Anhang Nr. 31 · 1951

Bericht von Rudolf Bultmann über seine USA-Reise

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Anhang 31

[Bericht von R. Bultmann für die Marburger Theologische Fakultät über seine USA-Reise, 2.10.-20.12.1951 (Orig. in Personalakte Prof. D. Dr. Rudolf Bultmann, Fachbereich Evangelische Theologie der Philipps-Universität Marburg):]

Bericht über die Vortragsreise Professors D. R. Bultmann in USA in den Monaten Oktober, November und Dezember.

Am 2. Okt. Ankunft in New Haven (Conn.). Dort ein Aufenthalt von drei Wochen, innerhalb deren in der Divinity School der Yale University die sog. Shaffer Lectures gehalten wurden über das Thema «Jesus Christ and the Modern Interpretation of the New Testament».

Vom 21. Okt. bis 1. Nov. Vorlesungen in der «Boston Area», nämlich im Wellesley College, wo das Standquartier in diesen Tagen war, in Andover Newton, in der Episcopal Theological School zu Cambridge (deren Dean Dr. Charles Taylor ein alter Marburger Student ist) und in der Universität Boston. Die Themata der Vorlesungen waren Probleme aus dem Kreis der Shaffer Lectures1 und außerdem «Humanismus und |288 Christentum«2 und «Die Bedeutung der Idee der Freiheit für die abendländische Kultur»3.

Am 2. und 3. Nov. Teilnahme an der Tagung einer Theologengruppe, zu der z. B. auch Paul Tillich gehört, im College of Preachers in Washington.

Vom 4. bis 10. Nov. Aufenthalt in Nashville(Tennessee), wo an der Vanderbilt University die Cole Lectures gehalten wurden, die das gleiche Thema wie die Shaffer Lectures behandelten. Präsident der Vanderbilt University ist auch ein früherer Marburger Student, Dr. Branscomb.

Vom 12. bis 17. Nov. Vorlesungen an der Universität Chicago und in dem McCormick Seminary, sowie im General Lutheran Seminary in Maywood bei Chicago. Die Themata waren hier und weiterhin die gleichen wie in den bisherigen Vorlesungen. In Chicago die Begegnung mit Dr. Amos N. Wilder (dem Bruder des Dichters Thornton Wilder), in Marburg bekannt durch die Vorträge, die er hier im Sommer-Semester 1950 gehalten hat.

Nach einer Ruhepause in New Haven folgten vom 26. bis 30. Nov. die Vorlesungen in Princeton, Drew und Hartford. In Princeton Begegnung mit Prof. Lehmann, der im Sommer-Sem. 1950 Gast-Professor in Marburg war und an dieses Semester mit großer Freude zurückdenkt. Präsident von Drew ist Dr. Craig, auch er ein alter Marburger Student. In Hartford, mit dem Marburg in früheren Jahren in regelmäßigem Austausch stand, ist das Gedenken an frühere Marburger Studenten wie Prof. D. Dr. Frick und Dr. Schimmelpfeng lebendig. Vom 5. bis 7. Dez. Vorlesungen an der Emory University in Atlanta (Georgia). Hier Begegnung mit Prof. Hocking, der 1950 Austausch-Professor in Frankfurt war und von Frankfurt aus auch in Marburg Vorträge gehalten hat.

Den Schluß bildeten die Vorlesungen im Union Seminary in New York vom 8. bis 13. Dez., in welche Tage sich auch der Besuch zu einer Vorlesung im Crozer Theological Seminary in Chester bei Philadelphia |289 schob. In New York Begegnung mit dem in Deutschland wohlbekannten und um das Verständnis Deutschlands in USA hochverdienten Prof. Reinhold Niebuhr. Über den Sonntag ein Besuch bei Paul Tillich, der sein «Sabbatical Year» in seinem Landhaus auf Long Island genießt, um dort den 2. Band seiner Dogmatik4 zu schreiben. Am 14. Dez. Abreise von New York nach Deutschland.

Die Aufnahme war überall herzlich, die Gastfreundschaft überwältigend, die Offenheit für die in den Vorlesungen behandelten Fragen groß, wie sich besonders in den an die Vorlesungen anschließenden Diskussionen — sowohl im kleineren Kreise mit Kollegen, wie im größeren mit Studenten — zeigte. Die Aufgeschlossenheit für die Arbeit der deutschen Theologie ist umso erfreulicher, als sie aus dem berechtigten Bewußtsein entspringt, die eines gleichwertigen Partners zu sein. Wenn die deutsche Theologie heute manche Fragen früher aufgreift als die amerikanische, so werden doch andrerseits in der amerikanischen Theologie manche Gebiete bearbeitet, die in Deutschland teils, wenn überhaupt, doch nicht mit der gleichen Energie behandelt worden sind, teils jetzt infolge der Zeitlage wegen des Mangels an Nachwuchs und an Mitteln nur unzureichend behandelt werden können. So ist das Verhältnis des Gebens und Nehmens ein gegenseitiges.

Besonders erfreulich ist es, zu erleben, mit welcher Anhänglichkeit die zahlreichen amerikanischen Theologen, die einst in Marburg studiert haben, an diese Studienzeit zurückdenken. Fast überall begegneten solche, von denen im vorausgehenden Überblick nur wenige genannt sind. In der älteren Generation ist besonders das dankbare Gedenken an Wilhelm Herrmann, Adolf Jülicher und Karl Budde lebendig.

Nicht unerwähnt kann bleiben die häufige Begegnung mit früheren deutschen Kollegen der verschiedenen Fakultäten, die in der Nazi-Zeit Deutschland verlassen mußten, und die jetzt in USA in hohem Ansehen stehen und dort eine neue Heimat gefunden haben. Ihr Verhältnis zum heutigen Deutschland ist ein besonderes Problem, über das nicht in kurzen Worten geredet werden kann. Doch darf gesagt werden, daß sie, auch soweit sie eine Rückkehr nach Deutschland nicht ersehnen, an dem Schicksal des heutigen Deutschland von Herzen teilnehmen. Sie |290 haben diese Teilnahme ja auch durch opferfreudige Hülfe in unserer schlimmsten Notzeit nach dem Kriege bewiesen. Und es ist ein tröstlicher Gedanke, daß ihre Arbeit in USA indirekt auch Deutschland zu gute kommt.

Sachfußnoten

1
R. Bultmann, Jesus Christ and Mythology, New York 1958 📖; deutsch: Jesus Christus und die Mythologie. Das Neue Testament im Licht der Bibelkritik (Stundenbuch 47), Hamburg 1964 u. ö. 📖 (= GuV IV, S. 141–189 📖).↩
2
R. Bultmann, Humanism and Christanity, in: Journal of Religion (Chicago), Jg. 32 (1952) Nr. 2, S. 77–86 📖; deutsch: Humanismus und Christentum, in: Historische Zeitschrift, Jg. 176 (1953), S. 1–15 📖 (= GuV III, S. 61–75 📖).↩
3
R. Bultmann, Die Bedeutung des Gedankens der Freiheit für die abendländische Kultur, in: GuV I (ab 2. Aufl. 1954), S. 274–293. 📖 ↩
4
P. Tillich, Systematic Theology, vol. II, Chicago, Ill.1957 📖; deutsch: Systematische Theologie, Bd. II, Stuttgart 1958. 📖 ↩