Rudolf Bultmann an Karl Barth
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Zuerst war ich in Versuchung, Ihr Figaro-Zitat
Ihrer Feststellung (oder Beschwerde) gegenüber, daß es so schwer sei, mich zu verstehen3, könnte ich zunächst fragen. «Verstehe ich mich denn selbst?» Denn jedenfalls wußte ich, als ich mich auf den Weg der Entmythologisierung machte4, noch nicht, wohin der Weg mich führen würde, wenngleich ich seiner Richtung gewiß zu sein glaubte.
Eines aber meine ich immer deutlicher gesehen zu haben, daß es nämlich entscheidend darauf ankommt klar zu machen, mit welchem Begriff von Wirklichkeit, von Sein und Geschehen wir in der Theologie eigentlich arbeiten, und wie er sich zu den Begriffen verhält, in denen nicht nur andere Leute von Wirklichkeit, Sein und Geschehen denken und reden, sondern auch wir Theologen in unserm alltäglichen Leben. Auf eine ontologische Besinnung kommt es also an, und ich meine, daß das etwa in dem Aufsatz über das christologische Bekenntnis des ökumenischen Rates5 und der sog. «Abschließenden Stellungnahme»6 (die Überschrift stammt nicht von mir!) zum Vorschein kommt.
Gehört solche ontologische Besinnung wirklich zum Geschäft der |169 Theologie — und daß es so sei, haben Ihre Fragen mir nicht zweifelhaft gemacht, sondern nur bestätigt —, so folgt daraus auch, daß sich die Theologie mit der Philosophie befasse, und zwar heute mit eben der Philosophie, die die ontologische Frage neu gestellt hat, und daß sie sich über ihr Verhältnis zu dieser klar werde.
Liegt es, wenn Sie mich nicht zu verstehen meinen, nicht z. T. daran, daß Sie
diese nach meiner Meinung der Theologie gestellte Aufgabe nicht sehen? daß Sie
sich infolgedessen auch nicht ernstlich mit der Existenz-Philosophie beschäftigt
haben? So manche Ihrer Mißverständnisse wären m.E. sonst gar nicht möglich, wie
z. B. das, daß Sie immer wieder die existentiale Analyse als Anthropologie (im
traditionellen Sinne) diskriminieren, oder daß Sie in der amüsanten Anmerkung S. 35 [42]
Ein anderer Grund Ihres Nichtverstehens scheint mir darin zu liegen, daß Sie das
Problem des «Übersetzens» nicht oder jedenfalls nicht so sehen, wie ich meine,
daß es gesehen werden müsse. Mit diesem Problem ist ja — und das verkennen Sie
natürlich nicht — die Aufgabe gemeint, dem Menschen von heute die christliche
Verkündigung so verständlich zu machen, daß er dessen inne wird: tua res agitur.
Ich bin der Überzeugung, daß das nur möglich ist, wenn die Bindung der
Verkündigung (in der Bibel wie in der traditionellen kirchlichen Predigt) an ein
vergangenes Weltbild radikal gelöst wird. Letztlich von der Bindung an ein
Weltbild des objektivierenden Denkens überhaupt (vgl. K. u. M.
II, S. 187f., 207
Nun scheint mir die Situation heute die zu sein: der Mensch lebt durchweg in dem
von der objektivierenden Wissenschaft entworfenen Weltbild; es ist ihm aber mehr
und mehr zum Bewußtsein gekommen (oder beginnt zum Bewußtsein zu kommen), daß er
seine eigene Existenz nicht aus jenem Weltbild verstehen kann. Das russische Experiment, das gleichwohl und
in radikaler Konsequenz zu tun, offenbart |170 eben in
seinen Konsequenzen dem «westlichen» Menschen die Absurdität dieses
Unterfangens. Der moderne Mensch, der für seine Arbeit das Weltbild der
Wissenschaft nötig hat, empfindet doch immer stärker den Charakter seines Seins,
den die Existenz-Philosophie als «Geschichtlichkeit» bezeichnet. Und darin
beruht die außerordentliche Bedeutung, die dieser Philosophie heute zukommt. Für
diese Philosophie ist er faktisch aufgeschlossen, weil sie ihm ein Verständnis
seiner selbst eröffnet. Selbstverständlich braucht es nicht
Es ist mir unverständlich, wie Sie S. 38f. [45f.]
Ihre vorsichtige Formulierung S. 39 [46], daß die amerikanische Fach-Philosophie «im Allgemeinen noch nicht beim
Existentialismus angelangt» ist, trifft freilich zu. Der dafür gezahlte Preis
ist aber der, daß die Fach-Philosophie im amerikanischen Leben keine Rolle spielt. Ich kann natürlich
nicht wissen, wie stark man das noch nicht betonen muß. Aber
ich meine zu sehen, daß auch in ihr der Existentialismus an Bedeutung gewinnt,
was gewiß — wenigstens zu einem Teile — dem Einfluß emigrierter deutscher Philosophen zu danken ist. Es
ist übrigens doch interessant, daß
Nun, zu diesem Exkurs haben Sie durch Ihre Bemerkungen S. 38f. [45f.]
Nun aber muß ich auf einzelne Ihrer Fragen eingehen, und da es mir nicht möglich ist, eine systematische Abhandlung zu schreiben, bitte ich um die Erlaubnis, Ihre Schrift mit einigen Anmerkungen begleiten zu dürfen.
Ad. I.
Zu dem S. 4–6 (oben) [10–12] Gesagten kann ich «Ja» sagen — mit einem Vorbehalt. Meinerseits würde ich den Satz S. 4/5 [11] so formulieren: «Nur indem der Verstehende seine (des NT) Botschaft als eine an ihn selbst gerichtete Frage vernimmt, und nur indem er als Ausleger |172 entweder selbst zu deren Träger wird oder sie protestierend ablehnt». Das Verständnis kann doch zunächst nur das Verständnis der an mich — den Ausleger — gerichteten Entscheidungsfrage sein. Das Ja, kraft dessen das Verstehen Glaube und die Auslegung selbst schon Predigt würde, kann doch nur als das Geschenk des Hl. Geistes verstanden werden. Auf dieses habe ich aber in der methodologischen Besinnung nicht zu reflektieren. Ich kann doch in meinen exegetischen Vorlesungen nicht mit dem Bewußtsein oder mit dem Gefühl der Verpflichtung auftreten, daß ich mich als Glaubenden zu produzieren hätte. Ich kann auch nicht meine Auslegung als direkte Predigt darbieten. Sondern ich kann mich nur bemühen, die im Text gestellte Entscheidungsfrage als eine mir und meinen Hörern gestellte deutlich zu machen, und so wird meine Auslegung (falls sie einigermaßen gelingt) indirekt Predigt sein.
Ihr Einwand (S. 6) [12]
Zu S. 7f. [13f.]: Frage: «Ob ich B.’s Anliegen damit richtig wiedergegeben habe?»
Antwort: «Ja!» — mit dem Vorbehalt, daß ich das vorhergehende «zuerst … dann»
so nicht anerkennen kann. Denn wenn die Erkenntnis (der
Botschaft des NT) in ihrer Einheit mit jener ersten
historischen Gestalt wirklich geschichtliche Erkenntnis ist,
so vollzieht sich schon in ihr die «Übersetzung» in die
Sprache und Begrifflichkeit des Auslegers. Das meinte ich in «Zum Problem der
Hermeneutik»12 gezeigt zu haben. Das «Wirklich
zuerst … oder nicht doch zuerst …» (S. 7 unten) [14] ist daher für mich eine
unmögliche Antithese. Und daher lehne ich auch das «zuerst» und «dann» (S. 8) [14] ab; es sei denn, daß |173 die «Übersetzungsarbeit»
als praktische Applikatio verstanden wäre, während sie, so wie ich sie verstehe,
sich in eins mit der Erfassung der Botschaft selbst vollzieht. Die Übersetzung
beantwortet nicht die Frage: «Wie sage ich’s meinem Kinde?» [vgl. S. 7 (14)
Ad II.
Zu S. 10 [15]: Aus der formgeschichtlichen Arbeit ist die Frage der Übersetzung
deshalb erwachsen, weil aus ihr unvermeidlich die Verlegenheit erwächst zu
sagen, welches denn eigentlich das Kerygma sei. Es liegt ja nicht eindeutig in
bestimmten Sätzen vor. (Dafür darf ich an meinen Beitrag zur
Zu S. 11 [17f.]: Kann das große und eigene Thema der Theologie, die Botschaft der Bibel, je anders dargestellt werden (und kommt die Botschaft im NT selbst anders zur Darstellung) als in Auseinandersetzung, als in einer bestimmten Antithese? Sie haben selbst einmal gesagt, das (definitiv formulierte) Dogma sei eine eschatologische Größe.15 Das |174 heißt doch: es gibt immer nur jeweilige, vorläufige Formulierungen. Daß die Botschaft jeweils dem Seinsverständnis entsprechend neu formuliert16 («übersetzt») werden muß und daß sie jeweils nur in Auseinandersetzung formuliert werden kann, gehört zusammen.
Ist es wirklich richtig, daß die Reformation ihr Thema nicht in der «Auseinandersetzung» mit einer Instanz «dieses Charakters» (nämlich mit dem modernen Welt- und Menschenverständnis) fand? Ich meine, das sei durchaus der Fall gewesen. Denn im Grunde ist die «Auseinandersetzung» immer die mit einem bestimmten menschlichen Selbstverständnis. Für die Reformation war es das der katholischen Lehre und Praxis zugrunde liegende, für die Theologie der Neuzeit das dem modernen Welt- und Menschenbild zugrunde liegende. Der Fehler der Theologie «seit mehr als zwei Jahrhunderten» dürfte aber der gewesen sein, daß sie das Thema falsch verstand, daß sie sich nämlich nicht mit dem Selbstverständnis des modernen Menschen auseinandersetzte, sondern mit seinen wissenschaftlichen Objektivationen, — weswegen sie denn auch das NT nicht auf das Selbstverständnis hin befragte.
Ad III.
(S. 13, Z. 8 v. o. [19, Z. 14 v. o.
Zu S. 13 [19]: Gewiß fängt die Botschaft des NT nicht mit einer Explikation des als Hörer der Botschaft sich selbst erfahrenden Menschen an, und zwar deshalb nicht, weil es vom Handeln Gottes in der objektivierenden Sprache des Mythos redet. Aber das ist ja nun gerade die Frage, ob dieses objektivierende Reden legitim, und d. h. in diesem Falle: der Intention der Botschaft des NT selbst angemessen, sei! Ob die Wirklichkeit, von der das NT reden will, überhaupt durch ein objektivierendes Denken erfaßt werden könne! (Der ontologischen Frage können wir nicht entrinnen.)
«Darf eine getreue Übersetzung des NT dem modernen Menschen die harte Tatsache verheimlichen, daß das Gefälle des nt-lichen Denkens ein anderes, das entgegengesetzte, ist als das ihm geläufige?»18 |175 Nein, gewiß nicht! Aber hier kommt nun wieder alles darauf an, was unter der «harten Tatsache», dem Anstoß, verstanden ist. Den Anstoß, daß das Denken des NT ein mythologisches ist, verheimliche ich ja nicht nur nicht, sondern stelle ihn deutlich heraus, um den daraus sich für den modernen Menschen ergebenden Anstoß als einen falschen zu entlarven. Das Gefälle des nt-lichen Denkens (insofern es ein mythologisches ist) ist zwar ein anderes als das Denken des modernen Menschen, aber (insofern es ein mythologisches, also ein objektivierendes ist) gerade nicht ein entgegengesetztes, weil auch der moderne Mensch versucht, durch objektivierendes Denken seine Existenz zu verstehen (soweit er nicht als «Existentialist» schon darüber hinausgekommen ist). Für ihn liegt der echte Anstoß darin, daß ihm zugemutet wird, sich nicht durch objektivierendes Denken zu begreifen, was ja immer ein Streben nach Sicherheit ist. Das Gefälle des nt-lichen Denkens, sofern es ein dem modernen Menschen entgegengesetztes ist, liegt gerade darin, die Sicherheit des Menschen zu zerschlagen und ihm zu zeigen, daß er nur in der Preisgabe der eigenen Sicherung und aus der Gnade Gottes in echter Weise existieren kann. Der echte Anstoß ist im Grunde ein für den Willen gegebener, für das Denken nur insofern, als der Wille sich in einem Denken expliziert! (Der Anstoß ist natürlich für den Existentialisten der gleiche, insofern sich dieser zwar nicht durch das objektivierende Denken, wohl aber durch seinen freien Entschluß sichert.) — Es kommt also doch wohl darauf an, das NT «existential» zu interpretieren, damit das Gefälle seines Denkens als ein dem des modernen Menschen entgegengesetztes deutlich wird. Die «Übersetzung» hat also zu zeigen, was es heißt: «Gott hat für dich, an dir gehandelt», weil der moderne Mensch die mythologisch formulierten Aussagen vom Handeln Gottes nicht als seine Existenz betreffend verstehen kann, wie es doch die Intention des NT selbst ist.
Zu S. 14 [20]
Wenn die alte Orthodoxie nichts anderes getan hat, als das Phänomen, das vom Glauben als Sünde erkannt wird, phänomenal sichtbar zu machen (ich kann das aus Mangel an Kenntnis nicht beurteilen), so würde ich meinen, daß sie legitim gehandelt hat.
Zu S. 15 [21]
Zu S. 16 [22]: Daß man in der Auslegung des NT die die christliche Existenz begründende Heilstat Gottes erst nachträglich zur Sprache bringen muß, will ich nicht behaupten (und würde auch in der direkten Predigt nicht stets so verfahren), daß man es aber ohne Schaden tun kann und daß ich meine, es heute tun zu müssen, ist allerdings meine Überzeugung.19
Zu S. 17ff. [23ff.]: Ja, ich ziele auf den Satz, daß Christus (sofern er uns
angeht) das Kerygma ist, weil er der Christus nur als der Christus pro me ist,
und als solcher begegnet er nur im Kerygma. Wenn er nicht im Geschehen (des
Kerygmas und des Glaubens) präsent wäre, so wäre er eine mythische Gestalt. Und
eben deshalb will ich Christologie und Soteriologie als Einheit verstehen. Wohl
geht Christus als Gottes Tat meinem Glauben voraus. Das Kerygma ist ja Anrede (verbum externum, vgl. Ker. u. Myth. II, S. 204
177 Natürlich ist es leicht, von Aussagen des NT aus gegen mich zu argumentieren, aber doch nur deshalb, weil die christologischen Aussagen des NT in die Sprache der Mythologie gefaßt sind, die ich gerade abstreifen will. Also trifft mich solche Argumentation gar nicht im Grundsätzlichen.
Ist meine Lehre vom Christus-Geschehen wirklich nur Lehre vom «Geschehen jenes
Übergangs»?, und ist sie nicht vielmehr Lehre vom Worte Gottes, in dem Christus
präsent ist? Ist das so, so kann ich auf die Frage (S. 19) [25]
Zu S. 20 [26f.]: Ich sehe wohl, daß im NT das Kreuz Christi auch als ein in sich bedeutsames Ereignis beschrieben wird, das dann auch für den Glauben bedeutsam werden kann und mag. Aber ich kann diese im mythologischen Denken mögliche Gedankenfolge nicht nachvollziehen, weil ich ein «in sich bedeutsam» nicht mehr verstehen kann, sondern Bedeutsamkeit nur als eine Relationsbeziehung verstehen kann. Ich muß wieder sagen: grundsätzlich kann ich mich durch eine Argumentation, die einfach Aussagen des NT gegen mich ausspielt, nicht getroffen fühlen. Die Frage ist ja immer die: nach ihrer Interpretation.
Der «Nachvollzug des Leidens und Sterbens Jesu Christi im Leben der an ihn Glaubenden» muß m.E., wenn auch nicht als die Konsequenz, so doch als die ständig neue Konkretisierung des Glaubens bezeichnet werden. In sich selbst ist der Glaube schon der (eben glaubende) Nachvollzug des Leidens und Sterbens (und damit der Auferstehung) Jesu Christi. Was wäre er sonst?
Zu S. 21 [27]: Die Formulierungen: «… in dem gekreuzigten Jesus Christus … das
Subjekt zu sehen, das das … Todesgericht schon erlitten, ihren
Übergang …schon vollzogen, ihre Versetzung in die
eschatologische Existenz schon vollbracht, das diesen Prozeß
also nicht nur inauguriert, sondern abgeschlossen hat» scheinen mir, wenn sie
überhaupt verstanden werden sollen, der Interpretation zu bedürfen. Ich habe
versucht, in Ker. u. Myth. II, S. 204ff
Mein «berühmt-berüchtigter» Satz (S. 21 unten) [28]
Zu S. 22f. [28ff.]: Nach dem bisher Gesagten dürfte deutlich sein, warum ich es
ablehne, etwas über den auferstandenen Christus «an sich und als solchen …»
auszusagen. Solche Rede scheint mir notwendig mythologische Rede zu sein. Ja:
«erst im Kerygma von ihm und im Glauben an ihn» und nicht in historischen, «im
Raum und in der Zeit |179 geschauten» Vorgängen wird die
Herrlichkeit Christi geschaut bzw. geglaubt. Das bedeutet nun freilich nicht,
das Kerygma besage, «daß Jesus Christus seiner Auferstehung in
uns — entgegengeht» (S. 23) [30]
Ad IV.
Zu S. 27 [33f.]: Ich bin mir nicht bewußt, daß ich jene «Elemente» in den Mittelpunkt meiner exegetischen Aufmerksamkeit gerückt habe. Ich habe allerdings den Ausgangspunkt meiner hermeneutischen Bemühungen bzw. meiner Bemühungen um das Übersetzungsproblem bei ihnen genommen. Warum? Weil diese Elemente für den Menschen von heute einen Anstoß, und zwar einen falschen Anstoß, bilden. Wie soll mich der Zusammenhang, in dem diese Elemente im NT auftreten, und ihre «Würdigung» in diesem Zusammenhang anders beschäftigen, als daß ich sie vom Existenzverständnis des NT aus zu interpretieren versuche? Ihr «gemeinsamer Nenner» ist doch das in ihnen waltende objektivierende Denken des Mythos, das dem wirklichen Existenzverständnis des NT (als dem Verständnis der Existenz als einer «geschichtlichen», also nicht objektivierbaren) widerspricht.
Ad V.
Zu S. 29 [35f.]: Sie sagen mit Recht: meine Entmythologisierung entspringt der Einsicht, daß das mythologische Welt- und Menschenbild heute vergangen ist. Aber sollte es im Laufe des Entmythologisierens nicht deutlich geworden sein, daß nicht erst die Tatsache des Vergangenseins das Entscheidende ist, sondern die andere Tatsache, daß das Denken des Mythos (seiner eigenen Intention zuwider) ein objektivie|180rendes ist? Ich setze ja nicht an die Stelle des mythischen Denkens das Denken einer objektivierenden Wissenschaft.
Zu S. 30 [37]
Ich frage dagegen: Wie ereignet sich die «Selbsterschließung» des NT für ein nicht mehr mythologisches Denken? Daß für ein solches der Text des NT verschlossen ist und bleibt, daraus empfängt ja mein hermeneutisches Bemühen seinen Antrieb, und es möchte zu nichts anderem führen als eben dazu, daß sich der Text dem Hörer selbst erschließt. Ich muß deshalb auch weiter fragen: was heißt «offen entgegensehen» und «geduldig folgen»? Zu nichts anderem möchten ja meine Bemühungen führen! Aber was heißt es für Sie, der Sie die hermeneutische Bemühung, und das heißt doch die Bemühung= um die Gewinnung der legitimen Voraussetzungen für die Befragung und das Hören eines Textes, ablehnen? Was heißt für Sie «offen entgegensehen», und wie bringen Sie es zustande? Denn Sie können doch sowenig wie irgend ein Mensch ohne Voraussetzungen und ohne Fragestellung an einen Text herangehen. Und selbst wenn Sie behaupten sollten, daß die einzig legitime «Voraussetzung» die Voraussetzungslosigkeit sei, so müßte ich fragen, was denn Voraussetzungslosigkeit bei einem geschichtlich existierenden Individuum bedeutet. Sollten Sie antworten: der gute Wille zu hören, so würde ich sagen: das ist eine Antwort, die am Problem vorbeiredet. Den guten Willen setze ich natürlich auch voraus; aber das Problem steckt in dem «hören».
Zu S. 30f. [37f.]: Eine Vorentscheidung über Maß und Grenzen des Verstehbaren treffe ich gar nicht, sondern ich versuche, das faktisch bestehende Maß und die faktisch bestehenden Grenzen zu erkennen. Die «Vorentscheidung» ist nämlich schon über mich getroffen, da ich ein Mensch und dazu der Mensch einer bestimmten Zeit bin. Ich habe also auch gar keinen «Kanon».
Meine Bemühung führt (vorausgesetzt, daß sie sachgemäß ist, wor|181über ich mich gerne belehren lassen will) keineswegs zu einer vorläufigen «Arbeitshypothese» (eine solche ist etwas ganz anderes), sondern zu einer an den Text gerichteten Fragestellung. Wenn ich diese als die Frage nach dem im Text über Existenz und Existenzverständnis Gesagten zu gewinnen meine, so mögen Sie meinethalben den Begriff der Existenz als meinen Kanon bezeichnen, aber nicht den des Mythos. (Darf ich, um hier nicht zu ausführlich zu werden, auf meinen Aufsatz über das Problem der Hermeneutik24 verweisen?) Von Ihnen möchte ich aber wissen, welches Ihr Kanon ist bzw. welchen andern Kanon nach Ihrer Meinung das NT an die Hand gibt.
Zu S. 31f. [38f.]
Davon nun, daß mein formaler Mythos-Begriff ein falscher sei, haben Sie mich
nicht überzeugt. Meinerseits halte ich Ihren «inhaltlichen» Begriff für viel zu
eng. Denn der Mythos lebt nicht nur in Göttergeschichten, sondern auch in dem
von ihnen vorausgesetzten Weltbild. Die nt-lichen Autoren haben nun freilich
nicht «allgemeine» kosmische Verhältnisse und Beziehungen in der Form von
Göttergeschichte vorgetragen. Aber indem sie das mythische Weltbild ihrer Zeit
teilen, erzählen sie das Christusgeschehen als Göttergeschichte, als Mythos. Die
gnostischen Parallelen z. B. zu
Zu S. 32 [39]: Ihr «ich verstehe nicht» beruht, meine ich, einfach darauf, daß Sie den Begriff der Wirklichkeit undiskutiert lassen. Und Ihre Frage, was mich veranlaßt hat, zur Bezeichnung jener problematischen Elemente den Mythosbegriff zu wählen, ist doch leicht beantwortet: |182 einmal, weil diese Elemente in der Sprache der Wissenschaft mythologische heißen; und dazu kommt, daß durch den Mythosbegriff eine, und zwar für das NT charakteristische, Weise des objektivierenden Denkens bezeichnet ist.
Gewiß dürfte das, was ich als das Mythologische im NT bezeichne, materiell etwa mit dem zusammenfallen, was man früher als den «Supranaturalismus» bezeichnete. Aber diesen Begriff vermeide ich deshalb, weil ich das Heilsgeschehen gerade als ein «supranaturales», und zwar im radikalen Sinne, deutlich machen möchte. Gerade dem dient ja auch mein «Kanon», nämlich der Existenz-Begriff.
Zu S. 32f. [39f.]
Zu S. 33 [40]: Die Aussage, daß die ersten Jünger «die Herrlichkeit» des Fleisch
gewordenen Wortes «in seiner Auferstehung von den Toten im Raum und in der Zeit
geschaut, mit ihren Augen gesehen, mit ihren Ohren gehört, mit ihren Händen
betastet haben», halte ich allerdings für bare Mythologie; sie scheint mir auch
den Sinn von
Natürlich gibt es nicht nur ein Dennoch des Glaubens, sondern auch ein Darum, — vorausgesetzt, daß dieses Darum nicht als ein die Sicherheit des Glaubens garantierendes Faktum verstanden ist, das dann ja als ein vor dem Glauben festgestelltes (aber wie? auch wieder durch eine Art Glauben?) gedacht werden müßte. Ich sage also lieber nicht: es gibt ein Darum; wohl aber: es gibt ein Daran!
Zu dem «zuerst» und «dann und daraufhin» wäre das Gleiche zu sagen und außerdem wieder darauf hinzuweisen, daß in solcher Formulierung der eschatologische Charakter des Heilsgeschehens verkannt ist.
Zu S. 33f. [40f.]: Jenen (m. E. nicht nur angeblichen) mythologischen Elementen
des NT geht es ihrer Intention nach natürlich darum:
«aufzuzeigen, daß wir gerade in dieser unserer menschlichen … Existenz nicht
allein … sind, sondern …». Aber ich meine, daß man das auch an|183ders sagen kann als in der von mir mythologisch
genannten Sprache; vgl. Ker. u. M. II, S. 185ff.; 204ff.
Zu S. 34 [41]
Dagegen haben Sie recht damit, daß ich die Bedeutung des historischen Jesus für
das Kerygma bisher nicht explizit erörtert habe.28 Ich sehe nun freilich nicht, daß ich die Verkündigung Jesu
anders denn als die Verkündigung des Gesetzes verstehen könnte, wie auch
Ad VI.
Zu S. 35 [42]: Die Wiedergabe meiner Meinung durch Ihre Kombination trifft zu.
Zur Anmerkung: Ist denn die Verwechslung von existential und existentiell nicht wirklich ein abgründiges Mißverständnis und die Quelle weiterer Mißverständnisse?
Zu S. 37 [44]: Darf man wirklich sagen, oder in welchem Sinne etwa darf man es
sagen, daß die Theologie (speziell in unserem Fall die Erklä|184rung des NT), wenn sie die
Fragestellung der Existenz-Philosophie aufnimmt und sich auch ihrer
Begrifflichkeit und Terminologie bedient, damit einen «philosophischen
Schlüssel» gefunden hat, dessen29 sie
sich zur Auslegung bedient? Verwechseln Sie nicht die Existenz-Philosophie mit
Philosophien, die das Thema des NT zu ihrem Thema
machen? anders ausgedrückt: mit Philosophien, die dem Menschen die Verantwortung
für seine Existenz abnehmen, indem sie meinen, ihm ein existentielles
Selbstverständnis vermitteln zu können? In diesem Falle befände sich die
Existenz-Philosophie, wenn sie mir den Sinn meiner Existenz als je meiner
erschließen würde. Das Gegenteil aber ist der Fall, wofür ich wieder auf Ker. u.
M. II, S. 191ff., 202f.
Beharren Sie gleichwohl bei Ihrer Behauptung, daß die Theologie, wenn sie sich in
jene lernende Abhängigkeit von der Philosophie begibt, sich den Zugang zum NT versperrt, so müßte ich mit
Zum Begriff des «Vorverständnisses»: Das Vorverständnis ist doch nicht eine Erfindung Heideggers, sondern ein von ihm aufgedecktes Phänomen. Ich sehe nicht, daß ein Text verstanden werden kann, wenn nicht ein Vorverständnis der Sache, um die es im Texte geht, vorhanden ist.
Zu S. 38f. [45ff.]
Zu S. 39 [47]: Der Verweis auf
Zu S. 40 [47]
Ad VII.
Zu S. 42 [49]: Habe ich nicht in Ker. u. M. II, S. 207, meine Überzeugung von der Relativität des modernen Weltbildes zum Ausdruck gebracht?
Zu S. 43 [50f.]: Schon recht, daß ich das NT als
Historiker exegesiere. Aber die Trennung des historischen Motivs (Nr. 3, S. 43f.) [50ff.] und des philosophischen (Nr. 4, S. 44f.) [52f.] scheint mir nicht mehr gültig zu
sein, nachdem von
186 Zu S. 45 [53]
Zu S. 46 [53f.]: Darin, daß für
Zu S. 47 [55]: Daß
Ad VIII.
Zu S. 48 [55f.]: Es führt irre, wenn in der Diskussion des methodologischen Problems der Hermeneutik des NT das NT und das Wort Gottes gleichgesetzt werden. Das Wort Gottes ergeht im Menschenwort, und das NT liegt uns als ein literarisches Dokument der Geschichte vor. Kann es anders interpretiert werden als nach allgemeinen hermeneutischen Regeln? Daß es Gottes Wort ist, kann doch nicht zu einer Voraussetzung gemacht werden, aus der dann hermeneutische Regeln eigener Art abzuleiten wären. Als Gottes Wort kann es sich doch nur im Ereignis des glaubenden Verstehens erweisen, also sich selbst zur Geltung bringen.
Ein «kanonisiertes» Vorverständnis kenne ich nicht und weiß auch nicht, was das eigentlich bedeuten sollte. Ich weiß nur, daß jeder mit ei|187nem (wie immer geformten) Vorverständnis an das NT (wie an jeden andern Text) herangeht. Ein solches ist dadurch gegeben, daß jeder Mensch in einer konkreten Geschichte steht, an der er selbst teilhat. Die Besinnung auf das Vorverständnis will die echte an den Text zu richtende Frage klären. Wenn ich nun sage, daß die echte Frage, die an das NT als einen mir zunächst als historisches Dokument gegebenen Text zu richten ist, die sei, was es über das menschliche Sein als mein Sein aussagt, und wenn ich weiter sage, daß die Frage nach dem menschlichen Sein immer schon von einem Vorverständnis dieses Seins geleitet ist, so kanonisiere ich damit doch kein Vorverständnis, sondern gewinne nur die rechte Frage.
Daß solches Verfahren der Tatsache nicht entspräche, daß Gottes Wort dem Menschen nur als eine «fremde» und «seinem ganzen Verstehenkönnen zuwider laufende34 Wahrheit und Wirklichkeit» begegne, ist ein Mißverständnis. Das Gegenteil ist der Fall. Die existentiale Analyse kann überhaupt erst klären, in welchem Sinne das Wort Gottes als ein fremdes und meinem Verstehenkönnen zuwiderlaufendes bezeichnet werden kann. Solche Klärung muß erfolgen, damit nicht «fremd» in einem trivialen Sinne und «meinem Verstehenkönnen zuwiderlaufend» nicht im Sinne des bloß Absurden mißverstanden wird.
Zu S. 49 [56f.]
Zu S. 50 [57]: Deshalb redet der Satz: «Statt den Text im Rahmen seines vermeintlich maßgebenden (!) Selbstverständnisses verstehen zu wollen, sich selbst so zu verstehen, wie man sich im Text verstanden findet, …» an der Sache vorbei. Denn «den Text im Rahmen (besser: unter der Frage) seines Selbstverständnisses zu verstehen», ist ja gerade der Weg dazu, sich selbst so zu verstehen, wie man sich im Text verstanden findet. Methodisch kann ich natürlich nur eine existentiale Interpretation erstreben; was der Divinus Spiritus wirkt, ist das existentielle Sich-Verstehen.
Zu S. 50f. [57ff.]: Mir scheint, daß Vorverständnis und Vorurteil verwechselt sind. Denn habe ich je geleugnet oder nicht
vielmehr betont, |188 daß ein Verstehen nicht ohne die
größte jeweils mögliche Offenheit möglich ist? (z. B.: Zum Problem der
Hermeneutik, S. 63 und bes. S. 64
Zu S. 52 [60]: Der vor Ihrem Aufbruch geläufige Begriff von Verstehen des N (und
A)T setzte in der Tat voraus, daß der Interpret das, was ihm im Text mitgeteilt
werden kann, grundsätzlich schon weiß und durch den Text nur daran «erinnert» zu
werden braucht. Der Text «begegnet» dann nicht; er wird nicht als Anrede gehört,
und so kann es nicht dazu kommen, daß der Interpret seines Erkanntwerdens und
Erkanntseins vom Gegenstand seines Erkennens her inne wird. Verstehen Sie denn
nicht, daß es mir gerade darum geht zu zeigen, wie der Text als anredendes Wort
zur Geltung kommen muß? was echtes Hören bedeutet? Entscheidender Anstoß für
mich ist das gewesen, was Sie im Vorwort zur 2. Auflage Ihres «Römerbriefs»
189 Nun kann ich für heute schließen, — freilich mit jenem zu Anfang schon ausgesprochenen Gefühl des Zweifels. Ich kann es aber doch nicht tun, ohne zu sagen, daß ich Ihr «Nachwort»39 schmerzlich empfinde, weil es sichtlich in Verärgerung geschrieben ist.
Zur Aufklärung muß ich wenigstens sagen, daß ich die vom Herausgeber über meinen
Beitrag gesetzte Überschrift «Abschließende Stellungnahme» mißbillige.40 Es lag mir gänzlich fern, etwas
«Abschließendes» sagen zu wollen. Auch «Stellungnahme» ist falsch, weil der
Eindruck erweckt wird, als habe ich zu allen vorausgehenden Beiträgen Stellung
nehmen wollen. Das ist schon deshalb nicht der Fall, weil ich vor dem Erscheinen
von K. u. M. II
Womit ich Ihre S. 56 [64f.]
Auf die Frage: «Was ist endlich und zuletzt das Thema dieser Debatte?« kann ich nur antworten: das Thema ist die Frage nach der hermeneutischen Methode im Dienst der Erklärung des NT.
Und nun lassen Sie mich schließen, indem ich doch Ihr