Brief Nr. 13 · 31. Oktober 1923

Rudolf Bultmann an Karl Barth

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Lieber Herr Barth!

Für Ihren Brief war ich Ihnen recht dankbar, da er mir nachträglich mein Gewissen stärkte. Ich war nämlich in den Verhandlungen über die Nachfolge Jülicher, die wir schon im Mai pflogen, sehr für Peterson eingetreten. (Alles natürlich nur in strengster Vertraulichkeit.) Da unsere Vorschläge schon im Mai bzw. Juni nach Berlin1 abgegangen sind, hat Ihr Brief den Gang der Sache also gar nicht mehr beeinflußt, aber es war mir, wie gesagt, lieb, durch Ihre Charakteristik Petersons in meinem Urteil über ihn bestärkt zu werden. Mein bisheriges Urteil beruhte — außer auf einzelnen fragmentarischen Nachrichten über ihn — auf der Lektüre seines Manuskripts der großen Untersuchung εἷς θεός2, die mir ebenso für die Solidität seiner Arbeitsweise wie für die Vorsicht seines Urteils und für seine Gabe geschichtlichen Sehens ein Beweis war. — Ich hätte ihn gern an die 2. Stelle unserer Liste gebracht; es ist aber leider nur die 3. für ihn herausgekommen. Des näheren kann ich Ihnen davon wohl später einmal erzählen.

Ich kann Ihnen leider auch heute noch gar nichts über Ihre Arbeit in «Zw. den Zeiten IV 📖»3 schreiben; ich konnte noch nicht zur Lektüre kommen, da ich nach der Rückkehr aus den Ferien alle Zeit für einen Vortrag verwenden mußte, den ich gestern beim Besuch der Kollegen aus Leiden zu halten hatte.4 Aber demnächst werde ich sie lesen und dann auch meine Meinung dazu sagen.

Auch heute bin ich noch in ziemlicher Eile und muß Sie bitten, mit |26 wenigen Worten zufrieden zu sein. Es liegt mir aber am Herzen, Ihnen noch einen Wink zu geben, womit ich mich ebenso in Ihre Angelegenheiten einmische, wie Sie es mit Ihrem Brief in Bezug auf uns gemacht haben. Ich hörte nämlich, Sie wollten den stud. Strunck5, der jetzt bei uns Examen macht, im reformierten Stift in Göttingen als Inspektor anstellen. Ich kann Sie nur warnen. Str. ist zwar ein liebenswürdiger Mensch, dessen erstes Auftreten besticht. Ich halte ihn aber für einen rechten Schwätzer, der, mit reichlichem Selbstbewußtsein ausgestattet, sich mit allen Dingen beschäftigt und nichts mit Ernst betreibt. Ich war entsetzt, als ich hörte, er solle Stiftsinspektor werden! — Nehmen Sie diese unerbetene Warnung, bitte, freundlich auf; ich fühlte aber eine gewisse Pflicht, sie Ihnen zukommen zu lassen.

Ich habe mir auch einige Mühe gegeben, in Gießen für Gogarten einzutreten. Ob es Erfolg hat, steht dahin.

Nun noch einmal die Bitte, meine Kürze zu entschuldigen, und herzliche Grüße, auch von meiner Frau, an Sie und die Ihre
Ihr
Rudolf Bultmann

Sachfußnoten

1
An das Preußische Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung.↩
2
Siehe Nr. 12, Anm. 4. ↩
3
Siehe Nr. 12, Anm. 9.↩
4
NachM. Rade, Besuch der Leidener Fakultät bei der Marburger, in: CW, Jg. 37 (1923) Sp. 724 📖 sprach Bultmann am 29. (!) 10.1923 über Die Bedeutung der neuerschlossenen mandäischen und manichäischen Quellen für das Verständnis des Johannesevangeliums, abgedruckt in: ZNW, Jg. 24 (1925), S. 100–146 📖 (= Exegetica, S. 55–104) 📖; demnach hat sich Bultmann oben im Briefdatum geirrt. Aus Leiden waren bei dem Vortrag zugegen die Professoren William Brede Kristensen, Karel Hendrik Roessingh und Hans Windisch.↩
5
Siehe Nr. 11, Anm. 3.↩