1922

9. Kapitel: Die Not der Kirche

451

9. Kapitel
DIE NOT DER KIRCHE

Solidarität

9,1–5

V. 1‒5 Wahrheit rede ich in Christus, ich heuchle nicht, und mein Gewissen bezeugt es mir im Heiligen Geiste: ich habe einen großen Kummer und ein unablässiges Weh in meinem Herzen. Denn ich wünschte selber verflucht zu sein von Christus weg an die Stelle meiner Brüder, meiner Verwandten nach dem Fleisch – welche sind Israeliten, welche die Sohnschaft haben und die Herrlichkeit und die Bündnisse und die Gesetzgebung und den Gottesdienst und die Verheißungen, welche die Väter haben und aus deren Mitte der Christus stammt nach dem Fleische, welche den über Allem herrschenden Gott haben*1 ‒ hochgelobt in Ewigkeit, Amen!

Gott, die reine Grenze und der reine Anfang alles dessen, was wir sind, haben und tun, in unendlichem qualitativem Unterschied dem Menschen und allem Menschlichen gegenüberstehend, nie und nimmer identisch mit dem, was wir Gott nennen, als Gott erleben, ahnen |452 und anbeten, das unbedingte Halt! gegenüber aller menschlichen Unruhe und das unbedingte Vorwärts! gegenüber aller menschlichen Ruhe, das Ja in unserm Nein und das Nein in unserm Ja, der Erste und der Letzte [vgl. Apk. 22,13] und als solcher der Unbekannte, nie und nimmer aber eine Größe unter andern in der uns bekannten Mitte, Gott der Herr, der Schöpfer und Erlöser – das ist der lebendige Gott! |453 a-Und das ist das Evangelium, die Heilsbotschaft von Jesus Christus: Dass dieser verborgene Gott, der Lebendige, sich als solcher offenbart-a, dass das Unmögliche als solches aufblitzt über dem scheinbar unendlichen Reich des Möglichen, das Unanschauliche über dem Anschaulichen, das Jenseits über dem Diesseits, nicht als ein Anderes, Zweites, Abgesondertes, sondern als seine jetzt und hier verhüllte |454 Wahrheit, als der Ursprung, 316 auf den alles bezogen ist, als die Aufhebung aller Relativität und darum als die Wirklichkeit aller relativen Wirklichkeiten, dass Gottes Reich, Unvermeidlichkeit, Existentialität, Sieg und Herrlichkeit dem Menschen trotz, nein, wegen der Zeitlichkeit, Endlichkeit und Vergänglichkeit seines Lebens nicht verborgen bleiben kann, dass die Erkenntnis dieses Gottes, der Glaube an ihn, der in der Liebe Energie wird [vgl. Gal. 5,6], die in keinem Augenblick schon realisierte, in jedem Augenblick realisierbare, in jedem Augenblick neu zu realisierende Möglichkeit ist, die dem Menschen geboten ist: die Möglichkeit zu sein, was er in Gott ist: Gottes Kind – und also als dieser Mensch in dieser Welt ein dem Gericht Unterworfener, ein auf Gerechtigkeit Merkender, ein auf Erlösung Wartender und aus Gnade schon Befreiterb.

Und nun steht gegenüber der Heilsbotschaft von Jesus Christus – Israel, die Kirche, die Welt der Religion, wie sie in der Geschichte, und, fügen wir gleich hinzu: wie sie in der Geschichte am reinsten, kräftigsten, ihrem Wesen angemessenstenc in die Erscheinung tritt; denn wir reden nicht von der entarteten, sondern von der vollkommenen, von der idealen Kirche. Steht gegenüber? Steht hier Standpunkt gegen Standpunkt? Kann und will hier jemand recht haben gegen jemand, der unrecht hat?

Ja, zweifellos. Dem Evangelium steht die Kirche gegenüber als die Verkörperung der letzten menschlichen Möglichkeit diesseits der unmöglichen Möglichkeit Gottes. Hier klafft der Abgrund wie nirgends sonst. Hier kommt die Krankheit des Menschen an Gott zum Ausbruch. Denn die Kirche ist der Ort, wo diesseits des Abgrundes, der den Menschen von Gott trennt, Offenbarung soeben aus Ewigkeit zur Zeitlichkeit, soeben etwas Gegebenes, Gewohntes, Selbstverständliches geworden ist, der himmlische Blitz zu einem irdischen Dauerbrenner, das Entbehren und Entdecken zum Besitzen und Genießen, die göttliche Ruhe zur menschlichen Unruhe und die göttliche Unruhe zur menschlichen Ruhe, das «Jenseits» zu einem zweiten metaphysischen Etwas gegenüber dem «Diesseits» und gerade damit zu |455 einer bloßen Verlängerung des d-zDiesseits. Kirche ist der Ort, wo-d man von Gott allerlei weiß und hat und dementsprechend auch nicht weiß und nicht hat, wo er aus dem unbekannten Anfang und Ende irgendwie in die bekannte Mitte gerückt scheint, wo man nicht mehr jeden Augenblick das Sterben bedenken muss, um klug zu werden [vgl. Ps. 90,12], sondern Glaube, Liebe und Hoffnung [vgl. 1.Kor. 13,13] höchst direkt hat, Gottes Kind höchst direkt ist, auf Gottes Reich höchst direkt wartet und hinarbeitet – als wären das alles Dinge, e-die man sein, die man haben-e, erwarten und erarbeiten kann. Kirche ist der mehr oder weniger umfassende und energische Versuch, das Göttliche zu vermenschlichen, 317 zu verzeitlichen, zu verdinglichen, zu verweltlichen, zu einem praktischen Etwas zu machen, und das alles zum Wohl der Menschen, die nicht ohne Gott, aber auch nicht mit dem lebendigen Gott leben können (siehe «Großinquisitor»15!), alles in allem: der Versuch, den unbegreiflichen und doch so unvermeidlichen Weg [vgl. 1.Kor. 12,31] begreiflich zu machen. Wobei der katholischen Kirche entschieden besseres Gelingen beschieden ist, während der Protestantismus verhältnismäßig mehr zu leiden hat unter der Tatsache, dass, was der Mensch als Kirchenmensch so gerne möchte, letztlich nicht gelingen kann. Es ist klar, dass der Gegensatz von Evangelium und Kirche grundsätzlich und auf der ganzen Linie unendlich istf. Also: Jawohl, hier steht Standpunkt gegen Standpunkt. Jawohl, hier hat jemand recht und jemand unrecht. Das Evangelium ist die Aufhebung der Kirche, wie die Kirche die Aufhebung des Evangeliums ist.

Aber wer steht sich hier gegenüber? Gott und der Mensch! Nicht Menschen und Menschen! Also nicht Saulus-Paulus und – die andern Pharisäer! Nicht der Verkündiger des Evangeliums und der Kirchenmann: Dieser Gegensatz ist nicht unendlich, sondern höchst endlich. Es gibt im Munde von Menschen keine reine, keine unkirchliche Ver|456kündigung des Evangeliums. Der Verkündiger des Evangeliums ist als solcher immer auch Kirchenmann, mitleidend unter der Not und mitschuldig an der Schuld der Kirche. Das göttliche Inkognito bleibt bei aller Klarheit und Eindeutigkeit des Evangeliums streng gewahrt. Anders als im Gleichnis menschlichen Denkens, Tuns, Habens und – Rechthabens kann keiner von Gott reden, und wenn er in feurigen Zungen redete. Wir können es auch nicht anders. Kirchlich ist jeder menschliche Apparat zur Herstellung, Aufrechterhaltung und Ordnung der Beziehung zu Gott. Auch wir wollen ja den «unbegreiflichen Weg» [vgl. 1.Kor. 12,31] begreiflich machen, begreiflich als den unbegreiflichen freilich, aber wann hätte es je ein Kirchenmann anders gemeint? Wird das Unvergängliche nicht gesehen im Gleichnis des Vergänglichen, so haben auch wir der Kirche gedient und nicht das Evangelium verkündigt, und wer außer Gott könnte uns schützen gegen diese höchste Wahrscheinlichkeit? Gleichnis der unverbrüchlichen Einheit der Wahrheit ist die fatale klappernde Systematik, in der das Reden von Gott gerade dann auftreten muss, wenn es gründlich und nicht zuchtlos sein will. Gleichnis der ewig begründenden Persönlichkeit Gottes ist die ärgerniserregende Tatsache, dass niemand ernsthaft von Gott reden kann, ohne gleichzeitig in stärkster Weise sich selbst mitzuteilen und durchzusetzen. Gleichnis dessen, dass der Geist das absolute Wunder ist, ist das Paradox, dieses letzte verzweifelte menschliche Redewerkzeug. Gleichnis des stürmischen direkten 318 Anspruchs, den der Gedanke der Ewigkeit an uns erhebt, ist die peinliche, die fast unerträgliche Einseitigkeit und Ausschließlichkeit, die nur der vermeiden kann, der – von etwas Anderem redet. Welcher Verkündiger des Evangeliums vermöchte es zu verhindern, dass «denen draußen alles durch Gleichnisse widerfährt» [vgl. Mk. 4,11], dass sie in allem, was er sagt, nur eine fabelhaftg neue und fremdartige Rechthaberei erblicken, von der sie sich nicht aus dem Sattel werfen lassen, sondern der gegenüber sie mit mehr oder weniger Beharrungskraft, Leidenschaft und Geschick ihre eigene bekannte Rechthaberei verteidigen wollen, gerechtfertigt und gerettet und dem Gewicht alles dessen, was jener gesagt, dadurch entzogen, dass abermals und abermals nur ein Mensch zu Menschen gesprochen, dass auch dieses Ge|457spräch innerhalb der Kirche sich abgespielt hat, wo bekanntlich nichts existentiell ernst genommen wird, weil es, innerhalb der Kirche gesagt, tatsächlich nicht existentiell ernst ist! Wer verhindert dieses Ärgernis, diesen Misserfolg des Evangeliums? Niemand! Wir könnten zur Ehre Gottes die tollsten Sprünge machen und schließlich auf den Händen gehen (1.Kor. 13,1f.!), und es würde auch das kirchlich und nicht-existentiell verstanden werden. Wer lehrt uns, unkirchlich und existentiell von Gott reden? Niemand! Gott allein. Aber wenn er es tut, so bleibt er im Inkognito. Wir bekommen keine Gelegenheit, recht zu haben gegen Andere, die im Gegensatz zu uns unrecht hätten. Gottes Standpunkt wird gewahrt gegenüber unser aller Standpunkten. Er hat recht und wir alle Unrecht.

Was folgt daraus? Etwa dass wir Gott vergessen, unser Werkzeug beiseite legen und der Kirche, d. h. den Menschen dienen sollen, als ob es kein Evangelium gäbe? Nein, sondern dass wir, Gottes gedenkend, unser Werkzeug brauchend, das Evangelium verkündigend, gerade weil die Kirche durch das Reich Gottes gerichtet ist, auch diese Indirektheit uns gefallen lassen: dass wir uns im vollen brennenden Bewusstsein des unendlichen Gegensatzes zwischen Evangelium und Kirche der Kirche gegenüber nicht desinteressieren, nicht desolidarisieren, sondern uns zu ihr stellen und bekennen, mitbeteiligt, mitverantwortlich, mithaftbar für das, was der Kirche fehlt und fehlen muss. «Wahrheit rede ich in Christus, ich heuchleh nicht und mein Gewissen bezeugt es mir im Heiligen Geiste: ich habe einen großen Kummer und ein unablässiges Weh in meinem Herzen.» Das ist die Stellung zur Kirche, wie sie sich vom Evangelium aus ergibt. Wer das Evangelium hört und verkündigt, der steht nicht neben der Kirche, weder verständnislos ablehnend noch verständnisvoll sympathisierend; sondern wirklich persönlich, beteiligt in der 319 Kirche. Als Wissender selbstverständlich und darum als Leidender und in keinem Sinn als Triumphierender. Er weiß, um was es geht in der Kirche. Er nimmt sie ernst, bitter ernst. Er hat den billigen Trost nicht, dass sie ein menschliches Gebilde sei, das möglicherweise auch nicht da sein könnte, und dass das Pfarramt ein Beruf wie andere sei. Er weiß, dass geglaubt, gepredigt, erklärt, gerufen, gebetet sein muss; er weiß, dass |458 es nicht anders sein kann, als dass die Krankheit des Menschen an Gott gerade an dieser Stelle in immer neuen Formen immer wieder zum Ausbruch kommt; er weiß die Unvermeidlichkeit der religiös-kirchlichen Möglichkeit. Er weiß, dass ein unkirchliches Verhältnis des Menschen zu Gott jetzt und hier so wenig stattfindet wie paradiesische Unschuld überhaupt. Er trägt seinen Talar ohne Seitenblick auf die vermeintlich glücklicheren und besseren «Laien». Er weiß aber auch die Unmöglichkeit des religiös-kirchlichen Unternehmens. Er weiß, dass es scheitern muss, weil es das an sich Unausführbare ist. Er sieht, wie die Fragwürdigkeit dieses Unternehmens beständig wächst: nicht etwa mit der Schwäche, nicht mit der Einflusslosigkeit, nicht mit der Weltfremdheit der Kirche, sondern umgekehrt mit der Kühnheit und Kraft ihrer so beglückenden, so überaus praktischen Illusionen, mit der Größe der Erfolge, die ihr immer wieder beschieden sind, mit der Gewandtheit, mit der sie sich in die Welt und ihre Wandlungen zu schicken weiß. Er sieht, dass gerade dort, wo die Kirche als Dienst von Menschen an Menschen ihren Zweck erreicht, der Zweck Gottes verfehlt ist und das Gericht vor der Türe steht. Trauernd, bedenklich, fragend, erschrocken steht er also in der Kirche, je mehr sie Kirche ist. Aber in der Kirche steht er, nicht als Zuschauer daneben. Seine Möglichkeit ist ja durchaus die der Kirche und ihre Unmöglichkeit seine eigene. Ihre Verlegenheit ist also seine Verlegenheit und ihre Not seine Not. Er ist solidarisch mit ihr gerade in dem, was ja überhaupt Solidarität und Gemeinschaft unter Menschen begründet, im Entbehren der Herrlichkeit Gottes (3,23).

Eine Grenze kann diese Solidarität und Gemeinschaft, menschlich betrachtet, sachgemäß nicht haben. «Ich wünschte selber verflucht zu sein von Christus weg an die Stelle meiner Brüder, meiner Verwandten nach dem Fleisch.» Besser keine Gnade, keine Freiheit, kein Geist, kein Erwarten des kommenden Tages als Gnade, Freiheit, Geist und Erwartung als Zuschauer, als Unbeteiligter, als Nicht-Leidender, Nicht-Verlegener, Nicht-Trauernder, als Flüchtling und Separierter. Nur das nicht! Die paradoxe Stellung, in der Paulus die Pharisäer aufrichtig, ohne irgend eine Herablassung, ohne irgend 320 einen esoterischen Vorbehalt seine «Brüder» nennt, wo er die Tatsache, dass er mit ihnen «verwandt ist nach dem Fleisch», ganz und gar ernst nimmt, wo er sich, wissend um ihr Nicht-Wissen, aber auch um sein |459 eigenes Nicht-Wissen mit ihnen beugt unter das erdrückende göttliche Inkognito, das der Kirche Charakteristikum ist, diese Stellung muss bezogen werden, auf die Gefahr hin, dass er seine Seele nicht rettet, dass er sich selber in jedem Augenblick untreu erscheinen und von den andern Unaufrichtigkeit und Opportunismus vorwerfen lassen muss. Ein verlorener Posten? Jawohl ein verlorener Posten, der aber als solcher gehalten werden muss. Die Posten, die der Mensch als Mensch behauptet, sind alle verlorene Posten. Das muss klar werden; und das wird klar, wenn in der Kirche das Evangelium verkündigt wird, wenn in der Solidarität des Propheten mit dem Priester das Unmögliche möglich und das Mögliche unmöglich wird. Darum erklärt sich der prophetische Mensch mit dem priesterlichen solidarisch, weil er weiß, dass es sich darum handelt, einer Frage ins Gesicht zu sehen, auf die nur Gott die Antwort geben kann, nicht aber darum, diese Frage wieder in eine neue Menschensprache zu übersetzen, also nicht etwa darum, der alten Kirche eine neue Aufgabe oder der alten Aufgabe eine neue Kirche zu verschaffen. Er weiß, dass eine Siedelung16 oder eine Volkshochschule17 auch eine Kirche ist. Er weiß, dass nur die Gesundung an Gott dem Kranken Hilfe bringen kann, nicht aber ein noch so radikaler Wechsel des – Krankenbetts oder Spitals. Er weiß, dass Gegensatz und Streit zwischen diesen und jenen Personen den unendlichen Gegensatz zwischen Evangelium und Kirche gelegentlich veranschaulichen muss (und deshalb durchaus nicht etwa grundsätzlich zu vermeiden ist!), nicht aber ihn zum Austrag bringen kann. Er wird also Diesen und Jenen, die den Gedanken der Ewigkeit allzu sehr zu denken vergessen zu haben scheinen, gelegentlich mit letztem Ernst entgegentreten, um sie zur Sache zu rufen, aber nicht ohne letzten Humor auch das, parabolischerweise nur, gänzlich ohne |460 den Wahn, als gehe er etwa neue Wege18, ganz ohne Neigung, sich etwa grundsätzlich in die Stellung eines Kirchenverächters oder gar Kirchenfeindes drängen zu lassen, und wenn die Einladung, diese Konsequenz zu ziehen, noch so dringend und deutlich an ihn erginge; denn die Konsequenz, aus Kirche oder Pfarramt auszutreten19, ist noch weniger sinnreich als die Konsequenz, sich das Leben zu nehmen. Er wird angesichts der unvermeidlichen Katastrophe, in der sich die Kirche befindet, kein Rettungsboot besteigen, sondern, bedankt oder nicht bedankt, an seinem Posten im Kesselraum oder auf der Kommandobrücke bleiben. Er wird keinen Standpunkt beziehen ohne die heimliche Absicht, ihn möglichst rasch wieder zu räumen, wenn der 321 taktische Zweck (denn darum bloß kann es sich handeln!) erreicht ist. Er wird nie aufbauen, ohne zugleich Zurüstungen zum Abbau zu treffen. Er wird immer bereit sein, alles zu tun gegen die gefährliche Stabilität seines eigenen Wortes und für die Freiheit des Gotteswortes. Er wird über nichts so tödlich erschrecken, wie darüber, dass der unendliche Streit des Evangeliums gegen die Kirche immer wieder zu einem Streit der «wir» gegen die «sie» zu werden droht, und wenn die «wir» die Trefflichsten wären und wenn sie das beste Recht auf ihrer Seite hätten. Er wird vielmehr alle solche Zusammenrottungen alsbald unter Feuer nehmen und zu zersprengen suchen. Er wird nach jedem kräftigen polemischen Ausfall gegen die Kirche alsbald selber wieder dorthin zurückkehren, wo dieser Mensch in dieser Welt gerade als religiös-kirchlicher Mensch «verflucht» ist «von Christus weg», um in der Hoffnung auf Gottes Gnade allein selig zu sein. Denn dass Gott allein die Ehre gebührt, das allein kann |461 doch der Sinn aller «antikirchlichen» Polemik sein, nicht aber das, dass etwa der Polemiker als Besserwisser und Besserkönner sich selbst rechtfertige und rette. Er wird also, indem er seine Stimme laut erhebt, um sich selber und damit die Kirche an die Ewigkeit zu erinnern, in jedem Augenblick der Zeit lieber mit der Kirche (und so z. B. auch mit der Theologie) in der Hölle sein, als mit den Pietisten niederer oder höherer Ordnung20, älterer oder modernerer Observanz in einem Himmel – den es nicht gibt. Das fasse, wer es fassen kann [vgl. Mt. 19,12]: Christus ist dort, wo man untröstlich weiß, dass man verbannt ist von Christus weg, nicht aber, nie aber dort, wo man gegen die Bedrängnis dieses Wissens sich gesichert weiß.

Oder nehmen wir etwa die Kirche zu ernst, zu wichtig, tun wir ihr zu viel Ehre an, wenn wir uns gerade an ihr den unendlichen Gegensatz von Gott und Mensch veranschaulichen, den endlichen Gegensatz zwischen ihr und «uns» darum grundsätzlich in Abrede stellen und uns, indem wir ihre Schicksalsfrage aufwerfen, mit ihr solidarisch erklären? Warum nicht vornehmer Abschluss mit Römer 8, als ob die Kirche gar kein ernstes, gar kein sachliches, sondern nur ein historisches, nur ein zufälliges Problem wäre? Darum nicht, weil es uns viel zu sehr beunruhigt, dass ausgerechnet die Tatsache Israel, die Tatsache Kirche selber die Frage ist, auf welche die Antwort von Römer 3-8 gemünzt ist, dass gerade von dieser Gegebenheit aus der Anblick auf das Nicht-Gegebene, gerade von dieser Menschlichkeit aus der Ausblick auf Gott sich auftut. Es ist sentimentale liberale Selbsttäuschung, zu meinen, dass etwa von Natur und Geschichte, von Kunst, Moral, Wissenschaft oder sogar Religion aus direkte Wege zu der unmöglichen Möglichkeit Gottes führen. Direkte 322 Wege zur Kirche, zu Kirchen und Kirchlein aller Art, jawohl, die Erfahrungen etwa des sog. religiösen Sozialismus bieten dafür ein lehrreiches Paradigma.21 Aber immer erst, wenn die Sackgasse der kirchlichen Menschlichkeit wieder einmal glücklich zu Ende gegangen ist, pflegt sich die Frage nach Gott mit wirklichem Ernst und Radikalismus einzustellen. Was vorher etwa passiert in der Richtung auf Gott, das sind harmlose Illusionen. Scharf geschossen wird erst dann, wenn die Einsicht da ist, |462 dass wir um die Kirche so oder so nicht herumkommen und dass wir gerade von der Kirche aus nicht weiterkommen. Diese Einsicht hebt aber damit an, dass der Verkündiger des Evangeliums (wer wollte das nicht sein!) im Kirchenmenschen (und wer wäre das nicht!) seinen «Bruder» erkennt, dem er nichts «Neues» entgegenzustellen hat.

«Welche sind Israeliten, welche die Sohnschaft haben und die Herrlichkeit und die Bündnisse und die Gesetzgebung und den Gottesdienst und die Verheißungen, welche die Väter haben und aus deren Mitte der Christus stammt nach dem Fleische.» Nicht gerade «von dankbarer Ehrfurcht überwältigt» (Jülicher)22 ist dies gesagt, sondern als nüchterne Feststellung, dass die andern Pharisäer alles das auch wissen, auch sagen, auch vertreten, auch haben, was Paulus als das Evangelium wissen, sagen, vertreten und haben kann. Gewusst, gesagt, vertreten und besessen von Menschen ist das Neue des Evangeliums nichts Neues, sondern identisch mit dem sehr Alten Israels. Menschlich-geschichtlich, als Negativ göttlicher Offenbarung betrachtet, scheint das «neue» Testament kaum etwas anderes zu sein als die energisch gezogene Summe, das umsichtig gewonnene Destillat des «alten». Welche urchristliche Setzung, die nicht im Spätjudentum ihre unverkennbaren Parallelen hätte? Was weiß Paulus, was nicht schon der Täufer, und was weiß der Täufer, was nicht schon Jesaja wusste? Und immer wieder wird die Verkündigung des Evangeliums auf die befremdliche Tatsache stoßen, dass es nichts Neues gibt unter der Sonne [vgl. Pred. 1,9], dass, menschlich betrachtet, alles Wesentliche immer schon gesagt und schon gehört ist, dass auf den Gipfeln der Humanität immer schon irgend eine Kirche steht als lebendiger geschichtlicher Beweis der Erschöpfung der übrigen menschlichen Möglichkeiten. Jedes noch so große Wort hat die Kirche auch schon ausgesprochen, in Institution, Lehre, Weg und Symbol umgesetzt, in mehr oder weniger umfassender Weise in Verkehr gebracht und zum Gemeingut gemacht. Vom «schlichten und einfachen»23 Moralismus bis zur tiefgründigsten Mystik, vom individuellen Be323kehrungs|463pietismus bis zur ins Kosmische ausgreifenden Eschatologie, von der gläubig liebevollen Darstellung der menschlichen Persönlichkeit Jesu bis zum noch so konzentrierten und dynamischen Aussprechen des Wortes «Gott», von der Blut- und Wundentheologie24 bis zu den umfassendsten Mitteilungen über das, «was man denn nun tun soll», von der wohlgemeintesten, zeitgemäßesten und feinsinnigsten Kultusreform bis zur schroffsten kierkegaardischen Ärgernispredigt – es ist wahrlich alles auch schon da gewesen, und sogar die unermüdliche Belehrung der Historiker, dass alles auch schon da gewesen sei, ist selber – auch schon da gewesen. Die Kirche kann das alles auch, tut es (Ex. 7,11) und kann vom Evangelium nicht mehr überboten werden. Kommt es darauf an, Israeliten zu sein? Die Sohnschaft, die Herrlichkeit, die Bündnisse, die Gesetzgebung, den Gottesdienst, die Verheißungen, die Väter, den Christus nach dem Fleische zu haben? Wie sollte die Kirche das alles nicht auch haben? Wie könnte man denn mehr haben als die Fülle des Alten Testamentes? Wir wissen: wohl gebaut und gefestigt ist das ganze Ufer des Kanals, und gegen das Bedenken, er möchte trotzdem leer sein, sind seine Anwohner dadurch geschützt, dass auch wir nichts anderes tun können als mit ihnen kanalisieren; denn das lebendige Wasser [vgl. Joh. 4,10–11] der Offenbarung steht uns so wenig zur Verfügung wie ihnen. Wir wissen: was wir auch tun mögen, wir werden nichts anderes tun als mit etlichen Varianten das, was die Kirche immer getan hat. Wie wir uns auch stellen mögen, es besteht die ungeheure Wahrscheinlichkeit, dass wir so verstanden werden, wie die Kirche immer verstanden worden ist. Was sie auch Neues anstreben mögen auf dem Gipfel menschlicher Möglichkeiten, ein – Kirchturm wird immer die Spitze sein. Wer klug ist, weiß das und bescheidet sich. Nicht um einen Kompromiss zu machen, sondern um eben mit diesem Wissen kompromisslos radikal zu sein. Von diesem Wissen aus ist Römer 3-8 gedacht und geschrieben. Anders als mit diesem Wissen kann die Axt den Bäumen nicht an die Wurzel gelegt werden [vgl. Mt. 3,10 par.].

464«Welche den über Allem herrschenden Gott haben – hoch gelobt in Ewigkeit!» Also auch «Gott» hat Israel, hat die Kirche? Wir können nicht nein sagen; wie könnten wir’s? Wir sagen also Ja. Aber in dem Ja liegt die Frage, die wir an die Kirche richten, indem wir sie an uns selbst richten. Wir sagen Ja, sofern «Gott» etwa das sein sollte, was mit allen Menschen auch wir als Gott kennen, nennen und anbeten. Sofern aber «Gott» Gott sein sollte, «der über allem herrschende Gott», schlummert in unserm Ja die Frage, die Klage, die Anklage, dass die Kirche Gott nicht hat. Als Einwand Gottes selbst erhoben dürfte der «antikirchliche» Einwand, dass der Kanal leer ist, dass das «Haben» von Sohnschaft, 324 Herrlichkeit, Bündnissen, Gesetzgebung, Gottesdienst, Verheißungen, Vätern, Christus nach dem Fleische, das «Haben» Gottes, dessen sich die Kirche nicht mit Unrecht rühmt, kein existentielles Haben ist, nicht so leicht zu überhören sein. Wenn dieser Löwe brüllt, wer sollte sich nicht fürchten? [vgl. Am. 3,8]. Gott als Gott ist nicht «auch schon dagewesen». Gott als Gott ist das Neue. In Gott als Gott hört die Solidarität zwischen Paulus und den Pharisäern auf, und der Protest und Kontrast fängt an. Von Gott als Gott aus gesehen, ist die Kirche heute schon aus. «Hört ihr das Zeichen?»25

Der Gott Jakobs

9,6–13

V. 6a Nicht darüber etwa trauere ich, dass das Wort Gottes hinfällig geworden wäre.

Die Kirche leidet an allerlei menschlichen Fehlern. Man kennt sie. Es ist leicht, sie festzustellen und aufzudecken. Es ist nötig und selbstverständlich, dass sie durch die antikirchliche und innerkirchliche Polemik in gewissen Intervallen und mit gewissen Modifikationen durch alle Jahrhunderte hindurch immer wieder zur Sprache gebracht werden. Aber es hat keinen Sinn, von ihnen auch nur zu reden außer im Zusammenhang mit der eigentlichen Not der Kirche, und diese liegt |465 tiefer als alle ihre noch so große, so und so bedingte, zu erklärende und allenfalls zu behebende Entartung. Handelte es sich bloß um ihre menschlichen Fehler, um ihre Entartung, so wäre die Leidenschaft, mit der Propheten, Apostel und Reformatoren das Evangelium gegen die Kirche geltend gemacht haben, in ihrem feurigen Kern unverständlich. Unverständlich wäre es, warum sie sich nicht ohne weiteres der geduldigen kirchlichen Reformarbeit zuwendeten oder aber, wenn ihnen solche aussichtslos erschien, resolut zum Bau einer neuen besseren Kirche schritten. Warum haben sich Paulus sowohl wie Luther aufs Äußerste dagegen gewehrt, gerade im letztern Sinn neue Wege zu gehen, und nur gezwungen sich endlich doch dazu entschlossen? Warum haben immer nur die kleineren, nervöseren Geister, die religiösen Hysteriker in ihrer gerechten Aufregung über das Pfaffen- und Schriftgelehrtentum, über die Weltförmigkeit, die politische und kulturelle Rückständigkeit, die religiöse Korruption, über die Unbewegtheit und Unlebendigkeit, die Schwachheit und Heuchelei der Kirche und nicht ohne Genugtuung über ihre eigene tragische Gebärde rasch nach dieser ultima ratio aller wirklichen Propheten 325 gegriffen? Warum nur macht alle solche direkte Antikirchlichkeit selbst gegenüber der entartetsten Kirche einen so seltsam misslichen, hohlen, haltlosen, einen so wenig überzeugenden Eindruck? Warum hat aber auch jene geduldige Reformarbeit auf diesem Gebiet von den Tagen des Josia [vgl. 2.Kön. 23,1–25] bis auf diesen Tag noch nie einen irgendwie ernst zu nehmenden Erfolg erzielt? Warum die scheinbar zwischen diesen beiden so unergiebigen und auch wieder so unvermeidlichen Möglichkeiten unentschieden die Mitte haltende trauernde Solidaritätserklärung des Paulus mit Israel? Darum, weil Paulus und mit ihm jede wirklich radikale Verkündigung des Evangeliums nie aus dem Auge verlieren darf, dass es sich in der Kirche als in der organisierten Religion, abgesehen von ihrer Vollkommenheit oder Unvollkommenheit, jedenfalls um die Beziehung des Menschen zu Gott handelt und dass die eigentliche Not dieses menschlichen Unternehmens darin besteht, dass das Wort Gottes, in i-dem sich diese Beziehung betätigen-i müsste, kein menschliches, kein zufälliges, kein |466 hinfälliges, sondern eben Gottes ewiges und absolutes Wort ist. Kennte er es anders, kennte er dieses unerhörte Thema der Kirche als ein Relativum, als ein Ding unter Dingen, als eine geschichtlich-psychologische Größe neben andern, als ein Quantum, das ab- oder zunehmen kann, als eine Gegebenheit, bei der Menschen oder andere geschaffene Wesen etwas davon- oder dazutun können, dann würde auch er mit den vielen darüber klagen, «dass Gottes Wort hinfällig geworden», und darüber nachdenken, wie ihm etwa geholfen werden könnte. Er würde dann die menschliche Entartung verantwortlich machen für die nicht zu verkennenden Anzeichen der offenbar chronischen Erkrankung der Kirche und würde zu ihrer Behebung die gut scheinenden mehr oder weniger entschiedenen menschlichen Schritte tun. Aber das ist ihm nun eben verboten durch die unauflösliche Paradoxie der Wahrheit. Das Thema der Kirche ist eben wirklich das Wort Gottes, das Wort des Endes und des Anfangs, des Schöpfers und Erlösers, des Gerichts und der Gerechtigkeit – aber das Wort Gottes gehört von Menschenohren und ausgesprochen von Menschenlippen; denn die Kirche ist die immer wieder entstehende Gemeinschaft der Gottes Wort hörenden und aussprechenden Menschen. Und eben das aus dieser Lage sich Ergebende: dass Menschenohren und Menschenlippen notwendig und immer wieder und zwar unendlich versagen müssen gegenüber dem nicht-versagenden Gotteswort, dass der Mensch immer wieder hören und aussprechen muss, was wahr ist bei Gott, und dass es alsbald nicht mehr wahr ist, indem er es hört und ausspricht, dass also das Thema der Kirche so wahr ist, dass es als Thema der 326 Kirche nie wahr sein kann – es geschehe denn das Wunder! –, das ist ihre eigentliche Not. Sie ist gerichtet durch das, was sie aufrichtet. Sie zerbricht an dem, worauf sie gegründet ist. Sie stirbt an dem, wovon sie lebt. Denn das ist das selige und schreckliche Thema der Kirche, das ist das Wort Gottes, in welchem die Beziehung von Gott und Mensch sich betätigt: dass Gott wahr ist, jeder Mensch aber ein Lügner (3,4). Und an diesem Thema spaltet sich die Kirche immer wieder in die Kirche Esaus, in der das Wunder nicht geschieht und in der darum alles Hören und Reden von Gott nur offenbaren kann, dass jeder Mensch ein Lügner ist, und in die Kirche Jakobs, in der das Wunder geschieht, dass über der Lüge des Menschen die Wahrheit Gottes sichtbar wird. Selbstverständlich stehen sich diese zwei Kir|467chen nie und nirgends als zwei gegenüber. Es ist die Kirche Esaus grundsätzlich die allein mögliche, anschauliche und bekannte Kirche, Jerusalem, Rom, Wittenberg, Genf und alle andern vergangenen und künftigen heiligen Orte restlos umfassend, und in ihr können Fehler und Entartungen Platz greifen, Reformationen und Separationen stattfinden. Und es ist die Kirche Jakobs ebenso grundsätzlich die unmögliche, unanschauliche, unbekanntej Kirche, die Kirche ohne Ausdehnung noch Beschränkung, ohne Ort noch Namen, ohne Geschichte, ohne Mitgliedschaft noch Ausschluss dieser oder jener, und in ihr ist Gottes freie Gnade, Berufung und Wahl Eins und Alles, Anfang und Ende zugleich. Wir reden von der Kirche Esaus, weil wir von ihr allein reden können. Aber wir können nicht von ihr reden, ohne sogleich die Tatsache zu bedenken, dass ihr Thema die Kirche Jakobs ist. Esau lebt in seiner ganzen Fragwürdigkeit von Jakob; er ist nur darum und insofern Esau, als er – nicht Jakob ist. Und weil wir um diese Tatsache nicht herumkommen, wird uns die Frage der allfälligen Entartung der Esaukirche und ihrer möglichen Behebung grundsätzlich sekundär, können wir uns nicht entschließen, darüber außer im Zusammenhang mit ihrer eigentlichen Not (der Not ihrer Art, nicht ihrer Unart) auch nur ein Wort zu verlieren. Dass Gott Gott ist, der Gott Jakobs, daran krankt die Kirche. «Großen Schmerz und unablässiges Weh» (9,2) kann uns nichts Anderes bereiten als die bergeschwere Frage, ob das Thema der Kirche für uns wirklich bloß die Aufdeckung der menschlichen Lüge oder vielleicht auch für uns die Offenbarung der Wahrheit Gottes bedeute, ob uns die Kirche Jakobs verloren sei oder ob auch wir in dieser unmöglichen, unanschaulichen, unbekannten Kirche irgendwie seien. Was bleibt uns übrig, als diese Frage ihr Werk an uns tun zu lassen und «auf das Wunder zu warten», wie die sagen, die keine Hoffnung haben, zu lauschen auf das Evangelium und zu stammeln von ihm, das die Kirche 327 Jakobs ewig begründet? Was bleibt uns übrig, als die Not der Kirche, der Esaukirche, die wir allein kennen, ganz ernst zu nehmen und darum mit Gott, dem Gott Jakobs zu ringen: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn! [Gen. 32,27].

V. 6b‒9 Denn nicht weil sie alle aus Israel stammen, sind sie Israel; und nicht weil sie Abrahams Stamm sind, sind sie alle Kinder |468 Gottesk Sondern: «Es soll in Isaak dein Stamm seinen Namen tragen!», das heißt: nicht die Kinder des Fleisches als solche sind Kinder Gottes, sondern die Kinder der Verheißung werden als Stamm Abrahams und Gottes gerechnet. Denn ein Verheißungswort ist das Wort: «Zu der Zeit werde ich kommen [vgl. 1.Thess. 4,13], und Sara wird einen Sohn haben.»

«Nicht weil sie alle aus Israel stammen, sind sie Israel; und nicht weil sie Abrahams Stamm sind, sind sie alle Kinder.» Sagen wir «Kirche», so meinen wir damit die mannigfach gegliederte und abgestufte Gesamtheit derer, die, vom Hauch der Offenbarung berührt, Gott im Ernst anrufen [vgl. Ps. 145,18], auf ihn harren [vgl. Ps. 25,3.5.21], seine Gebote halten [vgl. Ps. 78,7]. «Aus Israel stammen» offenbar sie alle. Hören und reden sie etwa das Wort Gottes so, dass es wirklich – das Wunder geschieht – das Wort Gottes ist, das da gehört und geredet wird, ist in ihrem geschichtlichen Augenblick verborgen der ewige Augenblick der Offenbarung, sind sie also existentiell, was sie heißen, dann sind sie – noch einmal: das Wunder geschieht – unanschaulich die Kirche Jakobs, haben die Verheißung Abrahams (4,16), sind Gottes Kinder (8,16). Sind sie es? Sind sie also, was sie heißen? Warum sollten sie es nicht sein? Warum nicht sie alle von den höchsten bis auf die tiefsten Stufen? Welchen von allen sollten das Gesetz und die Propheten nicht Zeugnis und Zeichen sein (3,21)? In Christus sind sie alle, ohne Ausnahme, Gottes Kinder. Aber «in Christus» heißt: sofern das Wunder geschieht, sofern Gottes freie Gnade, Berufung und Wahl es so will, sofern Erkenntnis Gottes stattfindet. Sonst nicht! Also nie und nimmer, sofern sie «aus Israel stammen», «Abrahams Stamm sind», nie und nimmer kraft noch so großer allfälliger Vollkommenheit der Esaukirche, nie und nimmer, sofern sie etwa auf der höchsten Spitze der religiösen Entwicklung der Menschheit stehen sollten. Von Gott aus und nur von Gott aus besteht die Möglichkeit, dass jenes sein nicht-versagendes, nie hinfälliges Wort, das sie sich zu hören und auszusprechen getrauen, ein seliges Wort ist. Ist das nicht Not, wenn das das Verhältnis der Kirche zu ihrem eigenen Thema ist? Es ist aber diese Not, die allen, auch den äußerlichen Nöten der Kirche irgendwie zugrunde liegt, und dass sie nicht erkannt wird, das ist’s, was 328 das |469 Beharren beim Stand der Dinge und das Reformieren oder Neuanfangen immer wieder gleich aussichtslos macht.

«Es soll in Isaak dein Stamm seinen Namen tragen! (Gen. 21,12), d. h. nicht die Kinder des Fleisches als solche sind Kinder Gottes, sondern die Kinder der Verheißung werden als Stamm gerechnet.» Die Gesamtheit derer, die «aus Israel stammen», die wiederum nur die Repräsentanten aller derer sind, die betende Hände zu Gott erheben, sie stehen also unter der Krisis jener Doppelheit der Kirche, anders ausgedrückt: jener Doppelheit der Prädestination. Es besteht für sie die ewige, in Gott allein beruhende und bewegliche doppelte Möglichkeit, dass sie als «aus Israel Stammende» erwählt oder verworfen, als Kinder des Fleisches Hausgenossen oder Fremde [vgl. Eph. 2,19], mit dem Wort Gottes in den Ohren und auf den Lippen Kirche Jakobs oder Kirche Esaus sein können. In Christus wird es offenbar, dass diese Möglichkeit in Gott sich wendet: Zur Erwählung und Hausgenossenschaft des Menschen, zur Aufrichtung der Kirche Jakobs. In Christus kommt also die Krisis zum Ausbruch. Tiefste Begründung widerfährt hier dem Menschen, sofern ihm der ewige Augenblick der Offenbarung Blitzesklarheit bringt über seine wesenhafte Verwurzelung in dem, der er nicht ist, in Gott – aber auch tiefste Erschütterung, sofern in demselben ewigen Augenblick die Einsicht ihn überfällt, dass in Gott allein, allein in dem, der er nicht ist, sein Grund war, ist und sein wird. Besonderen, nicht begreiflichen, geschichtlich und psychologisch nicht bedingten und nicht zu erklärenden Standes sind ja die, die den Namen des Abrahamsstammes nicht nur tragen, sondern sind, was der Name bezeichnet. Unbedingt, weil nur durch Gott bedingt, als Isaak, als «Kinder der Verheißung», im Licht des Futurum aeternum, in der Kraft der neuen Rechnung Gottes mit den Menschen (3,28; 4,3; 6,11; 8,18) sind sie, was sie sind, also nicht sonst, nicht etwa kraft ihrer noch so trefflichen Eigenschaften und Leistungen als «Kinder des Fleisches», nicht kraft irgend eines Dinges, und wenn es das feinste und geistigste wäre, das in dieser Welt war, ist oder sein wird, sondern vielmehr gerade in allen ihren Eigenschaften aufgehoben und in Frage gestellt. Ist das nicht Not, wenn die Kirche, durch ihr eigenes Thema immer wieder auf ihr Nicht-Sein verwiesen, sich selbst in ihrem Sein immer wieder nur angreifen, nur preisgeben, nur opfern kann? Diese Not, wer trägt sie, wer bewegt sie, wer ist ihr gewachsen? |470 Dass sie der Erkenntnis dieser ihrer eigentlichen Not bald im zähen Verteidigen alter ehrwürdiger Vätersitte und Tradition, bald im Eifer ihrer Galvanisierungsversuche und Neugründungen ausweicht, davon lebt 329 die Kirche. Und dieses ihr Nicht-Sterben-Wollen ist ihre wahre Tragik.

«Denn ein Verheißungswort ist das Wort: Zu der Zeit werde ich kommen und Sara wird einen Sohn haben!» (Gen. 18,10). Erfüllung dessen, was dem Menschen verheißen ist, ist die in der Wirklichkeit dieser Welt aufbrechende und triumphierende Wahrheit Gottes selbst, Gottes allein. Verheißung ist der Verweis darauf, d. h. aber auf das Wunder, auf den Geist, auf das Unmögliche, auf die Erlösung. In der Form dieses Verweises tritt die Möglichkeit seiner Erwählung an den Menschen heran, ausschließlich in dieser und nie in einer anderen Form. Er muss glauben, er muss wagen und kein Pfand wird ihm geliehen26, es wäre denn der Geist, der Glaube, das Wagnis selber. «Isaak» heißt «Man lacht». Worüber? Und wie? Skeptisch über die unmögliche Möglichkeit oder enthusiastisch über die mögliche Unmöglichkeit? Der Schritt vom einen zum andern ist nicht so groß, wie die meinen, die die wirkliche Skepsis und den wirklichen Enthusiasmus nicht kennen. Die Kirche darf sich nicht verbergen, dass ihr Thema sie hinausdrängt auf diese schmalste Felsenkante. Sie darf es nicht einmal anders wollen, als dass das geschieht. Denn irgendwie erfüllte Verheißung wäre Verlust der Erfüllung dessen, was dem Menschen sicherlichl verheißen ist. Sichtbare Hoffnung wäre nicht Hoffnung (8,24). Direkte Gegenwart der Wahrheit wäre nicht Gegenwart der Wahrheit. Die Kirche, die es wagt, Gottes Wort mit Menschenohren zu hören, mit Menschenlippen auszusprechen, lebt von der Verheißung. Aber an der Verheißung muss ja der Mensch und alles Menschliche sterben, um Gott zu leben. Die Kirche darf sich diesem Sterben nicht entziehen, gerade sie nicht. Gerade die sterbende Kirche lebt |471 wirklich von der Verheißung, im Schein der jenseits von Leben und Tod ewig kommenden Erfüllung. Jede irgendwie triumphierende, «lebendige» Kirche aber ist als solche die Kirche, die den Namen hat, dass sie lebe, und siehe, sie ist tot [vgl. Apk. 3,1]. Aber dass das so ist, dass die Kirche, die wie alles Menschliche nach diesseitiger Erfüllung drängt, die durchaus triumphieren und leben möchte, nur von der Verheißung lebt und also immer nur abnehmen kann, damit Er wachse [vgl. Joh. 3,30], das ist, wir sagen es nochmals: Not, die nicht ernst genug genommen werden kann. Denn die Quelle dieser Not ist auch die Quelle der Hoffnung, nur sie. Weil die Kirche diese ihre wirkliche Not nicht sieht, darum hat sie auch keine wirkliche Hoffnung. Sie will nicht glauben, ohne zu sehen [vgl. Joh. 20,29]; darum sieht sie auch nur, was man sehen kann, ohne zu glauben.

V. 10‒13 Aber nicht nur hier war es so, sondern auch als 330 Rebekka, von einem Manne, unserm Vater Isaak, schwanger war: denn als sie (die Zwillinge) noch nicht geboren waren und also auch noch nichts Gutes oder Schlechtes getan hatten, wurde ihr (damit die auf Erwählung beruhende Bestimmung durch Gott in Geltung bleibe, bei der nicht die Werke, sondern der Berufende den Ausschlag gibt!) gesagt: «Der Größere wird dem Kleineren dienen!» Wie denn über dieses Ausschlaggebende geschrieben steht: «Den Jakob liebte ich, den Esau aber hasste ich!»

Innerhalb des Abrahamsstammes die ungeborenen Zwillingssöhne eines Mannes und einer Frau! Wenn es auch von ihnen, schon von ihnen heißt: «Der Größere wird dem Kleineren dienen!» (Gen. 25,23), so wird darin offenbar noch deutlicher, wie die Kirche sich spaltet an ihrem eigenen Thema, und was das für ein Thema ist. Wer oder was außer Gott selbst, Gott allein kann hier, wo aller menschliche Unterschied verhüllt ist von der an die grundsätzliche Unanschaulichkeit Gottes erinnernden Verborgenheit des Mutterleibes, für den einen oder gegen den andern sprechen? Warum Jakob und nicht Esau? Keiner hatte vor dem andern etwas voraus in der Berufenheit, rechtmäßige Söhne Isaaks und Enkel Abrahams waren sie beide, und beide hatten «nichts Gutes oder Schlechtes getan». Und doch läuft die unerbittliche, die kritische Linie quer hindurch durch den gemeinsam gezeugten und empfangenen, durch den noch ungetrennten Stamm, Erwählung hier und Verwerfung dort, Kirche Gottes hier und Men|472schenkirche dort, Wahrheit als Gericht hier und Wahrheit als Gerechtigkeit dort bedeutend. Warum, warum? möchten wir immer wieder fragen.

Antwort: «Damit die auf Erwählung beruhende Bestimmung durch Gott in Geltung bleibe, bei der nicht die Werke, sondern der Berufende den Ausschlag gibt.» Also darum, weil Abrahams Stamm sich nun einmal mit Gott eingelassen hat, weil Gott Gott ist und weil Gott sich darin immer wieder als Gott erweist, dass er, er selbst, er allein, wählt und verwirft, aufrichtet und stürzt, lebendig macht und tötet [vgl. 1.Sam. 2,6]. Wie anders sollte er sich denn diesem Menschen in dieser Welt mit seinem immer wieder in die Gegebenheit versinkenden Sinn als Gott, als der Herr über Leben und Tod erweisen? Wie anders denn in dieser seiner königlichen, an kein Eigenes, Selbständiges, Relatives des Menschen gebundenen, durch keinerlei Gegenüberstehendes, Anderes, Zweites bedingten Freiheit sollte uns denn der Gott, der eben in seiner Unanschaulichkeit, eben als der Unbekannte für uns Gott ist, anschaulich und bekannt werden? Wie anders könnte denn das Thema der Kirche durchgeführt werden als 331 dadurch, dass es der Kirche selbst, der Kirche zuerst immer aufs neue zur Krisis wird? Abrahams Stamm selbst, der von Gott bedrängte, kann nichts anderes wünschen noch wollen, als dass «die auf Erwählung beruhende Bestimmung durch Gott in Geltung bleibe», dass Gott recht bekomme und recht behalte in seiner schrankenlosen Freiheit. Ihn lobpreist mit dem Jubel der Erwählten auch das Zähneknirschen der Verworfenen. Denn «nicht eine quantitative Begrenzung, sondern eine qualitative Beschreibung des göttlichen Tuns ist gemeint» (Kühl)27 mit der unumgänglichen Lehre von der ewigen doppelten Prädestination. Kein menschliches Sein, Haben und Tun, kein «Werk» ist ja als solches bevorzugt oder zurückgesetzt, niemand darf sich in der Zeit ewiger Erwähltheit getrösten, und niemand muss sich in der Zeit ewiger Verworfenheit bewusst sein, sondern wie der zeitliche Mensch ewig begründet ist, wie in dieser Begründung «der Berufende den Ausschlag gibt», wie sein Gott wirklich Gott ist, das bezeichnet diese Lehre:m paradox, missverständlich zum Zweck des |473 Verständnisses, mit dem Kontrast des Wählens und Verwerfens. Das sucht ja Abrahams Stamm. Das meint ja auch die Kirche. «Gott hilft dir nicht um deinetwillen, sondern um seiner selbst willen» (Schlatter).28 Hilft er dir anders, so hilft er dir gar nicht, so ist es gar nicht Gott, der dir hilft. Seine Sache führt Gott in der Kirche, und weil sie seine Sache ist, kann sie nicht untergehen.29 Aber eben darum sollte von der «Sach’, an der wir stehn», nur mit größter Vorsicht gesungen werden; denn indem Gott seine Sache führt, schlägt er uns unsere Sache (als unsere!) auf alle Fälle aus den Händen, lässt das Wunder geschehen oder nicht geschehen, bestätigt sein Israel (als das seine!) und lehnt ab, was nur diesen Namen trägt, führt zum Licht ein Volk, das ihm dient, und hüllt in Finsternis ein anderes, das ihm nur zu dienen meint, gibt das Erbe seinen Kindern und nimmt es den ihm Fremden, segnet die von ihm Berufenen mit seiner Gegenwart und straft die von ihm Unberufenen durch seine Abwesenheit, macht menschlich Erste zu seinen Letzten und menschlich Letzte zu seinen Ersten [vgl. Mt. 19,30; 20,16 par.] – und immer so, dass Er Gott ist, der Unbekannte, und sein das Reich, die Kraft und die Herrlichkeit [vgl. Mt. 6,13].

«Den Jakob liebte ich, den Esau aber hasste ich.» Wir wiederholen, dass dies (Mal. 1,2–3) eine Beschreibung des Verhaltens Gottes, der Qualität des göttlichen Tuns ist: frei, königlich, souverän, unbedingt, grundlos ist Gott und nur so als Gott zu begreifen und zu verehren. Weil nur durch sein Erwählen und Verwerfen, Lieben und Hassen, Lebendigmachen und Töten [vgl. 1.Sam. 2,6] Gott diesem Menschen in dieser Welt als Gott begreiflich und ver332ehrungswürdig werden kann – darum die Not der Kirche, darum Gottes Offenbarung im Paradoxon, dass Ewigkeit Zeit und doch nicht Zeit wird, im Rätselbild und Gleichnis des geliebten Jakob und des gehassten Esau, im Geheimnis der ewigen doppelten Prädestination. Eben darum ist sie |474 aber das Geheimnis des Menschen, nicht dieses und jenes Menschen. Sie scheidet nicht zwischen diesen und jenen Menschen, sondern sie ist ihre tiefste Gemeinschaft. Ihr gegenüber stehen sie alle in einer Linie. Ihr gegenüber ist Jakob in jedem Augenblick der Zeit auch Esau, ist Esau im ewigen Augenblick der Offenbarung auch Jakob. Jakob ist der unanschauliche Esau, Esau der anschauliche Jakob. Mythologisierend ist also die reformatorische Fassung der Prädestinationslehre auch in dieser Hinsicht, dass sie die Erwählung und Verwerfung auf die psychologische Einheit des Individuums, auf Quantitäten von «Erwählten» und «Verworfenen» bezogen hat. Paulus meint es nicht so, kann es nicht so meinen, weil ihm durchweg im Interesse Gottes am Individuum, nicht im Interesse des Individuums an Gott gelegen ist. Wie sollte auch das zeitliche, das anschauliche, das psychologische Individuum ewiger Erwähltheit oder Verworfenheit überhaupt fähig sein? Schauplatz nur ist es – und daran hat es wahrlich genug zu tragen! – der in der unanschaulichen Freiheit des Menschen, des in Gott ruhenden und bewegten Individuums sich vollziehenden Erwählung und Verwerfung. Wir wissen, was solche Doppelheit in Gott bedeutet: wahrlich nicht Gleichgewicht, sondern ewige Überwindung des Zweiten durch das Erste: des Gerichts durch die Gnade, des Hasses durch die Liebe, des Todes durch das Leben. Aber dieser Sieg ist uns in jedem Augenblick der Zeit verborgen. Wir können der Doppelheit nicht entgehen. Für uns heißt der anschauliche Jakob Esau, und nur der unanschauliche Esau kann für uns Jakob heißen. In jedem Augenblick der Zeit steht also die Kirche ganz und gar nur vor der (in Gott doch ewig überwundenen!) Möglichkeit der Verwerfung. Ihre Erwählung aber steht allein im Glauben, die Wahrheit des von ihr vernommenen und verkündigten Gotteswortes allein im Geiste, der Besitz der Verheißung, die schon erfüllt ist, allein in der Hoffnung – ihr Glaube, ihr Geist, ihre Hoffnung aber wiederum allein bei Gott. Dass sie also, sofern sie – Jakob sein sollte, in unendlicher Furcht vor Esau und nachdem sie unruhigen Gewissens alles getan, um den feindlichen Bruder zu versöhnen, endlich nur noch mit Gott ringen kann, mit ihm aber ringen muss, «bis zum Anbruch der Morgenröte» (Gen. 32,25) – das ist ihre große, ihre nicht groß genug einzuschätzende Not, neben der alle ihre andern Nöte Kinderspiel sind.

475

Der Gott Esaus

9,14–29

V. 14‒18 Was wollen wir nun dazu sagen? Ist da nicht eine Unbotmäßigkeit auf Seiten Gottes? Unmöglich! Denn dem Mose sagt er: Ich werde mich dessen erbarmen, dessen ich mich erbarme, und mit dem Mitleid haben, mit dem ich Mitleid habe. Also so steht’s: Nicht auf den wollenden noch laufenden Menschen kommt es an, sondern auf den sich erbarmenden Gott. Denn die Schrift sagt dem Pharao: Dazu habe ich dich aufgestellt, dass ich an dir meine Kraft erweise und dass verkündigt werde mein Name auf der ganzen Erde. Also so steht’s: wessen er will, dessen erbarmt er sich, und wen er will, den verstockt er.

«Ist da nicht eine Unbotmäßigkeit auf Seiten Gottes?» «Den Jakob liebte ich, den Esau aber hasste ich.» Eine furchtbare Wahrheit, um so furchtbarer, wenn sie uns hier in einer Form entgegentritt, die sich auch von dem letzten Rest psychologistischer Eindeutigkeit frei hält! Wer ist der Gott, der so redet, in dessen Hände zu fallen so schrecklich ist [vgl. Hebr. 10,31], der mit den Seinen so umgeht, solche Not ihnen bereitet? Der Gott, der so sehr der Gott ist, der Wunder tut [vgl. Ps. 77,15], dass er anders denn im Wunder der Offenbarung, in der Wende von der Verwerfung zur Erwählung nie und nirgends als Gott erkannt und geglaubt werden kann? Der Gott, der sich immer finden lässt und gerade darum immer gesucht sein will? Der Gott, der in alle Ewigkeit der Gott Jakobs ist, und gerade darum zu jeder Zeit der Gott Esaus? Der Gott, der viel zu sehr die Wahrheit selber ist, als dass dieser Mensch in dieser Welt «Gewissheit» von ihm haben könnte? Wer schauderte hier nicht zurück: «Est enim praedestinatio Dei vere labyrinthus, unde hominis ingenium nullo modo se explicare queat» (Calvin).30 Ist es nicht offenkundig, dass dieser Gedanke, den keine ihres Namens werte Kirche zu denken unterlassen darf, der Angriff auf die Grundlage jeder Kirche ist? Dass alle unsre religiös-sittlichen Begrifflichkeiten angesichts der Realität dieses Gottes gegeneinander fallen wie auf die Spitze gestellte Kegel, wie die Häuser und Bäume auf einem futuristischen Bilde? Sind sie nicht allzu begreiflich, alle jene |476 Einwendungen, die die religiös-kirchliche Eilfertigkeit und Kurzatmigkeit zu allen Zeiten im Namen des höchst bedrohten Menschen gegen die Prädestinationslehre erhoben hat? Ist es nicht unvermeidlich, dass auch vom höchsten, kühnsten Gipfel menschlichen Glaubens immer und immer wieder jene tolle Frage (3,5) aufsteigt, ob dieser Gott nicht selber «unbotmäßig» sei: ein launischer, tückischer Dämon, der uns zum Narren 334 hält, ein Aufrührer gegen die Norm der Gerechtigkeit, der doch auch er unterstellt sein müsste? Gibt es etwas Empörenderes für den Menschen als das majestätische Geheimnis dieses Unerforschlichen, Unzugänglichen, Unberührbaren, dieses allein Freien und selbst Mächtigen? Möchten wir nicht alle unwillkürlich schreien, dass dieser nicht Gott sein kann, nicht Gott sein darf? Das ist sicher, dass die Not der Kirche noch nicht gesehen ist n-und also auch noch nicht sich wenden-n kann, solange die Möglichkeit solcher Frage, Klage und Anklage ihr nicht in ihrer ganzen Bedrohlichkeit zum Bewusstsein gekommen ist. Diesseits der in dieser Möglichkeit sich ankündigenden Katastrophe alles dessen, was der Mensch von Gott denken und für ihn tun kann, gibt es keine Erkenntnis Gottes, keinen Trost und keine Hilfe. Der Gott, gegen den dieser Schrei sich nicht erhöbe, wäre nicht Gott. Wogegen die Verkündigung der Heilsbotschaft von Christus im alten und im neuen Testament daran ihr Merkmal hat, dass sie, im Unterschied zu andern, billiger zu habenden und glatter eingehenden Botschaften, eben diesen Widerspruch herausfordert. Wenn es Ernst gilt, dann wird das Skandalon der Prädestination verkündigt und vernommen, dann redet der Gott Esaus. Das sind Dinge, die Nietzsche in seiner wilden Auflehnung gegen Gott besser gewusst zu haben scheint als die unbedachte direkte Gläubigkeit derer, die es wagen, ihn deshalb zu verdammen. Also: «Den Jakob liebte ich, den Esau aber hasste ich.» «Es verhält sich aber mit dergleichen Stellen wie mit der Wolkensäule, die sich zwischen das Heer der Ägypter und das Heer Israels stellte und gegen die Ägypter eine finstere Wolke war, gegen Israel aber Licht machte. So haben diese Sprüche zwei Seiten: gegen die Gläubigen, die Gott in seiner Liebe trauen, haben sie einen lieblichen sanften Sinn; denen aber, die |477 lieber mit ihren Werken aufkommen möchten, stehen sie freilich als eine finstere Wolke da. So viel einen diese Sprüche noch hart dünken, so viel steckt er noch in seiner eigenen Gerechtigkeit; so friedlich man aber damit auskommen mag, so weit ruhet das Herz ganz in der Gnade» (Steinhofer).31 Denn «unmöglich» ist jener Widerspruch, so nahe er liegen, so sehr er der Ausdruck tiefer Einsicht in die wahre Lage sein mag. Er kann sich nur dazu erheben, um alsbald in sich selbst zusammenzubrechen und durch sein Auftauchen und Verschwinden klar zu machen, dass Gott ist, der er ist: der Gott Esaus, weil er der Gott Jakobs; der Notschaffende, weil er der Hilfebringende; der Verwerfende, weil er der Erwählende ist. Jene Krisis darf aber eben darum nicht umgangen und darum auch das Ärgernis der zweiseitigen Wolkensäule nicht weggewünscht werden. Von dem Durchhalten in dieser Krisis ist nun zu reden.

335 «Icho werde mich dessen erbarmen, dessen ich mich erbarme, und mit dem Mitleid haben, mit dem ich Mitleid habe! Also nicht auf den wollenden noch laufenden Menschen kommt es an, sondern auf den sich erbarmenden Gott!» Gott «unbotmäßig»? Nein, aber Gott seine eigene Norm! Gottes Gerechtigkeit eine ewige Gerechtigkeit [vgl. Ps. 119,142]! Gottes Liebe unendlich, nicht endlich! Darum handelt es sich. Eben der Gott, für den menschliche Begrifflichkeit schließlich nur noch die Bezeichnung «Despot» übrig haben dürfte, gegen dessen Herrschaft sich der Mensch nur empören kann, den der Mensch um keinen Preis Gott nennen möchte, ist eben Gott. Dass er vom Menschen als «Despot» (Lk. 2,29; Act. 4,24 usf.) gerade alsp der unendlich liebende Vater, als Gott Esaus gerade als Gottq Jakobs begriffen und wieder geliebt wird, das ist Gotteserkenntnis in Christus, und es gibt keinen Weg zur Gotteserkenntnis, der etwa an der Klippe jenes Widerspruchs vorbeiführte. Der Gott, den wir in Gestalt einer dem |478 menschlichen Begreifen kongruenten Größe, in Gestalt einer Ursache in einer Reihe, in Gestalt einer Partei unter Parteien zu erkennen vermöchten, ist nicht der Ursprung, nicht der Absolute, nicht der Ewige, nicht der Persönliche – er ist Nicht-Gott, oder aber er ist Bild und Gleichnis, das, indem es uns unvermeidlich dorthin leitet, wo jener Widerspruch auftauchen muss, über sich selbst hinausweist, sich selbst aufhebt, zur Ehre Gottes selbst, Gottes allein. Gottes Wille ist nicht die Anwendung und Betätigung einer oberhalb Gottes stehenden Güte, sondern selber die Quelle und Setzung der Güte und alles Guten. Als gut kann er nur verstanden werden, indem er als Gottes Wille verstanden wird. «Deo satis superque est sua unius auctoritas, ut nullius patrocinio indigeat». Darum: «Faciam quod facturus sum.» Und: «haec Deo libertas eripitur, ubi externis causis alligatur eius electio» (Calvin).32 Was macht denn Mose zum Mose, zum Träger und Verkündiger der göttlichen Bundesgnade und Heilsbotschaft? «Woran soll es wahrhaftig erkannt werden, dass ich Gnade gefunden habe bei dir, ich und dein Volk, wenn nicht daran, dass du mit mir ziehst?» Antwort: «Ich werde vor dir herziehen in meiner Herrlichkeit und werde mit meinem Namen: Der Herr! vor dir her mich hören lassen und werde mich dessen erbarmen, dessen ich mich erbarme, und mit dem Mitleid haben, mit dem ich Mitleid habe». Und wir bedenken die Fortsetzung der Stelle: «Du kannst mein Angesicht nicht sehen. Denn kein Mensch wird leben, der mein Angesicht sieht» (Ex. 33,16–20 LXX). So also wird Mose zum Mose. Gottes Gerechtigkeit ist Gottes Gerechtigkeit, in keinem Sinn die Gerechtigkeit des «wollenden oder 336 laufenden» Menschen. Nichts wird diesem Menschen gegeben, was ihm etwa nach menschlichem Recht ohnehin zukäme, sondern aus Erbarmen und Mitleid gibt ihm Gott, was er ihm gibt. Und das ist’s, was dieses ihm widerfahrende Erbarmen echt und dieses Mitleid kräftig macht: anbetungswürdig als Grund unsrer Hoffnung, dass es ganz und gar Gottes, d. h. aber das schlechthin freie, unbedingte, in sich selbst beruhende und bewegte Erbarmen und Mitleid ist. Von einem andern Gott als diesem, dem – direkt und linear verstanden – nur als der Gott Esaus verständlichen, dem als der Gott Jakobs nur im absoluten Wunder sich offenbarenden, sollte auch die Kirche, in ihrer Not ihre Hoffnung erkennend, nichts wissen wollen.

479«Dazu habe ich dich aufgestellt, dass ich an dir meine Kraft erweise und dass verkündigt werde mein Name auf der ganzen Erde. Also wessen er will, dessen erbarmt er sich, und wen er will, den verstockt er.» Gott «unbotmäßig»? fragen wir noch einmal und antworten noch einmal: Nein, wie sollte er, sofern wir sein Tun nicht an unsern Ordnungen und Erwartungen messen (sondern umgekehrt!), sofern wir uns bescheiden bei der Einsicht, dass er seiner eigenen, unserm Betrachten schlechthin unanschaulichen Pragmatik folgt. Wie kommen wir zu dieser Einsicht? Indem wir uns klar machen, dass wir nicht einmal diese tolle, ihr Ziel gänzlich verfehlende Frage aufwerfen, gar nicht in die Lage kommen könnten, angesichts der Anschaulichkeit des Gottes Esaus protestierend und hilferufend nach der Offenbarung des Gottes Jakobs auszuschauen, wenn uns nicht jenseits dessen, was wir jetzt und hier allein als Gott anzuschauen vermögen, das ursprüngliche Licht des Schöpfers und Erlösers siegreich leuchtete. Erinnert uns aber gerade die Tatsache unsres Protestes gegen unsre direkt doch unmöglich zu leugnende Verwerfung an das eigene, nur indirekt einzusehende Recht, nach dem sich das Handeln Gottes richtet, dann mag es uns vielleicht zum Gebot werden, ihn auch in seiner Anschaulichkeit als Gott Esaus, als Notbereitenden, als Verwerfenden anbetend zu verehren, die Hand zu ergreifen und fest zu halten, die uns schlägt, um deswillen, was dieser harte Gott noch viel mehr, noch ganz anders ist: der Gott Jakobs, der Hilfe Schaffende, der Erwählende. Wie wollten wirr denn den Gott Jakobs anders begreifen, als indem wir uns beugen vor dem Gott Esaus, wie unsre Erwählung anders als in ihrer Umkehrung: in unsrer Verwerfung? Gott schauen kann auch Mose nur in der Felsklufts stehend, wenn jener vorübergegangen ist, von hinten (Ex. 33,21–23). Ihn anders schauen wäre für uns gleichbedeutend mit sterben. Was die triumphierende Kirche «Gott» nannte, das ist 337 nie wirklich Gott gewesen. Mit dem lebendigen Gott hat es die Kirche zu tun, die in der Not ist und die weiß, dass sie es ist, die sich in der ganzen Breite ihrer geschichtlichen Erscheinung von Gott verworfen weiß t-und sich nur daran klammert-t, |480 dass dieser furchtbare Gott dennoch Gott ist: derselbe Gott, der noch viel mehr, noch ganz anders erwählen kann und erwählen will. Von Gott «aufgestellt» ist nicht nur Mose in der Unanschaulichkeit seines Amtes als Gottesmann, sondern auch Pharao in der ganzen Anschaulichkeit seiner Funktion als Moses Gegenspieler. Gott nimmt ihm mit dieser seiner Prädestination zur Verstockung nicht das Geringste von dem, was ihm nach menschlichem Recht zukommt. Es hat, menschlich betrachtet, Mose vor Pharao nichts irgendwie Entscheidendes voraus. Unter derselben harten Hand stehen offenbar Beide, wie schon Jakob und Esau unter derselben harten Hand standen. Mose könnte allenfalls auch Pharao sein, Pharao auch Mose. Eher noch dass man das Bild Esau-Pharaos menschlich einfacher und befriedigender nennen möchte als das Jakob-Moses. Denn sofern wir von Mose dem Erwählten reden, reden wir nicht von dem anschaulichen Mose, dessen Gegenspieler der anschauliche Pharao ist und vor dessen menschlicher Fragwürdigkeit, Erfolglosigkeit und bitterem Ende die Verstockung und Gegenwehr Pharaos noch eine gewisse tragische Größe voraushat. Unanschaulich, paradox steht ihm Pharao der Verworfene gegenüber, unanschaulich, paradox ist der Unterschied der beiden «Persönlichkeiten». Im strengsten Sinne gilt das «ineffabile est individuum»33. Keinerlei seelische Schichtung und Differenzierung ist hier gemeint; völlig ins Leere greift die bekannte, allzu bekannte Einsicht, dass zwei (warum nicht drei oder mehr?) Seelen – ach! – in des Menschen Brust wohnen34. Denn die Qualität, um die es hier geht, ist psychologisch gänzlich unqualifizierbar, kann daher nicht als Qualität dieses oder jenes psychologischen Subjektes festgestellt werden. Anstößig, widersinnig, unbegründbar im extremsten Sinn ist die Prädikation «erwählt» für Mose, «verworfen» für Pharao. Allein in Got|481tes Freiheit und durch das Wunder seiner Offenbarung geschieht es, dass der Eine als Erwählter, der Andere als Verworfener dazu dienen muss, «dass ich an dir meine Kraft (meine virtus, meine betätigte Vorzüglichkeit vor allen Göttern 1,16) erweise und dass verkündigt werde mein Name auf der ganzen Erde» (Ex. 9,16). Diese Abzweckung der Verwerfung Pharaos könnte doch wahrhaftig ebenso gut die der Erwählung Moses sein und ist es! Knechte und nicht Herren sind beide, Knechte des Willens Gottes, der hier in Gottes Ja, dort in seinem Nein, hier im Erbarmen, dort in der Verstockung seine unanschauliche Herrlichkeit bewährt und beweist, den Einen undu den Andern, den Guten undv den Bösen 338 braucht. Der «verstockte» Mensch ist der anschauliche Mensch, der als solcher in seiner grundsätzlichen Gottesferne Buße weder kennt noch tun kann. Wer von uns weiß denn etwa, was Buße ist, geschweige denn, dass er Buße getan hätte? Das ist unsre Verstockung. Der Mensch, dessen sich Gottw erbarmt, ist der unanschauliche Mensch in seiner durch das Wunder vollzogenen Einheit mit Gott, der in der Buße, die Gottes Werk ist, Neugeborene. Wer sollte von diesem Werk Gottes ausgeschlossen sein? Das ist das Erbarmen, unter dem wir stehen. Wie könnte Gott jetzt und hier anders mit uns reden als in der rücksichtslosen Aufdeckung dieses Kontrastes? Und wie könnte dieser unübersehbare Kontrast anders begründet sein als in dem Einen Gott, in dem auch seine Aufhebung verborgen ist? Gott will. Gott erbarmt sich und verstockt, Er! Dieser Er ist die Not der Kirche, deren Menschenwerk nie Sein Werk sein kann, aber auch ihre Hoffnung jenseits der Not, so gewiss die Beugung vor diesem Er das Ende des Menschenwerks ist. Wollte die Kirche nicht durchaus Mose sein (und welche Kirche, welches Kirchlein wollte das nicht?), wüsste und bedächte sie, dass sie Pharao, Kirche Esaus ist, so wäre damit Raum geschaffen für das absolute Wunder, dass sie gerade darum, gerade in ihrer Beugung vor Ihm Mose, Kirche Jakobs sein könnte.

V. 19‒21 Eine Episode: Du wirst mir sagen: «Was hat er in diesem Fall zu tadeln? Denn wer sollte seinem Willen widerstehen?» O Mensch! Jawohl, wer bist du, der du Gott widersprechen willst? |482 Wird etwa das Werk zum Meister sagen: Warum hast du mich gerade so gemacht? Oder hat nicht der Töpfer Macht über den Ton, aus demselben Teig das eine Gefäß für die Zierde, das andere für den Schmutz herzustellen?

«Was hat er in diesem Fall zu tadeln? Denn wer sollte seinem Willen widerstehen?» Wir kennen diese Einrede (3,8; 6,1.15): Gegenüber Gottes Sieg und Triumph sei weder dieses noch jenes Tun des Menschen eine Förderung oder ein Hindernis. Aus Gottes Freiheit und Alleinmacht folge also die Unverantwortlichkeit des Menschen, aus der Universalität seiner die Sünde überwindenden Gnade die Möglichkeit, das Gute und das Böse zu tun. Sie taucht mit unfehlbarer Sicherheit überall da auf, wo mit dem Denken des Gedankens Gottes oder der Ewigkeit ernst gemacht wird. Furcht und Zittern [vgl. Phil. 2,12] sind wohl am Platz, wo sie auftaucht. Im Blick auf Gott nämlich, im Blick auf den feurigen Busch [vgl. Ex. 3,2–4], in dessen Nähe wir uns dann offenbar befinden. Der Blick auf die Menschen aber dürfte die Kirche nicht hindern, jenen Gedanken im Ernst zu denken, auf die Gefahr hin, dass Irrsinn, 339 Sittenlosigkeit, Verbrechen und Selbstmord plötzlich in den Bereich der Möglichkeit derer treten, die es wagen ihn mitzudenken, auf die Gefahr hin, dass die Kirche ihr eigenes Dasein als gesellschafts- und welterhaltender Faktor aufs Spiel setzt. All das Unerhörte, das an diesen Grenzen evangelischer Verkündigung eintreten kann und gerade auf ihren Höhepunkten tatsächlich eingetreten ist, spricht nicht sowohl gegen die Wahrheit als gegen den Menschen, der die Wahrheit nicht zu ertragen vermag. Selbstverständlich nicht etwa nur gegen diesen und jenen Menschen, der kraft seiner Stärke oder Schwäche diese Unerträglichkeit der Wahrheit besonders deutlich am eigenen Leibe erfahren und darstellen muss (also z. B. nicht nur gegen Nietzsche!), sondern gegen diesen und jenen und gegen alle Menschen, gegen die Gesellschaft und Welt, deren Ordnungen alsbald aus den Fugen zu kommen scheinen, wenn ihnen die Ordnung Gottes einmal zu nahe kommt. Der Ausgang von Dostojewskis «Idiot», das Ende eines Hölderlin oder Nietzsche, die unvermeidlichen Katastrophen alles Täufertums (Muck-Lamberty!)35, |483 sie können doch nur erschütternd klar machen, dass der Mensch in seiner vermeintlichen Fülle, Gesundheit und Gerechtigkeit an der Wahrheit nur sterben kann. Sie gelten als Gleichnis wahrlich immer auch den andern, denen, wahrscheinlich durchaus nicht zux ihrem Ruhm, solche Versuchung und solcher Fall erspart bleiben. Unzweideutige Kunde gibt das, was jenen widerfährt, davon, wie sehr der Mensch an Gott krank ist. Aber nicht am Platze ist es, aus Furcht vor den Symptomen dieser Krankheit (an der wir alle leiden! und mehr als Symptome können auch die erschreckendsten Verirrungen und Schicksale Einzelner oder Vieler nicht sein!) und um jener Einrede auszuweichen, den Gedanken Gottes nicht im Ernst zu denken. Menschenliebe betätigen wir sicher nur als Gottesliebe, Gottesliebe aber wird nicht aus Furcht vor den Menschen oder für die Menschen die Furcht verstummen heißen, die wir Gott schuldig sind. Also: Wir meinen die Gefahr des Punktes, wo jene Einrede zu entstehen pflegt, zu kennen. Wir sehen sie darin, dass es uns misslingen und immer wieder misslingen möchte, von Gottes Freiheit, Macht und Gnade so zu reden, dass nicht ein Ausbruch menschlicher Willkür, sondern Erkenntnis des Willens Gottes daraus erwächst. Darum, weil wir das offensichtlich immer wieder nicht vermögen, können wir uns über die |484 Opfer, die der indirektey Weg der Wahrheit immer wieder fordert, nicht beruhigen, fühlen wir uns dringend veranlasst, auch bei unserm ernsthaftesten Denken des Gedankens Gottes auf alle Geradlinigkeit und Ungebrochenheit Verzicht zu leisten. Es muss aber grundsätzlich dabei bleiben, dass jene Einrede die Wahrheit nicht trifft und darum abzu340weisen ist. Diese Abweisung ist nun noch einmal (3,5f.; 6,1f. 15f.) durchzuführen.

«O Mensch! Jawohl, wer bist du, der du Gott widersprechen willst?» O Mensch! Damit ist ja bereits alles gesagt, was gegen diese Einrede zu sagen ist. Sie übersieht den unendlichen qualitativen Unterschied zwischen Gott und Mensch. Sie rechnet zwischen Gott und Mensch wie zwischen Ding und Ding. Sie redet von einem Gott, dem sich der Mensch als widersprechender Partner, wenn auch alsbald erliegend, immerhin zunächst gegenüberstellt. Sie erlaubt sich, den Menschen mit seinem Tun als ein Zweites gegenüber dem Willen Gottes, als ein mit jenem in derselben Kausalreihe stehendes Glied, wenn auch ganz oder fast ganz als Wirkung zu betrachten. Das ist Verkehrtheit. Des Menschen Tun steht dem Willen Gottes weder als Ursache noch als Wirkung gegenüber. Es besteht überhaupt keine direkte, anschauliche Beziehung zwischen seiner Verantwortlichkeit und Gottes Freiheit, sondern allein die indirekte, unableitbare, unvollziehbare von Zeit und Ewigkeit, Geschöpf und Schöpfer. Es ist die Freiheit Gottes also gegenüber dem Menschen weder ein von außen stoßender Mechanismus noch sein eigenes schöpferisches Leben (1. Auflage dieses Buches!36), sondern sie ist sein reiner Ursprung, das Licht, in dessen Anwesenheit oder Abwesenheit sein Auge hell oder dunkel ist, das Unendliche, an dessen doppelter Dimension gemessen er groß oder klein ist, der Spruch des Richters, durch den er steht oder fällt. Der Mensch kann in der Tat die Freiheit Gottes weder mehren noch mindern, weder fördern noch hemmen. Aber so wenig kommt das in Betracht, dass gerade die Indirektheit der Beziehung zwischen seiner |485 eigenen Freiheit und der Freiheit Gottes die relative Notwendigkeit, den relativen Ernst, die relative Ordnung jener begründet und garantiert. Gerade das Wissen von Gottes Freiheit, Macht und Gnade wird also den Menschen nicht aus seiner Bahn werfen, weil es unauflöslich eins ist mit dem Wissen, dass er der Mensch und nicht Gott ist. Gerade der Mensch, der Gott als Gott respektiert, wird zu jener Einrede keinen Anlass haben, er wird die Aufhebung seiner Verantwortlichkeit weder fürchten noch wünschen; er wird nicht irrsinnig, nicht sittenlos, nicht Verbrecher, nicht Selbstmörder. Wird er es doch, so errichtet er mit dergleichen wahrhaftig kein «Sakrament» (Blüher)37, wohl aber (Dostojewskis Raskolnikoff38!) ein warnendes Denkmal des letzten Missverständnisses, dem die Forderung, Gott über alle Dinge zu fürchten und zu lieben39, gerade als letzte Wahrheit ausgesetzt ist, der Tatsache, wie sehr uns der Respekt vor Gott eine alles umstürzende Neuigkeit ist, wie wenig wir in der Lage sind, mit Christus 341 auch nur eine Stunde wachend [vgl. Mt. 26,40 par.], die Paradoxie unsrer Lebenslage zu ertragen, ohne durch allerhand Titanismen unser Gleichgewichtsbedürfnis zu befriedigen! Gerade der Mensch, der begreift, dass Gott die Not der Seinigen ist, weiß, dass er auf alle Fälle, in seiner Moral und Unmoral, tadelnswert ist und dem Willen Gottes widersteht (9,19), dass es für ihn kein Gleichgewicht gibt und dass er weder in seiner Moral noch in seiner Unmoral einen Anlass finden kann, Gott zu widersprechen, vor ihm recht haben zu wollen und sich |486 so jener Not zu entziehen. Er wird sich jener Not vielmehr stellen und gerade darin wird sein eigenes relatives Verantwortlichkeitsbewusstsein begründet sein. «Nicht dazu also sind diese Dinge gesagt, damit wir den heiligen Geist, der uns sein Fünklein gegeben, durch unsre Hartnäckigkeit oder Trägheit matt setzen, sondern damit wir einsehen, dass, was wir haben, aus ihm ist, und lernen, alles bei ihm zu suchen, von ihm zu erhoffen, ihm wieder zu weihen, mit Furcht und Zittern unserm Heil nachzugehen» (Calvin).40

«Wird etwa das Werk zum Meister sagen: Warum hast du mich gerade so gemacht? Oder hat nicht der Töpfer Macht über den Ton, aus demselben Teig das eine Gefäß für die Zierde, das andere für den Schmutz herzustellen?» So steht der Mensch Gott gegenüber, fahren wir nun fort und treiben das Problem mit dem bekannten prophetischen Gleichnis auf die Spitze (Jes. 29,16; 45,9; 64,7; Sap. 15,7): wie das Werk dem Meister, wie der Ton dem Töpfer. Wer wagt es, hier noch von zwei Partnern, von zwei Gliedern einer Reihe zu reden? Hier der Handwerker mit seiner Absicht, dort das Material, das ihr dienen muss, und das Werk, das ihr Ergebnis ist. Von hier nach dort, vom Töpfer zum Ton, vom Meister zum Werk führt keine Brücke, keine Kontinuität. Inkommensurabel, in unendlichem qualitativem Unterschied, in schlechthin indirekter unanschaulicher Beziehung (oder doch im Gleichnis solcher!) stehen sich hier und dort gegenüber. Denn z-was sich auch immer über-z die Beschaffenheit des Materials, über den Bedarf, die Laune, das Können und Gelingen des Arbeiters oder über den notwendigen Gang des Arbeitsprozesses im Ganzen: von Aufgabe zu Aufgabe, von Zweck zu Zweck (so in der 1. Auflage dieses Buches41!) sagen lässt zur Erklärung der Tatsache, dass dasselbe |487 Material aus derselben Hand als Blumenvase oder als Nachttopf hervorgehen kann, es bleibt – schlechthin jenseits der an Hand solcher Erwägungen aufstellbaren Kausalreihen – die Freiheit des Arbeiters, jetzt dies, jetzt das zu beabsichtigen, es fehlt, jedenfalls vom Material und vom Ergebnis aus gesehen, seinen Absichten jedes Warum? So der 342 Mensch und Gott. Als Ursprung, nicht als Ursache steht Gott dem Menschen gegenüber. Ist der Mensch gerecht, so ist er’s vor Gott. Sündigt er, so sündigt er an ihm. Lebt er, so lebt er in der Teilnahme am Leben Gottes, und stirbt er, so stirbt er, weil der Mensch an Gott sterben muss. Immer ist er in seinem Da-Sein und So-Sein nicht etwa nur bedingt, sondern samt allem, was ihn bedingt und bedingen kann (und wenn es «Gott» hieße), geschaffen. Das Gleichnis von Meister und Werk, Töpfer und Ton reicht selbstverständlich nicht aus, um dieses «geschaffen» darzustellen. Es zeigt aber darauf hin. Der Mensch steht Gott gegenüber als das Gegebene dem Nicht-Gegebenen, als das Sein dem Nicht-Sein. Jedes Geltendmachenaa seines eigenen Rechtes, seiner eigenen Freiheit kann das Problem des Ursprungs, des Rechtes und der Freiheit Gottes, das Problem des Anfangs und des Endes, der Schöpfung und der Erlösung nur hinausschieben. Der Gedanke der Prädestination bedeutet den grundsätzlichen Verzicht auf dieses Hinausschieben. Dieser Verzicht muss stattfinden, wenn Gott gegenüber dem Sein, Haben und Tun des Menschen als Gott erkannt werden soll. Gott muss als Gott Jakobs und Esaus begriffen werden. Andernfalls würde es nicht klar, dass er, zu jeder Zeit der Gott Esaus, in Ewigkeit der Gott Jakobs ist. Der Gedanke der eigenen Verantwortlichkeit des Menschen aber, dessen Beseitigung jene Einrede (9,19) fürchtet oder wünscht, wie sollte er kräftiger zu seinem Recht kommen als in der Erkenntnis der schlechthinigen Relativität (Bezogenheit!) des Menschen Gott gegenüber?

488V. 22‒23 Wir kehren zum Hauptthema zurück: Wenn nun aber Gott mit großer Geduld die dem Verderben geweihten Gefäße des Zorns erträgt – mit dem Willen, seinen Zorn zu erweisen und seine Kraft zu offenbaren und um den Reichtum seiner Herrlichkeit zu offenbaren an den Gefäßen des Erbarmens, die er zur Herrlichkeit bereitet hat?

Warum ist Gott der Gott Esaus und Jakobs, der Zürnende und der Erbarmer? Wir wissen, dass wir kindisch und mythologisierend fragen; denn in Gott ist kein «und», keine Zweiheit, sondern lauter Aufhebung des Ersten durch das Zweite. Gott ist der Eine, der Gott Jakobs in Ewigkeit, der sich als Gott dem Menschen offenbart. Wir können aber begreifen, dass wir Gott nicht anders als in der Zweiheit begreifen können, in der dialektischen Zweiheit, in der eins zwei werden muss, damit zwei wahrhaft eins sei. – Sofern sich Gott dem Menschen offenbart, diesem Menschen in dieser Welt, muss er ihm gegenüberstehen als der, der ihm zürnt, der unwiderstehlich seine Kraft an ihm offenbart, d. h. unvermeidlich 343 und unerbittlich ihm beweist, dass er mit keinem von den Göttern, die der Mensch anbetet, und wenn es der höchste Gott wäre, identisch ist. Und sofern der Mensch die Offenbarung Gottes empfängt, kann er nichts anderes sein als das «Gefäß des Zorns», unfähig, Gott auch nur zu denken, ihm zu gehorchen, etwas anderes zustande zu bringen als Kompromittierungen Gottes, etwas anderes zu erfahren, als dass er an Gott sterben muss. Haben etwa gerade die wirklichen Gottesmänner als Menschen, in ihrer Kreatürlichkeit etwas anderes getan oder erfahren? Waren sie nicht gerade insofern Gottesmänner, als sie wussten: dies Gefäß ist dem Verderben geweiht, dieser Mensch als solcher ist kein Gerechter und hat sein Leben verwirkt (Ex. 4,24–26!!), diese Welt vergeht [vgl. 1.Kor. 7,31; 1.Joh. 2,17]? Haben wir etwa eine andere Hoffnung als das Wissen von unsrer Not, dass wir als Menschen immer nur das Negativ der göttlichen Offenbarung haben und selber seinab können, dass wir als Menschen immer nur den harten Gott Esaus kennen werden? – Sofern es aber Gott ist, der sich dem Menschen offenbart, steht er ihm, seine ganze Kreatürlichkeit mit dem Trotzdem! des Schöpfers, seine ganze Sündigkeit mit dem Trotzdem! der Vergebung bedeckend |489 (man erinnere sich der Kapporeth 3,25), gegenüber als der Erbarmer und offenbart ihm und an ihm den Reichtum seiner Herrlichkeit, die unendlich überlegene und siegreiche Wahrheit, dass er sein Erlöser ist. Und sofern der Mensch Gottes Offenbarung empfängt, ist er das «Gefäß des Erbarmens»; das absolute Wunder geschieht, dass seine Augen aufgetan werden [vgl. Gen. 3,5.7], dass er in der Buße steht und neue Kreatur schon ist, dass er, in der Härte Gottes seine Liebe erkennend, Gott wieder liebt und also die Heilsbotschaft vernimmt als frohe Botschaft, trotz, nein wegen des schlechthinigen grenzenlosen Ärgernisses, das sie ihm bietet, dass er mit Gott, dem Gott Esaus gerungen und also sich bewährt hat als Jakob, als Israel[vgl. Gen. 32,25–29]. Gott, der dem Jakob, dem Mose, dem Elia solche Not bereitet, dass es wahrlich nicht übersehen werden kann, wie ihre Gegenspieler Esau, Pharao, Ahab menschlich das bessere Teil erwählten, dieser Gott ist der Schild und der sehr große Lohn [vgl. Gen. 15,1] der Seinigen in Ewigkeit. – Und wenn nun der Gang der Offenbarung dieses einen Gottes immer wieder der wäre von der Zeit zur Ewigkeit, von der Verwerfung zur Erwählung, von Esau zu Jakob, von Pharao zu Mose? Wenn nun das Dasein der «Gefäße des Zornes» (die wir in der Zeit alle sind!) ein göttliches Ertragen und Ansichhalten wäre (3,26), der Schleier der großen Geduld Gottes (2,4), hinter dem das Dasein der «Gefäße des Erbarmens» (die wir in der Ewigkeit alle sind!) nur verborgen, aber nicht verloren ist? Wenn nun der Mensch Esau, der dem Verderben geweihte (zu dem auch der Mensch Jakob gehört!), immer nur stellvertretend 344 den Zorn Gottes zu tragen hätte, damit dem Menschen Jakob, dem zur Herrlichkeit bereiteten (zu dem auch der Mensch Esau gehört!), der Zugang eröffnet werde zu der in Zorn verhüllten und aus Zorn sich enthüllenden Gerechtigkeit Gottes? Unbegreiflich und schrecklich dieser allen kontinuierlichen «Gang» der Geschichte durchkreuzende und aufhebende «Gang» der Offenbarung! Unbegreiflich und schrecklich diese Verborgenheit des wahren Sinnes hinter dem Dasein! Unbegreiflich und alles Denken übersteigend dieses Hervorbrechen der Gerechtigkeit Gottes quer hindurch durch alle Ungerechtigkeit und Gerechtigkeit der Menschen! Aber wenn es doch so wäre? Wenn dieser «Gang» der Offenbarung der Wille Gottes an uns wäre? Wo bliebe dann unsere kindische, unsre unvermeidlich mythologisierende Frage, warum Gott die Zweiheit will?

490V. 24‒29 Als solche hat er auch uns berufen, nicht nur aus den Juden, sondern auch aus den Heiden. Wie er auch im Hosea sagt: Ich will, was nicht mein Volk war, berufen zu meinem Volk und die Ungeliebte zur Geliebten. Und es soll geschehen, dass sie an dem Ort, wo ihnen gesagt wurde: Ihr seid nicht mein Volk!, Söhne des lebendigen Gottes genannt werden. Jesaja aber schreit über Israel: Wenn die Zahl der Söhne Israels wäre wie der Sand des Meeres – nur ein Rest wird gerettet werden! Denn eine Beschneidung und Verkürzung des Verheißungswortes wird der Herr eintreten lassen auf der Erde! Und wie Jesaja schon vorher gesagt hat: Wenn der Herr Zebaoth uns nicht einen Samen übrig gelassen hätte, wie Sodom wären wir geworden und Gomorrha würden wir gleich sein.

Wenn – sagten wir eben. Wir meinen aber nicht «Wenn», sondern: Es ist so. Denn eben dieser Gang der Offenbarung geschieht ja, eben das, dass wir in der Zeit «Gefäße des Zorns», in Ewigkeit aber und darum noch viel mehr, noch ganz anders «Gefäße des Erbarmens» sind, entscheidet sich ja in Christus. Wunderbar gerettet jenseits unsres ganzen anschaulichen Seins sind wir als die von ihm Berufenen. Wir sind, das absolute Wunder ereignet sich: die Kirche Jakobs, die Gemeinde der Erwählten. Wer «wir»? Nicht diese und jene, keine quantitativ feststellbare Ansammlung, kein numerus clausus42, überhaupt kein numerus, kein greifbares geschichtliches Israel als solches. Dass Gott es ist, der hier liebt, erwählt und sich erbarmt, das bedingt die unanschauliche Aufhebung aller anschaulichen Scheidungen, die unter Menschen stattfinden können und müssen. Nur die Kirche ­Esaus braucht immer wieder die Zäune, die Israel von Edom, die die Juden von den Heiden, die Gläubigen von den Ungläubigen sondern. Bricht im ewigen Augenblick die Kirche 345 Jakobs an in Christus, dann werden die Zäune niedergerissen [vgl. Eph. 2,14]. Dann tritt der Heide Esau in Gottes Dienst und wird der göttlichen Verheißung teilhaftig und mit ihm die Heere der Draußenstehenden. Denn das Draußen wird nunac Drinnen, die Ferne zur Nähe, das Nicht-Ge|491liebtsein zum Geliebtsein, der Ort der Verstoßung zum Ort der Annahme, wenn Gott es ist, der liebt, wählt und sich erbarmt (Hos. 2,25; 2,1). Dann «schreit» aber auch Jesaja der sichern, besitzes- und gewissheitsfrohen Kirche das Geheimnis der doppelten Prädestination entgegen, mitad der ganzen «Lieblosigkeit», die da am Platze ist, wo es sich um die Liebe Gottes handelt, als Gerichtswort, ae-als Verheißungswort – wer-ae will in Jes. 10,22–23 trennen zwischen beiden? – dass der Jude Jakob nicht als solcher der Knecht Gottes ist. Denn wenn Gott liebt, wählt und sich erbarmt, welches Drinnen wäre dann sicher davor, draußen zu sein? Welche Verheißung wäre dann nicht in Gefahr, automatisch beschnitten und verkürzt zu werden entsprechend der Wahrheit dessen, der sie gegeben? Welche Quantität menschlich Gerechter schmölze dann nicht zusammen zu dem unanschaulichen ungreifbaren «Rest» und «Samen» der vor Gott Gerechten? Welches Jerusalem wäre dann bewahrt vor der Möglichkeit, morgen schon, heute schon ein Sodom und Gomorrha zu sein – es wäre denn, dass des richtenden Gottes Gnade es davor bewahrte (Jes. 1,9)?

Also auf des Messers Schneide, also am Rande des Abgrunds befindet sich die Kirche Esaus, unsere, die bekannte Kirche, gerade weil die Kirche Jakobs ihr Zion, ihr Ziel, ihre Verheißung ist. Gerade weil sie esmit dem lebendigen Gott zu tun hat. Gerade weil sie sein Volk ist. Unmöglich jede Sicherheit außer der, die Gott in sich selber hat. Unsicher jedes Wissen außer dem, das Gottes eigenes Wissen und unser Nicht-Wissen ist. Unbekannt Gott selber außer der Kunde, die er selber – als der Unbekannte – uns in Christus gibt. Dies ist die Not der Kirche.

Originalfußnoten

*1
Die Auslegung dieser Stelle hat zu wählen zwischen folgenden Möglichkeiten:
  1. Der Satz ὁ ὢν ἐπὶ πάντων usw. wird als ergänzender Relativsatz auf das Subjekt des Vordersatzes ὁ Χριστός bezogen. Diese Beziehung hat formell in der Analogie von Röm. 1,25; 2.Kor. 11,31 eine starke Stütze. Ich kann mich aber zu der Annahme einer «ganz vereinsamten Anwendung von θεός auf den erhöhten Herrn" (Zahn)1 nicht entschließen, weil ich in 2.Thess 1,12; Tit. 2,13 diese Aussage nicht finde, weil ich mich auch durch Röm. 10,11–14 zur Annahme dieser Aussage nicht genötigt sehe, weil sie nach meinem Empfinden eine Unfeinheit bedeuten würde, der sich ein so differenzierter Denker und Schriftsteller wie Paulus nicht schuldig gemacht haben kann, weil die Stelle in den christologischen Verhandlungen der ersten Jahrhunderte (nach den Angaben von Wetstein2, B. Weiß3 und Zahn4) nicht die Rolle gespielt hat, die sie, in diesem Sinn verstanden, offenbar hätte spielen müssen, und weil mir, abgesehen von dem ἐπὶ πάντων θεός, das in den Psalmen so oft auftretende εὐλογητός deutlich auf den Gott Israels hinzuweisen scheint.
  2. Hofmann5 und Zahn6 setzen ein Komma hinter πάντων, Beck7 sogar noch ein zweites hinter θεός und alle drei und mit ihnen Kühl urgieren das Fehlen des Artikels vor θεός. «Der Satz bringt lediglich zum Ausdruck, daß Christus die Würde eines θεός in Wahrheit zukomme." (Kühl)8. Ich würde gegenüber dieser formell künstlichen und inhaltlich bedenklich zweideutigen Auskunft der erstgenannten Deutung trotz ihrer größeren Schwierigkeit entschieden den Vorzug geben.
  3. ὁ ὢν ἐπὶ πάντων usw. wird als selbständiger doxologischer Satz aufgefasst. Er bezieht sich also, und dafür spricht die Analogie der andern paulinischen Doxologien, auf Gott. Aber «die einzige befriedigende Erklärung" (Jülicher)9 kann ich in 315 dieser Auffassung doch nicht finden. Man vergleiche, wie viel vorsichtiger sich Lietzmann, der sich ihr auch anschließt, darüber ausspricht.10 Eine selbstständige (asyndetische) Doxologie auf Gott scheint mir bei Paulus überhaupt zu befremdlich und in diesem Zusammenhang inhaltlich zu unmotiviert, als dass ich mich bei dieser Lösung beruhigen könnte.
  4. Meinerseits möchte ich die, wie aus Wetstein ersichtlich11, schon vor 200 Jahren bekannte Konjektur ὧν ὁ ἐπὶ πάντων θεός aufrechterhalten.12 Die Worte treten dann parallel neben die durch οἵτινες, ὧν ἡ, ὧν οἱ, ἐξ ὧν eingeleiteten Aussagen von 4-5a. Doxologisch sind nur die appositionell schließenden Worte εὐλογητός usw. Ich denke mir den heutigen Text durch einen leichten Schreibfehler, vielleicht unter Einfluss von 2.Kor. 11,31 entstanden. - Begründung: In der Aufzählung der Prärogative Israels, wie sie der überlieferte Text bietet, fehlt gerade das entscheidende und zusammenfassende: der Besitz des höchsten Gottes. Die vorgeschlagene Konjektur füllt diese seltsame Lücke. Jülicher hat dagegen unter Berufung auf 3,29 Einspruch erhoben.13 Er scheint mir zu übersehen, dass die These: Gott der Gott der Juden und Heiden! dort (und für Paulus überhaupt) das Ergebnis eines dialektischen Vorstoßes ist, nicht aber eine direkt zu erkennende dogmatische Position, von der er etwa selbstverständlich ein für allemal ausginge. Handelt es sich für ihn um die religiös-kirchliche Gegebenheit, und das ist 9,5 der Fall, dann ist ihm Gott durchaus der Gott, den Israel hat. Dass es auch hier nicht dabei bleibt, dafür ist gesorgt. Darum billigt er 2,17 dem Juden das καυχᾶσαι ἐν θεῷ widerspruchslos zu; denn er sieht das Vorrecht, das die Juden in ihrem Verhältnis zu Gott haben, durch die Problematik, von der es umgeben ist, nicht einfach aufgehoben (3,1), gerade wie der Ausblick auf Gottes Universalität nicht verhindert, dass Eph. 2,12, also mindestens in der Nähe des Paulus, die der πολιτεία τοῦ Ἰσραήλ Fremden ἄθεοι ἐν τῷ κόσμῳ genannt werden. Wäre die Berufung Jülichers (und Lietzmanns14) auf 3,29 richtig, so hätte Paulus, mehr oder weniger genau genommen, auch die υἱοθεσία (wegen 8,14), die νομοθεσία (wegen 2,14–15), die δόξα (wegen 3,23), die ἐπαγγελίαι und die πατέρες (wegen 4,16) nicht als Prärogative Israels namhaft machen dürfen. Das Verhältnis ist grundsätzlich überall das gleiche: versteht man diese Begriffe nicht in ihrem eigentümlichen Gleiten, in ihrer dialektischen Bewegung, so versteht man sie gar nicht.
↩

Textkritische Fußnoten

a-a
1. Abdruck (19222): «Und daß dieser Verborgene sich als solcher offenbart». Korrektur am Rand in Barths Handexemplar mit der nicht ausgeführten Hervorhebung: «Und das ist das Evangelium». Vgl. S. 454, Anm. b.↩
b
1. Abdruck (19222): «Befreiter – das ist das Evangelium, die Heilsbotschaft von Jesus Christus.» Korrektur in Barths Handexemplar. Vgl. S. 453, Anm. a.↩
c
Druckmanuskript: «am angemessensten».↩
d-d
1. Abdruck (19222): «Diesseits, wo». Korrektur in Barths Handexemplar.↩
e-e
1. Abdruck (19222): «die man sein, haben». Korrektur in Barths Handexemplar.↩
f
1. Abdruck (19222): «Linie ein unendlicher ist». Korrektur in Barths Handexemplar.↩
g
2. Abdruck (19233): «fabelhafte».↩
h
Druckmanuskript: «lüge».↩
i-i
1. Abdruck (19222): «dem diese Beziehung sich betätigen». Korrektur in Barths Handexemplar.↩
j
Druckmanuskript: «die unanschauliche, die unbekannte».↩
k
1. Abdruck (19222) und 2. Abdruck (19233): «Gottes». Korrektur nachDruckmanuskript.↩
l
Druckmanuskript: «wirklich».↩
m
Der den Sinn eher störende Doppelpunkt ist, wie dasDruckmanuskript zeigt, vermutlich vom Lektor hinzugefügt worden.↩
n-n
Nicht ausgeführte Korrektur am Rand in Barths Handexemplar: «und sich also auch noch nicht wenden».↩
o
Nicht ausgeführte Korrektur in Barths Handexemplar: Einfügung: «Denn dem Mose sagt er: Ich».↩
p
1. Abdruck (19222): «u.s.f.) als der». Korrektur in Barths Handexemplar.↩
q
1. Abdruck (19222): «Esaus als Gott». Korrektur am Rand in Barths Handexemplar.↩
r
Druckmanuskript: «wir».↩
s
Druckmanuskript: «Felskluft».↩
t-t
1. Abdruck (19222): «und nur daran sich klammert». Korrektur in Barths Handexemplar.↩
u
Druckmanuskript: «und».↩
v
Druckmanuskript: «und».↩
w
1. Abdruck (19222): «Gott sich». Korrektur in Barths Handexemplar.↩
x
Druckmanuskript: «nicht nur zu».↩
y
Druckmanuskript: «irdische».↩
z-z
1. Abdruck (19222): «was immer sich über». Umstellung «sich immer» in Barths Handexemplar notiert.↩
aa
1. Abdruck (19222): «Jede Geltendmachung».↩
ab
1. Abdruck (19222): «und sein». Korrektur in Barths Handexemplar.↩
ac
Druckmanuskript: «zum».↩
ad
1. Abdruck (19222): «entgegen - mit».↩
ae-ae
1. Abdruck (19222): «als Verheißungswort? wer».↩

Sachfußnoten

1
Zahn, S. 435, Anm. 81. 📖↩
2
Η ΚΑΙΝΗ ΔΙΑѲ­ΗΚΗ. Novum Testamentum graecum editionis receptae cum lectionibus variantibus codicum MSS., editionum aliarum, versionum et patrum, nec non commentario pleniore ex scriptoribus veteribus Hebraeis, Graecis et Latinis historiam et vim verborum illustrante opera et studio Joannis Jacobi Wetstenii, Tomus II, Amstelaedami 1752, p.65 📖.↩
3
B. Weiß, Der Brief an die Römer (Kritisch-exegetischer Kommentar über das Neue Testament, IV. Abt.), Göttingen 18999, S. 396 📖.↩
4
Zahn, S. 432f., Anm. 77. 📖↩
5
Hofmann, S. 371. 📖↩
6
Zahn, S. 432f. 📖↩
7
Beck, 2. Hälfte, S. 106. 📖↩
8
Kühl, S. 316 📖: «Der Satz nennt also Christum nicht etwa ‹den› über alles erhabenen Gott, sondern bringt lediglich zum Ausdruck, daß ihm die Würde eines θεός in Wahrheit zukomme».↩
9
Jülicher, Paulusausleger, S. 92 📖.↩
10
Lietzmann, S. 86. 📖↩
11
A.a.O. (s. oben Anm. 2), p.64. 📖↩
12
Vgl. Römerbrief I, S. 357, Anm. * 📖.↩
13
Jülicher, Paulusausleger, S. 92. 📖↩
14
Lietzmann, S. 86. 📖↩
15
Siehe oben S. 319, Anm. 2.↩
16
Vgl. Fr. Beckmann – H. Schultz, Art. «Siedlungswesen», in: RGG2 V, Sp. 483–485 📖, und zur christlichen Siedlungsgemeinschaft Habertshof bei Schlüchtern, an die Barth wohl besonders denkt, G. Späth, Art. «Neuwerk», RGG2 IV, Sp. 523 📖.↩
17
Vgl. C. Hagener, Art. «Volksbildungswesen», in: RGG3 VI, Sp. 1441–1447, dort Sp. 1444 📖: «Nach 1918 hat die aus dem Felde heimkehrende Frontgeneration eine ‹Theorie des freien Vb.swesens› entwickelt. Leitbilder der Jugendbewegung und sozialrevolutionäre Vorstellungen wecken die Überzeugung, man könne durch pädagogische Reformen das Volksleben ‹total erneuern›.» Zu dieser neuen Volksbildungsbewegung gehörte die Gründung von Abend- und Heimvolkshochschulen.↩
18
Anspielung auf die von L. Ragaz u. a. herausgegebene Monatsschrift der schweizerischen Religiös-Sozialen «Neue Wege». In Römerbrief I 📖 hatte Barth häufig ohne Namensnennung gegen Ragaz polemisiert; siehe dort S. 662 im Namenregister. Ragaz empfand den ganzen Römerbrief I als im wesentlichen gegen sich gerichtet; vgl.M. Mattmüller, Leonhard Ragaz und der religiöse Sozialismus. Eine Biographie, Bd. 2: Die Zeit des Ersten Weltkriegs und der Revolutionen, Zürich 1968, S. 251f. 📖, und den Brief von Ragaz an M. Gerber vom 17.1.1919, in: Leonhard Ragaz in seinen Briefen, Bd. 2: 1914-1932, hrsg. von Chr. Ragaz, M. Mattmüller und A. Rich, Zürich 1982, S. 175 📖; vgl. auch Bw.Th.I, S. 362 und S. 369 📖. In der neuen Bearbeitung setzt sich die Polemik fort; s. unten S. 571, Anm. 1, und S.  586, Anm. 16.↩
19
Siehe oben S. 332, Anm. 13.↩
20
Siehe oben S. 46, Anm. 3.↩
21
Vgl. oben S. 460, Anm. 18.↩
22
Jülicher, Paulusausleger, S. 96. 📖↩
23
R. Lejeune rühmt in einer «Vorbemerkung» zu J. Chr. Blumhardt, Das Reichsgebet, in: Neue Wege, Jg. 14 (1920), S. 245, Anm. 2 📖, den «Geist», «der all diese schlichten, einfachen Worte durchwallt», dem er Barths «‹Geistreichigkeit›» gegenüberstellt. Vgl. S. XXXII.↩
24
Der Ausdruck spielt an auf Zinzendorf und auf seiner pietistischen Frömmigkeit verwandte Kreise; vgl. H. Schneider, Art. «Blut. IV/2. Christi Blut in evangelischer Theologie und Frömmigkeit», in: TRE 6, S. 740–742 📖.↩
25
Siehe oben S. XXIV.↩
26
Vgl. aus der letzten Strophe von Fr. Schillers Gedicht «Sehnsucht» 📖:
Du mußt glauben, du mußt wagen,
denn die Götter leihn kein Pfand;
nur ein Wunder kann dich tragen
in das schöne Wunderland.
↩
27
Kühl, S. 322. 📖↩
28
Schlatter, S. 203 📖: «Gott hilft dir nicht um deinetwillen, noch um der Väterwillen, sondern um seiner selbst willen».↩
29
Vgl. den Anfang des Chorals von S. Preiswerk, GERS (1891) 170; RG (1998) 801 🎵:
Die Sach’ ist dein, Herr Jesu Christ,
Die Sach’, an der wir stehn;
Und weil es deine Sache ist,
Kann sie nicht untergehn.↩
30
Calvin, col. 180 📖.↩
31
Steinhofer, S. 69f. 📖; vgl. Rieger, S. 201f. 📖 (bei beiden, S. 70 bzw. S. 202: «damit auskommen kann»).↩
32
Calvin, col. 181f. 📖↩
33
Der Satz taucht so, möglicherweise als eine säkularisierte Form des alten «Deus est ineffabilis» (vgl. z. B. Nikolaus von Kues, De docta ignorantia, I, 26 📖), erst im 18. Jahrhundert auf (vgl. Goethes Brief an Lavater «etwa vom 20.9.1780» [Goethes Werke. Weimarer Ausgabe, IV. Abth., 4. Bd., Weimar 1889, S. 300 📖]); vgl. L. Oeing-Hanhoff, Art. «Individuum, Individualität, II. Hoch- und Spätscholastik», Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 4, Basel 1976, Sp. 304–310, dort Sp. 309 📖; T. Borsche, Art. «Individuum, Individualität, III. Neuzeit», a.a.O., Sp. 310–323, dort Sp. 312 📖.↩
34
Vgl. J. W. von Goethe, Faust I, V.1112 (Vor dem Tor). 📖↩
35
Friedrich Muck-Lamberty (1891–1984) wirkte um 1919-1920 als ein neuer «Bussprediger». M. Rade schilderte ihn in ChW, Jg. 34 (1920), Sp. 687 📖: «Ein umgekehrter Rattenfänger von Hameln fasziniert er die Jugend und zum Teil auch das Alter durch Spiel und Sang und Rede, nicht um sie aus der Heimat wegzuführen, sondern sie ihrer Heimat erst recht froh zu machen. Zwar eine kleine Schar, die sich die neue Schar nennt, zieht er hinter sich her, zwei Dutzend junge Knaben und Mädchen etwa, die sind seine Jünger und Jüngerinnen». Rade zitiert aus einem Bericht, Muck-Lamberty sei als «ein Prediger in der Wüste» aufgetreten, «um das Volk zu reinerer und gesunderer Lebensweise zu führen, ihm den Umgang mit der Natur der Heimat in Spiel und Tanz liebzumachen, in der Abkehr von allem unnötigen Luxus und Tand innere Befriedigung zu suchen und ihm zu sagen, daß es sich durch gegenseitige Achtung und Liebe in den Zeiten schwerer Not aufrichten soll». Barth spielt hier konkret an auf das Auseinanderfallen der Bewegung, nachdem Vorwürfe der Unsittlichkeit sich bestätigt hatten. Rade berichtete: «Das Reich Muck-Lambertys liegt in Trümmern. Der Apostel der Enthaltsamkeit hat für sich selber versagt. Die ‹neue Schar› ist von ihrem Führer verraten» (ChW, Jg. 35 [1921], Sp. 165 [in Barths Exemplar angestrichen]). Vgl. auchW. Stählin, Via vitae, Kassel 1968, S. 179 📖.↩
36
Römerbrief I, S. 380 📖: «Wann wirst du aufhören, dir deinen Gott als blindwirkenden Fremdkörper gegenüberzustellen? Wann wirst du begreifen, daß Gottes Wille kein Warum? kennt, weil er kein von außen stoßender Mechanismus, sondern dein eigenes schöpferisches Leben ist?»↩
37
Barth besaß von H. Blüher die Schrift Der Charakter der Jugendbewegung, Lauenburg 1921 📖. Hier findet sich auf S. 60 die Anzeige eines andern Titels von Blüher: Empedokles oder das Sakrament des freien Todes mit dem Vermerk: «Als Manuskript gedruckt. Erscheint nicht im Buchhandel und wird nicht neugedruckt.»↩
38
Anspielung auf die Hauptfigur in Dostojewskis Roman Verbrechen und Strafe, 📖 wohl veranlasst durch die Darstellung von E. Thurneysen in seiner Schrift Dostojewski, München 1921 📖. Raskolnikoff wird dort als Beispiel des prometheischen Menschen angeführt, der an der Problematik des Lebens scheitert. Vgl. S. 14: «Leben – ist in Gott. In ihm liegen die Ursprünge. Er ist der Schöpfer. Der Mensch aber ist nicht Gott. Oder doch?! - - An die Vermessenheit dieser Frage rührt Raskolnikoff. Das ist der Kern seiner Problematik.» Siehe auch oben S. 232, Anm. 43.↩
39
Vgl. M. Luther, Der kleine Katechismus, Erklärung des ersten Gebotes 📖: «Wir sollen Gott über alle Ding fürchten, lieben und vertrauen», BSLK 507,42f 📖.↩
40
Calvin, col. 182 📖: «Non ergo haec dicuntur quo spiritum Dei nobis igniculos instillantem nostra vel pervicacia vel ignavia praefocemus: sed ut intelligamus, ab ipso esse quidquid habemus: ideoque et ab ipso discamus petere omnia, et sperare, et accepta referre, cum timore et tremore saluti nostrae incumbentes.»↩
41
Römerbrief I, S. 382f. 📖: «Der in einer bestimmten Weise charakterisierte Augenblick des Künstlers, in welchem die Entscheidung zwischen einer vollkommenen und einer unvollkommenen Möglichkeit fällt, ist nur ein Aufblitzen in einer Reihe von Erleuchtungen, die dahin tendiert, die unvollkommeneren immer mehr durch die vollkommeneren Möglichkeiten zu verdrängen. Und ebenso ist die Arbeitsstunde des Handwerkers, in der sein Tun einem ‹ehrenvollen› oder ‹ehrlosen› Gefäß gelten kann, das Glied eines Ganges von Aufgabe zu Aufgabe, von Zweck zu Zweck, in dem er im Ganzen sicher die Absicht und den Willen hat, von den niederen Aufgaben und Zwecken zu den höheren fortzuschreiten.»↩
42
Anspielung auf die reformierte Lehre von der Prädestination einer festgelegten Anzahl von Erwählten; vgl. Heppe, S. 140 📖.↩