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16. Mai 1916
Liebe Freunde!
Auch wir sind längst wieder ins Leben eingemündet und freuen uns der Erinnerung. Es muß noch mehr werden aus unserm Kränzlein, wenns etwas sein soll. Vorläufig sind noch einige Dämonen im Weg, die gebannt sein wollen, damit es ebenso oder ähnlich erfreulich werde wie unsere freien Zusammenkünfte vor ein und zwei Jahren. Aber mit Vertrauen und Freudigkeit wird |136 das schon zu erreichen sein. […] Ich mußte nach unserm letzten Gespräch [über deine Predigt] auf dem Heimweg an die Tagebücher meines Großvaters aus den 40er Jahren denken, die ich jüngst zu sehen bekam, in denen sich edle Jünglinge gegenseitig betrachten und abwägen und gutheißen. Das haben wir nun zwar noch nicht getan, aber vielleicht waren wir nicht allzuweit davon. Mein Großvater führte den Namen «Dolcino»! Auch das wäre ja möglich auf dem Weg zum «Käppli» [= Ruhestand], aber vielleicht nicht gerade unsre Absicht.
Unterdessen habe ich am Mittwoch mein 30. Lebensjahr vollendet, von Fränzeli mit Blümlein, von Nelly mit einem neuen Hut!! und einem Tolstoj begrüßt. Gleichzeitig ging die Unterweisung wieder an, mit viel guten Vorsätzen meinerseits und unter Assistenz von Nelly. Am Abend hatte ich eine diesmal befriedigend besuchte Besprechung mit den Eltern der neuen Konfirmanden über das Paradox dieses Unterrichts und ihre Mitwirkung bei einem Lösungsversuch. Der Kirchenpflegspräsident unterstrich das Moralische breit und gesund, wie es seine Art ist. Einige Frauen aber wären sich fast in die Haare geraten wegen der Arbeitsverhältnisse (Hochuli!). Doch wars eine nützliche Zusammenkunft. Im Blaukreuz gebe ich nun doch auf Mitte Juli meine Demission. Es ist für eine Zeitlang entschieden genug für mich auf diese Weise, und der Verein kann auf keine andere Weise mehr zum Arbeiten veranlaßt werden, als daß ich die andern Mitglieder zum Hervortreten und sich Mühe geben zwinge. Die Stimmung in der Generalversammlung gestern Abend war erstaunlich leichtfertig. […]
Der Vortrag in den «Neuen Wegen»1 ist fast völlig ohne ein Echo geblieben (wenigstens für mich), sodaß ich nicht einmal ahne, ob man in der «Welt» vorwiegend darüber lacht oder schilt oder etwas damit machen kann. Etwas von der Schreibfreudigkeit der 40er Jahre täte unsrer Zeit doch gut. Wir halten alle Monologe und sind erstaunlich einsam dabei. Gehts dir nicht auch so?
Fränzeli und Markus grüßen auch und wachsen.