Predigt: Galater 3,13
Habt ihr’s vernommen? Christus hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes! Seht, wer das gemerkt hat, dem wird es so freudig ums Herz, daß er gerade singen und springen möchte. Und doch so ernst, daß er beten möchte, wo er gerade ist und geht. Das ist ein Abgrund von Wahrheit, fast möchte es einem schwindeln, wenn man hineinblickt. Und wer einmal hineingesehen hat, ist ein anderer Mensch geworden, ein neues Leben fängt da an, eine neue Welt kommt, wo die Erkenntnis aufbricht: Christus hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes.
Das Gesetz — das ist Alles, was du denkst und sagst und tust, weil du mußt. Alles Gute wohlverstanden, alles Große, Heilige, Herrliche, Göttliche, aber alles Göttliche, hinter dem wie ein aufgehobener Finger steht: Du sollst es! und darum mußt du es! Das Göttliche, das dir auferlegt ist oder das du dir selbst auferlegt hast. Das Göttliche, von dem [du] weißt: Eigentlich ist es nicht meine Sache, aber ich kann wohl nicht anders, und darum will ich jetzt. Das Göttliche, das nicht aus dir selber kommt. Das Göttliche, das du nicht selber hast und bist.
Warum mußt du? Vielleicht kommt es dir vor, der liebe Gott selber sei nichts als ein großer Gesetzgeber und seine Liebe zu dir sei geknüpft an die strenge Bedingung: halte meine Gebote!, und jetzt mußt du ihm gehorchen. Vielleicht ist aus der allgemeinen Menschenvernunft ein Begriff, ein Ideal hervorgesprungen wie ein mutiger Fahnenträger und hat dir zugerufen: das muß sein! und das darf nicht geschehen!, und jetzt |239 mußt du der Fahne folgen. Vielleicht haben dich andere Menschen, Eltern, Erzieher, Mitbürger und Nachbarn unter ihre Anschauungen und Bräuche gebracht, und jetzt mußt du wollen, was sie wollen. Vielleicht haben dich deine eigenen Lebenserfahrungen, ein großer Wunsch oder auch eine große Angst dahin gebracht, daß auf einmal ein Gesetzlein da war, irgend ein kleiner Zwang zum Guten, ein kleines, edles: «Ich muß», manchmal auch ein großes, und nun mußt du wirklich so sein und tun, wie du es dir selber ausgedacht hast.
Gar mannigfaltig kann das Gesetz aussehen. Da sind die großen Gebote Gottes, die
Was ist das Gesetz im Menschenleben? Natürlich eine Notwendigkeit und ein Glück, hat man dir schon in der Schule gesagt. Kommt nicht alles Große und Schöne in der Welt schließlich vom «Ich muß» her, von den Idealen, von den hohen Begriffen und festen Regeln? Wie sollte es ohne das irgend etwas Rechtes geben, heiße es nun Kindererziehung oder öffentliches Leben oder Bildung oder Fortschritt? Wie könnte es da einen Staat und eine Kirche geben? Wie soll der wilden Leidenschaft gesteuert, wie die Torheit belehrt, wie die Bosheit unterdrückt werden in uns selbst und in Anderen, wenn wir das Gesetz nicht hätten, das uns auf allerlei Weise einprägt, aufpfropft oder aufklebt, was wir leider selbst nicht sind und haben. Ist nicht der liebe Gott selber schließlich das größte Gesetz, das sich mit einem gewaltigen «Du mußt» über unser menschliches, natürliches Leben legt? Was ist seine Sonne mit ihren Strahlen Anderes als ein Bündel von Forderungen und Geboten: du sollst an mich glauben, du sollst vollkommen sein [vgl.
Ob’s nun geht oder nicht geht ohne das Gesetz: das ist sicher, wenn wir aufrichtig sind und uns nicht heuchlerisch etwas vormachen, müssen wir uns gestehen, daß das Gesetz in unserem Leben drin ein Fluch ist. Ja, so steht es in der Bibel, in unserem Text. Aber es steht nicht nur in der Bibel, wir erfahren das tatsächlich an uns selber, haben es schon erfahren oder werden es noch erfahren. Sieh, was du denken, reden und tun mußt, das ist ein Zwang, da lehnt sich in deinem Inneren etwas auf dagegen, da ist dein Gehorsam nichts Wahrhaftiges: du tust bloß so. Es mag so gut sein, als es will, es ist für dich nicht gut. Und wenn es Gott |241 selber wäre und seine heilige Wahrheit, es kann für dich kein Gottessegen werden, weil es für dich keine Wahrheit ist, solange es dir selbst etwas Fremdes ist.
Höre weiter! Du meinst: ich bin gehorsam, so gut ich kann, ich tue das Gute, ich führe aus nach Kräften, was Gottes Gebote und die Leute und ich selber mir auferlegt haben, so kann ich ruhig und zufrieden sein! Du Tor! So täuschest du dich selbst! Merkst du nicht, daß man das Gute gar nicht tun kann? Das Gute ist ewig. Ein kalter Tropfen Wasser auf einen heißen Stein ist nicht das Gute. Der Zeigefinger: du mußt! ist immer wieder da und weist dich auf eine unendlich hohe Leiter hin, wenn du aufrichtig sein wolltest. Du täuschest dich, wenn du auf irgend einer Sprosse der Leiter meinst, nun sei’s richtig, du bist noch viel tiefer unten, als du denkst. Ja, und wenn du das nun zufällig einmal merkst, daß man das Gute gar nicht tun kann, dann ist die Verzweiflung da, die hoffnungslose Angst und Unsicherheit, du könnest ja doch kein guter Mensch werden und was nur das Leben solle und ob es nicht am Ende besser sei, all das «Ich muß» fahren zu lassen und leichtsinnig zu werden wie so viele Andere. Viele sind leichtsinnig geworden, nachdem sie eine Weile bitterernst gewesen. Viele sind untergegangen in Grübeleien und Selbstanklagen. Das ist der Fluch des Gesetzes. Vielleicht hast du noch nichts gemerkt, fährst auf deinen vorgezeichneten Schienen brav und sicher und ruhig dahin. Es wird auch in dir und bei dir einmal offenbar werden. «Durch das Gesetz wird niemand gerecht vor Gott» [
Ja, und wenn du nun wirklich hoch oben stündest auf der Tugendund Vortrefflichkeitsleiter und ein recht vollkommener Mensch wärest mit vielen guten Gedanken und hohen Idealen und rechtschaffenen Gewohnheiten und löblichen Taten. Was hilft dir nun das und was soll das vor Gott? Sieh um dich! Da sind lauter Menschen, die «keine guten Menschen» sind, wie du das auf deiner Höhe wohl nennen mußt. Sieh all die Leidenschaft, all die Trägheit, all den Wahnsinn in der Welt, an dem das «Du mußt» wirkungslos abprallt wie [ein] Pfeil an einer Granitmauer. Sieh da die Trinker! die liebe Eitelkeit! die Geldknechtschaft der Menschen! den Krieg der Völker! Was denkst du davon? Wie redest du darüber? Hast du nicht eben gesagt: ja, das ist über die Maßen schändlich! Warum tun nur die Leute so, o diese Verblendung, diese Verkehrtheit — und insgeheim hast du hinzugefügt: wenn sie doch auch |242 da oben stünden, wo ich stehe! O, was ist jetzt geschehen! Jetzt hast du dich auf einmal gefreut über dich selbst, gefreut über den Abstand, der dich von jenen trennt, gefreut über ihre Tiefe. Ja, jetzt hat dich dein Gesetz und deine Gerechtigkeit nach dem Gesetz schließlich nur zum Pharisäer gemacht, der sich bewundern und die Anderen beurteilen, verurteilen und verwerfen muß, hat dich von deinen Brüdern getrennt, schärfer als alle Sünde euch hätte trennen können, hat dich das höchste Gesetz, das Gesetz der Liebe brechen lassen vor lauter Gerechtigkeit, und eine neue feste Burg hast du aufgerichtet mit deinem «Ich muß» in der Welt der Bösen, über die du eben zu triumphieren meintest. Und das alles muß so sein. Unaufhaltsam ist der Weg, der dahin führt. Das Gesetz kann keine anderen Folgen haben als die, daß alle Liebe und Gemeinschaft, die noch da sind, zerrissen werden. So hart wie das Gesetz wirst du selber nun. So fremd wie die Güte dir selbst geblieben ist im tiefsten Grunde, so fremd und kalt denkst und redest du nun auch von den Menschen. So wenig das Gesetz dir Gottes Segen gebracht hat, so wenig kannst du mit ihm Andere segnen. Du mußt ein armer Pharisäer werden. Und das sind die unglücklichsten Menschen. Der Fluch des Gesetzes! Glaubst du’s, daß der Fluch liegt auf allem: Du mußt!, und wenn das Heiligste und Herrlichste dahinter wäre!?
Aber Christus hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes! Du würdest ihn ganz, falsch verstehen, wenn du ihn nehmen wolltest als einen, der auch wieder ein neues, schweres: Du mußt! in die Welt und ins Leben bringe. Man hat ihn freilich oft genug zum Polizisten und Schulmeister gemacht. Das Christentum, die Religion, die sich nach ihm nennt, ist oft genug aufgetreten als Kämpfer gegen die Leidenschaften, als Herrscher und Erzieher der törichten Menschen, als aufdringlicher Aufseher und Bevormunder aller menschlichen Beziehungen und Verhältnisse. Das Christentum ist gekommen und hat seine Begriffe und Ideale aufgestellt, höher und steiler als alle Weisen und Gerechten der Juden vor ihm, hat Glauben und Moral von den Menschen gefordert, strenger als die Strengsten vorher. Das Christentum hat das Gesetz getrieben und gepredigt, bei den Alten und bei den Jungen, und tut es heute noch. Das Christentum hat darum auch, mehr als alle anderen Religionen, ein ganzes Meer von Selbsttäuschung, Leichtsinn, Verzweiflung und Pharisäertum zur Folge gehabt. Aber das alles ist ja nicht Christus! Das alles zeigt ja nur, daß man Christus nicht in eine Religion fas|243sen kann, zeigt nur, daß die Christen Christus ebenso nötig haben wie die Juden und die Heiden. Christus hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes. Er hat mit allem Du mußt! nichts zu tun. Er ist nicht dabei, wo die Menschen stöhnend und eifernd sich selbst und Anderen Gebote und Regeln aufladen, und wenn es die allerbesten und notwendigsten wären. Er ist nicht dabei, wo sie einander zwingen und verurteilen aus lauter hoher Gerechtigkeit. Er hat keinen Zeigefinger ausgestreckt. Er hat darum auch keine Heuchelei, keine Sündenangst, keinen Leichtsinn und keine Pharisäerei auf dem Gewissen. Wo er ist, da ist gerade das alles unmöglich. Und das Gesetz und sein Fluch ist nur da möglich, wo er nicht ist, noch nicht ist.
Ja, das ist merkwürdig: das Gesetz, das doch heilig, gerecht und gut ist [
Und jetzt kommt’s über dich vor lauter Angst: dem Gewissen muß man doch gehorchen, da muß doch etwas geschehen! O ja, da muß etwas geschehen. Merk wohl auf, hier ist ein wichtiger Punkt. Hier entscheidet sich’s, ob du nun unter das Gesetz kommen wirst oder ob die Erlösung anbricht, die in Christus erscheinen muß. O du Armer, wenn du an diesem Entscheidungspunkt in der Angst bleibst und darum unter das Gesetz kommst! O die arme Menschheit, die diesen Weg einschlägt! Da muß etwas geschehen, denkst du, da muß ich etwas tun, und jetzt tust du eben, was man «tun muß», greifst gierig nach dem Großen und Schönen, was man dir vorhält, unterwirfst dich gläubig allerlei Ansichten und Gewohnheiten, legst dir selber ein leichtes oder schweres Joch |244 auf, gehst in irgend einen Käfig hinein, um deiner Angst zu entrinnen, um dein Gewissen zum Schweigen zu bringen.
Alles: Du mußt! ist eine Flucht vor dem Gewissen. Das Gewissen erinnert dich an das Leben, statt dessen tust du etwas. Weißt du, was das ist, ein Surrogat? Chicorie2 ist ein Surrogat für Kaffee, Margarine ist ein Surrogat für Butter, Kartoffelmehl3, wie man’s jetzt in
Uns allen sagt das Gewissen, daß Gerechtigkeit, Liebe und Erbarmen eigentlich unsere Heimat, unser natürliches Wesen ist und daß unser Leben durch keine anderen Kräfte gebaut und erhalten werden kann. Und die Angst peitscht uns, und wir denken, ja, man muß etwas tun, und ersinnen und erproben mit viel Fleiß unsere Staats- und Gesellschaftsordnungen, von denen immer nur eins sicher ist, nämlich daß sie aller Gerechtigkeit bar sind, ersinnen unsere Umgangs- und Höflichkeitsformen, die so liebenswürdig aussehen und hinter denen sich doch nur unsere Gleichgiltigkeit und Härte versteckt, ersinnen uns unsere hohen Ideale, an denen wir uns erfreuen und begeistern können, um unterdessen das, worauf das Gewissen uns hinweist, nicht ernst nehmen zu müssen. Und das Gesetz wird uns zum Fluch, je mehr es uns wichtig und heilig wird. Und zu uns Christen redet das Gewissen besonders deutlich, weil es am Evangelium geschärft ist. Unser Gewissen |245 sagt uns nichts Unbestimmtes, sondern klar und sicher, daß Gott unser Vater ist und wir seine Kinder, bestimmt für ewiges Leben. Wir aber erschrecken und sagen: ja, da muß etwas getan werden, und fragen: ja, was muß man denn glauben?, oder fangen irgend eine kleine Geschäftigkeit an für den lieben Gott oder legen uns irgend einen Zwang auf und kommen doch nicht weiter, dem ewigen Leben nicht näher, gehen immer wieder aus der Kirche mit der Gesetzesfrage: Ach, es wäre wohl schön, wenn man nur auch danach täte! So wird das Gesetz auch uns Christen zum Fluch, je frömmer wir sind, desto mehr. Wir haben das Surrogat gewählt statt dem Leben. Wir haben vor lauter Eifer und Gehorsam unserem Gewissen nicht gehorcht. Unsere Liebe und Gerechtigkeit, unser Glaube und unsere Rechtschaffenheit sind im Grunde Unglaube. Und die Welt, aus der uns das Gewissen herausreißen sollte, die Welt der Leidenschaft, des Egoismus, des Krieges ist erst recht da, seitdem auch noch das Gesetz hinzugekommen ist, das Gesetz mit seinem Du mußt!, das uns nur umso deutlicher zeigt, daß wir ja nicht können, weil wir in der Welt mitten drin sind.
Nun aber ist die Gerechtigkeit Gottes offenbar geworden außerhalb des Gesetzes [vgl.
Und jetzt stellt er eben das Leben selber, das wirkliche Leben, in seiner ganzen Kraft und Herrlichkeit vor uns hin in seiner eigenen Person. Wenn wir ihn ansehen, dann vergeht uns die Angst und die Ratlosigkeit und der Unglaube, aus denen das Gesetz kommt. In ihm war kein «Ich muß», sondern alles Große und Herrliche, wovon das Gesetz nur eine Ahnung gibt, war in ihm eine fröhliche, strahlende Selbstverständlich|246keit. Ihm war Gott nicht auferlegt als ein fremder Zwang, sondern Gott lebte in ihm, und er konnte nicht anders als ihn wieder lieb haben. Er redete vom Guten nicht als Schulmeister, der belehren und erziehen will, sondern immer nur, um den Menschen Freude zu machen an Gottes Reich, wo das Gute von selbst geschieht. Er sagte den Leuten nicht: ihr müßt vollkommen sein, sondern er zeigte ihnen die Quelle und den Grund aller Vollkommenheit [vgl.
Ja, darüber wäre nun noch viel nachzudenken. Christus hat uns erlöst!, sagt unser Text. So sollten wir alle frei sein von Rechts wegen und sind es auch, denn zu uns ist ja das gesagt. Und nun stehen wir da und können es gar nicht fassen, daß das wahr sein soll: Kein «Du mußt» mehr, nichts Auferlegtes, kein Zwang! Warum können wir es nicht fassen? warum scheint es uns, da gehe ja Alles drunter und drüber? Warum kommt uns die Freiheit wie ein wahres Wunder vor? Ja, das frage nun ein Jedes sich selber! Auf dieses Warum? kann keine Predigt Antwort geben. Die Erlösung steht da. Christus hat sie gebracht. Sie ist und gilt. An ihr fehlt’ nicht. Sie wartet nur auf Menschen, die erlöst sein möchten!
- Nr. 25: «Großer Gott, wir loben dich» von
I. Franz nach dem «Te Deum laudamus», 4. Jh., Strophen 1.7.9 (= GERS [1952] 59,1.6.8; EG 331,1.9.11; Text teilweise abweichend) - Nr. 225: «Ist Gott für mich, so trete» von
P. Gerhardt , Strophen 1.4.9 (= GERS [1952] 259,1.4.10; EG 351,1.5b.6b.13)