Marburg (Lahn), den 7.V.1947
Stresemannstr. 22II
An den
Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland
zu Hd. v. Herrn Landesbischof
Ich trete an den Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland mit einer Frage bzw. Bitte heran, zu der ich je länger um so mehr innerlich gedrängt werde:
Es handelt sich um die Errichtung Kirchlicher Hochschulen.
Der Anlaß ist hier in Marburg die Theologie D. Bultmanns. Ich hörte vor Kurzem in einem Kolleg folgende Sätze: er sprach am 26.2.47 im Auditorium Maximum über die Frage des Wunders2, wobei Formulierungen wie «Legende des leeren Grabes» und «Mirakel der Auferstehung» gebraucht wurden.3 Außerdem wurden auch viele neutestamentliche Wunder als «mirakulös» bezeichnet.4
Ich habe im Blick auf diese Verleugnung heilsgeschichtlicher Glaubenstatsachen bereits eine Eingabe an Bischof Wüstemann in Kassel gemacht und daraufhin auch mehrere Antwortschreiben erhalten5, in |269 denen klar zum Ausdruck kommt, daß auch ihn dies Anliegen stark bewegt und er z. B. alles tun will, um wenigstens eine gute Besetzung des 2. Lehrstuhls der Neutestamentlichen Theologie zu erreichen. Er schreibt: «ich bleibe in Verhandlung mit dem Kultusminister und unseren südhessischen Nachbarkirchen, um für den 2. Lehrstuhl der Neutestamentlichen Theologie in Marburg einen solchen Vertreter zu erhalten, der unseren berechtigten Ansprüchen voll Genüge leisten kann.»6
Warum ich aber die Sache dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland weitergebe, hat folgende Gründe:
Ich hatte selbstverständlich um der vollen Klarheit willen auch D. Bultmann von dieser Eingabe Kenntnis gegeben. Darauf antwortete er mir in einem persönlich freundlich gehaltenen Schreiben u. a. folgendes:
«Ist es Ihnen verborgen, daß es kaum einen wissenschaftlichen Theologen geben wird, der die Geschichte vom leeren Grab nicht für eine Legende hält? d. h. ich will nicht übertreiben, natürlich werden sich einige finden, aber es sind die Ausnahmen. Sie könnten vermutlich die gleiche Beschwerde gegen die meisten meiner Kollegen erheben.»
Da meine ich nun, daß die Gesamtkirche nicht schweigen darf:
Gewiß hat D. Bultmann darin nicht recht: es gibt noch mehr wissenschaftliche Theologen, als er denkt oder zugibt, die anders urteilen, aber daß er so schreiben kann, kennzeichnet die ganze Lage.
Ich werde zu dieser Eingabe an den Rat um so mehr getrieben, als Herr Präsident D. Asmussen7 bei einer persönlichen Aussprache mir |270 völlig zustimmte, wie auch Herr Prälat Dr. Hartenstein8, den ich ebenfalls besuchte (Sie, hochverehrter Herr Bischof, waren leider nicht in Stuttgart anwesend).
Hier muß, dünkt mich, die Gesamtkirche Stellung nehmen: es wird die entscheidende Grundlage unserer Botschaft wie selbstverständlich geleugnet, es werden die jungen Theologen verwirrt und irregeführt (hier in Marburg weiß ich darum aus vielen Gesprächen und auch seelsorgerlichen Aussprachen). Das alles darf nicht unwidersprochen bleiben. Wenigstens sollte die Theologische Fakultät von Seiten der Kirche erfahren, daß die Kirche nicht von ihr abhängig ist, und wenn kein Wandel grundsätzlicher Art eintritt, die Kirche mehr noch als bisher Kirchliche Hochschulen, wie etwa Bethel, Berlin, Wuppertal9 und neuerdings auch Heilbronn10, einrichten wird, damit die Ausbildung der jungen Theologen in andere Hände kommt.
Ich bitte den Rat, ernstlich prüfen zu wollen, was hier zu tun ist und ob nicht schon jetzt vorbereitende und entscheidende Schritte getan werden müßten, um solche Kirchlichen Hochschulen einzurichten.
Ich darf um Antwort bitten, da die Sache nicht nur mich, sondern auch viele andere hier bewegt.