Brief Nr. 75 · 14. Juni 1931

Rudolf Bultmann an Karl Barth

119

75

Lieber Herr Barth!

Dafür, daß Sie mir so ausführlich geschrieben haben, danke ich Ihnen herzlich. Der Inhalt Ihres Briefes hat mich freilich schmerzlich bewegt.

1.) Bei Ihrem Verhalten in der Frage des Kirchenvertrags hat mir eben gerade das den Anstoß gegeben, daß Sie die Sache «nicht eben aus großer Nähe» betrachtet haben. Wenn uns Ihr Münsterer Kollege Schmidt1 richtig informiert hat, haben Sie als Münsterer Dekan2 Ihre Fakultät nicht einmal von der Korrespondenz und dem Stand der Dinge unterrichtet, sodaß dieser (Schmidt) völlig ahnungslos nach Breslau3 kam.4 Daß Sie selbst nicht über den Stand der Dinge unterrichtet waren, zeigt mir in Ihrem Briefe wieder, was Sie über den von uns vorgeschlagenen außerordentlichen Fakultätentag schreiben. Denn wenn wir dort natürlich auch unsere Marburger Stellungnahme5 hätten theologisch begründen müssen, so war sein Sinn doch keineswegs der einer theologischen Diskussion. Wir wollten einmal die auf dem Breslauer Fakultätentag von 1930 zu Unrecht ignorierten oder verletzten Beschlüsse des vorhergehenden Marburger Tages (von 1929, wenn ich nicht irre6) wieder zur Geltung bringen, und wollten sodann die anderen Fakultäten informieren, da diese fast durchweg gar nicht wußten, wie die kirchenpolitische Lage in [der] Provinz Hessen war und welchen Sinn unsere Beschlüsse hatten. Sie haben unsern «Kirchenaustritts»-Entschluß als «Drohung» aufgefaßt; es ist klar, daß er so wirken konnte und vielleicht auf Außenstehende so wirken mußte. Er war nicht so gedacht, und darüber war den Instanzen, denen er mitgeteilt war, kein Zweifel gelassen. Sie wußten außerdem gar nicht, was mit unserm «Kirchenaustritt» gemeint war, |120 und ich habe jetzt auch nicht die Absicht, Sie darüber aufzuklären. — Wenn K. L. Schmidt Ihnen etwa unsern Briefwechsel gezeigt hat, so werden Sie wissen, daß K. L. Schmidt über wichtige (wenigstens für uns wichtige) Vorgänge auch nicht unterrichtet war und mir in einigen Briefen7 hintereinander Dinge vorwarf, die wir getan oder unterlassen haben sollten, — was eben nur infolge von Unkenntnis geschehen konnte. Wir wünschten, alle Kollegen genau zu unterrichten; es wurde uns durch die Ablehnung des Fakultäten-Tages unmöglich gemacht. (Die nachher vom Minister nach Berlin gerufene Zusammenkunft8 hatte ja einen ganz andern Zweck, der ihr eben vom Minister gegeben war.)

War es uns und besonders mir schmerzlich, daß Sie eine Sache leicht nahmen, die uns ernst war, und habe ich schon das nicht verstanden, daß Sie, der Sie Quousque tandem9 geschrieben hatten, keine Notiz davon nahmen, wie sich die Kirchenleitungen in der Vertrags-Sache benommen haben, — nun, so war das Ihre Sache. Was ich aber vollends nicht verstand (und weshalb ich denn auch mich verwundert fragte, warum Sie nicht einmal eine Frage an mich richteten), ist dies, daß Sie, wie ich durch K. L. Schmidt erfuhr10, derjenige waren, der sich in der Bonner Fakultät am schärfsten gegen uns ausgesprochen hatte und der den Brief, der die Ablehnung unserer Wünsche enthielt, geschrieben hatte in einer scharfen Form, die K. L. Schmidt (nach dessen Mitteilung) noch milderte.11

2.) Was die Marburger Oktober-Zusammenkunft betrifft, so meinte ich keinen Zweifel daran gelassen zu haben, daß wir Sie zunächst zur Diskussion mit unserm Marburger Kreis einluden, und ich meinte, Sie hätten das auch verstanden, wenn Sie mir am 17. Februar 1930 antworteten, daß ich Ihnen «in Bismarckscher Weise ans Portepee gegriffen» habe, und daß Sie nun keine andere Wahl hätten, als zuzusagen. Da Gogarten ja auch sein Kommen in Aussicht gestellt hatte, so hielt ich die |121 Gelegenheit für günstig, zugleich ein Zusammentreffen der στῦλοι12 zu veranstalten. Daß dieses für Sie die Hauptsache war, nehme ich Ihnen natürlich nicht übel; daß Sie aber um deswillen uns Marburger im Stich ließen (als eben aus dem für Sie Wichtigsten nichts wurde), habe ich nicht verstanden. Oder vielmehr, ich habe es verstehen zu müssen geglaubt aus dem Mißtrauen und der Antipathie, die Sie gegen uns und unsere Arbeit haben. Leider wird mir das durch Ihren jetzigen Brief bestätigt. Ich weiß nicht, wodurch wir Sie zu dem Mißtrauen gebracht haben, als wollten wir Sie «verhören», und ich finde es unfreundlich, unsere Absicht, mit Ihnen ernsthaft zu diskutieren, so zu charakterisieren. Meinen Sie nicht, daß es mir ernst damit ist, endlich zu hören, was Sie eigentlich gegen meine Arbeit haben? wo eigentlich der Punkt ist, an dem der Gegensatz erwächst, und in dem ich möglicher Weise irre? wie Sie die Vorwürfe, die jetzt Ihr Brief ausspricht, eigentlich begründen? Und meinen Sie, es sei meinen Schülern und Freunden weniger ernst? Mein «eigentümliches Marburger Selbstbewußtsein» sagt mir, daß in meinem Marburger Kreis die Schul-Orthodoxie die geringste ist. Und ich möchte meinen, daß unser von Ihnen getadeltes Selbstbewußtsein darauf beruht, daß wir uns unserer Offenheit und des Forschungscharakters theologischer Arbeit bewußt sind. Wir verstehen es deshalb auch nicht, warum Sie meinen, ehe Sie zur Diskussion mit uns kommen, müßten Sie sicher sein, mich verstanden zu haben. Sollte sich nicht das gegenseitige Verstehen gerade in der Diskussion vollziehen können? Wir wenigstens haben Sie deshalb gebeten, damit wir in der Auseinandersetzung mit Ihnen Sie (und übrigens auch uns selbst) besser verstehen lernen. — Nun, vielleicht fällt schon diese Auffassung eines theologischen Gesprächs unter Ihr sachliches Verdammungsurteil, weil Sie meinen: solche Diskussion sei von vornherein untheologisch. Ich weiß es nicht. In der Ablehnung einer «Redeschlacht» sind wir jedenfalls mit Ihnen einig, aber wir sehen allerdings nicht ein, daß das Bemühen um echte theologische Begriffe nicht ein sachgemäßes theologisches Anliegen sein, sondern in die «Redeschlacht» führen soll.

Kurz: es war uns schmerzlich und ist uns nach Ihrem Briefe doppelt schmerzlich, daß Sie nicht zu uns kamen. Ich kann nun nur hoffen, daß Sie Ihre Kritik an uns und Ihre Überzeugung von meinem Verrat an der |122 Theologie öffentlich aussprechen. Ich glaube, das wäre ein Dienst an der gegenwärtigen theologischen Diskussion. Für die Leute, die sich etwa über diesen Streit im eigenen Hause der dialektischen Theologie freuen würden, habe ich von vornherein keine Ohren. Aber mir scheint alles daran zu liegen, daß der Gegensatz zum Austrag kommt. — Nun, vielleicht werden Sie denken, daß ich uns Marburger zu ernst nehme. Mag es sein! wir müssen jedenfalls unsern Weg gehen und werden nicht aufhören, Sie dabei ernst zu nehmen.

Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus
Ihr
Rudolf Bultmann

Dankbar gedachten wir bei unserer Pfingstwanderung mit den Kindern im unteren Lahntal und am Rhein Ihrer Frau, die im vorigen Jahr so freundlich unsere Antje und Gesine mitnahm!

Sachfußnoten

1
Friedrich Wilhelm Schmidt.↩
2
Barth war im Wintersemester 1929/30 Dekan der Ev.-Theol. Fakultät in Münster und gab dieses Amt offiziell am 15.4.1930 an Friedrich Wilhelm Schmidt ab.↩
3
Zum Fakultätentag der Ev.-Theol. Fakultäten Deutschlands am 9.10.1930.↩
4
Randanstreichung und Fragezeichen mit Rotstift von Barth bei diesem Satz.↩
5
Siehe Nr. 74, Anm. 5.↩
6
16.9.1929.↩
7
Briefe bisher nicht aufzufinden.↩
8
Unklar, welche Zusammenkunft gemeint ist, da zwei Besprechungen des Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung bzw. der Ministerialdirektoren mit den fünf Marburger Professoren stattfanden: 12.1. und 27.1.1931.↩
9
Siehe Nr. 64, Anm. 1.↩
10
Die Worte «wie ich … erfuhr» von Barth rot unterstrichen.↩
11
Brief vom 28.1.1931; s. Anh. 19 II; vgl. Nr. 74, Anm. 6. — Die Worte «die K. L. Schmidt … milderte» von Barth rot unterstrichen. Außerdem Randanstreichung ab «wie ich durch K. L. Schmidt erfuhr» bis Satzende.↩
12
Siehe Nr. 68, Anm. 2.↩