Brief Nr. 11 · 16. Juli 1923

Rudolf Bultmann an Karl Barth

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Lieber Herr Barth!

Für Ihre Karte1 will ich gleich einen Dank und Gruß senden. Ich wünschte mir Sie auch in Marburg2; schade, daß Sie nicht wenigstens für 2 Tage kommen konnten! Können Sie nicht auf der Reise in die Schweiz hier Station machen? ich meine jetzt nicht zu einem Vortrag oder einer Disputation, sondern zu einem persönlichen Gespräch. Ich würde Ihnen bei dieser Gelegenheit gerne auch einiges über Herrn Strunck3 sagen, wenn es richtig ist (was ich höre), daß Sie ihn für eine |20 Leiter-Stelle in einem Kandidatenkonvikt in Aussicht genommen haben. Ich habe freilich kein Recht, mich da hineinzumischen, muß aber doch, um keine Unterlassungssünde zu begehen, sagen, daß ich das mit Schrecken gehört habe; hoffentlich ist es ein Irrtum.

Bestimmte Ferienpläne habe ich noch nicht; hoffentlich erteilt uns das Mieteinigungsamt Erlaubnis, bald umzuziehen. Des weiteren möchte ich gerne mit meiner Frau für einige Wochen irgendwo Ruhe und Erholung suchen, die wir beide sehr nötig haben. Aber ob das möglich sein wird, ist noch fraglich. — Endlich freue ich mich, in den Ferien zum Joh. zu kommen, den ich für den Meyerschen Kommentar bearbeiten soll.4 Als ich im letzten Winter über den Joh. las, hatte ich in den letzten Wochen Heiler5 unter meinen Hörern, der freilich entsetzt war, daß ich die geliebte Mystik weginterpretierte. — Gerne würde ich einmal in den Ferien eine Zeitlang in Göttingen arbeiten, um die Bibliothek zu benutzen und mir Rat von Lidzbarski und Reitzenstein zu holen.6 Ich würde es natürlich am liebsten tun, wenn Sie auch dort sind. Wann kehren Sie aus der Schweiz zurück?

Mit herzlichen Grüßen, auch von meiner Frau
Ihr
Rudolf Bultmann

Sachfußnoten

1
Bisher nicht aufgefunden.↩
2
Barth konnte nicht zu dem von Schlier zum 15. oder 22.7.1923 vorgeschlagenen Treffen kommen; vgl. Nr. 10, Anm. 1.↩
3
Friedrich Heinrich Wilhelm Strunck (geb. 2.11.1900) machte im Wintersemester 1923/24 sein 1. theologisches Examen in Marburg. ↩
4
Der Kommentar erschien 18 Jahre später: R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes (KEK II), Göttingen 1941 📖, inzwischen mehrmals nachgedruckt.↩
5
Friedrich Heiler (30.1.1892–27.4.1967), seit 1922 Ordinarius für vergleichende Religionsgeschichte und Religionsphilosophie an der Marburger Theologischen Fakultät. ↩
6
Mark Lidzbarski (7.1.1868–13.11.1928), Richard Reitzenstein (2.4.1861–23.3.1931). — Bultmann versuchte seit 1923 u. a. im Anschluß an die von Reitzenstein und Lidzbarski erschlossenen Mandäerquellen den gnostischen Hintergrund des Joh.-Ev. zu erhellen, so z. B. in seinen Aufsätzen Der religionsgeschichtliche Hintergrund des Prologs zum Johannes-Evangelium, in: EYXAPISTHPION. Festschrift für H. Gunkel, 2. Teil, Göttingen 1923, S. 3–26 📖 (= Exegetica, S. 10–35 📖); Die Bedeutung der neuerschlossenen mandäischen und manichäischen Quellen für das Verständnis des Johannesevangeliums, in: ZNW, Jg. 24 (1925), S. 100–146 📖 (= Exegetica, S. 55–104; Nachdruck mit «Nachtrag 1971» in: Johannes und sein Evangelium, hrsg. von K. H. Rengstorf [WdF 82], Darmstadt 1973, S. 402–464 📖); Das Johannesevangelium in der neuesten Forschung, in: CW, Jg. 41 (1927), Sp. 502–511 📖; Untersuchungen zum Johannesevangelium, in: ZNW, Jg. 27 (1928), S. 113–163; Jg. 29 (1930), S. 169–192 📖 (= Exegetica, S. 124–197); Johanneische Schriften und Gnosis, in: Oriental. Literaturzeitung, Jg. 43 (1940), S. 150–175 📖 (= Exegetica, S. 230–254).↩