30. Mai 1915

Predigt: Apostelgeschichte 2,5-11

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Apostelgeschichte 2,5–11
Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa? Wie hören wir denn ein jeglicher seine Sprache, darinnen wir geboren sind? …
Liebe Freunde!

Wir Menschenkinder sind alle in der Fremde. Der Boden, auf den wir treten, die Luft, die wir atmen, sind nicht die unserer Heimat. Die Wege, die wir kommen, und die Wege, die wir gehen, sind uns im Grunde unbekannt. Fremdartige hohe Berge versperren uns die Aussicht. Unabsehbare heiße Ebenen erschrecken uns durch ihre trostlose Gleichförmigkeit und Öde. Die Freude, die uns etwa erfüllt im fremden Land, ist immer mit Wehmut und Sehnsucht untermischt, und gegen die Gefahren und Nöte, die uns drohen, wissen wir eigentlich keinen Rat noch Hilfe. Die Sitten und Gewohnheiten der Wesen, die dies Land bewohnen, begreifen wir nicht, können sie nicht von Herzen teilen, und ihre Sprache verstehen wir nie ganz und können sie auch nie mit Behagen und Kraft reden. Nicht ein fremdes Land ist’s, in dem wir leben, sondern viele verschiedene Länder, ein jedes wieder mit vielen und verschiedenen Kantonen und Provinzen, mit Städten, Dörfern, Weilern und Einsiedlerklausen, alle mit ihren Eigenarten, alle mit ihren besonderen Gewohnheiten und Sprachen. Da wohnen wir, da leben wir, jeder in seiner Ecke und in seiner Weise, da müssen wir «zu Hause» sein |218 und sind es auch und sind es doch nicht: Parther und Meder und Elamiter, und die wir wohnen in Mesopotamien, die einen hier, die anderen dort, aber Alle in der Fremde. Wollt ihr etwas hören von diesen Ländern? Es sind gar viele, doch können wir ja von einigen etwas sagen, sie sind uns übrigens bekannt genug.

Da ist zum Beispiel das Städtchen der Rücksichten, wo die Häuser so nahe aneinander gebaut sind, daß man fast nicht atmen kann, dafür kann man einander prächtig in die Fenster sehen und tut es den lieben langen Tag, und wenn die Leute ausgehen, haben sie fast immer den Hut in der Hand vor lauter eifrigen gegenseitigen Begrüßungen, und um die Augen und Mundwinkel zuckt es ihnen die ganze Zeit, weil sie immer damit zu tun haben, nach allen Seiten freundliche, hochachtungsvolle Gesichter zu machen. Und die wichtigste Frage, über die sie nachdenken und über die sie miteinander munkeln, heißt: Was sagen die Leute? und was werden sie von mir denken?, und «die Leute», das sind immer die Anderen, und so komplimentieren sie alle voreinander und haben alle schrecklich Angst voreinander. Kennst du das Städtlein?

Da ist eine andere Gegend, wo die Leute in lauter Höhlen leben; diese Höhlen haben vorn einen schönen, großen Ausgang, da scheint die Sonne, da blühen die Blumen, da könnten die Bewohner einander sehen und sich miteinander freuen; aber das tun sie nicht, sondern sie sitzen alle einsam im hintersten Winkel ihrer Höhle und sehen an die Wand, und die Wand ist freilich steinern, kalt, naß und dunkel. Die Wand heißt beim Einen Krankheit, beim Anderen Geldsorge, beim Dritten böse Leute. Der Ausgang wäre das Leben, aber das Leben ist eben für sie nicht da, weil sie ihm den Rücken kehren und immer nur ihre Höhlenwand ansehen wollen. Arme, arme Höhlenmenschen!

Da ist ferner das Dorf der kleinen Wichtigkeiten oder der wichtigen Kleinigkeiten; da ist’s scheinbar netter, aber nur scheinbar. Da sind lauter kleine Gärtlein — Schrebergärtlein1 nennt man die in Zürich und Basel, wo die Leute viel gescheiter sind als bei uns auf dem Lande —, in den Gärtlein Beete mit Blumen und Topfpflanzen und gesundem Kohl und Petersilie für die Suppe, und zwischen den Beeten saubere weiße Weglein, und inmitten der ganzen Herrlichkeit ein Gartenhäuschen, in dem |219 sich’s gar prächtig sitzen und träumen läßt. Das ist das Dorf, wo die Leute jeden Gedanken und jeden Satz anfangen und aufhören mit dem Wörtlein: Ich und Mir und Mein, wo sie gar fleißig daran sind, ihre kleinen Gedänkelein, Wünschlein, Sörgelein, Zörnlein und Freudelein zu pflegen, und Alles, was sie bewegt, schrecklich ernst nehmen, als ob die Welt davon abhinge. Das sind ihre Blumenbeete und Kiesweglein, ihr Kohl und ihre Petersilie, und das ist das Gartenhäuschen, in dem sie tagaus tagein hinsitzen und vor sich hinmurmeln: Ich meine halt … Mir ist es so … nach meiner Ansicht … Du liebe Zeit, die Unglücklichen, die da wohnen müssen!

Wieder in einem anderen Land, da sind lauter Ritterschlösser, auf hohen, hohen Bergen, die über tiefe, tiefe Täler feindselig zueinander hinüberblicken. Und da wohnen auch wirklich stolze Ritter wie im Mittelalter, stolz auf ihren Charakter, stolz auf ihr Geld, stolz auf ihre Verwandten, stolz auf ihre Meinungen, stolz auf ihr Vaterland. Und einer trotzt gegen den anderen, wer’s am besten könne, und weil es alle am besten können, kann da nie Ruhe sein, sondern da weht immer ein Kriegsfähnlein, da blinken drohend Kanonenrohre zu den Fenstern hinaus, da ertönen zornige Trompeten: wag’s und komm! Und da muß es dann natürlich von Zeit zu Zeit losgehen, manchmal im Kleinen zwischen Ritter Fritz und Ritter Hans oder auch zwischen ihren stolzen Rittersfrauen, manchmal im Großen: da kommen die Völker aus lauter Stolz hintereinander, und aus dem Völkerstolz wird der Völkerkrieg. Diese Gegend kennen wir jetzt ziemlich gut.

Vielleicht noch eine Gegend: die große Weltstadt: «Was geht’s mich an?» Da schnurren die Automobile, da klingeln die Trams, da stößt man sich mit den Ellenbogen, da geht’s aus und ein in den Geschäften und Bankhäusern, da strömen die Tausende von Arbeitern in die Fabriken, da streichen die Großen ihre großen Löhne ein und die Kleinen ihre kleinen, da lockt das Vergnügen, da jauchzt die Leidenschaft, da jammert und murrt das Elend — und sie alle, alle kennen einander nicht und sehen sich nicht an und kümmern sich nicht um einander, und ein jeder strebt zornig und zufrieden seinem Ziele zu und ist bei alledem in schrecklicher, schwarzer Einsamkeit mitten unter den vielen Menschen, denn was er von ihnen denkt, das denken sie alle auch von ihm: was geht’s mich an? Kennst du diese unheimliche Weltstadt? Du brauchst keine Reise zu machen, um sie zu erreichen. Wir sind alle mitten drin.

220 Sieh, das ist das fremde Land, das sind die fremden Länder, in denen wir wohnen. Und es gibt noch viele andere, und du kennst den Winkel am besten, die Straße und die Hausnummer, in der du wohnst. Parther und Meder und Elamiter, und die wir wohnen in Mesopotamien!!

Fremde Länder! — Oder meinst du etwa, du in deinem fremden Land, das sei nun deine Heimat und da gehörest du hin? Ja wahrhaftig, du meinst es. Hör dir einmal zu, wie du selber denkst und redest! Ja, ich bin nun einmal so, so bin ich’s gewohnt, und so war ich immer, und mich macht man nicht mehr anders, bin zu alt dazu. Und so geht’s nun einmal zu in der Welt, so sind die Verhältnisse, und so sind die Leute, und daran ist nicht viel zu ändern. Ja, ja. Und du gibst dir wirklich Mühe, es ganz so zu machen in Gedanken, Worten und Werken, wie es im fremden Lande der Brauch ist. Etwa wie ein Schweizer, der im Ausland gereist ist, nun nicht mehr Lóndon sagt und París, sondern Lónden und Páris2 als erfahrener Reisender. Oder wie eins aus Safenwil, das ein halbes Jahr in Genf oder Lausanne gewesen ist, heimkommt und nicht mehr Ja antwortet, sondern Oui, und nicht mehr Guten Tag sagt, sondern Bonjour!, so möchtest du in Allem ein reifer, erfahrener Parther, Meder und Elamiter sein und bleiben und zuckst die Achseln und tust, als ob es gar nichts Anderes gebe, als mitzumachen, wie es eben in diesen schönen Ländern, in jenen Höhlen und Gärtlein und Schlössern üblich ist. Und noch mehr: du tust sogar, als ob es dir dort ganz wohl wäre. Du sagst nicht nur: es ist so!, sondern: es muß so sein! und es ist recht so! Du hörst nicht nur dem Gesang der Wölfe und Hündlein zu, sondern du stimmst freudig mit ein. Du willst nicht nur zum Besuch im fremden Lande sein, sondern du willst dich daselbst häuslich niederlassen. Sieh, wie fröhlich und selbstverständlich du mitmachst! Sorgst im Sorgenlande, nörgelst im Nörglertal, hochmütelst auf dem Hochmutsberglein, zankst im Zänkerdörflein, und ein kalter, gleichgiltiger Mensch wirst [du] in der großen, kalten Gleichgiltigkeitsstadt. Und das alles aber nicht nur so nebenbei, nicht als Gast und Fremdling in einer solchen Welt, sondern als einer, für den sich das gehört, als einer, der es so machen will, weil es ihm so gefällt. Ja, da könn|221te es doch fast aussehen, als ob diese schönen Länder und diese sonderbare Welt unsere Heimat wäre!

Und ist doch einfach nicht wahr, und haben wir doch eine ganz andere Heimat, und wenn wir sie längst und vollständig vergessen hätten, was wir doch gar nicht können. Heimat! Du weißt, was das ist. Das ist der einzige Ort in der Welt, wo du wirklich hingehörst, der Ort, wo dir die Häuser, die Brunnen, die Wälder, die Menschen lieb und vertraut sind, weil du sie kennst und sie dich auch, der Ort, wo du angewachsen bist wie eine Tanne mit starken Wurzeln, der Ort, der dir, wo du auch bist und hingehst, immer wieder ruft, dich an sich zieht, eine tiefe Sehnsucht in dir weckt, wenn du nur an ihn denkst. Wer draußen gewesen ist, der weiß, wie das ist und wie man die Heimat nie ganz vergessen kann. Und nun sind wir alle draußen und können alle die Heimat nicht vergessen, den Ort, das Land, wo wir wirklich hingehören.

Das ist das Alpenland der Freiheit, wo man eine weite, klare Aussicht hat über das Leben und über die Leute und über sich selbst, wo eine frische, gesunde Bise3 geht, die allen Staub und alle Wolken von kleinen Bedenken und Rücksichten wegnimmt und uns Freude macht, laut und ungeniert unser Liedlein zu singen, jeder das seine, wo man mit festem Tritt und Schritt alle Tage und alle Jahre wieder ein wenig höher steigt und sich in keinem Käfig fangen läßt. Da sind wir zu Hause.

Da ist der breite, rauschende, in der Sonne leuchtende Strom des Lebens, der die tausend Bächlein aus zehntausend Quellen in sich vereinigt. Wohl mag er manchmal bedrohlich steigen und manchmal beängstigend niedrig werden, als ob er versiegen wollte, wohl mag er heute himmelhoch jauchzende Freude daherbringen und morgen tiefes Leid4, heute Erkenntnis und morgen Irrtum, das Leben braucht beides, geht durch beides hindurch, führt beides dem Meer der Ewigkeit entgegen und kann nicht versiegen, kann nicht Tod werden, wenn wir nur die Geduld haben zu warten, ruhig zuzusehen dem sicheren, stetigen Spiel seiner Wellen. An diesem Strom sind wir zu Hause.

222 Und wir sind zu Hause in dem stolz aufragenden, geheimnisvollen, fröhlichen Buchenwald. Sieh, wie die gewaltigen Stämme alle aufwärts streben; wie in einem verschwiegenen Bund nehmen sie die gleiche Richtung, haben alle Platz nebeneinander, gönnen einander die Nahrung und schützen sich gegenseitig vor Wetter und Sturm, und oben berühren und grüßen sich die schmucken, leuchtendgrünen Äste und bilden zusammen eine Decke, wie sie die schönste Kirche nicht hat. Sieh da, das Land der Bruderliebe, in das wir eigentlich hingehören.

Da ist weiter das stille Tal der Verwandlungen. Dort treffen wir die Menschen an, die gleichen Menschen, mit denen wir jetzt täglich zu tun haben im Guten und im Bösen, und doch als ganz andere Wesen; die Torheiten und Fehler und schlechten Gewohnheiten, die ihnen anhaften, stören uns nicht mehr, wir sehen durch sie hindurch wie durch Glas und erkennen das Wertvolle und Göttliche der Seele, die schließlich in ihnen allen steckt, und sie erkennen uns und beurteilen uns nicht mehr nach ihren Vorurteilen und nach unseren unerfreulichen Seiten, sondern haben uns lieb als das, was wir eigentlich sind. Und vor uns selber stehen wir verwandelt da wie in einem wundersamen Spiegelbild, rein von den Ichheiten, rein von den Kleinigkeiten, rein von den Flausen und Launen, in die wir uns jetzt verhüllen, über die wir beständig stolpern und die uns uns selbst zu einem Fremden machen. Der wahre Mensch steht vor dir, und du kannst nur staunen und dich freuen, daß du das wirklich sein sollst. Ja, du bist’s. Das Tal der Verwandlungen, das stille, verborgene, ist kein Zauber und kein Märchen, es ist die Wahrheit, dort sind wir alle eigentlich zu Hause, und überall, wo wir etwas Anderes, Wüstes sehen, da ist eben die Fremde.

Und wir sind zu Hause am Strand des Meeres der Ewigkeit, in das der Strom des Lebens zuletzt mündet. Da sehen wir, wie jede Welle schließlich zur Ruhe kommt und doch nicht zur Ruhe, denn wenn sie sich erhoben hat und dann wieder gefallen ist, so wird sie wieder ein Teil des Unendlichen, und etwas Neues muß aus ihr werden. Da sehen wir, wie alles Ding seine Zeit hat5, aber auch sein Ziel. Da werden uns die Kleinigkeiten wirklich klein, da bleiben so viele, viele Tränen unge|223weint, da werden so viele, viele Wünsche still, bevor sie gedacht und ausgesprochen sind, da kommen so viele Aufregungen und Sorgen zur Ruhe im stillen Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft [Phil. 4,7]. Bis ein Schiff uns abholt und uns hinausführt auf das hohe Meer, wo wir nur noch den Frieden Gottes sehen und haben. Das ist unsere Heimat, das sind unsere Heimatgegenden, die wir nicht vergessen können, an die wir immer wieder denken müssen, zu denen es uns immer wieder hinzieht.

Wir Menschen sind wie Auswanderer. Es war uns nur zu wohl in der Heimat. Wir merkten gar nicht, wie herrlich unser Leben sein könnte in dem herrlichen Leben Gottes. Wir ließen uns vom Vater unser Vermögen auszahlen [vgl. Lk. 15,12] und zerstreuten uns nach allen Seiten über die Erde, in die Welt hinein. Wir brauchten unsere Kräfte und Gaben zu einer großen Reise nach Amerika und waren sehr stolz darauf und bauten uns daselbst unsere Dörflein, Schlösser und Gärtlein. Und nun müssen wir alles das haben und haben es, was dazu gehört: die Sorgen und den Unfrieden und die Aufregung und den Krieg. Und so sind wir aus Kindern des Vaters zu Parthern, Medern und Elamitern geworden, aus Bürgern des Himmelreichs zu Fremden im fremden Land.

Und nun können wir eigentlich ohne Weiteres sehen, was der heilige Geist ist und das freudige Wunder der Pfingsten, von dem unser Text erzählt. Wie ging’s mit jenen Menschen, die zum Fest aus aller Welt in Jerusalem zusammengeströmt waren? Sie hörten die Apostel reden, die der heilige Geist trieb, und siehe da, es hörte ein jeglicher, daß sie in seiner Sprache redeten. Und sie konnten sich nicht genug darüber verwundern und sprachen zu einander: Sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa? Wie hören wir denn ein jeglicher seine Sprache, darinnen wir geboren sind?!

Ja, das war freilich verwunderlich und doch auch wieder nicht, denn so geht es eben zu, wo der heilige Geist redet. Sieh, die Apostel kommen ja auch zu uns, und mit ihnen Mose und die Propheten und an ihrer Spitze Jesus Christus als der eingeborene Sohn des Vaters. Sie kommen zu uns überall da, wo die Bibel aufgeht in den Häusern, bei den einsamen Lampen, in den Kirchen und wo immer zwei oder drei beieinander sind [vgl. Mt. 18,20], um die Stimmen der alten Gottesmänner zu vernehmen. Sie kommen überall da, wo mitten im Leben die Lichter aus der Bibel leuchtend und ihre Kräfte wirksam werden. Was soll das ei|224gentlich, diese ganze alte Geschichte, vor die wir immer wieder geführt, an deren Lichter und Kräfte wir immer wieder erinnert werden? Ja, das diente uns freilich zu gar nichts, wenn es bloß eine alte Geschichte wäre. Gerade wie alle die Fremden in Jerusalem damals auch hätten denken können: das sind ja bloß Leute aus Galiläa! Was gehen sie uns an? Aber so konnten sie nicht denken: sie gingen sie eben etwas an, gerade wie die alte Bibelgeschichte und ihre Helden und der Gottessohn aus Galiläa uns etwas angehen.

Denn sie reden mit einem jeden von uns in unserer Sprache, in der Sprache des fremden Landes, des fremden Winkels, in dem wir uns gerade aufhalten. Parther und Meder und Elamiter, wir hören, wenn wir mit Christus und seinen Helden in Berührung kommen, jeder gerade das, was er nötig hat und was er verstehen kann. Das ist das erste Wunder des Evangeliums: Es gibt keine Ecke in der Welt und in den Ecken kein Menschlein, wo es nicht hinkäme und hinpaßte und wo das Menschlein sich nicht gestehen müßte: ja, das brauche ich, da handelt es sich um meine Sache, und wenn ich noch so ein seltsames, verknorztes, böses, trauriges Menschlein bin. Die Lebensbotschaft Gottes da in der Bibel ist wie ein gebrochenes Glas, das nach allen Seiten hell ist und nach jeder Seite wieder eine besondere Farbe spiegelt. Sie ist wie die Sonne selbst, die mit ihrem Licht und ihrer Wärme auf allerlei Umwegen den Weg findet bis zum letzten kleinsten Käferlein und Gräslein, die ja alle ohne sie nicht sein könnten, die von der Sonne leben, obwohl sie in einem kläglichen kleinen Loch wohnen und nichts von der großen Welt wissen. Ja, in alle unsere Löcher hinein, so verschieden sie sind, kommt die gute Nachricht Gottes, und überall wird sie verstanden, denn überall paßt sie hin und überall hat man sie nötig.

Sieh, wie sie den Kranken und Betrübten aufrichtet damit, daß sie ihm zeigt, wie sein Leiden nicht umsonst ist und nicht ein finsteres Schicksal, sondern ein guter, notwendiger Kampf in eines großen Königs Dienst. Sieh, wie sie den Leidtragenden tröstet, indem sie ihm vorhält das Schauspiel des besiegten Todes und des siegreichen Lebens. Sieh, wie sie hineinleuchtet in die Sorgen und Kümmer [sic] der Kleinmütigen, wie sie die großen Netze zerreißt, in denen sie sich selbst gefangen haben, zerreißt mit der großen Freiheit, die aus dem großen Vertrauen kommt, das nicht mehr fragen, sondern leben und handeln will. Sieh, wie sie die Gedanken der Kleinkrämer und Wichtigtuer erfaßt und |225 emporreißt, daß sie die Sterne sehen müssen und was fest, groß und erhaben ist: Hebe deine Augen auf in die Höhe und siehe, wer hat solches geschaffen?! [Jes. 40,26]. Sieh, wie der Arme ergriffen wird vom Hunger und Durst nach Gerechtigkeit [vgl. Mt. 5,6] und wie die Unruhe kommt über die Reichen und Großen, wenn Gottes Wort anfängt zu wirken wie ein zweischneidig Schwert [vgl. Hebr. 4,12]. Sieh, wie es den Unzufriedenen und den Zänkern, den Schwätzern und den Müßiggängern nicht mehr wohl ist in ihrem Wesen, sieh, wie die Geldhungrigen und die Vergnügungssüchtigen unzufrieden zurückkehren von ihren Jagden und bekennen: wir brauchen noch etwas Höheres und Besseres als die Beute, die wir da machen. Sieh, wie sie alle, auch wenn sie nicht glauben, nicht gehorsam sein wollen, wenigstens sich zu entschuldigen und zu rechtfertigen suchen vor der Stimme der Wahrheit; so schnell möchte keiner ein Lügner heißen, auch wenn er es zehnmal ist, und wer es immer kann, sucht wenigstens den Schein zu wahren, als ob er kein schlechter, gottloser Mensch sei. Darin liegt bei allem Jammer der Heuchelei auch eine Anerkennung Gottes und seines Wortes. Es kommt eben keiner davon los, es hat eben überall seine Wirkungen. Ist das nicht eine Wunderwirkung des Evangeliums: Parther und Meder und Elamiter, Kranke in diesem und in jenem Spital, Menschen, die Freude und Trost, die Charakter und Grundsätze, die mehr Ernst und mehr Liebe nötig haben, Menschen in Höhlen und Gärtlein und auf Schlössern: sie spüren alle, wenn das Evangelium von Gottes Reich kommt: das geht mich an und ich bin gemeint und ich kann gerade das brauchen! Ja, das ist gut, daß es so ist, daß es kein Türschloß gibt in der weiten Welt, das mit diesem Schlüssel nicht aufzubringen wäre. Das tut wohl, daß wir alle in den tausend Winklein, in die wir uns verlaufen und verkrochen haben, denken dürfen: ich bin nicht verloren, es ist nicht aus, der liebe Gott hat sicher einen Zugang auch zu mir und wird ihn schon brauchen, und ich darf ihn brauchen zum lieben Gott hin.

Aber das ist noch nicht das ganze Wunder. Woher kommt denn das, daß der heilige Geist jedem sein Eigenes zu sagen hat in seiner Sprache, nach seinem Bedürfnis, zu seiner Freude? O, die Apostel redeten dort an den Pfingsten nicht in zehn oder zwanzig Sprachen, sie redeten alle nur eine Sprache, aber sie redeten die eine Sprache, die alle trotz ihrer Verschiedenheiten verstanden, die all die Leute ihre Verschiedenheiten vergessen ließ, die Sprache des Herzens und Gewissens, die Sprache der |226 Heimat, die all die Fremden und in der Fremde Geborenen nur zu gut kannten. Und so bringt uns allen die Lebensbotschaft Gottes nicht eine Zauberapotheke mit tausenderlei Mittelchen, Salben und Verbänden, sondern das Eine, das uns allen notwendig ist [vgl. Lk. 10,42]. Das ist’s ja gerade: solange wir alle sind, wie wir sind, und nicht mehr sein wollen: Parther und Meder und Elamiter, jeder in seinem Häuslein und jeder auf seinem Maulwurfshügel, solange müssen wir ja wohl uns selbst und Andere plagen und viel Leid durchmachen. Und wir dürfen nicht erwarten, daß der liebe Gott nun zu uns komme und uns selig mache und dabei jeden lasse, wie und wo er ist. Nein, von der Heimat redet er uns, wenn sein Wort uns erreicht, die Heimat zeigt er uns, wie sie so schön ist, viel schöner als unsere fremden Länder, umzukehren in die Heimat, dazu ladet er uns ein. Darum verstehen wir ihn auch alle so gut, was und wie wir auch seien, und merken, daß es gerade uns angeht — wir haben eben alle nur eine Heimat, tragen alle gleich schwer daran, daß wir sie verlassen haben, und brauchen alle das Gleiche im tiefsten Grunde: Heimkehr! Darum hört jeder seine Sprache, weil er eben wirklich seine Heimatsprache hört, die für Alle die gleiche ist. Das Land Gottes zeigt uns das Evangelium und macht uns damit wirklich und wahrhaftig zu Brüdern und Schwestern, weil das ja eben unser aller Land ist. Die gleiche Sehnsucht lebt in uns allen, wie verschieden wir auch sonst dran seien, die gleichen ewigen Lichter leuchten hinein in unsere Gefängniszellen und verheißen uns Freiheit, die gleichen Gesetze prägen sich unserem Gewissen ein und heißen uns unsere Fesseln zerbrechen, die gleichen Kräfte strömen uns zu aus der schönen verlassenen Heimat und heben uns und bewegen uns, bis wir uns aufmachen und zu unserem Vater gehen [vgl. Lk. 15,18].

Sieh, das ist das ganze Wunder der Pfingsten: daß wir alle eins werden [vgl. Joh. 17,21], eins mit dem Vater, der uns seine Hand entgegenstreckt, und eins untereinander, denn indem er uns die Hand gibt, vereint er auch unsere Hände zu einer unauflöslichen Gemeinschaft des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung, zu einer Gemeinschaft des Heimwehs, dem die Seligkeit verheißen ist6.

227 So freu dich denn darüber, daß du von Gott wahrhaftig nicht vergessen bist: du mit deinem Charakter, du mit deinen Nöten und Bedürfnissen und Fehlern. Ja, freu dich nur und höre, was er gerade dir zu sagen hat.

Aber freue dich noch mehr darüber, daß die Erlösung, die er dir schenken will, Befreiung heißt: Befreiung aus deinem fremden Land, Rückkehr in die Heimat, die unser aller Heimat ist.

Denn dazu redet er zu dir in deiner Sprache, nicht daß du bleibest, wie du bist, sondern daß du seine großen Taten an dir erfahrest.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 148: «Komm, o komm, du Geist des Lebens» von H. Held, Strophen 1.5.7 (= GERS [1952] 184,1.4.6; EG 134,1.4.6) 🎵
  • Nr. 150: «Zeuch ein zu meinen Toren» von P. Gerhardt, Strophen 1.4 und 5 (= GERS [1952] 183,1.4.5; EG 133,1.6.7 «Zieh ein zu deinen Toren») 🎵

Sachfußnoten

1
Für die Einrichtung von Kleingärten für Stadtbewohner hat sich u. a. der Leipziger Arzt Daniel G. M. Schreber (1808–1861) eingesetzt.↩
2
Im Mskr. schrieb Barth die Städtenamen zuerst in deutscher, dann in lateinischer Schrift und markierte damit die unterschiedliche Aussprache deutlicher, als das im Druck möglich ist.↩
3
= (kalter) Nord(ost)wind.↩
4
Vgl. J. W. von Goethe, Egmont, 3. Aufzug, Klärchens Lied (Schlußzeilen) 📖:
Himmelhoch jauchzend,
Zum Tode betrübt —
Glücklich allein
Ist die Seele, die liebt.
↩
5
Vgl. den Kehrvers in P. Gerhardts Lied «Sollt ich meinem Gott nicht singen» (Nr. 3, GERS [1952] 48; EG 325) 🎵:
Alles Ding währt seine Zeit,
Gottes Lieb in Ewigkeit (nach Koh. 3,1–9).
↩
6
Vgl. J. H. Jung-Stilling, Das Heimweh und der Schlüssel zu demselben (1794–1797), Sämmtliche Schriften, Bd. IV, Stuttgart 1836 (Nachdruck 1979), S. 9 📖: «Selig sind, die das Heimweh haben, denn sie sollen nach Haus kommen.» Vgl. dazu Barths Hinweis auf Jung-Stilling in: Predigten 1913, S. 62 📖. ↩