1. Januar 1916

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Freund!

Nun hats neues Jahr werden müssen, bis ich dir wieder schreiben konnte, und von dir ists auch stumm geblieben. Du wirst auch mit den vier Predigtenα gerungen haben und nun froh sein, daß sie gemacht und bald gehalten sind. Was würde aus uns, wenn wir alle Wochen zweimal dran glauben müßten!? Ich |120 wartete immer mit Schreiben, weil ich hoffte, dir etwas Schönes schicken zu können mit dem Brief, nun ists nicht fertig geworden, weil der Buchbinder, der daran tätig ist, die Treppe hinunter gefallen ist!! Ich muß dich also vertrösten. Zunächst ziehen wir nun morgen alle 4 nach Bern für 8 bzw. 14 Tage. […] Was werde ich in Bern und Umgebung wieder Alles vernehmen? […]

Aber wie hast du die Festzeit überstanden? Ich habe am 25. über die «Ehre Gottes in der Höhe» (letzteres ohne Ragazische Betonung) gepredigt, am 26. über das Behalten und Bewegen (Luk. 2,19), heute Morgen über Jesus Christus gestern und heute [Hb 13,8], und morgen solls heißen: «das Kind wuchs» (Luk. 2,40). Am kräftigsten ist mir das vom Behalten und Bewegen herausgekommen, während die Weihnachtspredigt leider matt wurde, so feurig sie auf dem Papier stand. Es wird Zeit, jetzt einen Sonntag zu schweigen. Hast du lauter solche Wasserfälle loslassen können wie den hier? Wir haben uns sachlich sehr daran erbaut, und im Übrigen sollten wir einmal ausführlich über unser Predigen reden, gerade bei deiner Predigt stellte sich mir aufs Neue das Problem der Oekonomie, des ὀρθοτομεῖν, von dem die Schulhomileten so viel Wesens machen. Das will ich natürlich nicht, aber ich habe doch das Gefühl, daß wir der Frage: wie wirken wir? nicht so ganz ausweichen dürfen und daß sich von da aus das Postulat einer gewissen «weisen» Beschränkung ergeben könnte. Es kann freilich auch sein, daß wir uns jetzt einmal ein wenig gehen lassen müssen und daß das umsichtige Ein- und Austeilen unsres κήρυγμα natürlich-göttlich-erlaubterweise erst in 20-30 [Jahren] möglich wird. Ich denke nur, wie z. B. bei Blumhardt (anders als bei Kutter) bei aller Fülle jede Predigt so eine bestimmte Spitze und Farbe hat, der Gegensatz «Gott — ohne Gott» nie (soviel ich mich erinnere) so nackt herausgestellt wird wie bei uns, sondern immer charakteristisch eingewickelt ist in die Aussprache einer besondern Erfahrung und dadurch erst Leben bekommt. Es muß da irgendwo ein Weg sein, das was Kutter meint, so zu sagen, wie es sagen wir einmal Greyerz sagt. Wir sollten vielleicht in unserem Kränzli jeweilen doch auch eine Predigt lesen und |121 unter dem praktischen Gesichtspunkt uns zu verständigen und weiter zu kommen suchen.

Aus dem Wernle-Brief hat mich besonders die letzte Seite interessiert: die Klage über die eventuelle Antiquarisierung der modernen Theologie. Ich mußte gerade an meine Adventspredigten denken, und wie schrecklich gleichgültig mir wirklich die historischen Fragen geworden sind. Das ist für mich freilich nichts Neues, ich habe schon unter dem Einfluß Herrmanns die Kritik immer nur als ein Mittel zur Freiheit gegenüber der Tradition aufgefaßt, nicht aber als konstituierenden Faktor einer neuen liberalen Tradition, wie es nun doch offenbar Wernle und Comp. wollen. Ich stieß da schon vor fünf Jahren einmal mit Wernle zusammen. Und dieser Gegensatz wird sich in der Tat noch weiter auftun. «Wie reich einen die Geschichte machen kann» — ich denke an typische Wernle-Schüler […] und habe nun gerade den Eindruck von Reichtum bei diesen sonst verehrlichen Leuten nicht. Aber wir werden uns nach dieser Richtung auch noch einmal gründlich zu erklären und zu verdeutlichen haben. Es wird einmal Rechenschaft abgelegt werden müssen, inwiefern wir uns eigentlich erlauben dürfen, aus Büchern wie denen von Zündel1 uns zu erbauen und über Johannestexte zu predigen, wie wir es tun. Es wird uns das schon möglich sein.

Ich sah dieser Tage in Ritschl’s «Geschichte des Pietismus»2 hinein und spürte da auch etwas von der Luft, in der Wernle atmet. Wenn es einmal an der Zeit ist, den großen Schlag gegen die Theologen zu führen, werden diese Gedanken auch sehr ernstlich zu erwägen und zu verarbeiten sein; es ist ja klar, daß wir von ihnen aus längst «gerichtet» waren, bevor Wernle seine Sprüche gegen uns anhob. Wo bleibt deine Beleuchtung von Troeltsch? Oder willst du die auch auf die Generalabrechnung in der Zeit unsrer Reife verschieben?

Was hast du zu den letzten «Neuen Wegen» gesagt? […] Der Füsilier Weidenmann3 ist mir als solcher sympathisch. Im Übrigen wieder ein rechter Festzug mit wunderbaren Nummern; wie froh bin ich, daß ich nicht auch darin figuriere für diesmal. Näch|122stens wird es aber doch der Fall sein müssen. Ich wollte nur, Ragaz würde dich auch einmal erwischen.

Denk mit den hiesigen Arbeitern habe ich nun doch wieder einen Kurs über die ordinären praktischen Fragen (Arbeitszeit, Kassenwesen, Frauenarbeit etc.) im Gang alle Dienstage unter Ausschlachtung meines einst gesammelten Dossiers über diese Dinge. Ich mache es ohne Begeisterung einfach weil es notwendig ist und weil ich das Primär-Notwendige doch noch nicht so an sie heranbringen kann, wie es geschehen müßte.

Schluß. Wir beglückwünschen euch zum neuen Jahr, sofern solche raumzeitlichen Gegenstände wie ein neues Jahr zwischen uns überhaupt Berücksichtigung finden können. Paßt es dir, unser erstes Kränzchen am 14. Februar (ich lade vorläufig so ein; Bibellektüre: 1.Joh. 1) bei uns zu haben und über Troeltschs «Soziallehren» 📖 […] zu referieren? […]

Herzlich grüßt dich
dein
K. Barth

Sachfußnoten

1
Friedrich Zündel (1827–1891), Biograph von Joh. Christoph Blumhardt dem Älteren, schrieb: Jesus. In Bildern aus seinem Leben, Zürich 1884 📖, und Aus der Apostelzeit (Zürich 1886). 📖 ↩
2
A. Ritschl, Geschichte des Pietismus, 3 Bände, Bonn 1880, 1884, 1886. 📖 ↩
3
J. Weidenmann, Antimilitarismus und Evangelium. Ein Wort eines Füsiliers an Herrn Prof. D. Paul Wernle, in: Neue Wege, Jg. 9 (1915), S. 601ff. 📖 ↩