156
19. Oktober 1916
Liebe Freunde!
Nun seid ihr wohl auch wieder vereinigt, und über Berg und Tal senden wir euch Gruß und freundschaftliches Gedenken.
Wir haben deinen Birrwiler Vortrag1 mit Freude und Bewunderung gelesen, Eduard. Wenn ich deine pädagogischen und seelsorgerlichen Künste, resp. das dahinterliegende tiefere Können auf mich wirken lasse, dann kann ich eben immer nur voll Neid im |157 schönsten Sinne zu dir steil emporblicken. Von Weitem könnte ich das nicht leisten. Aber ich bin froh, daß du es kannst und leistest, es ist mir eine Beruhigung zu denken, daß es von unseren Voraussetzungen aus grundsätzlich geht und zwar besser geht als bei den Andern, — auch wenn es leider bei mir durchaus nicht geht. Ich sprach mit Marguerite davon: Meine Hausbesuche und mein Unterrichten sind eine lächerliche Stümperei, ich komme mir dabei vor wie einer, der mit vollen aufgeblasenen Backen in eine Trompete stoßen möchte, aber es kommt kurioserweise kein Ton heraus. […]
Über unser Kränzli bin ich ungefähr deiner Meinung: vorläufig im kleinen Kreis weiterfahren und uns da noch mehr Mühe geben — wenn gelegentlich jemand bei uns hereinsehen will, nicht Nein sagen, aber auch nicht dazu auffordern — grundsätzlich aber — so meinte ichs damals — uns darauf gefaßt machen, daß wir entweder selber verglunggen2
oder eines Tages den andern werden sagen müssen, warum und wozu wir zusammenkommen, und daß uns Jeder, der mit uns suchen will, willkommen ist. Ich glaube aber, daß wir praktisch in Rücksicht auf uns selbst wie auf die Andern davon noch sehr weit weg sind, und es eilt keinesfalls mit dem: «Hänschen öffne mir die Tür, sieh nur wie sie kommen!»3
Ich war also in Basel. In Frick lernte ich einen gelungenen Fabrikant Müller kennen, Synode-Mitglied, der mir seine höchste Sympathie für meinen Antrag vom letzten Herbst4 und seinen tiefen Groll gegen die Kirchenmänner aussprach. Wir könnten den Mann gelegentlich als urchige5 aargauische Laienstimme […] ins Feuer führen. Ich lernte dort hinten doch die Wirksamkeit Richard Preiswerks schätzen, die sichtliche Spuren hinterlassen hat. […]
In Basel […] war ich bei deinen Eltern und wurde wegen Blumhardt belobt. […] Am Nachmittag war ich bei Ernst Staehelin, wo sich auch Gerwig eingefunden hatte. Staehelin las uns auf meine Bitte den geschichtsphilosophischen Anfang seiner Ökolampad-Vorlesung vor, der viel Gutes verspricht. Er nimmt die Theologie auf breitester Front in Angriff, und es kommt da wahrscheinlich etwas Tüchtiges an den Tag. Das wäre auch ein |158 Mann für Zürich, wenn die Banausen von Positiven ein wenig offenere Augen hätten. Und denk, dann wollte ich — Wernle besuchen, getrieben von einem mir selbst unerklärlichen Instinkt, die Tatsache dieses persönlichen Krächleins nicht auf mir sitzen zu lassen. Aber es blieb diesmal bei meinem guten Willen, denn er war nicht zu Hause. […] Ich fand Basel als Ganzes diesmal so heimelig. Das Historische, der solenne Hintergrund dort, putzt6 mich doch immer wieder im Gegensatz zu unserm kultur- und vergangenheitslosen Aargau. Ich schied mit einem gewissen ehrfürchtigen Heimweh und mit dem törichten Wunschtraum, meine Tage zu St. Peter7 oder so wo zu beschließen — der aber durchaus nicht ernst zu nehmen ist. Denn das sind nur atavistische Regungen, das war mir ganz klar, als ich wieder auf dem Bahnhöflein in Zofingen stand. «Wohl dem, der nicht sitzet, da die Spötter sitzen» [Ps 1,1]. Diese [beigelegte] Predigt von Benz stach mir durch ihren Titel in die Augen, sodaß ich sie kaufte, aber «es» kommt nicht, sondern Alles bleibt bei dem altbekannten Ja und Nein, Hin und Her.
Hier nun der Entwurf für das Zirkular an die Genossen.8 Du wirst auch hier die rechte seelsorgerliche Sprache besser finden als ich, verändere und ergänze ihn also nach Gutdünken und schick ihn mir dann retour. […]
Am Samstag den 28. kommen Peters von Laupen hieher. Sie möchten dann am Montag den 30. mit uns […] auch euch einen Besuch machen. Könnt ihr uns brauchen für ein paar Stunden? — In Risch ist schon am Montag eine Safenwiler Familienmutter gelandet. Ja, in den Händen von Leuten wie Pestalozzi wird das Geld auf einmal etwas anderes.9 Sein Verhalten ist glaubensstärkend im besten Sinn, ganz abgesehen von allem andern.
Hier muß ich z.Z. wieder einmal Energie zeigen wegen der Ansetzung des Konfirmandenunterrichts, die mir vom Volk streitig gemacht wird. […] Meine Morgenstunden habe ich aber behauptet. Es kam wieder viel blöde Gleichgültigkeit und unnötige Verdienst-Gier an den Tag bei dem Anlaß. […] Durch meine Tante Sartorius wurde mir aus Boll eröffnet, daß der ganze dortige |159 chorus mysticus und vor allem Blumhardt selbst mit meinem Artikel höchlich zufrieden sei etc. […]
Mit aller Liebe wünschen euch Freude und Frieden