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Mit herzlichem Bedauern habe ich von Ihrem Unfall in den Ferien1 gehört; daß es Ihnen aber wieder besser geht, erzählte mir Herr Bröking2, der mir einen Gruß von Ihnen überbrachte. Ich hätte Ihnen längst danken
sollen für Ihre Schrift vom «Christl. Leben».3 Ich habe an ihr mehr Freude gehabt als Sie an meinem «Jesus»4, wie mir Pastor Haake5 mitteilte. Je mehr ich so ziemlich in allem Wesentlichen mit|65komme, was Sie sagen (wenigstens meine ich das), desto mehr liegt
mir daran, endlich einmal definitiv dahinter zu kommen, wo der Gegensatz liegt, der sich
ja in allen möglichen Einzelheiten ausprägt. Vielleicht dient es der Verständigung, wenn
ich auf Ihren Satz mit einigen Worten eingehe, daß Sie nicht verständen, was ich mit
meinem Buche wolle.
Ich meinte, die Absicht sei sehr deutlich, wenn ich das Problem auch im Buche absichtlich
nicht ausgesprochen habe. Das Mißverständnis werden Sie mir ja nicht
unterschieben, als meine ich durch meine Darstellung zu zeigen, welches die christliche
Verkündigung von Jesus sein müsse. Mein Buch hat vielmehr (von anderem abgesehen) eine
bestimmte Absicht, indem es auf das Problem losgeht, das als das Verhältnis von Johannes
zu den Synoptikern bezeichnet werden kann oder auch als die Frage: wie es zu verstehen
(natürlich nicht: kausal zu erklären!) ist, daß aus dem Verkündiger Jesus der Verkündigte
Jesus Christus wird. Ich habe den Eindruck, daß Sie dies Problem verkennen, das mir ein
eigentlich theologisches, ja das Problem der neutestamentlichen
Theologie überhaupt zu sein scheint. (Es kann auch als das Problem des Inkognito Christi
bezeichnet werden.)
Das Problem ergibt sich am einfachsten aus der Exegese des Johannes selbst. Hier
erscheint Jesus als der Offenbarer, der — was offenbart? daß er der
Offenbarer ist. Nun meinen Sie nicht, ich wolle darauf hinaus, daß er doch etwas offenbaren müsse, daß sein «Wort» einen zu verstehenden Inhalt haben müsse,
den man verstehen, wissen und besitzen kann, sodaß man ihn als den
Offenbarer nicht mehr braucht. Keineswegs; man geht Jesus nicht wie einen Lehrer oder
Hierophanten um etwas an, sondern man kommt zu ihm.
Aber der Logos ward Fleisch, ward ein Jemand, der auch
etwas gesagt hat. Und von diesem Jemand und Etwas berichten die
Synoptiker. Dabei ist ganz gleichgültig, daß in der christlichen
Verkündigung die Synoptiker als christliche Rede von Jesus gehört
werden, also historisch formuliert: in der paulinischen oder Johanneischen Beleuchtung.
Sie reden jedenfalls nicht so wie Paulus und Johannes von Jesus, sie sagen nicht nur wie Johannes, daß Jesus sich als den Offenbarer dargestellt, sondern wie er es getan hat, was Johannes nicht tut. Diese Sachlage
scheint mir nun am deutlichsten und damit das Problem am dringendsten herausgestellt zu
werden, wenn man unter Rücksicht auf die historische Kritik rein herauszustellen versucht,
was denn Jesus gesagt habe. Das Ergebnis ließe sich so formulie|66ren: Jesus erscheint als Prophet. Damit ist die
Inkognitofrage erledigt. Bei Kierkegaard6 erscheint es ja so, daß das Inkognito ein X bedeutet, und man sieht nicht ein,
daß, was von Jesus gesagt wird, nicht von einem beliebigen Individuum gesagt werden
könnte, das Gott höchst willkürlich und zufällig erwählt hat, um in ihm den Logos zu
verbergen. Die Frage aber zu stellen: wie weit darf das Inkognito gehen? ist verboten; und
zwar nicht nur insofern (das sieht Kierkegaard ja auch), daß das Inkognito nicht ein eingeschränktes sein darf,
bei dem kluge Leute doch etwas merken können (z. B. indem sich das «Messiasbewußtsein» des
historischen Jesus nachweisen läßt, wie Brunner7 will); sondern auch insofern, als nicht spekuliert werden darf, ob der
Fleischgewordene auch anders hätte aussehen können, ob es auch eine Frau etwa hätte sein
können und dgl.; denn es ist ein konkreter Mensch da, den Gott erwählt
hat. Aber es kann und muß allerdings gefragt werden, was damit gesagt ist, daß dieser Mensch erwählt ist. Und zwar muß m. E. die Antwort lauten, daß
daran die Zusammengehörigkeit von Gesetz und Evangelium deutlich wird. (Ist das «Gesetz»
nicht in meiner Darstellung ganz ordentlich herausgekommen?). — Ich weiß natürlich wohl,
daß grundsätzlich Kierkegaard recht hat, wenn
er in den philosophischen Brocken sagt, als Überlieferung von Jesus genüge völlig: «wir
haben geglaubt, daß anno soundsoviel Gott sich in geringer Knechtsgestalt gezeigt, unter
uns gelebt und gelehrt hat und darauf gestorben ist» (bei Diederichs 19258, S. 94f.). Und meine Darstellung der Verkündigung Jesu hat ja nicht im mindesten
den Sinn, Jesus als den Christus erscheinen zu lassen (ich tue mir ja sogar etwas darauf
zu gute, wahrscheinlich machen zu können, daß der historische Jesus sich nicht für den
Messias gehalten hat). Aber faktisch überliefern die Synoptiker ja mehr,
als Kierkegaard für nötig hält, und da dieses
Mehr überliefert ist, halte ich es für ein
theologisches Anliegen, sich für dieses Mehr zu interessieren und es einmal für sich
darzustellen.
67 Schade, daß nicht — wenigstens vorläufig nicht — in mündlicher Rede und Gegenrede die
Sache zu klären ist. Es würde mich freuen, wenn Sie einmal Ihre Bedenken mir mitteilen
könnten. Ich hoffe, daß Sie mit meiner Hirsch-Rezension9, die in Zwischen d.Z. erscheinen wird, mehr einverstanden sind als mit meinem
Buch.
Hoffentlich sind Sie wieder ganz hergestellt! Gute Wünsche dafür und Ihnen allen für die
Weihnachtszeit! Wir hoffen, daß es Ihnen allen gut geht, und meine Frau grüßt mit mir Sie und die Ihre herzlich, und sagen auch
den Kindern einen Gruß!
Für Wehrungs10
Nachfolge werden Sie doch auch Gogarten
vorschlagen? Ich vermute, daß die meisten Kollegen der Meinung sind, neben Ihnen müsse
jetzt ein anderer un-«dialektischer» Mann herkommen. Das schiene mir sehr töricht. — Über
Ihren Barathrum-Beitrag11 habe ich mich recht gefreut.