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        <title type="volume" n="vol-27">Predigten 1915</title>
        <title type="content">Predigt: Römer 2,14-16</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Römer 2,14-16, 6. Juni 1915</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/27025 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1915, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1996, S. 227–237.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1915</title>
          <title type="text">Predigt: Römer 2,14-16</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1996</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 227-237</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.27, Predigten 1915, sermon 276</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Röm 2,14-16, 6. Juni 1915. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1717">KBA 1254</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1915-06-06">6. Juni 1915</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1915-06-06">6. Juni 1915</date><note xml:id="n01">Dem <ref corresp="A">Mskr.</ref> dieser Predigt liegt ein doppelseitig beschriebenes Blatt bei,
        auf dem <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> Stichworte der drei Predigten <ref type="pub" target="27025">276–278</ref> zusammengeschrieben hat.
Eine Überschrift fehlt, aber die Gliederung: «I. Das Gewissen — II. Das Gesetz —
III. Die Freiheit» läßt erkennen, daß Barth die Predigten als zusammengehörig
        verstanden hat. Der Text des Blattes folgt unten bei <ref type="pub" target="../volume/27/p247#p247">Nr. 278</ref>.</note>
                    </dateline>
      <epigraph>
        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.14 Röm.2.16">Römer 2,14–16</ref>
        <quote>Wenn die Heiden, die das Gesetz nicht haben, doch von Natur tun des Gesetzes Werk, sind sie, die das Gesetz nicht haben, sich selbst Gesetz, als die da zeigen, des Gesetzes Werk sei in ihr Herz geschrieben, indem ihr Gewissen sein Zeugnis dazu gibt, dazu auch die Gedanken, die sich untereinander verklagen oder entschuldigen, auf den Tag, da Gott das Verborgene der Menschen durch Jesum Christum richten wird laut meines Evangeliums.</quote>
                        </cit>
      </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Mitten drin in unserer Menschenwelt steht als erster und schlichtester, aber auch sicherer <hi rend="italic">Zeuge des Himmelreichs</hi> — das Gewissen. Da ist Handel und Wandel, da sind unsere Freuden und Sorgen, da sind unse<pb xml:id="p228" ed="pga" break="no"/>re Kriege und unsere Gemütlichkeiten — aber da ist das Gewissen, und du spürst das, daß das Gewissen für sich allein auf der anderen Seite steht. Da sind deine Pflichten im Beruf, in der Familie, in deiner Stellung unter den Mitmenschen, da ist die Liebe zum Vaterland — der heutige Tag hat uns einen kleinen Anlaß gebracht, sie zu bewähren<note xml:id="n02">Von Anfang Juni bis Mitte Juli fanden in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> (wie schon im November 1914; s. <bibl corresp="kbga-bibls-2034"><hi rend="italic">Predigten 1914</hi>, <ref type="pub" target="5051#p564">S. 564</ref></bibl>) Manövertage des schweizerischen Bataillons 83 statt. Aus <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Briefen an <persName ref="kbga-actors-403">E. Thurneysen</persName> erfahren wir von einer Begegnung mit dem Feldprediger <persName ref="kbga-actors-5830">Jakob Keller</persName> aus Wattwil, von der Einquartierung des befreundeten Hauptmanns <persName ref="kbga-actors-586">Karl Guggenheim</persName> im Pfarrhaus und von dem Eindruck, den das «Bumbum des Defilierens» auf die einjährige Tochter <persName ref="kbga-actors-5802">Fränzeli</persName> machte (<bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, S. <ref type="pub" target="3040#p051">51f</ref>.<ref type="pub" target="../volume/03/p056#p056">56</ref>.<ref type="pub" target="3046">59</ref>.<ref type="pub" target="../volume/03/p061#p061">61</ref>.<ref type="pub" target="../volume/03/p065#p065">65f.</ref>; Zitat <ref type="pub" target="3046">S. 59</ref></bibl>). Aus <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> <ref type="kba-objects-id" target="91490">Notizbuch</ref> geht hervor, daß in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> einquartierte evangelische Soldaten den Gottesdienst besuchten.</note> —, da ist die christliche Kirche, von der man erwartet, daß sie für alle Fälle eine Erklärung, einen Trost oder eine Moral bereit habe —, aber da ist das Gewissen, und du weißt: das Gewissen ist etwas Anderes, ist mehr als alle diese großen Dinge. Da ist alles das, was die Menschen nötig haben, wovon sie leben und was ihnen lieb ist, all das, wovon wir mit gerunzelter Stirn und gescheiten Augen und überzeugter Stimme sagen: das ist so und das muß so sein! — und da ist das Gewissen und läßt sich nicht beirren und behauptet, die einzige, die höchste Notwendigkeit zu kennen, das allein wahrhaftige Leben und das, was allein Liebe verdiene, und sagt: <hi rend="italic">das</hi> ist! und <hi rend="italic">das</hi> muß <hi rend="italic">so</hi> sein! Nur das kleine, schwache, ungewisse Gewissen — gegen eine ganze große Welt von eiserner Konsequenz —, so sieht es auf den ersten Blick aus.</p>
        <p>Aber das Gewissen ist <hi rend="italic">nicht allein</hi>. Wie ein Vorposten kämpft es scheinbar einen einsamen, erfolglosen Kampf. Aber es ist der Vorposten einer noch größeren Welt, einer Welt, die alles Eisen zerbricht, weil sie die Welt der Ewigkeit ist. Hinter ihm steht Jesus Christus mit seiner Botschaft, mit seinem Leben, mit seinem Kreuz. Hinter ihm steht der Vater und sein Reich, das kommen will. Das, was hinter ihm steht, gibt dem Gewissen dies Unerschütterliche, Siegreiche mitten in der großen Menschenwelt. Sieh, <hi rend="italic">es kann sein</hi>, daß du an Vielem, an Allem irre geworden bist: an Gott, an den Menschen, an der Wahrheit und Gerechtigkeit des Lebens, an dir selbst — wir wollen jetzt nicht untersuchen, aus was für Gründen —; solange das Gewissen auf seinem Posten steht, solange bist du kein Ungläubiger und kannst den Weg zurückfinden zu <pb xml:id="p229" ed="pga"/> all dem, woran du jetzt verzweifelst und das du jetzt verwirfst. Es kann auch sein, daß du tief, tief gesunken bist. Du hast gegen Gottes und des Lebens heilige Gebote schwer gefrevelt. Du bist abgekommen vom Weg zu deiner Bestimmung auf törichte, gefährliche Nebenweglein. Du hast dich in Schuld verwickelt, hast geholfen, das Gewicht der Lüge und des Bösen, das auf der Welt lastet, zu vermehren.</p>
        <p>Aber dein Gewissen lebt! O fürchte dich nicht! Du bist nicht verloren, du bist nicht verdammt! Es gibt einen, der Alles neu machen will [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.5">Apk. 21,5</ref>]. Und du bist mit deinem schlechten Gewissen, mit deinem Gewissen, das dich straft und plagt, seinem Reiche wahrhaftig näher als der Tugendbold, der vor lauter Rechtschaffenheit und Frömmigkeit gar kein Gewissen mehr hat. Und die Menschheit ist nicht verloren, trotz all ihrer Irrgänge ins Niedrige, Tierische hinein, trotz ihrer Verleugnung ihres eigenen Besten, trotz ihrer unsäglichen Kurzsichtigkeit und Verblendung, trotz all dem Blut und all den Tränen, die Tag für Tag zum Himmel schreien. Sie ist nicht verloren, sie bleibt doch der Ort, wo Gott wahrhaftig seine Hütte bauen will und bauen wird [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.3">Apk. 21,3</ref>], solange ihr Gewissen lebendig sich regen wird. Und das Kommen des Gottesreiches, das uns trotz Allem verheißen ist, mißt sich nicht an äußeren Fortschritten und Verbesserungen, sondern an dem feiner, schärfer, unruhiger werdenden Gewissen, das in der Menschheit lebt. Denn das Gewissen ist die Einfallspforte, durch die die höhere Welt, die Welt Gottes, in unsere Welt der Sünde und des Todes einbricht und einbrechen will. Fort mit der Furcht, fort mit dem grämlichen Unglauben, machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, daß der König der Ehren einziehe! [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.24.7 Ps.24.9">Ps. 24,7.9</ref>].</p>
        <p>Was ist das Gewissen? Die <hi rend="italic">Erinnerung an Gottes Reich</hi> in der Menschenseele, im Menschheitsdasein. Keine Erkenntnis. Kein Entschluß. Kein Leben. Leider nicht. Aber doch ein in sich ganz klares Gefühl des Heimwehs nach dem verlorenen Paradies<note xml:id="n03">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1641">Konfirmandenunterricht 1909-1921</bibl>. Hier gibt es im Jg. 1915/1916 einen Abschnitt mit der Überschrift «Das verlorene Paradies» (<ref type="pub-" target="../volume/18/p125#p125">S. 125–127</ref>) und im vorhergehenden Abschnitt einen Absatz «Das Gewissen», in dem es u. a.  heißt: «Gewissen ist Ankündigung, Vorposten, Heimweh» (<ref type="pub-" target="../volume/18/p124#p124">S. 124</ref>).
        </note>, der Sehnsucht nach der kommenden Gottesherrschaft. «Ich hab von ferne, Herr, deinen Thron erblickt.»<note xml:id="n04">Dieses Lied wurde nach der Predigt gesungen: <bibl corresp="kbga-songs-103" type="song">s. unten</bibl>.</note> Ja, von ferne. Wir möchten glücklich sein und müssen die Er<pb xml:id="p230" ed="pga" break="no"/>fahrung machen, daß das erstrebte Glück sich vor unseren gierigen Augen zurückzieht; etwas Anderes heißt das Glück heute als gestern, etwas Anderes morgen als heute, und schließlich halten wir einen Schatten in der Hand. Wir möchten das Rechte tun und weichen wenig oder gar nicht ab vom Pfad der braven, unbescholtenen Leute und müssen erfahren, daß alles Rechttun ein Stolpern und Straucheln ist, mit dem wir alles in allem nicht vorwärts, sondern rückwärts kommen. Wir möchten leben, und siehe da, unser ganzes Leben ist eigentlich immer nur eine Vorbereitung zum Leben, ein einziges Sich-Mühen und -Plagen mit dem ewigen Trost: jetzt kommt’s dann!, und ehe wir es uns versehen, ist’s zu Ende, und was haben wir davon eigentlich?</p>
        <p>Die Menschheit sehnt sich nach Freiheit und Kultur, und um dahin zu gelangen, schlägt sie fürchterlichste Irrwege ein. Ausbeutung und Unterdrückung, Ungerechtigkeit und Gewalt hält sie für die richtigen, notwendigen Mittel zur Erlangung der höchsten Güter und verachtet damit Tag für Tag aufs neue Alles, was ihre Sehnsucht schon geschaffen. Wir glauben doch an einen Gott und beten zu ihm und bauen ihm Kirchen und feiern ihm Gottesdienste, aber die schlichteste Aufrichtigkeit muß uns sagen, daß das, was wir an diesem Gott haben, Schein ist, daß er uns nicht erlöst. Wie sollte er uns auch erlösen können, wo wir ihn uns doch selbst gemacht haben, nach unserem Bildnis und Belieben, wo wir doch den wirklichen, den lebendigen Gott auf die Seite gestellt haben. Eine ganze Welt von schwankender Unsicherheit, von Widerspruch, von Entsetzen und Lüge und Knechtschaft.</p>
          <p>In diese Welt hinein — das ist die Heidenwelt, aber nicht nur die Heidenwelt des alten Rom, die <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> meinte in unserem Text, nicht nur die Heidenwelt in <placeName ref="kbga-places-786">Afrika</placeName> und <placeName ref="kbga-places-963">Asien</placeName>, sondern die im «christlichen» <placeName ref="kbga-places-204">Europa</placeName>, die Heidenwelt in unseren Zuständen und Gewohnheiten, die Heidenwelt in dir und in mir — in diese Welt hinein ertönt die Stimme des Gewissens und spricht: <hi rend="italic">es gibt etwas Sicheres</hi>, Unbedingtes und unmittelbar Wahres, etwas, das nicht sich selber widerspricht, sich selber zunichte macht, sondern das ist und gilt und freudig und klar in sich selber ruht. Es gibt etwas, das ist wichtiger als Menschenglück und größer als Menschengerechtigkeit. Es gibt ein eigentliches, wahres Leben, und es gibt einen wirklichen, lebendigen Gott. So spricht das Gewissen. Und es fährt fort und sagt zu dir und zu mir: <hi rend="italic">du gehörst hin</hi> zu diesem wirklichen, lebendigen Gott, dort bist du zu Hause, dort sind die star<pb xml:id="p231" ed="pga" break="no"/>ken Wurzeln deiner Kraft<note xml:id="n05">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-846">
                                <persName ref="kbga-actors-764">Fr. von Schiller</persName>, <hi rend="italic">Wilhelm Tell</hi>, V. 922-924 (2. Aufzug, 1. Szene)</bibl>: 
            <q rend="block">
                                <lg>
              <l>Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an,</l>
              <l>Das halte fest mit deinem ganzen Herzen.</l>
              <l>Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft …</l>
                                </lg>
                            </q>
               </note>, dort ist alles das in Fülle und Klarheit, was du jetzt so unglücklich und verworren hoffst und anstrebst. Du aber hast in unbegreiflicher Torheit <hi rend="italic">selber etwas sein wollen</hi> neben und ohne Gott, bist hingegangen und hast etwas Eigenes angefangen voll Übermut und Beschränktheit, hast die feinen, kostbaren Lebensfäden, die dich und die Welt zusammenhielten, zerrissen und <hi rend="italic">hast</hi> nun ein unsicheres, zerrissenes Leben, eine unsichere, zerrissene Welt. Du hast dich so gemacht. Du hast die Welt so zerstört!</p>
        <p>Und nun gibt es keinen anderen Ausweg und keinen Rückweg als den: <hi rend="italic">Hin zu dem</hi>, was ursprünglich und unmittelbar wahr ist. Das Größere, das hinter dem Menschenwesen verborgen ist, muß wieder hervortreten. Der lebendige Gott muß wieder gelten. Du mußt wieder der Tiefere, Bessere sein — wagen zu sein —, der du warst, ehe du dir selber und Gott untreu wurdest, du mußt die zerrissenen Fäden wieder aufnehmen, den hier, den dort, und dein Leben muß aus etwas Schwankendem wieder eine Festung werden, aus einer Zerrissenheit wieder ein Ganzes! So redet das Gewissen mit uns und zeigt uns Gott von ferne: den Gott, den wir verlassen haben und zu dem wir wieder hin müssen, zeigt uns Gott, indem es sein Gebot unbedingt und majestätisch aufrichtet in unserem Leben.</p>
        <p>Und nun sieh einmal zu, wie das Gewissen, dieser wunderbare Vorposten der Ewigkeit im Menschenland, schafft. <hi rend="italic">Rücksichtslos</hi> ergreift und führt es das Wort. Du bist gerade heiter und zufrieden? es ist recht, wenn du’s bist. Du bist traurig und niedergeschlagen? es kann sein. Aber du darfst nicht erwarten, daß das Gewissen sich darum kümmere, daß es um des Einen oder um des Anderen willen schweigen werde. Es geht dir gut? Nein, du hast Anlaß, über dein Schicksal zu klagen? Das mag für dich sehr wichtig sein, aber der Weg des Gewissens geht durch Glück und Unglück quer hindurch und läßt sich nicht aufhalten. Du bist ein tüchtiger, achtbarer Mensch? Nein, du bist einer [von denen], die viel auf dem Kerbholz haben und um die man lieber einen Umweg macht? Ja, da ist ein Unterschied. Aber nicht für das Gewissen, du mußt es hören und hörst es, ob du das eine oder andere seist. Das Gewissen weiß nichts Anderes und will auch nicht, daß du etwas Anderes <pb xml:id="p232" ed="pga"/> wissest als das Eine, daß du aus Gottes Reich gefallen bist und daß es wieder zu dir kommen muß und kommen will. Alles Andere interessiert es nicht, schnurstracks geht es darauf los, dich das Eine merken zu lassen. Jetzt, indem es dir unerbittlich vorhält: Unrecht!, jetzt, indem es eine neue Pflicht vor dir aufsteigen läßt, jetzt, indem es sich mit dir freut, wenn einer von den zerrissenen Lebensfäden wieder aufgenommen und angeknüpft ist. Strafendes, mahnendes, gutes Gewissen, es ist im Grunde nur eins und will nur eins von dir: Hin zu Gott und dem wahrhaftigen Leben!</p>
        <p>Und das sagt es uns und ist dabei ganz und gar <hi rend="italic">furchtlos</hi>. Es läßt sich immer viel einwenden gegen die Meinungen des Gewissens. Du liebe Zeit, wie trotzig und unvermittelt stellt es das so hin: das ist nicht recht! und das muß anders werden! Halt, halt, denken wir, nicht so schnell, und kommen eifrig gelaufen mit allerlei Beschwichtigungen und Hindernissen. Da kommt Einer und bringt die Notwendigkeit als Grund gegen das Gewissen. Es muß so sein!, sagt er. Man kann nicht anders. Die Tatsachen zwingen uns. O, es werden gerade jetzt in tausenden und tausenden von Menschenherzen mit der Notwendigkeit Mauern gebaut gegen das gefährliche Gewissen. Da kommt ein Zweiter und bringt die Vernunft daher, und die Vernunft ist willig und zu Allem zu gebrauchen und setzt sich hin und spinnt sofort eine schöne Ansicht oder Theorie, da kommen viele «sowohl — als auch» darin vor, viele «einerseits — andererseits», viele «zwar — aber», und schließlich kommt dabei heraus, zwar sei gut gut und böse böse, doch müsse eben um des Guten willen das Böse getan werden, und wer das nicht verstehe, dem sei nicht zu helfen. Und hilft auch das nichts, so kommt ein Dritter und bringt geschleppt die ganze Vergangenheit und beweist sonnenklar, das Gewissen müsse Unrecht haben, denn seit Anbeginn der Welt sei es so und nicht anders gewesen, und Bleiklumpen will es ihm an den Hals hängen, auf deren jedem geschrieben steht: es war! es war! es war! Ja, ja, was da war, das muß ja auch wohl sein, und dagegen kann das arme Gewissen wenig machen. Und das hält denn auch wirklich ganz still und wehrlos her und läßt Alles über sich ergehen wie der schlafende <persName ref="kbga-actors-2252">Simson</persName> unter den Händen seiner bösen Frau, die ihn mit starken Seilen fesseln wollte. Bis es auf einmal den Ruf hört: Philister über dir!, und schon ist es aufgefahren, und schon liegen alle Fesseln am Boden [<ref type="can" subtype="bible" target="Ri.16.6 Ri.16.12">Ri. 16,6–12</ref>], und schon trotzt es weiter, trotzt der Notwendigkeit, trotzt <pb xml:id="p233" ed="pga"/> der Vernunft, trotzt der ganzen Vergangenheit: Unrecht bleibt Unrecht, und es muß doch anders werden! Es fürchtet sich eben nicht und achtet alle Bedenken und Hindernisse für gar nichts und kann sie nicht einmal ernst nehmen, es hat eben nur die Klarheit des Himmelreichs, von dem es in der Menschenwelt Zeugnis abzulegen hat. Gerade daß es so wehrlos ist, ist seine Stärke. Es läßt sich nicht aufs Disputieren und Unterhandeln ein. Es kennt die Schwierigkeiten gar nicht, denen es gegenübersteht und die es glatt nicht anerkennt. Es weiß nur: in dieser Richtung steht Gott und sein Reich und in dieser Richtung sicher nicht, und danach redet es unentwegt sein Ja oder Nein. So schafft das Gewissen.</p>
          <p>Noch etwas ist groß an ihm oder gefährlich, wenn man will. Es ist <hi rend="italic">nicht das harmlose innere Stimmlein</hi>, als das man es oft beschreibt, das Stimmlein in diesem oder jenem einzelnen Menschlein, das dann jedesmal die Anderen nichts weiter anginge. Da hätte <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> nicht so bestimmt und allgemein sagen können: die Heiden haben es, und es gehe ihnen für das Gesetz, das sie nicht haben. Nein, das ist das gewaltige und Erschütternde am Gewissen, daß es in Allen ist und in Allen im Grunde in der gleichen Weise und in der gleichen Richtung, und wenn einmal ein Gewissen aufwacht und sein Morgenlied singt in der dunklen Nacht, dann gibt’s eine große Ansteckung, dann müssen ihm da und dort die anderen Gewissen, die doch keine anderen sind, recht geben, sich mit ihm freuen, mit ihm erschauern und mit ihm ihre Wächterstimme erheben. Das eine gleiche Gewissen, die eine gleiche Erinnerung an Gottes Reich ist in dir wie in mir. Und darum kann heute dein Gewissen zu mir sagen: es ist nicht recht! oder: «sieh da, deine Pflicht!» und morgen mein Gewissen dasselbe dir! Dies gleiche Gewissen klopft an beim Reichen wie beim Armen, beim Gottlosen wie beim Frommen. Es kann jetzt ganze Völker, die ganze menschliche Gesellschaft anklagen und jetzt in einer einzelnen Menschenseele aufleuchten als das Bewußtsein: Ich bin schuld! Es wendet sich jetzt nach Norden und nennt eine Tat, die sich mit «Not kennt kein Gebot› rechtfertigen will, ein Verbrechen<note xml:id="n06">Mit «Verbrechen» ist wohl der Einmarsch der deutschen Truppen in <placeName ref="kbga-places-167">Belgien</placeName> im August 1914 gemeint, der mit dem Spruch «Not kennt kein Gebot» gerechtfertigt wurde. Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/27/p096#fn_n08">S. 96, Anm. 8</ref>.</note> und jetzt nach Süden und nennt den Verrat Verrat<note xml:id="n07">Daß <placeName ref="kbga-places-35">Italien</placeName> den 1882 geschlossenen und mehrfach, zuletzt 1913 erneuerten Dreibund-Vertrag mit <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> und <placeName ref="kbga-places-1041">Österreich-Ungarn</placeName> am <date when="1915-05-03">3.5.1915</date> kündigte und am <date when="1915-05-23">23.5.1915</date> <placeName ref="kbga-places-1041">Österreich</placeName> den Krieg erklärte, wurde auch in der schweizerischen Öffentlichkeit weithin als Verrat beurteilt. Am 20.5.1915 schrieb <persName ref="kbga-actors-403">E. Thurneysen</persName> an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>: «Heute fallen die Würfel in <placeName ref="kbga-places-35">Italien</placeName> vielleicht auch über unser Geschick. … 9 Monate Krieg in <placeName ref="kbga-places-204">Europa</placeName>, und nun will man da unten auch noch mit eintreten. Das bleibt sogar innerhalb des Satzes ‹Welt ist Welt› eine Gemeinheit…» (<bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, <ref type="pub" target="3034#p044">S. 44f.</ref></bibl>). <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> war jedoch anderer Meinung. Am 25.5. antwortete er dem Freund: «Ich bin etwas beunruhigt … durch das, was du wegen Italien schreibst. Natürlich ist diese Politik eine offene Schurkerei, aber warum sie tiefer betrüben sollte als etwa <placeName ref="kbga-places-167">Belgien</placeName> und Lusitania, ist mir nicht deutlich. Hats denn <persName ref="kbga-actors-557">Friedrich der Große</persName>, hat es <persName ref="kbga-actors-500">Bismarck</persName> besser gemacht als die jetzigen Italiener?» (<bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, <ref type="pub" target="3036#p048">S. 48</ref></bibl>).</note>, und <pb xml:id="p234" ed="pga"/> wenn er tausend kluge Gründe hätte. Das Gewissen ergreift keine Partei. Das Gewissen hängt nicht an dieser oder jener Person. Das Gewissen hat keinen Standpunkt und keine Sache. Außer dem einen Standpunkt Gottes und der einen Sache seines Reiches. Aber eben weil es nirgends ist, ist es überall. Eben weil es nur von Gott weiß und nur den einen Gegensatz kennt: mit Gott oder ohne ihn, darum bildet es nach Gottes Art sofort Gemeinschaft. Wo das Gewissen redet, da hört das tolle Für-sich-Leben der Menschen auf, da beginnen sie einander zu verstehen, beugen sich miteinander unter das unbegreiflich Große und Hohe, seufzen miteinander darüber, daß es so fern ist, zürnen miteinander über die Hindernisse, die uns davon trennen, sehnen sich miteinander nach einem Glauben und einer Hoffnung des Sieges über die feindlichen Gewalten. So schafft das Gewissen, so arbeitet es Gott vor mit tiefer, scharfer Pflugschar.</p>
        <p>So sind wir Menschen, auch wenn wir kein Gesetz haben, und das will sagen, wenn wir keinen Ausweg wissen aus der Not unserer Gottlosigkeit, wenn wir vielleicht an allen Mittelchen und Weglein, uns selbst und die Welt zu verbessern, irre geworden sind — wir <hi rend="italic">sind uns selber Gesetz</hi>, wir sehen den einen großen Ausweg aus aller Not: wir sehen ihn durch das Gewissen. Das rücksichtslose, tapfere, allgemeine Protestieren und Heißen [?] des Gewissens ist der Vorposten der Ewigkeit im Menschenland. Das Gewissen ist Morgenrot. Das Gewissen ist Verheißung. Das Gewissen ist der erste, starke Durchbruch des Göttlichen. Seht, darüber muß man <hi rend="italic">sich freuen</hi>. Darüber muß man jubeln, wenn das Gewissen sich regt. Da kann man immer denken: jetzt kommt etwas! jetzt muß es einen Schritt vorwärts gehen. Das ist etwas Gewalti<pb xml:id="p235" ed="pga" break="no"/>ges, wenn es in dir anfängt unruhig zu werden, wenn du’ spürst: so kann’s nicht weiter gehen, und nun muß etwas Anderes werden, wenn der Ekel dich erfaßt über die bisherigen Grundlagen und Quellen deines Lebens und die Sehnsucht nach der fernen Stadt mit den goldenen Gassen<note xml:id="n08">Vgl. das <bibl corresp="kbga-songs-103" type="song">Lied Nr. <choice><sic ed="pga">253</sic><corr>352</corr></choice></bibl> (s. unten), dessen 5. Strophe lautet: 
          <q rend="block">
                                <lg>
            <l>Ich bin zufrieden,</l>
            <l>Daß ich die Stadt gesehn;</l>
            <l>Und ohn’ Ermüden</l>
            <l>will ich ihr näher gehn</l>
            <l>Und ihre hellen, goldnen Gassen</l>
            <l>Lebenslang nicht aus den Augen lassen.</l>
                                </lg>
                            </q>
               </note>. Schäme dich dessen nicht, suche das nicht zuzudecken und zu vergessen, mach jetzt keine Heuchelei, um von deinem Gewissen loszukommen, es gerät dir doch nicht! Sondern freue dich, das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.1.15">Mk. 1,15</ref> par.]. Und wenn du Andere siehst, die vom Gewissenszwang gepackt sind, die auf einmal anders denken und reden müssen, als du es vielleicht gewohnt bist und für recht hältst, o dann laß nur all das Nörgeln und die Bedenken, ebensowohl um ihretwie um deinetwillen. Nichts ist törichter und unnützer, als den Schleipftrog<note xml:id="n09">= Bremsklotz.</note> spielen zu wollen, wo das Gewissen redet. Freu dich doch lieber, daß es noch solche gibt, die schelten und jauchzen können um des Gewissens willen, auch wenn du vielleicht nicht gleich mit kannst, und sei ein wenig stille und warte, ob nicht das Gewissen am Ende auch in dir erwache und dich aufrufe: du mußt auch mit! Das Reich Gottes könnte nahe herbeigekommen sein.</p>
        <p>Das Gewissen ist <hi rend="italic">noch nicht das Leben</hi>. Wir dürfen ja nicht zu viel von ihm erwarten. Gerade wie <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes der Täufer</persName> noch nicht der Messias war. Man kann, wenn man will, mit vollem Recht von ihm sagen: ach, nur so ein Gefühl! Ja, nur so ein Gefühl, das uns von der alten Welt und ihren Früchten und Folgen abstößt und auf die neue hinweist. Aber es bringt sie uns eben noch nicht, die neue Welt, das Gottesreich. Wir hören seine Stimme und stehen dabei doch unter der vollen Wirkung der Menschenwelt. Es führt uns hart an die Grenze, wo es uns klar wird: wir haben eine Schuld auf uns, und es gibt eine Erlösung! Hart an die Grenze, wo wir die Hölle sehen und den Himmel. Aber nur an die Grenze. Noch ist nichts geschehen. Noch kann Beides gesche<pb xml:id="p236" ed="pga" break="no"/>hen, nachdem das Gewissen gesprochen hat und gehört worden ist, ein froher, guter Aufstieg, aber vielleicht auch ein neuer Absturz.</p>
        <p>Man redet von einem <hi rend="italic">irrenden Gewissen</hi>. Der Ausdruck ist nicht gut: das Gewissen irrt sich nicht, wohl aber der Mensch, der vom Gewissen gepackt ist. Wir haben alle schon Torheiten und Sünden begangen, wo wir meinten, nur dem Gewissen zu gehorchen. Eltern haben schon unsägliche Schuld auf sich geladen ihren Kindern gegenüber — aus lauter Gewissenhaftigkeit. Die christliche Kirche ist zu Zeiten eine Hölle gewesen um des Gewissens willen. Alle Kleinlichkeit und Zwängerei beruft sich auf das Gewissen. Immer wieder geschieht es uns, daß wir gewissenshalber die Liebe fahren lassen, eng, streitsüchtig, ausschließlich werden. Das Gewissen scheint jetzt die Völker <placeName ref="kbga-places-204">Europas</placeName> hüben und drüben zu Haß und Trotz und Durchhalten und Weiterfahren anzutreiben. Und doch irrt das Gewissen nicht; die große Parole, die es ausgibt, ist die richtige. Es zeigt sich nur, wenn diese Parole ertönt, wie groß die Sinnlosigkeit und Verworrenheit und Unsicherheit der Menschenwelt ist. Das Gewissen wirkt zunächst einfach als eine große Beunruhigung, die Gutes und Böses zugleich an den Tag wirft, ja eine Menge Bosheit und Kurzsichtigkeit der Menschenart kommt jetzt gerade erst zum Ausbruch. Wie es im Ameisenhaufen ein großes Getümmel<note xml:id="n10">Oder: «Gewimmel»? Vor dem fraglichen Substantiv steht, zwischen die Zeilen eingefügt, ein kurzes unleserliches Wort.</note> gibt, wenn man mit einem Stock dreinfährt. Wie ein großes, wildes Hin- und Herlaufen entsteht, wenn eine Feuersbrunst ausgebrochen ist. Aber das darfst du nicht gegen das Gewissen kehren, das darfst du nicht zur Ausrede nehmen, um dich ihm zu entziehen. Gerade daß es in tausend Fällen gar nicht so leicht ist, dem Gewissen zu gehorchen mitten in der Menschenwelt, zeigt uns, wie <hi rend="italic">recht es hat</hi>, wenn es uns schlicht und unentwegt von der Gotteswelt redet, wo Alles neu wird. Das Gewissen führt uns in einen Kampf hinein, und wie sollte es da abgehen ohne Schrammen und Wunden, ohne Irrtümer und Niederlagen? Was fällt dir eigentlich ein, daß du meinst, das Gewissen müsse sofort das Gottesreich aufrichten, sofort die rechten Mittelchen und Weglein zeigen, um aus den Sümpfen und Engpässen der Menschenwelt herauszukommen, wo es uns doch gerade erst klar macht, daß wir im Sumpf und im Engpaß drin sind und es nötig haben, an Gottes Reich zu glau<pb xml:id="p237" ed="pga" break="no"/>ben. Ja, in den Widerstreit der Gedanken führt uns das Gewissen hinein, der Gedanken, die sich untereinander verklagen und entschuldigen, wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagt. Und das muß so sein. Das Gewissen ist eben noch nicht das Leben, es zeugt erst von ihm. Es ist die Stimme eines Predigers in der Wüste [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.40.3">Jes. 40,3</ref>].</p>
        <p>Was mit ihm machen? Es gibt nur eine Antwort: <hi rend="italic">Hören!</hi> Hören auf das Tiefste, was es uns zu sagen hat. Dich aufreißen lassen aus der falschen Ruhe, daß du hinblicken mußt auf Gottes ewiges Reich. Hören auf die große Parole des Gewissens, hören auch auf die furchtbare Verwirrung, die diese Parole in dir und in der Welt aufdeckt und aufrührt, hören auf die wundersame Botschaft, daß die Welt neu werden soll. Ja, es gehört eben Alles dazu, das alles mußt du erleben und durchmachen, das alles muß in dich hinein: die Wahrheit, der Kampf, die Hoffnung. Wenn wir das alles hören und in uns aufnehmen, dann werden wir erst aufrichtig, und erst wenn wir aufrichtig werden, werden die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, daß der König der Ehren einziehen kann [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.24.7 Ps.24.9">Ps. 24,7.9</ref>].</p>
        <p>Dem Aufrichtigen läßt es der Herr <hi rend="italic">gelingen</hi> [<ref type="can" subtype="bible" target="Spr.2.7">Spr. 2,7</ref>]. Ihm bricht der Tag an, wo Gott das Verborgene der Menschen richtet durch Jesum Christum, der Tag, wo das Leben kommt und die Klarheit, die Erlösung und die Freiheit, wo aus dem Hin und Her des Kampfes der entschiedene Sieg des Gottesreiches wird. Denn das ist doch das Gericht durch Jesus Christus, auf das wir warten, daß Gott durch ihn Sieger wird. Gott wartet darauf, daß wir reif werden für diesen Sieg. Der Geist des Heilands geht durch die Welt und sucht und klopft an und findet die, die die Stimme des Vorpostens gehört haben und hören wollen. Und wo er die findet, da kommt die Freude und die Kraft, da geht’s vorwärts nicht nur zu einem Sieg, sondern von einem zum anderen. Da bricht nach dem Vorposten das Himmelreich selbst herein mit all seiner Herrlichkeit, von der einmal alle Welt voll werden soll [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Num.14.21">Num. 14,21</ref>].</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-102" type="song">Nr. 30: «Herzlich lieb hab ich dich, o Herr» von <persName ref="kbga-actors-4149">M. Schalling</persName>, Strophen 1 und 2 (= GERS [1952] <choice>
                                <sic ed="pga">
                                    59
                                </sic>
                                <corr resp="ak" type="misprint">65</corr></choice>,1-2; EG 397,1-2)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-103" type="song">Nr. 352: «Ich hab von ferne, Herr, deinen Thron erblickt» von <persName ref="kbga-actors-4392">J. T. Hermes</persName> (1738–1821), Strophen 1.2.5 (= <hi rend="italic">Reichs-Lieder</hi> 565,1.2.5)</bibl>
                        
          <!--<item><ref type="pub" subtype="bib1-kd" target="b0030">Nr. 30</ref>: «Herzlich lieb hab ich dich, o Herr» von M. Schalling, Strophen 1 und 2
(<bibl><title level="m">GERS [1952]</title> 59, 1-2</bibl>; <bibl><title level="m">EG</title> 397, 1-2</bibl>)</item>
          <item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1936" target="b0352">Nr. 352</ref>: «Ich hab von ferne, Herr, deinen Thron erblickt» von J. T. Hermes
(<date from="1738" to="1821">1738–1821</date>), Strophen 1.2.5 (<bibl><title level="m">Reichslieder</title> 565, 1.2.5</bibl>)</item>-->
          </listBibl>
        </div>
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    </body>
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</TEI>
