Predigt: Hebräer 13,8 (Neujahr)
Nun sind wir wieder über das schmale Brücklein hinübergegangen, das von einem «Gestern» zu einem «Heute» hinüberführt, und das «Gestern» war ein altes Jahr, das zu Ende ist, und das «Heute» ein neues, das anfängt. Und wenn auch ein solcher Jahresübergang sich nur menschlicherweise von irgend einem anderen gestern und heute unterscheidet, so wird es uns doch, wenn das Jahr wechselt, jedesmal besonders deutlich, daß es ein gestern und ein heute gibt, daß wir unterwegs sind, daß wir beständig über solche schmalen Brücklein gehen, Wege hinter uns und Wege vor uns, daß unser Leben kein Liegen und Sitzen ist, sondern, ob wir’s wollen oder nicht, ein Gehen und Laufen und manchmal ein Fliegen. Und weil wir Wanderer sind, möchten wir wissen, woher wir kommen und ob das Brücklein, auf dem wir eben stehen, uns trägt und wohin wir gehen. Und auf diese Fragen soll uns heute das Wort: Jesus Christus gestern und heute derselbe und in Ewigkeit! Antwort geben.
Zuerst etwas vom Gestern. Was war gestern? Ein Tag deines Lebens, der nun hinter dir liegt, und mit dem gestrigen ein ganzes Jahr, das nun vergangen ist, eines von den abgezählten Jahren, die uns zur Verfügung stehen1. Für dich eins von den schönen Jugendjahren des Werdens und Lernens und Reifwerdens. Für dich eins von den wunderbaren Jahren der Kraft, der Schaffensfreude, des Fruchtbringens. Für dich eins von den feinen, stillen Altersjahren, wo man weise und klar ins Leben hinaussieht und ruhig sich des Lebens freut, wie es geworden ist. Vorbei das Jahr! Vorbei die Zeit! Vergangene Zeit, das war gestern! Es wäre traurig, wenn es so wäre. Denn was vergangen ist, das ist nicht mehr. Wenn das Gestern dir nur ein vergangener Tag, ein vergangenes Jahr ist, dann ist es jetzt Nichts für dich, dann stehst du, dann stehen wir alle mit leeren Händen da. Aber das ist nicht wahr. Das Gestern ist nicht Nichts. Das Gestern ist |2 nicht eine vergangene Zeit. Jesus Christus ist das Gestern. Dein Gestern und unser aller Gestern war nicht eine leere Zeit, sondern in der Zeit eine Erfahrung. Wir haben nicht nur gelebt, sondern es ist etwas mit uns geschehen. Wir sind nicht nur dagewesen, sondern es ist etwas in uns gewachsen. Wir sind nicht nur älter geworden, sondern es ist an uns gearbeitet worden einem Zweck und Ziel entgegen. Wir sind nicht nur gegangen und hieher gekommen, sondern wir sind in eine ganz bestimmte Richtung gewiesen und gedrängt worden. Wir sind nicht nur Menschen gewesen, sondern Gottes Reich ist zu uns gekommen. Es brauchte keines von uns ein gleichgiltiges, kaltes, oberflächliches Wesen [zu sein], Christus hat zu unseren Herzen geredet gestern und im vergangenen Jahr und in all den vergangenen Jahren, hat uns gesagt, daß wir Gottes Kinder seien, und hat damit unserem Leben einen ungeheuren Sinn und eine tiefe Bedeutung gegeben. Es braucht keines in Unreinheit und Sünde hineinzugeraten und zu versinken, Christus hat uns den guten, heiligen Gotteswillen ganz nahe gebracht, so nahe, daß wir ihn als unseren eigenen Willen erkennen und lieb gewinnen müssen. Es braucht keines trostlos und hoffnungslos seines Weges zu ziehen. Christus ist zu uns gekommen und hat uns eine gewisse Zuversicht gegeben, hat uns gesagt, wie der ewige Gott es mit uns meint und wie wir im Kampf mit allem Leid und allen Teufeln in seinem Dienste stehen2. Es brauchen auch die Menschen untereinander sich das Leben nicht zu vergiften und zu verderben auf der Erde durch Gier und Mißtrauen und Streit, Christus hat uns gezeigt, längst gezeigt, daß es auch ohne das geht und daß es etwas Anderes, Besseres gibt; es geht von ihm her ein Weg durch die Menschheitsgeschichte, das ist ein Weg der Gemeinschaft, der Brüderlichkeit und des Friedens, der kreuzt unsere alten Selbstsuchtswege und macht sie überflüssig, und wir können auf seinen neuen Wegen gehen.|
Seht, das alles und noch viel mehr hat uns Christus gestern gesagt und im ganzen vergangenen Jahr und in all den vergangenen Zeiten hinter uns, dem einen früher, dem anderen später, jedem auf seine Weise, aber uns allen hat er’s gesagt, die gute Gottesbotschaft hineingebracht in unser Leben und in unsere Welt. Und das war nicht nur so gesagt, sondern das hat uns alle irgendwie berührt, das ist bei uns allen irgendwie hineingegangen und zu unserem Eigentum geworden. Einige mögen ganz treu |3 gewesen sein mit dem, was sie empfangen haben, und denen ist es zur tiefsten Kraft und zur größten Seligkeit ihres Lebens geworden. Andere wieder haben es nicht so ganz an sich herankommen lassen und haben nun auch nur so eine gelegentliche Freude und Stärkung daran. Wieder Andere haben sich nur eben davon berühren und aufrühren lassen und spüren eigentlich erst in der Beunruhigung ihres Gewissens, daß sie auch etwas daran haben. Aber irgendwie haben wir alle etwas davon, sind alle hineingezogen in die Gotteswirkung, die von dort ausgeht, leben wir im Grunde alle von dieser Gotteswirkung. Sieh, diese Erfahrung, das, was da von Christus her in dir entstanden und gewachsen ist, das ist dein Gestern. Das Reich Gottes, das zu dir gekommen ist, das ist dein Gestern. Und das Reich Gottes, das ins ganze Menschen- und Erdenleben hineingekommen ist und im Verborgenen und offen arbeitet an der Aufhebung seiner Sünde und seines Jammers, das ist das Gestern auch in der Weltgeschichte. Laß fahren dahin den Tag, das Jahr, die Zeit – sie sind freilich dahin und kommen nicht wieder, sie sind jetzt Schatten und nichts [vgl.
Was war gestern? Du blickst traurig drein und denkst an die vielen Enttäuschungen und Schmerzen, die du hinter dir hast, Enttäuschungen mit dem, was du erwartet und gehofft hattest, Enttäuschungen mit den Menschen, Enttäuschungen mit deinen eigenen Fähigkeiten, Schmerzen des Leibes und Schmerzen der Seele, die du durchgemacht hast, die dich gestern bis an die Schwelle des neuen Jahres begleitet haben. Man steht manchmal so, nicht wahr, und blickt zurück, und es kommt einem vor, es sei einem Alles, aber auch Alles anders gegangen, als man es sich gewünscht, alles Betrübliche sei über einen gekommen, was man sich nur denken kann. Und auf die Frage: was war gestern? müßtest du dann antworten: viel Leid, viel Bitterkeit. Es wäre wieder schlimm, wenn wir so vom Gestern Abschied nehmen und ins Heute hinüber wandern müßten. Aber sieh, das ist wiederum nicht wahr, für gar Keines von uns. Jesus Christus ist das Gestern, auch für die Leidtragenden und Betrübten, gerade für sie. Er ist durch die tiefsten Tiefen menschlicher Enttäuschungen und Schmerzen hindurchgegangen und hat sie wie ein Krieger seine Feinde überwunden für Gott und mit Gott und darum auch für uns, |4 denn wenn wir betrübt und angefochten sind, so tritt er nun zu uns und sagt uns, daß wir Gefährten seines Kampfes und Sieges werden dürfen, und damit gibt er unserem Leid einen anderen Sinn, als es sonst hat, einen so anderen Sinn, daß man getrost das Wort: selig! [
Was war gestern? Du schlägst die Augen nieder und denkst daran, daß gestern in deinem Leben eine ganze Reihe von Gelegenheiten waren, des lieben Gottes Hand zu ergreifen und ihn beim Wort zu nehmen, so recht die Zeit zu benutzen und etwas zu lernen beim Älterwerden und vorwärtszukommen in der Aufrichtigkeit und in der Selbstlosigkeit und in der Liebe, die trägt und duldet und überwindet [vgl.
Und nicht der Krieg und nicht alle Schrecken und Teufeleien auf Erden dürfen uns darin irre machen, daß Christus unser Gestern ist. Es müssen’s ja alle die Menschen, die jetzt so gegeneinander wüten, fühlen, daß sie |6 eigentlich etwas Anderes ersehnen und wollen, als was sie jetzt tun. Ja, es sagen’s zuletzt auch Alle sogar ganz ausdrücklich, daß sie eigentlich das Leben ersehnen und wollen, das in Jesus Christus angefangen hat. Es sind da gerade in der letzten Zeit von beiden kriegführenden Parteien wieder sehr merkwürdige Bekenntnisse abgelegt worden.3 Sie möchten alle gerne von der Krippe von
Was ist’s denn mit dem Heute? Ach, man geht so oft aus einem alten |7 Jahr in ein neues, vom Gestern ins Heute hinüber und erwartet gar nichts Anderes, als daß Alles im Gleichen bleiben werde. Weiter geht die Zeit, ein neuer Tag, ein neues Jahr wird angetreten, und eh’ man sich’s versieht, ist man schon wieder in der Mitte, am Ende angelangt, und wieder heißt’s: vorbei die Zeit! von dem, was uns jetzt neu ist, und wieder haben wir nichts in Händen als eine leere Erinnerung, die schnell genug blaß und immer blasser wird. Das ist ein trauriges Heute, das man mit diesem Gedanken: bald vorbei! antreten muß. Und traurig ist’s, wenn man denken muß: nun geht eben die lange, graue Reihe meiner Enttäuschungen und Schmerzen einfach um ein Stücklein weiter. Und traurig ist’s, wenn man seine gestrigen Dummheiten und Verdrehtheiten ansehen und dann ins neue Jahr hinüber muß mit dem Gedanken: Fortsetzung folgt! Und traurig ist’s, wenn man in die Welt hinaus sehen muß und seine Zeitungen liest am Neujahrsmorgen und nichts Anderes weiß als: Krieg und böse Zeiten gestern und heute dieselben! Dann ist ja zwischen gestern und heute kein Unterschied, beide sind eingetaucht in das gleiche Elend. Dann gleicht unsere Lebenswanderung einer Reise durch
Aber der Tod hat nichts zu sagen an unserem Heute, wenn wir’s nur wieder recht kräftig hören wollen: Jesus Christus gestern und heute derselbe. Die Erfahrung, die du gestern gemacht hast, die wir alle gestern gemacht haben, sie geht mit uns hinein ins Heute. Und nun denk darüber nach: diese Erfahrung heißt, daß etwas mit dir geschehen, daß etwas in dir gewachsen, daß an dir gearbeitet worden, daß du in eine bestimmte Richtung gedrängt, daß Gottes Herrschaft an dich herangekommen ist. Diese Erfahrung hat es also an sich, daß sie gar nicht die gleiche sein kann gestern wie heute. Sie ist eben etwas Lebendiges, Werdendes, Wachsendes, Treibendes, Umsichgreifendes. Sie will und sie muß von gestern auf heute um sich greifen, Raum gewinnen, in die Tiefe streben, schöner, reicher und immer stärker werden. Gerade weil Jesus Christus gestern und heute derselbe bleibt, weil die Gotteswirkung, die von ihm ausgeht, nicht hinter uns zurückbleibt wie eine vergangene Station unseres Lebensweges, sondern uns begleitet, gerade darum können wir heute nicht im Gleichen |8 bleiben wie gestern. Wo Gotteswirkung ist, da ist Wachstum. Und weil unser Gestern Gotteswirkung war, muß unser Heute Wachstum sein. Dem «Vorbei die Zeit!» hast du ein «Vorwärts in der Zeit, die mir bleibt!» entgegenzustellen, den Wellen und Wogen des Leidens und der Sorge den triumphierenden Siegesruf des Seefahrers, der Land vor sich gesehen hat, dem Ekel und Verdruß über dich selbst die Zuversicht: mir sind meine Sünden vergeben!, dem fluchwürdigen Verbrechen und dem entsetzlichen Elend des Krieges den unentwegten Blick auf die Erlösung vom Bösen. Nach Meeresbrausen und Windessausen leuchtet der Sonne erwünschtes Gesicht.4 Jesus Christus gestern und heute derselbe, und darum wir heute nicht mehr dieselben, sondern ein klein wenig treuer, tapferer, freudiger, zuversichtlicher als gestern, darum in unserem Leben ein klein wenig mehr Liebe und Wahrheit als gestern, darum in unserer Welt ein klein wenig mehr Gerechtigkeitskraft und Friedenskraft als gestern. Die Erfahrung von gestern hat heute zugenommen. Das Traurige von gestern muß heute noch etwas kleiner, stiller werden. Dazu ist der Sohn Gottes gestern erschienen, daß er heute die Werke der Teufels zerstöre5 [
Das ist unser Heute: wirklich ein Brücklein, auf dem wir weiterkommen, von einem Ufer ans andere. Es sind dann noch andere reißende Ströme und Abgründe zu überschreiten, aber wir wollen jetzt nur einmal das Brücklein unseres Heute betreten, das eben gerade vor uns liegt. Und was heißt nun das? Das heißt die Gotteswirkung in unserem Gestern sehen wollen. Nicht immer so kurzsichtig sein und immer gerade das Andere sehen in unserem Leben, was nichts ist, was nicht wichtig ist, was traurig ist. Wer heißt dich seufzen darüber, daß du wieder ein Jahr älter geworden bist? Freu du dich darüber, Christus war doch da, was willst du denn mehr? Wer heißt dich klagen über deine Kümmer und Kümmerlein? Sieh da jetzt einmal auf Christus und auf sein Leiden und was das Leiden mit ihm für ein Ende nimmt. Wer heißt dich herumwühlen in |9 deinen Sünden, statt dich daran zu halten, daß es Christus gut machen will mit dir? Was räsonnierst und klagst du über den Krieg, statt nach dem Frieden zu greifen, den Christus dir und allen Menschen zu geben hat? Sehen, Christus sehen statt alles Anderen, Christus anerkennen als die Gotteswirkung, die alles Böse und Traurige überwindet, Ja sagen, zugreifen, ernst machen, gehorsam werden, das ist’s. Nimm an das lebendige Gestern, laß es wirken, schalten und walten, ergib dich ihm, liefere dich ihm aus, tu dich ganz auf, wirf alle Bedenken und Vernunftgründlein weg, laß geschehen, was schon an dir geschehen ist und noch mehr geschehen will, dann kommt das noch viel lebendigere, das freudenvolle Heute. Dann gehst du über das Brücklein und kommst weiter, und indem du weiterkommst, kommt das ganze Menschenvolk, ja die ganze Welt ein Schrittlein weiter. Christus, dein Christus, unser Christus, der Christus von heute! O, der Jahreswechsel ist eine geringfügige Sache, eine Kalenderaffäre, über die es sich nicht verlohnt, ein Wort zu verlieren; aber das ist die allergewaltigste Sache, daß der Christus von gestern nun unser Christus von heute werde. Such ihn, laß ihn mit dir reden, laß ihn in dir wirken!, das ist das Einzige, Allumfassende, was wir einander zum Neujahr wünschen müssen. Das wünsche ich euch, liebe Gemeinde, zum Jahresanfang. Begnügt euch nicht mit dem, was ihr erfahren habt, ihr müßt noch unendlich viel mehr erfahren. Das müßt ihr mir wünschen um meinetwillen und um eurer selbst willen, damit ich euch mit ganz neuem Ernst und neuer Freudigkeit alle Sonntage von dieser wachsenden, treibenden, um sich greifenden Erfahrung reden kann. Das wollen wir der ganzen Welt wünschen, die krank ist und die einmal gesund, und zwar ganz gesund werden muß. Sie kann durch nichts gesund werden als dadurch, daß diese ihre tiefste, heiligste Erfahrung, die Christuserfahrung, wachse in ihr.
Wenn dieser Wunsch nur ein wenig in Erfüllung geht, dann wissen wir auch, wohin wir gehen, vom Gestern ins Heute, Schritt um Schritt, Brücklein nach Brücklein der Ewigkeit entgegen. Die Ewigkeit ist nichts Neues. Die Ewigkeit stand schon über unserem Gestern, und sie steht über unserem Heute. Die Ewigkeit ist die Gotteswirkung, die keine Schranken und kein Ende mehr findet, das Leben, das ganz von ihr durchdrungen und erfüllt ist. Die Ewigkeit ist Gottes eigenes Leben. Dahin gehen wir. Das ist das Ende unseres Weges, wenn wir mit Christus vom Gestern ins Heute gehen. Wir sehen dieses Ende, und es ist gut, daß wir es sehen, |10 daß es bei den Schritten und Brücklein nicht bleibt. Aber zunächst wollen wir einmal über das Brücklein gehen, du und ich.
- Nr. 67 «Nun laßt uns gehn und treten» von
P. Gerhardt , Strophen 1-5 (GERS [1952] 132,1.2.4.5.7; EG 58,1.2.4.5.7) - Nr. 311 «Mit dem Herrn fang’ alles an!» von
Chr. Hohlfeldt , Strophen 1-3 (Reichs-Lieder 77,1-3)