19.VI.1931
Prof. D. Fr. W. Schmidt Münster i. W., Sertürnerstr.
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Verehrter, lieber Herr Barth!
Ich komme soeben aus dem Kolleg und finde Ihren Brief vor, für den ich Ihnen der
Klärung der Sache wegen doppelt dankbar bin. Denn meine Verwunderung ist nicht geringer
als Ihre.
Soll ich mehr staunen über Bultmanns
Zweifel, ob ich «richtige» Informationen gegeben habe, oder über das totale
Mißverständnis der Sachlage? Ich habe den Marburgern speziell überhaupt nie eine Information gegeben. Ich habe auf
dem Breslauer Dekanentag mich auf eine
Frage des Vorsitzenden Hans Schmidt geäußert
und dabei Ihren Na|259men überhaupt
nicht genannt. (Ich bemerke noch, daß Bultmann ja nicht in Breslau war, sondern Bornhäuser
Marburg vertrat). Es handelte sich um ein
Schreiben unserer Fakultät durch Stählin* zum Kirchenvertrag im letzten Sommer, das einem Teil der Fakultäten nicht
zugegangen war. Den Grund dieser ungleichmäßigen Mitteilung (ob St. nur an preußische Fakultäten geschrieben hatte?) konnte ich
in Breslau nicht angeben. Auch hatte ich
dort das Schriftstück nicht zur Hand, kannte zwar seine allgemeine Tendenz, aber nicht
alle Einzelheiten in jenem Augenblick. Es handelte sich darum, ob eine Berufung
geheimgehalten werden könne solange, als bis nach der Zuschrift des Ministeriums an
einen Professor die Kirche befragt sei und sich geäußert habe.
Das ist der tatsächliche Hergang. Ich wiederhole: Ihren Namen habe ich in diesem
Zusammenhang überhaupt nicht in den Mund genommen, Sie in Breslau mit keiner Silbe erwähnt. Ihre Vermutung
eines völligen Mißverständnisses ist also völlig zutreffend.
Hoffentlich geht es Ihnen Allen gut, was auch von uns (von Erkältungen der Kinder
abgesehen) gilt. Ich habe ordentlich Hörer im Kolleg und Seminar, mache meine Wege ohne
Begleitung und unternehme manchen schönen Radausflug ins Münsterland.
Demnächst sende ich Ihnen einen Vortrag über «Die theologische Begründung der
Ethik»1, der Sie vielleicht interessiert.
Viele herzliche Grüße von Haus zu Haus
* Stählin war darum beauftragt, weil er eine
entsprechende Sitzung in Berlin mitgemacht
hatte (Mai 1930).