Das ist nun auch eine von den großen, unerschütterlichen Wahrheiten, die uns Gott
durch die Ereignisse der Zeit nahelegen will: Wir haben hier keine bleibende Stätte,
sondern die zukünftige suchen wir [Hebr. 13,14]! Wir sind nicht zu Hause in dieser Welt, wir sind Fremdlinge
in diesem jetzigen gegenwärtigen Menschenleben. Hat es uns Jesus nicht schon lange
gesagt: Die Füchse haben Gruben und die Vögel haben Nester, aber des Menschen Sohn
hat nicht, da er sein Haupt hinlege [Mt. 8,20]? Hat es uns nicht die Stimme der reinen, feinen, tiefen Seele in
uns schon lange gesagt: Mensch, du darfst nicht den Weg gehen, den
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«die Leute» gehen, ihre Gedanken können nicht deine Gedanken sein und ihre Art nicht
deine Art. Hat es uns nicht diese und jene Erfahrung unseres Lebens deutlich genug
gesagt: Wenn du dem Höheren, Besseren in dir gehorchen willst, dann mußt du dich
scheiden vom Herrn und von der Frau Jedermann! Dann darfst du nicht mehr fragen: was
denkt man, was sagt man, was tut man, sondern: was habe ich zu tun, ich ganz allein und für
mich, weil Gott mir befiehlt und ich ihm verantwortlich bin! Dann
mußt du wissen: meine Heimat und meine Burg ist nicht der Ortsbrauch und nicht die
allgemeine Anschauung und nicht die zeitgemäßen Ansichten, sondern meine Heimat und
Burg ist die stille, verborgene Erkenntnis des Lebens, die nur ich
habe, die ich aber sicher habe, weil ich sie von Gott habe. Haben wir etwas davon gehört und gemerkt in unserem bisherigen
Leben, daß es so ist? Einige von uns, ja, andere von uns denken: gerade das Gegenteil
davon ist wahr! Wir alle aber haben eine Ahnung, daß es doch wahr sein könnte.
Und nun ist der Krieg gekommen und sagt uns das Gleiche wieder,
kräftiger, deutlicher, eindringlicher, als wir es je gehört haben. Von unseren
Landesgrenzen bis zur Nordsee hinauf und vom Mittelmeer bis zur Ostsee donnern die
Kanonen, liegen sich die Millionen gegenüber, wie die Maulwürfe in die Erde
vergraben, mit tausend sinnreichen Mitteln versehen, um zu kämpfen, zu töten,
lauernd, dem Gegner Schaden zuzufügen und selber in der beständigen Erwartung, in Tod
und Schrecken unterzugehen von einer Stunde auf die andere. Und hinter den Heeren
andere Millionen und Abermillionen in der Heimat, die nur den einen Gedanken haben:
Krieg!, den einen Willen: Siegen über die Menschen da drüben, die Völker da auf der
anderen Seite! Feine, tiefe, tüchtige Menschen, die sonst ihr Leben den tiefsten
Fragen der Menschheit, den Werken der Wahrheit und der Liebe gewidmet hatten, sie
erleben nun die herzlichste Freude dann, wenn wieder irgend eine Tat der Vernichtung
gemeldet wird. Die Glocken der Kirchen haben ihre Bestimmung vergessen, und ihr
metallener Mund ertönt als Zeichen des Jubels über tausend
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erschlagene Feinde. Was des Menschen Geist ersonnen und erschaffen in langen
Jahrzehnten, das muß nun auf einmal der Zerstörung und nur der Zerstörung dienen. Und
die Gedanken der Denker, die für Tausende Kraft und Freude gewesen waren, sie gehen
in die Irre und werden zu Gift und Dolch. Wie lange noch das alles? Noch ist kein
Ende abzusehen. Immer vollständiger und konsequenter geht das alles seinen Gang.
Immer tiefer gräbt sich der Riß ein, der in der Menschheit entstanden ist. Immer
deutlicher, aber auch immer schwieriger werden seine Folgen für das äußere und innere
Leben der Menschen. Und mit dem allen sagt uns Gott: ihr seid in dieser Welt nicht zu
Hause! Es darf euch hier nicht zu wohl werden, und ihr dürft nicht kleben und bleiben
in diesen Verhältnissen. Ihr könnt ja nicht! Ihr seht ja jetzt, wie sie zuletzt enden
und enden müssen in Leid und Verbrechen. Er weckt in uns die Sehnsucht nach dem Leben, das andere Wurzeln und darum auch andere Früchte hat als
dieses gegenwärtige Weltleben.
Es war wehmütig dies Jahr, wie der Herbst den Sommer und der Winter den Herbst
verdrängte, wie die Blätter fielen und die kalten unfreundlichen Winde kamen. Wir
mußten an die vielen blühenden Menschenleben denken, die nun auch zu Boden gefallen
sind und tagtäglich zu Boden fallen wie welke Blätter. Wir mußten an den Herbst und
Winter denken, der vielleicht jetzt über unsere europäische Kulturwelt kommt. Müssen
wir uns vielleicht gegenseitig vernichten, um dann nur schwach auf die Seite zu
treten und anderen kräftigeren Völkern und Rassen den Platz an der Spitze der
Menschheit einzuräumen? Aber es hat bei allen trüben Stimmungen auch etwas
Tröstliches, wie die Natur in ewigem Werden und Vergehen unerschütterlich ihren Gang
geht. Sie läßt sich nicht stören und aufhalten durch Krieg und Kriegsgeschrei, durch
alles Irren und Sündigen der Menschen. Das hat sie mit Gott gemeinsam. Da zeigt sie
uns still und ohne großes Wesen, was Gott ist: der Ewige, Überlegene, der, der über unserem Denken und Tun steht. So erinnert uns auch diese
traurige herbstliche Natur da draußen an unsere Heimat, die nicht hier,
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sondern höher oben ist. Tröstlich ists jetzt auch, zum Sternenhimmel emporzusehen,
daran zu denken, wie diese Welten von Gestirnen da oben in unendlichem Raum seit
Millionen von Jahren unveränderlich ihren Gang gegangen sind und auch heute gehen und
morgen gehen werden. Tausende und Tausende blicken zu ihnen empor auch von den
leichenbedeckten Schlachtfeldern und erheben sich im Stillen daran: was wir da sind
und treiben, die ganze Trübsal und Verwirrung, in der wir uns jetzt befinden, das ist
zum Glück nicht das Letzte und Höchste, das ist ein vorläufiger böser Traum, aus dem
es einmal ein Erwachen geben muß. Unsere Heimat ist in dem Ewigen, von dem auch die
Sterne da droben nur ein Abglanz sind, zeitlich und vergänglich.
So redet Gott mit uns in dieser Kriegszeit, wie er einst zu Abraham geredet hat: Gehe
aus deinem Vaterland und von deiner Freundschaft und aus deines Vaters Hause in ein
Land, das ich dir zeigen werde! Und wieder werden Einige den Ruf Gottes hören und
verstehen und Gott gehorchen, wie es Abraham getan hat. Andere aber, die Meisten,
werden es auch jetzt nicht begreifen. Sie erleben die gegenwärtigen Ereignisse und
merken gar nichts. Die Art der Welt und unsere Menschenart gefällt ihnen trotz Allem
noch recht gut. Sie wissen auch dem Krieg irgend eine gute Seite abzugewinnen und
schütteln nur den Kopf bei dem Gedanken, daß diese jetzige Welt wirklich nicht unsere
Heimat sei. Das ist immer so gewesen. Ihre Stunde wird dann auch einmal kommen, die
Stunde, wo auch sie den Ruf hören werden und nicht mehr überhören können, den Ruf:
hinaus aus deinem Vaterland, aus deiner Freundschaft, aus deines Vaters Haus, hinaus
in ein Land, das ich dir zeigen will. Auch da ists eben wahr: Gott wartet. Und er hat
große Geduld mit uns.
Ists denn wahr, sind wir Fremdlinge in dieser Welt, Fremdlinge, die
den Ruf: Zieh aus! beständig in den Ohren haben? Müssen wir das Leben so ansehen?
Nein, wir können es ja auch anders ansehen, es kann sein, daß es
uns ganz wohl ist in der Welt, daß wir überall ganz gut auskommen, so lange nämlich,
als wir
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noch keine wahrhaft lebendigen Menschen sind. Es gibt einen Schlafzustand, und da
ist der Mensch mit Allem zufrieden, da nickt er überall mit dem Kopfe, ist überall
dabei, ohne sich etwas zu denken. Er sieht nichts Besonderes, geschweige denn etwas
Schlimmes in der Art, wie «die Leute» es machen. Er geht den sicheren Weg von dem,
was Brauch ist und was alle Anderen auch tun. Er besinnt sich keinen Augenblick
darüber, daß dies und das auch anders sein könnte, als «man» so gewöhnlich denkt. Das
ist der Schlafzustand, in dem Unzählige sich befinden. Wenn auch Abraham so
geschlafen hätte, dann hätte Gott ihn lange rufen können: «Zieh aus!» Warum denn
auch? Es war ihm doch ganz wohl, wo er war. O ja, es ist einem wohl
bei diesem Schlaf, das ist gar nicht zu leugnen. Da geht man wie von Engeln behütet
durchs Leben. Da stößt man nirgends ernsthaft an. Da kommt man im Ganzen schön glatt
durch. Der wird nie etwas sagen oder tun, was die Anderen nicht verstehen können, im
Gegenteil: da denken die Anderen sofort: es geht ihm wie mir! er redet mir ganz aus
dem Herzen! Der wird in Allem so handeln, wie es vernünftig ist, wie es dem gesunden
Menschenverstand entspricht. Was er sagt, das hat Hand und Fuß, und was er macht, das
gerät wohl. Der findet darum Beifall und Unterstützung bei jedermann, «man» lobt ihn,
«man» hilft ihm, er bringt es zu etwas. Unzählige schwimmen in diesem Glück: was man
denkt, das denken sie auch, was man sagt, das sagen sie auch, was man tut, das tun
sie auch und sind so vergnügt dabei. Und unzählige Andere, die sehnen sich danach,
auch so mitschwimmen zu können in diesem großen Strom des Glücks. Es ist etwas in
ihnen, das hindert sie noch. Sie können nicht anders, sie müssen manchmal anders sein
als jedermann ist. Aber das reut sie von Herzen, sie haben das aufrichtige Verlangen,
diesen Fehler gutzumachen, sie geben sich alle Mühe, mit der Welt und Menschheit und
mit sich selbst recht zufrieden zu sein, um dann auch so froh plätschern zu können in
der allgemeinen Welle, in der Alles plätschert. O wie viele junge Menschen, denen man
es sonst gar nicht zutrauen würde, sind gar eifrige und gelehrige Schüler
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in dieser Beziehung! Wie viele Männer und Frauen sind da, die es wunderbar fein
fertig gebracht haben im Lauf der Jahre, mit der Welt Frieden zu schließen, obwohl
lange, lange ein Häklein da war in ihnen, das sich immer wieder krümmte, obwohl sie
auch jetzt hin und wieder einen Stich spüren in sich, der sie nicht zum ganz
ungetrübten Genuß ihres Glückes kommen läßt! Merkwürdig, dieses Wohlsein, das man
verspürt, wenn man in dem Schlafzustand der Zufriedenheit dahinlebt, dieses Wohlsein
hat ja wohl noch kein Mensch völlig und ohne jede Störung wirklich besessen.
Es ist ein unruhiger Schlaf, dieser Schlaf. Immer wieder ist da
etwas in der Tiefe unserer Seele, das uns halb weckt. Eigentlich ist es uns nicht so
ganz wohl. Auf einmal ist die Frage da in uns: ist es nicht entsetzlich fade und
leer, das Leben, das jedermann lebt und ich damit? Hat das einen Wert? Hat das einen
Sinn, dieser ewige Wechsel zwischen ein bißchen Arbeit und Mühe und ein bißchen
Vergnügen? Kann ich mich damit zufriedengeben? Die Frage verschwindet wieder, wir
tanzen darüber hinweg, denken nicht weiter darüber nach, es macht es ja jedermann so!
Aber gestört sind wir doch. Und nun taucht ein anderes Mal eine andere Frage auf: Was
kommt eigentlich bei dem heraus, was man so schön die Vernunft und den gesunden
Menschenverstand nennt und was man sich so allgemein zur Lebensregel macht? Wie
kurzsichtig sind doch eigentlich diese vermeintlich so vernünftigen Gedanken! Wie
steckt man doch da den Kopf in den Sand vor den eigentlichen großen Fragen des
Lebens, wie verbirgt man sich da so feig vor dem, was im Grunde unsere Aufgabe wäre!
Was wird dabei erreicht? Lauter kleine Dinge, aus denen nie etwas Großes werden kann.
Und wieviel krasses Unrecht hat Platz unter dem weiten Mantel dieses sogenannten
gesunden Menschenverstandes! Dieser gesunde Menschenverstand hat noch vor allen
großen Sorgen und Übeln des Lebens einfach versagt. Er hat die größten Quälereien und
Ausbeutungen, mit denen Menschen einander geplagt haben, mit Achselzucken
hingenommen. Er hat die schwersten Laster, durch die die Menschen sich
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selbst zu Grunde richten, passieren lassen. Er weiß kein Wort zu sagen gegen den
Krieg, dieses Wahnsinnigste aller Verbrechen. Der gesunde Menschenverstand weiß
überall, wo es darauf ankommt, nur zu bedauern oder kleine Pflästerchen aufzulegen,
damit man es nicht so merken soll, und schließlich sagt er: da ist nichts zu wollen,
die Welt ist so!
O wenn man da einmal aufwacht aus dem Schlaf — es scheint einem, man kann dann nicht
so bald wieder einschlafen, und doch könnens Tausende. Sie ahnen etwas, sie merken
etwas: man hat eigentlich nicht recht mit seinen Meinungen und Ansichten, «man»
könnte eigentlich Alles auch ganz anders betrachten — aber — man machts nun einmal
so, jedermann ist so, denkt so, redet so, und schon ist er wieder eingeschlafen oder
hinweggelangt über die störenden Fragen. Aber sein Glück wird nicht ganz ungetrübt
sein. Die Fragen könnten wieder kommen so oder anders. Die Unruhe könnte wieder
kommen in irgend einer anderen Form. Was ist denn eigentlich das, wie wir so
nebeneinander leben, Jedes nur an sich denkend und eben darum Jedes in Angst vor dem
Anderen, es könnte mir zuvorkommen, ich könnte bloßgestellt werden, man könnte mich
auslachen. Und nun sehen wir ängstlich links und rechts und ahmen einander Alles nach
und bemühen uns, gut angesehen und beurteilt zu werden, und freuen uns, wenn man uns
hilft, und helfen den Anderen, weil wir denken: sie werden uns dann auch wieder
helfen — was soll das alles? was hat das für einen Wert? Ist diese ganze Art,
miteinander zu leben, nicht ein großmächtiger Schwindel, der des Menschen eigentlich
gar nicht würdig ist? So blitzen und zucken die Fragen und Zweifel in uns, aber
schnell streuen wir wieder Sand darüber. Solche Fragen mögen einem ja etwa kommen,
aber denen geht man doch nicht ernsthaft nach! Da könnte es ja ungemütlich werden. O
ja, man kann alle diese Fragen und noch tausend andere ähnliche, die in jedem
Menschen aufsteigen, mit Sand zudecken, und es gibt viele, die wahre Künstler sind
mit diesem Sand, aber gemütlich wird es darum doch nicht wieder in unserer Seele. Es
bleibt bei aller Zufriedenheit, bei allem Wohl|571sein, dessen wir uns rühmen, in unserem Inneren etwas von jener Unruhe, etwas, das
sich eben nicht zufrieden geben will. Immer wieder klopft es in der Tiefe: du hast
noch keine Antwort gegeben? Wann wirst du Antwort geben? Ist die Welt, ist das Leben
so, daß du dich darin zu Hause fühlen darfst? Ists? Wir würden mehr wirklich
vergnügte, sonnige Gesichter unter uns sehen, wenn man da herzhaft mit Ja antworten
könnte. Aber so zahlreich die Menschen sind, die mit der Welt und ihrer Art Frieden
gemacht haben, so selten sind die wirklich fröhlichen Menschen. Die Meisten hängen
die Köpfe, oder sie blicken barsch und böse, oder tiefe Sorgenfalten gehen über ihre
Stirne, oder das Mißtrauen leuchtet aus ihren Augen. Die Unruhe, die das Glück dieser
Welt stört, muß doch groß sein, daß sie solche Wirkungen hat, trotzdem die Menschen
so viel tun, um sie zu überwinden und zum Schweigen zu bringen.
Ja, was ists denn eigentlich mit dieser Unruhe, die in den Menschen lebt und sie
nicht zu dem ungetrübten Glück kommen läßt, das sie sich doch so sehnlichst wünschen?
Es ist wohl begreiflich, daß wir sie fürchten und verwünschen und
zu vertreiben suchen, solange wir sie nämlich als unseren Feind ansehen. Sie ist uns
eine Plage, solange wir sie als Plage betrachten, solange wir ihr widerstehen,
solange wir uns nicht wecken lassen wollen, sondern immer neuen Sand herbeischleppen,
um die Fragen zu ersticken, die sie in uns aufsteigen läßt.
Es braucht aber nicht so zu sein. Abraham wollte nicht schlafen. Er machte sich nicht
mit Sand zu tun, um die Fragen zum Schweigen zu bringen. Er wollte wach sein. Er
wollte hören. Und darum hörte er die Stimme, die ihm sagte: du gehörst nicht hierher!
geh aus aus deinem Vaterland! Die Stimme Gottes. Darum
plagte sie ihn nicht, darum wurde er nicht böse und unzufrieden, trotzdem er jetzt
wie ein Unzufriedener fort mußte aus Allem, was ihm lieb gewesen war. Darum gehorchte
er dieser Stimme. O meine Freunde, wenn wir das fassen wollten: es ist Gottes Stimme,
die in jener Unruhe mit uns redet. Da taucht das Gute, das Herrliche, das Notwendige
auf in unserem Leben, wenn
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es so in uns klopft und bohrt, wenn der Friede und die Gemütlichkeit von uns
genommen werden. Solange wir mitschwimmen in der allgemeinen Welle, solange wir sind
wie jedermann, solange wir gemütlich und zufrieden sind, solange sind wir tot; wenn
die Unruhe sich meldet, dann meldet sich das wahrhaftige Leben, das von uns Besitz
ergreifen will. Denn jene Fragen, in denen diese Unruhe über uns kommt, sie haben ja
doch recht. Es ist doch nicht anders: das gewöhnliche Leben, das alle Welt lebt, die
Weisheit des Herrn Jedermann, die sich groß und breit macht in den Häusern und auf
den Gassen und in den Gemeinden und Staaten, sie ist doch eben nichts, sie ist ein
Schein, ein gewaltiger Irrtum. Sie führt notwendig zur Enttäuschung und Unordnung,
sie führt notwendig zu solchen Katastrophen, wie wir jetzt eine miterleben. Wohl uns,
wenn die Fragen, die Zweifel in uns auftauchen und wenn wir ihnen Gehör schenken; sie
sind kein Unglück, sie sind der Wegweiser hinaus aus einem Wesen, das uns nicht
genügen kann, an dem wir zugrunde gehen müßten, hin in das heilige Land der Wahrheit,
der Gerechtigkeit, der Freude und des Friedens. Wir wollen sie doch nicht fürchten,
meine Freunde, wir wollen es wagen, unruhig zu werden, wir wollen es wagen, diesen
Fragen nachzudenken und dann auch durch die Tat nachzugehen. Wir wollen es wagen, dem
Neuen, was da aus der Tiefe der Seele herauf sich geltend macht, Folge zu geben, uns
einzustellen auf die neue Richtung, die uns da gewiesen wird. Denn dieses Neue, das
da kommt und was mit der Art der Welt unzufrieden macht, das ist doch Gott. So kommt
Gott zu uns, erst mit leisen Bedenken und Zweifeln, dann mit Fragen an unsere Seele,
die wir nicht mehr überhören können, schließlich indem er von uns Besitz nimmt, sodaß
wir ihm gehorchen müssen, obwohl wirs gar nicht gewohnt sind, obwohl wir es selber
gar nicht begreifen können.
Abraham war schon 75 Jahre alt, als die Stimme Gottes mit ihm redete: Und er hörte
und gehorchte, weil er wußte, wer mit ihm redete. Meine Freunde, unter uns sind
wenige, die schon so alt sind. So wollen wir uns doch nicht entschuldigen und ver|573teidigen und sagen: ich bin jetzt so, ich kann mich jetzt nicht mehr ändern, ich muß
jetzt weiterschlafen und will es nicht anders. O, du mußt nicht! Da ist keine Rede
davon. Laß das lebendige Leben von Gott, das auch in dir schlummert und das dich bis
jetzt nur beängstigte und plagte, weil es dir immer wieder zurief: es geht nicht! es
genügt nicht, was du bis jetzt bist und treibst! — laß es hervorbrechen und von dir
Besitz ergreifen und werde ihm gehorsam! Gib der Unruhe nach, dann bist du die Unruhe
los! Dann hast du das, wonach du bis jetzt auf falschen Wegen so sehnlich gesucht
hast.
Freilich, dann mußt du es vor Allem auch wagen, ein Fremdling zu
sein im Leben, in der Welt, unter all den Herren und Frauen Jedermann mit ihren
bekannten Gesinnungen und Gewohnheiten. Und das wird dir schwer fallen. Es fiel
Abraham auch schwer, in seinem Alter noch einmal Alles zu verlassen und einer Heimat
entgegenzuwandern, die er noch nie gesehen hatte. Wer einmal die Stimme des Lebens,
die aus der Tiefe der Seele kommt, gehört, willig gehört hat, wer begonnen hat, Gott
gehorsam zu werden, der merkt bald, daß er nun zu einem Wanderer und Pilger und
Fremden geworden ist in der Welt und unter den Leuten. Mit der Gemütlichkeit ist es
nun vorbei. Nun sieht man dich von der Seite an: ja, was will denn der? ja, was hat
denn der für seltsame Ideen im Kopf! Hintenherum lächelt man mitleidig über dich und
vornherum sagt man es dir offen ins Gesicht: wir verstehen dich nicht! Nun mußt dus
wagen, Dinge zu sagen und zu tun, von denen jedermann findet: wie unpraktisch, wie
unanständig, das nützt doch nichts! Nun mußt du dich getrauen, ganz allein zu stehen,
von niemandem Lob und Dank zu ernten, wohl aber von Vielen, von den Meisten getadelt,
ausgelacht, geschimpft zu werden. Nun ists endgültig vorbei mit dem Glück,
mitplätschern zu können in der großen Welle. Nun gehts nicht mehr so glatt, sondern
da stößest du an und dort wirst du zurückgestoßen. Nun ists vorbei mit der
Gemütlichkeit, sondern viele schwere, einsame Stunden warten auf dich, Stunden, wo du
innerlich kämpfen mußt mit dem Wider|574stand, den man dir bereitet, und kämpfen mußt vor Allem mit der eigenen Schwachheit,
die dir jetzt klarer als alles Andere vor Augen steht. Das heißt ein Fremdling sein.
Willst dus wagen, ein Fremdling zu werden? Geh aus aus deinem Vaterland und von
deiner Freundschaft und aus deinem Vaterhause — in ein Land, das ich dir zeigen will.
Es ist schwer, Gott zu gehorchen, anders zu werden als jedermann ist, das ist wahr.
Darum fürchten sich auch die Meisten davor und sagen: ich will weiterschlafen.
Aber wir sind noch nicht fertig. Ich will dich segnen und du sollst ein
Segen sein, sagte Gott zu Abraham, und sieh, das sagt er auch zu dir, wenn du
es wagen willst, ein Fremdling zu sein in der Welt, einer, der nicht mehr paßt zu den
Leuten. Ich will dich segnen. Du findest dann die Heimat deiner
Seele, nach der du dich schon so lange im Geheimen sehntest. All der Plunder fällt ab
von dir, mit dem die Menschen sich beladen und sich das Leben sauer machen. Die
Hindernisse fallen, die die Weisheit der Welt sich selbst immer wieder bereitet,
nämlich die Eigenliebe und die Angst und das Mißtrauen. Der Schwindel hört auf, mit
dem wir uns gegenseitig betrügen und plagen. Du brauchst dich nicht mehr zu fürchten,
und du brauchst keine von den tausend falschen Rücksichten mehr zu nehmen, die wir
uns wie lauter Klötzlein an die Füße gehängt haben. Du wirst ein freier Mensch
werden. Du kannst endlich einmal frei atmen, wie wenn man aus einer stickigen Stube
an die Bergluft käme. Du kannst endlich einmal von Herzen lachen, das ist auch ein
Zeichen eines erlösten Menschen. Du hast freilich viel gegen dich. Aber was macht
das? Du hast Gott, du hast die Ewigkeit für dich. Die Lügen, die man über dich sagt,
und das Unrecht, das man dir antut, ist kurz und klein, Gott und die Ewigkeit sind
unendlich. Du stehst auf hohem Berg und kannst gelassen auf das Getümmel da unten
blicken. Du brauchst dich nicht mehr zu ärgern und aufzuregen. Du brauchst nichts
mehr hinunterzuschlucken. Du weißt nicht mehr, was Gift ist. Du bist heraus aus dem
Zeug, wo Gott heraus ist. Du bist voll seliger Freude, die du ganz in dir selbst
hast. Du bist stark, und wenn du ganz schwach und allein wärest
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[vgl. 2.Kor. 12,10]. Du
lebst im Sonnenschein mitten im Winter. O meine Freunde, wenn wir jetzt als solche
gesegneten Menschen in die Unruhe dieser Zeit hinausblicken dürften!
Und du sollst ein Segen sein. Gott segnet uns nicht nur, damit es
uns wohl sei, damit wir Ruhe und Frieden finden nach dem falschen Suchen am falschen
Ort. Er gönnt es uns, wenn wir glücklich werden im Gehorsam gegen ihn. Aber er will
unseren Gehorsam, weil er durch uns auch andere Menschen segnen will. Wer von ihm
gesegnet ist, der kann nicht anders, er wird selbst zu einem Segen, zu einer Wohltat.
Rings um dich her sind ja all die unerlösten Menschen, alle die Anderen, die noch
schlafen und schlafen wollen, alle die, die töricht einem Glück nachjagen, das keines
ist, alle die, die ihr Gewissen beschwichtigen und ersticken wollen. Du weißt, wie
sie dran sind. Du hast es ja selber erfahren. Du weißt, was die Folgen sind, wenn die
Menschen bleiben wollen, was sie sind: sie liegen deutlich genug vor unseren Augen.
Wer die Heimat der Seele gefunden in der fremden Welt, der zeigt sie auch Anderen.
Der wird zu einem Werkzeug Gottes. Er muß. Das ist ja das Geheimnis der Person Jesu.
Er wagte es, ein Fremdling, ein völliger Fremdling zu werden in dieser Welt, so
empfing er dann auch den vollen Segen Gottes, einen Frieden, eine Freudigkeit, eine
Kraft, wie sie die Welt nie hat und haben kann, und so konnte er dann auch unzähligen
Irrenden, Suchenden und Verlorenen zu einem unvergleichlichen Segen werden. Und in
seinen Spuren dürfen auch wir gehen und Ähnliches erleben. Wenn wir es wagen, Fremde
zu sein unter den Leuten, dann werden wir ihre wahren Wohltäter. Es ist zu allen
Zeiten so gewesen. Nie ist von denen etwas Großes ausgegangen, die mit dem Strome
schwammen. Immer waren die Großen Einsame, Unverstandene, Verlachte und Beschimpfte.
Wage es, dich zu ihnen zu stellen. Dann werden die Menschen dir wirklich dankbar
sein, vielleicht ohne daß du es weißt, vielleicht wenn du schon nicht mehr da bist.
Dann erfüllst du aber vor Allem die Bestimmung, die Gott dir ins Herz geschrieben
hat, daß du ein Licht und ein Salz der Erde sein sollst, und zwar ein Licht, das
nicht
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unter den Scheffel gestellt wird und ein Salz, das nicht dumm wird [vgl. Mt. 5,13–15]. Wenn es
einmal genug solcher Menschen geben wird, die es wagen werden, Fremdlinge zu sein,
dann hört die Welt auf, ein fremdes Land zu sein. Dann hört das alles auf, was uns
jetzt zwingt, die Augen entsetzt abzuwenden und uns zu flüchten in die bessere Welt
Gottes. Dann steigt diese bessere Welt Gottes selber zu uns herunter, und alle
Länder, die jetzt voll Blut und Tränen sind, werden seiner Ehre voll sein [vgl. Jes. 6,3]. So laßt uns hingehen
zu Gott, dann kommt Gott [zu] uns, dann ist überall die Heimat.