Brief Nr. 55 · 12. Juni 1928

Karl Barth an Rudolf Bultmann

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Lieber Herr Bultmann!

Es war ein feierlicher Augenblick, als ich gestern das Pergamen Ihres Briefes und das andere mit Ihren Anmerkungen entrollte im vollen Bewußtsein, daß nun zum ersten Mal ich etwas gegen meine Dogmatik Vorgebrachtes zu lesen bekomme, das aufs Ernstlichste zu bedenken ich nicht werde vermeiden können. Haben Sie vor Allem herzlichen Dank für die große Mühe, die Sie sich gemacht haben und die auf keinen Fall umsonst gewesen sein soll. Ich werde alles Einzelne ein drittes und viertes Mal bedenken, wenn es erst an die zweite Auflage des Bandes geht.1 Daß Sie auf Punkte hinweisen, an denen Reparaturen nötig und auch auf Grund meiner Voraussetzungen möglich sind, das sehe ich wohl ein. Aber ich frage mich, ob es mir bei aller Bereitwilligkeit im Einzelnen — ganz abgesehen davon, daß Ihre Remedurvorschläge schon im Einzelnen unverkennbar aufs Ganze gehen — möglich sein wird, Ihnen auch nur annähernd Genüge zu tun, weil das, was Sie von mir haben wollen, schließlich nicht mehr und nicht weniger als eine Veränderung des geistigen Habitus, in dem ich an eine solche Arbeit herantrete, bedeutet und vielleicht letztlich auf den Wunsch hinausläuft, dem etwas wild und krumm gewachsenen Baum, der ich nun einmal zu sein scheine (so kam ich mir plötzlich vor im Lichte Ihrer Kritik), nachträglich doch noch mittelst eines daneben gesteckten geraden Pfahls eine erfreulichere Gestalt zu geben. Es könnte ja sein, daß Sie mit den Vorhaltungen grundsätzlicher Art, die Sie mir besonders in Ihrem Briefe machen, |85 ganz einfach meine Grenzen berühren, d. h. Dinge von mir verlangen, die man vielleicht ganz mit Recht von mir verlangen kann, die ich aber mit dem natürlichen Gefälle meiner Arbeitsmöglichkeiten nicht leisten kann. Ich sage nur: es könnte sein, Sie müssen, um mir nicht böse zu werden, eventualiter damit rechnen, daß dem so wäre.

Z. B. damit, daß es mir vielleicht einfach nicht liegt, mich mit Gogarten «auseinander zu setzen», daß dabei nur Unglück über Unglück passieren könnte. Ich sehe und verstehe, daß er letztlich am selben Strick zieht wie ich, obwohl ich es manchmal nur undeutlich sehe und verstehe. Ich freue mich, daß er da ist, weil ich sehe, daß er zu Leuten reden kann, zu denen ich keinen Zugang habe, und weil ich manchmal selber ein Stichwort von ihm auffange, das mir auch etwas sagt, das mir selber weiterhilft. Im Übrigen ist er eine ganz andere Kreatur des lieben Gottes als ich, von der ich Mühe hätte zu leugnen, daß sie mir kata sarka nicht gerade sympathisch ist, zieht er seine Vorträge und Bücher in einer Weise auf, die mir schwer erträglich ist, und empfinde ich vor Allem in und hinter ihm Alles das, was mir an Luther ungeheuerlich ist. Das Alles in einer Auseinandersetzung aufzudecken, meine ich aber keinen Auftrag zu haben. Umso weniger, als es ja ihm mit mir ganz gleich oder ähnlich zu gehen scheint. Mag doch über seine und meine Gemeinschaft und Verschiedenheit einmal irgend ein Jüngling, der gerne den Lic. machte, eine schöne Arbeit schreiben; für uns Beide scheint es bis auf Weiteres das Gegebene zu sein, von der Produktion des Andern aufmerksam und wohlwollend Kenntnis zu nehmen, aber uns durch sie nicht stören zu lassen.

Und es könnte ferner sein, daß auch das, was Sie in Bezug auf die Philosophie von mir wollen, nun eben meine Sache nicht ist. Ich will gar keine prinzipielle Begründung dessen geben, was Sie mein Ignorieren der philosophischen Arbeit nennen. Es ist wohl möglich, daß ein Anderer in Sachen einer saubereren Begrifflichkeit Besseres leisten kann als ich. Aber es ist nun einmal so, daß mir keine Philosophie so auf den Leib gerückt ist wie Ihnen offenbar die Heideggersche, sodaß ich nun unter dem Zwang stünde, mein Denken durchaus gerade an ihrem Maßstab zu messen und entsprechend zu säubern. Es ist ferner so, daß ich einen tiefen Abscheu in mich aufgenommen habe angesichts des Schauspiels, wie die Theologie es immer wieder vor Allem der Philosophie ihrer Zeit recht machen wollte und daneben ihr eigenes Thema |86 vernachlässigte. Es ist ferner so, daß mir der Schaden schon der alten Theologie nie an dem anschaulich wurde, worauf etwa Harnacks Dogmengeschichte2 den Finger legt, daß mir der Platonismus, Aristotelismus der Orthodoxen als solcher kein Hindernis war (sagen wir: vermeintlich), weithin zu verstehen, was los war, und darum allerlei alte Begrifflichkeit in meine eigene Sprache zu übernehmen, ohne mich darum mit der dahinterstehenden Philosophie zu identifizieren. Und es ist endlich so, daß ich bei und trotz der Unbesorgtheit, mit der Sie mich offenbar hausen sehen, auch von mehr als einem hauptamtlichen Philosophen3 sehr wohl (sagen wir vorsichtigerweise wiederum: vermeintlich) verstanden worden bin mit dem, was ich sagte oder sagen wollte, wobei sich mir die Frage nahelegt, ob dem auch so wäre, wenn ich mir den Panzer einer bestimmten Schulphilosophie angeschnallt hätte. Mein Weg war im Römerbrief und jetzt in der Dogmatik tatsächlich der, daß ich in Bezug auf die Angelegenheit, um die ich es in der Bibel und in der Dogmengeschichte gehen sah, links und rechts nach den «Begriffen» faßte, die ich eben fand und am geeignetsten fand, ohne über das Problem einer prästabilierten Harmonie zwischen der Sache und diesen bestimmten Begriffen nachzudenken, weil ich alle Hände [voll] damit zu tun hatte, daß ich etwas ganz Bestimmtes sagen wollte. Und wenn nun dieses Verfahren, wie ich Ihnen ohne Weiteres zugebe, etwas Zigeunerhaftes hat — weshalb ich es auch noch nie zum Prinzip erhoben und zur Nachahmung empfohlen habe —, so ist die bange Frage die, ob es wohl gelingen wird, mich noch zu domestizieren, oder ob es sich für mich noch lohnt, mir für den Rest meines Lebens bei den Phänomenologen eine eindeutige Begrifflichkeit einzukaufen. Was soll in concreto Wichtiges dabei herauskommen? Als letzten Sommer der Aufsatz Ihres Schülers Krüger4 erschien, war ich geradezu geneigt, die ganze Kunst als einfach brotlos zu betrachten, so wenig schien mir für eine bessere Erklärung von Röm. 5,12ff. bei dieser Schulmeisterei herauszukommen. Ich gebe nun zu, daß Ihre Kritik meiner Dogmatik mir besser einleuchtet, aber wiederum sehe ich nicht ein, daß die bewußten Stellen, sofern sie |87 schwach sind, nicht aus einem ganz andern Grund schwach sind, als weil ich nicht die rechten Begriffe habe, nämlich darum, weil ich an den betreffenden Stellen nicht hindurchsehe und darum — ob in diesen oder jenen Begriffen, wäre dann wieder gleichgültig — auch nicht sagen kann, was gesagt werden sollte. Ich verstehe es vollkommen, wenn Ihnen das unter dem Zwang Ihres besondern Anliegens als ein Bekenntnis zu einem fürchterlichen Dilettantismus vorkommt. Ich leugne die Berechtigung Ihres Anliegens durchaus nicht und also auch das nicht, daß ich unter diesem besondern Gesichtspunkt ein Dilettant tatsächlich sein mag. Aber mir kommt wieder Gogarten dilettantisch vor, sobald er sich aus dem engsten Gehäuse seiner Begrifflichkeit auch nur einen Schritt weit hinausbegibt und etwa als Erklärer des Apostolikums sich geben will.5 Mein Anliegen ist, die Stimme der Kirche und der Bibel auf alle Fälle zu hören und hören zu lassen, und wenn ich dabei in Ermangelung eines Bessern eine Strecke weit aristotelisch denken müßte. Dabei wäre mir eine allzu schulgerechte Begrifflichkeit einfach im Weg, wie sie Gogarten in seinen letzten Kapiteln doch fraglos verhindert, mehr als seinen Glauben an den dreieinigen Gott zu hören und hören zu lassen. Ja, sehn Sie, da bin ich, und ob ich von da in dem von Ihnen gewünschten Sinn vom Platze zu bringen bin oder ob Sie mich nicht, solange ich nicht größern Schaden anrichte, in der ganzen eingestandenen Gebrechlichkeit meines Wesens und Unwesens neben sich dulden müssen, das eben ist die bange Frage.

Ganz Ähnliches müßte ich Ihnen wohl in Bezug auf Scheler, Gundolfianer etc. antworten. Bitte übernehmen Sie und Gogarten die Bedienung dieses Volkes. Soweit ich bei den Studenten und auf den Pfarrerkonferenzen und in der kirchlichen Presse sehe, sind Schaeder, Wobbermin etc. leider durchaus noch keine Gespenster.

Und nun fassen Sie bitte das Alles nicht auf als böse Verstocktheit und Unbußfertigkeit. Ich sehe ja wohl ein, wie schön es für mich wäre, wenn ich die Kunst, die ich Sie mit Bewunderung treiben sehe, auch noch verstünde, und wie ersprießlich es sein könnte, wenn ich mich mit Gogarten nun doch noch auseinandersetzte — aber eben: es könnte sein, daß Ihr «Appell» darin seinen Wert hat, daß er Grenzen aufdeckt, |88 die ich vielleicht nicht überspringen kann. Um deswillen ist es doch eigentlich schade, daß Ihre Kritik nicht eine öffentliche ist, damit die Frage gleich an Alle gerichtet wäre, die es angeht. Ich erwarte nun mit Spannung der Anmerkungen zweiten Teil.

Mit herzlichem Gruß an Sie und die Ihrigen (meine Frau ist den ganzen Sommer in der Schweiz)
Ihr
Karl Barth

Sachfußnoten

1
Von Barths Werk Die christliche Dogmatik im Entwurf 📖 erschien ebensowenig wie die geplante Fortsetzung (s. Nr. 51, Anm. 3) eine 2. Auflage des I. Bandes. Doch trug Barth für eine solche ursprünglich beabsichtigte Neuauflage Textänderungen und -erweiterungen in sein Handexemplar ein. Diese sind in der Neuausgabe von G. Sauter 📖 (s. Nr. 43, Anm. 4) enthalten. Zur Frage der Berücksichtigung von Bultmanns Bemerkungen bei der Niederschrift dieser Eintragungen vgl. Barths Brief vom 27.5.1931: unten Nr. 74 bei Anm. 15.↩
2
A. Harnack, Lehrbuch der Dogmengeschichte, 3 Bde., Tübingen 1909/104. 📖↩
3
Mskr.: hinter «Philosophen» ist durchgestrichen: «mit dem was ich sagen wollte».↩
4
Siehe Nr. 40, Anm. 3.↩
5
Vgl. Fr. Gogarten, Ich glaube an den dreieinigen Gott. Eine Untersuchung über Glaube und Geschichte, Jena 1926 📖.↩