Bericht über die Vortragsreise Professors D.
R. Bultmann in
USA in den Monaten Oktober, November und Dezember.
Am 2. Okt. Ankunft in New Haven (Conn.). Dort ein Aufenthalt von drei Wochen, innerhalb
deren in der Divinity School der Yale University die sog. Shaffer Lectures gehalten
wurden über das Thema «Jesus Christ and the Modern Interpretation of the New
Testament».
Vom 21. Okt. bis 1. Nov. Vorlesungen in der «Boston Area», nämlich im Wellesley College, wo das Standquartier in
diesen Tagen war, in Andover Newton, in der Episcopal Theological School zu Cambridge (deren Dean Dr. Charles Taylor ein alter
Marburger Student ist) und in der
Universität Boston. Die Themata der
Vorlesungen waren Probleme aus dem Kreis der Shaffer Lectures1 und außerdem «Humanismus und |288
Christentum«2 und «Die Bedeutung der Idee der Freiheit für die abendländische
Kultur»3.
Am 2. und 3. Nov. Teilnahme an der Tagung einer Theologengruppe, zu der z. B. auch
Paul Tillich gehört, im College of
Preachers in Washington.
Vom 4. bis 10. Nov. Aufenthalt in Nashville(Tennessee), wo an der Vanderbilt University die Cole Lectures
gehalten wurden, die das gleiche Thema wie die Shaffer Lectures behandelten. Präsident
der Vanderbilt University ist auch ein früherer Marburger Student, Dr. Branscomb.
Vom 12. bis 17. Nov. Vorlesungen an der Universität Chicago und in dem McCormick Seminary, sowie im General Lutheran Seminary
in Maywood bei Chicago. Die Themata waren
hier und weiterhin die gleichen wie in den bisherigen Vorlesungen. In Chicago die Begegnung mit Dr. Amos N. Wilder (dem Bruder des Dichters Thornton Wilder), in Marburg bekannt durch die Vorträge, die er hier im Sommer-Semester 1950
gehalten hat.
Nach einer Ruhepause in New Haven folgten vom 26. bis 30. Nov. die Vorlesungen in
Princeton, Drew und Hartford. In Princeton
Begegnung mit Prof. Lehmann, der im
Sommer-Sem. 1950 Gast-Professor in Marburg
war und an dieses Semester mit großer Freude zurückdenkt. Präsident von Drew ist Dr. Craig, auch er ein alter Marburger Student. In Hartford, mit dem Marburg in früheren Jahren in regelmäßigem Austausch stand, ist das
Gedenken an frühere Marburger Studenten wie
Prof. D. Dr. Frick und Dr. Schimmelpfeng lebendig. Vom 5. bis 7. Dez.
Vorlesungen an der Emory University in
Atlanta (Georgia). Hier Begegnung mit
Prof. Hocking, der 1950 Austausch-Professor
in Frankfurt war und von Frankfurt aus auch in Marburg Vorträge gehalten hat.
Den Schluß bildeten die Vorlesungen im Union Seminary in New York vom 8. bis 13. Dez., in welche Tage sich
auch der Besuch zu einer Vorlesung im Crozer Theological Seminary in Chester bei
Philadelphia |289 schob. In New
York Begegnung mit dem in Deutschland wohlbekannten und um das Verständnis Deutschlands in
USA hochverdienten Prof. Reinhold Niebuhr. Über den Sonntag ein Besuch bei
Paul Tillich, der sein «Sabbatical Year» in
seinem Landhaus auf Long Island genießt, um dort den 2. Band seiner Dogmatik4 zu schreiben. Am 14. Dez. Abreise von New
York nach Deutschland.
Die Aufnahme war überall herzlich, die Gastfreundschaft überwältigend, die Offenheit
für die in den Vorlesungen behandelten Fragen groß, wie sich besonders in den an die
Vorlesungen anschließenden Diskussionen — sowohl im kleineren Kreise mit Kollegen, wie
im größeren mit Studenten — zeigte. Die Aufgeschlossenheit für die Arbeit der deutschen Theologie ist umso erfreulicher, als sie
aus dem berechtigten Bewußtsein entspringt, die eines gleichwertigen Partners zu sein.
Wenn die deutsche Theologie heute manche
Fragen früher aufgreift als die amerikanische, so werden doch andrerseits in der amerikanischen Theologie
manche Gebiete bearbeitet, die in Deutschland teils, wenn überhaupt, doch nicht mit der gleichen Energie
behandelt worden sind, teils jetzt infolge der Zeitlage wegen des Mangels an Nachwuchs
und an Mitteln nur unzureichend behandelt werden können. So ist das Verhältnis des
Gebens und Nehmens ein gegenseitiges.
Besonders erfreulich ist es, zu erleben, mit welcher Anhänglichkeit die zahlreichen
amerikanischen Theologen, die einst in Marburg studiert haben, an diese Studienzeit zurückdenken. Fast überall
begegneten solche, von denen im vorausgehenden Überblick nur wenige genannt sind. In der
älteren Generation ist besonders das dankbare Gedenken an Wilhelm Herrmann, Adolf Jülicher und Karl Budde
lebendig.
Nicht unerwähnt kann bleiben die häufige Begegnung mit früheren deutschen Kollegen der verschiedenen Fakultäten, die
in der Nazi-Zeit Deutschland verlassen
mußten, und die jetzt in USA in hohem
Ansehen stehen und dort eine neue Heimat gefunden haben. Ihr Verhältnis zum heutigen
Deutschland ist ein besonderes Problem,
über das nicht in kurzen Worten geredet werden kann. Doch darf gesagt werden, daß sie,
auch soweit sie eine Rückkehr nach Deutschland nicht ersehnen, an dem Schicksal des heutigen Deutschland von Herzen teilnehmen. Sie |290 haben diese Teilnahme ja auch durch opferfreudige Hülfe in
unserer schlimmsten Notzeit nach dem Kriege bewiesen. Und es ist ein tröstlicher
Gedanke, daß ihre Arbeit in USA indirekt
auch Deutschland zu gute kommt.