Predigt: Römer 2,14-16
Mitten drin in unserer Menschenwelt steht als erster und schlichtester, aber auch sicherer Zeuge des Himmelreichs — das Gewissen. Da ist Handel und Wandel, da sind unsere Freuden und Sorgen, da sind unse|228re Kriege und unsere Gemütlichkeiten — aber da ist das Gewissen, und du spürst das, daß das Gewissen für sich allein auf der anderen Seite steht. Da sind deine Pflichten im Beruf, in der Familie, in deiner Stellung unter den Mitmenschen, da ist die Liebe zum Vaterland — der heutige Tag hat uns einen kleinen Anlaß gebracht, sie zu bewähren2 —, da ist die christliche Kirche, von der man erwartet, daß sie für alle Fälle eine Erklärung, einen Trost oder eine Moral bereit habe —, aber da ist das Gewissen, und du weißt: das Gewissen ist etwas Anderes, ist mehr als alle diese großen Dinge. Da ist alles das, was die Menschen nötig haben, wovon sie leben und was ihnen lieb ist, all das, wovon wir mit gerunzelter Stirn und gescheiten Augen und überzeugter Stimme sagen: das ist so und das muß so sein! — und da ist das Gewissen und läßt sich nicht beirren und behauptet, die einzige, die höchste Notwendigkeit zu kennen, das allein wahrhaftige Leben und das, was allein Liebe verdiene, und sagt: das ist! und das muß so sein! Nur das kleine, schwache, ungewisse Gewissen — gegen eine ganze große Welt von eiserner Konsequenz —, so sieht es auf den ersten Blick aus.
Aber das Gewissen ist nicht allein. Wie ein Vorposten kämpft es scheinbar einen einsamen, erfolglosen Kampf. Aber es ist der Vorposten einer noch größeren Welt, einer Welt, die alles Eisen zerbricht, weil sie die Welt der Ewigkeit ist. Hinter ihm steht Jesus Christus mit seiner Botschaft, mit seinem Leben, mit seinem Kreuz. Hinter ihm steht der Vater und sein Reich, das kommen will. Das, was hinter ihm steht, gibt dem Gewissen dies Unerschütterliche, Siegreiche mitten in der großen Menschenwelt. Sieh, es kann sein, daß du an Vielem, an Allem irre geworden bist: an Gott, an den Menschen, an der Wahrheit und Gerechtigkeit des Lebens, an dir selbst — wir wollen jetzt nicht untersuchen, aus was für Gründen —; solange das Gewissen auf seinem Posten steht, solange bist du kein Ungläubiger und kannst den Weg zurückfinden zu |229 all dem, woran du jetzt verzweifelst und das du jetzt verwirfst. Es kann auch sein, daß du tief, tief gesunken bist. Du hast gegen Gottes und des Lebens heilige Gebote schwer gefrevelt. Du bist abgekommen vom Weg zu deiner Bestimmung auf törichte, gefährliche Nebenweglein. Du hast dich in Schuld verwickelt, hast geholfen, das Gewicht der Lüge und des Bösen, das auf der Welt lastet, zu vermehren.
Aber dein Gewissen lebt! O fürchte dich nicht! Du bist nicht verloren, du bist nicht verdammt! Es gibt einen, der Alles neu machen will [vgl.
Was ist das Gewissen? Die Erinnerung an Gottes Reich in der Menschenseele, im Menschheitsdasein. Keine Erkenntnis. Kein Entschluß. Kein Leben. Leider nicht. Aber doch ein in sich ganz klares Gefühl des Heimwehs nach dem verlorenen Paradies3, der Sehnsucht nach der kommenden Gottesherrschaft. «Ich hab von ferne, Herr, deinen Thron erblickt.»4 Ja, von ferne. Wir möchten glücklich sein und müssen die Er|230fahrung machen, daß das erstrebte Glück sich vor unseren gierigen Augen zurückzieht; etwas Anderes heißt das Glück heute als gestern, etwas Anderes morgen als heute, und schließlich halten wir einen Schatten in der Hand. Wir möchten das Rechte tun und weichen wenig oder gar nicht ab vom Pfad der braven, unbescholtenen Leute und müssen erfahren, daß alles Rechttun ein Stolpern und Straucheln ist, mit dem wir alles in allem nicht vorwärts, sondern rückwärts kommen. Wir möchten leben, und siehe da, unser ganzes Leben ist eigentlich immer nur eine Vorbereitung zum Leben, ein einziges Sich-Mühen und -Plagen mit dem ewigen Trost: jetzt kommt’s dann!, und ehe wir es uns versehen, ist’s zu Ende, und was haben wir davon eigentlich?
Die Menschheit sehnt sich nach Freiheit und Kultur, und um dahin zu gelangen, schlägt sie fürchterlichste Irrwege ein. Ausbeutung und Unterdrückung, Ungerechtigkeit und Gewalt hält sie für die richtigen, notwendigen Mittel zur Erlangung der höchsten Güter und verachtet damit Tag für Tag aufs neue Alles, was ihre Sehnsucht schon geschaffen. Wir glauben doch an einen Gott und beten zu ihm und bauen ihm Kirchen und feiern ihm Gottesdienste, aber die schlichteste Aufrichtigkeit muß uns sagen, daß das, was wir an diesem Gott haben, Schein ist, daß er uns nicht erlöst. Wie sollte er uns auch erlösen können, wo wir ihn uns doch selbst gemacht haben, nach unserem Bildnis und Belieben, wo wir doch den wirklichen, den lebendigen Gott auf die Seite gestellt haben. Eine ganze Welt von schwankender Unsicherheit, von Widerspruch, von Entsetzen und Lüge und Knechtschaft.
In diese Welt hinein — das ist die Heidenwelt, aber nicht nur die Heidenwelt des alten Rom, die
Und nun gibt es keinen anderen Ausweg und keinen Rückweg als den: Hin zu dem, was ursprünglich und unmittelbar wahr ist. Das Größere, das hinter dem Menschenwesen verborgen ist, muß wieder hervortreten. Der lebendige Gott muß wieder gelten. Du mußt wieder der Tiefere, Bessere sein — wagen zu sein —, der du warst, ehe du dir selber und Gott untreu wurdest, du mußt die zerrissenen Fäden wieder aufnehmen, den hier, den dort, und dein Leben muß aus etwas Schwankendem wieder eine Festung werden, aus einer Zerrissenheit wieder ein Ganzes! So redet das Gewissen mit uns und zeigt uns Gott von ferne: den Gott, den wir verlassen haben und zu dem wir wieder hin müssen, zeigt uns Gott, indem es sein Gebot unbedingt und majestätisch aufrichtet in unserem Leben.
Und nun sieh einmal zu, wie das Gewissen, dieser wunderbare Vorposten der Ewigkeit im Menschenland, schafft. Rücksichtslos ergreift und führt es das Wort. Du bist gerade heiter und zufrieden? es ist recht, wenn du’s bist. Du bist traurig und niedergeschlagen? es kann sein. Aber du darfst nicht erwarten, daß das Gewissen sich darum kümmere, daß es um des Einen oder um des Anderen willen schweigen werde. Es geht dir gut? Nein, du hast Anlaß, über dein Schicksal zu klagen? Das mag für dich sehr wichtig sein, aber der Weg des Gewissens geht durch Glück und Unglück quer hindurch und läßt sich nicht aufhalten. Du bist ein tüchtiger, achtbarer Mensch? Nein, du bist einer [von denen], die viel auf dem Kerbholz haben und um die man lieber einen Umweg macht? Ja, da ist ein Unterschied. Aber nicht für das Gewissen, du mußt es hören und hörst es, ob du das eine oder andere seist. Das Gewissen weiß nichts Anderes und will auch nicht, daß du etwas Anderes |232 wissest als das Eine, daß du aus Gottes Reich gefallen bist und daß es wieder zu dir kommen muß und kommen will. Alles Andere interessiert es nicht, schnurstracks geht es darauf los, dich das Eine merken zu lassen. Jetzt, indem es dir unerbittlich vorhält: Unrecht!, jetzt, indem es eine neue Pflicht vor dir aufsteigen läßt, jetzt, indem es sich mit dir freut, wenn einer von den zerrissenen Lebensfäden wieder aufgenommen und angeknüpft ist. Strafendes, mahnendes, gutes Gewissen, es ist im Grunde nur eins und will nur eins von dir: Hin zu Gott und dem wahrhaftigen Leben!
Und das sagt es uns und ist dabei ganz und gar furchtlos. Es läßt sich immer viel einwenden gegen die Meinungen des Gewissens. Du liebe Zeit, wie trotzig und unvermittelt stellt es das so hin: das ist nicht recht! und das muß anders werden! Halt, halt, denken wir, nicht so schnell, und kommen eifrig gelaufen mit allerlei Beschwichtigungen und Hindernissen. Da kommt Einer und bringt die Notwendigkeit als Grund gegen das Gewissen. Es muß so sein!, sagt er. Man kann nicht anders. Die Tatsachen zwingen uns. O, es werden gerade jetzt in tausenden und tausenden von Menschenherzen mit der Notwendigkeit Mauern gebaut gegen das gefährliche Gewissen. Da kommt ein Zweiter und bringt die Vernunft daher, und die Vernunft ist willig und zu Allem zu gebrauchen und setzt sich hin und spinnt sofort eine schöne Ansicht oder Theorie, da kommen viele «sowohl — als auch» darin vor, viele «einerseits — andererseits», viele «zwar — aber», und schließlich kommt dabei heraus, zwar sei gut gut und böse böse, doch müsse eben um des Guten willen das Böse getan werden, und wer das nicht verstehe, dem sei nicht zu helfen. Und hilft auch das nichts, so kommt ein Dritter und bringt geschleppt die ganze Vergangenheit und beweist sonnenklar, das Gewissen müsse Unrecht haben, denn seit Anbeginn der Welt sei es so und nicht anders gewesen, und Bleiklumpen will es ihm an den Hals hängen, auf deren jedem geschrieben steht: es war! es war! es war! Ja, ja, was da war, das muß ja auch wohl sein, und dagegen kann das arme Gewissen wenig machen. Und das hält denn auch wirklich ganz still und wehrlos her und läßt Alles über sich ergehen wie der schlafende
Noch etwas ist groß an ihm oder gefährlich, wenn man will. Es ist nicht das harmlose innere Stimmlein, als das man es oft beschreibt, das Stimmlein in diesem oder jenem einzelnen Menschlein, das dann jedesmal die Anderen nichts weiter anginge. Da hätte
So sind wir Menschen, auch wenn wir kein Gesetz haben, und das will sagen, wenn wir keinen Ausweg wissen aus der Not unserer Gottlosigkeit, wenn wir vielleicht an allen Mittelchen und Weglein, uns selbst und die Welt zu verbessern, irre geworden sind — wir sind uns selber Gesetz, wir sehen den einen großen Ausweg aus aller Not: wir sehen ihn durch das Gewissen. Das rücksichtslose, tapfere, allgemeine Protestieren und Heißen [?] des Gewissens ist der Vorposten der Ewigkeit im Menschenland. Das Gewissen ist Morgenrot. Das Gewissen ist Verheißung. Das Gewissen ist der erste, starke Durchbruch des Göttlichen. Seht, darüber muß man sich freuen. Darüber muß man jubeln, wenn das Gewissen sich regt. Da kann man immer denken: jetzt kommt etwas! jetzt muß es einen Schritt vorwärts gehen. Das ist etwas Gewalti|235ges, wenn es in dir anfängt unruhig zu werden, wenn du’ spürst: so kann’s nicht weiter gehen, und nun muß etwas Anderes werden, wenn der Ekel dich erfaßt über die bisherigen Grundlagen und Quellen deines Lebens und die Sehnsucht nach der fernen Stadt mit den goldenen Gassen8. Schäme dich dessen nicht, suche das nicht zuzudecken und zu vergessen, mach jetzt keine Heuchelei, um von deinem Gewissen loszukommen, es gerät dir doch nicht! Sondern freue dich, das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen [
Das Gewissen ist noch nicht das Leben. Wir dürfen ja nicht zu viel von ihm erwarten. Gerade wie
Man redet von einem irrenden Gewissen. Der Ausdruck ist nicht gut: das Gewissen irrt sich nicht, wohl aber der Mensch, der vom Gewissen gepackt ist. Wir haben alle schon Torheiten und Sünden begangen, wo wir meinten, nur dem Gewissen zu gehorchen. Eltern haben schon unsägliche Schuld auf sich geladen ihren Kindern gegenüber — aus lauter Gewissenhaftigkeit. Die christliche Kirche ist zu Zeiten eine Hölle gewesen um des Gewissens willen. Alle Kleinlichkeit und Zwängerei beruft sich auf das Gewissen. Immer wieder geschieht es uns, daß wir gewissenshalber die Liebe fahren lassen, eng, streitsüchtig, ausschließlich werden. Das Gewissen scheint jetzt die Völker
Was mit ihm machen? Es gibt nur eine Antwort: Hören! Hören auf das Tiefste, was es uns zu sagen hat. Dich aufreißen lassen aus der falschen Ruhe, daß du hinblicken mußt auf Gottes ewiges Reich. Hören auf die große Parole des Gewissens, hören auch auf die furchtbare Verwirrung, die diese Parole in dir und in der Welt aufdeckt und aufrührt, hören auf die wundersame Botschaft, daß die Welt neu werden soll. Ja, es gehört eben Alles dazu, das alles mußt du erleben und durchmachen, das alles muß in dich hinein: die Wahrheit, der Kampf, die Hoffnung. Wenn wir das alles hören und in uns aufnehmen, dann werden wir erst aufrichtig, und erst wenn wir aufrichtig werden, werden die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, daß der König der Ehren einziehen kann [vgl.
Dem Aufrichtigen läßt es der Herr gelingen [
- Nr. 30: «Herzlich lieb hab ich dich, o Herr» von
M. Schalling , Strophen 1 und 2 (= GERS [1952] 65,1-2; EG 397,1-2) - Nr. 352: «Ich hab von ferne, Herr, deinen Thron erblickt» von
J. T. Hermes (1738–1821), Strophen 1.2.5 (= Reichs-Lieder 565,1.2.5)