Brief Nr. 43 · 10. Dezember 1926

Rudolf Bultmann an Karl Barth

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Lieber Herr Barth!

Mit herzlichem Bedauern habe ich von Ihrem Unfall in den Ferien1 gehört; daß es Ihnen aber wieder besser geht, erzählte mir Herr Bröking2, der mir einen Gruß von Ihnen überbrachte. Ich hätte Ihnen längst danken sollen für Ihre Schrift vom «Christl. Leben».3 Ich habe an ihr mehr Freude gehabt als Sie an meinem «Jesus»4, wie mir Pastor Haake5 mitteilte. Je mehr ich so ziemlich in allem Wesentlichen mit|65komme, was Sie sagen (wenigstens meine ich das), desto mehr liegt mir daran, endlich einmal definitiv dahinter zu kommen, wo der Gegensatz liegt, der sich ja in allen möglichen Einzelheiten ausprägt. Vielleicht dient es der Verständigung, wenn ich auf Ihren Satz mit einigen Worten eingehe, daß Sie nicht verständen, was ich mit meinem Buche wolle.

Ich meinte, die Absicht sei sehr deutlich, wenn ich das Problem auch im Buche absichtlich nicht ausgesprochen habe. Das Mißverständnis werden Sie mir ja nicht unterschieben, als meine ich durch meine Darstellung zu zeigen, welches die christliche Verkündigung von Jesus sein müsse. Mein Buch hat vielmehr (von anderem abgesehen) eine bestimmte Absicht, indem es auf das Problem losgeht, das als das Verhältnis von Johannes zu den Synoptikern bezeichnet werden kann oder auch als die Frage: wie es zu verstehen (natürlich nicht: kausal zu erklären!) ist, daß aus dem Verkündiger Jesus der Verkündigte Jesus Christus wird. Ich habe den Eindruck, daß Sie dies Problem verkennen, das mir ein eigentlich theologisches, ja das Problem der neutestamentlichen Theologie überhaupt zu sein scheint. (Es kann auch als das Problem des Inkognito Christi bezeichnet werden.)

Das Problem ergibt sich am einfachsten aus der Exegese des Johannes selbst. Hier erscheint Jesus als der Offenbarer, der — was offenbart? daß er der Offenbarer ist. Nun meinen Sie nicht, ich wolle darauf hinaus, daß er doch etwas offenbaren müsse, daß sein «Wort» einen zu verstehenden Inhalt haben müsse, den man verstehen, wissen und besitzen kann, sodaß man ihn als den Offenbarer nicht mehr braucht. Keineswegs; man geht Jesus nicht wie einen Lehrer oder Hierophanten um etwas an, sondern man kommt zu ihm. Aber der Logos ward Fleisch, ward ein Jemand, der auch etwas gesagt hat. Und von diesem Jemand und Etwas berichten die Synoptiker. Dabei ist ganz gleichgültig, daß in der christlichen Verkündigung die Synoptiker als christliche Rede von Jesus gehört werden, also historisch formuliert: in der paulinischen oder Johanneischen Beleuchtung. Sie reden jedenfalls nicht so wie Paulus und Johannes von Jesus, sie sagen nicht nur wie Johannes, daß Jesus sich als den Offenbarer dargestellt, sondern wie er es getan hat, was Johannes nicht tut. Diese Sachlage scheint mir nun am deutlichsten und damit das Problem am dringendsten herausgestellt zu werden, wenn man unter Rücksicht auf die historische Kritik rein herauszustellen versucht, was denn Jesus gesagt habe. Das Ergebnis ließe sich so formulie|66ren: Jesus erscheint als Prophet. Damit ist die Inkognitofrage erledigt. Bei Kierkegaard6 erscheint es ja so, daß das Inkognito ein X bedeutet, und man sieht nicht ein, daß, was von Jesus gesagt wird, nicht von einem beliebigen Individuum gesagt werden könnte, das Gott höchst willkürlich und zufällig erwählt hat, um in ihm den Logos zu verbergen. Die Frage aber zu stellen: wie weit darf das Inkognito gehen? ist verboten; und zwar nicht nur insofern (das sieht Kierkegaard ja auch), daß das Inkognito nicht ein eingeschränktes sein darf, bei dem kluge Leute doch etwas merken können (z. B. indem sich das «Messiasbewußtsein» des historischen Jesus nachweisen läßt, wie Brunner7 will); sondern auch insofern, als nicht spekuliert werden darf, ob der Fleischgewordene auch anders hätte aussehen können, ob es auch eine Frau etwa hätte sein können und dgl.; denn es ist ein konkreter Mensch da, den Gott erwählt hat. Aber es kann und muß allerdings gefragt werden, was damit gesagt ist, daß dieser Mensch erwählt ist. Und zwar muß m. E. die Antwort lauten, daß daran die Zusammengehörigkeit von Gesetz und Evangelium deutlich wird. (Ist das «Gesetz» nicht in meiner Darstellung ganz ordentlich herausgekommen?). — Ich weiß natürlich wohl, daß grundsätzlich Kierkegaard recht hat, wenn er in den philosophischen Brocken sagt, als Überlieferung von Jesus genüge völlig: «wir haben geglaubt, daß anno soundsoviel Gott sich in geringer Knechtsgestalt gezeigt, unter uns gelebt und gelehrt hat und darauf gestorben ist» (bei Diederichs 19258, S. 94f.). Und meine Darstellung der Verkündigung Jesu hat ja nicht im mindesten den Sinn, Jesus als den Christus erscheinen zu lassen (ich tue mir ja sogar etwas darauf zu gute, wahrscheinlich machen zu können, daß der historische Jesus sich nicht für den Messias gehalten hat). Aber faktisch überliefern die Synoptiker ja mehr, als Kierkegaard für nötig hält, und da dieses Mehr überliefert ist, halte ich es für ein theologisches Anliegen, sich für dieses Mehr zu interessieren und es einmal für sich darzustellen.

67 Schade, daß nicht — wenigstens vorläufig nicht — in mündlicher Rede und Gegenrede die Sache zu klären ist. Es würde mich freuen, wenn Sie einmal Ihre Bedenken mir mitteilen könnten. Ich hoffe, daß Sie mit meiner Hirsch-Rezension9, die in Zwischen d.Z. erscheinen wird, mehr einverstanden sind als mit meinem Buch.

Hoffentlich sind Sie wieder ganz hergestellt! Gute Wünsche dafür und Ihnen allen für die Weihnachtszeit! Wir hoffen, daß es Ihnen allen gut geht, und meine Frau grüßt mit mir Sie und die Ihre herzlich, und sagen auch den Kindern einen Gruß!

Für Wehrungs10 Nachfolge werden Sie doch auch Gogarten vorschlagen? Ich vermute, daß die meisten Kollegen der Meinung sind, neben Ihnen müsse jetzt ein anderer un-«dialektischer» Mann herkommen. Das schiene mir sehr töricht. — Über Ihren Barathrum-Beitrag11 habe ich mich recht gefreut.

Ihr
R. Bultmann

Sachfußnoten

1
Barth hatte im August 1926 auf dem «Bergli» in Oberrieden einen Reitunfall gehabt; vgl. Bw.Th. II, S. 428f.432.435. 📖 ↩
2
Stud. theol. Erich Bröking, der zum Wintersemester 1926/27 von Münster nach Marburg ging.↩
3
K. Barth, Vom christlichen Leben [Bibelstunden über Röm. 12,1f.], München 1926. 📖↩
4
R. Bultmann, Jesus (Die Unsterblichen, Bd. I), Berlin 1926 📖; s. Nr. 30, Anm. 14. Vgl. Barths Bemerkung zu diesem Buch in: Die christliche Dogmatik im Entwurf, Bd. I: Die Lehre vom Worte Gottes. Prolegomena zur christlichen Dogmatik, München 1927, S. 236 📖; Neuausgabe, hrsg. von G. Sauter (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1982, S. 316. 📖↩
5
Edmund Haake, Pastor in Varel (Oldenburg).↩
6
Vgl. S. Kierkegaard, Einübung im Christentum, übersetzt von H. Gottsched (Gesammelte Werke, Bd. IX), Jena 1912, S. 114–119. 📖 ↩
7
Vgl. E. Brunner, Geschichte oder Offenbarung? Ein Wort der Entgegnung an Horst Stephan, in: ZThK, Jg. 6 (1925), S. 266–278, bes. S. 272ff. 📖 ↩
8
S. Kierkegaard, Philosophische Brocken/Abschließende unwissenschaftliche Nachschrift/Erster Teil, übersetzt von Chr. Schrempf (Gesammelte Werke, Bd. VI), Jena 1910, 3.-5. Tausend 1925. 📖 ↩
9
R. Bultmann, Zur Frage der Christologie [über E. Hirsch, Jesus Christus der Herr. Theologische Vorlesungen, Göttingen 1926], in: ZdZ, Jg. 5 (1927), S. 41–69 📖 (= GuV I, S. 85–113 📖). Zu Beginn seines Aufsatzes schreibt Bultmann, es handele sich im Folgenden «nicht um eine Rezension, sondern um eine Diskussion», S. 41 (bzw. 85). Hirsch ging darauf ein mit seiner Antwort an Rudolf Bultmann, in: ZSTh, Jg. 4 (1927), S. 631–661. 📖 ↩
10
Georg Wehrung (6.10.1880–20.1.1959), 1920–1927 Ordinarius für Systematische Theologie in Münster, danach in Halle, ab 1931 in Tübingen. ↩
11
Seit der Juli-Nummer des Jahrgangs 5 (1926) bestand in den «Theologischen Blättern 📖» eine ständige kritisch-satirische Rubrik «Barathrum» (= Abgrund, Unterwelt), in der Zitate aus neuerer theologischer Literatur mit Glossen in lateinischer Sprache versehen wurden. Verantwortlich für die Rubrik zeichnete eine «Occulta quaedam criticorum societas». Sie bestand, wie der Herausgeber der Zeitschrift, K. L. Schmidt (s. Nr. 45, Anm. 1), Barth am 08.11.1926 vertraulich mitteilte, aus Bultmann, Gogarten und Schmidt selbst. Den lateinischen Stil überwachte der Marburger Altphilologe Paul Friedländer. In dem genannten Brief lud Schmidt Barth zur Mitarbeit (Auswahl der Zitate, Vorschläge für die Glossierung) am «Barathrum» ein. Aus einem weiteren Brief von Schmidt an Barth geht hervor, daß Barth auf diese Einladung einging und eine Schrift von der Gogarten nahestehenden Pädagogin Magdalene von Tiling (1877–1974) für das «Barathrum» vorschlug. Der von Bultmann erwähnte «Barathrum»-Beitrag Barths scheint die Ausführung dieses seines Vorschlags gewesen zu sein und Bultmann im Manuskript vorgelegen zu haben. Seine Veröffentlichung scheiterte trotz Befürwortung durch Bultmann und Schmidt (laut eines Briefes von Schmidt an Barth vom 15.4.1927) am Einspruch Gogartens (alle drei Briefe Schmidts im Karl Barth-Archiv). Das Manuskript ist nicht erhalten. Zu Barths späterer Kritik an der Aufnahme von Gogartens Ethik im pädagogischem Sinne durch von Tiling s. Nr. 65.↩