1922

10. Kapitel: Die Schuld der Kirche

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10. Kapitel
DIE SCHULD DER KIRCHE

Die Krisis der Erkenntnis

9,30-10,3

V. 30‒32a Was wollen wir nun sagen? Heiden, die der Gerechtigkeit nicht nachjagten, haben die Gerechtigkeit ergriffen, nämlich die Gerechtigkeit, die aus der Treue Gottes kommt. Israel aber, das einem Gesetz der Gerechtigkeit nachjagte, hat ein solches Gesetz nicht erreicht. Weshalb nicht? Weil dieses Jagen nicht aus dem Glauben, sondern aus den Werken kommt.

«Was wollen wir nun sagen?» Sachlicherweise mussten wir, im Gegensatz zu den üblichen schnellen und direkten Anklagen gegen die Kirche bisher einfach von ihrer Not reden, von der Not, die ihr durch ihr eigenes Thema, durch ihre Gabe und Aufgabe: die Erkenntnis Gottes bereitet wird, von der Not, von der darum, mag er sich zur Kirche stellen, wie er will, im Blick auf Gott niemand sich ausnehmen, der niemand als einem Schaden anderer Leute bedauernd oder beschwerdeführend gegenüberstehen kann, weil sie die Not ist, die der Mensch in seinem Verhältnis zu Gott überhaupt, der religiöse Mensch als solcher zu tragen hat. Die in der Kirche zum Bewusstsein ihrer selbst kommende und also in die Erscheinung tretende religiöse Menschheit leidet darunter, dass Gott Gott ist: nicht dies und nicht das, nicht hier und nicht dort, nichts mehr und nichts weniger, sondern allem zeitlichen, dinglichen, so oder so bestimmten Sein gegenüber (und doch nie als ein Zweites ihm gegenüber!) das Nicht-Sein, der Ursprung, der Schöpfer aller Dinge, der sichtbaren und der unsichtbaren1. Aber wie sollte dieses Gottsein Gottes dem Menschen Not bereiten anders denn durch menschliche Schuld? Wir erinnern uns daran, dass unsre Geschöpflichkeit unser Fluch ist durch die Kraft der Sünde (7,7–13), nicht sonst. Ist es einmal begriffen in seiner ganzen |493 Tragweite, dass es der Kirche immer und überall an Gott gefehlt hat, fehlt und fehlen wird, dann darf, kann und muss davon auch geredet werden als von einem Fehler der Kirche. Könnten wir davon lassen, hier Anklage zu erheben, Schuld, Sünde, Fehler als solche festzustellen und 347 zu benennen, so hätten wir diese Not wahrlich noch nicht als Not erkannt; denn eine Not, die nur Schicksal wäre und keine Anklage zuließe, wäre keine erkannte, keine brennende Not. Und könnten wir hier Anklage gegen Gott erheben, so wäre das wiederum nur ein Anzeichen davon, dass wir die Lage noch nicht überblickt, noch nicht eingesehen haben, was es bedeutet, dass der Realgrund dieser Not zusammenfällt mit ihrem Erkenntnisgrund. Es bedeutet, dass der hier notwendig Anzuklagende der Mensch ist. Würde er Gott nicht erkennen, er wäre gar nicht in der Lage, seine Not als solche zu erkennen. Dass er an Gott gemessen ist, sich gemessen weiß, das ist des Menschen Elend. Es besteht aber dieses Elend selbst wiederum in nichts anderem als in der Bedrängnis, der Not, der Krisis, in der sich seine Erkenntnis Gottes befindet, und von der Schuld an dieser Krisis kann er sich nicht freisprechen; denn so gewiss sie in der Freiheit Gottes begründet ist, so gewiss vollzieht sie sich fortwährend in seiner eigenen Freiheit, unter seiner eigenen Verantwortlichkeit. Es lässt sich zeigen, dass er in der Erkenntnis Gottes nicht nur ein Leidender, ein Kranker, sondern ein Fehlender, ein Sünder ist.

«Heiden, die der Gerechtigkeit nicht nachjagten, haben die Gerechtigkeit ergriffen, nämlich die Gerechtigkeit, die aus der Treue Gottes kommt.» Das ist das Erste, worin diese Krisis in die Erscheinung tritt. Die Erkennenden haben neben sich die Nicht-Erkennenden, die Kinder Gottes die Weltleute, die Heiligen die Unheiligen. Die Kirche, heiße sie, wie sie wolle, hat neben sich die Heiden, die Fremden, die Nicht-Verstehenden, die Unbeteiligten, die der Gerechtigkeit nicht Nachjagenden. Schon dieses Nebeneinander ist für feineres Empfinden eine beunruhigende, vielleicht in seiner stillen Beredsamkeit unerträgliche Tatsache. Wie kommt es nur, dass die Heiden es fertig bringen, im Angesicht der Kirche Heiden zu sein und zu bleiben, unbeirrt zu verharren in ihrer Apathie gegenüber dem von der Kirche bewahrten Heiligtum? Wie steht es mit einem Heiligtum, wenn es auf die Dauer durchaus das besondere Heiligtum dieser und jener bleibt, universalen Respekt aber nicht findet? Wie steht es mit |494 dem «Worte Gottes» in unserem Munde, wenn wir uns eingestehen müssen, dass von den «Andern» niemand viel gegen, aber auch niemand viel für das hat, was wir da vorbringen? Wie steht es mit der Kirche, wenn sie, im Schatten tolerant gewordener Zeiten von keiner Feindseligkeit bedroht, ihr Sonderleben ungestört, aber auch wenig aussichtsreich leben darf und endlich wohl gar in die Lage kommt, allerhand Kampf- und Tummelplätze selber aufzusuchen, nach einer kleinen Verfolgung beinahe sehnsüchtig auszuschauen, damit 348 doch jenes drückende Nebeneinander endlich aufhöre? Und ist nicht die Kirche seit den Tagen der Apologeten grundsätzlich mehr oder weniger immer in dieser Lage? Schärfere Augen haben aber vom Kirchenfenster aus immer noch mehr als das gesehen. Sie haben – wenn sie scharf genug waren, um zu sehen, was man nur indirekt sehen kann – gesehen, dass die Kirche ihr Sonderdasein und Sonderwesen damit nicht retten kann, dass sie die Welt wegen sündiger Verstocktheit in Anklagezustand versetzt und mit Nadelstichen und Keulenschlägen gegen sie vorgeht. Sie haben mit Entsetzen das gesehen, was 2,14–29 ausführlich beschrieben ist: «Heiden, die das Gesetz nicht haben, tun in ihrem Naturzustand, was das Gesetz fordert.» Sie jagen der Gerechtigkeit darum nicht nach, weil sie sie schon ergriffen haben. Sie lassen sich darum nicht belehren, weil sie schon belehrt sind. Sie haben darum kein religiöses Interesse, weil sich Gott längst für sie interessiert hat. Sie stehen unserm «Wort Gottes» so teilnahmslos gegenüber, weil sie es längst ohne uns gehört haben, weil sie es längst selber verkündigen. Die Weltkinder, die Unheiligen, die Ungläubigen in ihrem ganzen nackten Jammer, vielleicht auch in ihrer ganzen freien Heiterkeit keine Objekte unsrer Predigt und Seelsorge, unsrer Evangelisation, Mission, Apologetik und Rettungstätigkeit, keine Objekte unsrer «Liebe», weil gesucht und gefunden von Gottes Erbarmen, längst bevor wir aufstanden, uns ihrer zu erbarmen, schon im Lichte der Gerechtigkeit Gottes stehend, schon der Vergebung teilhaftig, schon teilnehmend an der Kraft der Auferstehung und an der Kraft des Gehorsams, schon erschrocken vor der Ewigkeit und schon hoffend auf sie, schon existentiell auf Gott geworfen! Selbstverständlich, dass diese Möglichkeit vom Standpunkt der Menschengerechtigkeit aus immer mit vielen anschaulichen Argumenten bestritten werden kann. Wer wollte denn übersehen, wie sehr die Heiden anschauli|495cherweise wirklich arme Heiden2 sind? Um die nur indirekt, nur mit Heilandsaugen einzusehende, um die unmögliche, unanschauliche, unerhörte Möglichkeit Gottes handelt es sich ja, um seine Gerechtigkeit, die nicht bedingt ist durch irgend eine menschliche Gegentreue, sondern die allein aus Gottes eigener Treue kommt, um Gottes neue Schöpfung, nicht um eine Folge von Ursache und Wirkung, kurz um die Wahrheit Gottes in Jesus Christus. Aber wie könnte die Kirche gerade diese als solche ganz und gar in Abrede stellen oder ihre Anerkennung vom Eintreten dieser oder jener Möglichkeit menschlicher anschaulicher Gerechtigkeit abhängig machen, und wenn ihre Argumente gegen das existentielle Gerettetsein der Heiden noch so zahlreich und schlagkräftig wären? Wie könnte gerade die Kirche, die Gott ihren Gott nennt, verkennen, 349 dass Gott Gott ist? Wie könnte sie ganz und gar bestreiten, dass er der Gott der Juden und der Heiden ist (3,30)? Wird nicht Israels eigener Stammvater Abraham als der Unbeschnittene selig gepriesen? (4,9). Anerkennt es das aber, rechnet es auch nur mit der Möglichkeit, dass salus auch extra ecclesiam3 sein, dass Esau auch Jakob der Erwählte sein könnte, wo bleibt dann das Rückgrat, die Zuversicht der Kirche zu ihrer eigenen Sendung? Ist es nicht offenkundig, dass die römische Kirche mit ihrem bekannten Anspruch4 nur in Wahrung berechtigter Interessen jeder Kirche handelt? Was wird aus Israels Jagen nach der Gerechtigkeit, aus seinem Eifer um Gott, wenn es sich eingestehen muss, dass gerade die «Anderen», die nicht Mitjagenden und Miteifernden schon am Ziele sind? Kann die Kirche den Vorwurf verkennen, der darin liegt, dass Gott neben ihr und ohne sie und immer schon vor ihr das getan hat, was zu tun ihre Gabe und Aufgabe, ihre Daseinsberechtigung ausmacht, und wie stellt sie sich zu diesem Vorwurf?

496Und wenn nun scharfe Augen noch mehr sehen würden als das? Wenn nun zu sagen wäre: «Israel aber, das einem Gesetz der Gerechtigkeit nachjagte, hat ein solches Gesetz nicht erreicht?» Und wenn nun Jakob der Erwählte auch Esau sein könnte, der Gotteskämpfer einfach einer von den vielen menschlichen Kämpfern, Läufern, Treibern und Rednern, denen es nicht gelingt, weil es ihnen nicht gelingen kann, weil der Mensch der Mensch ist? Wiederum eine Möglichkeit, gegen die anschaulicherweise alles das mit Recht eingewendet werden kann, was vom Standpunkt der Menschengerechtigkeit aus über den Ernst, den Tiefsinn und die Erfolge gerade des kirchlichen Tuns zweifellos zu sagen ist. Aber eine Möglichkeit, die zu bedenken gerade die Kirche, wiederum gerade die Kirche, nicht abweisen kann. Sie lebt ja als Kirche von der Erinnerung an den unendlichen qualitativen Unterschied Gottes gegenüber dem Menschen. Sie bewahrt ja diese Erinnerung in ihrem Gesetze. Sie muss daher wissen, dass der Mensch der Gerechtigkeit Gottes nicht «nachjagen», dass er mit keinem Mittel die Gegenwart und Wirklichkeit Gottes bedingen, herbeizwingen, behaupten, geltend machen und zeigen, dass das göttliche Warum? der Vergebung nur in einem göttlichen, aber in keinem menschlichen Darum! seine Beantwortung finden kann. Sie weiß das im Grunde auch. Sie muss aber noch mehr wissen: sie muss wissen, dass sie auch dem Glauben, dem unanschaulichen, selbst nur durch die Treue Gottes bestehenden Verhältnis des Menschen (der nicht dieser Mensch ist!) zu Gott (den wir nicht kennen!) nicht «nachjagen» kann, dass ihr also die Flucht vom Objektiven ins Subjektive, vom «Gottesdienst» 350 zur «Pflege der Frömmigkeit», von der Gerechtigkeit zum «Gesetz der Gerechtigkeit» nichts hilft, weil sie auch da das, was sie eigentlich sucht, nicht findet. «Nachjagen» kann sie freilich dem Menschenwerk des Gesetzes, der Religion. Sie kann das Erlebnis pflegen durch ethische, logische, ästhetische Mittel, mehr kann sie nicht tun. Aber das Erlebnis Gottes ist nicht der Glaube, nicht die Gerechtigkeit, Gegenwart und Wirklichkeit Gottes, nicht das göttliche Darum, sondern unsere menschliche und als solche sehr fragwürdige Beziehung zu Gott. Das Gesetz ist nicht die Offenbarung selbst, sondern ihr sehr weltlich bedingter negativer Eindruck. Die Kirche kann (und soll!) wohl den Wasserlauf hüten, durch den der heilige Strom rauschen mag, wenn Gottes Stunde da ist. Ihn herbeizwingen kann sie und soll |497 sie nicht. Sie soll nicht vergessen, dass sie es nicht kann. Es könnte dieses Nicht-Vergessen, diese offene Wunde ihr bestes Teil sein. Religion ist nicht Reich Gottes, und wenn es die Reichsgottesreligion der Blumhardt-Epigonen wäre, sondern Menschenwerk. Vielleicht weiß das die Kirche nicht, dass es a-ein solches «Gesetz der Gerechtigkeit»-a nicht gibt, dass sie einem Phantom nachjagt. Jedenfalls vergisst sie es alle Augenblicke wieder. Jedenfalls haben wir alle ausnahmslos die größte Mühe, uns auch nur einen Augenblick lang klar zu machen, dass es das nicht gibt. Das «Gesetz der Gerechtigkeit», das jenes Phantomes, dem alle Kirchen und Kirchlein nachjagen, Wirklichkeit ist, ist offenbar jenes «Gesetz des Glaubens», das alles Rühmen ausschließt (3,27). Redet aber die Kirche vom Glauben, so meint sie damit offenkundig ein zeitausfüllendes Etwas, das dieser Mensch in dieser Welt «haben», das so und so erstrebt und erreicht, da und dort aufgewiesen werden kann. Wie sollte aber dieses Menschenwerk der Glaube sein, der vor Gott gerecht macht, und nicht vielmehr die mit diesem Prädikat des Glaubens versehene höchste Religion, die aber als solche, d. h. mit diesem Anspruch auftretend, ein Phantom ist? Mag es eine höchste Religion, eine höchste Spitze alles Menschenwerks in Beziehung auf Gott geben. Warum soll es nicht? Wir würden sie in der Religion der Psalmsänger und Propheten Israels suchen, die als Religion auch von der Religion Jesu, sofern man von einer solchen reden kann, nicht überholt worden ist, geschweige denn von der christlichen Religionsgeschichte. Aber sei dem, wie ihm wolle: eine der Offenbarung adäquate, eine der Gerechtigkeit Gottes kongruente Religion, ein «Gesetz der Gerechtigkeit» erreicht der Mensch nicht, es wäre denn im Wunder des absoluten Moments. Und der Glaube ist Wunder, oder er ist nicht Glaube. Gottes Wort, gehört von Menschenohren, verkündigt von Menschenlippen, ist Gottes Wort nur, wenn das Wunder ge351schieht; sonst ist es Menschenwort wie ein anderes. Die Kirche ist Kirche Jakobs, nur wenn das Wunder geschieht; sonst ist sie Kirche Esaus und nur das. Das Wunder aber lässt sich nicht erstreben, erreichen, aufweisen, es ist das in jedem Augenblick unvorhergesehene, neue, göttliche Geschehen unter den Menschen.

498«Weshalb nicht?» möchten wir fragen. Weshalb lässt sich das Wunder, der Glaube, den die Kirche doch offenbar meint, nicht erjagen? Weshalb ist das, was die Kirche erjagt, immer ein Phantom? Antwort: «Weil dieses Jagen nicht aus dem Glauben, sondern aus den Werken kommt.» Zum Glauben kommt man nur «aus dem Glauben» und durch den Glauben. Glauben heißt Gott über alle Dinge fürchten und lieben, so, wie er ist, und nicht so, wie wir ihn fassen können. Glauben heißt sich beugen unter das Gericht, das die allgemeine Lage zwischen Gott und Mensch unweigerlich bedeutet. Dieses Gericht besteht aber eben darin, dass wir Gott nicht fassen, nicht erjagen können, dass er für uns der schlechthin Andere, Fremde, Unbekannte, Unnahbare ist und bleibt. Aus dem Glauben kann also jenes «Nachjagen» nicht kommen, und darum kann es auch sein Ziel, den Glauben, nicht erreichen. Das «Nachjagen» der Kirche kommt «aus den Werken». Die «Werke» sind die Beziehungen des Menschen zu einem ihm fasslichen Gott, der nicht notwendig der Gott ist, der Wunder tut. Die «Werke» sind die Verfassung des Menschen, in der er das Gericht der allgemeinen Lage zwischen Gott und Mensch nicht oder was auf dasselbe herauskommt, nicht lückenlos anerkennt. Durch die Lücken des Gerichts meint er der Gerechtigkeit Gottes, dem Glauben, dem Wunder nachjagen, es erstreben, erreichen, aufweisen zu können. Das ist’s, was nicht gelingen kann. Die Kirche könnte den Glauben ergreifen, wenn sie mit dem Glauben, mit dem Glauben an den unbekannten, den lebendigen Gott anfangen wollte. Sie könnte im Gericht Gerechtigkeit erlangen, wenn sie sich lückenlos vor dem Gericht beugen würde. Sie müsste nicht sterben, wenn sie nicht so zähe um ihr Leben kämpfen würde. Sie würde Gottes Wort hören und verkündigen, wenn sie sich ohne die Prätention, durch Gottes Wort selber groß zu sein, ohne die Besorgnis: Was wird daraus? nur um die Wahrheit dieses Wortes kümmern würde. Sie könnte die Stätte der Erkenntnis sein, wenn sie eine Stätte der Anbetung sein wollte gerade vor dem unbegreiflichen Gott, vor dem kein Fleisch gerecht ist [vgl. 3,20]. Eine Kirche demütig genug, die Gemeinschaft der Heiligen5 wieder zu verstehen als die Solidarität der auf Vergebung angewiesenen Sünder und darum zu lassen von allen krampfhaften Gemeinschaftsbegründun|499gen, demütig genug, sich von einem Kant 352 an vorsichtiger Wahrung der Grenzen der Menschheit6 nicht übertreffen zu lassen, die Schmach des Rationalismus gelassen zu tragen, und also Gott zu fürchten und zu lieben, eine Kirche kühn genug, im Hinblick auf ihr Thema auf alles Erstreben, Erreichen und Aufweisen anschaulicher Ziele und Erfolge zu verzichten, das Erlebnis Gottes zu pflegen durch rüstige Kritik alles bloßen Erlebens, die Religion durch unerschro­­ckene Relativierung aller Religion, den frommen Menschen (diese hartnäckigste Spezies der Gattung Mensch!) durch unermüdliche Konfrontierung mit den vor Gott gerechtfertigten Heiden, Zöllnern, Spartakisten7, Imperialisten, Kapitalisten und andern Unsympathischen (z. B. Nicht-Religiössozialen), eine ganz sachliche, ganz auf den unbekannten, den lebendigen, den freien Gott gerichtete, eine ganz auf die Predigt des Kreuzes konzentrierte Kirche könnte unanschaulich-unerhörterweise die Kirche Jakobs, die Kirche des Glaubens, die Kirche der Gerechtigkeit Gottes sein und ist es tatsächlich zu allen Zeiten gewesen. Aber dazu müsste sie es wagen, im Glauben, in der «Finsternis» des Glaubens (Luther)8 anzufangen. Und das wagt sie nun tatsächlich zu allen Zeiten auch wieder nicht. Ihr Tun kommt «aus den Werken», aus der Orientierung anb dem, was man sehen kann. Was sie ihren Glauben nennt, ist keinesfalls der Hebr. 11 beschriebene Glaube. Sie liebt die Einsamkeit und die Wüste nicht. Selbst wo sie ausdrücklich davon redet, redet sie nicht davon; selbst wo sie sich scheinbar in Einsamkeiten und Wüsten begibt, entkleidet sie ihre Einsamkeiten alles wirklichen Schreckens und ihre Wüsten aller wirkli|500chen Gefahr. Sie übt das Fasten derer nicht, die den Bräutigam nicht haben [vgl. Mt. 9,15 par.], sondern sie sucht und weiß sich über die erschreckende Leerheit der Kirchengeschichte durchaus zu trösten durch allerlei romantische Sentimentalitäten. Sie will nicht Fremdling sein in der Welt. Sie kann nicht warten auf die Stadt, die einen Grund hat [Hebr. 11,10]. Sie kann nicht Halt machen in jener Urstellung des Christentums vor der Auferstehung, bei den Leiden des verworfenen Christus, denn sie hat große Eile, sie ist hungrig und durstig nach Positivitäten und Hochzeitsfreuden. Sie will sich trotz aller Niederlagen nicht aus den verlorenen Außenwerken in das Zentrum der Festung zurückziehen, sondern vorwärtsdringen – wohin? Jedenfalls vorwärts in der Richtung auf den Menschen, der sich die Beugung vor dem Gericht ersparen möchte, auf das direkt Festzustellende, Anschauliche, Begreifliche, Unmittelbare, Handliche. Der Glaube nach Hebr. 11 scheint ihr zu unmenschlich, zu lieblos, zu gefährlich, zu unpsychologisch, zu unpraktisch. Die frohe Botschaft soll durchaus eine direkte, womöglich eine vergnügte Botschaft sein und «positiv» durchaus etwas, was auch ohne den Glauben, auch 353 ohne Gott so heißen mag. Und indem sie gegenüber der unmöglichen Möglichkeit, ihrem eigenen Thema getreu zu bleiben (und wenn sie darüber zugrunde ginge), die mögliche Möglichkeit wählt, den Menschen (den religiösen Menschen natürlich!) zu ihrem Thema zu machen, begibt sie sich in Gefahr und kommt darin um [vgl. Sir. 3,27]. Denn der Mensch kann dem Fluche seiner bloßen Kreatürlichkeit nicht entgehen, auch der religiöse Mensch nicht, auch nicht der Mensch der höchsten Religion. Wie sollte Israel, sofern es ihm um dieses endliche Ziel zu tun ist, an Gott nicht zuschanden werden? Wie sollte es, sobald auf Existentialität alles ankommt, nicht erreicht und überholt werden von den ersten besten «Heiden», nicht selber offenkundig mit leeren Händen dastehen? Wie sollte die Kirche sich auch nur den Dank der Menschen verdienen, denen sie so viele Konzessionen macht und die doch im Grunde von ihr etwas ganz anderes erwarten? Das Phantom, dem sie nachjagt, erreicht sie nicht, und über dem Nachjagen entgeht ihr das Reale, das sie ergreifen konnte9. So leidet die Kirche nicht nur daran, dass sie Esau und nicht Jakob ist, sondern sie ist |501 selber schuld daran. Wer hätte diese Schuld nicht auf sich, wer könnte sie abwerfen, der den Versuch der Kirche selber ernstlich versucht hat, der es weiß, dass er unter allen Umständen versucht werden muss, und der auch das weiß, dass es bei den Menschen unmöglich ist, ihn anders zu versuchen? Und wer, der sie auf sich hat, wüsste es anders, als dass sie Schuld, wirkliche Schuld ist? Denn Schuld liegt vor, wenn das, was bei Gott möglich ist, bei den Menschen unmöglich ist [vgl. Mt. 19,26 par.]. Er wird sie tragen als die eine einzige Schuld des Menschen, die darin zum Ausbruch kommt, dass er, gerade wenn er es wagt, auf Gott zu hören, von Gott zu reden, nicht wagt, Gott die Ehre zu geben.

V. 32b‒33 Sie rannten an am Stein des Anstoßes von dem geschrieben steht: Siehe, ich setze in Zion einen Stein des Anstoßes und Felsen des Ärgernisses, und nur wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.

Der Stein des Anstoßes und Fels des Ärgernisses, der doch zugleich der kostbare zu Zion gelegte Eckstein ist (denn durch Kombination von Jes. 8,14 und Jes. 28,16 ist dieses treffliche Bibelzitat entstanden), ist Jesus Christus. In ihm offenbart sich Gott rücksichtslos als der verborgene, durchaus nur indirekt zu erkennende Gott. Hier verhüllt er sich endgültig, um nur dem Glauben offenbar zu sein. Hier verkündigt Gott seine unendliche Liebe, indem er in schneidendster Unzweideutigkeit seine Freiheit, das Wunder, sein Reich verkündigen lässt. Wer aus der Wahrheit ist, der hört hier seine Stimme [vgl. Joh. 18,37]. Aber wer ist aus der Wahrheit? Wer sieht Gott, wie er ist? Wer hat nicht tausend Vorwände, um ihm vielmehr auszuweichen? Wir ertragen 354 die Wahrheit nicht. Es wäre selbst das Wunder, wenn wir sie ertrügen, und durch das Wunder würde sie uns dann erretten aus der Not unsrer Kreatürlichkeit. Kann das nicht geschehen, weil wir für das Wunder der Wahrheit nicht offen, nicht bereit sind, dann wird sie uns ohne Wunder, einfach durch ihre immanente Logik zum Gericht. Der Mensch muss dann im vollen Laufe seiner Jagd nach dem endlichen Ziel, das er Glaube, Gerechtigkeit, Liebe, Gott nennt, daran zuschanden werden, dass Gott mitten in dieses Zion, in diesen irdischen Himmel hinein die Tatsache gestellt hat, dass er der Ewige ist, der sich aus Gnade dort finden lässt, wo er als der Ewige gesucht wird. Nur wer glaubt, wird an diesem Anstoß und Ärgernis nicht zuschanden. Wer nicht glaubt, sondern «jagt» (9,31), der erntet hier notwendig |502 taube Nüsse. Er rennt an wie einer, der in eine Sackgasse rennt. Die Krisis der Erkenntnis, die Katastrophe der Religion bricht aus. Die Entblößung und Beschämung, die mit einem undurchführbaren Unternehmen notwendig verbunden ist, tritt unaufhaltsam ein. Die Kirche Esaus ist und bleibt, was sie ist, und muss Christus, der doch ihre einzige Hoffnung10 ist, ans Kreuz schlagen. Es kann ja nicht anders sein, wenn der Mensch die Ordnung, dass Gott uns erwählt und nicht wir ihn [vgl. Joh. 15,16], nicht freudig anerkennen, sondern umkehren will. Alle noch so offenkundigen menschlichen Fehler und Gebrechen der Kirche, ihre Oberflächlichkeit und ihre Schwerfälligkeit, ihre Weltseligkeit und ihre Weltfremdheit, ihre unnütze Demut und ihr ebenso unnützer Hochmut, ihr unangebrachter technischer Eifer in Dingen, für die es sich nicht lohnt, einen Finger zu rühren, und ihre ebenso unangebrachte ratlose Gelassenheit in Fragen, bei denen es um Sein oder Nicht-Sein geht, das alles und alles andere, was man gegen sie einwenden kann, würde sie nicht verurteilen, wenn sie sich nicht selbst verurteilte dadurch, dass sie das Gericht nicht annimmt, das vor allen Fehlern und Gebrechen über den Menschen als Menschen gesprochen ist. Käme sie selbst beständig aus diesem Gericht heraus, hätte sie ihre Rechtfertigung darin, dass sie von keiner andern Rechtfertigung weiß als von der in diesem Gericht zu erlangenden, glaubte sie also an den Stein des Anstoßes und Ärgernisses, statt Anstoß und Ärgernis daran zu nehmen, sie könnte mit ihren Fehlern und Gebrechen (und eines Tages dann sicher auch ohne einige davon) die Kirche Gottes sein. Der triumphierenden Kirche aber, der zeitgemäßenc, der volkstümlichen, der modernen, der alle Bedürfnisse des Menschen (außer dem einen!) befriedigenden, der trotz aller Blamagen immer wieder selbstbewussten, immer wieder quecksilbrigen, immer wieder einen Ausweg suchenden und findenden Kirche, der Kirche des «kirchlichen Lebens» kann und 355 wird es nicht gelingen, und wenn sie in aufrichtigstem Eifer alles täte, um von jenen Fehlern und Gebrechen frei zu werden. Sie wird mit oder ohne Fehler nie und nimmer die Kirche Gottes sein, weil sie nicht weiß, was Buße ist.

503V. 1‒3 Brüder, die Sehnsucht und das Gebet meines Herzens ist auf ihre Errettung gerichtet. Denn ich bezeuge ihnen, dass sie den Eifer für Gott haben, aber ohne Erkenntnis. Denn sie verkannten die Gerechtigkeit Gottes, strebten danach, ihre eigene aufzurichten und unterwarfen sich so der Gerechtigkeit Gottes nicht.

«Die Sehnsucht und das Gebet meines Herzens ist auf ihre Errettung gerichtet.» Der Vorwurf der Un- oder Antikirchlichkeit, mit dem Feststellungen, wie die eben gemachten, beantwortet zu werden pflegen, lässt uns ganz kühl, und so leicht werden wir es weder uns selbst noch den Andern machen, dass wir der an jenen Vorwurf geknüpften Einladung, die so charakterisierte Kirche zu verlassen, etwa Folge leisten werden. Wir denken gar nicht daran. Wir reden von uns selbst, indem wir von der Kirche reden. Wir haben mit uns selbst geredet, bevor wir zu den Anderen redeten, und wir werden wieder mit uns selbst reden. Wir sind vielleicht kirchlicher als die Kirchlichen. Freilich: «Vere verbum Dei, si venit, venit contra sensum et votum nostrum. Non sinit stare sensum nostrum, etiam in iis, quae sunt sanctissima, sed destruit ac eradicat ac dissipat omnia» (Luther).11 Aber dass dem so ist und dass gerade die Kirche davon immer am schwersten betroffen sein wird, daran ist der unschuldig, der das Wort Gottes in der Kirche gegenüber der Kirche geltend zu machen hat; er ist ja, indem er das tut, selber der Schwerstbetroffene! In Sachen Gottes ist es ganz unmöglich, dass Partei gegen Partei, Person gegen Person steht, kritisierend und recht habend die eine, kritisiert und unrecht habend die andere. In Sachen Gottes kann angreifend und angegriffen immer nur einer für den andern eintreten. Mit angreifend und mit angegriffen sind hier alle, denen es mit dem immer wieder unausweichlich gestellten Problem der Kirche ernst ist.

«Ich bezeuge ihnen, dass sie den Eifer für Gott haben.» Wir können zweitens auch den Vorwurf gelassen ablehnen, als ob wir der Gesinnung und den Leistungen der Kirche nicht gerecht würden. Wir sind durchaus in der Lage, ihr historisch und psychologisch völlig gerecht zu werden. Wir würden uns anheischig machen, sie vor einem |504 menschlichen Forum mindestens ebenso gut zu verteidigen wie ihre beredtesten Anwälte. Wir anerkennen ihren «Eifer für Gott» ein für allemal. Es kann sich aber in Sachen Gottes überhaupt nicht darum handeln, Komplimente auszutauschen. 356 Es kann sich für uns nicht darum handeln, das Rennen, das Flachrennen12 nach dem «Gesetz der Gerechtigkeit» (9,31) mit schnelleren Pferden, mit einer noch größeren Frömmigkeit, mit noch tieferen Erlebnissen, mit noch mehr Gottvertrauen und Bruderliebe fortzusetzen. Nicht um den blöden Streit, wer wohl mehr «habe», ob der oder dieser oder gar jener, kann es sich handeln, nicht darum, einander an Intensität, Innerlichkeit, Frieden, Begeisterung, Liebe, Hoffnung zu übertreffen. Es handelt sich vielmehr darum, dieses Wettrennen abzubrechen in der Erkenntnis, dass es ganz unnütz ist, in der Erkenntnis, dass menschliche Frömmigkeit, und wenn sie qualitativ in der feinsten Feinkultur und quantitativ in wahren Babelstürmen aufträte, vor Gott keinen entscheidenden Wert hat, in der Erkenntnis, dass der Schauplatz, wo Gott und der Mensch sich begegnen, um sich zu scheiden, sich scheiden, um sich zu begegnen, keine Arena ist, in d-der sich Menschen untereinander mit Lorbeeren schmücken oder sich Lorbeeren verweigern-d können, in der Erkenntnis, dass wir alle nur Gott fürchten, lieben und anbeten ­können.

«Aber ohne Erkenntnis» eifern sie für Gott. Eben der Mangel an dieser Erkenntnis ist die Schuld der Kirche. Immer wieder und überall! Denn wer «hat» sie etwa? Wem entgeht sie nicht immer wieder? Wer rennt nicht immer wieder mit das fatale Flachrennen? Was soll die ganze Folge religiöser Explosionen, eine lauter als die andere, die wir seit 1918 schaudernd erleben13? Was soll dieses Buch, sofern es in diesem Chaos offenbar nolens volens mitkonkurriert? Was soll die ganze Geschichte etwa der Theologie bis auf diesen Tag, dieser sprechende Ausschnitt aus dem allgemeinen Kampf ums Dasein, in welchem jeweilen die mit den jüngeren, schärfern Zähnen und Hörnern bewaffneten Tiere den ältern, schwächern den Garaus machen, bis die |505 Reihe an sie selber kommt? Was hat diese Szenenfolge für einen Sinn? Aber wer merkt es etwa, dass sie keinen Sinn hat? Wir vergessen es alle immer wieder. Und eben dieses Vergessen ist die Schuld der Kirche, und wo immer dieses Vergessen stattfindet, da möge man sich demütig eingestehen, dass man sich trotz alles Protestes eben in dieser schuldigen Kirche befindet.

«Sie verkannten die Gerechtigkeit Gottes, strebten danach, ihre eigene aufzurichten und unterwarfen sich so der Gerechtigkeit Gottes nicht.» Eifer für Gott mit Erkenntnis wäre die Unterwerfung unter die Gerechtigkeit Gottes, Gottes selbst, Gottes allein, die Beugung vor dem Geheimnis der göttlichen Prädestination und die Liebe zu dem in diesem Geheimnis thronenden Gott, weil er allein wahrer Gott ist. Denn die Gerechtigkeit Gottes ist die Freiheit Gottes, 357 sich selber Norm zu sein, seine Freiheit, selbst und allein der Berufende zu sein, auf den es ankommt (9,12), also den Jakob zu lieben und den Esau zu hassen (9,13), also wessen er will, sich zu erbarmen, und wen er will, zu verstocken (9,18), seine Freiheit, selbst und allein Gott zu sein, gestern, heute und morgen mit derselben unbedingten Souveränität. Erkenntnis Gottes nun wäre die nie zu unterlassende, nie schon erledigte, in keinem Sinne jemals hinter uns liegende Anerkennung dieser Souveränität Gottes, sie wäre das unablässig geübte kritische Unterscheiden zwischen der Gerechtigkeit Gottes und allen (allen!) Menschengerechtigkeiten. Sie wäre die unerbittlich immer zu vollziehende Überordnung der Wichtigkeit Gottes gegenüber allem, was uns (und wenn es im Gedanken an Gott wäre!) wichtig ist: Sie wäre das wissende und willige Erleiden des absoluten Angriffs auf den Menschen, der von der Gerechtigkeit Gottes ausgeht. Aus dieser Erkenntnis möchte dann möglicherweise der Eifer für Gott hervorgehen, der die Beteiligung an jenem Flachrennen nicht notwendig in sich schließt und eben damit sich selbst richtet. Aber wer «hat», wer betätigt diese Erkenntnis? Wem ist sie nicht zu wunderbar und zu hoch [vgl. Ps. 139,6]? Wer hält es aus in diesem Licht und in dieser Luft? Wer fürchtete nicht, da möchte «Alles aufhören»? Wer setzte nicht an die Stelle dieser unnahbaren Gottesgerechtigkeit eine (vielleicht, wahrscheinlich, sicher sehr feine, sehr hohe, sehr wertvolle) eigene Gerechtigkeit, «mit Hilfe Gottes», «im Vertrauen auf Gott» usf. einen Plan, ein Programm, eine Methode, eine Sache, eine neue Sprache, eine |506 Bewegung, ein Ding, das uns weniger zu schaffen und mehr zu tun, weniger zu denken und mehr zu reden, weniger zu erleiden und mehr zu unternehmen gibt als jene Gottesgerechtigkeit? Ein Ding, bei dem der Mensch (vor allem der religiöse Mensch) in seiner Taten-, Rede- und Unternehmungslust, in seiner unstillbaren Reform- und Revolutionsfreudigkeit besser auf seine Rechnung kommt, weil er darüber des Gerichts, unter dem er steht, vergessen kann, als wenn ihm, außer Gott über alles zu fürchten und zu lieben – nichts übrig bleibt. Wann wäre die Kirche nicht in Versuchung gewesen, der Gerechtigkeit Gottes eine solche menschliche eigene Gerechtigkeit zu substituieren? Wann hätte sie dieser Versuchung widerstanden? Wann wäre sie etwas Anderes gewesen als das, was die römische Kirche nur vollkommener ist als alle übrigen: die Organisation zur Wahrung der berechtigten Interessen des Menschen gegenüber Gott, der mehr oder weniger geschickte Versuch, die Wahrheit der göttlichen Prädestination zu verheimlichen und zu unterdrücken? Wann hätte sie je den Mut gehabt, alle Bindungen, mit denen sie sich selbst an die Bedürfnisse, Wünsche und Strebungen 358 dieses Menschen in dieser Welt gebunden, zu zerreißen und sich ganz auf Gott zu stellen? Kann sie das überhaupt? Kann sie sich auch nur denken, dass sie es könnte? Kann sie es aber nicht, gerade das, was sie offenbar nach ihrem eigensten Programm tun müsste, nicht – bricht ihre Erkenntnis Gottes immer wieder in dieser Krisis zusammen, e-dass sich der Mensch als Mensch Gott als Gott zu erkennen scheut-e und weigert, wie darf sie sich dann wundern über die Anklage, die – wahrlich nicht von Menschen – gegen sie erhoben ist? Wie darf sie sich dann der Notwendigkeit entziehen, diese Anklage selber gegen sich selbst zu erheben?

507

Das Licht in der Finsternis

10,4–21

Ist die Not der Kirche die Schuld der Kirche und besteht die Schuld der Kirche, wie wir eben sahen, gerade darin, dass sie ihre Notf, die Not, die ihr durch ihre Gabe und Aufgabe, durch ihr Thema bereitet wird, nicht anerkennen, sondern ihr, d. h. aber Gott, ausweichen will, so bedeutet das, dass es auch anders sein könnte, dass der Möglichkeit, Gott als Gott nicht anzuerkennen, sondern ihm gerade als Gott auszuweichen, eine andre Möglichkeit gegenübersteht und dass die Kirche nicht auf eine blinde fatale Notwendigkeit rekurrieren kann, sondern sich selbst dafür haftbar machen muss, wenn sie diese andere Möglichkeit nicht ergreift. Das Licht scheint in der Finsternis [Joh. 1,5]. Wir müssen uns das deutlich machen, nicht nur damit uns die Not der Kirche ganz unzweideutig und brennend als ihre Schuld bewusst werde, sondern auch damit uns eben an diesem Punkt der Zusammenhang zwischen der Not und der Hoffnung der Kirche vor Augen trete. Die unmögliche Möglichkeit Gottes, sie liegt im Bereich ihrer Möglichkeiten, und das ewige Licht, das Licht vom ungeschaffenen Lichte, es leuchtet ihr. Ob sie Augen hat zu sehen, das, nur das ist die Frage.

V. 4‒5 Denn das Ziel des Gesetzes ist Christus, zur Gerechtigkeit für jeden, der glaubt. Denn Mose beschreibt die Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, mit den Worten: Der Mensch, der dies tut, wird durch sie leben!*1

«Das Ziel des Gesetzes ist Christus zur Gerechtigkeit für jeden, der glaubt.» Es gibt nur 359 eine Wahrheit, nur eine Freiheit Gottes, zu erwählen oder zu verwerfen, nur eine Gerechtigkeit Gottes. Ob sie |508 uns begegnet als die «Gerechtigkeit, die aus der Treue Gottes kommt» und im Glauben begriffen, bejaht und angeeignet wird (1,17), oder ob sie uns begegnet als die «Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt», d. h. als die dem menschlichen Tun gesetzte Norm, als das Ziel, auf das und durch das es gerichtet ist, sie ist eine und dieselbe. Unanschaulicherweise ist sie die ersteg, anschaulicherweise immer die zweiteh. Eine andere Gerechtigkeit kann auch aus dem Gesetz nicht kommen, als eben die Gerechtigkeit Gottes, und kommt sie aus dem Gesetz, so ist sie die Gerechtigkeit, die aus der Treue Gottes kommt. Denn der Sinn, die Meinung, das «Ziel des Gesetzes» ist die Gerechtigkeit Gottes. Nicht umsonst jagt ja die Kirche, die das Gesetz treibt und treiben muss, einem «Gesetz der Gerechtigkeit», einer Reichgottesreligion nach (9,31). Das Ziel, von dem alle menschliche Religion Zeugnis gibt (3,21), ist Christus. Und Christus ist das Ziel der menschlichen Bedürfnisse, Wünsche und Strebungen, deren Pflege und Befriedigung die Kirche angeblich ihre ganze liebevolle Aufmerksamkeit zuwendet. Täte sie es doch nur! Sähe sie doch ein, was es bedeutet, das «Gesetz der Gerechtigkeit» zu treiben, Religion als Hinweis und Zeugnis zu wecken und zu erhalten, dem eigentlichen, dem wirklichen, dem alle vorletzten Anliegen in sich aufhebenden letzten Anliegen des Menschen gerecht zu werden! Im Verlauf ihres eigenen Programmes müsste die Kirche auf die Wahrheit, Freiheit und Gerechtigkeit Gottes stoßen. Ist einmal – und das ist in Israel, in der Kirche der Fall – die mögliche Möglichkeit des religiösen Menschen, der Anbetung «Gottes», der Beziehung von Zeit und Ewigkeit aufgetaucht und in Betracht gezogen, dann eben damit auch, als Grenzfall, als Anschauung jenseits der Anschaulichkeit, als Voraussetzung und Blickpunkt, die unmögliche Möglichkeit des Menschen des Glaubens. Eine wirklich ernste Frömmigkeit, eine wirklich ernste Menschengerechtigkeit, eine wirklich ernste Kirche kann (wie im Buch der Psalmen auf jeder Seite zu sehen!) gar nicht stehen bleiben bei sich selber; sie weist notwendig über sich selbst hinaus; sie weiß, dass sie nicht mehr sein kann als menschlicher Eindruck, Mittelstation, Wegweisung, Erinnerung, Negation. Sie entzündet (nochmals sofern sie ernst ist, sofern |509 sie weiß um sich selber!) notwendig selber das Dynamit, das die Pagode, jede Pagode, die möglicherweise um sie herum entstanden sein oder noch entstehen könnte, in die Luft sprengt. Wird das Gesetz ernst genommen, dann hört aller Friede, alle Ruhe, alle Sicherheit, die nicht Friede, Ruhe und Sicherheit im ewigen Augen360blick der Offenbarung Gottes wären, auf. Es hört auf alles «Jagen» nach der Gerechtigkeit, das etwas anderes wäre als die Frage nach der Erkenntnis (10,2). Es hört auf alles Aufrichtenwollen einer «eigenen Gerechtigkeit» (10,3). Es hört auf, und wir wissen, dass wir damit sagen: das Wunder geschieht, die keinen Augenblick in der Zeit ausfüllende existentielle Beziehung des Menschen zu Gott wird Ereignis, der Glaube glaubt, Gott redet. Das ist ernste Frömmigkeit, ernste Kirche! Aber das liegt (als unmögliche Möglichkeit!) im Bereich menschlicher Möglichkeit, wo immer Kirche ist, wo immer die vorletzte, die religiöse Möglichkeit in Betracht gezogen ist. Auch die Kirche Esaus, die einzige, die wir kennen, lebt ja von der Möglichkeit der Kirche Jakobs.

«Der Mensch, der dies tut, wird durch sie leben!» Mit diesen Worten beschreibt Mose (Lev. 18,5) die «Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt». Mose weiß, was er sagt. Mose ist auf keinen Fall bloß der Vertreter des Gesetzes, das nur Menschenwerk und nichts als das bedeutet, auf keinen Fall bloß der Typus des sich selbst nicht verstehendeni Kirchenmanns, auf keinen Fall bloß der uneinsichtig selbstbewusste Repräsentant der höchsten Religion. Mag er das alles auch sein. Welcher Prophet, welcher Apostel, welcher Reformator wäre das nicht auch? Er ist aber als Prophet, als Apostel, als Reformator, als Mose mehr als das. Er legt den Finger darauf, dass das Gesetz getan werden muss, damit der Mensch durch die Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, lebe. «Nicht die Hörer des Gesetzes sind gerecht vor Gott, sondern die Täter werden gerecht erklärt werden» (2,13). Das ist Mose Meinung von der Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt. Was heißt aber ein «Täter des Gesetzes» sein? Wir erinnern uns, dass das heißt: sich beugen vor dem, der das Gesetz gegeben, von dem wir es empfangen, begreifen, dass nur durch göttliche Nähe und Erwählung Menschengerechtigkeit entstehen kann, entstehen, um immer wieder zu zeugen von der Majestät göttlicher Nähe und Erwählung. |510 Also alle (alle!) Menschengerechtigkeit dem ausliefern, dem sie gehört, und ihm (nur ihm!) die Ehre geben. Nur wo das Gesetz getan (aber eben getan!) wird, wo also die unmögliche Möglichkeit des Wunders, der Existentialität, des Glaubens, Gottes als solche (also nicht zeitausfüllend, nicht auf der Fläche der seelischen, geschichtlichen Dinge, nicht Anlass zu menschlichem Ruhm gebend (3,27f.!)) möglich wird, da wird der Mensch durch sie leben, sagt Mose, und es kann nicht fehlen, dass auch er durch Anwendung des Futurum aeternum ausdrücklich darauf aufmerksam macht, dass er mit der Verheißung und mit der Bedingung, an die er jene 361 knüpft, keine direkte, keine anschauliche, sondern die messianische, die eschatologische Möglichkeit meint. So also müsste eine ernste Kirche ihre eigene Gabe und Aufgabe: die «Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt», auffassen, so dass es in energisch vollzogenem dialektischem Griff alsbald klar würde, dass das Ziel des Gesetzes Christus ist, dass aus dem Gesetz selbst keine Gerechtigkeit kommt, wohl aber aus dem Tun dessen, was das Gesetz fordert, also aus Christus, in dem der Mensch, der «jagende» Mensch aufgehoben und bei Gott aufgehoben wird, also aus Gottes Treue. Zweifellos, dass die Kirche bei dieser Auffassung ihres Programmes ihrer tiefsten Not mit Entsetzen ins Auge blicken müsste; denn es ist schrecklich, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen [Hebr. 10,31]. Aber ihre Schuld könnte dann von ihr genommen sein. Und über ihrer Not würde sie dann ihre Hoffnung leuchten sehen. Sofern die Kirche die Möglichkeit hat, ihr Programm so aufzufassen, scheint das Licht in der Finsternis [vgl. Joh. 1,5].

V. 6‒8 Die Gerechtigkeit, die aus der Treue Gottes kommt, aber spricht so: Sage nicht in deinem Herzen: «Wer wird in den Himmel hinaufsteigen?» (nämlich um Christus herunterzuholen!), oder: «Wer wird in den Abgrund hinabsteigen?» (nämlich um Christus von den Toten heraufzuholen!) sondern was spricht sie? «Nahe ist dir das Wort, in deinem Munde und in deinem Herzen!» (nämlich das Wort von der Treue Gottes, das wir verkündigen!) (Dtn. 30,12–14).

«Die Gerechtigkeit, die aus der Treue Gottes kommt», verkündigt, wie wir gesehen, als «Ziel des Gesetzes» durchaus auch Mose. Scheut und weigert sich die Kirche, Gott die Ehre zu geben, so darf und kann |511 sie sich nicht darauf berufen, dass der Mensch nur der Mensch sei und nur menschliche Möglichkeiten habe. Die Botschaft von Gott, dem Unbekannten, dem Schöpfer und Alleingewaltigen ist ihr, ist dem Menschen nicht fremd. Sie ist das Fremde, das ihm gerade, als Grenze der Menschheit, nicht fremd sein kann. Geht der Mensch seinen eigenen Weg nur wirklich zu Ende, dann steht er vor Gott. Dann steht aber mit ihm die Kirche vor jener ihrer anderen Möglichkeit. An jenem Punkt, wo die Kirche vor Gott treten, sich selbst ganz ernst nehmen könnte, würde das Flachrennen nach dem «Gesetz der Gerechtigkeit» (9,31), das erkenntnislose Eifern für Gott (10,2), das Streben nach der Errichtung einer eigenen anschaulichen Gerechtigkeit (10,3) in der Tat aufhören und die Kirche würde, was der Mensch eigentlich bei ihr sucht und von ihr erwartet: die Stätte der fruchtbaren, der verheißungsvollen Buße und nichts sonst. Zu jenem Punkt vorstoßend, würde ihr das krampfhafte Bemühen gerade verleidet, ab362wechselnd «in den Himmel» und «in den Abgrund» zu fahren, das «Allerhöchste» und «Allertiefste» zu sein, es zu habenj, zu sagen, es darstellen, zeigen, austeilen zu wollen, also Gottes Werk selber zu vollbringen, die Inkarnation der Gottheit und die Auferstehung der Menschheit jetzt durch die Dynamik und Dämonie ihres Wortes, jetzt durch ästhetische Raffinierung ihres Kultus, jetzt durch Popularisierung ihrer Sprache, jetzt durch Verdoppelung und Verdreifachung, durch Steigerung der Intensität und Verbreiterung der Basis ihres amtlichen Betriebs, jetzt durch eiliges Eingehen auf allerlei sehr fragwürdige «Laienwünsche», jetzt durch theologische und jetzt durch demagogische Kunst und jetzt durch Anpassung an die kommenden und gehenden romantischen, liberalen, nationalen und sozialistischen Zeitgeister – in Szene zu setzen! denn darum handelt es sich. Sie wüsste dann, dass man Christus nicht in Szene setzen, weder «herab-» noch «heraufholen» kann, dass er in keinem Sinn der erhöhte, der verklärte, der ideale, sondern der neue Mensch ist, dass Weihnachten darum nicht das Fest der wohlbekannten Mutter und des wohlbekannten Kindleins ist, die wir so lieben, Karfreitag kein Anlass, uns mit unsern Leiden noch mehr zu beschäftigen, als wir es ohnehin tun, Ostern keine Darstellung des Sieges unsres Lebens, unsrer Aspiratio|512nen (z. B. des Sozialismus oder der Auferstehung Deutschlands!), Himmelfahrt kein Symbol unsres gen Himmel fahrenden Idealismus, dass das Feuer der Pfingsten nichts zu tun hat mit den von uns arrangierten Feuersprüngen, und wenn sie noch so begeistert und echt wären. Die Kirche (inbegriffen jedes mögliche Kirchlein, das ums Leben gern nicht Kirche wäre) wäre dann der Ort, wo im Unterschied zu allerlei andern Orten die angemessene (und nie ausgemessene!) Distanz gegenüber dem Allerhöchsten und Allertiefsten wahrgenommen, geschaffen und gewahrt wird, damit es endlich selbst zu Worte gelangen könne, der Ort, wo man nicht erst mit oder ohne Weihrauch zu «schweigen» braucht, weil das Schweigen vor Gott der Sinn des Schweigens und des (lauten!) Redens ist, das sich daselbst ereignet, der Ort, wo der Mensch die frohe Botschaft, das positive Wort Gottes vernimmt, gerade weil er hier (im Gegensatz zu allen gut gemeinten Sentimentalitäten und Moralitäten) das höchst negative Wort vom Kreuz und nur das zu vernehmen bekommt. Es sei ausdrücklich gesagt, dass mit dem «in den Abgrund fahren»-Wollen, das nicht sein soll, auch der naheliegende Versuch gemeint ist, dieses der Kirche schließlich allein verbleibende negative «Wort vom Kreuz» mit einer menschlichen Positivität zu umkleiden: Sei es dadurch, dass man statt des ge363wohnten christlichen Idealismus nun diese Botschaft vom Halt! und vom Abbau mit Plerophorie, Überzeugung und Kunst vorzutragen beginnt. Sei es dadurch, dass man diese radikale Negation alles Menschlichen, den «Abgrund», der sich hier öffnet, zu einem neuen, höchst eigenartigen und geistreich wirkenden theologischen Gesichtspunkt macht. Sei es dadurch, dass man sie als Methode der Heilsgewinnung predigt und damit doch wieder zu einer menschlich-möglichen Position und Haltung, zu einer – Moral macht! So dass nun etwa im Gegensatz zu der sonst geübten Betriebsamkeit der Kirche in einer künstlichen Passivität, statt in der gewohnten extensiven Propaganda in einem vermeintlich intensiven, bedeutungsschweren, in Wirklichkeit höchst fragwürdigen, weil höchst absichtlichen, höchst gemachten – «Warten», Nicht-Redenk, Nichts-Treiben das Heil gesucht würde. Auch das kommt nicht in Betracht!

513«Nahe ist dir das Wort in deinem Munde und in deinem Herzen, nämlich das Wort von Gottes Treue, das wir verkündigen.» Das bedeutet in erster Linie: Es bedarf keiner Machenschaften, keiner Verrenkungen, keiner Künste, keiner positiven und keiner negativen. Es bedarf nur eines: des Blickes in die Nähe, d. h. in die Not und Verheißung des Lebens, wie sie in jedem Wort deines Mundes, in jeder Regung deines Herzens zum Ausdruck kommen. Du stehst, einfach dadurch, dass du Mensch bist, an jener Grenze der Menschheit, in jener Problematik, auf die «das Wort von der Treue Gottes, das wir verkündigen», die einzige Antwort ist. Schlichteste, nüchternste, illusionsloseste, weltlich-kritische Einsicht in das Dasein und Sosein von Welt und Leben ist die einzige Voraussetzung, die erfüllt sein muss, damit wir auch unsrerseits dem «Worte» nahekommen. Eine Kirche, die aus allen ihren heiligen Höhen und Tiefen, aus allen Bezirken ihrer kirchlichen Möglichkeiten extensiver und intensiver Art zurückkehren wollte zum Leben, zum Menschen, zur Lage, zurück aus allen Fernen in die «Nähe», um Aug in Auge der Problematik des Daseins gegenüber zu sein: sie bekäme endlich ihre wirkliche Aufgabe, Not und Verantwortung zu Gesichte, zu Gesichte damit aber auch Den, der sie ihr bereitet, um ihr darin nahe zu sein. Wir wiederholen, dass wir mit dieser resignierenden und sich konzentrierenden, mit dieser streng sachlichen, mehr als «reformierten» Kirche die Kirche Jakobs meinen, die Kirche des Wunders und des Glaubens, die unmögliche Möglichkeit, die «Kirche der Wüste»16, die nie als solche neben andern in Erscheinung treten, die also nicht Gegenstand einer neuen Bewegung, Schule oder Gründung werden kann, weil sie überall und sofort, in dieser und in jener und in jeder möglichen Kirche, die 364 etwa sich selbst ernst zu nehmen gedächte, in Erscheinung treten könnte und wollte. Der Rückzug auf die innere Linie, der hier zu bewerkstelligen wäre, ist also selbst kein zu planendes, einmal zu be|514ginnendes und einmal zu beendigendes taktisches Manöver, sondern der strategische Sinn, den die Manöver der Kirche bekommen, haben und behalten müssten. Heute noch könnte er, ohne irgendwelche Vorbereitung, Begründung, programmatische Klärung und praktische Überlegung dasein, um morgen aufs Neue zu geschehen als der Schritt aus der Hoffnung in die Not, aus der Not in die Hoffnung; denn er ist der ewige Schritt, die neue Qualifizierung und Orientierung aller menschlichen Schritte, der Schritt, der von allen möglichen menschlichen Schritten begleitet oder auch nicht begleitet sein kann, der Schritt, der jeden menschlichen Schritt veranlassen oder auch verhindern kann. Er ist gegenüber allen Möglichkeiten immer die ganz andere und eben darum die immer und überall offene Möglichkeit und selber die Möglichkeit, offen – für Gott, wie er ist, für den lebendigen, den unbekannten Gott offen zu sein. Wo sie eingeschaltet sein sollte, da wäre hinter, über und in der Kirche Esaus (und wenn sie die verrottetste Pfaffenkirche wäre!) die Kirche Jakobs. Denn noch einmal: «Nahe ist dir das Wort!» sagt die Gerechtigkeit Gottes (Dtn. 30,14). Bereit liegt es, ernst genommen zu werden, bereit, sich geltend zu machen, bereit, uns aufs Schwerste zu bedrängen und aufs Höchste zu befreien, bereit, von uns gehört und gesprochen zu werden – das Wort, das, weil es das Wort des Christus ist, doch nie ausgehört, nie ausgesprochen sein wird. Wir selbst warten darauf, es zu hören und zu sprechen. Viel zu schwer ist die Problematik unsres Daseins, als dass wir nicht warten würden auf die Posaune der letzten Frage und Antwort jenseits – aber weil wirklich jenseits, gerade in den Geräuschen der vorletzten Fragen und Antworten. Viel zu gewichtig, viel zu bedeutungsvoll, viel zu transzendent ist aber auch das die Kirche konstituierende «Wort Gottes» (wenngleich gehört von Menschenohren, verkündigt von Menschenlippen!), als dass es ertrüge, anders denn als Posaune der letzten Frage und Antwort verwaltet zu werden. Nahe ist uns das Wort, bereit liegt das Dynamit, wo wir auch hinblicken. Geschieht nun trotzdem nichts oder geschieht immer wieder etwas anderes, wagen wir es nicht, nichts mehr zu wagen als das Kleinste, das das Größte ist, ziehen wir immer wieder dem einen Tag in den Vorhöfen des Herrn tausend andre vor [vgl. Ps. 84,11], wollen unsere Hände nie leer werden, um endlich zu fassen, was nur leere Hände fassen können, haben wir immer schon den Wind in den Segeln und |515 das Steuer in der Hand, bevor wir wissen, wohin die 365 Reise gehen soll, ist der Turmbau immer schon im Gang und der Krieg schon erklärt, bevor wir die Kosten überschlagen und unsre Truppen gezählt haben [vgl. Lk. 14,28–32] – so sollen wir jedenfalls nicht sagen, dass wir etwas Unmögliches unterlassen haben, denn eben dieses Unmögliche ist uns als solches nahe, bereitliegend, möglich, drängt sich uns selbst auf, will hereinbrechen, ist schon da: möglicher als alles, was wir für möglich halten: das Licht scheint in der Finsternis [Joh. 1,5].

V. 9‒11 Denn wenn du mit deinem Munde Jesus als den Herrn bekennst und glaubst in deinem Herzen, dass Gott ihn von den Toten erweckte, so wirst du gerettet werden. Denn der Glaube des Herzens führt zur Gerechtigkeit, das Bekenntnis des Mundes zur Errettung. Sagt doch die Schrift: Jeder, der an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden! (Jes. 28,16).

«Der Mensch, der dies tut, wird durch sie leben!» sagt Mose von der Gerechtigkeit (10,5). Wir bestimmen nun deutlicher, was mit diesem «Tun» gemeint ist. Wieder und wieder taucht als Verheißung jenes Futurum aeternum auf: «… so wirst du gerettet werden!» «… der wird nicht zuschanden werden!» Und: «… dann wird sie die Kirche Jakobs werden!» könnten wir fortfahren. Was ist die von der Kirche zu erfüllende Bedingung, was ist das «Tun» des Gesetzes, das dieser Verheißung entspricht? Antwort: «Wenn du Jesus als den Herrn bekennst und glaubst, dass Gott ihn von den Toten erweckte», so wirst du gerettet werden. Und: «Jeder, der an ihn glaubt», wird nicht zuschanden werden. Also Jesus der Herr und die Auferstehung und der Glaube, das ist die Bedingung. Keine andere, als die schon Mose stellte. Nichts anderes als die von uns immer als gefordert gewusste, immer wieder abgelehnte Unterwerfung unter die Gerechtigkeit Gottes (10,3). Kein anderes Wort als eben das, das Israel in seinem Herzen und auf seinen Lippen findet, unendlich bereit, unendlich nahe, wenn es weiß, was es bedeutet, Israel zu heißen, wenn die Kirche sich selbst ernst nimmt (10,6–8). Unanschaulich gegenüber dem Ort, wo die Kirche steht mit ihrer Möglichkeit – als die Möglichkeit aller Möglichkeiten ohne Möglichkeit, als der Abgrund, in den niemand springen kann und in den wir doch alle springen müssen: diese drei, der Herr, die Auferstehung, der Glaube. Es bezeichnet «der Herr» den unbedingten imperatorischen Anspruch, «die Auferstehung» die schlechthinige |516 Fremdheit, «der Glaube» die freie Initiative des absoluten Moments der Gerechtigkeit Gottes. Dass es aber Jesus ist, der in seiner historischen Einmaligkeit, Zufälligkeit und Zeitlichkeit (8,4) als der Herr, als der Auferstandene, als der zu Glaubende 366 zu bekennen und zu glauben ist, das bezeichnet die Existentialität dieses Moments im Gegensatz zu aller bloßen Idealität. Darum auch: «Der Glaube des Herzens führt zur Gerechtigkeit, das Bekenntnis des Mundes zur Errettung.» Nicht die Reihenfolge von «Herz» und «Mund» ist dabei wichtig und nicht einmal das, dass es gerade das Herz und der Mund sind (denn es könnten durchaus auch die Füße, die Hände, die Augen, die Ohren genannt sein), wohl aber der durch die Nennung dieser menschlichen Organe erreichte Hinweis auf das kontingente Dasein und Sosein des Menschen mit seiner ganzen Problematik und auf die der Kontingenz dieses Daseins und Soseins entsprechende und antwortende Existentialität der Wendung und Entscheidung, die sich an Jesus und eben darum im Bereich, wenn auch als Grenzfall, menschlicher Möglichkeit vollzieht. Der Mensch, der dies tut, der bekennt und glaubt, er – wir haben die schlechthinige Unanschaulichkeit und Unerhörtheit dieses Tuns über der Betonung seiner Existentialität nicht vergessen! – wird durch Gerechtigkeit leben. Durch die «Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt» [10,5]? Ja, denn mit der Betonung der Existentialität Jesu, des ihn bekennenden Mundes, des ihm glaubenden Herzens sagten wir einerseits unweigerlich «Gesetz», Religion, Geschichte, Psyche. Wir betonten aber die Existentialität Jesu als des Herrn, als des Auferstandenen, als des zu Glaubenden und sagten damit, dass die Gerechtigkeit, indem sie kommt, indem das Unmögliche möglich wird, nicht aus dem Gesetz, sondern aus der Treue Gottes kommt. Das also die Bedingung, die jener Verheißung entspricht, wirklich entspricht dem Futurum aeternum jener Verheißung. Und wir behaupten und meinen es zeigen zu können, dass diese der unanschaulichen Verheißung genau entsprechende Bedingung der Kirche weder unbekannt noch unerfüllbar sein kann.

V. 12‒15 Denn da ist kein Unterschied zwischen Jude und Grieche: Derselbe Herr ist über Allen, reich für Alle, die ihn anrufen. Denn jeder, der den Namen des Herrn anrufen wird, wird gerettet werden. Wie könnten sie ihn nun anrufen, wenn sie nicht an ihn glauben würden? Wie könnten sie aber glauben, wenn sie nicht |517 gehört hätten? Wie könnten sie aber hören ohne Verkündiger? Wie könnte man aber verkündigen, ohne gesendet zu sein? Wie geschrieben steht: Wie rechtzeitig nahen die Füße derer, die gute Botschaft bringen!

Anschaulich als der Unanschauliche, bekannt als der Unbekannte, ihre letzte Frage und Antwort aussprechend, so steht der aufer367standene Herr allen ihn Anrufenden gegenüber. Er ist nicht ein Religionsstifter und Kirchengründer neben andern und gegen andre. Er ist, weil er die Gerechtigkeit Gottes in ihrer imperatorischen Gewalt, in ihrer Fremdheit und Freiheit selbst ist, der Schlüssel, der alle Schlösser öffnet, die Welle, die durch alle Stockwerke des Gebäudes hindurchläuft, der Blickpunkt aller Bilder. Das Leben in seiner ganzen Breite, Tiefe und Höhe weist hin auf die noch ganz anders ganze Breite, Tiefe und Höhe der Errettung und Erfüllung, die in Jesu Auferstehung sich ankündigt. Er ist darum auch das Ziel aller Gesetze und Religionen. Gesetz und Religion ist ja überall da, wo dieser im widerspruchsvollen Geschehen des Lebens liegende Hinweis in Frage steht, wo sein Vorhandensein auch nur geahnt, seine Deutung auch nur gesucht wird. Und wo geschähe das nicht? Wo aber gäbe es ein solches Ahnen und Deutenwollen, in dem nicht potentiell die «Anrufung» Gottes läge, und eben darum Anrufung des Namens des Herrn, der Gott als Gott offenbar macht? Gäbe es ein Bewusstsein des den Menschen bedrängenden Todesverhängnisses ohne das (unbegreifliche!) Bewusstsein der (unmöglichen!) Auferstehungsmöglichkeit? Gäbe es die Universalität der Not, wäre sie als solche erkennbar und benennbar ohne die Universalität des Heils, dessen Abschattung sie ist? So gäbe es auch keine «Gesetze», keine Religionen, so gäbe es auch nicht das in ihnen sich manifestierende Fragen nach dem höchst verborgenen Sinn des Lebens ohne die Anrufung des Herrn, der in höchster Verborgenheit die Beantwortung dieses Fragens ist. Gott hat geantwortet, ehe sie riefen, und eben darum, einzig darum riefen sie. Weil sie an Gott genesen sollen, sind sie an Gott krank. Das ist der Sinn der Lage zwischen Gott und Mensch, wie sie in Jesus offenbar geworden ist, der «der Herr» dieser Lage ist kraft seiner Auferstehung, der es offenbar macht in der Not unsres Daseins, in unserm Seufzen, Fragen, Suchen und Schreien, dass der Reichtum göttlicher Errettung und Genesung die verborgene Wurzel dieser Not und dieses Seufzens |518 ist. Das ist die Lage: «Da ist kein Unterschied zwischen Jude und Grieche. Derselbe Herr ist über Allen, reich für Alle, die ihn anrufen. Denn jeder, der den Namen des Herrn anrufen wird, wird gerettet werden» (Joel 3,5). «Jeder, der an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden» (10,11). Was aber bedeutet das alles im Blick auf die Kirche, auf jede Kirche. Bedeutet es nicht: Jede Kirche, die sich selbst ernst nimmt, wird die Kirche Jakobs werden? Ist’s, zu Israel gesagt, ein Gerichtswort oder ein Verheißungswort, dieses «Jeder», dieses: «Es ist 368 kein Unterschied zwischen Jude und Grieche»? Es ist auf alle Fälle der ausdrücklichste, der dem Paulus wichtigste Kommentar zu den Begriffen «Glaube» und «Gerechtigkeit»; denn es bezeichnet, ob es der Kirche lieb oder leid sei, dieses «Jeder», dieses «kein Unterschied» die schrankenlose Freiheit Gottes, wie sie der Sinn des für jene Begriffe entscheidenden Kreuzestodes des Christus ist. Diesen Herrn gilt es anzurufen, der «Herr ist über alle, reich für alle, die ihn anrufen», ohne Unterschied von Jude und Grieche, der, indem er den Juden rechtfertigt, sich selbst rechtfertigt und also, sich selbst rechtfertigend und dem Juden nicht verpflichtet, auch den Griechen rechtfertigen kann, der allen Menschen gegenüber Gott ist. So ist Gott in Jesus offenbar als der Herr. Ist die Kirche klug, dann wird ihr das lieb sein; denn wenn es so ist, dann ist sie jedenfalls von diesem Herrn nicht ausgeschlossen, wenn sie ihn anruft, weil er der Herr über alle ist; ist sie klug, so wird sie ihn, werde daraus, was da wolle, anrufen. Ist sie töricht, dann wird es ihr leid sein, dass Gott so offenbar ist in Jesus; denn wenn es so ist, so ist sie nicht ohne weiteres ­eingeschlossen, auch nicht um ihrer Anrufung willen; ist sie töricht, so wird sie es aus Furcht vor diesem harten Herrn unterlassen, ihn anzurufen. Aber sei dem, wie ihm wolle: Dieser Herr wird, wie er ist, «angerufen». Angerufen heißt existentiell bekannt, geglaubt, gefürchtet, geliebt. Es sind Menschen, die warten in Unterwerfung unter die Gerechtigkeit Gottes auf das ewige Leben (10,5), auf die ewige Errettung (10,9.13), auf das ewige Nichtzuschandenwerden (10,11). Sind sie in der Kirche, sind sie außer der Kirche, sind sie eine eigene neue Kirche? Die Frage ist – und gerade das ist für die Kirche das Beunruhigende – belanglos. Wir reden nicht von den paar bekehrten «Heiden» in Rom, Korinth und Ephesus. Nur Zeichen sind sie für eine ganz andere Umkehrung. Wir reden auch nicht von den edlen |519 Heiden wie Seneka u. a. 17, nicht von frommen Weltkindern, nicht von unbewusst christlichen Atheisten18 u. dergl.; Zeichen nur sind auch sie uns für das Licht, in dem in Christus alle – abgesehen von aller Menschengerechtigkeit – stehen. Wir reden nicht von einer Größe, mit der die Kirche doch konkurrieren, an der sie sich messen und die sie an sich selbst messen könnte. Wir reden vom Reiche Gottes. Die gläubigen Heiden, von denen wir sagen, dass sie den Herrn anrufen, sind ganz und gar eine eschatologische, eine nicht aus einer Zahl von psychologischen Individuen zusammengesetzte, sondern die Totalität der psychologischen Individuen – abgesehen von ihrer Zugehörigkeit zur Kirche – potentiell umfassende Größe. Es kennt der Herr die Seinen [vgl. 2.Tim. 2,19] und – es sind Menschen, die den Sinn für die Realität dieser Ordnung, 369 dass der Herr die Seinen kennt, haben und sich vor ihm beugen, denen die Erfüllung dieser Bedingung nicht unmöglich ist. Diese Menschen (wer gehört dazu? wer gehört nicht dazu?) stellen wir der Kirche gegenüber. Es kann auch der Kirche nicht unmöglich sein, diese Bedingung zu erfüllen, jener Ordnung sich zu beugen, ohne etwas davon noch dazu zu tun, ohne das Geheimnis der Prädestination durch eine menschliche «Heilsordnung» zu ergänzen und – aufzuheben, sich aufrichtig und immer wieder in die Reihe der Nachkommen des unbeschnittenen Abraham (4,9–12) zu stellen, stark genug zu sein, um sich ihrer Schwäche vor Gott bewusst zu werden.

520Also: «Wie könnten sie ihn nun anrufen, wenn sie nicht an ihn glauben würden? Wie könnten sie aber glauben, wenn sie nicht gehört hätten? Wie könnten sie aber hören ohne Verkündiger? Wie könnte man aber verkündigen, ohne gesendet zu sein?» Jesus der Herr wird angerufen, so gewiss jenes Schreien des Menschen aus seiner tiefen Not, wie es sich äußert in der Mannigfaltigkeit der Gesetze und Religionen, nicht stattfändel ohne das unanschauliche, jenseits aller Feststellbarkeiten, aber als ihrer aller in Gott gegebene Voraussetzung stattfindende Wissen des Menschen um Gott. Dieses Wissen um Gott ist aber gerade in seiner ganzen Verborgenheit Glaube; es setzt ein ebenso verborgenes Hören voraus, eine ebenso verborgene Verkündigung, eine ebenso verborgene Sendung der Verkündiger. Es setzt mit einem Wort voraus die Möglichkeit, nein die Wirklichkeit der verborgenen Kirche Jakobs, deren Ohr Gottes Wort hört, deren Mund Gottes Wort redet.

Wir wissen, von welcher Möglichkeit wir reden. Die «rechte Zeit», die Endzeit, Gnaden- und Gerichtszeit, – Gottes Zeit und Stunde ist es, wenn «die Füße derer nahen, die gute Botschaft bringen», die gute Botschaft von Gottes Reich, Kraft und Herrlichkeit [vgl. Mt. 6,13], von der Legung des neuen Koordinatensystems der Wahrheit, das Gott und Mensch auseinanderrückt, um Mensch und Mensch nebeneinanderzustellen vor Gott, von dem neuen Israel, dem niemand mit Recht, alle aus Erbarmen angehören. Ist Gott wahrer Gott, wie sollte diese rechte Zeit nicht da sein? Ist sie da, wie sollte er seine Boten nicht senden, wie sollte sein Name nicht verkündigt, gehört, geglaubt, angerufen werden? Fraglich ist nie, zu keiner Zeit, ob es wirklich die rechte Zeit sei, mit der Gerechtigkeit Gottes und also mit seinem Alle demütigenden Zorn und mit seinem Alle aufsuchenden Erbarmen zu rechnen. Fraglich ist immer nur, ob wir die Rechten sind, 370 das zu tun. Fraglich ist nicht das Scheinen des Lichts in der Finsternis [vgl. Joh. 1,5], wohl aber, ob es gerade von der Kirche, gerade von Abrahams Geschlecht gesehen wird.

V. 16‒17 Aber nicht alle gehorchten der Heilsbotschaft. Denn Jesaja sagt: Herr, wer glaubt unsrer Kunde? (Es musste ja der Glaube kommen aus der Kunde, die Kunde aber durch das Wort des Christus!)

521«Nicht alle gehorchten der Heilsbotschaft.» Das Wort, das das Ziel des Gesetzes ist, fordert Gehorsam. «Die Täter des Gesetzes werden gerecht erklärt werden.» [2,13] Hier scheiden sich die Geister. Hier wird die Not der Kirche zu ihrer Schuld, und ihre Schuld wird zur Ursache ihrer Not. Denn es ist die oben (10,12f.) aufgedeckte universale Voraussetzung nicht etwa zu verwechseln mit dem rationalen Universalismus, mit der rationalen (in Wirklichkeit den Geist des echten Rationalismus betrübenden!) Voraussetzung eines «religiösen Apriori», einer hinter oder vor allen sog. positiven Religionen liegenden allgemeinen Vernunftreligion.19 Sagen wir: «Jeder, der den Namen des Herren anrufen wird, wird gerettet werden!» (10,13), so handelt es sich bei diesem «Jeder» um den Universalismus der Gnade, um die Voraussetzung der Offenbarung. Dieser Universalismus und diese Voraussetzung bedeutet – gerade im Gegensatz zu allem religiösen Apriorismus – die Destruierung (nicht die Konstituierung!) aller menschlichen Religionen, die Proklamierung völliger Voraussetzungslosigkeit im entscheidenden Punkte. Gott ist frei. Die Heilsbotschaft ist gerade darum Heilsbotschaft, weil sie allen (auch den transzendentalst gedachten!) menschlichen Anknüpfungen, Vermittlungen und Voraussetzungen die absolute Souveränität Gottes gegenüberstellt. Kant hat aus guten Gründen und in letzter Einsicht keine Kritik (Begründung!) der frommen Vernunft geschrieben. Nur um eines kann es sich menschlicherseits handeln: um die (bei Kant mehr als bei seinen religiösen Verächtern20 stattfindende!) Anerkennung der Freiheit Gottes, d. h. aber um – Gehorsam. Gehorsam heißt: Buße tun, |522 d. h. aber eingehenm wollen auf die göttliche, die rechtzeitige, endzeitliche Möglichkeit, uns zu beugen vor seinem Zorn und Erbarmen, offen werden für den einseitigen, den leidenschaftlichen, den ausschließlichen Anspruch, den «der Herr» an den Menschen stellt, offen für das schlechthin Fremde der «Auferstehung», offen für die grundlos freie Initiative des «Glaubens». Gehorsam heißt: es entsteht an diesem, dem bekannten Menschen jene Einbruchstelle, jener Hohlraum, wo der neue Mensch atmen und sich bewegen kann. Gehorsam ist der Sinn 371 für das eigentliche, für das spezifisch Göttliche, für das ganz Andere Gottes, für Gott als König, Monarch und Despot. Gehorsam heißt darum Parteigängerschaft unter allen Umständen, Willigkeit, der Selbstbewegung Gottes die eigene Bewegung zu opfern, in den Tod zu geben alle Wichtigkeiten, Bedürfnisse und Ansprüche des bekannten Menschen, Bereitschaft auf Abruf aus allem dies und das, hier und dort, in dem wir stehen, aus allen Unternehmungen, Denk- und Arbeitsgewohnheiten, Kompromissen, Bündnissen und Wagnissen, in die wir verwickelt sind, völlig freies Aufliegen des schwingenden Pendels auf seinem Ruhepunkt. Freiheit zu «wandeln», d. h. denselben Weg vorwärts und rückwärts immer wieder zurückzulegen und nicht stille zu stehen, das Leben von jedem gegebenen Punkt aus mit demselben Ernst zu begreifen und anzugreifen, dem Stoß, der von Gott dagegen erfolgt, immer in seiner ganzen Tragweite Raum zu geben und den Halt, den alles in Gott hat, nie zu vergessen, nie zu verlieren. Das wäre der Gehorsam, der der Heilsbotschaft entsprechen würde. Aber wer gehorcht denn? Sehr milde, sehr bedeutungsschwer gesagt: «Nicht Alle». Sicher nicht Diese und nicht Jene. Sicher nicht eine Zahl so und so Vieler. Die Kirche Jakobs, die gläubigen Heiden, «die auf den Pfaden des Glaubens ohne Beschneidung wandern, der der unsres Vaters Abraham war» (4,12) – ja, aber wer sind diese? Wo sind sie etwa? Und die Kirche Esaus, unsre Kirche, die bekannte Kirche, gehorcht sie etwa? Es müsste ja so sein! Das «Wort des Christus» ist ihr nahe. Aus ihm die «Kunde», die von jenen «Boten» vertragen wird. Aus der Kunde ist die Treue Gottes zu vernehmen, aus ihr müsste der «Glaube», der Gehorsam erwachsen. Erwächst er etwa? Oder stehen die Boten, die sie bringen, nicht immer |523 wieder so seltsam verlassen, einsam, ratlos, zwecklos, innerlichst verlegen da – vor ihren Hörern und wahrlich nicht zuletzt vor sich selbst: «Herr, wer glaubt unsrer Kunde?» (Jes. 53,1). Wo immer, wo Kirche ist, kommt es denn zur Buße in Furcht und Zittern, zum Respekt vor Gott, zum Distanzschaffen und -wahren, zum Angriff auf den (religiösen!) Menschen, zu jener Lockerung des Gefüges menschlichen Wesens, zu jenem «Wandeln», das nicht Halt macht, wenn wieder einmal eine Ecke glücklich erreicht ist, zu jenem dauernden, weil grundsätzlichen, erschrocken-erfreuten Aufmerken, zu jener unbedingten Sachlichkeit, zu jenem unbestechlichen Aushalten und Durchhalten in der Verlegenheit, die Gott uns bereitet? Wo kommt es nicht vielmehr – einige Symptome der Krankheit der Kirche müssen hier genannt sein – zum beständigen Ausweichen vor dem geforderten Bruch, Sprung und Opfer, – zum beständigen Seitwärtsschielen auf die 372 Fürsten und auf das Volk, auf die Gebildeten und auf die Proletarier, auf die Jugend und auf die Bürger, auf die Zeitgenossen und Zuschauer (was sie wohl dazu sagen? damit anfangen? ob sie es wohl verstehen oder vielleicht gar missverstehen könnten?),‒ zu jener wahrhaft staunenerregenden Kunst, dem Göttlichen immer und überall eine historische und psychologische Seite abzugewinnen, interessante Parallelen, geistige Stammbäume, bemerkenswerte Abhängigkeiten und Differenzen festzustellen, sog. «Typen» zu entdecken oder zu erfinden und mit dem allem jeden etwa scharf geladenen Schuss sorgfältig wieder aus dem Rohre zu ziehen, – zu jener gummiballartigen Elastizität, die auch den stärksten Schlag ins Gesicht mit bewundernden Bemerkungen über die religiöse Kraft solchen Schlages zu erwidern weiß, – zu jener entmutigend freundlichen, loyalen und korrekten Art, mit der sogar ein Elia oder Amos unschädlich zu machen wäre, wenn er heute «Bote» sein sollte, – zu jener fabelhaften Schnellkraft, die jedes, aber auch jedes, auftauchende Fünklein der unmöglichen Möglichkeit in die mögliche Möglichkeit einer Bewegung, einer Schule, einer «Linie» oder eines «Kreises», eines allerneuesten Geschreis und Getues von Gottbegeisterten zu verwandeln und womöglich einen entsprechenden Verlag zu begründen weiß, dessen Name schon von Anmaßung und sicherem Misslingen Zeugnis gibt21, – zu jener Fixigkeit, mit der jeder, der auch nur ein bisschen |524 mehr zu merken scheint als einige andere, alsbald dadurch erledigt wird, dass man ihn zum Führer proklamiert, – zu jener Fähigkeit endlich, immer und immer wieder einen Schlupfwinkel zu entdecken, wo der Mensch keine Aufhebung mehr zu befürchten hat, wo er endlich und endlich neutral sein darf, nichts mehr hergeben muss, in «Gewissheit» seiner eigenen Gerechtigkeit froh werden kann. Und bei dem allen der Wahn so ziemlich jedermanns, als ob ihm die Kirche natürlich nicht das Höchste, nicht Selbstzweck sei, dieser Wahn, der seine eigene Widerlegung ist. Wir reden von der Kirche, die wir allein gekannt haben, kennen und kennen werden, von der Kirche, die nie wesentlich anders gewesen ist oder sein wird als eben so, von der Kirche, die ja in allen diesen Symptomen nur verrät, dass sie wirklich und unweigerlich die Kirche Esaus, die Kirche des Unglaubens, die Kirche des Nicht-Hörens ist und bleiben wird, von der Kirche, mit der wir uns – und wir verharren dabei – (9,1–5; 10,1) solidarisch erklärt haben. Aber dass die Not der Kirche ihre Schuld ist und dass das eben die Schuld der Kirche ist, dass sie an ihrer Not – am Geheimnis Gottes – immer wieder vorbeigeht, das muss darum nicht weniger, nein das muss gerade darum ausgesprochen werden. Es muss erinnert werden an das Symptom aller Symptome: daran, dass die 373 Kirche – nicht die Welt, sondern die Kirche – Christus gekreuzigt hat.

V. 18 Aber, sage ich, sollten sie es nicht gehört haben? Ja freilich: über die ganze Welt ging aus ihr Schall und bis zu den Enden der Welt ihre Worte! (Ps. 19,5).

Sollte jene Schuld damit zu entschuldigen sein, dass die Kirche es noch nicht gehört hat? Als ob man das noch nicht gehört haben könnte! Als ob das «Wort des Christus» ein Etwas, eine Neuigkeit wäre, die man «gehört» oder auch «nicht gehört» haben kann, ein Charisma der in irgend einem Winkel, der in einer andern Straße Wohnenden! Als ob irgend jemand sagen könnte, dass ihm das «neu» sei! Als ob es etwas Bekannteres gäbe als den unbekannten Gott, und als ob wir etwas besser wüssten, als dass es so nicht weiter geht! Als ob wir es etwa noch besser wüssten, wenn heute ein Engel vom Himmel käme, |525 auf den Tisch schlüge und uns mit seiner Donnerstimme dasselbe sagte! Nein, wir haben es gehört. Wir sind durchaus «im Bilde», wer wir auch seien. Es ist durchaus die objektive Unmöglichkeit, in der wir uns als Nicht-Hörende befinden.

V. 19‒20 Aber, sage ich, sollte Israel nicht verstanden haben? Schon Mose sagt: Ich werde euch eifersüchtig machen auf ein Volk, das keines ist, und zornig auf ein unverständiges Volk. Und Jesaja wagt sich noch weiter und sagt: ich ließ mich finden von denen, die mich nicht suchten, und wurde offenbar denen, die nicht nach mir fragten (Dtn. 32,21; Jes. 65,1).

Oder sollte jene Schuld damit zu entschuldigen sein, dass wir zwar hören, aber nicht verstehen können? Aber, was heißt verstehen? In einer günstigen geschichtlichen oder seelischen Verfassung sich befinden? Zeit haben? Reif genug sein? Moralische Kraft, dialektische Begabung, einen starken Glauben haben? Aber wo sind denn die Verständigen in diesem Sinn in der unsichtbaren Heidenkirche Jakobs? Gibt es überhaupt auch nur einen einzigen Verständigen in diesem Sinn? Wer ist denn in der Verfassung, wer hat Zeit, Reife, Kraft, Begabung, Glauben – wenn es sich um Gott handelt? Verstehen wir denn gar nicht, dass es sich darum handelt, zu verstehen, dass wir nicht verstehen? Dass eben das Volk, das kein Volk, das das unverständige Volk ist – das Volk der Verständigen ist? Dass – wer wagt es nach zu sagen, was «Jesaja » zu sagen wagt? – von denen, die ihn nicht suchten, Gott in seiner unergründlichen Freiheit in seinem bedingungslosen Erbarmen sich finden lässt und sich offenbart denen, die nicht nach ihm fragten? Kein höchster, erst zu erkletternder Gipfel religiöser Einsicht, kein allerletzter 374 Glaubenskraftschwung ist das Verstehen, das hier gefordert ist, sondern das Verstehen, dass wir in unserm Unverstand von Gott verstanden sind. Sollte das nicht zu verstehen sein?

V. 21 Von Israel aber sagt er: Den ganzen Tag habe ich meine Hände ausgebreitet nach einem ungehorsamen und widersprechenden Volk (Jes. 65,2).

Wir brechen ab. Schuld ist nicht Unschuld. Schuld heißt: Wir können, aber wir wollen nicht. Wir wollen uns nicht preisgeben. Wir wollen von jenem Gipfel nicht heruntersteigen. Wir wollen das neue Koordinatensystem nicht gelten lassen. Wir wollen in den Zelten und |526 Hütten unsres Lagers bleiben, statt uns Gott entgegenführen zu lassen (Ex. 19,17). Ein zähes aussichtsloses Widersprechen gegen Gott – das scheint des Menschen, das scheint der Kirche eigentliches Wesen. Das Licht scheint, aber es scheint wirklich in der Finsternis [Joh. 1,5].

Originalfußnoten

*1
Ich lese in V.5, indem ich mich den Erwägungen von Zahn14 und Kühl15 anschließe: γράφει τὴν δικαιοσύνην τὴν ἐκ νόμου ὅτι ὁ ποιήσας αὐτὰ ἄνθρωπος ζήσεται ἐν αὐτῇ.↩

Textkritische Fußnoten

a-a
Druckmanuskript: «ein solches Gesetz, ein ‹Gesetz der Gerechtigkeit›».↩
b
1. Abdruck (19222): «aus».↩
c
Druckmanuskript: «zeitgemäßen».↩
d-d
1. Abdruck (19222): «der Menschen untereinander sich mit Lorbeeren schmücken oder Lorbeeren sich verweigern». Korrektur in Barths Handexemplar.↩
e-e
1. Abdruck (19222): «daß der Mensch als Mensch Gott als Gott zu erkennen sich scheut». Korrektur in Barths Handexemplar.↩
f
2. Abdruck (19233): «Not».↩
g
1. Abdruck (19222): «erstere».↩
h
1. Abdruck (19222): «letztere». Korrektur in Barths Handexemplar.↩
i
2. Abdruck (19233): «selbst verstehenden».↩
j
1. Abdruck (19222): «sein, zu haben». Korrektur in Barths Handexemplar.↩
k
2. Abdruck (19233): «Nicht-Regen».↩
l
1. Abdruck (19222): «wäre». Korrektur in Barths Handexemplar.↩
m
1. Abdruck (19222): «eintreten».↩

Sachfußnoten

1
Vgl. das Symbolum Nicaeno-Constantinopolitanum, 1. Artikel, DH 150 📖.↩
2
Zu den in der Missionspropaganda gerne so genannten «armen Heiden» vgl. K. Barth, Predigten 1914, hrsg. von U. Fähler und J. Fähler (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 19992, S. 479 📖.↩
3
Das Axiom «Extra ecclesiam nulla salus» geht zurück auf Origenes (In librum Jesu Nave, Homilia III, 5, PG 12,841f.) 📖 und Cyprian von Karthago (Epistola 73,21, CSEL 3/II,795) 📖.↩
4
Verweis auf das Selbstverständnis der katholischen Kirche, dass nur sie dem Menschen «das Heil vermittelt». Vgl.G. Greshake, Art. "Alleinseligmachend", in: LThK3 I, Sp. 404 📖; vgl. die Bulle«Unam sanctam» (18.11.1302), DH 875 📖: «Porro subesse Romano Pontifici omni humanae creaturae declaramus, dicimus, diffinimus omnino esse de necessitate salutis.»↩
5
Vgl. das Symbolum Apostolicum, 3. Artikel, DH 30 📖.↩
6
Mit dem Titel von J. W. von Goethes Gedicht «Grenzen der Menschheit» 📖 umschreibt Barth hier die Intention von Kants Vernunftkritik, z. B. in Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft 📖.↩
7
Mitglieder des «Spartakasbundes», einer linksradikalen Vereinigung in Deutschland; unter Führung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg 1917 entstanden, war sie 1918/1919 führend bei der Vereinigung verschiedener linksradikaler Gruppen zur Kommunistischen Partei Deutschlands.↩
8
Siehe oben S. 197; vgl. weiter In Epistolam S. Pauli ad Galatas Commentarius (1535), WA 40/I, 204,23-27 📖; Operationes in Psalmos (1519–1521), WA 5, 45,30-34; 176,28f.; 507,7f. 📖;Das Magnificat verdeutscht und ausgelegt (1521), WA 7, 551,20 📖.↩
9
Irrtümlich statt «könnte»?↩
10
Siehe oben S. 419, Anm. 64.↩
11
Luthers Vorlesung über den Römerbrief 1515/1516, hrsg. von J. Ficker, Die Scholien (Anfänge reformatorischer Bibelauslegung, 1. Bd. [Teil 2]), Leipzig 1908, S. 249, Z.7–10 📖 (WA 56, 423,19-22).↩
12
D. h. Pferderennen auf ebener Bahn ohne Hindernisse.↩
13
Vgl. z. B. oben S. 269, Anm. 19; S. 482f., Anm. 35; unten S. 642, Anm. 70.↩
14
Zahn, S. 476, Anm. 66. 📖↩
15
Kühl, S. 353. 📖↩
16
Wohl nach dem Ausdruck «Église du désert», der Bezeichnung für den französischen Protestantismus, als nach der Aufhebung des Edikts von Nantes (1685) die protestantischen Geistlichen mehr als hundert Jahre nur noch im Verborgenen und unter größter Gefahr Gottesdienste halten konnten. Vgl. Th. Schott, Die Kirche der Wüste. 1715 bis 1785. Das Wiederaufleben des französischen Protestantismus im achtzehnten Jahrhundert (Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte, Bd. 43/44), Halle 1893 📖.↩
17
Anspielung auf Zwinglis Lehre, dass bestimmte Heiden ohne ausdrücklichen Glauben an Christus die ewige Seligkeit erlangen; vgl. Sermonis de providentia Dei anamnema, Sämtliche Werke, Bd. 6, 3. Teil (= CR 93,3), Zürich 1983, S. 182, Z.18 – S. 193, Z.13 📖; für weitere Belege s. a.a.O., S. 182, Anm. 13; über Seneca s. a.a.O., S. 182, Z.18, und S. 106f., Anm. 6.↩
18
Der von R. Rothe stammende Ausdruck «unbewußtes Christentum» war Barth schon aus A. Hausraths Biographie bekannt: Richard Rothe und seine Freunde, Bd. 2, Berlin 1906, S. 468f 📖. Bei dieser Doppelseite liegt in Barths Exemplar ein Lesezeichen. Siehe auch Jülicher, Römerbrief, S. 48 📖: «Man zerreiße nur nicht die innige Verkettung von Kap. 8 mit Kap. 7, so sieht man, daß die Menschen, die durch Christus Jesus der Verdammnis entgehen [...], Menschen sind mit einem trotz aller Sündenschuld reinen Herzen und zarten Gewissen: unbewußtes Christentum.» In seinem Exemplar hat Barth die Formel «unbewußtes Christentum» mit Schlangenlinie unterstrichen und am Rande eine Schlangenlinie und ein doppeltes Ausrufzeichen angebracht.↩
19
E. Troeltsch geht in seinem Vortrag Psychologie und Erkenntnistheorie, Tübingen 1905 📖, davon aus, dass «das Religion-Haben» sich «als ein Gesetz des normalen Bewußtseins» «erweisen» lasse «aus dem immanenten Notwendigkeits- und Verpflichtungsgefühl, das der Religion zukommt, und aus ihrer organischen Stellung in der Ökonomie des Bewußtseins, das seinen Zusammenschluß und seine Beziehung auf eine objektive Weltvernunft erst durch sie empfängt» (S. 43f.). «Ist die Religion ein Apriori der Vernunft, so ist sie an sich mit der Vernunft überhaupt gesetzt und alle Vernunft ist in dem Maße, als sie überhaupt verwirklicht ist, überall und immerdar auch religiös, auch wenn sie selbst es sich nicht zu Bewußtsein brächte.» (S. 46, in Barths Exemplar teilweise unter- und angestrichen).↩
20
Anspielung auf den Titel der Schrift Schleiermachers Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799) 📖.↩
21
Anspielung auf den Patmos-Kreis um E. Rosenstock-Huessy, R. Ehrenberg und H. Ehrenberg. Barth wurde zeitweise zu diesem Kreis gezählt, und sein Tambacher Vortrag erschien zuerst im 1919 als einer der «Neubau-Verlage» gegründeten Patmos-Verlag. Vgl. Bw.Th.I, S. 373.376.387.389.420.422.428.431–433.445.455.464 📖; Bw.Th.II, S. 3.208.270.443 📖.↩