Abraham glaubte dem Herrn. Er sah, was kein Auge gesehen, und hörte, was kein Ohr gehört hat [vgl. 1.Kor. 2,9]. Er hoffte, wo nichts zu |110 hoffen war [vgl. Röm. 4,18]. Er gehorchte, ohne zu ahnen, wohin er geführt wurde. Er tat das Unmögliche.
Abraham glaubte dem Herrn, und aus seinem Glauben heraus lebte era. Gott beantwortete für ihn die Fragen seines Lebens. Gott erhellte, was da war an Dunkelheiten. Gott gab seinem Leben einen Sinn und eine Richtung. Gott führte ihn über den Berg. Gott machte ihn zu einer neuen Kreatur. Es hat ihm wohl zeitlebens ein wenig an den rechten Begriffen von Gott und der Welt, an den klaren Grundsätzen und Überzeugungen gefehlt, er hat es wohl nieb zu einer richtigen «religiös-sittlichen» Lebensauffassung gebracht, wie wir sie haben oder haben möchten. Aber unterdessen lebte er und tat in einfacher Lebenskraft allerlei, was wir ihm nicht so bald nachmachen: zog aus aus seinem Vaterland und ⌜von⌝ seiner Freundschaft in das Land, das Gott ihm zeigen wollte [vgl. Gen. 12,1–4], hielt Frieden mit seinem störrischen Verwandten [vgl. Gen. 13,8f.] und errettete ihn heldenmütig aus der Hand seiner Feinde [vgl. Gen. 14,12–16], redete mit Gott und tat Fürbitte für die Ungerechten [vgl. Gen. 18,22–32], bewies zuletzt, wie er sein Liebstes nicht lieber hatte als Gott [vgl. Gen. 22,1–18]. Und das tat er Alles aus seinem Glauben heraus. Es blieb wohl allerlei Schwieriges, Fragliches, Zweifelhaftes in seinem Leben, aber es blieb auch hinter ihm zurück, es führte ein Weg hindurch, und Abraham ist ihn gegangen. Gott war mit ihm.c Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? [Röm. 8,33].
Abraham glaubte dem Herrn, und kraft seines Glaubens hat er nicht nur selber gelebt, sondernd Geschichte gemacht. Abrahams Glaube war eine von den schöpferischen Taten der Freiheit, die dem Gang der Menschheit durch die Jahrtausende den Sinn und die Richtung geben. Abrahams Glaube war nicht Erscheinunge, sondern Wesen2, nicht Fluß, sondern Gefäll und Schwergewicht, nicht Wirkung, sondern Ursache. 6 Abrahams Glaube schuf die Voraussetzungen, auf Grund deren unter |111 ungeborenen Geschlechtern, zahllos wie die Sterne des Himmels [vgl. Gen. 15,5], etwas geschehen konnte, nicht Weltgeschichte, nicht Krieg und Staatsaktionen und Kulturfortschritte, aber Gottesgeschichte, Menschengeschichte, Lebensgeschichte, das Geschehen, das bis heute geschieht in den Herzen aller Sehenden und Lebendigen, bis es einst offenbar werden kann, sichtbar im Himmel und auf Erdenf. Es ist begreiflich genug, daß die Historiker einen solchen Abrahamg lieber gleich ausschalten aus dem Mosaikbild von toten Steinchen, das sie Geschichte nennen. Dieseh Gestalten sind immer eine Verlegenheit für die bewährte Methode. Aber ist’s nicht so: da, wo den Historikern der Atem ausgeht, da gerade wird die Geschichte wichtig und wahr, da gerade fließen die Quellen des Lebens?!
⌜Liebe Kommilitonen,⌝ was soll ich euch sagen vom Glauben? Es klingti so wunderbar einfach: Abraham glaubte dem Herrn! Und Glauben ist auch wirklich etwas Einfaches, das Einfachstej von der Welt. Glauben ist Sonnenschein, Atmen, Kinderlachen, Vogelgezwitscher, «wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stille halten»3, Wachsen, Daseink. Glauben ist nicht nur wie das alles, sondern Glauben ist das alles. Das große Leben, Weben und Sein der Schöpfung Gottes will nicht mehr bloß äußerlich sein, sondern im Menschen innerlich werden. Und der innerliche Mensch will nicht mehr einsam sein in seiner Innerlichkeit, sondern hineinstehen in die große Bewegung von Gott her da draußenl, ⌜für die er bestimmt ist,⌝ will nicht mehr leer und verschlossen sein, sondern sich eröffnen dem tiefsten, umfassendsten Lebensvorgang. ⌜Der Herr «ist nicht ferne von einem jeglichen unter uns» – so soll es denn gelten und wahr sein: nicht ferne! Wir können nicht leben und weben und sein in ihm – als täten wir es nicht! Wir können nicht göttlichen Geschlechtes sein [vgl. Act. 17,27f] – als ob es gar nicht wahr wäre! Alle diese Möglichkeiten sollen real werden. In die «Zeit der Unwissenheit» |112 [Act. 17,30], der Kompliziertheit, Künstlichkeit, Götzendienerei hinein ertönt der göttliche Ruf an alle Menschen an allen Enden, Buße zu tun [ebd.].⌝ Glauben heißt Gott reden lassenm. Glauben heißt das Einfache tun. Glauben heißt leben wollenn. Es ist eine Zusage Gottes da, daß wir ihn hören können, daß wir das Einfache tun können, daß wir leben können, eine Zusage mit der größten Verheißung.o ⌜Aber⌝ so ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinderp, werdet ihr nicht in das Reich Gottes kommen [vgl. Mt. 18,3].
7 Die Zusage Gottes an uns Menschen lautet: ich lebe, und ihr sollt auch leben! [vgl. Joh. 14,19]. So hat sie schon Abraham vernommen. Gott hat ihn herausgenommen aus Irrtum und Lügeq und hat ihn in die Wahrheit hineingestellt. Gott hat ihn frei gemacht vom Fluch der Vergänglichkeit und hat ihm Zukunft und Hoffnung gegeben. Gott hat zu ihm gesagt: ich bin! und: ich wirke! und: ich habe noch viel vor! und: du darfst mein Werkzeug sein! und: du darfst mir jetzt dein Herz schenken! Und Abraham «zweifelte nicht an der Verheißung Gottes durch Unglauben, sondern ward stark im Glauben und gab Gott die Ehre und wußte aufs allergewisseste, daß, was Gott verheißt, das kann er auch tun» [Röm. 4,20f.]. Die Zusage Gottes an uns ist keine andere geworden: wir sollen eben wissen, daß er Gott ist, daß wir zu ihm gehören, daßr er an der Arbeit ist, um seine Herrlichkeit noch einmal ganz groß werden zu lassen auf Erden wie im Himmel, daß er uns, dich und mich, in seinem Dienst haben und brauchen wills. Und nun wird es sich eben auch für uns ⌜nur⌝ darum handeln müssen, daß wir stark werden im Glauben und Gott die Ehre geben, daßt wir die Zusage Gottes ganz ernst nehmen und als das Allergewisseste gelten lassen. Das ist der wunderbar einfache Vorgang des Glaubens.
113Ja, da hat Paulus den Abraham verstanden: im Glauben werden wir stark.u Wenn wir uns vor Gott stellen und auf ihn hören und seine Zusage ernst nehmen, dann beginnt zu fließen ein ganzer Strom von Klarheit, Freudigkeit, Liebe, Schlagkraft, Demut, Tapferkeit⌜, Treue⌝. Dann füllen sich die leeren Kammern unseres Lebens, unsere leeren Begriffe, unser leerer guter Wille, unsere leeren Gefühle. Dann werden uns die bösen Geister, die in uns sind, untertan [vgl. Lk. 10,17] und müssen mitsamt den Kräften, die ihnen eigen sind, Gottes Dienerv werden. Dann gehen uns die Augen auf, daß wir weit und tief sehen können. Dann regt sich Macht in unseren Gliedern. Dann wird es uns möglich, uns zu orientieren in der Fülle der Erscheinungen, möglich, ruhige, sichere Gedanken zu fassen, möglich, schließlich selber einmal in das Getriebe der Weltw einzugreifen «am kleinsten Punkte mit der größten Kraft»4. ⌜Im Glauben wird der Mensch stark.⌝ Der Glaube ist ⌜– von Gottes wegen –⌝ der Sieg, der die Welt überwindet [vgl. 1.Joh. 5,4]. Der Glaube ist neues, wahrhaftiges, ursprüngliches Leben, das an Stelle des jetzigen scheinbaren Lebens treten will. Es ist ⌜– von Gottes wegen –⌝ genug Kraft im Glauben, um spielend fertig zu werden mit den Mächten und Gewalten und Gespenstern, die jetzt die Welt erfüllen und regieren. O wie 8 könnten wir stark sein: allein durch den Glauben, allein durch das stille Merken auf die Zusagex Gottes. Eine Hand volly Menschen nur, die wie Abraham nur das wolltenz, was wäre das für eine Antwort auf die Nöte und Verwirrungen unserer Zeit! Hundert junge Ärzte, Pfarrer, Lehrer, Beamte, ⌜Offiziere,⌝ deren Stärke ihr Glaube wäre, ihr einfaches Ernstnehmen Gottes, – wahrhaftig, unser Volk wartet auf solche Führer, denn nur solche Führer können wirklich führenaa. Gescheite Köpfe, tüch|114tige Redner, fleißige Arbeiter haben wir in allen Berufen genugab, wir haben aber ⌜überall⌝ zu wenig von der schlichten erneuernden Kraft ⌜und Sachlichkeit⌝ solcherac Menschen, die sich, abgesehen von den Künsten, die sie auch beherrschen und üben mögen, aufrichtigerweise von Gott wollen stark machen lassenad. Es sind durch die Katastrophen unserer Tage Viele ganz nahe an diese Aufrichtigkeit herangeführt worden. Dieae müssen jetzt sich selber finden. ⌜Die⌝ müssen sich auch gegenseitig finden, kennen lernen, verständlich machen, behilflich sein. Die müssen gemeinsam den Durchgang suchen zum Glauben an Gott. Alles, damit jene schlichte erneuernde Kraft entbunden werde in ihnen, damit sie stark werden und ein Starkwerden von ihnen ausgehe auf die kranke Zeit.af Das ist das innere Handelnag, das heute das Eine Notwendige ist [vgl. Lk. 10,42]. Und es ist dringend notwendigah, daß gerade die Studenten von heute es begreifenai, daß dieses Tun das Eine Notwendige ist. Denn auf sie wird es, menschlich geredet, stark ankommen, ob morgen in der Seele unseres Volkes etwas Reales geschehen wird.aj Glaubt es ihnen nicht, wenn sie es euch sagenak, daß jetzt andere äußere Aufgaben, etwa die patriotischen und militärischen, wichtiger seien als dieses sich Finden und sich Sammeln ⌜und den Durchgang Suchen⌝ im Glauben, als könnte dieses auf spätere, bessere ⌜und ruhigere⌝ Zeiten verschoben werden! Zum Starkwerden im Glauben ist immer der gegenwärtige Augenblick der |115 rechte. Laß ihn verrinnen, und es wird sich sofort rächenal. Benütze ihn, und die anderen Aufgaben, wie sie auch heißen mögen, werden gerade dann zu ihrem Rechte kommenam. «Heute, so ihr seine Stimme hören werdet, so verstocket eure Herzen nicht!» [Hebr. 4,7]. Heute ist der Tag, kräftig zu werden!
Denn täuschen wir uns ⌜nur⌝ nicht: Wir sind zu jenen Quellen des Lebens noch nicht hinzugetreten. Wir wünschen uns zwar alle, mit Kraft edel zu sein, hilfreich und gut5, trotz des Bewußtseins unserer persönlichen Schranken, trotz des Widerstandes, den wir von der stumpfen Welt erwartenan, trotz der Größe und Höhe dessen, was wir da von uns selber 9 verlangen, trotz aller Schwierigkeit, es ins praktische Leben umzusetzen. Wer von uns Akademikern ⌜besonders⌝ möchte heute nicht beiao aller Bescheidenheit einen wertvollen Baustein herbeitragen zum Bau einer besseren Zukunft? ⌜Ja, wir wünschen, wir möchten!⌝ Aber wir begehen immer aufs neue den verhängnisvollen Irrtum, daß wir nicht real genug mit dem Anfang anfangen. Wir wollen denken und handeln, Beobachtungen machen, Urteile fällen und Probleme bearbeitenap, ⌜wollen historische und psychologische,⌝ theologische und philosophische, politische und soziale Behauptungen aufstellen und vertreten und womöglich gleich die praktischen Versuche dazu wagen, ⌜– bevor wir das alles – von Gottes wegen – dürfen,⌝ bevor das lebendige Wasser sich in uns gesammelt und gestaut hataq, um dann mit wirklicher Gewalt, wirklich schöpferisch, wirklich segensvoll nach außen zu brechen. Wir wollen so oder so Berge von Schwierigkeiten versetzen, bevor wir in den Maßen des Senfkorns an Gott geglaubt haben [vgl. Mt. 17,20]. Wir spüren es eigentlich ganz gut, |116 daß es nurar hier fehlt. Wir spüren es an den Widersprüchen unseres Denkens, in die wir uns verwickeln, je mutigeras und konsequenter wir vorgehen. Wir spüren es an dem jähen Wandel und Wechsel unserer Überzeugungen, dem wir uns ausliefernat, je freier und beweglicher wir uns dabei innerlich erhalten ⌜wollen⌝. Wir spüren es an den ⌜sinnlosen, freudlosen Schlacken, die uns unsere tüchtigsten Historiker als Wahrheit und Reichtum vorsetzen, an den müden,⌝ mühsamen, gequälten Kompromissen unserer besten ethischen Denkerau ⌜und Lehrer⌝, an den hilflosen Luftsprüngen unserer liebsten Idealisten. Wir spüren es in unserem Kirchentum, in unseren nationalen Fragen und Bemühungen, in unserem Erziehungswesen, in den Bewegungen, die unser Sozialismus heute durchmacht – immer das Gleiche: wir haben nicht mit dem Anfang angefangen. Darum immer wieder unsere Irrtümer, Unzulänglichkeiten und Zusammenbrüche. Es fehlt uns nicht an Scharfsinn, es fehlt uns nicht an gutem Willen, es fehlt uns nicht an vaterländischer Treue, es fehlt uns nicht an Idealismus und nicht an gediegener Christlichkeit. Es fehlt uns aber am Einfachsten, am Glauben, der allem Denken und Handeln vorangeht und es erst möglich macht, am Glauben an Gott, der Wollen und Vollbringen in uns schaffen will [vgl. Phil. 2,13]. Gottes Zusage an uns will a priori, vor Allem ernst genommen sein.av ⌜Die Wahrheit liegt in der Grundlegung.⌝ «Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort»aw [Joh. 1,1]. ⌜Das ist keine metaphysische Konstruktion, sondern die tiefste 10 praktische Lebenserkenntnis. Im Anfang!⌝ Dann heran an das ⌜Sehen und Feststellen,⌝ Begreifen ⌜und⌝ Verstehen, Anwenden und Ausführen, dann heran an die Fragen und Aufgaben und Konflikte! Denn, spricht die Weisheit, «der Herr hat mich gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, war ich da. Ich bin eingesetzt von Ewigkeit, von Anfang, vor der Erde» [Spr. 8,22f.]. «Da war ich der Werkmeister bei ihm und hatte meine Lust täglich und |117 spielte vor ihm allezeit» [Spr. 8,30ax]. ⌜Wollen wir klüger sein als der Herr?⌝ Es ist gefährlich, so zu tun, als ob das Einfachste sich von selbst verstünde. Es ist gefährlich, darüber hinweg zu irgend einer Tagesordnung überzugehen, auch wenn wir voll guten Willens und voller Begeisterung sind. Es ist gefährlich, etwas machen zu wollen, bevor wir uns jenes Werkmeisters versichert haben. Solange wir nicht vor Allem zu Gott gehen, werden wir auch schwerlich trotz Allem mit ihm gehen, so gern wir es wollten. Und wir haben uns eben noch nicht so vor Gott gestellt, daß der Strom des Lebens schon ruhig und voll fließen könnte. Wir haben die innere Aufgabe, uns um Gott zu mühen, uns seiner zu freuen, zu ihm zu beten – «ich lasse dich nicht, du segnest mich denn» [Gen. 32,27] –, noch nicht eigentlich angetreten. Wir sind noch nicht recht still geworden vor ihm, damit er einmal ⌜in uns⌝ reden kann. Wir haben Gott noch nicht einfach gelten lassen. Unsere Ohnmacht und unsere Ratlosigkeit sinday der Beweis dafür.
Und dieses Einfache Notwendige, das noch nicht geschehen ist, ist doch nicht schwer. Nicht wahr, wir wollen uns doch nicht den Weg dazu verbauen, indem wir nun, weil wir akademische Leute sind, vor Allem nachaz Definitionen und Begriffen verlangen: wer ist Gott? und was ist sein Reich? und wie kommt es? und was ist Glaube? und wie gelange ich zum Glauben? Als ob wir das alles nicht recht gut wüßten! Unsere logischen Bedürfnisse in Ehren – und sie sollen zu Ehren kommenba –, aber, liebe Freunde, wir wollen diese unsere logischen Bedürfnisse doch ja nicht verwechseln mit unserem verhängisvollen natürlichen Trieb, uns die Entscheidung für Gott und seine Sache durch solche ⌜scheinbar unvermeidlichen⌝ Fragen vom Leibe zu halten. Es wird eben unser persönliches Leben nicht in Ordnung kommen, wir werdenbb im Umkreis weilen und nicht im Mittelpunkt, wir werden ewig probieren und niebc wirken, ⌜wir |118 werden nie Geschichte machen –⌝ solangebd wir uns weigern, einmal fröhlich mit dem Anfang anzufangen, bevor die Definition dazu fertig istbe. Nicht wahr, so wollen wir uns 11 doch nicht selbst aufhalten? Was ist denn Glauben? Anerkennenbf, daß Gott Gott ist! Anerkennen, daß er nicht ferne ist!bg ⌜Anerkennen, daß er recht hat gegen uns, für uns!⌝ Haben wir etwa die Zusage Gottes nicht, die uns diese Anerkennung ins Herz schreibt und auf die Lippen legt? Istbh sie nicht in sich selbst ganz klar und unmittelbar überzeugend? Haben wir nicht mehr, als Abraham hatte? Oder ist euerbi Gewissen stumm? «Oder erkennet ihr euch selbst nicht, daß Jesus Christus in euch ist?» [2.Kor. 13,5]. Der Glaube ist ja eben kein besonderes umwälzendes Erlebnis, auf das man warten müßte, sondern ein schlichtes Ernstnehmen dessen, was man schon weiß, und das kann jeden Augenblick anfangen. Stehtbj nicht Gottes gütiges Bild ganz deutlich vor uns, wenn wir für einen Augenblick nur still werden und statt auf das, was in unseren Köpfen, in unseren Büchern, in unseren Systemen wahr ist, achten auf das, wasbk in unseren Herzen wahr ist? Redet Gott etwa nicht zu einem jeden von uns mit ganzer Liebe und ganzer Bereitschaft, sofort auf uns einzugehen, wenn wir aus unseren wissenschaftlichen, politischen und gesellschaftlichenbl Irrgärten, in denen wir uns tummeln und müde machen, und aus den privaten Irrgärtlein, die wir uns alle noch persönlich erbaut haben, die Augen erheben zu seinen Sternen [vgl. Gen. 15,5]? Leuchtet uns nicht auch in den schlimmsten Abgründen, in die wir uns starr und steif und stolz mögen verlaufen haben, die warme, lachende Sonne seiner Barmherzigkeit, die ja gar nicht will, daß wir verloren gehen, sondern daß uns allen geholfen werde [vgl. 1.Tim. 2,4]? Sagt uns nicht auch in der dunkelsten Nacht von Torheit, Sünde, Leid und Tod das fröhliche Wachstum des kleinsten Gräsleins, daß es eben etwas Anderes gibt und geben wird als das große Weh, das |119 jetzt in uns und um uns ist, eine ganze Welt von Leben, das keine Bosheit zerbrechen und kein Sterben auflösen kann?bm Ja, ist diese Welt des wahrhaftigen Lebens nicht schon jetzt da in uns und um uns, leben wir etwa auch in unseren trübsten undbn schlechtesten Augenblicken tatsächlich von etwas anderem als wenigstens von der Erinnerung an diese Welt? Ist’s nicht schon in dieser jetzigen Welt, in der wir des Vollkommenen erst warten, tatsächlich so, daß wir im Lichte Gottes Licht sehen [vgl. Ps. 36,10], wenn es auch erst ganz wenig und zerstreutes Licht ist? Und wie ist all dieser Ernst und all diese Liebe Gottes für uns hervorgebrochen in der Erscheinung Jesu Christi, der doch sichtbar und erkennbarbo genug vor uns steht, wenn wir nur sehen und erkennen wollen. 12 Er gehört doch auch in unser Leben hinein so gut wie all die anderen Faktoren und Momente, denen wir so viel Nachdenken und Aufmerksamkeit widmen, die wir beständig so bitter ernst nehmen. Er sagt uns doch so deutlich, wie er es vor 2000 Jahren gesagt hat: Kehret um, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen [vgl. Mt. 4,17]. Und dieses ⌜sein großes⌝ «nahe» bedeutet keine fahle apokalyptische Wunderbotschaft, sondern heute wie damals die freundliche Einladung, nun einmal mit ihm persönlich hineinzustehen in das ⌜so unendlich naheliegende⌝ neue Leben von Gott her, das ist und das kommen will. Dieserbp Einladung folgen ist nicht schwer. Glauben ist kein Laufen und Rennen. Glauben ist keine erknorzte mystische oder eschatologische Stimmung. Glauben ist keine Narkose und kein Traum. Glauben heißt die Augen auftun. Glauben heißt wahrhaftig werden. Glauben heißt gelten lassen, was eigentlich ist. Glauben heißt im Realen leben. Drängt uns etwa nicht alles dazu? Ist es uns denn etwa so viel natürlicher, Alles, Alles ernst zu nehmen, nur Gott nicht, Gottes Wahrheit immer erst dann zu Worte kommen zu lassen, wenn wir alle unsere Bedenken, Vorbehalte, Vorsichtigkeiten dagegenbq ausgespielt haben? Ist es denn etwa praktischer, Gort immer nur zu guter Letzt als den solennen Hintergrund unserer Ideen in Anspruch zu nehmen? Haben wir denn etwa Ruhe, Klarheit, Zielstrebigkeit⌜, Durchschlagskraft⌝ bei diesem |120 ganzen Verfahrenbr? Oder stellt nicht gerade unsere ganze heutige Situation in der Welt und im Vaterland an den Tag, daß es so nicht geht, daß es leichter, natürlicher, auf der Hand liegender wäre, nun einmal von unten auf zu bauen und mit dem Anfang anzufangen? Sollte auf einmal das Einfachste schwierig, das Nächste fernliegend, das Natürliche künstlich geworden sein? Noch einmal: «erkennet ihr euch selbst nicht, daß Jesus Christus in euch ist?» Könnt ihr denn anders als den Weg des Glaubens betreten? «Kommt, denn Alles ist bereit!» [Lk. 14,17].
Abraham glaubte dem Herrn, und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit. Weil Abraham Gottes Zusage so kindlich ernst nahm, darum konnte Gott ihn segnen und zum Segen machen [vgl. Gen. 12,2]. Sein Lebenbs war ein tätiges, fruchtbares, reiches, lebendiges Leben, ein Leben, zu dem Gott sich bekennen konnte, denn Abraham glaubtebt. ⌜Was wird Gott uns zur Gerechtigkeit rechnen können?⌝ Vor unserem Denken und Wollen, liebe Freunde, stehen sehr andere Probleme und Konflikte als vor dem des Patriarchen. Wenn ich recht sehe, 13 sind unter uns jüngeren Leuten heute besonders zwei Geistesrichtungen vertreten. Es sind die Augen der Einen von uns vornehmlich auf all das Große und Wertvolle gerichtet, was wir in Staat und Vaterland, Kirche und Kultur bereits haben, und es geht ihr Bemühen vor allem darauf, das alles zu erwerben, um es zu besitzen7, es zu erhalten, zu pflegen, mit Sorgfalt und Treue auszubauen, wenn es sein muß, zubu verteidigen. Und es blicken wir anderen vornehmlich in die Zukunft auf das, was werden will, und fühlen uns dort zu Hause, wo ⌜–⌝ tastend und stammelnd und revolutionär ⌜vielleicht –⌝ gerungen wird um ein neues Volk und Vaterland, um neue Verhältnisse in Staat und Gesellschaft, auch um ein Reden von Gott in neuen Zungen [vgl. Act. 2,3–11]. Und es werden wohl auch solche unter uns sein, die gerne Beides, das Rückwärts- und das Vorwärtsschau|121enbv sich berühren und sich ergänzen lassen würden. Ich möchte nun ⌜aber⌝ gerade nicht zu einem solchen ⌜eiligen⌝ Friedensschluß raten. Ihr müßt eure und wir müssen unsere Wege ruhig weitergehenbw, wenn etwas Lebendiges und Fruchtbares aus der gegenwärtigen Gärung hervorgehen soll. Wohl aber möchte ich beide Geistesarten unter die Verheißung stellenbx, daß Gott die segnen und zum Segen machen will, die ihm glauben. Gott wird euch nicht ⌜euer «historisches Denken» und⌝ euren Heimatschutz und eure helvetische Vaterlandsliebe8 zurby Gerechtigkeit rechnen und uns nicht unseren Radikalismus und Sozialismus, sondern euch und uns den Glauben an ihn, wenn wir ihn haben⌜, das «göttliche Werk in uns» [vgl. Phil. 1,6], wenn es geschieht⌝. Es ist möglich, von Gott aus sehr verschiedene Wege einzuschlagen, wenn wir nur wirklich von Gott aus unterwegs sind. Es ist möglich, das Leben mehr vom Gegenwärtigen oder mehr vom Zukünftigen ausbz anzugreifen, wenn dabei nur wirklich die Kräfte Gottes hinter uns stehen und nicht ⌜etwa bloß⌝ die Mächte und Gewalten, die diese Welt überschatten, oder gar nur die Macht und Gewalt ⌜und Wichtigkeit⌝ unserer kleinen Person. Es wird auch darinca das Wort gelten: Alles ist euer, ihr aber seid Christi [1.Kor. 3,22f.]! ⌜Denn⌝ dieses Wort ist kein Kompromiß, sondern die radikale Einladungcb: Mensch, werde wesentlich!9 Die gilt aber |122 allen.cc ⌜Und darum,⌝ liebe Freunde, wollen wir nuncd, wes Geistes Kinder wir auch seien, hingehen und ⌜in aller Stille ein klein wenig⌝ damit anfangence, Gott ernster zu nehmen als alles Andere. ⌜Es ist um die ersten Schritte zu tun auf dem inneren Weg, der sich da auftut, sie werden uns nicht reuen, sie werden ihre Ergebnisse haben.⌝ Dann wird sich Gott zu uns bekennen, wer wir auch seien. ⌜Dann kann er 14 uns brauchen für seine Sache, wo und wie wir zunächst ansetzen mögen.⌝ Wir wollen uns auf diesem inneren Wegcf nicht irre machen lassen durch unsere persönlichen Fehler und durch die Verständnislosigkeit der Menschen, die uns zunächst begegnen wirdcg, und durch die Möglichkeit, immer und immer wieder zu irren und zu scheitern. Gott will uns unsere Sünden vergebench, Gott willci uns den Weg zu den Menschenherzen zeigen und auftuncj, Gott willck uns nicht ganz zugrunde gehen lassen. Wir brauchen das alles nicht tragischcl zu nehmen, wenn wir es mit Gott halten wollen. Wir wollen uns auch dadurch nicht irre machen lassen, daß man uns vorhalten kanncm, es sei gefährlich, seine Sache so anspruchsvoll Gott anheim zu stellencn, vielleicht ohne die nötigen persönlichen Gegengewichte zu besitzen, die einen solchenco Anspruch rechtfertigen. O ja, das ist gefährlich, und daran wollen wir Tag und Nacht denken, und das wollen wir keinen Augenblick leicht nehmen. Abercp wir wollen uns dadurch nicht abhalten lassen zu tuncq, was wir tun müssen. Gott verträgt es an uns, wenn wir leider manchmal ein wenig aus dem Gleichgewicht |123 kommencr, wie er es schon an Abraham und ⌜eigentlich⌝ an allen seinen Leuten vertragen hat. ⌜Gottes Kraft will auch in den Schwachen mächtig sein [vgl. 2.Kor. 12,9], nicht nur in den großen, reifen, fertigen Persönlichkeiten. Gott will uns schon verhelfen zu den persönlichen Gegengewichten, wenn wir nur nicht faul und unaufrichtig werden.⌝ Gott verträgt nur Eines nicht an unscs: daß wir uns seiner Wahrheit verschließen. Und wir wollen uns auch dadurch nicht irre machen lassen, daß wir, wenn wir diesen Weg antreten, ⌜manchmal⌝ von rechts und von links her in den Schein einer fatalen Untätigkeit, Teilnahmslosigkeit ⌜und⌝ Ratlosigkeit gegenüber wichtigen aktuellen Problemen und Aufgaben kommen werden.ct Es ist wahr: wer den inneren Weg zu gehen versucht, wirdcu zunächst zu Vielem schweigen müssen, wozu Andere viele und vortreffliche Worte zu sagen haben, wird zunächst an mancher Stelle Zuschauer seincv, wo Andere eine rege Betriebsamkeit entfalten können. Wir wollen uns das nicht reuen lassen. Gott bekennt sich auch zum Schweigen und zum sich Zurückhalten, wenn es aus dem Glauben kommt.cw Unterdessen ist es trotz des bösen Scheinscx «ein lebendig, geschäftig, tätig, mächtiges Ding um den Glauben, also daß es ganz unmöglich ist, daß er nicht ohne Unterlaß sollte Gutes wirken.»10 Wer glaubt, der tut immer etwas, tut das Eine Notwendige, und dann kann er auch warten, bis manche Dinge reif sind, um ausgesprochen und angepackt zu werden.cy «Mit dem Reiche Gottes ist es also, als wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft |124 und stehet auf Nacht und Tag; und der Same gehet auf und wächst, daß er’s nicht weiß. Denn die Erde bringt von ihr selbst zum ersten das Gras, darnach die Ähren, darnach den vollen Weizen in den Ähren. Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, schickt er bald die Sichel hin; denn die Ernte ist da» [Mk. 4,26–29]. Wer den inneren Weg einmal angetreten hatcz, der kehrt nicht mehr um, läßtda sich nicht ⌜mehr⌝ irre machen. Denn hier bekommt sein kleines Menschenleben einen Sinn für sich selber und für das Ganze der Gotteswelt. Ihn hat Gott in der Arbeit und läßt ihn nicht mehr los. Werdb will uns scheiden von der Liebe Gottes? [Röm. 8,35].