Brief Nr. 12 · 9. Oktober 1923

Karl Barth an Rudolf Bultmann

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12

Lieber Herr Bultmann!

Ich wage es — im Vertrauen darauf, daß Sie es mir nicht übel nehmen —, mich in eine Angelegenheit einzumischen, die mich wirklich hell nichts angeht und in der Sie vielleicht längst Ihre Entscheidung getroffen haben. Es handelt sich um unsern Lic. Peterson1 und um die Nachfolge Jülichers2 in Marburg. Peterson weiß nichts davon, daß ich Ihnen schreibe, sondern ich tue es so, weil ich den Mann gern habe. Vielleicht ist ja Rade3 schon für ihn eingetreten, dem ich ihn vor ca. 1 1/2 Jahren im Allgemeinen empfohlen habe. Peterson hat sich die Sache selbst schwer gemacht dadurch, daß er fast nichts geschrieben hat außer seiner schwer gelehrten Dissertation4, die Sie vielleicht kennen und jedenfalls besser zu beurteilen wissen als ich. Ich weiß aber, daß dies sein Schweigen seinen guten Grund darin hat, daß er die Theologie bitter ernst nimmt und sich lieber auf die Zunge beißt, als unnütze Worte zu reden, von denen auch ich ihm immer noch zu viel mache. Man muß bei ihm mit einem ganz langsamen, aber umso zielbewußteren Marsch rechnen, mit einer Beschränkung auf minutiöse Kleinarbeit vor lauter Bedrängnis durch größte Fragen, mit einem merkwürdigen, halb durch mondäne, halb durch hieratisch-asketische Formen niedergehaltenen Enthusiasmus. Alle gescheiteren Studenten bezeugen mir, wie viel bei diesem sensi|22blen, nach allen Seiten offenen und beweglichen, von weit her einem fernen und doch ganz bestimmten Ziel entgegensteuernden Dozenten zu lernen sei. Ich selbst kann nur sagen, daß er neben Hirsch5 der Einzige unter den hiesigen Theologen ist, der mich als solcher interessiert, — der aber auch gründlich —, und daß ich, wenn er mit seiner feinen Organisation durch diese bösen Zeiten hindurchkommt, entscheidende Dinge gerade auf dem Gebiet der Kirchengeschichte, aber vielleicht auch der systematischen Einsichten von ihm erwarte. Wenn Sie nicht schon anders beschlossen haben, wie würde ich mich freuen, wenn Sie sich für ihn einsetzen könnten, damit er jedenfalls auf die Liste kommt! Noch möchte ich ausdrücklich feststellen, daß er nicht etwa zu den «Barth-Gogarten-Leuten» gehört, wie man jetzt bereits sagt. Er steht dem so fern, daß er den Römerbrief6, den ich ihm schenkte, nach einem zornigen Versuch überhaupt nicht gelesen hat, so daß ich ihn durch eine wißbegierige Studentin, die ihn haben wollte, in aller Freundschaft einfach wieder bei ihm abholen ließ. Dies zur Illustration, daß es sich für mich nicht etwa um den schändlichen Plan handelt, Jülicher zur Vergeltung aller seiner Übeltaten an mir7 ein Basiliskenei aus meiner Küche ins Nest zu setzen. Ich würde vielmehr meine Fürsprache sogar Jülicher selbst gegenüber zu vertreten wagen, wenn ich ihm näher stünde. Doch genug davon, und verzeihen Sie mir, wenn Sie sich vielleicht durch diese ganze Apostrophe belästigt fühlen. Dann eben Papierkorb, als wäre nichts geschehen.

Ich bin unterdessen wieder einmal — mit Weib und Kind8 allerdings |23 und insofern entschuldigt — an Marburg vorbeigefahren, ohne auszusteigen. Aber ich habe, auch abgesehen von den hin- und zurückwandernden Studenten, immer die Empfindung, es sei so etwas wie eine drahtlose Telegraphie zwischen Ihnen und mir. Die gewisse stirnrunzelnd-kopfschüttelnde Zustimmung, die Sie meinem Treiben entgegenbringen, empfinde ich als die normalste Haltung, die ich von Andern mir gegenüber erwarten kann. Es sieht in meiner Werkstätte oft unheimlich unordentlich aus: überall unvollendete Gedanken, unbearbeitete Beobachtungen, halberwogene Möglichkeiten. Schon darum, weil ich fortwährend alles Mögliche treiben muß: NT, Reformationsgeschichte, Neuzeit, Systematisches. Sie werden auch Einer von denen gewesen sein, die gelacht haben, als Sie in Nr. 4 unsrer Zeitschrift sahen, daß ich nun auf einmal auch mit Anmerkungen zu Feld ziehe.9 Die Sache ist eigentlich nur ein Bruchstück aus einem größeren Ganzen, das mir vorschwebt und an dem ich natürlich letztlich nichts Anderes als das Problem der Offenbarung illustrieren möchte. Aber zunächst will ich wirklich abwarten, ob meine historischen Freunde10 mich nicht zu sehr absägen. Sie können auch Ihr Votum abgeben, ich bitte Sie sogar darum. Werde ich dann zu sehr auf den Kopf geschlagen, so will ich’s wirklich nicht mehr tun. Ich habe übrigens gehört, daß Gogarten11 als Systematiker für Gießen in Betracht komme. Wissen Sie davon? Ich würde mich diebisch freuen, wenn dieser (wie ich einst!) Freischwei|24fende seinen Hals auch unter das Kaudinische Joch des Vorlesung-halten-Müssens beugen müßte. Da vergehen einem wirklich auch die letzten Illusionen! Diesen Winter lese ich über Schleiermacher.12 Der Teufel soll ihn holen, ich mag ihn wirklich nicht und suche bis jetzt vergeblich nach einem Modus, um mit der auf Universitäten nun einmal erwünschten scheinheiligen Gerechtigkeit über ihn vorzutragen. Für nächsten Sommer erwäge ich das kühne Projekt: Augustin, da ich von der alten Kirche noch sozusagen nichts weiß.13 Im Winter 1924 dann unerbittlich Dogmatik, der eigentliche Sinn aller dieser historischen Exercitien. Wenn Sie mich einmal nach Marburg berufen können, so unterlassen Sie es ja nicht. Göttingen ist in mehr als einer Beziehung ein finsterer Ort, an dem es mir trotz viel Gutem oft etwas kribbelig zu Mute ist. Aber satis, satis. Grüßen Sie bitte Ihre Frau, auch von der meinigen.

Ihr
Karl Barth

Ist der Mann aus Eisenach, der diesen Sommer ein Kind in Marburg von mir getauft zu haben wünschte (!)14 und den ich telegraphisch an Sie wies, gekommen? Wie wars in Weimar? Est Deus in nobis?15

Sachfußnoten

1
Erik Peterson (7.6.1890–26.10.1960), seit 1920 Privatdozent für Kirchengeschichte und Christliche Archäologie in Göttingen, 1924–1930 Ordinarius für Kirchengeschichte und Neues Testament in Bonn, 1930 Konversion zur katholischen Kirche, seit Beginn der NS-Zeit meist in Rom in unbezahlter Lehrtätigkeit, 1947 Extraordinarius, 1956 Ordinarius am Päpstlichen Institut für Christliche Archäologie in Rom. — Zur Beziehung zwischen Barth und Peterson s. B. Nichtweiß, Erik Peterson. Neue Sicht auf Leben und Werk, Freiburg i.Br. / Basel / Wien 1992, S. 499–721 📖.↩
2
Siehe Nr. 4, Anm. 6. ↩
3
Siehe Nr. 2, Anm. 1. Zu Barths Beziehung zu Rade s. K. Barth/M. Rade, Ein Briefwechsel. Mit einer Einleitung hrsg. von Ch. Schwöbel, Gütersloh 1981. Dort S. 177f. 📖 Barths Empfehlungsschreiben vom 11.9.1922 für Peterson.↩
4
E. Peterson, Eἷς θεός. Epigraphische, formgeschichtliche und religionsgeschichtliche Untersuchungen, Diss. theol. Göttingen 1920 (Teildruck) 📖; erweitert erschienen unter demselben Titel in den FRLANT NF 24, Göttingen 1926. 📖↩
5
Emanuel Hirsch (14.6.1888–17.7.1972), seit 1921 Ordinarius für Kirchengeschichte, seit 1935 für Systematische Theologie an der Göttinger Universität. ↩
6
Gemeint ist wahrscheinlich die 2. oder 3. Auflage.↩
7
Die Bemerkung bezieht sich vor allem auf Jülichers ablehnende Kritik der 1. Auflage von Barths «Römerbrief» 📖 (s. Nr. 3, Anm. 15). Gegen diese Beurteilung wandte sich Fr. Gogarten, Vom heiligen Egoismus des Christen. Eine Antwort auf Jülichers Aufsatz: «Ein moderner Paulus-Ausleger», in: CW, Jg. 34 (1920), Sp. 546–550 📖 (= Anfänge I, S. 99–105 📖). Barth selbst antwortete Jülicher im Vorwort zur 2. Auflage: Der Römerbrief, München 1922, S. VIIff. (Abdrucke seit 1923: S. Xff.; Zürich 198915: S. XVIff.) 📖.↩
8
Nelly Barth, geb. Hoffmann (26.8.1893–23.10.1976), und die Kinder Franziska (verheiratete Zellweger, 13.4.1914–11.1.1994), Markus (geb. 6.10.1915, heute emeritierter Professor für Neues Testament in Basel), Christoph (29.9.1917–21.8.1986, nach Jahren in Indonesien 1967–1979 Professor für Altes Testament in Mainz), Matthias (geb. 17.4.1921, als stud. theol. † 20.6.1941). Der Sohn Hans Jakob (6.4.1925–25.7.1984, Gartenarchitekt und Maler) wurde 1 1/2 Jahre nach dieser Reise geboren; s. Nr. 29.↩
9
K. Barth, Ansatz und Absicht in Luthers Abendmahlslehre, in: ZdZ [Jg. 1] (1923), H. 4, S. 17–51 📖 (= Th.u.K., S. 26–75 📖; wieder abgedruckt in: K. Barth, Vorträge und kleinere Arbeiten 1922–1925, hrsg. von H. Finze [Gesamtausgabe, Abt. III], Zürich 1990, S. 248–306) 📖. — Die Zeitschrift «Zwischen den Zeiten» wurde 1922 gemeinsam von Karl Barth, Friedrich Gogarten, Eduard Thurneysen und Georg Merz begründet. Merz (3.3.1892–16.11.1959) gab sie bis zu ihrer Einstellung 1933 heraus. ↩
10
Ironische Anspielung auf den Ruf der Inkompetenz in historischen Dingen, in den Barth sich durch seine beiden Auslegungen des Römerbriefs gebracht hatte. Vgl. A. Jülicher, a.a.O. 📖, und den offenen Briefwechsel zwischen A. von Harnack und Barth in: CW, Jg. 37 (1923), Sp. 6–8.89–91.142–144.244–252. 305–306 📖 (= Th. Fr. A., S. 7–31 📖; Anfänge I, S. 323–347 📖). Vgl. aber auch Bultmanns Urteil oben Nr. 9 nach Anm. 6, sowie Anh. 32 bei und mit Anm. 4.↩
11
Friedrich Gogarten (13.1.1887–16.10.1967), seit 1917 Pfarrer in Stelzendorf (Thüringen), 1925 in Dorndorf a.d. Saale und zugleich Privatdozent für Systematische Theologie in Jena, 1931 Ordinarius in Breslau, 1935 in Göttingen. ↩
12
Der Text dieser dreistündig gehaltenen Vorlesung wurde später veröffentlicht: K. Barth, Die Theologie Schleiermachers, hrsg. von D. Ritschl (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1978. 📖 Außerdem las Barth: «Erklärung des ersten Johannesbriefes», 1stündig.↩
13
Zu dieser Vorlesung kam es nicht; stattdessen las Barth bereits vom Sommer 1924 an drei Semester lang, je 4stündig, erstmals Dogmatik. Erschienen sind von dieser Vorlesung bisher: K. Barth, «Unterricht in der christlichen Religion», Bd. I: Prolegomena. 1924, hrsg. von H. Reiffen 📖, und Bd. II: Die Lehre von Gott / Die Lehre vom Menschen. 1924/25, hrsg. von H. Stoevesandt (beides: Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1985 bzw. 1990. 📖 — Außerdem las Barth im Sommersemester 1924 «Erklärung des Philipperbriefes», im Wintersemester 1924/25 «Erklärung des Kolosserbriefes», je 1stündig.↩
14
Vikar Werner de Boor (Brief vom 20.6.1923 im Karl Barth-Archiv).↩
15
Bultmann nahm eine Woche vorher an der Weimarer Tagung des Bundes für Gegenwartchristentum teil. Am 2.10.1923 sprach dort Prof. D. Karl Bornhausen (Breslau) über das Thema: Est Deus in nobis? (Idealismus und Christentum), abgedruckt in: CW, Jg. 37 (1923), Sp. 734–743. 📖 ↩