Stellt euch vora, wir wären mit Gott so dran, wie wir es uns gewöhnlich denken, das Leben wäre so, wie es uns schon in der Schule und nachher von allen sogenannten «erfahrenen» Leuten beschrieben wird, die Welt wäre so, wie sie aussieht, wenn wir die Zeitung gelesen haben. Zum Glück ist ja das alles nicht sob; aber wir wollen es uns einmal vorstellen, es wäre so.
Dann könnten wir also schon nicht singen: «Was Gott tut, das ist |345 wohlgetan!»4 Und wenn wir es vielleicht doch gerne singen, weil es so ein schönes bekanntes Lied ist, müssen wir im stillen die Worte ganz anders setzen, etwa: «Was das Schicksal schickt, ertrage!» Denn nach der Meinung der «Erfahrenen» und der Zeitungen 17 ist Gott im Grunde das Schicksalc: Über Allem ist ein Verhängnis. Es muß alles so sein, wie es ist, und es muß alles so kommen, wie es kommt. Hinter allemd sind die Naturgesetze. Die Gelehrten haben sie in neuerer Zeit entdeckt, nachdem vernünftigee Menschen schon lange vermutet haben, daß es nicht anders sein könne. Naturgesetz ist der Lauf der Sonne und der Gestirne, die Bahn der Wolken und die Wege der Gewässerf, das Wachstum im Frühling und das Vergehen im Herbst. Naturgesetz das Geborenwerden, Starkwerden, Abnehmen und Sterben der Menschen, Naturgesetz Krankheit und Gesundheit, Hungern und Sattwerden, Leid und Freude in ihrem Leben. Naturgesetz auch die Entscheidung zum Guten oder zum Bösen in ihrer Brust. Es hat alles seine Ursacheng. Das Leben und die Welt sind eigentlich schon fertig, nicht nur was gestern war, sondern auch, was heute und morgen sein wird; denn es lag gestern schon bereit in den Ursachen, was heute und morgen in den Wirkungen an den Tag kommt. Es ist ganz in der Ordnung, daß jeder Mensch ein gewisses heißes Bedürfnis nach Freude in sich trägt; aber es ist auch ganz in der Ordnung, daß jeder früher oder später durch bittere Enttäuschungen belehn, ganzh anspruchslos und bescheiden wird: «Des Lebens ungemischte Freude ward keinem Sterblichen zuteil.»5 Es ist sehr begreiflich, daß gewisse hohe Ideale von Liebe und Brüderlichkeit sich immer und immer wieder in der Menschheit geltend macheni; aber es ist ebenso begreiflich, daß auch das wilde Tier von Zeit zu Zeit in der Menschheit erwacht und daß man dann mit jenen Idealen nicht viele Umstände |346 machen kann. Es ist ganz natürlich, daß jeder Mensch ein Gewissen hat und sich sogar manchmal einesj macht; aber es ist auch natürlich, daß es gewisse Punkte gibt, wo man dem Gewissen einfach nicht mehr folgen kann. 18 Es muß eben immer beides sein: das Böse und das Gute, das Schöne und das Traurige, das Leben und der Tod: beides hat seine Gründe, beides kommt zuletzt aufs Gleichek heraus⌜, beides ist Natur⌝. Das Mitleid guter Seelen und die Rücksichtslosigkeit der Gewaltmenschen, der gelobte Frieden, den wir solange genossen haben, ohne es zu merken, und der böse Krieg, der dann auf einmal «ausbrach», wie man sagtl, und nun nicht mehr aufhören will, die Sattheit und Sicherheit der Reichen und die Blöße und Unruhe der Armen, das heitere, unschuldige Spiel der Kindlein und der bittere Ernst der Erwachsenen in ihren Händeln und Geschäften, es muß alles so sein, es ist alles so gewesen, seit es Menschen gegeben hat, ⌜es sind alles nur Stufen⌝, und es wird alles so bleiben, solange es Menschen geben wird. Armer Mensch, so bist du dran, so stehst du unter den Verhältnissen, so bist dum in der Hand des Schicksals! Armer Mensch, du darfst das manchmal für ein paar Augenblicke vergessen, z. B. am Sonntag in der Kirche oder auf einem schönen Spaziergang, wo dich die «Natur» so heiter, so freundlich anlacht, als wüßte sie gar nichts von den «ewigen ehernen großen Gesetzen»6, unter denen sie ist und nach denen alles aufs Gleiche herauskommt. Aber du wirst deinem Schicksal nicht entrinnen; es wird dich am Montag schon wieder finden. Armer Mensch! Du darfst zwar – in den Klauen des Schicksals, wie du bist – jenes erhabene Gefühl in dir haben und pflegen, das man Religion nennt7, du darfst, wenn du willst und wenn es dich freut ⌜und |347 wenn du das krampfhafte Kunststück fertig bringst⌝, deinem Schicksal den Namenn «Gott» geben und zu ihm emporblicken, bald in tiefer, ängstlicher Ehrfurcht, bald ein wenig widerwillig wie ein störrisches Schulkind. Ja, das darfst du; aber du sollst ja nicht die törichte Meinung 19 hegen, als ob durch deine Religion oder durch deinen Gott irgend etwas anders werden könnte in der Welto. Im Gegenteil: beten heißt nach den neuesten Entdeckungen «Einswerden mit dem Schicksal»8. Mache schnell Frieden zwischen dem Gefühl in dir und dem Schicksal über dir, dann bist du «fromm» und erst noch ein moderner Mensch, und schreib dir tief ins Herz, daß alles aufs Gleiche herauskommt und ewig im Gleichen bleibt.p
Ja, so etwa mag sie aussehen, die Weltq, wie wir sie uns gewöhnlich denken. So etwa steht es im Blattr. So etwa haben wir es schon als klein9 gelegentlich gehört ⌜als größte Weisheit⌝ und konntens gar nicht glauben, daß es so sein könne, und als wir größer wurden, mußten wir doch merken, daß viele gescheite Leute daran glauben, und weil es gar so schön und erbaulich und eindringlich immer wieder gesagt wurde, färbte es doch ein wenig ab auf uns, und nun kann es wohl sein, daß wir Gott und die Welt und das Leben wirklich ungefähr so ansehen.t Recht deutlich wie ein großes Bild sollten wir uns diese Welt, wie sie in den Gedanken der Menschenu gewachsen ist, diese Schicksalswelt, in der nichts anders |348 wird, vor Augenv stellen. Hört, wie Jesus sie abbildet: «Es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich vor keinem Menschen.» Also ein rechter willkürlicher Despot und Tyrann, heute gut gelaunt und morgen übelzeitig10, jenseits von gut und böse11, bald so, bald so, wie es ja solche große Herren gibt. Ist dieser große Herr nicht leibhaftig das Schicksal, das ⌜angebliche⌝ Naturgesetz, das wir zum lieben Gott gemacht haben? Ist diese Stadt, die einen so Übeln Regenten hat, nicht genau die Welt, wie sie – in unseren Köpfen steht und in der Zeitung und sogar in manchem gelehrten und frommen Buch?
20 Aber es fehlt noch etwas in diesem Bild, nämlich wir selbstw, wir Menschen, die wir nun in dieser Schicksalswelt leben müssen. Leben müssen!, versteht das wohl! Es istx damit nicht getan, daß wir sagen: Ich denke mir’s so, sondern wenn das alles wahr ist, was wir gesagt habeny, wenn die Welt so aussieht ⌜in unserem Geist⌝, dann müssen wirz in dieser Welt leben⌜, denn wir müssen es immer so haben, wie wir es haben wollen⌝. Der arme Mensch, der ganz in den Klauen des Schicksals ist und zum Trost ein bißchen Religion haben darf, dieser arme Mensch bist duaa! Du und ich und unsere Kinder, wir mit unserem Leid und Kummer, mit unseren Träumen und Hoffnungen, mit unseren unruhigen Herzen, wir mit unserer lebendigen Seele – wir Menschen ausgeliefert, untertan dem ungerechten Richter, dem blinden Schicksal, dem Gut und Böse, Glück und Unglück, Leben und Tod das Gleiche sind. Wir müssen nun leben in dieser Schicksalswelt, wie die griechische Sage erzählt von dem Urmenschen Prometheus, der von einem neidischen, bösen Gott an einen Felsen geschmiedet wurde.12 Da eine Familienmutter, die fast zusammenbricht |349 unter der Last jahrelanger freudloser Sorge und Arbeit. Tröste dich, gute Frau, und schleppe deine Last, es ist dein Beruf und Schicksalab⌜, sag’ ja dazu⌝! Da ein junger Mensch, der sich krank hingelegt hat, achselzuckend tritt der Arzt von seinem Bett zurück: Wieder einer! wieder eine! Tuberkulose!ac Ja, wir müssen alle einmal sterben, der früher, der später! Naturgesetz! Da einer, in dem das Gewissen sich empört gegenad das Unrecht der Starken an den Schwachen, der Regierendenae am Volke. Beruhige dich dochaf, mein Lieber, es ist immer so gewesen, das ist der Lauf der Welt. Da Kinder, die mit ererbten Fehlern und Lastern auf die Welt kommen und nun einer hoffnungslosen Zukunft entgegen21wachsen. Was wollt ihr? Es hat alles seine Gründe, es ist alles Natur! Da die Völker alle, die jetzt nicht aufhören sollen, zu bluten ⌜und⌝ zu hungern, zu hassen ⌜und⌝ zu morden, die aufheulen möchten vor Qual ⌜und Wut⌝: Wozu das alles? muß das sein? ⌜wie lange,⌝ wieag lange noch? Und darauf die Antwort der großen ernsten Gottesgelehrtenah: «Das ist die Wirklichkeit! Beugt euch vor ihr! Lernet in dieser schaurigen Wirklichkeit unseren Herrgott erkennen, der eben ein harter Herr ist!»13 ⌜«Beten heißt Einswerden mit seinem Schicksal!»⌝ Und mit solcher Antwort, mit solchem Trost sollen nun Menschen, lebendige Menschen etwas anfangen! Weilai wir Menschen sind, du und ich, ist doch etwas in uns, das schreit gegen das Böse und Traurige und will sich nicht dämpfen lassen, ist etwas in uns, das ruft: «Das kann ja nicht wahr sein, daß Hunderttausende von der Arbeit undaj vom Elend einfach an die Wand gedrückt werden; das kann doch nicht ⌜wahr⌝ sein, daß es einfach heißt: Sterben und fertig!, daß die Mächtigen immer recht haben und die Schwachen immer unrecht, daß es |350 eine Bestimmung zum Bösen geben, daß das Tränenvergießen und Blutvergießen auf der Erde nicht aufhören soll! Das kann ja nicht wahr sein, weil es nicht recht ist.» Es ist etwas in uns, das schreit: «Es mußak
das wahr sein, was recht ist!» Aber was hilft uns alles Jammern, wenn wir nun einmal unter dem ungerechten Richter stehen, wenn das Schicksal, das blinde Naturgesetz Gottal ist? Seht, nun verstehen wir schon wieder etwas von den Worten Jesu: «Es war aber eine Witwe in derselbigen Stadt, die kam zu dem Richter und sprach: ‹Rette mich vor meinem Widersacher!› Und er wollte lange nicht.» Ja natürlich! Arme Witwe, was suchst du Recht, wo keines zu finden ist? Von dem harten Kopf, dem alles gleich ist außer 22 seiner eigenen Laune? Armer Mensch, niedergedrücktam durch deine Widersacher, die dunklen Sündenmächte, Verhältnismächte, Todesmächte dieser Welt, was suchst du etwas Besseres, wenn du doch unter deman Schicksal stehst, das Böses und Gutes wahllos über dich ausschüttet in unerbittlicher natürlicher Entwicklung? Armer Mensch, es ist nichts zu wollen, es ist nichts zu machen, wenn es wahr ist, daß das die Welt ist, was die gescheiten Leute so nennen, wenn das Schicksal Gott ist.
Aber was hören wir nun? Die Witwe läßt sich nicht abschrecken und abweisen, sie bittet einfach weiter. Sie kümmert sich gar nicht um die Ungerechtigkeit des ungerechten Richters. Sie glaubt nur an eines: an ihr gutes Recht, an ihre Not und an die Kraft ihres Bittens. Sie glaubt gerade an das Unsinnige, Unmögliche, daß man Wasser aus dem Felsen schlagen könne wie Mosesao in der Wüste [Ex. 17,6], daß sie Recht finden werde, wo keines zu finden ist. Sie kann nichts tun als bitten, aber das tut sie, Tag und Nacht liegt sie dem Mann in den Ohren: Du kannst, du mußt, du wirst mich retten vor meinem Feind! Und siehe da, das Wunder geschieht. Der harte Kopf wird müde, unwirsch, verlegen, zuletzt sogar ängstlich – man weiß nie, was so einer aufgeregten Frau noch in den Sinn kommen kann. – «Ob ich mich schon vor Gott nicht fürchte, noch vor keinem Menschen scheue, dieweil mir aber diese Witwe so viel Mühe macht, will ich sie retten, auf daß sie nicht zuletzt komme und mich zerkratze!» Und nun |351 fließt das Wasser aus dem Felsen, nun gibt es ein Loch in die Ungerechtigkeit des ungerechten Richters. ⌜Er kann auch anders!⌝ Er muß tunap, was er in seiner Laune und Steckköpfigkeit14 gar nicht tun wollte. Kaum, daß er’s weiß: bin ich’s? oder bin ich’s nicht?, muß er der Witwe helfen, sie bekommt Recht und der 23 Hausherr oder Krämer, der sie geplagt hatte, Unrecht, und so ist sieaq aus ihrer Not gerettet durch ihr inständiges, zähes, böses, gefährliches Bitten. Ja, so kann manchmal so ein Kleines Fraueli etwas ausrichten, sogar bei ganz großen Herren. Wenn nur alle Fraueli und Mannli in der Welt sich merken wollten: es geht manches, vielleicht alles, wenn man nur recht daran glaubt, daß es geht.
Wie nun, wenn es uns auch so gehen könnte mit der großen bitteren Schicksalswelt, in die wir uns eingeschlossen haben mit unseren Gedanken? Wenn der arme Mensch, der in diesem Gefängnis sitzt, sich einmal um keinen Preis mehr zufrieden geben wollte mit dem kuriosen Gefühl, das man Religion heißt und durch das doch keine Freiheit kommt, nicht mehr zufrieden mit denar Antworten und Trostgründen, die man gibt und geben muß, wenn das Schicksal Gott ist! Wenn der arme Mensch zu sich selber sagen würde: Du leidest zu stark unter der Not des Lebens; es kann gar nicht sein, daß das nicht anders sein kann! Du hast zu großen Hunger und Durst nach deinem Recht [vgl. Mt. 5,6], nach deinem Menschenrecht! Es ist ⌜ganz⌝ unmöglich, daß für dieses Recht nirgends in der Welt Raum sein soll!as Steht’s nicht in dir geschrieben, daß du zur Freude geschaffen bist, du und alle Menschen, sieh in die Äuglein deines Kindes und sag’ nein! Weißt du nicht ganz gut, daß wir alle zum Liebhaben da sind und nicht zum uns Anschnauzen und uns an die Gurgel Springen? Ist’s dir nicht auch, gegen das Gewissen sei eigentlich nichts zu machen, als daß man ihm eben Recht gibt? Ist’s dir nicht auch, es müsse für dich und auch für deine verlottertsten und verbittertstenat Mitmenschen irgendwie eine Vergebung, einen Ausweg geben und keiner, gar keiner könne wirklich und endgültig zum Bösen verdammt sein? Ist’s dir nicht auch, das Sterben und Sterben 24 der Menschen sei eigentlich nichts Natürliches, etwas, gegen das man sich ganz |352 anders wehren müßte – und wenn man sich nicht mehr wehren kann, dann müsse es jenseits des Sterbens und ihm zum Trotz ein Leben geben, das nicht mehr stirbt, so daß eben zuletzt das Leben Wahrheit ist und nicht das Sterben? Ja, ist dir das alles nur so, oder ist das alles nicht wahr im Himmel und auf Erden, weil es in deinem Herzen wahr ist?au ⌜Sind das menschliche Schwärmereien, oder sind das nicht die göttlichen Friedensgedanken über die Menschen, die sich da nach langem, schwerem Schlaf wieder regen und bewegen wollen in deiner Seele?⌝ Ist das nicht dein Recht, ⌜dein göttliches Recht,⌝ das du hast gegen die Sünde und das Leid und den Tod, wie jene Witwe ihr Recht harte gegen ihren Widersacher? ⌜Und ist dein Recht dann etwas anderes als Gottes eigene ewige Gerechtigkeit?⌝ Und wenn nun der arme Mensch weiterfahren und zu sich selber sagen würde: Nun glaubst du nur noch an dein Recht und denkst gar nicht mehr an die Ungerechtigkeit des ungerechten Richters!? Nun glaubst du nur noch an alles das, was in deinem Herzen⌜, was bei Gott⌝ wahr ist, und was kümmert dich das Schicksal, was kümmern dich Verhältnisse und Naturgesetze, die ja doch nur in unseren Gedanken, Zeitungenav und Büchern wahr sind? Recht muß doch Recht bleiben! [Ps. 94,15]. Und glaubst dich tiefer und tiefer in diesen Glauben hinein, für den du ja in dir selber einen festen Grund hast: daß hinter dem Schicksal etwas ganz anderes verborgen sein muß, daß es gar nicht so ernst sein kann mit dem großen Naturgesetz, alles müsse immer sich selbst gleich bleibenaw, daß die eherne Wirklichkeit gar kein so unbeweglicher Götze sein kann, wie die großen Professoren dergleichen tun15, daß es gar nicht wahr ist, wenn man sagt, Gott sei nichts anderes 25 als der geheimnisvolle Mechaniker, der diese schauerliche Weltmaschine gebaut und aufgezogen hat in einer kuriosen Laune16. Glaubst dich tiefer |353 und immer tiefer in den Glauben hinein, das Letzte, das Hinterste, das Eigentliche in der Welt, muß doch eine Hilfe, eine Befreiung, eine Erlösung, eine Rechtfertigung sein für mich armen Menschen, für uns Menschen allesamt. Dieses Letzte, Hinterste, Eigentliche aber, das ist Gott.ax ⌜Und darum muß mein Recht hervorbrechen und siegen, darum muß die Welt, die in meinem Herzen wahr ist, überhaupt wahr sein. Denn⌝ Gott ist ein Gott, der hilft und vom Tode errettet [vgl. Ps. 68,21], und alles andere, was scheinbar davorsteht, das sind nur Gespenster und Götzenay, die weichen ⌜und fallen⌝ müssen. Weißt du, armer Mensch, was geschehen würde, wenn du so glauben würdest? O, es könnte vielleicht lange gehen, wie die Witwe auch lange bitten mußte; denn das Schicksal sitzt gar fest, an das wir alle so lange geglaubt haben mit unseren Gedanken. Wir haben uns gar fest daran gewöhntaz, unter dem Schicksal zu leben und alles Traurige und Böse natürlich zu finden, in gar vielen Kirchen ist jahrhundertelang so gepredigt worden, als ob der liebe Gott, von dem wir singen: Was Gott tut, das ist wohlgetan! eigentlich nur unserba Schicksal wäre. Und wir lernen es gar langsambb, so tief und rein an das Gute zu glauben, ⌜daß es in Bewegung kommt. Es fällt uns gar schwer, statt «Einszuwerden mit unserem Schicksal»⌝ so kräftigbc und zäh und bös zu bitten, daß es dem ungerechten Richter in den Ohren gellt. Und darum dürfen wir uns dann nicht wundern, wenn wir mit unserem Glauben vielleicht lange, lange wie vor einer Mauer stehen müssen, und müssen warten können, bis das Eis zum Schmelzen kommt, wie jene Witwe eben auch vor allem warten mußte. Aber einmal kommt’s dann, daß 26 ob deinem Glauben das Schicksal wackeln muß auf seinem Götzenthiron. Sieh, wie es ein verlegenes Gesicht macht, wie es sich fürchtet wie der Richter vor dem aufgeregten Fraueli: «Auf daß sie nicht zuletzt komme und mich zerkratze!» Ja, es fürchtet sich vor deinem Glauben, vor nichts sonst. Wollen kannst du nichts gegen das Schicksal, gegen Sünde, Leid und Tod!bd Machen kannst du nichts dage|354gen! Was du dagegen machen willst und machst, das ist Spiel und Kindergeschrei, man sieht’s heutzutage. Du kannst aber dagegen glauben: dann gibt’s ein Loch ins Schicksal, dann weicht es auf einmal zurück. Der große Herr kannbe auch anders! Auf einmal kommt esbf an den Tag, daß er gar nicht so ein großer Herr ist. Denn der Glaube ist Leben, das Schicksal aber ist nur ein Gedanke, ein törichter, trauriger Menschengedanke. Wenn das Leben kommt, dann müssen die Gedanken fliehen, und es kommt an den Tag, was dahinter versteckt war: Gott, der lebendige Gott, der Gott, der mit uns ist und nicht gegen uns, der Gott, der ⌜eben⌝ Gedanken des Friedens über uns hat und nicht des Leides [vgl. Jer. 29,11], der mit uns streiten will gegen unsere Widersacher: «Ich will sie erlösen aus der Hölle und vom Tode erretten; Tod, ich will dir ein Gift sein; Hölle, ich will dir eine Pestilenz sein!» [Hos. 13,14]. Ja, wenn gegen das Schicksal der Glaube daherkommt, dann fließt Wasser aus dem Felsen, dann geschieht etwas Neues in der Welt, dann greift Gott nach dem Zepter, das ihm gehört. Nun geschieht, was nach den Naturgesetzen niemals geschehen durfte: es bleibt nicht mehr alles im Gleichen; es passieren heute Dinge, die gestern nie vorgekommen wären; es werden morgen Ursachen und Wirkungen auftreten, die uns heute noch verschlossen sind. Es wird möglich, was eben noch unmöglich war: daß die Unterdrückten ihr Recht bekommen, ⌜die Zerstreuten und Un27einigen sich zusammentun,⌝ die Betrübten fröhlich werden, die armen Reichen ihr Geld hergeben können, wenn’s sein muß, Engländer und Deutsche können sich wiederbg die Hand geben, ⌜Kranke werden gesund,⌝ diebh Sterbenden gehen ins Leben und nicht in den Tod⌜, und sogar wir Pfarrer erwachen⌝! O, das ist die größte Revolution von allen Revolutionen, wenn gegen das Schicksal der Glaube daherkommt. Die Revolution, die nur die Wiederherstellung der ursprünglichen Schöpfung Gottes ist.
«Da sprach der Herr: Höret hier, was der ungerechte Richter sagt!» Wie er nachgeben und ein gerechtes Urteil fällen muß, wie die Lügenwelt unserer verkehrten Gedanken versinkt, wenn der Glaube, die Liebe, die Hoffnung [vgl. 1.Kor. 13,13] an ihre scheinbar ewigenbi Pforten hämmert. |355 Aber nun wird es dir fast angst, und du möchtest antworten, du habest eben keinen solchen Glauben, keine solche Liebe und Hoffnung, um ein Loch zu schlagen in das Schicksal, es sei kein solches Leben in dir, um hindurchzubrechen durch das Netz der verkehrten, trostlosen Gedanken, das wir uns gesponnen haben, es sei gar ein weiter Weg von dir in deiner Lage, in eurer Familie, in unserem Ortbj zum lebendigen Gott, der hilft und errettet. Du möchtest neidisch auf das Fraueli blicken, das mit dem ungerechten Richter so fröhlich fertig wurde, und denkst: So weit bringe ich’s nicht in meinem Leben, daß ich mir auch so meine Rechtfertigung einfach erobere, und das kommt ⌜wohl⌝ heutzutage nicht mehr vor.
O was sind wir doch für törichte Menschen! «Sollte Gott nicht auch retten seine Auserwählten, die zu ihm rufen Tag und Nacht, und sollte er’s mit ihnen verziehen? Ich sage euch: Er wird sie erretten in einer Kürze!» Wenn wir doch auch das einmal merken wollten, daß ja für uns gesorgt ist! ⌜Die ganze grimmige Schicksalswelt, 28 die uns erschreckt und gefangen hält, ist ja wirklich ein böser Traum, den wir durchaus nicht träumen müssen.⌝ Wir stehen ja gar nicht unter dem ungerechten Richter. Wir brauchen gar nicht zu sorgen und zu «plangen»17: Wie komme ich wohl zu meinem Recht? ⌜Es braucht gar keine inneren Krämpfe und Zuckungen, um mit dem großen Herrn fertig zu werden.⌝ Es ist gar nicht an dem, daß wir uns Kummer machen müßten, wie wir mit unserem kleinen Glauben die verschlossene Schicksalspforte sprengen sollenbk. Es ist alles schon geschehen, was geschehen mußte. Das Loch in die Mauer ist gemacht. Das hat Christus für uns getan. Er hat mit dem Schicksal gerungen bis auf den Todbl, und da hat es weichen müssen, und Gottes Herrlichkeit wurde sichtbar in seinem Leben und Sterben, und seither können wir wissen, daß Gott der Herr der Welt ist und kein ⌜Teufel noch⌝ Schicksal. Da ist die Lügenwelt unserer Gedanken versunken ein- für allemal, und das Leben hat begonnen. Nein, es ist kein weiter Weg von uns zu Gott. Gottbm ist uns so nahe, als er uns überhaupt sein kann. Gott gibt uns Recht. Gott will uns helfen. Bei Gott ist Vergebung |356 der Sünden, Erlösung vom Übelbn und ewiges Leben. Das liegt alles offen vor uns, weil Christus offen vor uns steht. Wir müssen nur auf ihn schauen.bo Sein Errettungswerk ist in vollem Gang. ⌜Wir müssen nur mitgehen.⌝ Ja, sollte Gott nicht retten seine Auserwählten⌜, und sollte er’s mit ihnen verziehen⌝? Ich sage euch: Er wird sie erretten in einer Kürze!
Warum merken wir so wenig davon?, fragst du. Und Jesus antwortet dir mit der Gegenfrage: «Wenn des Menschen Sohn kommen wird, meinest du, daß er auch werde Glauben finden auf Erden?» Wunderbare Lage, in der wir sind zwischen diesen beiden Fragen drin! 29 Ist die Schicksalswelt nicht enthüllt in ihrer ganzen Lügenhaftigkeit und Unmöglichkeit? Ist der Weg nicht offen, der aus ihr herausführtbp: der Weg der bittenden Witwe, die stärker war als der ungerechte Richter? Sind wir nicht die Auserwählten Gottes, die diesen Weg längst mit Christus gehen könnten?bq Und wir sind immer noch drin in unserem Gefängnis, tasten ratlos herum an seinen Mauern, seufzen über unsere Unvollkommenheit und über die Unerforschlichkeiten des Lebensbr⌜, fragen, fragen – während Gott längst uns etwas gefragt hat!⌝ Müssen wir auch heute wieder18 sagen von unserer Erlösung: «Sie ist da, sie ist geschehen, es ist alles bereit – aber noch ist sie verschlossen für uns und hilft uns nichts, weil wir nicht bereit sind?» Ich will lieber sagen: «Gott sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unseren Herrn Jesus Christus» [1.Kor. 15,57] – und Gott helfebs, daß wir bald einmal aufwachen aus allen unseren Träumen und Phantasien und merken, daß der Tag angebrochen ist.