26. Juni 1916

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Liebe Freunde!

Denkt ich bin ganz allein! Nelly und Fränzeli sind für vier Tage nach Baden zu unsrer Schwester gegangen, und nun ists sehr still im Haus, denn Klein-Markus macht gar keinen Lärm, nur der Regen draußen tropft und tropft, wie es nach meiner gestrigen Erklärung im Blauen Kreuz sein muß, solange Güte und Treue sich nicht begegnen (Ps. 85,10–13) zwischen Himmel und Erde.

Wie endigte das [Pfarr-] Kapitel? Es war höchste Zeit, daß ich ging. Solche Verhandlungen erfüllen mich immer mit einer höchsten Beunruhigung und Beklemmung, denn das hat einfach keinen Sinn, und dann möchte ich etwas in den Saal hinaus schreien können und habe doch die Stimme und das Wort nicht, und dann hänge ich da zappelnd wie ein Dachdecker am Seil, aber nicht wie im 85. Psalm, sondern in peinlicher Plage. Es wird mir in Zukunft jeder Grund recht sein, um diese Veranstaltungen zu meiden. In 10 oder 20 Jahren kann ich vielleicht wieder mitwirken in diesen Dingen, jetzt ists innerlich und äußerlich aussichtslos und schädlich. Gehts dir nicht auch so?

Ich hatte vor dem Kapitel ein langes Gespräch mit Schild. Das Kränzli ist ihm sehr wichtig und wertvoll. Er möchte eigentlich über sich selbst heraus und meint es sehr sachlich. Er meinte selbst, wir sollten uns an seinen «Eierschalen» theologisch-methodischer Art nicht stoßen, und ich glaube auch, wir tun am Besten, wenn wir unsern Weg weiter gehen und seine richtenden Sprüche gar nicht stark beachten und schwer nehmen. Wahrscheinlich wäre ihm am Besten gedient, wenn er nicht reden müßte am |144 Kränzli. Ich verstehe das sehr gut, es geht mir selber oft so, und man sollte diesem Trieb oder Nicht-Trieb gehorsam sein. Mit Epprecht stehts vermutlich ähnlich, nur daß er bei seiner Herkunft noch mehr Mühe hat. Ich habe doch die Empfindung, es fehle auch ihm nicht an Willigkeit, ich sprach auch mit ihm und auch er schien erfreut von unserm Kränzli. Wir müssen uns doch immer vor Augen halten, daß es wirklich Felsblöcke sind, die wir den Beiden auf ihren sichern Weg gewälzt haben, und dürfen nicht erwarten, daß sie schon damit jonglieren können. Wir wälzen und ächzen ja selbst noch genug daran, jedenfalls ich. Ich hätte sicher noch vor vier Jahren ganz gleich dumm getan wie die zwei jetzt. Also wollen wir sie ruhig der immanenten Logik der Sache überlassen, die sie schon ereilen wird, auch wenn noch einige oder viele merkwürdige Diskussionen dazwischen liegen sollten.

Ich habe Ragazen die Besprechung von Blumhardt angekündigt, und er heißt sie willkommen. So werde ich mich also dran machen, aber nur als Cicerone, nicht als Rezensent. Warum machst dus eigentlich nicht? Ich muß doch immer wieder daran erinnern, daß du uns irgend einen großen Schlag in den «Neuen Wegen», z. B. immer noch die Auseinandersetzung mit deinem Freund Troeltsch schuldig bist. Ich schäme mich bald, wie ich rastlos und ruchlos drucken lasse, und du, der mir das Meiste vorgesagt hat, stehst so bescheiden im Gebüsch und lässest nichts von dir hören. Das ist ein offenkundiges Mißverhältnis.

[…] Was mag mit Kutter geschehen sein und mit euch unter dem Feuerstrom seiner Beredsamkeit?! Ist er gewonnen für die Brugger Bassin-Konferenz? Sind euch neue Aufschlüsse geworden über das «Innere der Natur»? Versäumt doch ja nicht, uns bald auch etwas davon mitzuteilen!

[…] Unsere Erwägungen1 von vor drei Wochen über erneutes Philosophie- und Theologie-Studium gehen mir nach und werden mir, von allen Seiten betrachtet, immer wichtiger. Der Monolog mit mir selbst und das bißchen Dialog mit der zufälligen Gemeinde und auch unsere — so ertragreich sie sind — gemeinsamen Besprechungen genügen mir doch auf die Länge nicht. Das Sammel|145gebiet für die innere Konzentrierung und Kräftigung, aus der heraus ich so gern reden und wirken möchte, muß ausgeweitet und vertieft werden, sonst bleibts beim Wünschen, sonst droht ein toter Punkt. Es geht nicht weiter damit, daß mein schärfstes und gründlichstes Denken allwöchentlich dem gilt, was ich sagen will, sonst ist eines Tages nichts oder zu wenig mehr da zum Sagen; ich komme mir vor wie einer, der aus seinen Zinsen lebt, das ist nichts. Ferner sage ich mir, daß eine so gewagte Position, wie wir sie einnehmen, einfach der Ordnung halber, solid unterbaut sein muß, und das geschieht nicht mit einem gelegentlichen metaphysischen Konstruktiönlein zwischen Zeitung und Unterweisung. Endlich drängt die Sache selbst zu einer umfassenderen Behandlung, als sie so einem 30jährigen kleinen Pfarrer in seinem praktischen Wirkungskreis möglich ist. Also auf in den Kampf! Ich bin bereits dran, mir Auszüge aus Kant zu machen (bis jetzt «Prolegomena 📖» und «Grundlegung 📖», nächstens gehts an die «Kritik der reinen … 📖», oh!), als ob ich Fritz Lieb wäre und noch einmal ins Prope2 sollte, und diese Aufräumungsarbeit und verbesserte Neuauflage alter Studien erfrischt mich sehr. Nun eröffne du das Feuer an einer andern Stelle!

Hier schenke ich dir […] meine Aarauer Predigt.3 […] Jetzt bist du in Basel am Kränzli und bringst hoffentlich gute Botschaft zurück!

Ich grüße euch herzlich. In Freudigkeit und Treuen
Euer
Karl

Sachfußnoten

1
Wir beschlossen auf einem Spaziergang, uns hinter umwälzende theologische Studien zu machen! Barth begann bald darauf mit der Exegese des Römerbriefs 📖.↩
2
= Propädeutikum: theologisches Vorexamen.↩
3
Vgl. Anm. 2 zum Brief vom 2.3.1916.↩