Brief Nr. 4 · 25. Mai 1922

Rudolf Bultmann an Karl Barth

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Lieber Herr Barth!

Nachdem nun mein Aufsatz über Ihr Buch erschienen ist1, wird es Zeit, daß ich Ihnen für Ihren Brief2 danke. Daß ich es nicht ausführlich tue, liegt z. T. daran, daß ich sehr mit Arbeit überlastet bin, z. T. daran, daß ich mir eine mündliche Aussprache wünsche, um mit Ihnen über |10 das «Entweder-Oder-Denken» ins Reine zu kommen. Ich verstehe Sie in der Tat nicht. Denn sofern das Entweder-Oder-Denken sich um die Reinheit der Begriffe bemüht, darf ich es nicht preisgeben; daß die Reinheit der Begriffe die Sache vergewaltigen kann und es oft tut, gebe ich zu, kann aber um deswillen die Pflicht zur begrifflichen Klarheit nicht aufgeben. Ich denke, Sie wollen das auch nicht, — aber dann muß der Punkt unseres Gegensatzes noch deutlicher gemacht werden. — Auf Ihre Entgegnung über Glaube und Logos bin ich besonders gespannt; dies scheint mir das Wichtigste zu sein, und hier scheint mir die größte Gefahr für Sie zu liegen, was mir auch der feine Aufsatz Ihres Bruders im Kirchenblatt über Ethik und Eschatologie3 wie Brunners Büchlein (Erlebnis, Erkenntnis, Glaube?)4 wie auch Natorp (Individuum und Gemeinschaft)5 bestätigen. — Zu meinem Aufsatz nur zweierlei: 1.) die Spiegelfechterei, die nicht Ihre Person, sondern Ihre Sätze treffen sollte, habe ich gern gestrichen. 2.) die Bemerkung über Jülicher6 habe ich gekürzt (das Gestrichene sollte freilich nicht besagen, daß Sie Jülicher stets zugestimmt hätten, aber daß Sie durch ihn zu genauerer Präzisierung und hin und wieder zur Änderung bestimmt seien); ganz konnte ich sie nicht streichen (ich besprach es mit Rade). Ihr Zweck ist für meine Studenten gemeint, bei denen ich nicht den Eindruck erwecken will, es mit der philologischen Exegese minder gewissenhaft zu nehmen als Jülicher.7 — In der Hoffnung auf weitere Zusammenarbeit und mit herzlichem Gruß

Ihr
Rudolf Bultmann

Sachfußnoten

1
Siehe Nr. 2, Anm. 1.↩
2
Nr. 3. ↩
3
P. Barth, Ethik und Eschatologie, in: Kirchenblatt für die reformierte Schweiz, Jg. 37 (1922), S. 69f.73f.77–79. 📖 ↩
4
E. Brunner, Erlebnis, Erkenntnis und Glaube, Tübingen 1921, 2. und 3. neu bearb. Aufl. 1923. 📖 ↩
5
P. Natorp, Individuum und Gemeinschaft. Mit einem Anhang: Vom echten Tode, Jena 1921. 📖 ↩
6
Siehe Nr. 3, Anm. 15. Adolf Jülicher (26.1.1857–3.8.1938), 1889–1923 Ordinarius für Neues Testament und Alte Kirchengeschichte in Marburg, Lehrer Barths und Bultmanns. ↩
7
Die Bemerkung in der gekürzten Fassung — CW, Jg. 36 (1922), Sp. 373, Anm. 4 📖 (= Anfänge I, S. 141, Anm. 4 📖) — lautet: «Daß ich mich übrigens, sowohl was die historisch-philologische Erklärung betrifft, wie was die sachliche Beurteilung des Römerbriefs und des Paulus angeht, in hohem Maße dem anschließe, was Jülicher in dieser Zeitschrift 1920 Nr. 29 und 30 📖 zur ersten Auflage ausgeführt hat, wird Barth teils dem Gesagten entnehmen, teils sich selbst sagen.»↩