28. Mai 1916

Predigt: 1 Johannes 1,8-10 (Himmelfahrt)

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1.Johannes 1,8–10

Hier wird uns die Sünde zu einer ernsten u. wichtigen Sache gemacht. Und das ist sie. Sünde ist ja das Wandeln in der Finsternis, das gänzlich Unmögliche. Nicht bloß einzelne auffallende Worte u. Handlungen: die Tatsache unsres Lebens ohne Gott. Nicht an Trinker, Zänker, Steuerbe|203trüger denken, noch weniger an Mörder und Schelme. Ehrlicher Mann – dein Besitz! Fleißiger Mann – dein gutes Geschäft! Braver Mann – deine Gerechtigkeit! Tüchtige Frau – deine Familie! armes Menschenkind – dein Leid! Fromme Seele – dein Chr[isten]t[um]! Ists nicht so: in dem Allem besteht unsre Finsternis?! Es kommt beständig an den Tag, daß wir außer u. ohne Gott sind, u. darunter leiden wir. Das ist ernst u. wichtig.

Und doch ist gerade hier die Sünde nicht die Hauptsache. Gott ist treu u. gerecht. Die Sünde bleibt, solange sie uns wichtiger ist als Gott. Gott ist beständig, u. Gott schafft Ordnung. Alle gute Gabe … [vgl. Jak. 1,17]. Diese Verschiedenheit zwischen ihm u. uns kann uns trösten u. aufrichten. Oder wird sie uns erst recht zu Boden drücken? … Sünde vergiebt; reinigt uns … [V. 9]. Gott ist nicht tot sondern lebendig, nicht fern u. kalt, sondern tätig. So hat ihn Joh. bei Jesus kennen gelernt. Sünde vergeben = aufheben. Wir sollens nicht mehr ohne Gott machen können. Die Gottlosigkeiten sollen von uns abfallen. Die Vergebung d. Sünde ist im Reich Gottes u. auf dem Wege dazu. Und das tut Gott, indem er sein Wort u. s. Wahrheit in uns sein läßt. Kraft seiner ewigen (nicht menschlicher!) Treue macht er uns gerecht. Kraft seiner ewigen (nicht menschl.) Gerechtigkeit bleibt er uns treu. Er hält Gemeinschaft mit uns. In der Finsternis d. Sünde drin sollen wirs wissen: wir gehören zu ihm. Wir haben eine Hoffnung u. einen Weg. Das ist noch ernster u. wichtiger als die Sünde.

Wo liegt das Hindernis? Warum sind uns Gott u. unsere Finsternis immer getrennte Welten? Wir sind nicht aufrichtig. Wir wollen uns selbst gerecht sprechen. Wir haben wohl Sehnsucht u. guten Willen aber sie gehen nicht in der rechten Richtung. Wir haben keine Sünde: ich habs nicht getan, es ist nicht so gefährlich, ich bin nicht verantwortlich, andre tuns auch! Was heißt das: wir machen uns selbst u. Gott zum Lügner. Folge: sein W[ort] u. W[ahrheit] [V. 10.8] sind nicht in uns, wir scheiden uns von der Arbeitsgemeinschaft mit ihm, seine Gerechtigkeit u. Treue sind für uns nicht da, die Finsternis bleibt.

Der Weg: bekennen, leise od. laut d.h. uns innerlich von der Sünde lossagen. Denkt es braucht nicht mehr als das! Dann hat uns Gott. Damit fangen seine fruchtbaren Beziehungen zu uns an, in einer Gesellschaft von solchen Menschen kann Gott etwas Neues schaffen. Da hilft er schon jetzt den Einzelnen von Vielem frei zu werden. Das ist das Allerwichtigste u. Ernsteste, daß diese Beziehung zu Stande kommt.

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Lieder:
  • Nr. 12 «Womit soll ich dich wohl loben» von L. A. Gotter, Strophen 1-3 (GERS [1952] 55,1-3) 🎵
  • Nr. 218 «Wie mächtig spricht in meiner Seele» von J. Chr. Krüger (1722–1750), Strophen 1-3 🎵

Sachfußnoten

1
Predigtnummer, Orts- und Terminangabe, Teststelle und Liedziffern sind im Manuskript in lateinischer Schrift relativ breit geschrieben wie in allen anderen Predigtmanuskripten des Jahrgangs. Die Predigtnotizen dagegen sind in deutscher Schrift klein und eng geschrieben, so daß das Manuskript insgesamt nur 1 Seite und 5 Zeilen auf der 2. Seite umfaßt. Am 30. Mai schrieb Barth an Thurneysen: «… hatten wir eher eine düstere Woche. Sie stand ganz im Zeichen meiner Zahnlücke, die sich durch Fieber, Kopfweh und schlaflose Nächte übel bemerkbar macht bis heute … Ich habe am Sonntag zähneklappernd und schweißgebadet nach ein paar Notizlein dürftig gepredigt – und dabei geschah es noch, daß Fränzeli seiner Hüterin entrann und mitten in meinem Sermon … erschien, um ‹Papa zu holen› … Um meine Predigt war es nicht schade» (Bw.Th. I, S. 138 📖). In Barths Kalender ist beim 28. Mai notiert: «(frei)!» und «Fränzeli tritt auf». Das Stichwortkonzept wird buchstabengetreu wiedergegeben.↩