Brief Nr. 2 · 9. April 1922

Rudolf Bultmann an Karl Barth

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Sehr verehrter Herr Kollege, — oder wenn Sie es gestatten: lieber Herr Barth!

In der vergangenen Woche habe ich meine Besprechung Ihres «Römerbriefs»1 Rade übergeben.2 Da sie ziemlich lang geraten ist, ist zwei|4felhaft, wie bald sie gedruckt werden kann, wenn nicht 1700 M[ark] zur Verfügung gestellt werden zur Vermehrung des gewöhnlichen Umfangs der Chr[istlichen] W[elt] um einen halben Bogen. Da ich annehme, daß Sie über diese Summe ebensowenig verfügen können wie ich, werden wir uns noch eine Weile gedulden müssen, und ich will meinen Dank für Ihr Buch vorläufig dieser Karte anvertrauen; vielleicht nehmen Sie ihn da auch argloser als in meinen kritischen Bemerkungen. Ich habe freilich in meiner Besprechung noch mit einigen Bedenken und Wünschen zurückgehalten, um mich zu konzentrieren und eine Verständigung, wenn möglich, zu erreichen. Nicht, daß ich sie Ihnen vorenthalten wollte! Ich hoffe vielmehr, daß wir uns noch intensiver über die Sache austauschen können. Kommen Sie nicht wieder einmal nach Marburg?

Mit herzlichem Gruß
Ihr
R. Bultmann

Sachfußnoten

1
K. Barth, Der Römerbrief. Zweite Auflage in neuer Bearbeitung, München 1922 (Zürich 198915). 📖 ↩
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Martin Rade (4.4.1857–9.4.1940), 1882 Pfarrer in Schönbach (Oberlausitz), 1892 in Frankfurt/M., 1900 Privatdozent für Systematische Theologie in Marburg, später Ordinarius ebd., war 1866 Mitbegründer und bis 1931 Herausgeber der Zeitschrift «Die Christliche Welt». — Seit ihrer Studienzeit in Marburg standen Barth und Bultmann mit Rade in Verbindung. Barth war 1908/1909 Hilfsredakteur bei der «Christlichen Welt».

Bultmanns ausführliche und weitgehend zustimmende Besprechung Karl Barths «Römerbrief» in zweiter Auflage erschien in: CW, Jg. 36 (1922), Sp. 320–323.330–334.358–361.369–373 📖 (= Anfänge I, S. 119–142 📖). Zu dieser Besprechung nimmt Barth in seinem Brief vom 14.4.1922 (Nr. 3) und dann im Juli 1922 im Vorwort zur 3. Auflage von Der Römerbrief, München 1923, S. XIX-XXII (Zürich 198915, S. XXVII-XXX) 📖 Stellung. Über die 1919 in Bern erschienene 1. Auflage des Buches hatte Bultmann in einem Vortrag vom 29.9.1920 auf der Wartburg, Ethische und mystische Religion im Urchristentum, in: CW, Jg. 34 (1920), Sp. 725–731.738–743 📖 (= Anfänge II, S. 29–47) 📖 geurteilt: «So sehr ich die religiöse Kulturkritik des Barthschen ‹Römerbriefs› begrüße, so wenig kann ich in dem Positiven, das er bringt, etwas anderes sehen als eine willkürliche Zustutzung des paulinischen Christusmythus. Das Urteil, das Barth über die ‹liberale Theologie› fällt, trifft damit ihn selbst in demselben Maße.» (Sp. 740 = Anfänge II, S. 43).

Barth selbst sagt mehr als 40 Jahre später im Vorwort zum Nachdruck der 1. Auflage: Der Römerbrief, Zürich 1963 (unpaginiert); Neuausgabe von H. Schmidt (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1985, S. 8 📖, zwischen Bultmann und ihm sei es «auf Grund des zweiten ‹Römerbriefs› für eine Weile zu einer beträchtlichen Nähe» gekommen.↩