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Ich wage es — im Vertrauen darauf, daß Sie es mir nicht übel nehmen —, mich in eine
Angelegenheit einzumischen, die mich wirklich hell nichts angeht und in der Sie vielleicht
längst Ihre Entscheidung getroffen haben. Es handelt sich um unsern Lic. Peterson1 und um die Nachfolge Jülichers2 in Marburg. Peterson weiß nichts
davon, daß ich Ihnen schreibe, sondern ich tue es so, weil ich den Mann gern habe.
Vielleicht ist ja Rade3 schon für ihn eingetreten, dem ich ihn vor
ca. 1 1/2 Jahren im Allgemeinen empfohlen habe. Peterson hat sich die Sache selbst schwer
gemacht dadurch, daß er fast nichts geschrieben hat außer seiner schwer gelehrten
Dissertation4, die Sie vielleicht kennen und jedenfalls besser zu beurteilen wissen als ich. Ich
weiß aber, daß dies sein Schweigen seinen guten Grund darin hat, daß er die Theologie
bitter ernst nimmt und sich lieber auf die Zunge beißt, als unnütze Worte zu reden, von
denen auch ich ihm immer noch zu viel mache. Man muß bei ihm mit einem ganz langsamen,
aber umso zielbewußteren Marsch rechnen, mit einer Beschränkung auf minutiöse Kleinarbeit
vor lauter Bedrängnis durch größte Fragen, mit einem merkwürdigen, halb durch mondäne,
halb durch hieratisch-asketische Formen niedergehaltenen Enthusiasmus. Alle gescheiteren
Studenten bezeugen mir, wie viel bei diesem sensi|22blen, nach allen Seiten offenen und beweglichen, von weit her einem fernen und doch ganz
bestimmten Ziel entgegensteuernden Dozenten zu lernen sei. Ich selbst kann nur sagen, daß
er neben Hirsch5 der Einzige unter den
hiesigen Theologen ist, der mich als solcher interessiert, — der aber auch gründlich —,
und daß ich, wenn er mit seiner feinen Organisation durch diese bösen Zeiten
hindurchkommt, entscheidende Dinge gerade auf dem Gebiet der Kirchengeschichte, aber
vielleicht auch der systematischen Einsichten von ihm erwarte. Wenn Sie nicht schon anders
beschlossen haben, wie würde ich mich freuen, wenn Sie sich für ihn einsetzen könnten,
damit er jedenfalls auf die Liste kommt! Noch möchte ich ausdrücklich feststellen, daß er
nicht etwa zu den «Barth-Gogarten-Leuten» gehört,
wie man jetzt bereits sagt. Er steht dem so fern, daß er den Römerbrief6, den ich ihm schenkte, nach
einem zornigen Versuch überhaupt nicht gelesen hat, so daß ich ihn durch eine wißbegierige
Studentin, die ihn haben wollte, in aller Freundschaft einfach wieder bei ihm abholen
ließ. Dies zur Illustration, daß es sich für mich nicht etwa um den schändlichen Plan
handelt, Jülicher zur Vergeltung aller seiner
Übeltaten an mir7 ein Basiliskenei aus meiner Küche ins Nest zu setzen. Ich würde vielmehr
meine Fürsprache sogar Jülicher selbst
gegenüber zu vertreten wagen, wenn ich ihm näher stünde. Doch genug davon, und verzeihen
Sie mir, wenn Sie sich vielleicht durch diese ganze Apostrophe belästigt fühlen. Dann eben
Papierkorb, als wäre nichts geschehen.
Ich bin unterdessen wieder einmal — mit Weib und Kind8 allerdings |23 und
insofern entschuldigt — an Marburg
vorbeigefahren, ohne auszusteigen. Aber ich habe, auch abgesehen von den hin- und
zurückwandernden Studenten, immer die Empfindung, es sei so etwas wie eine drahtlose
Telegraphie zwischen Ihnen und mir. Die gewisse stirnrunzelnd-kopfschüttelnde Zustimmung,
die Sie meinem Treiben entgegenbringen, empfinde ich als die normalste Haltung, die ich
von Andern mir gegenüber erwarten kann. Es sieht in meiner Werkstätte oft unheimlich
unordentlich aus: überall unvollendete Gedanken, unbearbeitete Beobachtungen, halberwogene
Möglichkeiten. Schon darum, weil ich fortwährend alles Mögliche treiben muß: NT,
Reformationsgeschichte, Neuzeit, Systematisches. Sie werden auch Einer von denen gewesen
sein, die gelacht haben, als Sie in Nr. 4 unsrer Zeitschrift sahen,
daß ich nun auf einmal auch mit Anmerkungen zu Feld ziehe.9 Die Sache ist eigentlich nur ein Bruchstück aus einem größeren Ganzen,
das mir vorschwebt und an dem ich natürlich letztlich nichts Anderes als das Problem der
Offenbarung illustrieren möchte. Aber zunächst will ich wirklich abwarten, ob meine
historischen Freunde10 mich nicht zu sehr absägen. Sie können auch Ihr Votum abgeben, ich bitte
Sie sogar darum. Werde ich dann zu sehr auf den Kopf geschlagen, so will ich’s wirklich
nicht mehr tun. Ich habe übrigens gehört, daß Gogarten11 als Systematiker für Gießen in Betracht komme. Wissen Sie davon? Ich würde
mich diebisch freuen, wenn dieser (wie ich einst!) Freischwei|24fende seinen Hals auch unter das Kaudinische Joch des
Vorlesung-halten-Müssens beugen müßte. Da vergehen einem wirklich auch die letzten Illusionen! Diesen Winter lese ich über Schleiermacher.12 Der Teufel soll ihn holen, ich mag ihn
wirklich nicht und suche bis jetzt vergeblich nach einem Modus, um mit der auf
Universitäten nun einmal erwünschten scheinheiligen Gerechtigkeit über ihn vorzutragen.
Für nächsten Sommer erwäge ich das kühne Projekt: Augustin, da ich von der alten Kirche noch sozusagen nichts weiß.13 Im Winter
1924 dann unerbittlich Dogmatik, der eigentliche Sinn aller dieser historischen
Exercitien. Wenn Sie mich einmal nach Marburg berufen können, so unterlassen Sie es ja nicht. Göttingen ist in mehr als einer Beziehung ein finsterer
Ort, an dem es mir trotz viel Gutem oft etwas kribbelig zu Mute ist. Aber satis, satis.
Grüßen Sie bitte Ihre Frau, auch von der meinigen.
Ist der Mann aus Eisenach, der diesen Sommer
ein Kind in Marburg von mir getauft zu haben
wünschte (!)14 und
den ich telegraphisch an Sie wies, gekommen? Wie wars in Weimar? Est Deus in nobis?15