Vorwort · 1997

Vorwort

VII

VORWORT

1) Biographisches

Karl Barth war seit dem 3.7.1911 Pfarrer der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Safenwil im Aargau. 1913 hatte er mit Nelly Hoffmann Hochzeit gefeiert. Die Tochter Franziska und der Sohn Markus waren in Safenwil zur Welt gekommen. Im 2 1/2 Stunden Fußweg entfernten Leutwil amtierte der Freund Eduard Thurneysen.1

Wie in den vergangen Jahren standen der fast sonntägliche Predigtdienst2 und der Unterricht3 im Mittelpunkt der Arbeit des 30jährigen Pfarrers. Ebenso unermüdlich wirkte er – seit Februar 1915 Mitglied der Sozialdemokratischen Partei – im Arbeiterverein und im Blauen Kreuz.4 Das offizielle Kapitel der aargauischen Pfarrerschaft und die Synode der Kantonskirche waren für Barth und Thurneysen ein Ort der Anfechtung5, aber im «Kränzli» bemühten sich beide um das Verständnis aufgeschlossener Kollegen6. Beide Freunde waren in der religiös-sozialen Konferenz engagiert und wurden im Mai in deren Vorstand gewählt, just zu |VIII dem Zeitpunkt, an dem sie in Distanz gerieten zu den führenden Köpfen der religiösen Sozialisten, Leonhard Ragaz und Hermann Kutter.7

Das Jahr 1916 hatte in Safenwil mit einem Eklat begonnen: Die Hochzeit einer Fabrikantentochter bot Anlaß zu einem wüsten Trinkgelage, an dem sich auch die in jener Fabrik beschäftigten Konfirmandinnen und Konfirmanden beteiligten.8 Barth reagierte mit Schärfe; aber die Spitze seiner Predigt richtete er gegen sich selbst: die Gegenmacht gegen die herrschende Mammonsmacht müßte von dem Pfarrer ausgehen, aber er sei dazu wohl nicht der rechte Mann!9 Wenige Wochen später sprach er dann über den «Pfarrer, der es den Leuten recht macht». Er ließ die Predigt drucken und in alle Häuser verteilen10: würde seine Bedrängnis Verständnis finden in der Gemeinde?

Anfang Juni – Barth hatte nach einer fiebrigen Zahnerkrankung für ein paar Tage Erholung im Pfarrhaus in Leutwil gesucht – kam es dann zu dem Gespräch, in dem die Freunde das weiterführende Stichwort fanden: Sie brauchten «eine ‹ganz andere› theologische Grundlegung. Von Schleiermacher aus ging es offenbar nicht weiter».11 Drei Wochen später beschäftigte Barth sich mit Kant.12 Am 19. Juli lesen wir von «exegetischen Forschungen im Römerbrief»13. Er hat die Spur gefunden, die er nicht mehr verlassen wird, wenn auch der Weg vom ersten zum zweiten Römerbrief und von da zur Kirchlichen Dogmatik noch weit sein wird.14

Die Arbeit am Römerbrief ging keineswegs zu Lasten der Gemeindearbeit. Am 4. September unternahm Barth mit den Konfirmanden eine ganztägige Wanderung nach Leutwil.15 Die Kirchenpflege (= Presbyterium) billigte ihm zu, daß er ab Oktober wöchentlich drei Stunden Unterweisung geben konnte statt deren zwei.16 Als im November der freikirchliche |IX Evangelist Jakob Vetter an acht Abenden in Safenwil missionierte, war Barth stets zugegen und benutzte den Anlaß zur Lektüre namhafter Pietisten.17 Zur Wurst-Mahlzeit der Kirchenpflege trug Barth ein großes Gedicht in Knittelversen bei.18 Daß er seit dem Konfirmationsgottesdienst seine Predigten verkürzte, indem er sich zwang, das Manuskript statt auf drei auf zwei Bögen zu schreiben, hatte einen anderen Grund, mag aber der Arbeit am Römerbrief zugute gekommen sein.

Bei der Auswahl der Predigttexte stoßen wir auch 1916 wieder auf mehrere Predigtreihen: Vom 20. Februar bis zum Karfreitag legte Barth in 8 Predigten das Kapitel Matth. 10 aus. Vom Sonntag nach Ostern bis zum 10. September folgten nicht weniger als 20 Predigten über 1.Joh. 1–3, was damit zusammenhängen mag, daß im «Kränzli» der 1. Johannesbrief gelesen wurde.19 Vom 15. – 29. Oktober folgten drei Predigten über Luk. 18,1–17. Im Advent predigte Barth über Psalmworte.

2) Zu dieser Edition

Von den über 500 Predigten, die Barth in seiner Safenwiler Zeit angefertigt und gehalten hat, sind in der Gesamtausgabe bisher die Jahrgänge 1913, 1914 und 1915 erschienen.20 Hier werden nun die 53 Predigten des Jahres 1916 – sie tragen die Nummern 305-357 – vorgelegt. Zugrunde liegen der Wiedergabe die im Karl Barth-Archiv vollständig erhaltenen Manuskripte. Sie bestehen aus unlinierten Bögen mit einer Höhe von 22, 7 cm und einer Breite von 36, 4 cm, die Barth einmal quer gefaltet hat. Eine Predigt füllt anfangs 3, ab Nr. 321 2 solcher Faltbögen, jedoch gibt es auch Bögen, die nur teilweise beschrieben sind.

Mit Ausnahme des Stichwortkonzepts Nr. 327 und der Predigt Nr. 335 sind die Predigten in lateinischer Schrift geschrieben, die leichter lesbar ist als Barths bis Mitte 1915 durchweg gebrauchte deutsche Handschrift. Die Übertragung der Predigten in Druckschrift war meine Aufgabe; meine Frau vollzog mit mir die nötigen Kontrollesungen. Der Herausgeber der Gesamtausgabe, Hinrich Stoevesandt, hat zusammen mit seiner Frau Elisabeth alle Transkriptionen überprüft. Diese können als sicher angese|Xhen werden. In den seltenen unsicheren Fällen wurde ein [?] oder eine Anmerkung hinzugefügt.

Drei der Predigten – die Nummern 310, 316 und 347 – hat Barth 1916 bzw. 1917 drucken lassen. Er mußte dazu nach gehaltener Predigt eine Reinschrift für den Drucker anfertigen. Dabei nahm er jeweils zahlreiche kleinere Veränderungen gegenüber dem Manuskript vor. Der Vergleich der beiden Fassungen ermöglicht einen Einblick in Barths Arbeitsprozeß. Der Abdruck in diesem Band folgt dem Drucktext; seine Abweichungen vom Manuskript werden nachgewiesen. Reine Erweiterungen sind in ⌜ ⌝ gesetzt, sonstige Veränderungen sind in einem ersten, durch Buchstaben gekennzeichneten Apparat dokumentiert. Vernachlässigt werden die Unterstreichungen im Manuskript. Leser, die an der Entstehungsgeschichte der Texte nicht interessiert sind, mögen sich durch die zahlreichen Zeichen nicht stören lassen. Übrigens sind weder die für den Druck hergestellten Reinschriften noch irgendwelche Aufzeichnungen aus der Predigtvorbereitung erhalten.

Die Predigttexte hat Barth auf dem Manuskriptblatt manchmal ganz, manchmal teilweise, manchmal gar nicht ausgeschrieben. Unsere Wiedergabe folgt seiner Praxis.

Auf der Vorderseite des Manuskriptblatts hat Barth durchweg die Nummern der Lieder eingetragen, die im Gottesdienst gesungen werden sollten. Es handelt sich um das Gesangbuch für die evangelisch-reformirte Kirche der deutschen Schweiz, Basel 1891 (GERS 1891) 📖. Wir teilen jeweils nach dem Amen der Predigt die Lieder mit und fügen die Liednummern des Schweizer Gesangbuchs von 1952 (GERS 1952) 📖 und des (deutschen) Evangelischen Gesangbuchs von 1992 (EG) 📖 mit. Fehlen die Lieder in beiden Gesangbüchern, geben wir nach Möglichkeit eine andere Quelle an.

Bei den letzten Predigten des Jahres 1915 hatte Barth auf dem Manuskriptblatt ein Gebet nach der Predigt formuliert. Ebenso verfuhr er bei den ersten drei Predigten 1916, unterließ dies dann aber wieder.

In den Predigtmanuskripten gibt es zweierlei Unterstreichungen: a) mit Tinte, b) mit Blaustift. Die ersteren gehören der ursprünglichen Niederschrift an. Sie dienen der Sinnbetonung einzelner Worte bzw. heben den Predigttext oder Teile davon heraus. Im Druck werden sie durch Kursivsatz wiedergegeben. Den Blaustift verwendete Barth offensichtlich in einem späteren Arbeitsgang der Predigtvorbereitung. Die Unterstreichun|XIgen dieses zweiten Typs dienten als optisches Hilfsmittel zum rascheren Erkennen der Gliederung beim Predigtvortrag. In manchen Predigten fehlen sie, vielleicht, weil Barth am Sonntagmorgen nicht mehr dazu kam, sein Manuskript zu überfliegen. Die blau unterstrichenen Worte und Passagen sind in diesem Band in abweichender Schrift (Helvetica) gesetzt. In den vereinzelten Fällen, wo ein schon durch Tintenuntersteichung hervorgehobenes Wort zu einem zusätzlich blau unterstrichenen Passus gehört, wird dafür Kursivsatz in Helvetica verwendet.α

Orthographie und Interpunktion wurden nach den für die Gesamtausgabe gültigen Regeln modernisiert unter Beibehaltung charakteristischer Eigentümlichkeiten Barths. Unverändert wiedergegeben werden auch othographische Inkonsequenzen, die sich vor allem bei regellosem Wechsel zwischen Groß- und Kleinschreibung der substantivisch gebrauchten Worte «Alle» / «alle», «Andere» / «andere» usw. finden. (Ausnahme: Wo keine echte Substantivierung vorliegt wie bei «wir Alle» / «wir alle» u.ä., ist die Großschreibung im Manuskript ignoriert.)

Sehr lange Passagen wurden untergliedert durch vom Herausgeber eingeführte Absätze. Sie sind erkennbar an einem Strich hinter dem Punkt. Öfters wurde auch ein Gedankenstrich, mit dem Barth einen längeren Absatz unterteilt, in einen Druckabsatz umgewandelt.

Anmerkungen unter dem Text wie auch in eckige Klammern [ ] gefaßte Zusätze im Text stammen vom Herausgeber.

In den Band aufgenommen wurden zwei Kasualreden. Es handelt sich um Ansprachen anläßlich der Trauung zweier Freunde. Von weiteren Kasualreden sind keine Aufzeichnungen erhalten.

Der Erschließung des Buches für den Leser dienen die Register. Dort werden nachgewiesen: 1. Bibelstellen, 2. Namen, 3. Begriffe.

3) Dank des Herausgebers

Dieses Buch entstand in enger Zusammenarbeit mit Pfarrer Dr. Hinrich Stoevesandt in Basel, der mir alle erforderlichen Unterlagen anvertraut hat. Als der für die Gesamtausgabe Verantwortliche hat er meine Entwürfe kritisch begutachtet und selber Wesentliches zum Anmerkungsapparat beigetragen. Ihm und seiner Frau Elisabeth Stoevesandt gilt in erster Linie mein Dank.

Freundliche Mithilfe erfuhr ich von Pfarrer Dr. Franz Christ und seiner |XII Frau Salome Christ (Basel), Herrn Hans Georg Guggenheim (Alba la Romaine/Frankreich), Vikar Michael Landwehr, Assistent am Karl Barth-Archiv, Pfarrer Peter Leuenberger (Safenwil), Oberstudienrat Georg Otten (Oldenburg), Professor Dr. Kaspar Spoendlin (Binningen) und Pfarrer i. R. Rudolf Weber (Zofingen). Unübertrefflich war die Gastfreundschaft meiner Nichte und ihres Mannes, Irmgard und Donatus Geiser (Basel). Ihnen allen und anderen, die mich unterstützt haben, deren Namen hier nicht genannt werden, und nicht zuletzt meiner lieben Frau gilt ebenso mein Dank.

Hermann Schmidt

Sachfußnoten

1
Vgl. das Kapitel «Genosse Pfarrer» bei Busch, S. 72–138. 📖 ↩
2
Über den Stellenwert des Predigtdienstes bei Barth vgl. Predigten 1913, S. VIII 📖; Predigten 1915, S. VIII 📖. Über die Ordnung des Gottesdienstes und des Abendmahls in Safenwil vgl. Predigten 1915, S. VIII-XI. Warum Barth an 7 Sonntagen des Jahres 1916 nicht in Safenwil gepredigt hat, wird an gegebenem Ort mitgeteilt; es handelt sich zweimal um Krankheit, zweimal um auswärtige Vertretung und dreimal um Urlaub.↩
3
Vgl. den Bericht von Busch, S. 76–78 📖 über Barths Unterricht. «Barth hat in seiner zwölfjährigen Pfarrertätigkeit den Unterrichtsgang nicht weniger als acht Mal neu konzipiert» (S. 76). Die Konzepte sind nachzulesen in: Konfirmandenunterricht 1909-1921 📖.↩
4
In dem in Vorbereitung befindlichen Band Vorträge und kleinere Arbeiten 1914-1921 (Abt. III der Gesamtausgabe) 📖 werden die erhaltenen Texte der sozialistischen Reden veröffentlicht. Mit den Safenwiler Arbeitern hielt Barth einen Kurs «über die ordinären praktischen Fragen (Arbeitszeit, Kassenwesen, Frauenarbeit etc.)» (Bw.Th. I, S. 122 📖). Im Blauen Kreuz war Barth bis Juli 1916 Präsident. Dann konnte er dieses Amt «glücklich abgeben und habe jetzt nur noch alle 14 Tage Vereinsstunde» (Bw Th. I, S. 149).↩
5
Vgl. z. B. Bw.Th. I, S. 143 und 154f. 📖; aus dem Pastoralverein war Barth «zur Vermeidung alles Weiteren in solenner Weise ausgetreten» (a.a.O., S. 149).↩
6
Vgl. z. B. Bw.Th. I, S. 135f., 143f., 149, 156f 📖.↩
7
Zur Vorstandsberufung vgl. Bw.Th. I, S. 138f. 📖; zur Verstimmung Busch, S. 104 und 109 📖.↩
8
Siehe unten S. 20, Anm. 2.↩
9
Siehe unten S. 22–25.↩
10
Siehe unten S. 44.↩
11
Schleiermacher-Auswahl, hrsg. von H. Bolli (Siebenstern Taschenbuch 113/14), München/Hamburg 1968, Nachwort von Karl Barth, S. 294. 📖 ↩
12
Bw.Th. I, S. 144f.. 📖 ↩
13
Bw.Th. I, S. 146. 📖 ↩
14
Zur Entstehung der ersten Römerbrief-Bearbeitung vgl. Römerbrief 1, S. IX-XVII 📖, und Busch, S. 109–114. 118. 📖 ↩
15
Vgl. Bw.Th. I, S. 151–153 📖.↩
16
Vgl. Bw.Th. I, S. 142. 📖 ↩
17
Vgl. Bw.Th. I, S. 161–165 📖.↩
18
Vgl. Bw.Th. I, S. 168. 📖 ↩
19
Vgl. Bw.Th. I, S. 122 📖.↩
20
Siehe im Abkürzungsverzeichnis, S. XIIIf.↩