248
ANSATZ UND ABSICHT IN LUTHERS ABENDMAHLSLEHRE
1923
Hermann Kutter1, einem der
führenden Männer der schweizerischen religiös-sozialen Bewegung, der auf Barth und
Thurneysen großen Einfluß ausgeübt
hatte2, sollte anläßlich
seines 60. Geburtstages am 12. September 1923 das Heft IV von «Zwischen den Zeiten» gewidmet werden. Bereits am 29. Mai 1923 fragte Barth bei Thurneysen an: «Soll ich für unsre Kutter-Nummer einen Aufsatz über den ‹Ansatz
der lutherischen Abendmahlslehre›
erstellen? Es wäre vielleicht ein passendes Thema.3 Schreib mir, ob dir das, was du in der Zwingli-Vorlesung4 darüber
gesehen, richtig und wichtig genug erscheint!»5
Thurneysen antwortete ihm |249 am 6. Juni: «Steure doch ja zum Heft über Kutter
deinen Aufsatz über den ‹Ansatz der lutherischen Abendmahlslehre› bei! Mir waren deine Erwägungen
darüber in der Vorlesung viel wert. Es ist ja nicht gesagt, daß alles in diesem
Heft Enthaltene eine direkte Beziehung zu Kutter haben muß.6 Ich wäre froh darüber namentlich auch der damit gegebenen weitern
Bearbeitung des Problems Wort – Offenbarung wegen.»7 Zeitlich ins Gedränge geraten, teilte Barth
dann am 18. Juni Thurneysen mit: «Eben bin ich dran, meine letzte Predigt ins
Reine zu schreiben als Abschlagszahlung an Georg
Merz [= Schriftleiter von ZZ] für den Fall, daß ich mit [dem]
Luther [-artikel] nicht in der
vorgesehenen Frist fertig würde.»8 Am 15. Juli
konnte er dann doch vermelden, der Aufsatz sei «heute im Roh-Bau fertig»9 geworden. «Die Sache ist eigentlich nur ein Bruchstück
von einem größeren Ganzen, das mir vorschwebt und an dem ich natürlich letztlich
nichts Anderes als das Problem der Offenbarung illustrieren möchte.»10
Weil man Barth «keine Korrektur mehr zu lesen» gegeben hatte, blieben im Erstabdruck «ein paar dumme Fehler stehen»11, deren
Berichtigung erst im folgenden Heft V nachgereicht werden konnte.12
Die zwischen senkrechten Strichen in den Text eingefügte Originalpaginierung ist
die des Wiederabdrucks in Th. u. K.
📖
Ansatz und Absicht in Luthers Abendmahlslehre
I.
«Ein Christen soll wissen, daß auf Erden kein größeres Heiltum ist, denn Gottes
Wort, denn auch das Sakrament selbst durch Gottes Wort
|250
gemacht und gebenedeiet und geheiligt wird.»a In dem Zusammenhang, in
dem Luther dies geschrieben hat, hat
der Gedanke zunächst kritische Bedeutung. Ähnlich steht es in
seinen ältern Schriften überhaupt: Nur durch das Wort Gottes und
nicht sonst ist das Sakrament, was es ist. Nach zwei Seiten
hat Luther das geltend gemacht.
Erstens zur Abwehr der Gleichung zwischen Sakrament und Opfer.
Nicht ein Tun des Menschen für Gott begründet das Sakrament als solches, sondern
das im Wort zu einem Zeichen hinzutretende Tun Gottes für den Menschen. «In den
Sakramenten handelt, redet, wirkt durch den Priester dein Gott, Christus selbst
mit dir, und geschehen da nicht Menschenwerk oder Wort. Da geredt dir Gott selbst
alle Ding, die itzt von Christo gesagt sein.»b «Wenn der Mensch soll mit Gott zu Werk kommen und von ihm etwas empfangen,
so muß es also zugehen, daß nicht der Mensch anheb und den ersten Stein lege,
sondern Gott allein, ohne alles Ersuchen und Begehren des Menschen, muß zuvor
kommen und ihm eine Zusagung tun. Dasselbe Wort
Gottes ist das erst, der Grund, der Fels, 27 darauf sich hernach alle Werk, Wort, Gedanken des
Menschen bauen; welches Wort der Mensch muß dankbarlich aufnehmen und der
göttlichen Zusagung treulich glauben und soll nicht daran
zweifeln, es sei und gescheh also, wie er zusagt.»c Die Messe ist nichts anderes «denn ein Testament und Sakrament, darinnen
sich Gott verspricht gegen uns und gibt Gnad und Barmherzigkeit;
so wird sich’s nicht fügen, daß wir ein gut Werk oder Verdienst sollten draus
machen. Denn ein Testament ist nicht ein beneficium acceptum, sed datum, es nimmt
nicht Wohltat von uns, sondern bringt uns [Wohltat].» Ein
Testament anneh|251men kann doch kein gutes
Werk sein? «Man wollt denn das ein gut Werk heißen, daß ein Mensch still hält und
läßt ihm wohltun, Essen und Trinken geben, kleiden und heilen, helfen und lösen.»
Also «ist hier nicht officium, sed beneficium, kein Werk oder Dienst, sondern
allein Genieß oder Gewinst.»d Man kann «das hochwürdige Sakrament nicht höher schmähen und schänden,
denn daß man es nur für ein gut Werk halte»; es ist «nicht mein, sondern Gottes Werk, damit ich nur mir dienen lasse und Wohltat empfahe.
Darum also weit Gottes und mein Werk voneinander sind, so weit ist auch das
voneinander geschieden, daß man dies Sakrament für Gottes Werk und für unser Werk
halte.»e Wohl hat Luther gelegentlich
den Versuch gemacht, den Opfergedanken umzudeuten, statt zu
beseitigen. Wir sollen «opfern»; «animam vacuam et esurientem»f oder: «uns selbst und alles, was wir haben, mit fleißigem Gebet», «Lob und
Dank». Aber gerade an der letztern Stelle wird es klar, daß die Umdeutung auf eine
Beseitigung hinausläuft. Denn dieses Opfer sollen wir «nicht
durch uns selbst fürtragen vor Gottes Augen, sondern auf Christum legen und ihn
lassen dasselbe fürtragen», der «für uns bittet im Himmel, unser Gebet und Opfer
empfahet und durch sich selber, als ein frommer Pfaffe, vor Gott angenehm macht»,
so daß «wir nicht Christum, sondern Christus uns
28 opfert»g. Daß bei der Messe nach |252 Christi Vorbild
gebenedeit und gedankt wird, das heißt «testari, sese accipere vel accepisse a
Deo, non autem offerre Deo»h.
Die zweite Abwehr, die durch den Verweis auf das Wort Gottes vollzogen wird,
richtet sich gegen die Gleichung von Sakrament und sakramentalem
Element. Kein sakramentaler Charakter eines Elementes begründet das
Sakrament als solches, sondern das zum Element hinzutretende Wort. «Si […] verbum
… capere non potes, sacramenta quoque non capias, absque verbo enim essent et
nulla quoque essent sacramenta.»i «Wo … nicht das Wort Gottes bei dem Brod24 und Wein wäre, möchte es keine geistliche Speise sein, noch den Glauben
üben. Darum ist es allenthalben einerlei Speise und Trank geistlich, worin Gott sein Wort und Zeichen setzt, es sei wie äußerlich und leiblich
es wolle; und wenn Gott mich hieße einen Strohhalmen aufheben, so wäre alsbald an
dem Strohhalmen geistliche Speise und Trank; nicht um des Strohhalmen willen,
sondern um des Wortes und Zeichens willen göttlicher Wahrheitj und Gegenwärtigkeit. Wiederum, wenn Gottes
Wort und Zeichen nicht da ist, oder nicht erkennet wird, so hilft’s nicht, wenn
Gott gleich selbst da wäre; gleich wie Christus von sich selbst sagt Joh. 6,63 ‹Das Fleisch ist
kein nütze›, weil sie nicht auf die Worte achten, wie er in
seinem Fleische redet, welche Worte machen seinen Leib zur
rechten Speise … Also muß man nicht so fast achten auf die Werke25, Zeichen |253 und Wunder Gottes (wie die blinde Vernunft tut), als
auf die Worte Gottes in denselbigen, wie der Glaube tut.» Ohne
das Wort sind die «Zeichen und Werke» Gottes entweder gar nicht da, «oder so sie
gleich da sind und ohne Wort allein mit den Augen angesehen werden, sperren sie
nur das Maul auf und machen ein zeitlich Verwundern wie alle andern neuen Dinge»,
29 ohne den Glauben zu fördern.k Auch das Umgekehrte kann gelegentlich gesagt werden: daß Christus, der
wahrhaftig dies Brot ist, nicht zu genießen ist, «Gott mach ihn denn
zu Worten, daß du ihn hören und also erkennen kannst. Denn daß er im
Himmel sitzt oder unter des Brots Gestalt ist, was hilft dir das? Er muß
zerteilet, angericht und zu Worten werden durch (!) das innerlich und äußerlich
Wort.»l Also auch unter diesem Gesichtspunkt! Das Wort macht das
Sakrament zu Worten, d. h. zum wirklichen Sakrament. «Tausend
mal mehr» liegt an den Worten als an den «Gestalten» des Sakraments, und ohne sie
ist es «ein Spott für Gott»m, «eitel Gebertlein und Geberden»n, «ein Leib ohne Seele, ein Faß ohne Wein, eine Truhe ohne Geld, eine Figur
ohne Erfüllung, ein Buchstabe ohne Geist, eine Scheide ohne Messer»o. «Die Worte gehören in die Ohren, die Zeichen in den Mund»p oder: «Die Worte sein göttlich Gelübd, Zusagung und Testament. Die Zeichen
sein Sakrament, d.i. heilige Zeichen»q, und die
Folgerung lautet |254 in den beiden letzten Stellen: es
liegt «viel mehr an den Worten denn an den Zeichen». «Wo die Predigt nicht hätt
sollt sein, hätt er die Meß nimmermehr eingesetzt.»r Woraus weiter folgt: «Die Zeichen mögen wohl nicht sein, daß dennoch der
Mensch die Worte habe und also ohne Sakrament, doch nicht ohne
Testament selig werde.»s Mit dieser Erwägung, daß am Wort mehr gelegen sei als am Zeichen, hat 30
Luther damals seine gewisse
Gleichgültigkeitt gegenüber der die Zeitgenossen bewegenden Frage des Laienkelches begründet. Die Hussiten «tun nicht recht, daß sie meinen, es
muß also sein». Kann man doch ebensogut wie nur eine auch gar keine Gestalt des Sakraments empfangen,
«wie etlich Altväter in der Wüstenei getan»u. Noch in seiner ersten gegen die Signi|255fikatisten gerichteten Abendmahlsschrift wiederholt Luther, «daß am Sakrament das fürnehmste und
Hauptstück sei das Wort Christi», daß «weit mehr an diesen Worten gelegen ist,
denn am Sakrament selbst», daß «hoch von nöthen» wäre, «daß man die Leut wieder
von41 dem Sakrament führet auf die Wort»v.
Man würde sich schwer täuschen, wenn man Luther auf Grund dieser kritischen Verwendung des Begriffes «Wort»
auf dem Wege einer mystisch-spiritualistischen Aufhebung des Begriffes «Sakrament»
sehen wollte. Kritik und Negation ist nur bei theologischen Dilettanten eins und
dasselbe. Negativ war weder die Unterscheidung zwischen Sakrament und Wort noch
die zwischen Sakrament und sakramentalem Zeichen gemeint. Viel zu sinnreich ist
die Unterscheidung, als daß sie nicht voll heimlicher Ineinssetzung wäre. Dem
Kontrast zwischen Wort Gottes und sakramentalem Tun und Zeichen läuft parallel der
andere Kontrast zwischen Wort Gottes und Werk Gottes, Zusagung
und Sein und Geschehen, Versprechen und Geben,
Wohltat bringen und Wohltat annehmenw, zwischen dem «Strohhalmen», den
Gott uns aufheben heißen könnte, und dem, was er dann kraft dieses Wortes als
Zeichen «göttlicher Wahrheit und Gegenwärtigkeit» wäre.x Dieser zweite
31 Kontrast weist offenbar hin auf seine eigene
Überwindung. Sollte nun der erste Kontrast zwischen (demselben!)
Wort und dem sakramentalen Tun und Zeichen (das ja selber jenen zweiten Kontrast
darstellt und verkündigt!) an dem Ausblick auf diese Überwindung nicht teilnehmen?
Sollte für Luther in dem augustinischen Kanon «Accedit verbum ad
elementum et |256 fit sacramentum»45 das «et fit» nicht
wahrer und wichtiger gewesen sein als das kritische «accedit»?
Eine weitere Reihe von Beobachtungen zeigt nun, daß Luthers Gedanken über das Wort im Abendmahl in
der Tat in dieser Richtung gelaufen sind und laufen mußten. Es fällt zunächst auf,
daß an vielen der genannten Stellen statt vom «Wort» von den «Worten» die Rede
ist. Diese «Worte» sind aber, dafür bedarf es keines Beleges, die Einsetzungsworte Christi
beim Abendmahl nach der Relation der Synoptiker und des Paulus. Diese geschriebenen Worte Gottes machen das Abendmahl zum kräftigen Wort, zum Wort und
Werk Gottes, zum wirklichen
Sakrament.y Hier wird Luthers Position sichtbar, von der aus allein die vorhin
entwickelte Kritik verständlich ist: «Ich aber setze wider aller Väter Sprüch,
wider aller Engel, Menschen, Teufel Kunst und Wort die Schrift
und das Evangelium, darinnen die Meß klärlich erkennet wird, daß
sie ein Wort und Werk Gottes sei, darinnen uns Gott verheißet
und zeichnet seine Gnade. Hie stehe ich, hie trotze ich, hie stolziere ich und
sage: Gottes Wort ist mir über alles, göttliche Majestät stehet
bei mir, darum gebe ich nicht ein Haar drauf, wenn 1000 Augustinus, 1000 Heinzen Kirchen dazu, wider
mich wären, und bin gewiß, daß die rechte Kirche mit mir hält an Gottes Wort und
läßt Heinzen Kirche an Menschenworten hängen.»z Es hat eben mit diesen geschriebenen Worten Gottes 32 eine besondere Bewandtnis: in ihnen «testatur
remissionem peccatorum donari omnibus, qui credunt, corpus eius tradi et sanguinem
eius fundi pro se»aa. Sie enthalten die «Zusagung» (promissio), in der
Luther
das Wort Gottes erkennt. Um dieses ihres spezifischen Inhalts willen erklärt er, die ganze christliche Verkündigung sei
nichts anderes als eine Explikation der Abendmahlsworte: «Die Predigt soll nichts anderes sein, denn Verklärung der Worte Christi, da
er sagt: Das |257 ist mein Leib … Was ist das ganze Evangelium anders denn eine Verklärung dieses Testaments?»ab «Hoc enim esset fidem docere et vere ecclesiam aedificare.»ac Was kann dann aber die Messe, das sakramentale Tun und Zeichen, auf das
sich ja diese Worte Christi beziehen, sein, wenn nicht das in der Predigt zu
explizierende Testament selbst, die höchst leibhaftige Erfüllung jener Verheißungsworte? Daher offenbar die
Gleichsetzung Messe = Neues Testament im Titel der wichtigen
Schrift von 1520ad oder die Bezeichnung der Messe als «Das Hauptstück des
ewigen und neuen Testamentes» im Titel einer anderen von 1522ae. «Diese Worte» sind Sinn und Inhalt der Messe. «Dixi,
totam virtutem missae consistere in verbis Christi.»af «Wollen wir recht Meß halten und verstehen, so müssen wir alles fahren
lassen, was die Augen und alle Sinne in diesem Handel mögen zeigen …, bis daß wir
zuvor die Wort Christi fassen und wohl bedenken, damit er die
Meß vollbracht und eingesetzt und uns zu vollbringen befohlen hat. Denn darinnen
liegt die Meß ganz, mit all ihrem Wesen, Werk, Nutz und Frucht, ohn welchen nichts
von der Meß empfangen wird.»ag «Also willst du das Sakrament und Testament würdig empfangen, sieh zu, daß
du diese lebendigen Worte Christi fürbringest, drauf du dich
bauest mit starkem Glauben 33 und begehrest, was
dir Christus darinnen zugesagt hat: so wird dirs, |258 so
bist du sein würdig und wohl bereit.» Es gilt hier, den Worten
Christi zu glauben und sie wahr sein zu lassen, alles liegt an ihnen, «die man
fürwahr sollt mit Gold und eitel Edelgestein fassen und nichts fleißiger vor den
Augen des Herzens haben»ah. So sehr liegt Luther alles an
«den Worten», daß er das Abendmahl geradezu mit ihrem Inhalt identifizieren kann:
«Vides ergo, quod missa … sit promissio
remissionis peccatorum, a Deo nobis facta, et talis promissio,
quae per mortem filii Dei firmata sit.»ai Diese Zusage ist es, die das Sakrament (das neu- und
alttestamentliche) zum Sakrament macht, im Gegensatz zu einer bloßen «Figur». Gott
sagt zu, «daß, wer ihn habe, dies und das haben soll»aj. Der Begriff «Testament», der für Luther um 1520 so wichtig wird, fügt sich nach einer spätern
knappen Formulierung folgendermaßen in diesen |259
Zusammenhang: «Testator Christus est moriturus, verba testamenti
sunt, quae nunc verba consecrationis vocant. Hereditas est remissio peccatorum in
testamento promissa. Heredes sunt omnes qui credunt.» Diese vier
«integrant testamentum»ak. Die «verba testamenti» sind nach dieser
Begriffserklärung Luthers selbst nicht
das ganze «Testament»: sie weisen nach rückwärts, zurück auf den
Testator, nach vorwärts hin auf Erbgut und Erben. Es wird und kann also nicht
dabei bleiben, daß das als Testament verstandene Sakrament etwa nur «promissio»
wäre! Der Nachdruck ist nun auch auf die andre Seite zu verlegen: «Diese Worte» sind Sinn und In
34
halt der Messe, sie machen das Sakrament. Sie bedürfen nämlich (um unsretwillen!)
einer Bekräftigung dessen, was sie uns zusagen. Da, wo die
Zusage dieser Bekräftigung auftritt, da ist Sakrament. Daß es im Notfall «in der
Wüstenei»al auch ohne diese Bekräftigung gehen muß und geht, ändert nichts an der Regel,
daß wir sie nötig haben, nichts vor allem an der Kraft der
«bekräftigten» Zusage. Die Möglichkeit, das Sakrament etwa als überflüssig zu
erklären, liegt ebensowenig in Luthers
Gesichtskreis wie der Zweifel daran, daß das Wort Sakrament wirklich macht. Beides: daß das Wort (notwendig) Sakrament begründet und daß es in ihm seine (notwendige) Bekräftigung erhält, geschieht nach Luther (auch hier im Anschluß an Augustin: «verbum visibile»68)
dadurch, daß das Wort als Sakrament versichtbart, veröffentlicht, zur Schau
gestellt, sozusagen zu einer Angelegenheit publici juris wird, daß es aus der
Sphäre des bloß Hör- und Verstehbaren auf die Schwelle der Welt
des Sicht- und Greifbaren tritt. (Genau so viel, nicht mehr und nicht weniger, muß
m. E. hier gesagt werden.) «Daraus folget, daß die Sakrament, d.i. die äußerlichen Worte Gottes, durch ei|260nen Priester gesprochen, gar ein großer Trost sind und gleich ein sichtlich Zeichen göttlicher Meinung, daran man
sich halten soll […] als an einen guten Stab, damit Jakob, der Patriarch,
durch den Jordan ging. Oder als ein Latern, darnach man sich
richten und ein Aug auf haben soll mit allem Fleiß durch den finstern Weg
des Todes, Sünd und Höll.»am
Luther hat die Elevation der Hostie dahin
gedeutet, sie sei nicht sowohl eine «oblatio» an Gott, als eine «admonitio nostri,
quo provocemur ad fidem testamenti huius, quod tum verbis Christi protulit70
et exhibuit (der zelebrierende Priester), ut simul et signum eiusdem
ostendat et oblatio panis proprie respondeat huic demonstrativo: Hoc est corpus
meum»an. Mit Vorliebe aber wird für das Verhältnis von Zu35 sage und Zeichen das an den Begriff des Testamentes
anknüpfende Bild des Siegels verwendet: «Seine Worte sind uns
als ein Brief, seine Zeichen aber als ein Siegel oder Pitschat.»ao «Das bedeutet der Priester, wenn er die Hostie aufhebt, damit er nicht so
fast Gott als uns anredet, als wollt er zu uns sagen: sehet da, das ist das Siegel und Zeichen des Testaments, darinnen uns Christus beschieden hat Ablaß
aller Sünd und ewiges Leben.»ap Durch dieses Siegel wird mir die Zusage gegeben, bindend
gegeben, so daß ihr Inhalt (noch nicht mein Besitz, aber) mein rechtmäßiges
Eigentum ist, so daß also die Zusage zur Überweisung wird. «Is sacramenti est usus, ut dicere hoc vere possis:
Habeo hic apertum verbum («da habe ich öffentlich das Wort»), remissa mihi esse peccata. Signum quoque accepi,
manducavi et bibi, id quod certo comprobare possum, feci enim id in
conspectu Satanae et mundi.»aq So, indem, um im Bilde |261 des «Testaments» zu
bleiben, mir gesagt wird, daß ich der Erbe und
das Erbgut mein ist, hat offenbar auch das Wort, auf die
Schwelle der Sicht- und Greifbarkeit getreten, um mir das zu
sagen, aufgehört, gegenüber dem sakramentalen Tun und Zeichen
ein Zweites zu sein. Die heimliche Ineinssetzung ist in Kraft
getreten – et fit sacramentum. «Sieh, das ist dann wahrhaftig
Gottes Wort. Christus ist das Brot, Gottes Wort ist das Brot; und doch ein Ding, ein Brot. Denn es ist in
dem Wort, und das Wort in ihm: und glauben […] dasselbe
Wort, das heißt essen das Brot; und wem Gott das gibt, der lebt ewiglich.»ar Göttliche Speise und Trank ist nun an dem «Strohhalm» –
als an dem durch das Wort begründeten Zeichen göttlicher
Wahrheit und Gegenwärtigkeit und nicht sonst –, aber gerade darum: es ist, «est».
II.
36 «Promissio et fides sunt correlativa, ut, ubi promissio non
fuerit, fides esse non possit, et ubi fides non fuerit, promissio nihil sit.»as «Gott hat unserm Glauben hie eine Weide, Tisch und
Mahlzeit bereit; der Glaub weidet sich aber nicht, denn allein von dem Wort Gottes.»at Auch dieser zweite Pfeiler der lutherischen Abendmahlslehre: der von dem Worte Gottes sich
«weidende» Glaube hat zunächst kritische
Bedeutung. Nur durch den Glauben und durch nichts sonst wird das
Sakrament empfangen. Die beiden Klärungen: nicht durch
sakramentales Tun und nicht durch Empfang der sakramentalen
Zeichen, würden sich auch hier sondern lassen. Es liegt aber in der Natur der
Sache, daß sie hier beständig ineinander übergehen. Wir können ohne Schaden für
die Deutlichkeit der Untersuchung von beiden gemeinsam reden.
Den schärfsten Ausdruck hat diese kritische Klärung in einer Fron|262leichnamspredigt über Joh. 6 gefundenau
Luther protestiert darin gegen die
Beziehung dieser Stelle auf das Sakrament mit der Begründung: «Wiewohl das
Sakrament eine rechte Speise ist, doch wer es nicht nimmt im Herzen durch den
Glauben, dem hilft’s nicht: denn es machet niemand fromm noch gläubig, sondern es
erfordert, daß er zuvor fromm und gläubig sei.»av Das Essen und Trinken dagegen, von dem
Joh. 6 redet, ist von vornherein
«nichts anderes, denn glauben an den Herrn Christum, der sein Fleisch und Blut
unserthalben dargegeben hat», es geschieht «im Herzen und nicht mit dem Maul. Das
Essen im Herzen betreuget nicht, aber das Essen mit dem Maul, 37 das betreuget; das Essen mit dem Maul höret auf, das
andere aber währet ewig ohne Unterlaß»aw. «Nütz» ist nicht das leibliche Essen des Fleisches, «sondern glauben, daß
dies Fleisch Gottes Sohn sei»ax. In aller Form erklärt der Festprediger dem Ehrentag der sakramentalen
Gegebenheit, der ihn auf die Kanzel geführt hat, den Krieg: keinem Feste sei er
nie feinder gewesen |263 denn diesem; er wolle geraten
haben, es ganz und gar abzutun, denn es sei das allerschädlichste Fest im ganzen
Jahr.ay Das waren Dinge, die Luther
vor dem Ausbruch des Abendmahlsstreites hemmungslos herausgesagt
hat. Dahin gehört vor allem die berühmte Stelle aus dem Sermon vom Leichnam von
1519: «Denn schau auf! es ist dir mehr not, daß du des geistlichen, denn des
natürlichen Körpers Christi acht habest, und nöter der Glaub des geistlichen, denn
des natürlichen Korps; denn der natürlich ohn dem geistlichen hilft nichts in
diesem Sakrament.»az Oder: «Das Sakrament für sich selbst ohne den Glauben wirkt
nichts; ja Gott selber, der doch alle Dinge wirkt, wirkt und
kann mit keinem Menschen Gutes wirken, er glaube denn ihm festiglich;
wieviel weniger das Sakrament.»ba Oder: «Nicht die Sakramente, sondern der Glaube zu den Sakramenten macht lebendig und gerecht. Sintemal
viel das Sakrament nehmen und doch nicht daraus lebendig oder fromm werden. Wer
aber glaubt, der ist 38 fromm und lebet.»bb Mit dem Wort Glauben hat Lu|264ther sowohl die Frage nach der rechten dispositio
(«Geschicklichkeit») wie die nach der rechten praeparatio
(«Bereitung») wie die nach dem rechten usus («Gebrauch») des
Sakramentsgenusses beantwortet. Es ist klar, daß mit dieser Beantwortung jene aus
der Beichtpraxis stammenden Fragenbc einen ganz neuen Charakter bekommen:
aus dem Problem der Stellung des Menschen zur Gabe wird das seiner Stellung zum
Geber. Ohne Glauben an Gott bzw. Christus den Geber ist die Gabe (und wenn sie Gott selber wäre!bd) nicht gegeben. «Es wirkt nichts
überall, wenn es allein opus operatum ist, denn Schaden: es muß opus
operantis werden.» Luther
erklärt: «Es muß auch braucht werden im Glauben.»be Er wird später diese Formel nicht mehr brauchen, denn «fides […] non est
opus, sed magistra et vita operum»bf. Aber in derselben Schrift, in der sich diese Sentenz findet, heißt es
auch: «Accessurus ad altare … caveat, ne vacuus appareat in
conspectu Domini Dei; vacuus autem erit, si fidem non habuerit».bg Was jenes «opus operantis» sagen wollte, daß der Glaube an den Geber der Gabe eine Inanspruchnahme und Beschlagnahme des ganzen
Menschen bedeutet, das ist durch die Bezeichnung des Glaubens als «vita et
magistra operum» nicht verneint, sondern behauptet; es ist in diesem Zusammenhang
vor und nach 1520 geradezu der Nerv von
Luthers Glaubensbegriff. «Gedenke,
daß du anders werdest oder nicht hinzugehest!», muß dem
Kommunikanten gesagt werden, sonst ist es «nicht viel anders, daß du diesem das
heilige Sakrament giebest, denn wenn du es einer Sau in den Hals stoßest; ein
Spott ist es |265 und eine Unehre des Sakraments»bh. Aber was heißt nun Glauben, nicht leer hinzutreten, anders werden?
Man geht am besten aus von der echt früh-lutherischen Bestimmung: «Optima dispositio est non nisi ea, 39 qua pessime es dispositus, et econtra tunc
pessime es dispositus, quando es optime dispositus. Quod sic intelligitur, quod,
quando sentis te miserrimum et egenum gratia, iam eo ipso capax es gratiae et
idoneus maxime. Rursus plus quam mortem et infernum timeas, ne quando sic accedas,
ut tibi dispositus videaris ac dignus, quasi allaturus Deo cor mundum, quod potius
tibi fuerat quaerendum et recipiendum. Stat firma et insolubilis sententia […]
(Matth. 9,12)…» «Er ist
dein Gott und bedarf deiner Güter nicht, sondern er ist seiner Güter milde gegen
dir und kommt zu dir in der Meinung, dir seine Güter zu geben.»bi Und weiter: «Wenn der Mensch empfindet, daß er weder eine ledige, hungrige
und dürftige Seele Gott opfere, noch mit einem gnugsamen Glauben zu dem Sakrament
gehe, oder aber solches gnugsam zu tun nicht vermöge (wie sich denn der Mensch in
der Wahrheit empfinden wird, wenn er sich selbst wird prüfen und empfinden),
alsdann soll sich der Mensch nicht schämen noch fürchten», zu bitten nach Luk. 17,5; Mark. 9,24.bj Die rechte «Bereitung» ist also gerade die schmerzliche Erkenntnis, daß es
uns an der rechten «Geschicklichkeit» fehlt. Diese Erkenntnis,
der Glaube, der also sozusagen da in die Lücke springt, wo
gerade kein Glaube ist, er empfängt die Gabe, weil er auf den
Geber gerichtet ist. Wenn der Teufel dir «einblinzet», du
seiest unwürdig des Sakraments, – «hie mach das Kreuz für dich, laß dich
Würdigkeit, Unwürdigkeit nichts anfechten, schau nur zu, daß du glaubst … Glaub
macht würdig, Zweifel macht unwürdig.»bk «Das Sakrament ist nur denen ge|266geben, die Trost und Stärke bedürfen, die blöd Herzen haben, die erschrocken
Gewissen tragen, die von Sünden Anfechtung leiden oder auch drein gefallen sein.
Was sollt es bei den freien sichern Geistern wirken, die sein weder bedürfen noch
begehren?»bl «Das meinet auch Paulus, sprechend: Ein jeglicher Mensch prüfe sich selbs,
und esse denn von diesem Brod. Der prüfet aber sich selbs recht, der eins Andern
Übel vergißt, und 40 nicht richtet, sondern sich
selbs empfindet, daß er arbeitet und beschweret ist mit vielen Sünden und
Gebrechen, und also begierig wird der Gnad und Hülf Christi. Das ist die
alleredelest und nähest Bereitung zum Sacrament, denn als S. Augustinus sagt: Die Speis suchet nicht mehr,
denn ein hungerige, ledige Seel, fleucht auch nicht, denn die da satt sind und
hoffährtig, die sich unter nander richten und dammen; als die täten, zu denen der
Apostel diese Worte schreibt. Denn, sollt der Apostel uns in diesen Worten
aufgelegt haben, daß wir erkunden sollten uns selbs, bis daß wir gewiß wären, ob
wir ohn Todsünd wären, hätt er uns unmüglich Ding aufgeleget, und allesampt
beraubet des heilsamen Sakraments. Darumb ist genug, daß du nicht wissest ein
Todsünd, gewisser grober Weis oder gewisses Fürsatzs zur Todsünd. Daß
Hintersteilig befiehl in die Gnad Gottes, und laß deinen Glauben dein Reinigkeit
sein, so bist du gewiß.»bm Solche will es haben, «die ihre Gebrechen erkennen, fühlen, daß sie nicht
fromm sind und doch gerne fromm werden
wollten. Also lieget es allein an solchem Fühlen (sentire peccatum); denn wir sind
zwar alle gebrechlich und Sünder, bekennen aber nicht alle.»bn Die durch solche praeparatio geschaffene dispositio also
ist grundsätzlich das «Anderswerden», das dem Sakramentsgenuß
schon vorangehen (nicht erst folgen!) muß, damit der Gläubige
das «Testament», die bekräftigte Zusage der Sündenvergebung darin empfange. Denn
daß |267 diese capacitas, die zunächst nur mit einer leeren ausgestreckten Hand zu vergleichen ist, nicht
gegenstandslos sei, dafür ist eben durch Wort und Zeichen gesorgt. Es braucht nun
nur noch das Dritte, das Zugeständnis des Menschen, «wie die Worte Christi lauten,
so sei es in der Wahrheit» («denn wo Gott redet und zeichet, da muß man glauben
aus ganzem festem Herzen, es sei also, wie er redet und zeichet, auf daß wir ihn
nicht für einen Lügner oder Gaukeier halten, sondern für treu und wahr41haftig»)bo – so ist das In- und Miteinander dieser drei: 1. jener (negativen, aber als solche erkannten) «Disposition» des
Menschen, 2. der in Wort und Zeichen angebotenen Verheißungswahrheit Gottes, 3.
der vom Menschen anerkannten Unmöglichkeit, daß Gott lügen könnte, der Glaube, der von Gott angerechnet wird «als eine grundgute
genügsame Frömmigkeit zur Seligkeit»bp, der Glaube, der das Sakrament empfängt. Das begründende
Moment unter diesen dreien ist bei Luther ganz unzweideutig das Zweite, also weder
das Negative noch das Positive, das auf Seiten des Menschen ist
und geschieht, sondern die göttliche Verheißung: «Ubi enim est verbum promittentis
Dei, ibi necessaria est fides acceptantis hominis, ut darum sit,
initium salutis nostrae esse fidem, quae pendeat in verbo
promittentis Dei, qui citra omne nostrum studium gratuita et immerita misericordia
nos praevenit et offert promissionis suae verbum, … Verbum Dei
omnium primum est, quod sequitur fides, fidem caritas …»bq Aber das schließt nun nicht aus, sondern ein, daß das
dritte Moment (Gott für wahrhaftig halten) die höchst direkte, unmittelbare
Inanspruchnahme des Menschen bedeutet. Und das ist’s, worauf
Luther in diesem Zusammenhang
überall hinaus will. Nicht als ob nun der Glaube doch wieder zu einem Werk, zu
einer |268 innerlichsten, feinsten Gewissens-, Buß- und
Gehorsamstat des Menschen würde. Nein, «es sei um deine Reue und wahrhaftige oder
falsche(!) Buße wie es wolle, so wende am meisten Fleiß darauf, daß du in dem
Vertrauen obberührter Worte Christi, unsres lieben Herrn, zu dem Sakrament gehest.
Denn so du also würdest dazu gehen, so würdest du erleuchtet
werden, und dein Angesicht wird nicht beschämt und geschändet werden. Du sollst
die gebenedeite Mutter Gottes in keinem Wege dich unterwinden zu einer Lügnerin zu
machen; denn sie hat gesagt Luk. 1,53: ‹Der Herr hat die Hung42rigen
mit Gütern erfüllet›…»br Aber eben dieses «also dazu gehen» (angesichts der Fragwürdigkeit auch unsres aufrichtigsten Entbehrens und Begehrens) ist nun die
Inanspruchnahme des Menschen, ohne die das Sakrament, ja Gott selbst «nichts»
wirken kann, so gewiß sie selber die im Sakrament verkündete Verheißung schon zur
Voraussetzung hat. Dies Andere (das doch kein anderes ist) ist nun auch zu sagen:
«Christus spricht nicht in den Worten: Siehe da ist es, da liegt es; sondern also sagt er: Nimm hin, es soll deine sein. Es ist nicht darum im Sakrament, daß wir es da sollen haben
liegen, sondern daß wir seiner brauchen. So
ist nun kein rechter Brauch, denn daß du glaubest, daß dieser
Leib für dich hingegeben und dies Blut für dich vergossen sei; so hast du es denn, wie du glaubest.»bs Und schon vor 1520: «Was hülfs, daß du dir vorbildest
und glaubest, der Tod, die Sünd, die Hölle der andern sei in Christo überwunden,
wenn du nicht auch glaubst, daß dein Tod, deine Sünd, deine Hölle dir da überwunden und vertilgt
sei, und also erlöset seist? So wäre das Sakrament gar umsonst, dieweil du nicht glaubst die Ding, die dir daselbst angezeigt, gegeben
und versprochen werden.»bt Noch ein Jahr früher hat Luther
es freilich für angezeigt gehalten, gegenüber dieser bestimmten Handhabung der
zweiten Person Singularis folgende merkwürdige Sicherung anzubringen: «Si tandem
adeo infirmus es in fide», daß alle andere «Berei|269tung»bu versagt, «apprehende illud novissimum
infirmorum remedium, et permitte te sicut infantem gestari in ulnis et sinu matris ecclesiae, imo cum paralytico in lectulo, ut Dominus fidem
illorum saltem intueatur, quando tua nulla est, i. e. ut in fide vel
universalis ecclesiae vel hominis fidelis tibi noti accedas et audacter
dicas Domino Jesu: Ecce Domine, mi Jesu Christe, doleo me tarn infirmum ut de tuo
inaestimabili in nos amore nihil aut tam parum praesumam. Ideo suscipe me in fide
ecclesiae tuae et illius aut illius hominis. 43
Quicquid enim sit de me, necesse est, o Domme, me
obedire ecdesiae tuae, quae iubet ut accedam. In
obedientia venio saltem, si nihil aliud offero. Et crede firmiter, quod non
indignus accesseris, non est dubium, quin obedientiam ecdesiae
tanquam sibi factam acceptet. Deinde non potest fieri, ut ecclesiae fides
te permittat perire, non magis certe, quam parvulum, qui alienae fidei merito
baptizatur et salvatur.»bv Dieser Gedanke ist aus begreiflichen Gründen wie der entgegengesetzte vom
«opus operantis»bw in dieser Form nicht mehr vorgetragen worden. Von 1520 an heißt es in
scheinbar schroffster Antithese: «Non poteris alterius fide niti, cum ad
sacramentum accedis, unusquisque pro se credere debet, sicut
unusquisque pro se quoque contra peccatum, Satanam, item mundum militare
debet.»bx Ob diese Antithese mehr als dialektisch, ob der Gedanke
fallen gelassen, ob also hier ein «unverhüllter Rest katholischer Anschauung»by zu konstatieren ist? |270 1519 schreibt Luther: «Ich sei sein würdig oder nicht, so
bin ich ein Glied der Christenheit.»bz Und dem energischen «unusquisque pro se» steht alles das gegenüber, was
nachher über den Charakter des Abendmahls als «communio» zu sagen ist.ca Nicht dem Einzelnen als solchen,
sondern der Christenheit, der Kirche ist nach Luthers selbstverständlicher Überzeugung das rechtmäßig eingesetzte
Sakrament anvertraut.cb Die Forderung persönlichen Glaubens und der
Verweis auf den Glauben der Kirche sind Korrelate, nicht ausschließende
Gegensätze. Als ein letztes und undialektisches Wort über den rechten Glauben ist
es dagegen anzusehen, wenn Luther
schreibt: «Siehe dich […] vor, 44 daß du dir
nicht einen falschen Glauben machest, wenn du gleich glaubest, daß dir Christus da
gegeben sei und dein sei; und wo der Glaube allein ein menschlicher Gedanke ist,
den du angerichtet hast, so bleibe von diesem Sakrament. Denn es muß
ein Glaube sein, den Gott machet, du mußt wissen und empfinden, daß
solches Gott in dir wirke, daß du es ungezweifelt dafür haltest, es sei wahr, daß
dies […] Zeichen dir gegeben sei und so mutig bist, daß dich dünket, du wollest
darüber sterben. Und wenn du noch zappelst und zweifelst, so kniee nieder und
bitte Gott, daß er dir Gnade mitteile, daß du also von dir abtretest und zu dem
rechtschaffenen Glauben kommest.»cc
271 Wie ernst es Luther mit dieser
kritischen Klärung des Sakramentsbegriffs unter dem Gesichtspunkt des Glaubens
war, das zeigt sich in den praktischen Folgerungen, die er
(wenigstens theoretisch) daraus gezogen hat. Er war ein entschiedener Gegner des
massenhaften, gezwungenen, gewohnheitsmäßigen Abendmahlsbesuches. «Ein gezwungen
Christ […] ist ein sehr fröhlicher angenehmer Gast im Himmelreich, da Gott
sonderliche Lust zu hat und wird ihn freilich unter die Engel obenan setzen, da
die Hölle am tiefesten ist.»cd Wer nicht «aus eigenem Gewissen und aus Hunger seiner Seel» kommt, dem rät
er ernstlich, wegzubleiben, auf die Gefahr hin, daß «hinfüro kaum einer hinzu
ging, da jetzt viel Hundert zu gehn»ce. Und andererseits entwickelt er seit 1523 das Postulat einer Prüfung der
Kommunikanten: «Derohalben soll es hinfort also geordnet
sein, daß man niemand zum Sakrament gehen ließe, man frage ihn denn zuvor und
erkundige von ihm, wie sein Herz stehet, ob er
auch wisse, was es sei und worum er hinzugehe», ob er «ein solch
Gefäß sei, das es fassen könne und wisse seinen Glauben anzuzeigen.» Luther möchte es erreichen, «daß man die, so
da recht glaubeten, (im Gottesdienst) könnte auf einen Ort sondern und vor andern
erkennen. Ich wollte es wohl längst gerne getan haben, aber es hat sich nicht
wollen leiden: denn es noch nicht 45 genug
geprediget und getrieben ist worden». Denn es müsse ein Unterschied sein zwischen
der Predigt und der Austeilung des Sakraments: «Wenn ich das Evangelium predige,
weiß ich nicht, wen es trifft; hier aber soll ich es dafür halten, daß es den
getroffen habe, welcher zum Sakrament kommt: da muß ich es nicht in Zweifel |272 schlagen, sondern gewiß sein, daß der, dem ich das
Sakrament gebe, das Evangelium gefasset habe.»cf Und in der «Formula missae et communionis pro ecclesia Vuittembergensi»
wird in der Tat eine Ordnung aufgestellt, nach der sich die Kommunikanten einmal
im Jahr dem episcopus zu stellen haben. Dieser soll sich 1. über ihr Wissen vom
Wesen und Nutzen des Abendmahls, 2. über ihre Absicht bei der bevorstehenden
Teilnahme daran, aber 3. (weil auch der Satan jene Fragen beantworten könnte!)
auch über ihre «vita et mores» im Verhältnis zu ihrem Glauben in Kenntnis setzen,
um sie dann je nach dem Ergebnis zuzulassen oder wegen Unwissenheit oder
unbereuter Unwürdigkeit zurückzuweisen.cg So kräftig hat also der Glaubensbegriff kritisch
eingeschnitten129, daß Luther beinahe – Calvin geworden wäre.
Daß er es nicht wurde, sondern Luther blieb, dürfte doch wohl in der Hauptsache anders als bloß
«geschichtlich» zu erklären sein.
Nur Glauben heißt Empfangen, Haben, Genießen dessen, was in
«Wort und Zeichen»
gegeben ist. Aber auch dieser Satz (wie oben der, daß nur das
Wort das Sakrament macht) läßt sich positiv ausdrücken, und
auch hier wird die Absicht Luthers erst
deutlich im positiv ausgedrückten Satz: Glauben heißt Empfangen,
Haben …! Es ist aber schwieriger zu verstehen, inwiefern er von einem
Empfangen des Glaubens als inwiefern er von einem Handeln des Wortes weiß. Wir
befinden aus auf der subjektiven Seite des Problems, und das
macht sich geltend in einem wahren Gedränge von bloß vorläufigen
Gesichtspunkten, die wohl zeigen, in welcher Richtung Luther
gesucht hat, die aber mit der eigentlichen Ant46wort, die er findet, nichts zu tun
haben.
Worin besteht das, was der Mensch durch den Glauben im Sakrament empfängt? Das ist
die Frage. Luther hat sich in jenen
Jahren sichtlich bemüht, sich dieses Empfangen als ein besonderes innerhalb dem des Glaubens überhaupt deutlich zu
machen. Wenn dieses Bemühen nicht ganz |273 umsonst war,
so ist zum vornherein anzunehmen, daß uns als Ergebnis nicht wieder bloß das Allgemeine: Gottes in Christus uns übermachte Gaben, sondern
innerhalb dieses Allgemeinen ein Spezifisches, entweder ein spezifischer
Gegenstand oder ein spezifisches Empfangen oder beides zugleich und miteinander,
entgegentreten wird. Die Frage nach diesem Besonderen war ja
schon von dem Begriff des «Wortes» aus gestellt.ch Es lag bei Luthers
Voraussetzungen betr. «Wort» und «Glaube» nahe, ein solch.
Besonderes überhaupt in Abrede zu stellen. Aber das geschieht nicht. «Crede, inquit Augustinus, et manducasti, sed cui creditur, nisi verbo
promittentis? Ita possum quotidie, imo omni hora, missam habere, dum, quoties
voluero, possum verba Christi mihi proponere, et fidem meam in illis alere et
roborare, hoc est revera spiritualiter manducare et bibere.»ci Es mag, konzediert Luther im selben Jahr, «ein jeglicher wohl
einen solchen Glauben auf dem Feld zu Christo haben, ihm sein
Gebet, Lob, Not und Sach opfern und befehlen, Gott im Himmel fürzutragen; dazu mag
er auch wohl an das Sakrament und Testament gedenken, desselben herzlich begehren
und also geistlich empfahen … Was ist denn Not, daß man Meß hab in der
Kirchen? Antwort: es ist wahr solcher Glaub ist gnug und
richtet es wahrlich alles aus; aber …»cj Aber, ist zunächst zu ergänzen, solche Sätze dienen doch nur der
Hervorhebung der kritischen (d. h. begründenden) Bedeutung des «Glaubens». Ihre
Quintessenz läßt sich zusammenfassen in den Satz: «Ohne leiblich Empfahen der
Sakramente (so sie nicht
47
verachtet werden) kann man fromm durch den Glauben werden; aber
ohne den Glauben ist kein Sakrament nutz, ja allerding tödlich und
verderblich.»ck Schon die Klammer in diesem Satz weist darauf hin, daß das Problem des
«oraliter manducare et bibere» als das Problem der Regel, die
durch die Ausnahme nur bestätigt wird, ungeschwächt bestehen bleibt. |274
Sechs Argumente sind es, wenn ich recht sehe, die Luther für die besondere Bedeutung des
äußerlich-tatsächlich gefeierten Abendmahls vorgebracht hat.
Er hat 1. verwiesen auf die göttliche Einsetzung, die als solche
in Ehren zu halten für sich allein Grund genug wäre, «leiblich Meß» zu
halten.cl
Er hat 2. gefragt, wie es zu solchem Glauben, der es wahrlich
recht ausrichtet, kommen könne ohne leibliches «Handeln»? Ob wir
etwa fähig seien, uns im Geist zu regieren, ob wir es nicht nötig hätten, leiblich
zusammen zu kommen und uns durch leibliches Sehen und Empfangen des Testaments
gegenseitig zum Glauben zu entzünden und zu bewegen?cm
3. «Nec illud omittendum, imo maxime curandum, ut memoria passionis
Christi non omittatur … Nam praecepit Dominus id sacramentum non nisi in
memoriam sui celebrari. Ideo omittendum est, si memoriam eius omittere
voles.»cn
Luther kann die Einsetzungsworte
gelegentlich so umschreiben: Ich «laß euch dies Sakrament des Alles zu einem
gewissen Wahrzeichen, daß ihr mein nicht vergesset, sondern euch
täglich drin übet und vermahnet, was ich für euch tan hab und tu»co. Ja, er |275 konnte die Einsetzung des Abendmahls
vergleichen mit der katholischen Sitte, Erben testamentarisch zur Abhaltung von
«Begängnissen» und «Seelmessen» zugunsten des Erblassers zu verpflichten: «Also
hat auch Christus ihm ein Be48gängnis in diesem
Testament gemacht, nicht daß er sein bedürfe, sondern daß es uns not und nütze
ist, so wir sein gedenken, dadurch wir im Glauben gestärkt … werden.»cp In diesem Sinn kann das Abendmahl gelegentlich überhaupt als «signum
memoriale […] promissionis» bezeichnet werdencq, und in der erbaulichen Ausdeutung dieses Gesichtspunktes konnte Luther später so weit gehen, zu sagen: «Willst
du nun ein Gottmacher werden, so komm her, höre zu, er will dich
die Kunst lehren, … nicht daß du seine göttliche Natur machen sollest, denn
dieselbige ist und bleibt ungemacht ewiglich; sondern daß du ihn kannst dir zum
Gott machen, daß er dir, dir, dir auch ein rechter Gott werde, wie er für sich
selber ein rechter Gott ist. Das ist aber die Kunst …: Das tut zu meinem
Gedächtnis!»cr
Das führt uns weiter zu: 4. «Christus […] mandans hoc a nobis fieri in sui
memoriam, plane aliud non vult, quam promissionem istam cum pignore suo
frequentari ad alendam et roborandam fidem, quae numquam satis potest
roborari.» Durch beharrliche Erneuerung der Erinnerung an Gottes süße und
reiche Verheißung werde der Geist nämlich im Glauben mehr und mehr – fett,
gemästet (saginatur)!cs Was er unter sol|276cher Stärkung des
Glaubens versteht, hat Luther einmal
tiefsinnig platonisierend, aber in merkwürdiger Spannung zu Argument 2 so
beschrieben: Es sei notwendig, daß Liebe, Gemeinschaft und Beistand Christo verborgen, unsichtbar und geistlich sei, die
«Zeichen» aber nur leiblich, sichtbar, äußerlich. Sonst würden wir uns nicht zum
Glauben erheben. Es muß aber «alles zeitlich und empfindlich
Ding abfallen und wir ihr ganz entwöhnen, sollen wir zu Gott kommen». Dazu dient uns das Sakrament. Es ist uns «eine Furt, eine Brücke, eine
Türe, ein Schiff und Tragbahre, in welcher und durch welche wir von dieser Welt
fahren ins ewige Leben. Darum liegt es gar am Glauben. Denn wer nicht glaubt, der
ist gleich dem Menschen, der übers Wasser fahren soll und so verzagt ist, daß er
nicht traut 49 dem Schiff, und muß also bleiben
und nimmermehr selig werden, dieweil er nicht aufsitzt und überfahren will. Das
macht die Sinnlichkeit und der ungeübte Glaube, dem die Fahrt sauer wird über des
Todes Jordan […].»ct
5. Dazu hat Christus das Abendmahl eingesetzt, «ut esset ceu tessera
vel nota, qua discernerentur Christiani ab aliis», also als Gelegenheit,
sich zu Christus zu bekennen. Luther legt Gewicht darauf: man muß wissen, wer und wo die Christen
seien, «item in quibus suos fructus evangelium ederet»cu. Die Abendmahlsgemeinschaft ist eine «pars confessionis, qua coram Deo,
angelis et hominibus sese confitentur». Die Kommunikanten haben also im
Gottesdienst besondere Plätze einzu|277nehmen,
um sich kenntlich zu machen, nicht heimlich, «velut furtim», dürfen sie sein, was
sie sind!cv
6. Im Unterschied zur Predigt, aber gemeinsam mit der Beichte hat das Sakrament
den Vorzug, «daß das Wort allein auf deine Person
gestellt wird. Denn in der Predigt fleucht es in die Gemeinde hin, und
wiewohl es dich auch trifft, so bist du doch sein nicht so
gewiß; aber hier kann es niemand treffen, denn dich allein. Solltest du aber nicht
herzlich froh werden, wenn du einen Ort wüßtest, da Gott mit dir selbst reden
wollte?»cw
Man wird den erbaulichen, apologetischen und praktisch-kirchlichen Wert aller
dieser Argumente, aber auch ihren wirklichen Erkenntnisgehalt nicht gering
einschätzen dürfen. Sie sind, gerade weil sie für Ansatz und Absicht von Luthers Abendmahlslehre nicht bezeichnend, sondern Parerga sind, ein
sprechendes Zeugnis für die Munterkeit und den Reichtum 50 seines nach allen erreichbaren Möglichkeiten tastenden
Geistes. Luther selbst hat später
einmal, als es ihm ausgesprochenermaßen um die kirchliche Apologie und Empfehlung
der Abendmahlsfeier zu tun war, selbständig und zusammenhängend von ihnen Gebrauch
gemacht.cx Seine Antwort aber auf die Frage nach dem Besondern des Sakramentes wird
man in ihnen nie und nimmer suchen dürfen. Sie sind ja als Ganzes (jedenfalls aber
methodisch!) geradezu identisch mit dem positiven Kern der Abendmahlslehre – Zwinglis! Und bei Calvin sind sie in
dialektischer Verbindung mit der wirklichen Antwort Luthers auf jene Frage zu ihrem systematischen
Recht gekommen.cy In Luthers
|278 eigener Konzeption aber wirken sie wenn nicht als
Fremdkörper, so doch als beiläufig154 angestellte Experimente.
Eine Antwort auf die Frage nach dem Wie? und Was? des Empfangens
des Glaubens im Sakrament bietet kein einziges dieser Argumente und doch wohl auch
nicht alle miteinander. Was sie bieten, das sind psychologische Beschreibungen des Glaubens, sofern er eben menschliche Tat und Erfahrung
ist: wie er sich Gottes bindender Anordnung gegenübersieht,
nämlich einer leiblichen gemeinsamen und gerade dadurch
förderlichen Handlung, durch die das Gedächtnis Christi
heilsamerweise begangen wird und mit der er sich öffentlich bekennt, in der überdies das Wort Gottes an jeden Einzelnen
als solchen gerichtet wird. Das alles heißt aber nicht von der göttlichen
Gabe, sondern von der dem Menschen aus Anlaß dieser Gabe
gestellten Aufgabe reden. Alle diese Gründe sind offenbar nur
dann beweisend, wenn die Antwort, die sie angeblich geben 51 wollen, schon anderweitig gegeben ist. Aus dieser
Sackgasse gibt es nur den Ausweg, vom Glauben
entschlossen zurückzugreifen auf sein correlativum, die Verheißung.cz Auf diesem Weg
hat Luther tatsächlich sichtbar
gemacht, was für ihn Empfangen und Haben des Sakramentes bedeutete. Das wirklich
Besondere des Sakraments und damit auch seine |279 einzige
mögliche Apologie besteht in seinen «Früchten», und diese
Früchte kommen aus dem Wort, aus dem Glauben nur, sofern er das
Wort bejaht: «es sei also, wie die Sakramente […] zusagen und verpflichten»da. Diese Bejahung vorausgesetzt, tritt nun eben – und dies ist das
Besondere, die Gabe des Sakraments – in Kraft, was schon am Ende des ersten
Abschnitts als unvermeidlich signalisiert wurde: der Schritt vom Wort zum Werk,
von der Zusage zum Sein und Geschehen, von der Verheißung zur Erfüllung, vom
Versprechen zum Geben – das «habere verbum», das mit dem Empfang
des sichtbaren Zeichens Wirklichkeit wird. Was Luther über die «Früchte» des Sakraments zu sagen hat, führt uns
erst recht zur Einsicht in den dynamischen Charakter seines
Wortbegriffes: Das Sakrament ist ein göttlich Zeichen, «darinne zugesagt, gegeben und zugeeig
52
net wird Christus, alle Heiligen mit
allen ihren Werken, Leiden, Verdiensten, Gnaden und Gütern»db. In der Hemmungslosigkeit, mit der Luther (von Anfang an!) diese drei sehr verschiedenen Dinge
(zugesagt, gegeben, zugeeignet) aneinanderreiht, als ob sich das von selbst
verstünde, steckt m.E. die Größe und das Problem seiner Abendmahls- (und
vielleicht nicht nur seiner Abendmahls-) Lehre. Das «Du mußt anders werden!»dc erscheint nun auf einmal nicht mehr als Vorbereitungdd, sondern als Ertrag des
Sakramentsgenusses und nun auch wirklich mit einem ganz neuen Inhalt: Wenige
Zeilen vor jenem Imperativ ist zu lesen: «Das Sakrament soll also mit uns umgehen,
daß es uns wandele und andere Leute mache; denn die Worte und
Werke Gottes wollen nicht müßig sein, sondern groß Ding schaffen (facta Dei non solent esse otiosa, sed maximarum rerum sunt principia et
fontes).»de
|280 Was meint Luther, wenn er (natürlich in Parodierung der offiziellen Lehre des
Mittelalters von der wandelnden Kraft des Sakramentes160), von dem «hohen reichen Wechsel»df, der sich da an und in den Gläubigen vollzieht, redet? «Die Bedeutung oder
(!) das Werk dieses Sakraments ist Gemeinschaft aller Heiligen», Synaxis oder
Communio, vergleichbar der in Glück und Unglück, in Rechten und Pflichten zu
übernehmenden Solidarität, in die eintritt, wer das Bürgerrecht einer Stadt
erwirbt.dg Oder noch kürzer: «nomen est communio, res unitas cordium»dh. Diese unitas
ist aber von Haus aus eine doppelte: «So, daß die Gemeinschaft
zweierlei ist; eine, daß wir Christi und aller Heiligen genießen; die andere, daß
wir alle Christenmenschen unser auch 53 lassen
genießen».di Oder am Ende der Zeit, die uns hier interessiert: «Ihr habt |281 zwei Früchte von dem hl. Sakrament: Eine ist, daß es
uns machet Brüder und Miterben des Herrn Christi, also daß aus ihm und uns werde
ein Kuche. Die andere, daß wir auch gemein und eins werden mit allen Gläubigen, wo
sie sind auf Erden, und auch alle ein Kuche seien.»dj Die unitas besteht also zum ersten darin, daß «in diesem Sakrament uns
gegeben ist die unmäßige Gottesgnad und Barmherzigkeit, daß wir da allen Jammer,
alle Anfechtung von uns legen auf die Gemeinde und sonderlich auf Christum.» Gott
sagt dir zu, «daß die Sünde nicht dich allein, sondern … Christum und alle seine
Heiligen im Himmel und auf Erden anficht. Drum sei frisch und getrost, du streitest nicht allein; groß Hilf und Beistand um dich
ist.»dk Weil der Glaube «Gott die Ehre tut, daß er ihn für wahrhaftig hält und
bekennt, macht er ihm einen gnädigen Gott, der ihn wiederum
ehret und wahrhaftig bekennet und hält …; so folgt denn der heilig Geist, der ihm
geben wird, um desselben Glaubens willen.»dl «Wenn ich glaube, daß sein Leib und Blut mein ist, so habe
ich den Herrn Christus ganz und alles, was er vermag, so daß mein Herz
fröhlich und trotzig wird, sintemal ich mich nicht verlasse auf meine Frömmigkeit,
sondern auf das unschuldige Blut und auf den reinen Leib, den ich da nehme. Nun,
was hat unser Herr Jesus Christus und was vermag er? Sein Leib und Blut ist ohne
Sünde, voll Gnade, ja die leibliche Wohnung der göttlichen Majestät. Kürzlich: Alles, was Gott der Herr hat, das ist Christi, diese
Güter werden hier allesamt mein … Also nimmt seine Weisheit, Wahrheit und
Frömmigkeit hinweg und vertilget alle meine Sünde; sein ewig Leben frisset mir den
Tod; durch seine Stärke und Kraft überwinde ich den Teufel.» Aber noch mehr:
«Sintemal du sein Fleisch und Blut hast, so hast du alle Gewalt, die
Gott selber hat, d.i. daß wir ein Kuche werden mit 54 dem Herrn Christo, daß wir treten in die Gemeinschaft
seiner Güter und er in die Gemeinschaft unsres |282
Unglücks. Denn hier stoßen zusammen seine Frömmigkeit und meine Sünde, meine
Schwachheit und seine Stärke, und wird also alles gemein. Was mein ist, das ist
sein, und was sein ist, das habe ich auch.» Also: «Was willst du mehr haben? Du hast es alles überschwenglich, was dein Herz begehrt, und sitzest
nun im Paradies.» Wie ich das Sakrament esse, «so isset es mich wieder …,
so nimmt mich Christus und verzehret mich auch und isset mich und meine Sünde, und
ich genieße seine Gerechtigkeit; also verschlinget seine Frömmigkeit und Reichtum
meine Sünde und Elend, so daß ich darnach eitel Gerechtigkeit habe … Ist es nicht
groß, daß die hohe Majestät vor mich tritt und […] sich mir zu eigen
gibt?»dm Zum andern ist dies Sakrament ein «Sakrament der Liebe»,
und es gilt, «wie dir Lieb und Beistand geschehn, wiederum Lieb und Beistand
erzeigen Christo und seinen Dürftigen. Denn hier muß dir leid sein alle Unehre
Christi in seinem heiligen Wort, alles Elend der Christenheit, alles unrechte
Leiden der Unschuldigen, des alles zumal überschwenglich viel ist an allen Örtern
der Welt; hie mußt du wehren, tun, bitten und, so du nicht mehr kannst, herzlich
Mitleid haben.» Ein gegenseitiges Sichtragen, ein Gemeinsein aller Dinge in und mit Christus, ein «der
Wahrheit beistehen, der Kirche Besserung und (die) aller Christen mit
Leib, Gut und Ehre suchen» wird da platzgreifen.dn Aus dem Essen und Trinken des Leibes und Blutes Christi folgt, daß wir
«vicissim quoque patiamur nos ab aliis comedi et bibi, h[oc] e[st,] ut omnes
actiones, omnem vitam nostram ad proximi commodum provehendum instituamus», daß
wir auch zu unserm Nächsten sprechen: «Nimm mich, iß mich, trink mich!, nicht im
Scherz, sondern im Ernst», denn «satis […] abunde habeo, cum Christum habeo. Tu
igitur iis quoque, quae ego habeo, fruere, omnia mea similiter tua sint». Gottes
eigenes, |283 der Engel und aller Frommen Zeugnis
bekräftigt uns, daß hier 55 Vergebung der Sünden
ist. Aber unser eigenes Zeugnis muß dazu kommen, und das wird in dem Leuchten der
«officia pietatis» bestehen müssen.do «Denn wo die Liebe nicht täglich wächst und den Menschen also wandelt, daß
er gemein wird jedermann, da ist dieses Sakramentes Frucht und Bedeutung
nicht.»dp Nicht als ob der konstatierte Mangel an Liebe aber jemand zu dem Urteil
veranlassen dürfte, «quod non sit christianus»! Eben um des Mangels willen hat ja
Christus das Sakrament eingesetzt «ceu quoddam exercitium, unde peteremus ea, quae
ipsi nobis deesse sentimus». «Dies Leben ist nichts anderes, denn ein Leben des
Glaubens, der Liebe und des heiligen Kreuzes. Aber diese drei werden nimmer in uns
vollkommen, weil wir auf Erden leben.» Immer verhalten wir uns zu Christus wie ein
angezündeter Strohhalm zur Sonne. Aber wenn von jenem eigenen
Zeugnis für die Sündenvergebung gar nichts wahrzunehmen sein
sollte, «so hast du Ursache, daß du dich anders darein stellest; denn es ist kein
gut Zeichen». Bleibt unser Leben ein Fortschreiten «de fide in fidem, de caritate
in caritatem, de patientia in patientiam, de cruce in crucem», nicht iustitia,
sondern iustificatio, nicht puritas, sondern purificatio («wir sind noch nicht
kommen, dahin wir sollen; wir sind aber alle auf der Bahn und im Wege», einige
mehr, andere weniger weit; «Gott ist zufrieden, daß er uns findet in der Arbeit
und Vorsatz») – so bleibt doch unzertrennlich das Essen des Herrn durch den
Glauben an das Wort, das die Seele zu sich nimmt, und: daß ich
mich auch von meinem Nächsten wieder «essen lasse»dq. Luther redet, was diese zweite Seite der unitas betrifft, ausdrücklich auch von einem
gegenseitigen Füreinandereintreten der Christen vor Gott: «Ist
es, |284 daß ich ein Sünder bin und du von Gottes Gnaden
fromm ist, so fährest du zu175 und teilest mir deine
Frömmigkeit mit, bittest für mich vor Gott und nimmst dich meiner also an, als
wärest du es selbst. Also verzehrest du mit deiner Frömmigkeit meine Sünde, wie Christus uns getan hat. 56
Also issest du mich, so esse ich dich wieder.» Wie Christus dasteht «und spricht:
Der Sünder ist mein, den will ich angreifen mit meinen heiligen Fingern, wer will
dawider murren? … Also tun wir Christen unter einander
auch».dr Und im unmittelbaren Anschluß daran auch hier das merkwürdige praktische
Postulat: man solle die, bei denen die «Früchte des Sakraments» endgültig nicht
eintreten wollen, «ausschließen aus der Gemeinde. Also möchte es wieder in rechten
Schwang kommen, daß man wüßte, welches rechtschaffene Christen wären oder
nicht.»177/ds Dies also ist (offenkundig auf einer ganz anderen Ebene als die Dinge, von denen jene psychologisierenden Argumente
reden!) die göttliche Gabe im Abendmahl. Man darf daher die
beiden «Früchte» nicht voneinander trennen. Keine Sündenvergebung, keine
Barmherzigkeit Gottes, keine rettende Gemeinschaft mit Christus, die dem Menschen
nicht durchlaufend zur Vergebung, Barmherzigkeit und Gemeinschaft mit Christus
würde. Aber auch keine Moral, keine Verpflichtung, keine Beziehung zum Menschen,
die etwas anderes wäre als die durchlaufende Neuordnung des Verhältnisses zu Gott
durch die Rechtfertigung. Es hat keine grundsätzliche Bedeutung, wenn Luther
innerhalb dieses Ganzen bald mehr die eine Seite, die
Sündenvergebung, bald mehr die andre, die ethische Seite, betont. Er hat sowohl in
früheren Schriften das erstere wie in späteren Schriften das zweite getan.dt In |285 was kann die göttliche Gabe 57 für Luther
bestehen als eben in Christus, gleichviel ob er nun das eine Mal
stärker von dem für unsre Schwachheit vor Gott eintretenden, das andre Mal mehr
von dem uns in seiner Liebe untereinander vereinigenden Christus redet? Nicht die
bald so, bald so formulierte Aussage über den Inhalt der Gabe
ist zur Feststellung des Sinnes der lutherischen Abendmahlslehre wichtig, sondern die in allen diesen
Aussagen hervortretende Anschauung von der spezifischen Art des Gegebenseins dieser Gabe für den Glauben, also das Bild von dem «Ein
Kuche»-Werden mit Christus und das andere mehr kräftige als schöne Bild von dem
gegenseitigen «Sich-Essen» zwischen Christus, den Gläubigen und den Gläubigen
untereinander, die Plerophorie der Versicherung, daß der Glaube sich hier einen
gnädigen Gott macht, daß hier empfangen wird «alle Gewalt, die
Gott selber hat», daß der Mensch hier ins Paradies zu sitzen kommt, daß die hohe
Majestät hier vor ihn tritt und sich ihm zu eigen gibt, daß ihm hier eine Wandlung
widerfährt usf. Wir sind nun so weit, um feststellen zu können: die beiden durch
die Begriffe «Wort» und «Glaube» bezeichneten Linien konvergieren in der Richtung desselben Punktes. An diesem Punkt wird das
Wort nicht mehr bloß Wort und nun auch der Glaube nicht mehr bloß Glaube sein. Wie
das Geschenk des göttlichen Wortes von der einen, so tritt das Empfangen des
menschlichen Glaubens von der andern Seite auf die Schwelle des
Sicht- und Greifbaren. Was sollte an präsenter Realität noch ausstehen, wo Christus selber sein Wort bekräftigt? Und ist das letzte, höchste
Wort: Christus selber, zu vermeiden, wenn es sich |286 menschlicherseits um den Empfang dieser Bekräftigung
handelt? Ist der Wunsch nicht begreiflich, wenn nicht das Empfangene selbst, so
doch die Empfänger, die «rechtschaffenen Christen», die kraft
des Empfangenen im Glauben und in der Liebe Stehenden, ebenso leibhaftig zu sehen
(auf besonderen Bänken in der Kirche sogar), wie auf der anderen Seite wenigstens
das Zeichen des ihnen Gegebenen leibhaftig zu sehen ist? Auf
alle Fälle: ist es vermeidlich, daß über den Punkt, auf den hin im 58 Sakrament das «Wort» und der «Glaube» konvergieren,
noch etwas ganz anderes zu sagen ist?
III.
«Solch Gemeinschaft zu bedeuten, hat Gott […] solch Zeichen dieses Sakraments eingesetzt.»du «Bedeuten» und «Zeichen» heißt bei Luther zunächst wirklich und einfach, was die Worte sagen: Ein Abbild eines andern und dadurch einen Hinweis
darauf geben. «Bedeutend» in diesem schlichten Sinn sind im Abendmahl zunächst Brot und Wein als solche, nämlich (Luther nimmt hier einen frühchristlichen
Gedanken auf) darin, daß «multa grana, amissa singulorum differentia, in unum
panem, item uvae multae amissa sua quoque differentia in unum vinum redactae
sunt»dv. «Also sollen und (!) sein wir auch, so wir dies Sakrament recht brauchen;
Christus mit allen seinen Heiligen, durch seine Liebe, nimmt unsre Gestalt an …,
davon wir in Liebe entzündet, nehmen sein Gestalt … und sein also durch
Gemeinschaft seiner Güter und unsres Unglücks Ein Kuche, Ein Brot, Ein Leib, Ein
Trank und ist alles gemein.»dw Das zweite Bedeutende ist das Essen
und Trinken: «Denn kein inniger, tie|287fer, unzerteilbarer Vereinigung ist über
Vereinigung der Speis mit dem, der gespeiset wird. Sintemal die Speis geht und
wird verwandelt in die Natur und wird ein Wesen mit dem Gespeisten», was von bloß
zusammengenagelten, -geleimten oder -gebundenen Dingen nicht zu sagen sei. «Also
auch wir mit Christo in dem Sakrament vereinigt werden.»dx Aber Luther kennt noch ein
drittes Bedeutendes: «Über das alles hat er diese zwei Gestalten nicht bloß noch
ledig eingesetzt, sondern sein wahrhaftig natürlich Fleisch in
dem Brot188 und sein natürlich wahrhaftig Blut in dem
Wein gegeben, daß er je ein vollkommenes Sakrament oder Zeichen gebe. Dann
zugleich als das Brot in seinen wahrhaftigen natürlichen Leich59nam und der Wein in sein natürlich wahrhaftig Blut
verwandelt wird, also wahrhaftig werden auch wir in den geistlichen Leib, d.i. in
die Gemeinschaft Christi und aller Heiligen […] verwandelt.»dy Man beachte, wie in diesem Satz genau der gleiche Parallelismus von
Zeichen und Deutung erscheint wie in den vorhergehenden, nur daß hier als das
«Bedeutende», das nachher zu interpretieren ist, – die Wandlung der Elemente in
Leib und Blut Christi auftritt, die von Luther ebenso unbesorgt und selbstverständlich als gegeben
vorausgesetzt wird wie vorher Brot und Wein, Essen und Trinken! Nicht, daß
Luther an dieser Stelle noch die
Wandlungslehre anerkennt, ist merkwürdig, sondern die Selbstverständlichkeit, mit
der hier das Bedeutende mit dem Bedeuteten, das Zeichen mit dem Bezeichneten in
eins gesetzt wird. Luther kann dasselbe auch ohne die Wandlungslehre sagen:
Christus läßt «sich selbst zu dem letzten und allergrößten
Gedenkzeichen seiner Liebe gegen den Sünder»dz. Oder: «An Statt Briefes und Siegel hat |288
er seinen eigenen Leichnam hie geben unter dem Brot und
Wein.»ea Oder: Er hat «diese seine Worte bestätigt in dem, daß er drauf gestorben
ist, und uns zu einem Zeichen und Bestätigung seiner Worte hat er mir seinen Leib und Blut gegeben.»eb Die Erklärung des «Zeichens» kann sich dann auch so gestalten: «Da sehen
wir anders und glauben anders, darinne der Glaube vorgebildet
ist. Denn wenn wir das Wort hören und das Sakrament nehmen, so haben wir ein schlecht Wort und Werk; noch ergreifen wir darinnen das Leben und alles Gut, dazu auch Gott
selbst.»ec Was bedeutet das anderes, als daß Luther auf der Spitze seines Nachweises den Begriff des bloß bedeutenden ganz bewußt fallen läßt und an
seine Stelle, d. h. an die Stelle des Zeichens (ohne daß doch das Zeichen
verschwände!) die Sache selbst setzt? Im Brot den Leib Christi essen, das ist kein
Symbol mehr unsrer Vereinigung mit ihm, das ist das durch das
Symbol bezeichnete Ereignis solcher 60
Vereinigung. Das Gesuchte wird zum Gefundenen, das Verheißene zum Besitz, das
Gleichnis zur Gleichung. Es kann nach den Ergebnissen unsrer beiden ersten
Abschnitte kein Zweifel bestehen, daß hier kein logisches Versehen etwa vorliegt,
sondern die Absicht, die sich aus dem ganzen Ansatz der
lutherischen Abendmahlslehre mit
zwingender innerer Notwendigkeit ergibt. Es liegt kein Anlaß vor zu der Annahme,
daß Luther es je anders gemeint hätte
und der Abendmahlsstreit, der um diesen Punkt eingesetzt hat, vermeidlich gewesen
wäre.ed Nein:
«In der Entwicklung |289 von Luthers Abendmahlslehre ist der ruhende Pol
die Realpräsenz. Er hat sie nie preisgegeben.»ee Freilich das ist klar: was Luther mit dieser Spitze seiner Lehre
aussagte, das kommt der These gleich, daß zwei Parallelen sich im Endlichen schneiden. Kein Wunder, daß auch Luther selbst diese Aussage
nicht einheitlich und unangreifbar durchzuführen vermochte. Er konnte erschreckend
klar sagen: «Credo firmiter, non modo corpus Christi esse in
pane, sed panem esse corpus Christi.»ef Oder im Strom erbaulicher Beteuerung: «Sollst nicht daran zweifeln, daß
Christus da sei. Bleib nur darauf, daß Fleisch und Blut da ist nach den Worten, da
er sagt: Das ist …! Daran halte dich, laß die Fantasei anstehen, wie das zugehe,
wie und welcher Maß er da sei, laß Narren Narren 61 sein. Glaub das allein, er wirds wohl machen. Gedenke nun mit diesem Brot, das
ist Christi Leichnam, dein arme, schwache und kraftlose Seele zu stärken.»eg Er konnte aber auch sagen: Wir sollen begreifen «das Äußerliche
mit den Augen des Leibes, das Geistliche, Innerliche mit den
Augen des Herzens»eh, oder: «Äußerlich esse ich das Sakrament, innerlich aber und geistlich
nehme ich alle Güter Christi und ihn selbst gleich als wenn ich
leiblich Brot esse, das mich stärkt inwendig im |290
Leibe»ei, oder: «Wir empfahen durch den Glauben geistlich und mit
dem Mund leiblich.»ej Aber solche nur zu begreifliche Schwankungen in dem, was Luther gesagt hat, illustrieren doch nur, was
er sagen wollte: «ut esset sub pane, quem coelum et terra antea
nequivit comprehendere»ek, die kontingente Gegenwart Gottes, die Gegebenheit der Fülle seiner Offenbarung. «Adiecit signum
memoriale tantae promissioris, suum ipsius corpus et suum
ipsius sanguinem in pane et vino.»el Man muß in der Tat von einer «Vehemenz» reden, mit der dieses Eine diesem
Andern gleichgesetzt wirdem, mit der hier «haben» und «bedeuten» ineinander übergehen, aber immer zugunsten des «Habens»en! Erhellend für den Weg, den Luther da geht, ist folgende Stelle: «Ut haec promissio divina
nobis omnium esset certissima, fidemque nostram tutissimam red |291 deret, apposuit pignus et sigillum omnium fidelissimum et
pretiosissimum, 62 scilicet ipsummet pretium
promissionis, corpus et sanguinem proprium sub pane et vino, quo nobis emeruit
promissionis divitias donari, quod et impendit, ut promissionem acciperemus.»eo Entscheidend sind die beiden letzten Relativsätze: Um
die Verheißung «certissima» und den Glauben «tutissima» zu machen, muß der Erwerber des verheißenen Reichtums dem Empfänger der Verheißung gegenwärtig, «gleichzeitig» werden. Aber ist er
dann bloß Empfänger der Verheißung? In Luthers Sinn ist zweifellos mit Nein zu
antworten. Mit der Anwesenheit des Schenkers findet eben die Schenkung (nicht nur die Wiederholung der Verheißung!) statt, die «promissio» wird zur Gabe, die «fides» zum Haben, und eben weil bei Luther alles – «nihil in eo non vehemens» – darauf hindrängt, ergibt sich ihm als unabweisliches Postulat die
Anwesenheit des Schenkers: «ut qui daret et quod daretur idem
esset, ac si sumpsisset, seipsum sumpsisset. Hic cesset ratio humana
fallax et relinquat Deo, quod suum est, nempe omnipotentiam suam, ut faciat, quod
velit, nobis id non intelligentibus.»ep Man kann den Schritt, den Luther damit getan hat, ebensowohl als die Tat eines schlichtesten
christlichen Offenbarungsglaubens wie einer wahrhaft dämonischen Vitalität
auffassen. Seine Haltung im Abendmahlsstreit, die uns hier nicht beschäftigt,
zeigt, daß er tatsächlich beides war. Man darf mit Bestimmtheit sagen, daß er
nicht Luther gewesen wäre, wenn er
diesen Schritt etwa nicht getan hätte. Aber mit ebensolcher Bestimmtheit: |292 daß ein «Streit» oder sagen wir (was der «Streit»
hätte sein müssen:) ein Gespräch über diesen
Schritt unvermeidlich war.
63 Zwei Punkte sind im Blick auf diese letzte Zuspitzung der Lehre Luthers noch in Erwägung zu ziehen:
Einmal sein Verhältnis zu der seit 1215 offiziellen kirchlichen Lehre von der Wandlung der Elemente in Leib und Blut des Herrn.210 Wir haben bereits den allegorischen
Gebrauch kennen gelernt, den Luther von
dieser Lehre gemacht hat.eq Darüber
hinaus interessiert sie ihn offenbar darum, weil mit ihr die indirekte Identität
von Brot und Leib, Wein und Blut, an der ihm liegt, irgendwie,
aber positiv, ausgesagt ist.er Mehr ist nicht zu sagen. Sein Verhältnis zu dieser Lehre ist ihm
selbst unwesentlich zur Zeit, da er sie noch bejaht, unwesentlich ebenso später,
da er sie ablehnt. Er warnt schon früh vor der «Kunst und Subtiligkeit», die da
fragt, wo das Brot bleibt, wenn es in Christi Fleisch verwandelt wird. «Es ist
genug, daß du wissest, es sei ein göttlich Zeichen, da Christi Fleisch und Blut
wahrhaftig innen ist; wie und wo, laß ihm befohlen sein.»es Oder noch schärfer: «Nugas illas Scholasticorum omitte, qui multum sunt
solliciti, quomodo possit adesse corpus Christi praesertim in tarn parvo corpore
panis. Ad miracula illa ne respicias, sed simpliciter haereas in verbo, at que ea
tua unica sit cura, quomodo hunc fructum ex hoc sacramento queas capere, nempe
remissionem peccatorum.»et Als er einsah, daß er jene indirekte Identität von Brot und Leib ebenso
gut anders aussagen konnte als in Form der römisch-kirchlichen Lehre, da hat er
diese mit dem Minimum von Pathos, mit dem man ein altes Kleid zur Seite legt,
aufgegeben. «Der dritte Irrtum (der erste ist die Erklärung von «est» durch
«significat», der zweite die von «corpus» durch «communio corporis spiritualis»)
ist, daß im Sakrament kein Brot bleibe, sondern nur Gestalt des Brotes. Doch an diesem Irrtum nicht groß gelegen |293
ist, wenn nur Christus Leib und Blut samt dem Wort da bleibt»eu, so schreibt er, nachdem er die neue Einsicht schon seit bald drei Jahren
öffentlich vertreten. Er hatte sie offenbar schon 64 gewonnen, als er auf den «Sermo de Eucharistia»ev zurückblickend sagte, er sei damals noch in den Bahnen der
Gewohnheit gegangen und habe sich um des Papstes Recht oder Unrecht in dieser
Sache nicht bekümmert.ew Aber auch jetzt kämpft er nur für die christliche Freiheit in dieser
Sache; man soll sich die Gegenwart Christi im Abendmahl so oder auch anders denken
dürfen: «Permitto itaque, qui volet utramque opinionem tenere, hoc solum nunc ago,
ut scrupulos conscientiarum de medio tollam.» Man ist kein Ketzer, wenn man Brot
Brot und Wein Wein nennt. Eine necessitas fidei kann die Wandlungslehre nicht
beanspruchen.ex
Luther selbst entscheidet sich für die
Theorie des ausdrücklich genannten Spät-Scholastikers Peter von Ailli, nach der nicht nur die
Akzidentien, sondern die Substanz der Elemente im Abendmahl erhalten bleibt, das «corpus Christi» aber «intra substantiam panis»
gegenwärtig ist.ey Er findet: es «kann wohl der Leib da sein, daß dennoch Brot bleibe».ez Er veranschaulicht sich dies gerne an dem ähnlich schon von Johannes Damascenus (Ek|294dosis 4,13)220 herangezogenen Bilde des Zusammenseins von Feuer und Eisen. Warum
sollte nicht noch viel eher das «corpus gloriosum Christi» (ohne Leugnung der
Gegenwart der Substanz weder des Leibes noch
des Blutes) in jeder Partikel seiner Substanz zugleich Brotsubstanz sein
können?fa Also: Das wahre Brot ist der wahre Leib und 65 der wahre Wein ist das wahre Blut Christi. Aber bei
dem allem handelt es sich für Luther um
eine Schulfrage, für die er sich an sich nicht erwärmt. Scharf wird er weder gegen die Trans- noch für sie sog.
Con-Substantiationslehre, sondern nur gegen die, die aus jener
«ein nötigen Artikel und Gesetz machen»fb, und für die wesentliche Gegenwart des Leibes im Brote.
Er leistet sich gelegentlich unbesehen einen kleinen Rückfall in die
Transsubstantiationslehre.fc Und er erklärt noch
volle acht Jahre nach dem Gewinn jener Einsicht ausdrücklich, wie wenig ihm daran
gelegen |295 sei.fd So verlockend es also wäre, sich darüber zu verbreiten, wie sehr die
lutherische die römische Lehre an paradoxem Tiefsinn übertrifft – Luther selbst hat es jedenfalls nicht
empfunden, daß er nach dieser Seite etwa eine wichtige Erkenntnis zu vertreten
habe. Sein Fortschritt über die Einsicht von 1519 hinaus bestand wesentlich nur in
der Feststellung, daß die leibliche Gegenwart des Herrn, an der ihm alles gelegen
war, nicht an die Vorstellung vom Verschwinden der Brotsubstanz mit ihren
«überflüssigen Wundern» gebunden sei.fe «Von jener Idee unabhängig ist für Luther das reale Dasein des wahren Leibes und Blutes Christi im
Abendmahl.»ff
66 Viel wichtiger ist der zweite Punkt, mit dessen Erwägung diese Untersuchung
passenderweise schließen kann: die Frage, ob und inwiefern die Möglichkeit
bestand, daß Luther seiner Lehre diese
Spitze doch auch hätte abbrechen können durch einen Übergang zu der Anschauung,
die nachher als die reformierte geschichtliche Bedeutung
gewonnen hat?
Auszugehen ist hier von den vielzitierten Worten aus dem Brief an die Straßburger
vom 15. Dez. 1524: «Das bekenn ich, wo D. Carlstadt oder Jemand anders vor fünf Jahren mich hätte mögen
berichten, daß in dem Sakrament nichts dann Brot und Wein wäre, der hätte mir
einen großen |296 Dienst tan. Ich hab wohl so harte Anfechtungen da erlitten, und mich gerungen und gewunden, daß ich
gern heraus gewesen wäre, weil ich wohl sahe, daß ich damit dem Papsttum hätte den
größten Puff können geben.»fg Man muß zunächst auch den Zusammenhang beachten, in dem diese Worte und
ihre bekannte Fortsetzung stehen. Luther erhebt vorher und nachher gegen Carlstadt den Vorwurf, er tue, «als läge die ganze Macht
eines christlichen Wesens an dem Bild stürmen, Sakrament stürzen und Taufe
hindern»238, und vernachlässige darüber die Frage, «was doch
einen zu einem Christen mache»239. Das, dieses Attentat auf die «christliche Freiheit» (die aber hier für Luther gleichbedeutend ist mit christlicher Sachlichkeit!) sei es, was an ihm «gar nit zu leiden sei»240. Wenn man nicht annehmen will, daß unsre Stellefh zusammenhangslos dasteht, so müssen die «Anfechtungen», die Luther in der bewußten Zeit (also um 1519)
erlitten haben will, primär bestanden haben in der Versuchung, unter
Vernachlässigung der Hauptsache im Christentum |297 einen
entscheidenden Sturmangriff gegen die alte Kirche zu unternehmen durch Aufstellung
einer die Anwesenheit von Leib und Blut Christi in den Elementen über67haupt in Abrede stellenden Abendmahlslehre. Unter diesem Aspektfi scheint er also die Möglichkeit einer anderen Zuspitzung seiner
Anschauung mindestens erwogen zu haben. Er hätte sie aber (immer vorausgesetzt,
daß seine Darstellung in dem Brief an die Straßburger keine nachträgliche
Konstruktion ist) abgewiesen mit der Gegenerwägung, daß es so äußerlich eben nicht
gehefj, mit dem Rückzug auf seine Grundlehren vom «Wort» und vom «Glauben», von
denen aus für ihn, wie wir sahen, ein gerader Weg zu der Lehre von der Realpräsenz
führte. Aber darüber hinaus müssen es nun offenbar doch spezielle innerliche
Motive gewesen sein, die ihm jene Möglichkeit wenigstens nahelegen konnten. Er hat sich «gerungen und gewunden», daß er «gerne
heraus gewesen wäre». Aus was? Offenbar nicht nur aus jeder Versuchung taktischer
Art. In der älteren und umfangreicheren Vorrede zum «Syngramma Suevicum» redet er,
soweit ich sehe, zum erstenmal von den zwei Gründen, die nach seiner Meinung seine
Gegner in der Sakramentsfrage zu ihrem Vorgehen bewogen hätten. «Darum sage ich
mein Urteil, wiewohl sie es hoch verdrießt, so weiß ich doch, daß wahr ist. Denn ich kenne in diesem Fall den Glauben und den Teufel wohl
(!). Es sind zween Gründe ihres Irrtums. Einer, daß bei der Vernunft fast
ungeschickt Ding ist. Der andre, daß unnötig sei, Christus Leib und Blut in Brot
und Wein zu sein, das ist absurditas et nulla necessitas. Diese
zwei Stück haben sie gefaßt, und sinds also aus Anfechtunge des Satans durchgangen
wie Ole durchs Gebeine gehet.» Mit dieser «gemalten Brille» kämen sie dann «zur
Schrift getrollet» und suchten sie in ihrem |298 Sinn
auszulegen.fk
68 Woher hatte Luther diese «zween Gründe»? Aus den Schriften seiner Gegner
jedenfalls nicht: weder die böhmischen Brüder noch Hoen, weder Carlstadt noch Zwingli
noch Oekolampad haben ihre Lehre so
begründet. Man beachte übrigens die Parallelstelle, wo es heißt: «Das
sind nun noch vernünftige Herzen, welche die zwei berührten Stücke
bekümmern, solchen ist noch zu raten», sie «sind doch subtile
philosophische Schwärmer» im Gegensatz zu den «groben grammatischen Schwärmern»,
die die Einsetzungsworte verdrehen, unter denen Carlstadt, Zwingli und
Oekolampad unverhüllt kenntlich
gemacht werden.fl Hat er in der ersten Stelle das «da ein tuto, da ein significat, da ein
figura» der Exegese seiner Gegner mit jenen zwei Gründen kühn in Verbindung
gebracht, so stellt er also in dieser zweiten diese Verbindung in Abrede und unterscheidet die Vertreter der zwei Gründe nicht unvorteilhaft
von seinen sonstigen Gegnern. Die Feststellung wird erlaubt sein, daß Luther seiner Sache hier nicht sicher gewesen
zu sein scheint. Wer sind die Vertreter der zwei Gründe? Die Frage verbindet sich
mit der nach einem ändern dunklen «zween», das aber nicht zwei Gründe, sondern
zwei Menschen betrifft. Die Fortsetzung in dem Brief an die Straßburger lautet
nämlich: «Ich hab auch zween gehabt, die geschickter davon zu mir
geschrieben haben, dann D. Carlstadt, und nicht also die Wort gemartert nach eigenem
Dünken.»fm Diese zwei so wohl|299wollend beurteilten
Korrespondenten müssen, wenn nicht alles trügt, irgendwie einzeln oder gemeinsam
Personifikationen jener «zween Gründe» gewesen sein, wie auch ihr Name gelautet
haben mag.fn Und |300 da Luther «in diesem Fall den Glauben und 69 den Teufel» so wohl kennt, geht man wohl nicht irre,
wenn man, wenn nicht die beiden Korrespondenten, so doch die beiden seinen Gegnern
insiniuerten Gründe «absurditas» und «nulla necessitas» in der
nächsten Nähe der Motive sucht, die ihn selbst
zu einem gewissen Schwanken veranlaßt haben, und zwar so, daß der zweite Grund ihm
von Haus aus näher lag als der erste.fo Der Verdacht der «absurditas», die Frage nach den «modi
operationis divinae» wird, soweit ich sehe, gleichzeitig mit dem Verzicht auf die
Wandlungslehre akut. Man muß wohl jene Warnungen vor unnützem Grübeln über das
Geheimnis des Sakramentsfp mit ihm in Verbindung bringen. Viel dringender mußte für Luther das andere Bedenken sein, ob es sich
nicht bei der Realpräsenzlehre überhaupt, nicht nur in ihrer kirchlichen Form, um
«superflua miracula»fq handle. Wir haben gesehen, wie hart er oft vom Begriff des «Wortes» wie
des «Glaubens» aus eine rein symbolische Ansicht gestreift hat und wie dies auch
von seinen Gegnern bemerkt worden ist.fr Daß aber diese «Gründe» für eine Verschiebung in der Absicht seiner
Lehre in Luthers Denken jemals ernste Bedeutung gewonnen hätten, das ist auf Grund seiner
Schriften, wie sie tatsächlich vorliegen, nicht anzunehmen. Dem
gelegentlichen spiritualistischen Oszillieren der Äußerungen von 1518 und 1519
steht zur Seite die 70 selbstverständlich
anerkannte Wandlungslehre, in der die Realpräsenz implicite ausgesagt war. Dem
«Fortschritt» über diese hinaus und dem Auftauchen der Frage der «absurditas» ist
gleichzeitig die energische Ablehnung der ersten in Luthers Gesichtskreis tretenden
Signifikatisten, nämlich der «Pigharden» im Böhmerland, die «nit glauben, daß
Christus Fleisch und Blut wahrhaftig da sei, und etlich mehr Ketzerstuck haben.
Diese Böhmen halt ich für Ketzer. Gott erbarm sich |301
über sie!»fs Und dieselbe Septuagesimaepredigt, in der Zwingli einen Kronzeugen für seine Lehre fand, enthält, in
unmittelbarem Anschluß an die dazu Anlaß gebenden Seiten, die unzweideutigste
Absage an diese Lehre: «Das sind Schriftverkehrer aus eigenem
Frevel … Also mußt du die Worte auch dir nicht lassen nehmen und verkehren …,
sondern stracks wie sie lauten: Das Brot ist wesentlich und gegenwärtiglich da mein Leib usw. … Wo man es aber nicht tun
kann, soll man sich unter Gottes Wort gefangen geben».ft Eine sehr merkwürdige Tatsache ist nun allerdings die, daß Luther später, als der Streit in vollem Gange
war, in der Lage war, seinen Gegnern aus dem Handgelenk eine Abendmahlstheorie ohne Realpräsenz, aber auch ohne «Marterung»
des Textes, wie er sie jenen vorwarf263, vorzulegen als Beweis dafür, daß «wenn Schwärmen Kunst wäre, ich wollte
hie freilich so fein schwärmen wie sie»: Christus habe nämlich wörtlich und
wirklich das Brot seinen Leib nennen können, ist er doch der Gott, der den
Christen an Stelle des mosaischen Osterlamms seinen Leib, d. h. das nach seinem
Willen geschaffene und gebrauchte Ding («daß alle Dinge Gottes sind und heißen»)
gebe. Und «dieser rote Wein, der doch sonst mein Traubenblut ist, soll auch itzt
mein Blut sein bei euch.»fu In 71 der Fortsetzung der zitierten Stelle aus dem
Brief an die Straßburger von 1524 bekennt Luther, er sei «noch heutes Tages» «leider allzu geneigt, soweit
ich meinen Adam spüre»265, |302 zu einer die Realpräsenz bestreitenden
Auffassung. Man hätte sich also das wenn auch noch so unwirksame, weil
unterdrückte, aber doch andauernde Bedenken Luthers gegen die bewußte Spitze seiner eigenen Lehre vorzustellen
negativ im Sinn jener zwei Gründe, besonders des zweiten, und positiv im Sinn
dieser Gleichung Leib Christi = Schöpfung Gottes. Daß unter seinen Gegnern
jedenfalls Zwingli und Oekolampad auf diese Lösung,
vor allem in ihrem positiven Bestandteil, nicht kommen konnten,
das hätte Luther freilich wissen
müssen, wenn er über ihr Anliegen auch nur einen Augenblick
ernsthaft nachgedacht hätte, was er notorisch nicht getan
hat.fv Mit dem Einwand der
Reformierten: der Bedrohung der Ehre Gottes durch die Annahme
einer direkten Gegebenheit der kontingenten Offenbarung, mit dem
Nachdruck, den sie auf die Himmelfahrt Christi legten, hatte
diese unterdrückt-reformierte Theorie Luthers in ihrer negativen und positiven Form nichts zu tun. Er dachte an ihrem Einwand so vollkommen vorbei, daß er
darauf antworten konnte: «Pius non sic quaerit gloriam Dei, ut Christum
blasphemari ignoret»fw, wenn er es nicht vorzog, geradezu ein Gelächter darüber anzustimmen:
«Wiewohl sie immer im Munde und in 72 der Feder
führen: Gotts Ehre, Gotts Ehre, Gotts Ehre suchen wir.»fx Auch diese unterdrückt-reformierte Theorie konnte ihn also den wirklichen
Reformierten keinen Schritt weit entgegenführen. Ihre Bedenken waren ihm |303 so fremd wie – ihnen die seinigen. Aber wie dem auch
sei, Luther hat der Versuchung, auch
nur von dieser Eventual-Theorie Gebrauch zu machen, mannhaft und erfolgreich
widerstanden. Er wollte eben der Realpräsenz tatsächlich nicht ausweichen, sondern er wollte sie behaupten. «Propria opinione non haesi in illo errore, licet fortiter fuerim
tentatus.»fy «Non diximus unquam, neutram rem esse carnem et sanguinem Christi aut non
afferre salutem, sed diximus verbo praedicandam ut cibum verum animae»fz, so interpretiert er später seine eigene Vergangenheit, und wir haben
allen Anlaß, ihm Glauben zu schenken: unsere ganze Untersuchung bestätigt diese
Sätze.
Die berühmtesten Worte jenes Briefs an die Straßburger lauten nun bekanntlich:
«Aber ich bin gefangen, kann nit heraus: der Text ist zu gewaltig
da und will sich mit Worten nit lassen aus dem Sinn reißen.»270 Wir stehen hier vor dem
Hebel, mit dem Luther seine
«reformierten» Anwandlungen unterdrückt hat. Zuerst gegenüber den Vertretern der
Transsubstantiationslehre hat er im Blick auf die Einsetzungsworte geltend gemacht, dem Buchstaben dürfe keine Gewalt
angetan werden, «sed quantum fieri potest (!) in simplicissima significatione
servanda sunt […], nisi manifesta circumstantia cogat (!), extra grammaticam et
propriam accipienda non sunt, ne detur adversariis occasio universam scripturam
eludendi»ga. «Ego sane si non possum consequi, quomodo panis sit corpus Christi,
captivabo tamenn intellectum meum in obsequium Christi, et verbis eius simpliciter
inhaerens credo firmiter …»gb Es gehört nicht mehr in den Rahmen dieser Arbeit, zu zeigen, wie Luther mit diesem Argument
mit seinen eigenen auch die Bedenken aller und jeder 73 anderer nicht widerlegt, sondern niedergeschlagen hat.
Alles, was er sonst für seine These vorgebracht hat, teils zur Erläuterung, teils
|304 zur absichtlichen Erschwerung ihres Verständnisses
(also z. B. die Konsubstantiationslehre samt der «Figur Synekdoche»273, die Lehre von der Ubiquität des Leibes Christi, die Trotzlehre von der
«manducatio indignorum» usf.), ist nur Paraphrase des «Hoc est
corpus», mit dem für ihn alles erledigt war. So stand es geschrieben und – so mußte es geschrieben stehen. Luther würde das ganz andere als Zwingli gesagt haben, auch wenn er das problematische «est» nicht
in der Bibel gefunden hätte.gc Mit philologischer Treue gegen den Text oder gar mit der vielberufenen
Gebundenheit an die Verbalinspirationslehre (der Luther gar nicht folgte) hat die
Leidenschaft, mit der er sich an die drei Buchstaben «est» klammerte, mit der er
sie mit Kreide auf den Verhandlungstisch zu Marburg schrieb275, nichts zu tun. Dieser professorale Zwirnsfaden hätte den Simson so wenig
gebunden wie die Stricke [vgl. Rieht. 16,7–12], die er anderweitig, wo er
sich nicht selbst gebunden, zerrissen hat.gd «Es |305 muß alles etwas
Höheres 74 sein, denn regulae grammaticae sind,
was den Glauben soll gründen … Soll denn mein Glaube auf dem Donat oder Fibel
stehen, so steht er wahrlich übel. Wieviel neuer Artikel werden wir müssen setzen,
wenn wir die Bibel an allen Orten nach den grammatischen Regeln wollen
meistern.»ge So hat Luther von der
philologischen Texttreue geredet, wenn es eben so sein mußte.
Die eigentümliche Zuspitzung seiner Lehre, logisch ausgedrückt in dem, was er
später die «praedicatio identica» nanntegf, lag, von allen Seiten gesehen, schon im Ansatz seiner Lehre, lange bevor
das Sätzchen «hoc est corpus» seine wissenschaftliche Aufmerksamkeit erregt hatte.
Seine dynamische Anschauung von den Begriffen «Wort» und «Glaube» erzwang es a
priori, daß, als die Frage nach dem Sinn dieses Sätzchens aufgerollt wurde, «est»
nicht «significat», sondern in alle Ewigkeit «est» heißen mußte.
Nicht mit der Quelle, sondern mit der nachträglichen Begründung seiner Lehre haben wir es in seiner Exegese der
Einsetzungsworte zu tun.
Reformierte Lehre aber wird den ganzen Weg, den Luther geht, hier
und sonst in ihrer Art freudig mitgehen, um, wenn das letzte Wort fällt, das lutherische
Ja durch ihr reformiertes – nicht Nein, sondern Aber zu durchkreuzen, zu ergänzen, zu erklären, in der Erinnerung, daß,
indem dieses letzte Wort fällt, der Kreis jenes Weges sich
schließt, der Punkt wieder erreicht ist, von dem Luther ausgegangen, wo die Gleichung
wieder zum Gleichnis werden, wo die kritische Frage wieder lebendig werden muß,
damit die göttliche Antwort Wahrheit sei und bleibe. Die |306 Welt des Alten Testamentes und die Welt des Humanismus, die sich in
dieser Er75innerung zu Worte meldet, wird ja
wohl, wenigstens in dieser Form, vom Himmelreich auch nicht gänzlich
ausgeschlossen sein. Es war Luthers
Grenze, daß er wohl die Freiheit hatte, die Türe ins Schloß fallen zu lassen, aber
ohne die Freiheit, sie wieder öffnen zu können. Hätte er es gekonnt (kein Wort,
das er sagte, hätte darum ungesagt zu bleiben brauchen), so hätte Zwingli gegen Windmühlen gekämpft. Er hatte
genug Erkenntnis, daß er das dann unterlassen hätte. Doch uns ziemt es nicht,
nachträglich mit Luther zu rechten. Nur
feststellen können wir, daß er ein Ja ohne Aber meinte
aussprechen zu können, das auszusprechen weder im Umkreis seines noch irgendeines
Menschen Könnens und – Dürfens lag und das nun eben, trotzdem ausgesprochen, das
göttliche Ja doch nicht war, das er damit
meinte aufrichten zu können. Luther
gegenüber Zwingli, in
seiner Undialektik noch bedenklicher
dastehend, weil sein Auftrag, viel undankbarer, offenbar nur auf
das Aber
ohne Ja lautete, vielleicht gerade in der großen, von Luther peinlich abstechenden Fragwürdigkeit
seiner geschichtlichen Erscheinung die notwendige Verkörperung des Fragezeichens,
das zu setzen Luther selber unterlassen
hatte. Der Name Calvins, des Mannes, der nachträglich beides wußte und sagte,
bezeichnet die Tragik dieses geschichtlichen Engpasses, vielleicht auch Ausblick und Hoffnung.