Predigt: Apostelgeschichte 2,5-11
Wir Menschenkinder sind alle in der Fremde. Der Boden, auf den wir treten, die Luft, die wir atmen, sind nicht die unserer Heimat. Die Wege, die wir kommen, und die Wege, die wir gehen, sind uns im Grunde unbekannt. Fremdartige hohe Berge versperren uns die Aussicht. Unabsehbare heiße Ebenen erschrecken uns durch ihre trostlose Gleichförmigkeit und Öde. Die Freude, die uns etwa erfüllt im fremden Land, ist immer mit Wehmut und Sehnsucht untermischt, und gegen die Gefahren und Nöte, die uns drohen, wissen wir eigentlich keinen Rat noch Hilfe. Die Sitten und Gewohnheiten der Wesen, die dies Land bewohnen, begreifen wir nicht, können sie nicht von Herzen teilen, und ihre Sprache verstehen wir nie ganz und können sie auch nie mit Behagen und Kraft reden. Nicht ein fremdes Land ist’s, in dem wir leben, sondern viele verschiedene Länder, ein jedes wieder mit vielen und verschiedenen Kantonen und Provinzen, mit Städten, Dörfern, Weilern und Einsiedlerklausen, alle mit ihren Eigenarten, alle mit ihren besonderen Gewohnheiten und Sprachen. Da wohnen wir, da leben wir, jeder in seiner Ecke und in seiner Weise, da müssen wir «zu Hause» sein |218 und sind es auch und sind es doch nicht: Parther und Meder und Elamiter, und die wir wohnen in
Da ist zum Beispiel das Städtchen der Rücksichten, wo die Häuser so nahe aneinander gebaut sind, daß man fast nicht atmen kann, dafür kann man einander prächtig in die Fenster sehen und tut es den lieben langen Tag, und wenn die Leute ausgehen, haben sie fast immer den Hut in der Hand vor lauter eifrigen gegenseitigen Begrüßungen, und um die Augen und Mundwinkel zuckt es ihnen die ganze Zeit, weil sie immer damit zu tun haben, nach allen Seiten freundliche, hochachtungsvolle Gesichter zu machen. Und die wichtigste Frage, über die sie nachdenken und über die sie miteinander munkeln, heißt: Was sagen die Leute? und was werden sie von mir denken?, und «die Leute», das sind immer die Anderen, und so komplimentieren sie alle voreinander und haben alle schrecklich Angst voreinander. Kennst du das Städtlein?
Da ist eine andere Gegend, wo die Leute in lauter Höhlen leben; diese Höhlen haben vorn einen schönen, großen Ausgang, da scheint die Sonne, da blühen die Blumen, da könnten die Bewohner einander sehen und sich miteinander freuen; aber das tun sie nicht, sondern sie sitzen alle einsam im hintersten Winkel ihrer Höhle und sehen an die Wand, und die Wand ist freilich steinern, kalt, naß und dunkel. Die Wand heißt beim Einen Krankheit, beim Anderen Geldsorge, beim Dritten böse Leute. Der Ausgang wäre das Leben, aber das Leben ist eben für sie nicht da, weil sie ihm den Rücken kehren und immer nur ihre Höhlenwand ansehen wollen. Arme, arme Höhlenmenschen!
Da ist ferner das Dorf der kleinen Wichtigkeiten oder der wichtigen Kleinigkeiten; da ist’s scheinbar netter, aber nur scheinbar. Da sind lauter kleine Gärtlein — Schrebergärtlein1 nennt man die in
Wieder in einem anderen Land, da sind lauter Ritterschlösser, auf hohen, hohen Bergen, die über tiefe, tiefe Täler feindselig zueinander hinüberblicken. Und da wohnen auch wirklich stolze Ritter wie im Mittelalter, stolz auf ihren Charakter, stolz auf ihr Geld, stolz auf ihre Verwandten, stolz auf ihre Meinungen, stolz auf ihr Vaterland. Und einer trotzt gegen den anderen, wer’s am besten könne, und weil es alle am besten können, kann da nie Ruhe sein, sondern da weht immer ein Kriegsfähnlein, da blinken drohend Kanonenrohre zu den Fenstern hinaus, da ertönen zornige Trompeten: wag’s und komm! Und da muß es dann natürlich von Zeit zu Zeit losgehen, manchmal im Kleinen zwischen Ritter Fritz und Ritter Hans oder auch zwischen ihren stolzen Rittersfrauen, manchmal im Großen: da kommen die Völker aus lauter Stolz hintereinander, und aus dem Völkerstolz wird der Völkerkrieg. Diese Gegend kennen wir jetzt ziemlich gut.
Vielleicht noch eine Gegend: die große Weltstadt: «Was geht’s mich an?» Da schnurren die Automobile, da klingeln die Trams, da stößt man sich mit den Ellenbogen, da geht’s aus und ein in den Geschäften und Bankhäusern, da strömen die Tausende von Arbeitern in die Fabriken, da streichen die Großen ihre großen Löhne ein und die Kleinen ihre kleinen, da lockt das Vergnügen, da jauchzt die Leidenschaft, da jammert und murrt das Elend — und sie alle, alle kennen einander nicht und sehen sich nicht an und kümmern sich nicht um einander, und ein jeder strebt zornig und zufrieden seinem Ziele zu und ist bei alledem in schrecklicher, schwarzer Einsamkeit mitten unter den vielen Menschen, denn was er von ihnen denkt, das denken sie alle auch von ihm: was geht’s mich an? Kennst du diese unheimliche Weltstadt? Du brauchst keine Reise zu machen, um sie zu erreichen. Wir sind alle mitten drin.
220 Sieh, das ist das fremde Land, das sind die fremden Länder, in denen wir wohnen. Und es gibt noch viele andere, und du kennst den Winkel am besten, die Straße und die Hausnummer, in der du wohnst. Parther und Meder und Elamiter, und die wir wohnen in
Fremde Länder! — Oder meinst du etwa, du in deinem fremden Land, das sei nun deine Heimat und da gehörest du hin? Ja wahrhaftig, du meinst es. Hör dir einmal zu, wie du selber denkst und redest! Ja, ich bin nun einmal so, so bin ich’s gewohnt, und so war ich immer, und mich macht man nicht mehr anders, bin zu alt dazu. Und so geht’s nun einmal zu in der Welt, so sind die Verhältnisse, und so sind die Leute, und daran ist nicht viel zu ändern. Ja, ja. Und du gibst dir wirklich Mühe, es ganz so zu machen in Gedanken, Worten und Werken, wie es im fremden Lande der Brauch ist. Etwa wie ein Schweizer, der im Ausland gereist ist, nun nicht mehr
Und ist doch einfach nicht wahr, und haben wir doch eine ganz andere Heimat, und wenn wir sie längst und vollständig vergessen hätten, was wir doch gar nicht können. Heimat! Du weißt, was das ist. Das ist der einzige Ort in der Welt, wo du wirklich hingehörst, der Ort, wo dir die Häuser, die Brunnen, die Wälder, die Menschen lieb und vertraut sind, weil du sie kennst und sie dich auch, der Ort, wo du angewachsen bist wie eine Tanne mit starken Wurzeln, der Ort, der dir, wo du auch bist und hingehst, immer wieder ruft, dich an sich zieht, eine tiefe Sehnsucht in dir weckt, wenn du nur an ihn denkst. Wer draußen gewesen ist, der weiß, wie das ist und wie man die Heimat nie ganz vergessen kann. Und nun sind wir alle draußen und können alle die Heimat nicht vergessen, den Ort, das Land, wo wir wirklich hingehören.
Das ist das Alpenland der Freiheit, wo man eine weite, klare Aussicht hat über das Leben und über die Leute und über sich selbst, wo eine frische, gesunde Bise3 geht, die allen Staub und alle Wolken von kleinen Bedenken und Rücksichten wegnimmt und uns Freude macht, laut und ungeniert unser Liedlein zu singen, jeder das seine, wo man mit festem Tritt und Schritt alle Tage und alle Jahre wieder ein wenig höher steigt und sich in keinem Käfig fangen läßt. Da sind wir zu Hause.
Da ist der breite, rauschende, in der Sonne leuchtende Strom des Lebens, der die tausend Bächlein aus zehntausend Quellen in sich vereinigt. Wohl mag er manchmal bedrohlich steigen und manchmal beängstigend niedrig werden, als ob er versiegen wollte, wohl mag er heute himmelhoch jauchzende Freude daherbringen und morgen tiefes Leid4, heute Erkenntnis und morgen Irrtum, das Leben braucht beides, geht durch beides hindurch, führt beides dem Meer der Ewigkeit entgegen und kann nicht versiegen, kann nicht Tod werden, wenn wir nur die Geduld haben zu warten, ruhig zuzusehen dem sicheren, stetigen Spiel seiner Wellen. An diesem Strom sind wir zu Hause.
222 Und wir sind zu Hause in dem stolz aufragenden, geheimnisvollen, fröhlichen Buchenwald. Sieh, wie die gewaltigen Stämme alle aufwärts streben; wie in einem verschwiegenen Bund nehmen sie die gleiche Richtung, haben alle Platz nebeneinander, gönnen einander die Nahrung und schützen sich gegenseitig vor Wetter und Sturm, und oben berühren und grüßen sich die schmucken, leuchtendgrünen Äste und bilden zusammen eine Decke, wie sie die schönste Kirche nicht hat. Sieh da, das Land der Bruderliebe, in das wir eigentlich hingehören.
Da ist weiter das stille Tal der Verwandlungen. Dort treffen wir die Menschen an, die gleichen Menschen, mit denen wir jetzt täglich zu tun haben im Guten und im Bösen, und doch als ganz andere Wesen; die Torheiten und Fehler und schlechten Gewohnheiten, die ihnen anhaften, stören uns nicht mehr, wir sehen durch sie hindurch wie durch Glas und erkennen das Wertvolle und Göttliche der Seele, die schließlich in ihnen allen steckt, und sie erkennen uns und beurteilen uns nicht mehr nach ihren Vorurteilen und nach unseren unerfreulichen Seiten, sondern haben uns lieb als das, was wir eigentlich sind. Und vor uns selber stehen wir verwandelt da wie in einem wundersamen Spiegelbild, rein von den Ichheiten, rein von den Kleinigkeiten, rein von den Flausen und Launen, in die wir uns jetzt verhüllen, über die wir beständig stolpern und die uns uns selbst zu einem Fremden machen. Der wahre Mensch steht vor dir, und du kannst nur staunen und dich freuen, daß du das wirklich sein sollst. Ja, du bist’s. Das Tal der Verwandlungen, das stille, verborgene, ist kein Zauber und kein Märchen, es ist die Wahrheit, dort sind wir alle eigentlich zu Hause, und überall, wo wir etwas Anderes, Wüstes sehen, da ist eben die Fremde.
Und wir sind zu Hause am Strand des Meeres der Ewigkeit, in das der Strom des Lebens zuletzt mündet. Da sehen wir, wie jede Welle schließlich zur Ruhe kommt und doch nicht zur Ruhe, denn wenn sie sich erhoben hat und dann wieder gefallen ist, so wird sie wieder ein Teil des Unendlichen, und etwas Neues muß aus ihr werden. Da sehen wir, wie alles Ding seine Zeit hat5, aber auch sein Ziel. Da werden uns die Kleinigkeiten wirklich klein, da bleiben so viele, viele Tränen unge|223weint, da werden so viele, viele Wünsche still, bevor sie gedacht und ausgesprochen sind, da kommen so viele Aufregungen und Sorgen zur Ruhe im stillen Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft [
Wir Menschen sind wie Auswanderer. Es war uns nur zu wohl in der Heimat. Wir merkten gar nicht, wie herrlich unser Leben sein könnte in dem herrlichen Leben Gottes. Wir ließen uns vom Vater unser Vermögen auszahlen [vgl.
Und nun können wir eigentlich ohne Weiteres sehen, was der heilige Geist ist und das freudige Wunder der Pfingsten, von dem unser Text erzählt. Wie ging’s mit jenen Menschen, die zum Fest aus aller Welt in
Ja, das war freilich verwunderlich und doch auch wieder nicht, denn so geht es eben zu, wo der heilige Geist redet. Sieh, die Apostel kommen ja auch zu uns, und mit ihnen
Denn sie reden mit einem jeden von uns in unserer Sprache, in der Sprache des fremden Landes, des fremden Winkels, in dem wir uns gerade aufhalten. Parther und Meder und Elamiter, wir hören, wenn wir mit Christus und seinen Helden in Berührung kommen, jeder gerade das, was er nötig hat und was er verstehen kann. Das ist das erste Wunder des Evangeliums: Es gibt keine Ecke in der Welt und in den Ecken kein Menschlein, wo es nicht hinkäme und hinpaßte und wo das Menschlein sich nicht gestehen müßte: ja, das brauche ich, da handelt es sich um meine Sache, und wenn ich noch so ein seltsames, verknorztes, böses, trauriges Menschlein bin. Die Lebensbotschaft Gottes da in der Bibel ist wie ein gebrochenes Glas, das nach allen Seiten hell ist und nach jeder Seite wieder eine besondere Farbe spiegelt. Sie ist wie die Sonne selbst, die mit ihrem Licht und ihrer Wärme auf allerlei Umwegen den Weg findet bis zum letzten kleinsten Käferlein und Gräslein, die ja alle ohne sie nicht sein könnten, die von der Sonne leben, obwohl sie in einem kläglichen kleinen Loch wohnen und nichts von der großen Welt wissen. Ja, in alle unsere Löcher hinein, so verschieden sie sind, kommt die gute Nachricht Gottes, und überall wird sie verstanden, denn überall paßt sie hin und überall hat man sie nötig.
Sieh, wie sie den Kranken und Betrübten aufrichtet damit, daß sie ihm zeigt, wie sein Leiden nicht umsonst ist und nicht ein finsteres Schicksal, sondern ein guter, notwendiger Kampf in eines großen Königs Dienst. Sieh, wie sie den Leidtragenden tröstet, indem sie ihm vorhält das Schauspiel des besiegten Todes und des siegreichen Lebens. Sieh, wie sie hineinleuchtet in die Sorgen und Kümmer [sic] der Kleinmütigen, wie sie die großen Netze zerreißt, in denen sie sich selbst gefangen haben, zerreißt mit der großen Freiheit, die aus dem großen Vertrauen kommt, das nicht mehr fragen, sondern leben und handeln will. Sieh, wie sie die Gedanken der Kleinkrämer und Wichtigtuer erfaßt und |225 emporreißt, daß sie die Sterne sehen müssen und was fest, groß und erhaben ist: Hebe deine Augen auf in die Höhe und siehe, wer hat solches geschaffen?! [
Aber das ist noch nicht das ganze Wunder. Woher kommt denn das, daß der heilige Geist jedem sein Eigenes zu sagen hat in seiner Sprache, nach seinem Bedürfnis, zu seiner Freude? O, die Apostel redeten dort an den Pfingsten nicht in zehn oder zwanzig Sprachen, sie redeten alle nur eine Sprache, aber sie redeten die eine Sprache, die alle trotz ihrer Verschiedenheiten verstanden, die all die Leute ihre Verschiedenheiten vergessen ließ, die Sprache des Herzens und Gewissens, die Sprache der |226 Heimat, die all die Fremden und in der Fremde Geborenen nur zu gut kannten. Und so bringt uns allen die Lebensbotschaft Gottes nicht eine Zauberapotheke mit tausenderlei Mittelchen, Salben und Verbänden, sondern das Eine, das uns allen notwendig ist [vgl.
Sieh, das ist das ganze Wunder der Pfingsten: daß wir alle eins werden [vgl.
227 So freu dich denn darüber, daß du von Gott wahrhaftig nicht vergessen bist: du mit deinem Charakter, du mit deinen Nöten und Bedürfnissen und Fehlern. Ja, freu dich nur und höre, was er gerade dir zu sagen hat.
Aber freue dich noch mehr darüber, daß die Erlösung, die er dir schenken will, Befreiung heißt: Befreiung aus deinem fremden Land, Rückkehr in die Heimat, die unser aller Heimat ist.
Denn dazu redet er zu dir in deiner Sprache, nicht daß du bleibest, wie du bist, sondern daß du seine großen Taten an dir erfahrest.
- Nr. 148: «Komm, o komm, du Geist des Lebens» von
H. Held , Strophen 1.5.7 (= GERS [1952] 184,1.4.6; EG 134,1.4.6) - Nr. 150: «Zeuch ein zu meinen Toren» von
P. Gerhardt , Strophen 1.4 und 5 (= GERS [1952] 183,1.4.5; EG 133,1.6.7 «Zieh ein zu deinen Toren»)