Anhang Nr. 14 · 3. Oktober 1930

Heinrich Schlier an Karl Barth

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Anhang 14

[Brief von Lic. Heinrich Schlier, Marburg, an K. Barth (Orig. im Karl Barth-Archiv):]

Marburg, 3.X.1930
Weißenburgstr. 27
Sehr geehrter Herr Professor!

Durch die Karte von meiner Frau und Ihren Brief an Bultmann, den dieser mir heute schickte, erfahre ich, daß nun auch Sie sehr drohen, eine Absage an die Marburger Konferenz zu schicken. Ich möchte Sie aber herzlich bitten, die Zusage nicht rückgängig zu machen, da dadurch für sehr viele, ja, nachdem Sie das grundsätzliche Referat übernommen haben, für alle die Tagung ihren Zweck verlöre. Die Konferenz selbst kann ja, nachdem viele der Eingeladenen ihre Zusage schon gegeben und dafür Urlaub genommen haben, nicht mehr gut rückgängig gemacht werden. Das Ergebnis wäre vielmehr eine Tagung, die für die vielen Auswärtigen, welche manche Vorbereitungen und Veränderungen an Urlaub usw. getroffen haben, ohne Ergebnis bliebe.

Durch die unglückliche (für uns) Verbindung mit der «Säulenversammlung» ist der Charakter der Konferenz für Ihre Augen etwas verändert. Aber die Konferenz selbst hat damit nichts zu tun. Sie ist einer Anregung von Professor Bultmann entsprungen, daß sich ehemalige Marburger Theologiestudenten jedes Jahr einmal treffen sollen, um theologisch im Zusammenhang zu bleiben und weiterzulernen. Dabei steht jedesmal ein Thema zur Frage, das von zwei Referenten behandelt und dann diskutiert wird. Die diesjährige Tagung wäre die 4. Es wird dazu nur eingeladen; die «Öffentlichkeit» ist dadurch eine sehr beschränkte. Voriges Jahr wurde als Thema nun die «natürliche Theologie» bestimmt, und — da die «Marburger Theologie» von Ihrer — so glaubt sie wenigstens — nicht soweit entfernt ist, angeregt, Sie zu bitten, den Hauptvortrag zu halten. Gogarten sollte nicht als «Säule» oder als Opponent erscheinen, sondern als Teilnehmer der 1. Tagung und als einer, der zur 2. u. 3. zu-, freilich auch jedesmal dann abgesagt hatte. Von der Anwesenheit anderer «Prominenten» war im vorigen Jahr nicht die Rede. Kurz es sollte die Konferenz in keinem Sinn den Rahmen für ein |241 Gefecht abgeben, wobei dann die «Ehemaligen» als Kriegsberichterstatter fungieren, sondern eine Tagung solcher sein, die sich von den Referenten belehren lassen und selbst mit den Referenten die theologische Frage in der Diskussion weitertreiben wollen. Gewiß wird mancher aus Neugierde kommen, eher aber, weil er dabei eine Möglichkeit sieht, theologisch zu lernen, was ja nicht jeder allein kann, was aber jeder der vielen Pfarrer und Lehrer braucht und weder auf Pfarrerkonferenzen noch auf öffentlichen Tagungen findet.

Sie sehen, wir nehmen Sie trotz Ihrer — den Marburgern sicher nicht unbekannten — Überlastung weiter in Anspruch, und bitten Sie, ein Mißverständnis über den Zweck und das Forum Ihres Vortrages nicht uns entgelten zu lassen. Darf ich Sie bitten, mir Ihre Entscheidung bald mitzuteilen, da ja im Fall Ihrer endgültigen Absage noch manches geregelt werden muß.

Mit sehr ergebenem Gruß
Ihr
H. Schlier