191
104
Lange, lange schon hätte ich Ihnen schreiben und Ihnen für Ihre so eingehende Beantwortung meines Heftes
📖1 danken sollen. Und nun waren Sie so freundlich, mir den zweiten Band von «Glauben und Verstehen
📖» zukommen zu lassen, aus dem ich denn auch die beiden Neuigkeiten am Schluß sofort aufmerksam zu mir genommen habe.2 Auch für dieses Geschenk danke ich Ihnen und bitte Sie, mich zu entschuldigen, daß ich so lange geschwiegen habe. Noch befinde ich mich eben nicht in dem von Ihnen schon erreichten ehrwürdigen Stande des «Pensionates», sondern habe Tag für Tag und Woche für Woche meine Kelter zu treten, neben der dann viele andere gute Werke lange und manchmal auch definitiv ungetan bleiben.3 Aber das heutige Datum ist wie geschaffen, um Ihnen ein bißchen zu schreiben.
Wo soll ich anfangen? Ich habe Ihre Marginalien wieder und wieder gelesen. Und daß Sie mir mit Ihrer Bohrmaschine dauernd präsent sind, dafür ist auch sonst gesorgt. Nicht nur, weil mir unser gemeinsamer, so hoffnungsvoller Lehrling H. Ott lieferungsweise seine Dissertation |192 über Ihren «doppelten Geschichtsbegriff»4 zugehen läßt, sondern auch, weil ich Sie bei meiner eigenen weiter und weiter gehenden Produktion beständig sehr wohl höre, wie Sie mir genau die Dinge verbieten wollen, die ich dann hartnäckig dennoch tue: auch ich ein Don Juan, der sich den gewaltigen Baß des Komturs zwar gefallen läßt, ohne doch die geforderte Buße tun zu wollen.
Ist es Ihnen klar, wie wir dran sind — Sie und ich? Mir kommt es vor: wie ein Walfisch (kennen Sie das wunderbare Buch von Melville «Moby Dick»5? Es müßte auch Ihnen nur schon wegen der darin entfalteten Mythologie dieses Tieres köstlich sein!) und ein Elephant, die sich an irgend einem ozeanischen Gestade in grenzenlosem Erstaunen begegneten.6 Vergeblich, daß der Eine seinen Wasserstrahl haushoch emporschickt. Vergeblich, daß der Andere bald freundlich, bald drohend mit seinem Rüssel winkt. Es fehlt ihnen an einem gemeinsamen Schlüssel zu dem, was sie sich, ein Jeder von seinem Element aus und Jeder in seiner Sprache, offenbar noch so gern sagen möchten. Rätsel der Schöpfung, dessen Auflösung im Eschaton ich mir wie Bonhoeffer gerne auf der Linie des «Ich bring Alles wieder» des Weihnachtsliedes vorstellen möchte!7
193 Der durchgehende Anstoß, den Sie an mir nehmen, ist offenbar — ich mußte darauf gefaßt sein, es war mir aber in Ihren Marginalien doch überraschend, daß gerade das so pointiert herauskommen werde — mein mangelhaftes Verstehen und Ernstnehmen der Existenzialphilosophie bzw. ihres verpflichtenden Charakters als Axiom alles heute möglichen theologischen Denkens und Redens. Ich muß mich zu dem Vorwurf bekennen. Ich kann es in dieser Sache tatsächlich nicht anders halten — wie Sie von Ihrer Seite aus offenbar auch nicht —, und die sieghafteste Ausbreitung jener Philosophie über den ganzen Erdkreis könnte mir da nicht den geringsten Eindruck machen. Sehen Sie: nachdem ich in jungen Jahren Kantianer bis über die Ohren gewesen bin, nachdem ich es dann ebenso komplett mit Schleiermachers Romantik versucht habe, nachdem es mir später (beim Studium der Theologie des 19. Jahrhunderts) unvergeßlich eindrücklich geworden ist — ich habe eben in einem Seminar über Biedermann einen frischen Geschmack davon! —, mit welcher strahlenden Selbstverständlichkeit man einst gemeint hat, bei Hegel das erste und letzte Wort hinsichtlich alles und jedes «Verstehens» gehört zu haben8, bin ich zwar kein Feind der Philosophie als solcher, wohl aber jedem Absolutheitsanspruch jeder Philosophie, Erkenntnis und Methodenlehre gegenüber hoffnungslos zurückhaltend geworden. Mache ich gelegentlich auch von existentialistischen Kategorien fröhlich Gebrauch — nicht ohne ebenso gelegentlich auch wieder auf Vater Plato und die Anderen zurückzufallen —, so bringe ich doch ganz schlicht das ethische Pathos nicht auf, mich zur «Konsequenz» nun gerade in jenem philosophischen Ansatz verbunden zu fühlen. Was wollen Sie? Ich bin offenbar gerade «existentiell» — früher zu oft erwischt und nun endgültig abgeschreckt — von dieser Seite nicht mehr erwischt worden: gerade wie ich — einmal Sozialdemokrat gewesen — sicher nie mehr in eine politische Partei werde eintreten können. Und weil ich mich den Zeitgenos|194sen (und doch nicht nur den Theologen unter ihnen) ein gutes Stück weit vernehmlich machen konnte (Kommunikation!), habe ich, von allem anderen abgesehen, nicht einmal von dieser Seite Anlaß zu Reue und Umkehr bekommen. Ich sehe und verstehe, daß Ihnen das Alles ein «Greuel» sein muß — fast wie die «Blumhardtgeschichten».9 Aber da bin ich. Sie wollten mir erklären, daß das, was Sie dem Neuen Testament mit dem Existentialismus antun, kein Messen an einem ihm fremden Kanon, keine Anlegung einer Zwangsjacke usw., sondern die sachgemäße Auslegung sei. Und eben das wird mir, wie ich auch darüber nachdenke, nicht einleuchten. Ich sehe in Ihrer Auslegung gerade das Textelement dauernd verdeckt, von dem ich meine, daß es nicht nur auch, sondern als erstes und entscheidendes ans Licht müßte. Und weil das mit Ihrer prinzipiellen philosophischen Voraussetzung zusammenhängt, darum wird mir diese, durch Ihren Vorgang nur erst recht, abschreckend. Worauf Sie sich wieder an mir ärgern oder mich direkt oder durch die kleinen Schulmeister in Tübingen auffordern müssen, Ihnen auf Fagen (nach «Wirklichkeit», «Geschichte»…) zu antworten10, ohne verstehen zu können, daß diese für mich kein spezifisches Gewicht haben. Darauf neues Kopfschütteln auf Ihrer Seite. Usw.!
Eindrücklich wurde mir in Ihren Marginalien dann sachlich dies, daß als das Ihnen eigentlich Verdrießliche am «mythologischen Denken» nun so explizit das «Objektivieren» heraustritt. Die Situation zwischen uns könnte dadurch klarer werden, aber nicht leichter. Und ob auch nur klarer? Denn wie würden Sie sich beklagen, wenn ich Ihnen entgegenhielte, daß Sie offenbar für ein konsequentes «Subjektivieren» ein|195treten? Noch hatte ich ja immer gemeint, aufpassen zu sollen, was sich etwa als Objektgehalt Ihrer entmythologisierten Sätze herausstellen möchte. Denn eben das war und ist mir bei Ihrer Übersetzung des NT so befremdlich, daß Ihre Sätze allesamt in irgend ein Vakuum hinauszuzeigen scheinen und gerade darin gehaltvoll zu sein behaupten, daß sie über die Existenz des glaubenden «Subjektes» hinaus — nichts sagen. Ich wollte mein in dieser Hinsicht bestehendes Grund-Unbehagen nicht schärfer sichtbar machen, als es etwa S. 32f. und 38f. meines Heftes11 geschehen ist. Sie haben es sicher schon oft gesagt, aber diesmal hat es mich erreicht: das Schlimme am Mythos ist das «Objektivieren». Und nun ist meine Perplexität eben erst recht groß, besonders wenn ich gleichzeitig sehe, wie lebhaft Sie sich gegen die Gleichsetzung von Existentialismus und Anthropologismus (aber was lese ich «Glauben und Verstehen
📖» II, S. 262, gleich am Anfang?12) verwahren. Sicher ist, daß Sie auch mit dem Wort «Objektivieren» (sofern es für Sie offenbar nur einen pejorativen Sinn hat: Sicherheit suchen und dergleichen mehr) bei mir auf taube Ohren stoßen, weil ich gerade am NT eben das gelernt habe und gerade das fernerhin nicht nur auch, sondern vorzugsweise tun möchte: objektivieren — um erst lange nachher dann auch zu «subjektivieren»! Schrecklicher Gegensatz: mein Interesse an der neutestamentlichen «Mythologie» ist ausgerechnet das, daß sie die neutestamentlichen Aussagen so unüberhörbar «objektiviert». Und eben da sehen Sie rot! Was sollen wir nur miteinander anfangen, da Sie offenbar auch nicht anders können, als den einmal angetretenen Ritt zu Ende zu reiten? Nur daß Sie von mir auch nicht verlangen können, daß ich einen Winkel von 180 Grad nehmen und Ihnen in jener Richtung folgen soll — auch nicht, wenn es so ist, daß Sie selbst damals tatsächlich (das war mir so auch nicht bewußt gewesen) von jenem Vorwort von 192113 her in dieser Richtung aufgebrochen sind.
Aber nun scheinen Sie ja zu fragen, worauf ich eigentlich, da ich Ihnen nicht folgen kann, hinauswolle? Ja, lieber Herr Bultmann, wie soll |196 ich Ihnen das erklären, da Sie, wie ich aus dem, was Sie mir schreiben, sehe und von allen Seiten bestätigt höre, mich Ihrerseits ja nicht im Zusammenhang lesen, sondern bestenfalls auf mein Verhältnis zu Ihrem besonderen Anliegen abhören wollen? Ferne, ferne sei es von mir, Ihnen das übel zu nehmen! Im Eschaton hoffe ich selbst dann ganz andere und viel bessere Bücher vorfinden und lesen zu dürfen als die meinigen. Nur die Verständigung im zeitlichen Jetzt macht es eben ein bißchen schwierig, wenn ich zwar Sie lese, Sie aber gar nicht wissen. an was ich nun eigentlich — meinerseits in einiger Beharrlichkeit — interessiert bin. Auf die Gefahr weiteren Kopfschüttelns und Unwillens hin will ich es immerhin wagen, Ihnen nur das Eine zuzuflüstern, daß ich insofern immer mehr Zinzendorfianer geworden bin, als mich im NT immer mehr eigentlich gerade nur die Zentralfigur als solche — oder eben Alles und Jedes nur im Lichte und Zeichen dieser Zentralfigur zu beschäftigen begann. Man kann, man sollte nach meiner Meinung die ganze Theologie gewissermaßen von ihr aus rückwärts lesen: bis hin zur Anthropologie, zur Ethik und dann auch zu den Methodenfragen. Eben das ist es, was ich versucht habe und weiter versuche. «Orthodox»14 bin ich deshalb nicht geworden: ich könnte Ihnen die Punkte aufzählen, in denen ich von den Wegen dessen, was man sinnvoller Weise «Orthodoxie» nennen kann, weit abgekommen bin und auf den noch vor mir liegenden Strecken noch weiter abkommen werde. Aparte «Sicherheit»15 und dergleichen habe ich auch nicht gewonnen. Ist mir nicht gerade in den letzten Wochen in einem holländischen und einem französischen Buch16 bescheinigt worden — und nicht zum ersten Mal! — daß ich selber im Grunde nichts Anderes als ein «Existentialist» sei? Wohl aber ist mir die Theologie von dorther zu einer ausgesprochen positiven Angelegenheit geworden. Sie müßten es — wenn Sie es könnten — von daher verstehen, warum ich Ihren Postulaten nicht gerecht zu werden vermag und andererseits an dem von Ihnen verpönten «Objektivieren» meine Lust habe. Ich will mich weder polemisch noch sonst weiter darüber verbreiten. Diskutieren kann man dies, daß «Jesus lebt», ja nach unser |197 beider Überzeugung nicht. Man kann es aber unterlassen oder nicht unterlassen, als Theologe auf dieses «Objektive» hin und von ihm her zu denken. Ich möchte das nicht unterlassen, sondern tun. Und darum habe ich andere Sorgen als Sie. Darum ist mir das ganze Kerygma-Mythos-Problem eine Frage zweiter Ordnung. Darum kann ich dann wohl auch einmal ärgerlich werden (wie es mir angesichts von «Kerygma und Mythos» II offenbar widerfahren ist), wenn ich Sie und Ihre Freunde so tun sehe, als stünde der Vorrang Ihrer Sorgen in den Sternen geschrieben. Sie werden es von da aus verstehen, daß die lichten Punkte in Ihren Marginalien für mich auf S. 10 und n [oben S. 183 und 185] (im Zusammenhang mit Buris unerledigter Anfrage auch S. 13 [oben S. 189]) sichtbar sind, wo Sie ein weiteres Zurückkommen auf den Komplex «Christusgeschehen» ins Auge zu fassen scheinen.
Lieber Herr Bultmann, wenn ich aufs Friedlichste und Beste über Sie nachdenke, dann versuche ich es immer wieder mit der Hypothese, mit der ich mir selbst und meinen Studenten den großen Schleiermacher nahe zu bringen suche: es möchte das, worauf Sie hinaus wollen, als der Versuch einer «Theologie des dritten Artikels» und also des Heiligen Geistes zu verstehen sein.17 Das könnte ich als ein grundsätzlich legitimes und auch fruchtbares Unternehmen ansehen. Es müßte dann aber die Relation zwischen dem dritten und dem zweiten Artikel geklärt sein, d. h. es dürfte dieser nicht in jenen aufgelöst werden, sondern müßte ihm gegenüber in seiner eigenen Dignität sichtbar gemacht werden. Hier stocke ich Ihnen wie Schleiermacher (oft auch dem jüngeren Luther) gegenüber. Wenn Sie in dieser Richtung einen Ruck tun könnten, würde über Vieles gemächlich zu reden sein. Ich sähe dann Ihre Sätze nicht mehr in ein Vakuum zeigen, brauchte Ihnen dann nicht so trotzig entgegenzuhalten, daß ich nun erst recht zu «objektivieren» gedenke, würde dann auf Wunsch sogar ein bißchen mit Ihnen «heideggern» können. Sie Ihrerseits …, aber ich will diese millenniale Möglichkeit |198 nicht weiter ausmalen, sondern nur noch sagen, daß Walfisch und Elephant dann jedenfalls ihr gemeinsames Thema finden würden.
Aber nun läuten draußen schon die Weihnachtsglocken, und ich will abbrechen. Man deutet mir an, daß das Christkind eine ganze Menge weiterer Mozartplatten für mich bereit halte. Wenn Sie wieder einmal nach Basel kommen, so möchte es sein, daß wir vor oder nach einer Sitzung in jenem kleinen Wirtshaus18 einige davon gemeinsam hören. Ich hoffe von Herzen, Sie möchten, wenn dieser Brief Sie erreicht, samt den Ihrigen auch eine gute Weihnacht gefeiert und einen guten Übergang ins neue Jahr vor sich haben.
Mit den besten Grüßen