht haben, als wollten wir Sie «verhören», und ich finde es unfreundlich,
unsere Absicht, mit Ihnen ernsthaft zu diskutieren, so zu charakterisieren. Meinen Sie
nicht, daß es mir ernst damit ist, endlich zu hören, was Sie eigentlich gegen meine Arbeit
haben? wo eigentlich der Punkt ist, an dem der Gegensatz erwächst, und in dem ich
möglicher Weise irre? wie Sie die Vorwürfe, die jetzt Ihr Brief ausspricht, eigentlich
begründen? Und meinen Sie, es sei meinen Schülern und Freunden weniger ernst? Mein
«eigentümliches Marburger Selbstbewußtsein»
sagt mir, daß in meinem Marburger Kreis die
Schul-Orthodoxie die geringste ist. Und ich möchte meinen, daß unser von Ihnen getadeltes
Selbstbewußtsein darauf beruht, daß wir uns unserer Offenheit und des Forschungscharakters
theologischer Arbeit bewußt sind. Wir verstehen es deshalb auch nicht, warum Sie meinen,
ehe Sie zur Diskussion mit uns kommen, müßten Sie sicher sein, mich verstanden zu haben.
Sollte sich nicht das gegenseitige Verstehen gerade in der Diskussion vollziehen können?
Wir wenigstens haben Sie deshalb gebeten, damit wir in der Auseinandersetzung mit Ihnen
Sie (und übrigens auch uns selbst) besser verstehen lernen. — Nun, vielleicht fällt schon
diese Auffassung eines theologischen Gesprächs unter Ihr sachliches
Verdammungsurteil, weil Sie meinen: solche Diskussion sei von vornherein untheologisch.
Ich weiß es nicht. In der Ablehnung einer «Redeschlacht» sind wir jedenfalls mit Ihnen
einig, aber wir sehen allerdings nicht ein, daß das Bemühen um echte theologische Begriffe
nicht ein sachgemäßes theologisches Anliegen sein, sondern in die «Redeschlacht» führen
soll.
Kurz: es war uns schmerzlich und ist uns nach Ihrem Briefe doppelt schmerzlich, daß Sie
nicht zu uns kamen. Ich kann nun nur hoffen, daß Sie Ihre Kritik an uns und Ihre
Überzeugung von meinem Verrat an der |122 Theologie öffentlich aussprechen. Ich glaube, das wäre ein Dienst an der gegenwärtigen
theologischen Diskussion. Für die Leute, die sich etwa über diesen Streit im eigenen Hause
der dialektischen Theologie freuen würden, habe ich von vornherein keine Ohren. Aber mir
scheint alles daran zu liegen, daß der Gegensatz zum Austrag kommt. — Nun, vielleicht
werden Sie denken, daß ich uns Marburger zu
ernst nehme. Mag es sein! wir müssen jedenfalls unsern Weg gehen und werden nicht
aufhören, Sie dabei ernst zu nehmen.
Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus
Dankbar gedachten wir bei unserer Pfingstwanderung mit den Kindern im unteren Lahntal und am Rhein Ihrer Frau, die im
vorigen Jahr so freundlich unsere Antje und
Gesine mitnahm!