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Für die Zusendung der neuen Auflage des Römerbriefs1 danke ich Ihnen herzlich. Ich freue mich, daß Sie Ende Januar nach Marburg kommen werden2, und hoffe, daß wir dann manche Fragen klären können. Aber meinen Dank für Ihr Buch möchte ich doch schon vorher laut werden lassen, indem ich auf Ihre Worte gegen mich im Vorwort des Römerbriefs3 antworte.
Mir scheint, daß Ihre Erwiderung 2 Gedanken enthält. Der eine ist der vom Treueverhältnis des Auslegers zum Autor. Ihrem Satz auf pg. XXII stimme ich zu, daß man keinem Schriftsteller gerecht werden kann, wenn man es nicht mit jener Hypothese wagt und nicht in jenes Treueverhältnis zu ihm eingeht. Man soll also in der Tat mit ihm und nicht über ihn schreiben. Wenn aber das «mit ihm» nicht im Sinne der psychologischen Einfühlung gemeint ist, sondern bedeutet: unter seiner Führung aus der Sache heraus, so kann doch der Fall eintreten, daß man die «im einzelnen Textwort gezogenen Linien» nicht nur «stillschweigend oder ausdrücklich verlängert oder verkürzt» (pg. XXIII), sondern auch korrigiert. Heißt das dann über Paulus reden? wollen Sie es durchaus so nennen, so mag es sein, dann aber ist die «Stilwidrigkeit» des Nebeneinander von «mit Paulus» und «über Paulus» durch die Stellung der Aufgabe gegeben und ebensowenig eine Geschmacksverirrung wie etwa Gundolfs Unterscheidung von «Urerlebnissen» und «Bildungserlebnissen»4. — Es kann sich natürlich nicht darum handeln, zum «über |15 Paulus» überzugehen, wenn «es mir etwa zu bunt wird», sondern das Treueverhältnis zum Autor kann sich gerade darin bewähren, daß ich aus der Sache heraus, in die ich durch ihn geführt bin, unter Umständen ihn korrigieren muß. Das Kriterium ist die Sache und nicht die zeitgeschichtliche Analogie. Aber wohl kann der Hinweis auf die jüdische, vulgärchristliche oder hellenistische Gedankenwelt deutlich machen, worum es sich handelt, so gut ich meine Kritik an früheren Ausführungen Gogartens oder an der 1. Aufl. des «Römerbr.»5 mir dadurch zu deutlichem Bewußtsein bringe, daß ich hier und da Romantik finde, oder an der 2. Aufl.6 dadurch, daß ich hier und da Cohensche Transzendentalphilosophie finde. — Ich kann in dieser Frage im Grunde gar keine wesentliche Differenz zwischen Ihrem und meinem Standpunkte der Exegese finden, so groß in der exegetischen Praxis die Unterschiede sein werden. Diesen liegt dann eine tiefere Differenz zu Grunde, die freilich m.E. keine Differenz in der Sache, sondern im «Bildungserlebnis» ist. Es ist mir nämlich immer deutlicher geworden, daß Sie kein inneres Verhältnis zur Geschichtswissenschaft haben, wie Sie es doch so stark zur idealistischen Philosophie haben. Wie Platons Philosophie bis zur Grenze des Menschlichen führt, so auch die Historie etwa bei Wilh. v. Humboldt. Und wo historische Kritik geübt wird, nicht, um kausale Abhängigkeiten festzustellen, sondern im Dienste der Selbstbesinnung, als die Methode des endlosen in Fragestellens, da führt sie auch von Hypothesis zu Hypothesis bis zur Frage nach der letzten Hypothesis. Mir ist die hellenistische Mystik oder die jüdische Gesetzlichkeit etc. nicht eine zeitgeschichtlich interessante Tatsache, aus der sich etwa gewisse Aussagen des Paulus «erklären» lassen (so gewiß unter Umständen die Exegese die Formulierung gebrauchen kann), sondern diese Erscheinungen sind Repräsentanten bestimmter geistiger Haltungen, die in ihrem Ringen in den Quellen festzustellen bedeutet: den Forscher in die Auseinandersetzung mit ihnen hineinziehen und sich die entscheidenden Fragen durch sie stellen zu lassen.
In kurzer Andeutung ein Beispiel, auf das ich in meiner Besprechung Ihres Buches um des Raumes willen verzichtet habe. Ich empfinde im |16 Römerbrief einen starken Bruch, der Ihnen offenbar nicht zu schaffen macht, nämlich im Verhältnis von 1,18–3,18 zu 3,21ff. Die Schwierigkeit liegt in 3,19f. V.19 scheint die Folgerung aus dem vorher Ausgeführten zu ziehen; aber die Begründung V. 20 wirkt überraschend. Für die Heiden kommt das ἐξ ἔργων νόμου ja gar nicht in Betracht, und die Sünde der Juden bestand nach c. 2 ja gerade in der Übertretung des Gesetzes (während in V. 20 die Gedanken von 5,20f.; 10,2–4 wirken). Der negative Unterbau (1,18–3,18) paßt also eigentlich gar nicht zur Begründung der positiven Fortsetzung (3,21ff.). Ich werde sagen: hier kommt der alte, der frühere Paulus zu Worte: 1,18–3,18 geben das Schema der hellenistisch-jüdischen Propaganda-Predigt wieder. Ich werde mir ihren Grundgedanken klar zu machen suchen, werde fragen, wie weit er führt, in welchem Verhältnis er zur paulinischen Glaubenspredigt steht, und mit all diesen Fragen, die sich zunächst auf die historische Materie beziehen, habe ich in Wahrheit auch die Frage nach dem prinzipiellen Sinn der jüdischen, stoischen und der eigentlich paulinischen Gedanken gestellt, und ich lehne damit auch durchaus nicht ab zu fragen, «ob und inwiefern Alles etwa auch im Zusammenhang ‹der Sache› … verstanden werden kann» (pg. XXI).
Schwieriger aber ist die Stellungnahme zu Ihrem anderen Gedanken: daß das πνεῦμα Xριστοῦ doch nicht als konkurrierend neben den anderen Geistern vorgestellt werden kann (pg. XXI). Ja — und nein! Zunächst führt Ihre Frage: «Oder auf welche Stelle könnte man etwa den Finger legen mit der Behauptung, daß da nun ausgerechnet das πνεῦμα Xριστοῦ zu Worte komme» [ebd.], keineswegs ad absurdum. Denn das kann man in der Tat. Wie es kein Zufall ist, daß Sie den Römerbrief des Paulus gewählt haben und nicht z. B. die Pastoralbriefe, wie ferner Paulus ein Zeuge des πνεῦμα Xριστοῦ ist und nicht Musonius oder der Verfasser von περὶ κόσμου, so ist aus der Erkenntnis, daß das πνεῦμα Xριστοῦ keine den «andern» Geistern zu koordinierende Größe ist, zu folgern, daß die Worte des Paulus nicht in verschiedenem7 Maß Zeugnis dieses πνεῦμα sein könnten, ja vielleicht manche überhaupt nicht. Und Ihr Satz «Was im Rm-brief zu Worte kommt, das sind überhaupt nur die ‹andern›-‹Geister›» [ebd.] scheint mir zu der absurden Konsequenz zu führen, daß man entweder jedes Wort, das gesprochen oder ge|17schrieben ist, als Zeugnis für das πνεῦμα Xριστοῦ auslegen kann oder gar keins. Mag diese Konsequenz von einem bestimmten Gesichtspunkt [aus] nicht einmal absurd, sondern ganz richtig sein, so jedenfalls nicht vom Gesichtspunkt der Exegese des Römerbriefs aus. Denn es handelt sich doch darum, das Zeugnis als Zeugnis zu verstehen. Und das wäre unmöglich, wenn der Glaube nicht auch Hergang und Zustand wäre (S. 110). Auch das Glaubenszeugnis erscheint als litera und steht als solche neben anderen Äußerungen, erscheint als «Standpunkt» [S. XXIII]. Daran läßt sich doch nichts ändern, und es ist auch damit der Charakter des Wunders nicht in Frage gestellt, und man mag sagen, daß die litera die verbergende Hülle ist, und zugeben, daß es keine litera gibt, in der nicht auch etwas von der Stimme anderer Geister nachklänge. Aber auch wenn der Geist Christi die Krisis ist, in der sich das Ganze, also auch das Glaubenszeugnis, befindet, so gibt doch die Tatsache, daß es Glaubenszeugnisse gibt, erst der exegetischen Aufgabe am Römerbrief ihren Sinn. — Damit bestreite ich nicht, daß Kritik oft irre gehen kann und daß es Exegeten gibt, die es mit dem Treueverhältnis nicht ernst nehmen; aber ich glaube, daß die Tatsache, daß der Geist Christi nicht mit andern Geistern zu koordinieren ist, sondern die Krisis des Ganzen ist, nicht die Aufgabe der Kritik, von der ich in meiner Besprechung redete, ad absurdum führt.
Vielleicht können wir mündlich noch davon reden. Ich danke Ihnen für die Zusendung Ihrer Predigt8, die mir ein willkommener Beweis für die Nichtigkeit von Niebergalls9 Behauptung war, daß man von Ihrer Anschauung aus überhaupt nicht mehr predigen könne (was natürlich nicht im Sinn der Unmöglichkeit der Aufgabe der Theologie Ihres Elgersburger Vortrags10 gemeint war!). Wir sprachen nämlich am letzten Abend der Freunde der Christl. Welt hier über Ihren Elgersburger Vortrag, wobei denn Abgründe offenbar wurden, — am schlimmsten bei |18 Rade. Und ich will Ihnen doch nicht vorenthalten, daß er den Beweis für Ihre Disqualifikation zum Propheten in Ihrer (angeblichen) Unverständlichkeit sah, insofern Propheten nur um deswillen unverständlich seien, weil bei den Hörern die moralischen Voraussetzungen fehlten, was aber ja hier nicht zutreffen könne! — Meinerseits möchte ich nur noch die Frage aufwerfen, ob die Polemik Ihrer Gruppe gegen Schleiermacher etwa daher kommt, daß Sie alle die «Reden» in der Ausgabe Ottos mit ihren m. E. gänzlich irre führenden Anmerkungen11 gelesen haben? Denn ich meinerseits rechne Schleiermacher in die Ahnenreihe Jeremia — Kierkegaard.12 Ja wirklich. Und das Merkmal, dessen Abwesenheit Sie konstatieren: der Angriff auf die Christenheit, dürfte doch in den «Reden» deutlich genug vorliegen. Und darf man sich durch die romantische Terminologie und den Terminus «Gefühl» verführen lassen, Sätze zu übersehen oder in ihrem Gewicht zu unterschätzen wie den, daß man vom Ursprung seiner Religion nur in einer Wundergeschichte berichten kann (S. 268 der 1. Ausgabe), daß die Religion im Menschen mit einer «Denkwürdigkeit» anfange (S. 273f.), daß Religion nur mit einem «Faktum» anfangen könne oder gar nicht (S. 278), wobei der Zusammenhang doch über den Sinn keine Frage läßt? — Natürlich will ich damit nicht die für Paulus empfohlene Pflicht der Kritik für Schleiermacher außer Kraft setzen.
Nun, auf ein gutes Wiedersehen bei Ihrem Besuch in Marburg! Alles Gute für das neue Jahr Ihnen und Ihrer Familie.
Mit herzlichem Dank und Gruß