Brief Nr. 3 · 14. April 1922

Karl Barth an Rudolf Bultmann

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Lieber Herr Bultmann!

Ich sage Ihnen auch gerne aus alter Gewohnheit fernerhin so, wenn Sie erlauben. Haben Sie besten Dank für Ihre Karte. Heute sandte mir Rade Ihren Artikel, zu welchem Zweck, mögen Sie aus seinem beiliegenden Brief ersehen.1 Ich finde es sehr schwer, Streichungen vorzunehmen, denn die Citate sind sehr sorgfältig ausgewählt. Aber vielleicht müssen Sie doch jeweilen, wo zwei bis drei gehäuft sind, sich mit einem und Angabe von weitern Seitenzahlen begnügen; ich will nachher noch versuchen, Ihnen mit Bleistift ein paar unmaßgebliche Vorschläge zu machen2, weil Rade es denn verlangt. Beachten Sie, daß er das Manuscript am Donnerstag wieder haben will.

Zur Sache selbst sollten wir uns wirklich am Besten sprechen können. Und zwar ist die Reihe an Ihnen; ich erwarte Sie also bald einmal in Göttingen. Ich fühle mich von Ihnen in einer eigentümlichen Weise verstanden (solchen Glauben habe ich unter den Historikern …!3) und dann doch an einem letzten entscheidenden Punkt auch noch nicht verstanden. Lassen Sie mich Ihnen vor Allem für das Erste, für die große Mühe, die Sie sich mit dem dicken Buch gegeben haben, herzlich danken. Wieviel aussichtsreicher ist doch die Situation geworden, als sie es noch vor drei Jahren war!4 Wie soll ich Ihnen das Zweite, das «noch nicht verstanden», erklären? Ich könnte sagen, alle Ihre Einwände seien zu sehr orientiert an dem gewissen stabilen Entweder-Oder-Denken, mit dem die bisherige systematische und historische Theologie ihre Fragen aufzustellen und ihre Entscheidungen herbeizuführen pflegte. Darum spießen Sie mich auf: S. 7 wegen des «gegenüberstehenden» neuen |6 Menschen5, S. 10 wegen des «Hohlraums»6, S. 14 wegen des «Glaubens, daß wir glauben»7, S. 19f. wegen der Jahre 1–308 und auch S. 24 wegen meiner Kritiklosigkeit resp. Inspirationsgläubigkeit gegenüber Paulus9. Es fällt mir auf, wie verhältnismäßig selten Sie die ganze zweite Hälfte des Buches zitieren, wo es mir unter dem Zwang des Textes selber noch viel deutlicher wurde, wie sehr bei Paulus alle Begriffe, Setzungen, Thesen im Gleiten, Rollen, in der Bewegung sind und nur in der Bewegung richtig aufgefaßt werden können. Ihre Einwände kommen mir, um es so auszudrücken — humorlos vor. Sie klagen über «Unklarheiten» und sehen nicht, daß ich das, was Sie gesagt zu hören wünschen, auch sagen könnte, an andern Stellen tatsächlich auch sage, aber eben immer nur in dem Zusammenhang, in dem es m. E. gesagt werden muß, denn Ansich-Wahrheiten gibt es da nicht. Haben Sie wohl meine «Lehre» vom «ewigen Augenblick» der Offenbarung genügend beachtet, gerade in Bezug auf das Hauptproblem, die Jesusfrage? Dürfen Sie mir wirklich wegen der Jahre 1–30 «Spiegelfechterei» vorwerfen, wo ich doch wahrhaftig die «Verborgenheit» der in diesem Zeitraum sich ereignenden Offenbarung genügend unterstrichen und gegen alle direkten Zudringlichkeiten gesichert habe? Wenn «Symbol» verbum visibile, Predigt der Wahrheit bedeuten soll, dann will ich gut und gerne den historischen Jesus ein Symbol nennen. Das Volk versteht aber unter Symbol zunächst etwas Anderes. «Symbol» im gemeinen Sinn ist die Historizität, sofern sie Existentialität bedeuten kann (S. 22 Ihres Aufsatzes)10; sofern sie sie aber tatsächlich bedeutet (die Möglichkeit als Ereignis!), verliert sie ihren Symbolcharakter: das Wort wird gehört, die Predigt weckt Glauben. Um diesen Schritt von hier nach dort handelt es sich mir (und doch wohl auch dem Paulus) in der Jesusfrage. Sind denn meine Sätze, als Schilderung dieses Schrittes verstanden, so schrecklich unklar? Es soll und muß hier eben jede Aussage oszillieren in dieser Bewegung von hier nach dort, während «Symbol» (obwohl ich mich nicht gegen den Terminus versteifen will) — jedenfalls als letztes Wort über den histori|7schen Jesus — für mich eine leblose Eindeutigkeit wäre. (Ich bin es gewöhnt, von meinen hiesigen, meist «positiven» Studenten beständig das Verlangen nach andern Eindeutigkeiten vorgetragen zu bekommen; ihnen will ich in Zukunft gerne gelegentlich mit dem Wort «Symbol» dienen — aber nicht als letztes Wort!) Ähnliches würde ich Ihnen in Bezug auf die andern Punkte erwidern. Ich habe überall das Gefühl, von Ihnen mit Momentaufnahmen erwischt worden zu sein, — bleibt nur die Möglichkeit einer Zeitaufnahme bei bewegtem Objekt mit greulicher Folge! werden Sie sagen — ja, oder der Verzicht auf alles Photographieren! würde ich antworten. Aber ich müßte Ihnen das mündlich zeigen können. Haben Sie die etwas dramatische Darlegung zu R 8,33–39 (S. 314–1511) beachtet? Wenn Sie mich auf diesen 2 Seiten (etwa mit den 2 vorangehenden) verstehen, so verstehen Sie mich ganz und werden mich nicht mehr more theologorum aufspießen wollen. Aber ich nehme es Ihnen durchaus nicht übel, wenn Sie mir das nicht abnehmen wollen. Gerade dieses Bewegungsmäßige ist der Punkt meiner Theologie (der entscheidende!), der mir von den Allerwenigsten (auch meiner Lobredner!) abgenommen wird.

Vielleicht noch ein Wort zu S. 24 Ihres Aufsatzes12. Es wird Sie wenig befriedigen, wenn ich Ihnen sage, mein Daimonion warne mich vor der von Ihnen gewünschten Kritik an Paulus. Sehen Sie nicht selbst, daß das für mich eine Stilwidrigkeit wäre? (Vielleicht gebe ich Ihnen eine furchtbare Waffe in die Hand, indem ich das schreibe.) Sie mögen meine Kritik in diesem Sinn überall dort suchen, wo meine Auslegung wortkarg oder sonst schwach wird. Das bedeutet dann: ich verstehe nicht recht, was da los ist! Aber ich will doch in meinem Buch sagen, was ich zu verstehen meine, und nicht, was ich nicht verstehe. Was hülfe es mir, wenn ich mein Nichtverstehen laut ausriefe und mit Hinweisen auf die von Ihnen genannten Größen zu begründen suchte? Mein Verfahren hat den Vorteil, daß die Frage offen bleibt, ob an den betr. Stellen ich an Paulus oder Paulus an mir Kritik übt, was ja auch sein könnte. Und im Übrigen bin ich ein historisch sehr schwach begabter Mensch und könnte doch nur nachplappern, was Andere besser gesagt haben. Daß die paulinischen Bäume nicht in den Himmel wachsen, dafür ist ge|8sorgt; ich sehe aber nicht ein, daß es Aufgabe des Paulusauslegers sei, dafür zu sorgen. Ist das Alles für Sie nun «ganz schlimm», wie hier Stange13 zu sagen pflegt, wenn ich ihm einen Einblick in den Abgrund der Bosheit meiner Ansichten gestatte?

Sehr übel nehme ich Ihnen zwei Dinge: I. die «Spiegelfechterei» S. 21, für die Sie sicher ein freundlicheres Wort einsetzen können14, 2. die Verbeugung vor Jülicher S. 23 unten15, die nach dem S. 23 oben Gesagten16 (und in Anbetracht dessen, daß mein Vorwort gerade betr. der Aufgabe der Texterklärung polemisch auf Jülicher Bezug nimmt17) wirkt wie die Faust aufs Auge. Und wie steht es mit dem Einfluß jener Rezension auf die 2te Auflage? Ich habe sie natürlich in allen Einzelheiten genau überlegt, habe aber seinen Einspruch an fast allen Stellen, wie Sie nachprüfen können, mit Begründung abgelehnt (es handelte sich meist um Lesarten). Also da stimmt m. E. etwas nicht recht. Noch ein kleiner Wunsch: Sie möchten die Quelle für den «König der dunklen Kammer»18; angeben, damit diese (indische?) Größe nicht auf mein Konto gesetzt wird, das in Bezug auf unheimliche Bildreden so schon belastet genug ist! Auch mit H. Hesse bin ich nicht gern in einem Atem genannt19 — doch es ist genug; ich scheine Ihnen vielleicht so schon zudringlich, daß ich mir überhaupt erlaube, Ihnen dreinzureden. Ohne Ihre Karte würde ich es nicht gewagt haben.

Mit freundlichem Gruß und nochmaligem Dank
Ihr
Karl Barth

9 In der nächsten Nr. der «Furche» geht kein Geringerer als Schlatter gegen mich vor mit einer mildanerkennenden Ablehnung oder mildablehnenden Anerkennung, hauptsächlich pädagogisch auf die «leicht verführbaren» christlichen Studenten berechnet.20 Das Schlimmste, was er mir vorwirft, ist: «Barth zerschmettert den Denkakt.»21 Bei22 nochmaligem Durchlesen stelle ich noch fest

  1. die sehr schön durchgeführte Darstellung des Glaubens23
  2. die oben nicht berücksichtigte Sache mit dem Logos, Natur und Kultur24, auf die ich besonders eingehen müßte
  3. daß ich eigentlich gegen alle Kürzungen, auch die von mir selbst angedeuteten, bin. Könnten Sie den Artikel nicht in Z. Th. K. erscheinen lassen und in der Chr. W. etwas Kürzeres schreiben?

Sachfußnoten

1
Rades Brief an Barth ist nicht mehr auffindbar. Offenbar hatte er darin angeregt, Barth möge Kürzungen in Bultmanns Rezension seines «Römerbriefs» 📖 (s. Nr. 2, Anm. 1) vorschlagen. Einige Kürzungen hat Bultmann dann in der Tat vorgenommen; vgl. Nr. 4.↩
2
In Bultmanns Manuskript.↩
3
Vgl. Mt. 8,10.↩
4
D.h. nach Bultmanns Reaktion auf die erste Fassung des «Römerbriefs», in: Ethische und mystische Religion im Urchristentum 📖 (s. Nr. 2, Anm. 2).↩
5
Im gedruckten Text von R. Bultmann, Karl Barths «Römerbrief» in zweiter Auflage, in: CW, Jg. 36 (1922), Sp. 331 📖 (= Anfänge I, S. 125 📖).↩
6
Sp. 332 📖 (= S. 127 📖).↩
7
Sp. 358f. 📖(= S. 131 📖).↩
8
Sp. 370f. 📖(= S. 337f. 📖).↩
9
Sp. 372 📖 (= S. 141 📖).↩
10
Sp. 371 📖 (= S. 138f. 📖).↩
11
Scil. in der Erstausgabe der 2. Auflage von Der Römerbrief, München 1922; in den späteren Abdrucken ab 1923: S. 312f.; Zürich 198915: S. 340–342 📖.↩
12
Sp. 372f. 📖 (= S. 141f. 📖).↩
13
Carl Stange (7.3.1870–5.12.1959), 1904 Ordinarius für Systematische Theologie in Greifswald, 1912 in Göttingen. ↩
14
Der Ausdruck wurde von Bultmann für den Druck gestrichen (vgl. Nr. 4).↩
15
Sp. 373, Anm. 4 📖 (= S. 141, Anm. 4 📖): ein zustimmender Hinweis Bultmanns auf A. Jülichers Besprechung der 1. Auflage von Barths «Römerbrief 📖: Ein moderner Paulus-Ausleger, in: CW, Jg. 34 (1920), Sp. 453–457.466–469 📖 (= Anfänge I, S. 87–98 📖). Für den Druck kürzte Bultmann diese Anmerkung (vgl. Nr. 4).↩
16
Sp. 372 📖 (= S. 140 📖), wo Bultmann u. a. schreibt: «Ich will aber nicht verschweigen, daß die neue Auflage auf mich einen ungleich tieferen Eindruck gemacht hat als die erste. Ich habe auch darauf verzichtet, das Buch als Kommentar zum Römerbrief zu betrachten […]».↩
17
K. Barth, Der Römerbrief, 1922, S. XII; ab 1923: S. XIII; 198915: S. XX 📖 ↩
18
Sp. 369 📖 (= S. 136 📖). Bultmann erfüllte Barths Bitte um Angabe einer Quelle für diesen Ausdruck nicht.↩
19
Sp. 333 (= S. 129f.). Bultmann zitiert hier eine Stelle aus Hermann Hesses Roman Demian (1919) 📖.↩
20
Vgl. A. Schlatter, Karl Barths «Römerbrief» in: Die Furche, Jg. 12 (1922), S. 228–232 📖 (= Anfänge I, S. 142–147 📖).↩
21
Vgl. A. Schlatter, a.a.O., S. 232 📖 (= Anfänge I, S. 146 📖): «Das ‹Nein›, das Barth auf unseren ganzen Lebensstand legt, trifft mit verheerender Wucht den Denkakt. Daran, daß Gott der unerreichbar ferne, der ‹andere›, ist, zerbricht je der zu Gott gewendete Gedanke und jede religiöse Aussage, jede Theologie wird im Grunde zur Narrheit, da sie nur in beständigen Selbstwidersprüchen reden kann […]. Wird der Denkakt zerschmettert, so bleibt der Glaube davon nicht unberührt […].»↩
22
Das Folgende ist mit Bleistift nachgetragen.↩
23
Gemeint sind wohl in R. Bultmanns Rezension die Abschnitte 2 («Glaube und ‹Erlebnis›»), 3 («Der Glaube als Wunder») und 4 («Glaube und Bewußtsein»),a.a.O., Sp. 320–323.330–334.358f. 📖 (= Anfänge I, S. 120–132 📖).↩
24
Im 5. Abschnitt («Glaube und Logos») von Bultmanns Rezension, a.a.O., Sp. 359f. 📖 (= S. 133f. 📖).↩