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16. August 1920
Wir freuen uns auf euer Kommen, und so schreibe ich nur noch kurz. […] Ehrenberg hat uns gestern verlassen, nachdem er noch meine Predigt gehört und darauf nach seiner Weise mit dem beiliegenden Zettel quittiert hatte. Welch ein seltsames Licht und Irrlicht! Fertig wird man jedenfalls nicht mit ihm, das hat er mit Abraham, Isaak und Jakob sicher gemein. Auch sein Aufenthalt bei mir bedeutete für ihn und mich ein einziges anhaltendes Gefecht, dessen positives Ergebnis darin besteht, daß ich die berühmte Höhle so wenig verlasse wie du. Es ist in der Tat ein trottoir roulant, ein geistiges Vagantentum hin und her zwischen absoluter Erkenntnis und — absoluter Windbeutelei. Noch auf dem Bahnhof perorierte er über den Unterschied von Priester und Laie, den ich übersehe, und was habe ich nicht alles hören müssen über Marienverehrung, Neubelebung der Liturgik, «Ich und Mich» (das ist seine Philosophie), Natursünde und Geistessünde, Lucifer und Satan, über die neue Zeit, die einzig und allein von ihnen in Deutschland verkündigt werde (weshalb wir nur ihre «Brüder» sein dürften, sie wollten sich nicht mit den Negern in unsere Liebe teilen) und ähnliches ungereimtes Zeug mehr. […] Ich konnte nur immer zuhören, den Kopf schütteln und in den Pausen sagen, ich verwahre mich gegen alles. Das Beste war ein |422 Abschnitt aus «Tragödie und Kreuz
📖», den er uns vorlas und — er selbst als Figur, als Persönlichkeit, als urweltliches Rätsel wie Leviathan und Behemoth. Man kann ihm, wie du auch schreibst, unmöglich zürnen. […] Auf der Heimfahrt hat er zwischen Aarau und Safenwil unserer [Lehrerin] Fräulein Wehrli noch einmal alle seine Gravamina gegen unsere Hartherzigkeit vorgetragen. […] Unsere Abenteuer mit Patmos sind jedenfalls noch nicht abgeschlossen, wenn auch der schlimmste beabsichtigte Unfug (das Jahrbuch und die philosophischen Briefe) nun jedenfalls unsrerseits nicht zu Stande kommen. Nun, wir werden uns in Oberrieden noch an Vieles fragend und lachend erinnern. Alles in Allem wars doch eigentlich ganz gut, ein «vorlaufender Strahl» von Röm. 11, wollen wir einmal sagen. […]
Mit herzlichen Grüßen an Marguerite und dich