20. Juni 1915

Predigt: Galater 3,13

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Galater 3,13
Christus hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes.
Liebe Freunde!

Habt ihr’s vernommen? Christus hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes! Seht, wer das gemerkt hat, dem wird es so freudig ums Herz, daß er gerade singen und springen möchte. Und doch so ernst, daß er beten möchte, wo er gerade ist und geht. Das ist ein Abgrund von Wahrheit, fast möchte es einem schwindeln, wenn man hineinblickt. Und wer einmal hineingesehen hat, ist ein anderer Mensch geworden, ein neues Leben fängt da an, eine neue Welt kommt, wo die Erkenntnis aufbricht: Christus hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes.

Das Gesetz — das ist Alles, was du denkst und sagst und tust, weil du mußt. Alles Gute wohlverstanden, alles Große, Heilige, Herrliche, Göttliche, aber alles Göttliche, hinter dem wie ein aufgehobener Finger steht: Du sollst es! und darum mußt du es! Das Göttliche, das dir auferlegt ist oder das du dir selbst auferlegt hast. Das Göttliche, von dem [du] weißt: Eigentlich ist es nicht meine Sache, aber ich kann wohl nicht anders, und darum will ich jetzt. Das Göttliche, das nicht aus dir selber kommt. Das Göttliche, das du nicht selber hast und bist.

Warum mußt du? Vielleicht kommt es dir vor, der liebe Gott selber sei nichts als ein großer Gesetzgeber und seine Liebe zu dir sei geknüpft an die strenge Bedingung: halte meine Gebote!, und jetzt mußt du ihm gehorchen. Vielleicht ist aus der allgemeinen Menschenvernunft ein Begriff, ein Ideal hervorgesprungen wie ein mutiger Fahnenträger und hat dir zugerufen: das muß sein! und das darf nicht geschehen!, und jetzt |239 mußt du der Fahne folgen. Vielleicht haben dich andere Menschen, Eltern, Erzieher, Mitbürger und Nachbarn unter ihre Anschauungen und Bräuche gebracht, und jetzt mußt du wollen, was sie wollen. Vielleicht haben dich deine eigenen Lebenserfahrungen, ein großer Wunsch oder auch eine große Angst dahin gebracht, daß auf einmal ein Gesetzlein da war, irgend ein kleiner Zwang zum Guten, ein kleines, edles: «Ich muß», manchmal auch ein großes, und nun mußt du wirklich so sein und tun, wie du es dir selber ausgedacht hast.

Gar mannigfaltig kann das Gesetz aussehen. Da sind die großen Gebote Gottes, die Mose dem Volke Israel brachte. Da sind die großen, edlen Grundsätze der Heiligen und Weisen der Bibel und all derer, die ihnen ähnlich waren. Da sind die Ideale der Völker und Staaten, und wir Schweizer haben auch eins, unsere Freiheit. Da ist die Moral; das sind die Begriffe von gut und böse, die sich die Menschen zurechtgemacht haben, freilich immer wieder anders in anderen Ländern und Zeiten. Da sind die besonderen Auffassungen und Regeln, die sich jedes einzelne Menschlein so nach und nach für seinen Privatgebrauch aufstellt. Da sind die ungeschriebenen Gesetze von Recht und Unrecht, die wir, wie man sagt, schon mit auf die Welt bringen, so natürlich sollen sie uns sein. Da sind die geschriebenen und gedruckten Gesetze des Staates, wo Recht und Unrecht fein säuberlich in Paragraphen und Abschnitte gebracht sind zum Schutz und Wohl der Gesellschaft. Da sind die dreimal heiligen Gesetze des sogenannten Anstandes und der sogenannten Höflichkeit, nach denen wir nach Herkommen und Brauch miteinander verkehren sollen, wie eine rechte Eisenbahn immer brav auf ihren Schienen läuft. Da sind die Gesetze der Frommen, die durch Treue und Eifer auch in außerordentlichen Dingen sich den Himmel gewinnen möchten. Das alles ist sehr zweierlei und verschiedenerlei und ist doch Alles Gesetz, Gesetz, das über uns ist und nicht in uns, das nicht aus uns heraus kommt, sondern irgendwie in uns hineingeprägt ist wie das Bild auf den Münzen, auf uns aufgepfropft wie edle Reiser auf minderwertige Bäumlein, manchmal auch bloß auf uns aufgeklebt wie die Plakate der Obrigkeit am Hydrantenhäuschen. Ja, wir sind eben wie die Soldaten, auch wir Anderen, die keine Uniform tragen, müssen jetzt Taktschritt klopfen, jetzt den Kopf nach rechts drehen und jetzt nach links, müssen uns hier fügen und dort mitmachen und dort allerlei glauben. Von allen Seiten der aufgehobene Finger: Du mußt! O dieser |240 Finger! Auf die Straße folgt er uns und ins Wirtshaus, und in der Kirche wird er riesengroß, aufdringlich zeigt er hinein in dein Vergnügen und in dein Familienleben, er steht zwischen den Ehegatten und zwischen Eltern und Kindern, er steht da, wenn du unter vier Augen mit deinem Nächsten zusammen und wenn du ganz für dich allein bist. Überall erinnert er dich, daß du gut sein müssest.

Was ist das Gesetz im Menschenleben? Natürlich eine Notwendigkeit und ein Glück, hat man dir schon in der Schule gesagt. Kommt nicht alles Große und Schöne in der Welt schließlich vom «Ich muß» her, von den Idealen, von den hohen Begriffen und festen Regeln? Wie sollte es ohne das irgend etwas Rechtes geben, heiße es nun Kindererziehung oder öffentliches Leben oder Bildung oder Fortschritt? Wie könnte es da einen Staat und eine Kirche geben? Wie soll der wilden Leidenschaft gesteuert, wie die Torheit belehrt, wie die Bosheit unterdrückt werden in uns selbst und in Anderen, wenn wir das Gesetz nicht hätten, das uns auf allerlei Weise einprägt, aufpfropft oder aufklebt, was wir leider selbst nicht sind und haben. Ist nicht der liebe Gott selber schließlich das größte Gesetz, das sich mit einem gewaltigen «Du mußt» über unser menschliches, natürliches Leben legt? Was ist seine Sonne mit ihren Strahlen Anderes als ein Bündel von Forderungen und Geboten: du sollst an mich glauben, du sollst vollkommen sein [vgl. Mt. 5,48], du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! [Lev. 19,18] …, und da stehen wir armen Menschlein und müssen nun suchen, dem großen, hohen — fremden Meister zu gehorchen! Denn durch das Gesetz kommen wir ja doch zum Guten, und durch das «Ich muß» werden wir selig. Ja, so ist’s wirklich: wenn wir unter dem Gesetz stehen, sehen wir nicht über das Gesetz hinaus und haben keine Ahnung, wie es überhaupt ohne das Gesetz gehen könnte.

Ob’s nun geht oder nicht geht ohne das Gesetz: das ist sicher, wenn wir aufrichtig sind und uns nicht heuchlerisch etwas vormachen, müssen wir uns gestehen, daß das Gesetz in unserem Leben drin ein Fluch ist. Ja, so steht es in der Bibel, in unserem Text. Aber es steht nicht nur in der Bibel, wir erfahren das tatsächlich an uns selber, haben es schon erfahren oder werden es noch erfahren. Sieh, was du denken, reden und tun mußt, das ist ein Zwang, da lehnt sich in deinem Inneren etwas auf dagegen, da ist dein Gehorsam nichts Wahrhaftiges: du tust bloß so. Es mag so gut sein, als es will, es ist für dich nicht gut. Und wenn es Gott |241 selber wäre und seine heilige Wahrheit, es kann für dich kein Gottessegen werden, weil es für dich keine Wahrheit ist, solange es dir selbst etwas Fremdes ist.

Höre weiter! Du meinst: ich bin gehorsam, so gut ich kann, ich tue das Gute, ich führe aus nach Kräften, was Gottes Gebote und die Leute und ich selber mir auferlegt haben, so kann ich ruhig und zufrieden sein! Du Tor! So täuschest du dich selbst! Merkst du nicht, daß man das Gute gar nicht tun kann? Das Gute ist ewig. Ein kalter Tropfen Wasser auf einen heißen Stein ist nicht das Gute. Der Zeigefinger: du mußt! ist immer wieder da und weist dich auf eine unendlich hohe Leiter hin, wenn du aufrichtig sein wolltest. Du täuschest dich, wenn du auf irgend einer Sprosse der Leiter meinst, nun sei’s richtig, du bist noch viel tiefer unten, als du denkst. Ja, und wenn du das nun zufällig einmal merkst, daß man das Gute gar nicht tun kann, dann ist die Verzweiflung da, die hoffnungslose Angst und Unsicherheit, du könnest ja doch kein guter Mensch werden und was nur das Leben solle und ob es nicht am Ende besser sei, all das «Ich muß» fahren zu lassen und leichtsinnig zu werden wie so viele Andere. Viele sind leichtsinnig geworden, nachdem sie eine Weile bitterernst gewesen. Viele sind untergegangen in Grübeleien und Selbstanklagen. Das ist der Fluch des Gesetzes. Vielleicht hast du noch nichts gemerkt, fährst auf deinen vorgezeichneten Schienen brav und sicher und ruhig dahin. Es wird auch in dir und bei dir einmal offenbar werden. «Durch das Gesetz wird niemand gerecht vor Gott» [Gal. 3,11].

Ja, und wenn du nun wirklich hoch oben stündest auf der Tugendund Vortrefflichkeitsleiter und ein recht vollkommener Mensch wärest mit vielen guten Gedanken und hohen Idealen und rechtschaffenen Gewohnheiten und löblichen Taten. Was hilft dir nun das und was soll das vor Gott? Sieh um dich! Da sind lauter Menschen, die «keine guten Menschen» sind, wie du das auf deiner Höhe wohl nennen mußt. Sieh all die Leidenschaft, all die Trägheit, all den Wahnsinn in der Welt, an dem das «Du mußt» wirkungslos abprallt wie [ein] Pfeil an einer Granitmauer. Sieh da die Trinker! die liebe Eitelkeit! die Geldknechtschaft der Menschen! den Krieg der Völker! Was denkst du davon? Wie redest du darüber? Hast du nicht eben gesagt: ja, das ist über die Maßen schändlich! Warum tun nur die Leute so, o diese Verblendung, diese Verkehrtheit — und insgeheim hast du hinzugefügt: wenn sie doch auch |242 da oben stünden, wo ich stehe! O, was ist jetzt geschehen! Jetzt hast du dich auf einmal gefreut über dich selbst, gefreut über den Abstand, der dich von jenen trennt, gefreut über ihre Tiefe. Ja, jetzt hat dich dein Gesetz und deine Gerechtigkeit nach dem Gesetz schließlich nur zum Pharisäer gemacht, der sich bewundern und die Anderen beurteilen, verurteilen und verwerfen muß, hat dich von deinen Brüdern getrennt, schärfer als alle Sünde euch hätte trennen können, hat dich das höchste Gesetz, das Gesetz der Liebe brechen lassen vor lauter Gerechtigkeit, und eine neue feste Burg hast du aufgerichtet mit deinem «Ich muß» in der Welt der Bösen, über die du eben zu triumphieren meintest. Und das alles muß so sein. Unaufhaltsam ist der Weg, der dahin führt. Das Gesetz kann keine anderen Folgen haben als die, daß alle Liebe und Gemeinschaft, die noch da sind, zerrissen werden. So hart wie das Gesetz wirst du selber nun. So fremd wie die Güte dir selbst geblieben ist im tiefsten Grunde, so fremd und kalt denkst und redest du nun auch von den Menschen. So wenig das Gesetz dir Gottes Segen gebracht hat, so wenig kannst du mit ihm Andere segnen. Du mußt ein armer Pharisäer werden. Und das sind die unglücklichsten Menschen. Der Fluch des Gesetzes! Glaubst du’s, daß der Fluch liegt auf allem: Du mußt!, und wenn das Heiligste und Herrlichste dahinter wäre!?

Aber Christus hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes! Du würdest ihn ganz, falsch verstehen, wenn du ihn nehmen wolltest als einen, der auch wieder ein neues, schweres: Du mußt! in die Welt und ins Leben bringe. Man hat ihn freilich oft genug zum Polizisten und Schulmeister gemacht. Das Christentum, die Religion, die sich nach ihm nennt, ist oft genug aufgetreten als Kämpfer gegen die Leidenschaften, als Herrscher und Erzieher der törichten Menschen, als aufdringlicher Aufseher und Bevormunder aller menschlichen Beziehungen und Verhältnisse. Das Christentum ist gekommen und hat seine Begriffe und Ideale aufgestellt, höher und steiler als alle Weisen und Gerechten der Juden vor ihm, hat Glauben und Moral von den Menschen gefordert, strenger als die Strengsten vorher. Das Christentum hat das Gesetz getrieben und gepredigt, bei den Alten und bei den Jungen, und tut es heute noch. Das Christentum hat darum auch, mehr als alle anderen Religionen, ein ganzes Meer von Selbsttäuschung, Leichtsinn, Verzweiflung und Pharisäertum zur Folge gehabt. Aber das alles ist ja nicht Christus! Das alles zeigt ja nur, daß man Christus nicht in eine Religion fas|243sen kann, zeigt nur, daß die Christen Christus ebenso nötig haben wie die Juden und die Heiden. Christus hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes. Er hat mit allem Du mußt! nichts zu tun. Er ist nicht dabei, wo die Menschen stöhnend und eifernd sich selbst und Anderen Gebote und Regeln aufladen, und wenn es die allerbesten und notwendigsten wären. Er ist nicht dabei, wo sie einander zwingen und verurteilen aus lauter hoher Gerechtigkeit. Er hat keinen Zeigefinger ausgestreckt. Er hat darum auch keine Heuchelei, keine Sündenangst, keinen Leichtsinn und keine Pharisäerei auf dem Gewissen. Wo er ist, da ist gerade das alles unmöglich. Und das Gesetz und sein Fluch ist nur da möglich, wo er nicht ist, noch nicht ist.

Ja, das ist merkwürdig: das Gesetz, das doch heilig, gerecht und gut ist [Röm. 7,12], gehört doch in eine andere Welt als in die Welt Christi. Woher kommt denn eigentlich das Gesetz, das «Du mußt»? Aus der Angst, meine Freunde, aus der Ratlosigkeit, aus dem Unglauben. Gelt, du weißt, was das Gewissen ist? Wie da auf einmal etwas bei uns anklopft und uns in unserem gewöhnlichen Leben stört! Wie da die Menschheit in ihrem Wesen immer wieder unterbrochen wird durch die Erinnerung an etwas Anderes. Wie es sich da immer wieder ankündigt: ihr seid hier nicht zu Hause, nicht zu Hause in der Welt des bloßen Genusses, der Selbstsucht, des Rechnens, des Streitens, in der Welt der Tränen und des Blutes, ihr habt das Paradies verloren, und das Reich Gottes will zu euch kommen: wartet, hoffet, macht euch bereit!, klopfet an, so wird euch aufgetan! [Mt. 7,7]. Ja, das ist das Gewissen. Und das hörst du ganz gut, wie es die Menschen von Anbeginn der Welt an gehört haben, wie sie es immer und überall hören.

Und jetzt kommt’s über dich vor lauter Angst: dem Gewissen muß man doch gehorchen, da muß doch etwas geschehen! O ja, da muß etwas geschehen. Merk wohl auf, hier ist ein wichtiger Punkt. Hier entscheidet sich’s, ob du nun unter das Gesetz kommen wirst oder ob die Erlösung anbricht, die in Christus erscheinen muß. O du Armer, wenn du an diesem Entscheidungspunkt in der Angst bleibst und darum unter das Gesetz kommst! O die arme Menschheit, die diesen Weg einschlägt! Da muß etwas geschehen, denkst du, da muß ich etwas tun, und jetzt tust du eben, was man «tun muß», greifst gierig nach dem Großen und Schönen, was man dir vorhält, unterwirfst dich gläubig allerlei Ansichten und Gewohnheiten, legst dir selber ein leichtes oder schweres Joch |244 auf, gehst in irgend einen Käfig hinein, um deiner Angst zu entrinnen, um dein Gewissen zum Schweigen zu bringen.

Alles: Du mußt! ist eine Flucht vor dem Gewissen. Das Gewissen erinnert dich an das Leben, statt dessen tust du etwas. Weißt du, was das ist, ein Surrogat? Chicorie2 ist ein Surrogat für Kaffee, Margarine ist ein Surrogat für Butter, Kartoffelmehl3, wie man’s jetzt in Deutschland hat, ist ein Surrogat für rechtes Weizenmehl. Es gibt aber Surrogate, die schlimmer sind als diese. Das Gesetz ist ein Surrogat für das Leben. Zum Volk Israel sagte Gott im Gewissen: Ihr sollt mein Volk sein, und ich will euer Gott sein! [vgl. Lev. 26,12 u.ö.], und das wäre für die Israeliten das Leben gewesen. Aber das konnten sie nicht fassen, damit konnten sie in ihrer Ratlosigkeit nichts anfangen, obwohl sie schon merkten, wie es ihnen überall fehlte. Und darum mußte ihnen Mose jetzt das Gesetz bringen: du sollst den Herrn, deinen Gott lieben [Dtn. 6,5], du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, nicht ehebrechen, nicht … [Dtn. 5,17–19 par.], und obwohl sie darin etwas Großes und Gutes hatten, mehr als alle anderen Völker, ist es ihnen doch im Lauf ihrer Geschichte zum Fluch geworden.

Uns allen sagt das Gewissen, daß Gerechtigkeit, Liebe und Erbarmen eigentlich unsere Heimat, unser natürliches Wesen ist und daß unser Leben durch keine anderen Kräfte gebaut und erhalten werden kann. Und die Angst peitscht uns, und wir denken, ja, man muß etwas tun, und ersinnen und erproben mit viel Fleiß unsere Staats- und Gesellschaftsordnungen, von denen immer nur eins sicher ist, nämlich daß sie aller Gerechtigkeit bar sind, ersinnen unsere Umgangs- und Höflichkeitsformen, die so liebenswürdig aussehen und hinter denen sich doch nur unsere Gleichgiltigkeit und Härte versteckt, ersinnen uns unsere hohen Ideale, an denen wir uns erfreuen und begeistern können, um unterdessen das, worauf das Gewissen uns hinweist, nicht ernst nehmen zu müssen. Und das Gesetz wird uns zum Fluch, je mehr es uns wichtig und heilig wird. Und zu uns Christen redet das Gewissen besonders deutlich, weil es am Evangelium geschärft ist. Unser Gewissen |245 sagt uns nichts Unbestimmtes, sondern klar und sicher, daß Gott unser Vater ist und wir seine Kinder, bestimmt für ewiges Leben. Wir aber erschrecken und sagen: ja, da muß etwas getan werden, und fragen: ja, was muß man denn glauben?, oder fangen irgend eine kleine Geschäftigkeit an für den lieben Gott oder legen uns irgend einen Zwang auf und kommen doch nicht weiter, dem ewigen Leben nicht näher, gehen immer wieder aus der Kirche mit der Gesetzesfrage: Ach, es wäre wohl schön, wenn man nur auch danach täte! So wird das Gesetz auch uns Christen zum Fluch, je frömmer wir sind, desto mehr. Wir haben das Surrogat gewählt statt dem Leben. Wir haben vor lauter Eifer und Gehorsam unserem Gewissen nicht gehorcht. Unsere Liebe und Gerechtigkeit, unser Glaube und unsere Rechtschaffenheit sind im Grunde Unglaube. Und die Welt, aus der uns das Gewissen herausreißen sollte, die Welt der Leidenschaft, des Egoismus, des Krieges ist erst recht da, seitdem auch noch das Gesetz hinzugekommen ist, das Gesetz mit seinem Du mußt!, das uns nur umso deutlicher zeigt, daß wir ja nicht können, weil wir in der Welt mitten drin sind.

Nun aber ist die Gerechtigkeit Gottes offenbar geworden außerhalb des Gesetzes [vgl. Röm. 3,21], ohne «Du mußt». Das ist die Tat Christi! Geh noch einmal zurück an den Entscheidungspunkt, wo das Gewissen dich in Unruhe versetzte, wo du dachtest: nun muß etwas geschehen, nun muß ich etwas machen. Sieh, nun kommt Christus und sagt: Nein, nun mußt du gerade nichts machen! Hör doch auf dein Gewissen! Was will es denn von dir? Es stellt die Heimat vor dich hin, die du verlassen hast und die mit großer Macht dir nachgeht und wieder zu dir kommen will. Es will nichts von dir, als daß du an deine Heimat denkest, daß es dir recht klar werde, wer du bist und wer Gott ist und die ewige Welt der Wahrheit und der Liebe, die Gott erbaut hat und immer neu baut, und daß du ganz sicher werdest: in diese Welt gehöre ich hin! Hör auf dein Gewissen, sagt uns Christus, aber wirklich und nicht nur zum Schein.

Und jetzt stellt er eben das Leben selber, das wirkliche Leben, in seiner ganzen Kraft und Herrlichkeit vor uns hin in seiner eigenen Person. Wenn wir ihn ansehen, dann vergeht uns die Angst und die Ratlosigkeit und der Unglaube, aus denen das Gesetz kommt. In ihm war kein «Ich muß», sondern alles Große und Herrliche, wovon das Gesetz nur eine Ahnung gibt, war in ihm eine fröhliche, strahlende Selbstverständlich|246keit. Ihm war Gott nicht auferlegt als ein fremder Zwang, sondern Gott lebte in ihm, und er konnte nicht anders als ihn wieder lieb haben. Er redete vom Guten nicht als Schulmeister, der belehren und erziehen will, sondern immer nur, um den Menschen Freude zu machen an Gottes Reich, wo das Gute von selbst geschieht. Er sagte den Leuten nicht: ihr müßt vollkommen sein, sondern er zeigte ihnen die Quelle und den Grund aller Vollkommenheit [vgl. Mt. 5,48]. Er tadelte sie nicht wegen ihrer Fehler und Unarten, die in einer Welt ohne Gott notwendig sind bis zu all den scheußlichen Verbrechen, die die Menschheit immer wieder begeht, er ließ den großen Gott leuchten, der die Unarten und die Verbrechen aufhebt, zunichte macht, wenn wir in ihm hell werden wollen. Er stellte keine Himmelsleiter auf mit der Forderung: nun klettert da hinauf, sondern er führte sie auf einen hohen Berg und sagte einmal über das andere zu ihnen: Selig seid ihr, wenn ihr vom Berg aus leben und denken wollt. Und darum konnte er auch keinen noch so schlechten Menschen als verlorenen Sünder ansehen, sondern nur als Kind Gottes, dessen Sünden vergeben sind, sowie es sich selber erkennt. Wer zu Jesus kam, der konnte nicht mehr verzweifeln, nicht wieder leichtsinnig werden. Denn bei Jesus fand er eben keinen Hochmut, keine Verurteilung, keine Verachtung wie bei den anderen guten und gerechten Leuten. Wer zu Jesus kam, der konnte, auch wenn er alle Gesetze des Guten tausendmal übertreten, wieder Zutrauen fassen, weil er da die Freudigkeit und den Mut wieder fand, die kein «Ich muß» uns geben kann, weil er da hineinsah in die Welt des Guten, in seine volle Wahrheit, von der uns alle Gesetze immer nur eine Andeutung geben, weil er da von der Wirklichkeit und Lebendigkeit Gottes ergriffen wurde, der wir ewig fernbleiben, solange wir etwas machen wollen, statt vor Allem einmal etwas zu haben und zu empfangen. Jesus konnte die Sünden der Menschen leicht nehmen, weil er Gott so ernst nahm und von seinem Sieg Alles erwartete. Er konnte das Böse vergeben, weil er Gottes Liebe dafür geben konnte. Ja, so war’s, bei Jesus wurde man beschenkt. Das «Du sollst» schwieg, weil man da etwas bekam, weil Jesus etwas hatte. Der Segen Gottes ging von ihm aus, weil er selber gesegnet war. Ein stiller Friede, eine große Freudigkeit und Sicherheit war um ihn herum, und doch eine große Klarheit, die das Böse als Böses wohl erkannte, ein ernster Wille, den Segen Gottes nun auch hineinzutragen in die arme Welt, die ihn so nötig hatte. Und wo Jesu Geist hinkommt, |247 da entsteht dieser Friede, diese Freudigkeit, diese Klarheit, diese Kraft. Da entsteht an Stelle des Gesetzes das Leben, da bricht die Freiheit herein an Stelle des «Du mußt», nicht die Freiheit der Narren, nicht die Freiheit der Schlechtigkeit, die Freiheit in Gott und aus Gott und für Gott.

Ja, darüber wäre nun noch viel nachzudenken. Christus hat uns erlöst!, sagt unser Text. So sollten wir alle frei sein von Rechts wegen und sind es auch, denn zu uns ist ja das gesagt. Und nun stehen wir da und können es gar nicht fassen, daß das wahr sein soll: Kein «Du mußt» mehr, nichts Auferlegtes, kein Zwang! Warum können wir es nicht fassen? warum scheint es uns, da gehe ja Alles drunter und drüber? Warum kommt uns die Freiheit wie ein wahres Wunder vor? Ja, das frage nun ein Jedes sich selber! Auf dieses Warum? kann keine Predigt Antwort geben. Die Erlösung steht da. Christus hat sie gebracht. Sie ist und gilt. An ihr fehlt’ nicht. Sie wartet nur auf Menschen, die erlöst sein möchten!

Amen.4
Lieder:
  • Nr. 25: «Großer Gott, wir loben dich» von I. Franz nach dem «Te Deum laudamus», 4. Jh., Strophen 1.7.9 (= GERS [1952] 59,1.6.8; EG 331,1.9.11; Text teilweise abweichend) 🎵
  • Nr. 225: «Ist Gott für mich, so trete» von P. Gerhardt, Strophen 1.4.9 (= GERS [1952] 259,1.4.10; EG 351,1.5b.6b.13) 🎵

Sachfußnoten

1
Am Montag, 14. Juni 1915 schrieb Barth an Thurneysen: «Ich sah am Freitag, daß ich über ‹den Zuchtmeister› noch nicht predigen könne und nahm ‹Christus hat uns erlöst vom Fluch des Gesetzes›. Es wurde mir aber zu theoretisch. Und da griff der liebe Gott ein, wie du zu sagen pflegst, und der Regimentsstab ordnete eine Feldpredigt an, und statt meiner predigte auf einer Wiese unter Fahnenflattern und Trommelwirbel — der Feldprediger über das packende Thema: ‹Kriegssteuer — Blutsteuer — Lebenssteuer!› … Nun werde ich wohl meine Predigt nächsten Sonntag halten, obwohl ich sicher bis dahin noch mehr gegen sie einzuwenden habe» (Bw.Th. I, S. 52 📖).↩
2
= Zichorie (französisch: chicorée).↩
3
Während seiner Reise nach Deutschland im April 1915 (s. oben S. 161, Anm. 1) hatte Barth die dortige Lebensmittelknappheit und die Notmaßnahmen zur Ernährung der Bevölkerung kennengelernt und in einem Bericht über diese Reise im Safenwiler Blaukreuzverein am 26.4.1915 auch davon erzählt.↩
4
Vgl. den nach Nr. 278 abgedruckten Stichwortauszug zu den Predigten 277-279 (s. oben S. 227, Anm. 1).↩