11. Oktober 1920

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Hier also der Uriasbrief. Ich kann mich kurz fassen. Wolf Meyer ist ein ganz einfacher Mann, ohne Falsch und Tücke, der sich jetzt eifrig und ein wenig lärmig von «Patmos» weg zu uns hinbegeben möchte. Man muß sich über allerlei Aufgeregtheiten an ihm hinwegsetzen. Er will aber das Neue hören, wirklich hören, und es ist ihm alles, wie Lempp sagt, «fabelhaft neu». Ich nehme ihn durchaus ernst, weil mich sein aufrichtiges Wesen anspricht und er vielleicht doch noch gut wird als Mensch und als Pfarrer, wenn er sich endgültig aus allerlei Wähnen und Illusionen herausgearbeitet hat. Es ist auch in Betracht zu ziehen, daß Wolf Meyer aus dem |432 Kriege schwerste Nervenerschütterungen mitgebracht hat, daher sein oft etwas lärmiges Wesen und ein Mangel an Konzentrationskraft.

Aber nun war auch Gogarten hier. Ich bin erstaunt über das Maß an Gemeinsamkeit zwischen ihm und uns. Er kommt von ganz anderer Seite her als wir, hat alle Irr- und Abwege der Mystik und Romantik durchwandert, aber nun steht er nahe bei uns. Für ihn ist Lutherstudium zur Kehre geworden. Er ist ein feinnerviger, geistvoller und grundgescheiter Mann; ich verspreche mir viel von ihm in den kommenden Jahren. […]

Ich hatte neuerlich Gespräche mit jungen Pfarrern aus dem St. Galler Umkreis und stoße dabei auf ein schonungsvoll verdecktes Kopfschütteln uns gegenüber.

Herzlich
Eduard