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Ich sage Ihnen auch gerne aus alter Gewohnheit fernerhin so, wenn Sie
erlauben. Haben Sie besten Dank für Ihre Karte. Heute sandte mir Rade Ihren Artikel, zu welchem Zweck, mögen Sie aus
seinem beiliegenden Brief ersehen.1 Ich finde es sehr schwer,
Streichungen vorzunehmen, denn die Citate sind sehr sorgfältig ausgewählt. Aber vielleicht
müssen Sie doch jeweilen, wo zwei bis drei gehäuft sind, sich mit einem
und Angabe von weitern Seitenzahlen begnügen; ich will nachher noch
versuchen, Ihnen mit Bleistift ein paar unmaßgebliche Vorschläge zu machen2, weil Rade es denn verlangt. Beachten Sie, daß er das Manuscript am Donnerstag
wieder haben will.
Zur Sache selbst sollten wir uns wirklich am Besten sprechen können.
Und zwar ist die Reihe an Ihnen; ich erwarte Sie also bald einmal in
Göttingen. Ich fühle mich von Ihnen in einer eigentümlichen Weise verstanden (solchen Glauben habe ich unter den Historikern …!3) und dann
doch an einem letzten entscheidenden Punkt auch noch nicht verstanden.
Lassen Sie mich Ihnen vor Allem für das Erste, für die große Mühe, die Sie sich mit dem
dicken Buch gegeben haben, herzlich danken. Wieviel aussichtsreicher ist doch die
Situation geworden, als sie es noch vor drei Jahren war!4 Wie soll ich Ihnen das Zweite, das «noch nicht verstanden»,
erklären? Ich könnte sagen, alle Ihre Einwände seien zu sehr orientiert an dem gewissen
stabilen Entweder-Oder-Denken, mit dem die bisherige systematische und historische
Theologie ihre Fragen aufzustellen und ihre Entscheidungen herbeizuführen pflegte. Darum
spießen Sie mich auf: S. 7 wegen des «gegenüberstehenden» neuen |6 Menschen5, S. 10 wegen des «Hohlraums»6, S. 14 wegen des
«Glaubens, daß wir glauben»7, S. 19f. wegen der Jahre 1–308 und auch S. 24 wegen meiner Kritiklosigkeit resp. Inspirationsgläubigkeit
gegenüber Paulus9. Es fällt mir auf, wie verhältnismäßig selten Sie die ganze zweite Hälfte des Buches zitieren, wo es mir unter dem Zwang des Textes selber
noch viel deutlicher wurde, wie sehr bei Paulus
alle Begriffe, Setzungen, Thesen im Gleiten, Rollen, in der Bewegung sind und nur in der
Bewegung richtig aufgefaßt werden können. Ihre Einwände kommen mir, um es so auszudrücken
— humorlos vor. Sie klagen über «Unklarheiten» und sehen nicht, daß ich das, was Sie
gesagt zu hören wünschen, auch sagen könnte, an andern Stellen
tatsächlich auch sage, aber eben immer nur in dem Zusammenhang, in dem
es m. E. gesagt werden muß, denn Ansich-Wahrheiten gibt es da nicht. Haben Sie wohl meine
«Lehre» vom «ewigen Augenblick» der Offenbarung genügend beachtet, gerade in Bezug auf das
Hauptproblem, die Jesusfrage? Dürfen Sie mir wirklich wegen der
Jahre 1–30 «Spiegelfechterei» vorwerfen, wo ich doch wahrhaftig die «Verborgenheit» der in
diesem Zeitraum sich ereignenden Offenbarung genügend unterstrichen und gegen alle
direkten Zudringlichkeiten gesichert habe? Wenn «Symbol» verbum
visibile, Predigt der Wahrheit bedeuten soll,
dann will ich gut und gerne den historischen Jesus ein Symbol nennen. Das Volk versteht
aber unter Symbol zunächst etwas Anderes. «Symbol» im gemeinen Sinn ist die Historizität,
sofern sie Existentialität bedeuten kann (S. 22 Ihres Aufsatzes)10; sofern sie sie aber tatsächlich bedeutet (die Möglichkeit als Ereignis!), verliert sie ihren Symbolcharakter: das Wort wird gehört, die
Predigt weckt Glauben. Um diesen Schritt von hier nach dort handelt es sich mir (und doch wohl auch dem Paulus) in der Jesusfrage. Sind denn meine Sätze, als
Schilderung dieses Schrittes verstanden, so schrecklich unklar? Es soll
und muß hier eben jede Aussage oszillieren in dieser Bewegung von hier
nach dort, während «Symbol» (obwohl ich mich nicht gegen den Terminus
versteifen will) — jedenfalls als letztes Wort über den histori|7schen Jesus — für mich eine leblose Eindeutigkeit
wäre. (Ich bin es gewöhnt, von meinen hiesigen, meist «positiven» Studenten beständig das
Verlangen nach andern Eindeutigkeiten vorgetragen zu bekommen; ihnen
will ich in Zukunft gerne gelegentlich mit dem Wort «Symbol» dienen — aber nicht als letztes Wort!) Ähnliches würde ich Ihnen in Bezug auf die andern Punkte
erwidern. Ich habe überall das Gefühl, von Ihnen mit Momentaufnahmen
erwischt worden zu sein, — bleibt nur die Möglichkeit einer Zeitaufnahme bei bewegtem Objekt mit greulicher Folge! werden
Sie sagen — ja, oder der Verzicht auf alles Photographieren! würde ich antworten. Aber ich
müßte Ihnen das mündlich zeigen können. Haben Sie die etwas dramatische Darlegung zu R 8,33–39 (S. 314–1511) beachtet? Wenn Sie mich auf diesen 2 Seiten (etwa mit den 2 vorangehenden)
verstehen, so verstehen Sie mich ganz und werden mich nicht mehr more theologorum
aufspießen wollen. Aber ich nehme es Ihnen durchaus nicht übel, wenn Sie mir das nicht abnehmen wollen. Gerade dieses Bewegungsmäßige ist der Punkt meiner
Theologie (der entscheidende!), der mir von den Allerwenigsten (auch meiner Lobredner!)
abgenommen wird.
Vielleicht noch ein Wort zu S. 24 Ihres Aufsatzes12. Es wird Sie wenig befriedigen, wenn ich Ihnen sage, mein Daimonion warne
mich vor der von Ihnen gewünschten Kritik an Paulus. Sehen Sie nicht selbst, daß das für
mich eine Stilwidrigkeit wäre? (Vielleicht gebe ich Ihnen eine furchtbare Waffe in die
Hand, indem ich das schreibe.) Sie mögen meine Kritik in diesem Sinn
überall dort suchen, wo meine Auslegung wortkarg oder sonst schwach wird. Das bedeutet
dann: ich verstehe nicht recht, was da los ist! Aber ich will doch in meinem Buch sagen,
was ich zu verstehen meine, und nicht, was ich nicht
verstehe. Was hülfe es mir, wenn ich mein Nichtverstehen laut ausriefe und mit Hinweisen
auf die von Ihnen genannten Größen zu begründen suchte? Mein Verfahren hat den Vorteil,
daß die Frage offen bleibt, ob an den betr. Stellen ich an Paulus oder
Paulus an mir Kritik übt, was ja auch sein könnte. Und im Übrigen bin
ich ein historisch sehr schwach begabter Mensch und könnte doch nur nachplappern, was
Andere besser gesagt haben. Daß die paulinischen Bäume nicht in den Himmel wachsen, dafür
ist ge|8sorgt; ich sehe aber nicht ein, daß es
Aufgabe des Paulusauslegers sei, dafür zu sorgen. Ist das Alles für Sie nun «ganz
schlimm», wie hier Stange13 zu sagen
pflegt, wenn ich ihm einen Einblick in den Abgrund der Bosheit meiner Ansichten
gestatte?
Sehr übel nehme ich Ihnen zwei Dinge: I. die «Spiegelfechterei» S. 21,
für die Sie sicher ein freundlicheres Wort einsetzen können14, 2. die Verbeugung vor Jülicher S. 23 unten15, die nach dem S. 23 oben Gesagten16 (und in Anbetracht dessen, daß mein Vorwort gerade betr. der
Aufgabe der Texterklärung polemisch auf Jülicher Bezug nimmt17) wirkt wie die Faust aufs Auge. Und wie steht es mit dem Einfluß
jener Rezension auf die 2te Auflage? Ich habe sie natürlich in allen
Einzelheiten genau überlegt, habe aber seinen Einspruch an fast allen Stellen, wie Sie
nachprüfen können, mit Begründung abgelehnt (es handelte sich meist um Lesarten). Also da
stimmt m. E. etwas nicht recht. Noch ein kleiner Wunsch: Sie möchten die Quelle für den
«König der dunklen Kammer»18; angeben, damit diese
(indische?) Größe nicht auf mein Konto gesetzt wird, das in Bezug auf unheimliche
Bildreden so schon belastet genug ist! Auch mit H.
Hesse bin ich nicht gern in einem Atem genannt19 — doch es
ist genug; ich scheine Ihnen vielleicht so schon zudringlich, daß ich mir überhaupt
erlaube, Ihnen dreinzureden. Ohne Ihre Karte würde ich es nicht gewagt haben.
Mit freundlichem Gruß und nochmaligem Dank
9 In der nächsten Nr. der «Furche» geht kein Geringerer als Schlatter
gegen mich vor mit einer mildanerkennenden Ablehnung oder mildablehnenden Anerkennung,
hauptsächlich pädagogisch auf die «leicht verführbaren» christlichen Studenten
berechnet.20 Das Schlimmste, was
er mir vorwirft, ist: «Barth zerschmettert den Denkakt.»21 Bei22 nochmaligem Durchlesen stelle ich noch
fest
- die sehr schön durchgeführte Darstellung des Glaubens23
- die oben nicht berücksichtigte Sache mit dem Logos, Natur und Kultur24, auf die ich besonders eingehen müßte
- daß ich eigentlich gegen alle Kürzungen, auch die von mir
selbst angedeuteten, bin. Könnten Sie den Artikel nicht in Z. Th. K. erscheinen lassen
und in der Chr. W. etwas Kürzeres schreiben?