<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-47018">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-47">Der Römerbrief 1922</title>
        <title type="content">10. Kapitel: Die Schuld der Kirche</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: 10. Kapitel: Die Schuld der Kirche, in: Der Römerbrief 1922, 1922</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/47018 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Der Römerbrief 1922, hrsg. v. van der Kooi, Cornelis / Tolstaja, Katja (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2010, S. 492–526.</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/47018</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Der Römerbrief 1922</title>
          <title type="text">10. Kapitel: Die Schuld der Kirche</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>van der Kooi, Cornelis</editor>
          <editor>Tolstaja, Katja</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2010</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 492–526</biblScope>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">18</biblScope>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth: Der Römerbrief, 4.-7. Tsd., Zweiter Abdruck der neuen Bearbeitung, München 1923 </bibl>
        <bibl xml:id="B" type="source">B (Weitere Vorlage): Karl Barth: Der Römerbrief. Zweite Auflage in neuer Bearbeitung, München 1922 Urtext</bibl>
        <bibl xml:id="C" type="source">C (Weitere Vorlage): Barth, Karl, Der Römerbrief. Zweite Auflage in neuer Bearbeitung, 1921. Druckmanuskript<ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/91174">KBA 12375</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1922">1922</date>
      </creation>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>chapter</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-08-25T09:04:37+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-08-25T09:04:37+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
       <body>
      <div type="paper">
        <div>
            <pb ed="pga" xml:id="p492"/>
<head>10. Kapitel<lb/>
DIE SCHULD DER KIRCHE</head>
<head><hi rend="smallCaps">Die Krisis der Erkenntnis</hi></head>
<head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.30 Röm.10.3">9,30-10,3</ref></head>

<p> <hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.30 Röm.9.32">V. 30‒32a</ref> Was wollen wir nun sagen? Heiden, die der Gerechtigkeit nicht nachjagten, haben die Gerechtigkeit ergriffen, nämlich die Gerechtigkeit,</hi>
die <hi rend="bold">aus der Treue</hi>
Gottes kommt. <hi rend="bold">Israel aber, das einem Gesetz der Gerechtigkeit nachjagte, hat ein solches Gesetz nicht erreicht. Weshalb</hi>
nicht<hi rend="bold">? Weil</hi>
dieses Jagen <hi rend="bold">nicht aus dem Glauben, sondern aus den Werken</hi>
kommt.</p>
<p><hi rend="italic">«Was wollen wir nun sagen?»</hi> Sachlicherweise mussten wir, im Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz"/> zu den üblichen schnellen und direkten Anklagen<term type="begriffe" key="Anklage"/> gegen die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Anklage gegen K."/> bisher einfach von ihrer <hi rend="italic">Not</hi><term type="begriffe" key="Kirche, Not der K."/> reden, von <hi rend="italic">der</hi> Not, die ihr durch ihr eigenes Thema, durch ihre Gabe und Aufgabe<term type="begriffe" key="Kirche, Gabe und Aufgabe"/>: die Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> Gottes bereitet wird, von <hi rend="italic">der</hi> Not, von der darum, mag er sich zur Kirche stellen, wie er will, im Blick auf Gott niemand sich ausnehmen, der niemand als einem Schaden anderer Leute bedauernd oder beschwerdeführend gegenüberstehen kann, weil sie <hi rend="italic">die</hi> Not<term type="begriffe" key="Not"/> ist, die der Mensch in seinem Verhältnis<term type="begriffe" key="Verhältnis, von Gott und Mensch"/> zu Gott überhaupt, der religiöse Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/> als solcher zu tragen hat. Die in der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> zum Bewusstsein ihrer selbst<term type="begriffe" key="Selbstbewusstsein"/> kommende und also in die Erscheinung tretende religiöse Menschheit<term type="begriffe" key="Menschheit, religiöse"/> leidet darunter, dass Gott Gott<term type="begriffe" key="Gott, ist Gott"/> ist: nicht dies und nicht das, nicht hier und nicht dort, nichts mehr und nichts weniger, sondern allem zeitlichen, dinglichen, so oder so bestimmten Sein gegenüber (und doch nie als ein Zweites ihm <hi rend="italic">gegenüber!</hi>) das Nicht-Sein<term type="begriffe" key="Nicht-Sein, Sein/Nicht-Sein"/>, der Ursprung<term type="begriffe" key="Ursprung"/>, der Schöpfer<term type="begriffe" key="Schöpfer"/> aller Dinge, der sichtbaren und der unsichtbaren<note xml:id="n01"> Vgl. das <bibl corresp="kbga-bibls-1577">Symbolum Nicaeno-Constantinopolitanum, 1. Artikel, DH 150</bibl>.</note>. Aber wie sollte dieses Gottsein Gottes<term type="begriffe" key="Gott, ist Gott"/> dem Menschen Not<term type="begriffe" key="Not"/> bereiten anders denn durch menschliche <hi rend="italic">Schuld</hi><term type="begriffe" key="Schuld"/><hi rend="italic">?</hi> Wir erinnern uns daran, dass unsre Geschöpflichkeit<term type="begriffe" key="Geschöpflichkeit"/> unser Fluch<term type="begriffe" key="Fluch"/> ist durch die Kraft der <hi rend="italic">Sünde</hi><term type="begriffe" key="Sünde, Macht"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.7 Röm.7.13">7,7–13</ref>), nicht sonst. Ist es einmal begriffen in seiner ganzen <pb ed="pga" xml:id="p493"/> Tragweite, dass es der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, es fehlt an Gott"/> immer und überall an Gott gefehlt hat, fehlt und fehlen wird, dann darf, kann und muss davon auch geredet werden als von einem <hi rend="italic">Fehler</hi><term type="begriffe" key="Kirche, Fehler"/> der Kirche. Könnten wir <hi rend="italic">davon lassen</hi>, hier Anklage<term type="begriffe" key="Anklage"/> zu erheben, Schuld<term type="begriffe" key="Schuld"/>, Sünde<term type="begriffe" key="Sünde"/>, Fehler als solche festzustellen und <pb ed="A" n="347"/> zu benennen, so hätten wir diese Not<term type="begriffe" key="Kirche, Not der K."/> wahrlich noch nicht als Not erkannt; denn eine Not, die nur Schicksal<term type="begriffe" key="Schicksal"/> wäre und keine Anklage<term type="begriffe" key="Anklage"/> zuließe, wäre keine erkannte, keine brennende Not. Und könnten wir hier Anklage<term type="begriffe" key="Anklage"/> gegen <hi rend="italic">Gott</hi> erheben, so wäre das wiederum nur ein Anzeichen davon, dass wir die Lage noch nicht überblickt, noch nicht eingesehen haben, was es bedeutet, dass der Realgrund dieser Not zusammenfällt mit ihrem Erkenntnisgrund<term type="begriffe" key="Erkenntnisgrund"/>. Es bedeutet, dass der hier notwendig Anzuklagende der <hi rend="italic">Mensch</hi><term type="begriffe" key="Mensch"/> ist. Würde er Gott nicht erkennen<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/>, er wäre gar nicht in der Lage, seine Not<term type="begriffe" key="Not"/> als solche zu erkennen. Dass er an Gott gemessen ist, sich gemessen weiß, das ist des Menschen Elend. Es besteht aber dieses Elend selbst wiederum in nichts anderem als in der Bedrängnis<term type="begriffe" key="Bedrängnis"/>, der Not<term type="begriffe" key="Not"/>, der Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/>, in der sich seine Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> Gottes befindet, und von der Schuld an dieser Krisis kann er sich nicht freisprechen; denn so gewiss sie in der
Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> Gottes begründet ist, so gewiss vollzieht sie sich fortwährend in seiner eigenen Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit, des Menschen"/>, unter seiner eigenen Verantwortlichkeit<term type="begriffe" key="Verantwortlichkeit"/>. Es lässt sich zeigen, dass er in der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> Gottes nicht nur ein Leidender, ein Kranker, sondern ein Fehlender, ein Sünder<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/> ist.</p>
<p><hi rend="italic">«Heiden, die der Gerechtigkeit nicht nachjagten, haben die Gerechtigkeit ergriffen, nämlich die Gerechtigkeit, die aus der Treue Gottes kommt.»</hi> Das ist das Erste, worin diese Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/> in die Erscheinung tritt. Die Erkennenden haben neben sich die Nicht-Erkennenden, die Kinder Gottes<term type="begriffe" key="Gotteskinder"/> die Weltleute, die Heiligen die Unheiligen. Die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/>, heiße sie, wie sie wolle, hat neben sich die Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/>, die Fremden, die Nicht-Verstehenden, die Unbeteiligten, die der Gerechtigkeit nicht Nachjagenden<term type="begriffe" key="Jagen nach Gerechtigkeit"/>. Schon dieses Nebeneinander ist für feineres Empfinden eine beunruhigende, vielleicht in seiner stillen Beredsamkeit unerträgliche Tatsache. Wie kommt es nur, dass die Heiden es fertig bringen, im Angesicht der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, und Heidentum"/> Heiden zu sein und zu bleiben, unbeirrt zu verharren in ihrer Apathie gegenüber dem von der Kirche bewahrten Heiligtum<term type="begriffe" key="Kirche, als Heiligtum"/>? 
Wie steht es mit einem Heiligtum, wenn es auf die Dauer durchaus das besondere Heiligtum dieser und jener bleibt, universalen Respekt<term type="begriffe" key="Respekt"/> aber nicht findet? Wie steht es mit <pb ed="pga" xml:id="p494"/> dem «Worte<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> Gottes» in unserem Munde, wenn wir uns eingestehen müssen, dass von den «Andern» niemand viel gegen, aber auch niemand viel für das hat, was wir da vorbringen? Wie steht es mit der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, unbedroht"/>, wenn sie, im Schatten tolerant<term type="begriffe" key="Toleranz"/> gewordener Zeiten von keiner Feindseligkeit bedroht, ihr Sonderleben ungestört, aber auch wenig aussichtsreich leben darf und endlich wohl gar in die Lage kommt, allerhand Kampf- und Tummelplätze selber aufzusuchen, nach einer kleinen Verfolgung<term type="begriffe" key="Kirche, und Verfolgung"/> beinahe sehnsüchtig auszuschauen, damit <pb ed="A" n="348"/> doch jenes drückende Nebeneinander endlich aufhöre? Und ist nicht die Kirche seit den Tagen der Apologeten<term type="begriffe" key="Apologetik"/> grundsätzlich mehr oder weniger immer in dieser Lage? Schärfere Augen haben aber vom Kirchenfenster aus immer noch mehr als das gesehen. Sie haben – wenn sie scharf genug waren, um zu sehen, was man nur indirekt sehen kann – gesehen, dass die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> ihr Sonderdasein und Sonderwesen damit nicht retten kann, dass sie die Welt<term type="begriffe" key="Welt"/> wegen sündiger Verstocktheit in Anklagezustand versetzt und mit Nadelstichen und Keulenschlägen gegen sie vorgeht. Sie haben mit Entsetzen das gesehen, was <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.14 Röm.2.29">2,14–29</ref> ausführlich beschrieben ist: «Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/>, die das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, Heiden"/> nicht haben, tun in ihrem Naturzustand, was das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/> fordert.» Sie jagen<term type="begriffe" key="Jagen nach Gerechtigkeit"/> der Gerechtigkeit darum nicht nach, weil sie sie schon ergriffen <hi rend="italic">haben.</hi> Sie lassen sich darum nicht belehren, weil sie schon belehrt <hi rend="italic">sind.</hi> Sie haben darum kein religiöses<term type="begriffe" key="religiös"/> Interesse, weil sich Gott längst für <hi rend="italic">sie</hi> interessiert hat. Sie stehen unserm «Wort<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> Gottes» so teilnahmslos gegenüber, weil sie es längst ohne uns gehört haben, weil sie es längst <hi rend="italic">selber</hi> verkündigen. Die Weltkinder<term type="begriffe" key="Weltkinder"/>, die Unheiligen, die Ungläubigen in ihrem ganzen nackten Jammer, vielleicht auch in ihrer ganzen freien Heiterkeit <hi rend="italic">keine</hi> Objekte unsrer Predigt<term type="begriffe" key="Predigt"/> und Seelsorge<term type="begriffe" key="Seelsorge"/>, unsrer Evangelisation<term type="begriffe" key="Evangelisation"/>, Mission<term type="begriffe" key="Mission"/>, Apologetik<term type="begriffe" key="Apologetik"/> und Rettungstätigkeit, <hi rend="italic">keine</hi> Objekte unsrer «Liebe<term type="begriffe" key="Liebe"/>», weil gesucht und gefunden von <hi rend="italic">Gottes</hi> Erbarmen<term type="begriffe" key="Gott, Erbarmen"/>, längst bevor <hi rend="italic">wir</hi> aufstanden, uns ihrer zu erbarmen, schon im Lichte der Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> Gottes stehend, schon der Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/> 
teilhaftig, schon teilnehmend an der Kraft der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Kraft der A."/> und an der Kraft des Gehorsams<term type="begriffe" key="Gehorsam, Kraft des G."/>, schon erschrocken<term type="begriffe" key="Erschrecken"/> vor der Ewigkeit<term type="begriffe" key="Ewigkeit"/> und schon hoffend auf sie, schon existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/> auf Gott geworfen<term type="begriffe" key="geworfen auf Gott"/>! Selbstverständlich, dass diese Möglichkeit vom Standpunkt der Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/> aus immer mit vielen anschaulichen Argumenten bestritten werden kann. Wer wollte denn übersehen, wie sehr die Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/> anschauli<pb ed="pga" xml:id="p495" break="no"/>cherweise wirklich <hi rend="italic">arme</hi> Heiden<note xml:id="n02"> Zu den in der Missionspropaganda gerne so genannten «armen Heiden» vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2034">K. Barth, <hi rend="italic">Predigten 1914</hi>, hrsg. von U. Fähler und J. Fähler (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999<hi rend="sup">2</hi>, <ref type="pub" target="../volume/05/p479#p479">S. 479</ref></bibl>.</note> sind? Um die nur indirekt, nur mit Heilandsaugen einzusehende, um die unmögliche, unanschauliche, unerhörte Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, göttliche"/> <hi rend="italic">Gottes</hi> handelt es sich ja, um <hi rend="italic">seine</hi> Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/>, die nicht bedingt ist durch irgend eine menschliche Gegentreue, sondern die allein aus Gottes eigener Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> kommt, um Gottes neue <hi rend="italic">Schöpfung</hi><term type="begriffe" key="Schöpfung, neue"/>, nicht um eine Folge von Ursache und Wirkung, kurz um die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, in Jesus Christus"/> Gottes in Jesus Christus. Aber wie könnte die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> gerade diese als solche ganz und gar in Abrede stellen oder ihre Anerkennung vom Eintreten dieser oder jener Möglichkeit menschlicher anschaulicher Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, des Menschen"/> abhängig machen, und wenn ihre Argumente gegen das existentielle Gerettetsein der Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/> noch so zahlreich und schlagkräftig wären? Wie könnte gerade die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/>, die <hi rend="italic">Gott</hi> ihren Gott nennt, verkennen, <pb ed="A" n="349"/> dass Gott <hi rend="italic">Gott</hi><term type="begriffe" key="Gott, ist Gott"/> ist? Wie könnte sie ganz und gar bestreiten, dass er der Gott der Juden<term type="begriffe" key="Jude"/> <hi rend="italic">und</hi> der Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/> ist (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.30">3,30</ref>)? Wird nicht Israels<term type="begriffe" key="Israel, Abraham"/> eigener Stammvater <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> als der <hi rend="italic">Un</hi>beschnittene selig gepriesen? (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.9">4,9</ref>). Anerkennt es das aber, rechnet es auch nur mit der Möglichkeit, dass salus auch extra ecclesiam<term type="begriffe" key="salus extra ecclesiam"/><note xml:id="n03"> Das Axiom «<foreign xml:lang="lat">Extra ecclesiam nulla salus</foreign>» geht zurück auf <bibl corresp="kbga-bibls-3680"><persName ref="kbga-actors-308">Origenes</persName> (<hi rend="italic">In librum Jesu Nave</hi>, Homilia III, 5, PG 12,841f.)</bibl> und <bibl corresp="kbga-bibls-3681"><persName ref="kbga-actors-2371">Cyprian von Karthago</persName> (<hi rend="italic">Epistola</hi> 73,21, CSEL 3/II,795)</bibl>.</note> sein, dass <persName ref="kbga-actors-3667">Esau</persName> auch <persName ref="kbga-actors-2199">Jakob</persName> der Erwählte sein könnte, wo bleibt dann das Rückgrat, die Zuversicht der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Zuversicht zu ihrer Sendung"/> zu ihrer eigenen Sendung<term type="begriffe" key="Sendung"/>? Ist es nicht offenkundig, dass die römische Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, römische"/> mit ihrem bekannten Anspruch<note xml:id="n04"> Verweis auf das Selbstverständnis der katholischen Kirche, dass nur sie dem Menschen «das Heil vermittelt». Vgl.<bibl corresp="kbga-bibls-3682"><persName ref="kbga-actors-9692"> G. Greshake</persName>, Art. "Alleinseligmachend", in: LThK<hi rend="sup">3</hi> I, Sp. 404</bibl>; vgl. die Bulle<bibl corresp="kbga-bibls-3683"> «Unam sanctam» (18.11.1302), DH 875</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Porro subesse Romano Pontifici omni humanae creaturae declaramus, dicimus, diffinimus omnino esse de necessitate salutis.</foreign>»</note> nur in Wahrung berechtigter Interessen <hi rend="italic">jeder</hi> Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> handelt? Was wird aus Israels<term type="begriffe" key="Israel, Gerechtigkeit"/> Jagen<term type="begriffe" key="Jagen nach Gerechtigkeit"/> nach der Gerechtigkeit, aus seinem
Eifer<term type="begriffe" key="Israel, Eifer um Gott"/> um Gott, wenn es sich eingestehen muss, dass gerade die «Anderen», die nicht Mitjagenden und Miteifernden schon am Ziele sind? Kann die Kirche den Vorwurf verkennen, der darin liegt, dass Gott <hi rend="italic">neben</hi> ihr und <hi rend="italic">ohne</hi> sie und immer schon <hi rend="italic">vor</hi> ihr das getan hat, was zu tun ihre Gabe und Aufgabe<term type="begriffe" key="Kirche, Gabe und Aufgabe"/>, ihre Daseinsberechtigung ausmacht, und wie stellt sie sich zu diesem Vorwurf?</p> 
<p><pb ed="pga" xml:id="p496" rend="noPipe"/>Und wenn nun scharfe Augen <hi rend="italic">noch</hi> mehr sehen würden als das? Wenn nun zu sagen wäre: <hi rend="italic">«Israel aber, das einem Gesetz der Gerechtigkeit nachjagte, hat ein solches Gesetz nicht erreicht?»</hi> Und wenn nun <persName ref="kbga-actors-2199">Jakob</persName> der Erwählte auch <persName ref="kbga-actors-3667">Esau</persName> sein könnte, der Gotteskämpfer einfach einer von den vielen menschlichen Kämpfern, Läufern, Treibern und Rednern, denen es <hi rend="italic">nicht</hi> gelingt, weil es ihnen nicht gelingen <hi rend="italic">kann</hi>, weil der Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, ist M."/> der <hi rend="italic">Mensch</hi> ist? Wiederum eine Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/>, gegen die anschaulicherweise alles das mit Recht eingewendet werden kann, was vom Standpunkt der Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/> aus über den Ernst<term type="begriffe" key="Ernst"/>, den Tiefsinn und die Erfolge gerade des kirchlichen<term type="begriffe" key="Kirche, und Erfolg"/> Tuns zweifellos zu sagen ist. Aber eine Möglichkeit, die zu bedenken gerade die Kirche, wiederum gerade die Kirche, nicht abweisen kann. Sie lebt ja als Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, lebt von der Erinnerung"/> von der Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, an Unterschied zwischen Gott und Mensch"/> an den unendlichen qualitativen Unterschied<term type="begriffe" key="«qualitativer Unterschied zwischen Gott und Mensch»"/> Gottes gegenüber dem Menschen. Sie bewahrt ja diese Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, der Kirche"/> in ihrem Gesetze<term type="begriffe" key="Gesetz"/>. Sie muss daher wissen, dass der Mensch der Gerechtigkeit Gottes nicht «nachjagen»<term type="begriffe" key="Jagen nach Gerechtigkeit"/>, dass er mit keinem Mittel die Gegenwart<term type="begriffe" key="Gott, Gegenwart"/> und Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit, göttliche"/> Gottes bedingen, herbeizwingen, behaupten, geltend machen und zeigen, dass das göttliche Warum? der Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/> nur in einem göttlichen, aber in keinem menschlichen Darum! seine Beantwortung finden kann. Sie <hi rend="italic">weiß</hi> das im Grunde auch. Sie muss aber noch <hi rend="italic">mehr</hi> wissen: sie muss wissen, dass sie auch dem Glauben, dem unanschaulichen, selbst nur durch die Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> Gottes bestehenden Verhältnis<term type="begriffe" key="Verhältnis, von Gott und Mensch"/> des Menschen (der nicht <hi rend="italic">dieser</hi> Mensch ist!<term type="begriffe" key="«der ich nicht bin»"/>) zu Gott (den <hi rend="italic">wir nicht</hi> kennen!) nicht «nachjagen» kann, dass ihr also die Flucht vom Objektiven ins Subjektive, vom «Gottesdienst<term type="begriffe" key="Gottesdienst"/>» <pb ed="A" n="350"/> zur «Pflege der Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit, Pflege der"/>», von der Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/> zum «Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, der Gerechtigkeit"/> der Gerechtigkeit» nichts hilft, weil sie auch da das, was sie eigentlich sucht, nicht findet. «Nachjagen» kann sie freilich dem Menschenwerk<term type="begriffe" key="Menschenwerk"/> des Gesetzes<term type="begriffe" key="Gesetz, als Menschenwerk"/>, der Religion<term type="begriffe" key="Religion, als Menschenwerk"/>. Sie kann das Erlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis"/> pflegen durch ethische<term type="begriffe" key="Ethik"/>, logische<term type="begriffe" key="Logik"/>, ästhetische<term type="begriffe" key="Ästhetik"/> Mittel, mehr kann sie nicht tun. Aber das Erlebnis Gottes ist nicht der Glaube, nicht die Gerechtigkeit, Gegenwart und Wirklichkeit Gottes, nicht das göttliche Darum, sondern unsere menschliche und als solche sehr fragwürdige Beziehung<term type="begriffe" key="Beziehung, von Gott und Mensch"/> zu Gott. Das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, und Offenbarung"/> ist nicht die Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, Gesetz"/> selbst, sondern ihr sehr weltlich bedingter negativer Eindruck<term type="begriffe" key="Offenbarungseindruck"/>. Die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> kann (und soll!) wohl den Wasserlauf hüten, durch den der heilige Strom rauschen mag, wenn Gottes Stunde da ist. Ihn herbeizwingen kann sie und soll <pb ed="pga" xml:id="p497"/> sie nicht. Sie soll nicht vergessen, dass sie es nicht kann. Es könnte dieses Nicht-Vergessen, diese offene Wunde ihr bestes Teil sein. Religion<term type="begriffe" key="Religion, nicht das Reich Gottes"/> ist nicht
Reich<term type="begriffe" key="Reich, Gottes"/> Gottes, und wenn es die Reichsgottesreligion<term type="begriffe" key="Religion, Reichsgottes-"/> der <rs type="person" ref="kbga-actors-48 kbga-actors-47">Blumhardt</rs>-Epigonen wäre, sondern Menschenwerk<term type="begriffe" key="Religion, Menschenwerk"/>. Vielleicht weiß <hi rend="italic">das</hi> die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> nicht, dass es <anchor type="note" xml:id="fn-a"/>ein solches «Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, der Gerechtigkeit"/> der <hi rend="italic">Gerechtigkeit</hi>»<note n="a" target="fn-a" type="textcritical" xml:id="na">Druckmanuskript: «ein solches Gesetz, ein ‹Gesetz der <hi rend="italic">Gerechtigkeit</hi>›».</note> nicht gibt, dass sie einem Phantom<term type="begriffe" key="Phantom"/> nachjagt. Jedenfalls vergisst sie es alle Augenblicke wieder. Jedenfalls haben wir alle ausnahmslos die größte Mühe, uns auch nur einen Augenblick lang klar zu machen, dass es das nicht gibt. Das «Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, der Gerechtigkeit"/> der Gerechtigkeit», das jenes Phantomes, dem alle Kirchen und Kirchlein<term type="begriffe" key="Kirchlein"/> nachjagen, <hi rend="italic">Wirklichkeit</hi><term type="begriffe" key="Wirklichkeit"/> ist, ist offenbar jenes «Gesetz des <hi rend="italic">Glaubens</hi><term type="begriffe" key="Gesetz, des Glaubens"/>», das alles Rühmen<term type="begriffe" key="Rühmen"/> ausschließt (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.27">3,27</ref>). Redet aber die <hi rend="italic">Kirche</hi><term type="begriffe" key="Kirche, redet vom Glauben"/> vom Glauben<term type="begriffe" key="Glaube"/>, so meint sie damit offenkundig ein zeitausfüllendes Etwas, das dieser Mensch in dieser Welt<term type="begriffe" key="Mensch, «dieser Mensch in dieser Welt»"/> «haben», das so und so erstrebt und erreicht, da und dort aufgewiesen werden kann. Wie sollte aber dieses Menschenwerk<term type="begriffe" key="Menschenwerk"/> der Glaube<term type="begriffe" key="Glaube, kein Menschenwerk"/> sein, der vor Gott gerecht<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, vor Gott"/> macht, und nicht vielmehr die mit diesem Prädikat des Glaubens versehene höchste Religion<term type="begriffe" key="Religion, Menschenwerk"/>, die aber als solche, d. h. mit diesem Anspruch auftretend, ein Phantom<term type="begriffe" key="Religion, als Phantom"/> ist? Mag es eine höchste Religion<term type="begriffe" key="Religion, höchste"/>, eine höchste Spitze<term type="begriffe" key="höchste Spitze"/> alles Menschenwerks<term type="begriffe" key="Menschenwerk"/> in Beziehung auf Gott geben. Warum soll es nicht? Wir würden sie in der Religion der Psalmsänger<term type="begriffe" key="Religion, der Psalmsänger"/> und Propheten<term type="begriffe" key="Religion, der Propheten"/> Israels<term type="begriffe" key="Israel"/> suchen, die als Religion<term type="begriffe" key="Religion, Jesu"/> auch von der Religion<term type="begriffe" key="Jesus Christus, «Religion Jesu»"/> Jesu, sofern man von einer solchen reden kann, nicht überholt worden ist, geschweige denn von der christlichen Religionsgeschichte<term type="begriffe" key="Religionsgeschichte, christliche"/>. Aber sei dem, wie ihm wolle: eine der Offenbarung<term type="begriffe" key="Religion, und Offenbarung"/> adäquate, eine der Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> Gottes kongruente Religion, ein «<hi rend="italic">Gesetz</hi><term type="begriffe" key="Gesetz, der Gerechtigkeit"/> der Gerechtigkeit» erreicht der Mensch nicht, es wäre denn im Wunder<term type="begriffe" key="Wunder, absolutes"/> des absoluten Moments. Und der Glaube <hi rend="italic">ist</hi> Wunder<term type="begriffe" key="Glaube, als Wunder"/>, oder er ist nicht Glaube. Gottes Wort, gehört von <hi rend="italic">Menschen</hi>ohren, verkündigt von <hi rend="italic">Menschen</hi>lippen, ist <hi rend="italic">Gottes</hi> Wort<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> nur, wenn das Wunder ge<pb ed="A" n="351" break="no"/>schieht; sonst ist es Menschenwort wie ein anderes. Die Kirche ist Kirche <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2199">Jakobs</persName></hi><term type="begriffe" key="Kirche, Jakobs"/>, nur wenn das Wunder<term type="begriffe" key="Wunder"/> geschieht; sonst ist sie Kirche <persName ref="kbga-actors-3667">Esaus</persName><term type="begriffe" key="Kirche, Esaus"/> und nur das. Das Wunder aber lässt sich nicht erstreben, erreichen, aufweisen, es ist das in jedem Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, vor Gott"/> unvorhergesehene, neue, <hi rend="italic">göttliche</hi> Geschehen unter den Menschen.</p>

<p><pb ed="pga" xml:id="p498" rend="noPipe"/><hi rend="italic">«Weshalb nicht?»</hi> möchten wir fragen. Weshalb lässt sich das Wunder<term type="begriffe" key="Wunder, des Glaubens"/>, der Glaube, den die Kirche doch offenbar meint, nicht erjagen? Weshalb ist das, was die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> erjagt, immer ein Phantom<term type="begriffe" key="Phantom"/>? Antwort: <hi rend="italic">«Weil dieses Jagen nicht aus dem Glauben, sondern aus den Werken kommt.»</hi> Zum Glauben kommt man nur «aus dem Glauben» und durch den Glauben. Glauben heißt Gott über alle Dinge fürchten<term type="begriffe" key="«Gott über alle Dinge fürchten und lieben» / Furcht, des Herrn"/> und lieben<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/>, so, wie er ist, und nicht so, wie wir ihn fassen können. Glauben heißt sich beugen unter das Gericht<term type="begriffe" key="Glaube, und Gericht / Gericht"/>, das die allgemeine Lage zwischen Gott<term type="begriffe" key="Gott und Mensch"/> und Mensch unweigerlich bedeutet. Dieses Gericht besteht aber eben darin, dass wir Gott nicht fassen, nicht erjagen können, dass er für uns der schlechthin Andere<term type="begriffe" key="Gott, der ganz andere"/>, Fremde, Unbekannte<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/>, Unnahbare ist und bleibt. Aus dem Glauben kann also jenes «Nachjagen» nicht kommen, und darum kann es auch sein Ziel, den Glauben<term type="begriffe" key="Glaube"/>, nicht erreichen. Das «Nachjagen» der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, und Werke"/> kommt «aus den Werken». Die «Werke<term type="begriffe" key="Werke"/>» sind die Beziehungen des Menschen zu einem ihm fasslichen Gott, der nicht notwendig der Gott ist, der Wunder<term type="begriffe" key="Wunder"/> tut. Die «Werke» sind die Verfassung des Menschen, in der er das Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/> der allgemeinen Lage zwischen Gott und Mensch nicht oder was auf dasselbe herauskommt, nicht lückenlos anerkennt. Durch die Lücken des Gerichts meint er der Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> Gottes, dem Glauben, dem Wunder<term type="begriffe" key="Wunder, des Glaubens"/> nachjagen, es erstreben, erreichen, aufweisen zu können. Das ist’s, was nicht gelingen kann. Die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, und lebendiger Gott"/> könnte den Glauben ergreifen, wenn sie mit dem <hi rend="italic">Glauben</hi><term type="begriffe" key="Glaube, an den unbekannten Gott"/>, mit dem Glauben an den unbekannten<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/>, den lebendigen Gott<term type="begriffe" key="Gott, lebendiger"/> anfangen wollte. Sie könnte <hi rend="italic">im</hi> Gericht<term type="begriffe" key="Gericht, und Gerechtigkeit"/> Gerechtigkeit erlangen, wenn sie sich lückenlos <hi rend="italic">vor</hi> dem Gericht beugen würde. Sie müsste nicht sterben, wenn sie nicht so zähe um ihr Leben kämpfen würde. Sie würde Gottes Wort<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> hören und verkündigen, wenn sie sich ohne die Prätention, durch Gottes Wort selber groß zu sein, ohne die Besorgnis: Was wird daraus? nur um die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/> dieses Wortes kümmern würde. Sie könnte die Stätte der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Kirche als Stätte der Gotteserkenntnis"/> sein, wenn sie eine Stätte der Anbetung<term type="begriffe" key="Anbetung"/> sein wollte gerade vor dem unbegreiflichen Gott<term type="begriffe" key="Gott, unbegreiflich"/>, vor dem kein Fleisch gerecht ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.20">3,20</ref>]. Eine Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Gemeinschaft der Heiligen und Sünder"/> demütig genug, die Gemeinschaft<term type="begriffe" key="Gemeinschaft"/> der Heiligen<note xml:id="n05"> Vgl. das <bibl corresp="kbga-bibls-3640">Symbolum Apostolicum, 3. Artikel, DH 30</bibl>.</note> wieder zu verstehen als die Solidarität<term type="begriffe" key="Solidarität"/> der auf Vergebung<term type="begriffe" key="Vergebung"/> angewiesenen Sünder<term type="begriffe" key="Mensch, Sünder"/> und darum zu lassen von allen krampfhaften Gemeinschaftsbegründun<pb ed="pga" xml:id="p499" break="no"/>gen<term type="begriffe" key="Gemeinschaften"/>, demütig genug, sich von einem <persName ref="kbga-actors-216">Kant</persName> <pb ed="A" n="352"/> an vorsichtiger Wahrung der Grenzen<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze, der Menschheit"/> der Menschheit<note xml:id="n06"> Mit dem Titel von <bibl corresp="kbga-bibls-1392"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethes</persName> Gedicht «Grenzen der Menschheit»</bibl> umschreibt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hier die Intention von <bibl corresp="kbga-bibls-1509"><persName ref="kbga-actors-216">Kants</persName> Vernunftkritik,
z. B. in <hi rend="italic">Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft</hi></bibl>.</note> nicht übertreffen zu lassen, die Schmach des Rationalismus<term type="begriffe" key="Rationalismus"/> gelassen zu tragen, und also Gott zu fürchten<term type="begriffe" key="Furcht, des Herrn"/> und zu lieben<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/>, eine Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, die Gott fürchtet und liebt"/> kühn genug, im Hinblick auf ihr Thema auf alles Erstreben, Erreichen und Aufweisen anschaulicher Ziele und Erfolge zu verzichten, das Erlebnis<term type="begriffe" key="Erlebnis"/> Gottes zu pflegen durch rüstige Kritik<term type="begriffe" key="Kritik"/> alles bloßen Erlebens<term type="begriffe" key="Erleben"/>, die Religion<term type="begriffe" key="Religion"/> durch unerschro­­ckene Relativierung<term type="begriffe" key="Religion, Relativierung"/> aller Religion, den frommen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, frommer"/> (diese hartnäckigste Spezies der Gattung Mensch!) durch unermüdliche Konfrontierung mit den vor Gott gerechtfertigten Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/>, Zöllnern<term type="begriffe" key="Zöllner"/>, Spartakisten<term type="begriffe" key="Spartakusbund"/><note xml:id="n07"> Mitglieder des «<orgName ref="kbga-actors-9755">Spartakasbundes</orgName>», einer linksradikalen Vereinigung in Deutschland; unter Führung von <persName ref="kbga-actors-1117">Karl Liebknecht</persName> und <persName ref="kbga-actors-1381">Rosa Luxemburg</persName> 1917 entstanden, war sie 1918/1919 führend bei der Vereinigung verschiedener linksradikaler Gruppen zur <orgName ref="kbga-actors-8624">Kommunistischen Partei Deutschlands</orgName>.</note>, Imperialisten<term type="begriffe" key="Imperialismus"/>, Kapitalisten<term type="begriffe" key="Kapitalismus"/> und andern Unsympathischen (z. B. Nicht-Religiössozialen<term type="begriffe" key="Religiössozial, Nicht-"/>), eine ganz sachliche, ganz auf den unbekannten<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/>, den lebendigen, den freien<term type="begriffe" key="Gott, ist frei"/> Gott<term type="begriffe" key="Gott, lebendiger"/> gerichtete, eine ganz auf die Predigt<term type="begriffe" key="Predigt"/> des <hi rend="italic">Kreuzes</hi><term type="begriffe" key="Kreuz"/> konzentrierte Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, auf Gott konzentriert"/> könnte unanschaulich-unerhörterweise die Kirche <persName ref="kbga-actors-2199">Jakobs</persName><term type="begriffe" key="Kirche, Jakobs"/>, die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, des Glaubens"/> des Glaubens, die Kirche der Gerechtigkeit Gottes<term type="begriffe" key="Kirche, der Gerechtigkeit Gottes"/> sein und ist es tatsächlich zu allen Zeiten gewesen. Aber dazu müsste sie es wagen, im Glauben, in der <hi rend="italic">«Finsternis»</hi> des Glaubens<term type="begriffe" key="Glaube, Finsternis"/> (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>)<note xml:id="n08"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/p197#p197">S. 197</ref>; vgl. weiter <bibl corresp="kbga-bibls-561"><hi rend="italic">In Epistolam S. Pauli ad Galatas Commentarius</hi> (1535), WA 40/I, 204,23-27</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1982"><hi rend="italic">Operationes in Psalmos</hi> (1519–1521), WA 5, 45,30-34; 176,28f.; 507,7f.</bibl>;<bibl corresp="kbga-bibls-3684"> <hi rend="italic">Das Magnificat verdeutscht und ausgelegt</hi> (1521), WA 7, 551,20</bibl>.</note> anzufangen. Und das wagt sie nun tatsächlich zu allen Zeiten auch wieder <hi rend="italic">nicht.</hi> Ihr Tun kommt «aus den Werken<term type="begriffe" key="Werke"/>», aus der Orientierung an<note n="b" type="textcritical" xml:id="nb"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «aus».</note> dem, was man sehen kann. Was sie ihren Glauben nennt, ist keinesfalls der <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.11">Hebr. 11</ref> beschriebene Glaube. Sie liebt die Einsamkeit und die Wüste<term type="begriffe" key="Wüste"/> nicht. Selbst wo sie ausdrücklich davon redet, redet sie <hi rend="italic">nicht</hi> davon; selbst wo sie sich scheinbar in Einsamkeiten und Wüsten<term type="begriffe" key="Wüste"/> begibt, entkleidet sie ihre Einsamkeiten alles wirklichen Schreckens und ihre Wüsten aller wirkli<pb ed="pga" xml:id="p500" break="no"/>chen Gefahr. Sie übt das Fasten derer nicht, die den Bräutigam <hi rend="italic">nicht</hi> haben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.9.15">Mt. 9,15</ref> par.], sondern sie sucht und weiß sich über die erschreckende Leerheit der Kirchengeschichte<term type="begriffe" key="Kirchengeschichte"/> durchaus zu trösten durch allerlei romantische<term type="begriffe" key="romantisch"/> Sentimentalitäten<term type="begriffe" key="Sentimentalität"/>. Sie will nicht Fremdling sein in der Welt. Sie kann nicht warten auf die Stadt, die einen Grund hat [<ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.11.10">Hebr. 11,10</ref>]. Sie kann nicht Halt machen in jener Urstellung des Christentums<term type="begriffe" key="Christentum"/> <hi rend="italic">vor</hi> der
Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung"/>, bei den Leiden<term type="begriffe" key="Leiden"/> des verworfenen Christus, denn sie hat große Eile, sie ist hungrig und durstig nach Positivitäten und Hochzeitsfreuden. Sie will sich trotz aller Niederlagen nicht aus den verlorenen Außenwerken in das Zentrum der Festung zurückziehen, sondern vorwärtsdringen – wohin? Jedenfalls vorwärts in der Richtung auf den Menschen, der sich die Beugung vor dem Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/> ersparen möchte, auf das direkt Festzustellende, Anschauliche, Begreifliche, Unmittelbare, Handliche. Der Glaube nach <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.11">Hebr. 11</ref> scheint ihr zu unmenschlich, zu lieblos, zu gefährlich, zu unpsychologisch, zu unpraktisch. Die frohe Botschaft soll durchaus eine direkte, womöglich eine vergnügte Botschaft sein und «positiv» durchaus etwas, was auch ohne den Glauben, auch <pb ed="A" n="353"/> ohne Gott so heißen mag. Und indem sie gegenüber der unmöglichen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unmögliche"/>, ihrem eigenen Thema getreu zu bleiben (und wenn sie darüber zugrunde ginge), die mögliche Möglichkeit wählt, den Menschen (den religiösen Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/> natürlich!) zu ihrem Thema zu machen, begibt sie sich in Gefahr und kommt darin um [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Sir.3.27">Sir. 3,27</ref>]. Denn der Mensch kann dem Fluche<term type="begriffe" key="Fluch"/> seiner bloßen Kreatürlichkeit<term type="begriffe" key="Kreatürlichkeit"/> nicht entgehen, auch der religiöse Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/> nicht, auch nicht der Mensch der höchsten Religion<term type="begriffe" key="Religion, höchste"/>. Wie sollte Israel<term type="begriffe" key="Israel, Heiden"/>, sofern es ihm um dieses endliche Ziel zu tun ist, an Gott nicht zuschanden werden? Wie sollte es, sobald auf Existentialität<term type="begriffe" key="Existentialität"/> alles ankommt, nicht erreicht und überholt werden von den ersten besten «Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/>», nicht selber offenkundig mit leeren Händen dastehen? Wie sollte die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, macht Konzessionen"/> sich auch nur den Dank der <hi rend="italic">Menschen</hi> verdienen, denen sie so viele Konzessionen macht und die doch im Grunde von ihr etwas ganz anderes erwarten? Das Phantom<term type="begriffe" key="Phantom"/>, dem sie nachjagt, erreicht sie nicht, und über dem Nachjagen entgeht ihr das Reale, das sie ergreifen konnte<note xml:id="n09"> Irrtümlich statt «könnte»?</note>. So <hi rend="italic">leidet</hi> die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Esaus"/> nicht nur daran, dass sie <persName ref="kbga-actors-3667">Esau</persName> und nicht <persName ref="kbga-actors-2199">Jakob</persName><term type="begriffe" key="Kirche, Jakobs"/> ist, sondern sie ist <pb ed="pga" xml:id="p501"/> selber <hi rend="italic">schuld</hi> daran. Wer hätte diese Schuld<term type="begriffe" key="Schuld"/> nicht auf sich, wer könnte sie abwerfen, der den Versuch der Kirche selber ernstlich versucht hat, der es weiß, dass er unter allen Umständen versucht werden <hi rend="italic">muss</hi>, und der auch das weiß, dass es bei den Menschen unmöglich ist, ihn <hi rend="italic">anders</hi> zu versuchen? Und wer, der sie auf sich hat, wüsste es anders, als dass sie Schuld, wirkliche <hi rend="italic">Schuld</hi> ist? Denn Schuld<term type="begriffe" key="Schuld"/> liegt vor, wenn das, was bei Gott möglich ist, bei den Menschen unmöglich ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.26">Mt. 19,26</ref> par.]. Er wird sie tragen als die eine einzige Schuld des Menschen, die darin zum Ausbruch kommt, dass er, gerade wenn er es wagt, auf <hi rend="italic">Gott</hi> zu hören, von Gott zu reden, <hi rend="italic">nicht</hi> wagt, Gott die <hi rend="italic">Ehre</hi><term type="begriffe" key="Gott, Ehre"/> zu geben.</p>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.32 Röm.9.33">V. 32b‒33</ref> Sie rannten an am Stein des Anstoßes von dem geschrieben steht: Siehe, ich setze in Zion einen Stein des Anstoßes und Felsen des Ärgernisses, und nur wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.</hi></p>
<p>Der Stein des Anstoßes<term type="begriffe" key="Anstoß, Stein des Anstoßes"/> und Fels des Ärgernisses<term type="begriffe" key="Ärgernis, Fels des Ärgernisses"/>, der doch zugleich der kostbare zu Zion<term type="begriffe" key="Zion"/> gelegte Eckstein ist (denn durch Kombination von <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.8.14">Jes. 8,14</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.28.16">Jes. 28,16</ref> ist dieses treffliche Bibelzitat entstanden), ist Jesus Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Eckstein"/>. In ihm offenbart sich Gott rücksichtslos als der verborgene<term type="begriffe" key="Gott, verborgen"/>, durchaus nur indirekt zu erkennende Gott. Hier verhüllt<term type="begriffe" key="Verhüllung"/> er sich endgültig, um nur dem Glauben<term type="begriffe" key="Glaube, und Offenbarung"/> offenbar zu sein. Hier verkündigt Gott seine unendliche Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, Gottes"/>, indem er in schneidendster Unzweideutigkeit<term type="begriffe" key="Unzweideutigkeit"/> seine Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/>, das Wunder<term type="begriffe" key="Wunder"/>, sein <hi rend="italic">Reich</hi><term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> verkündigen lässt. Wer aus der Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, aus der W. sein"/> ist, der hört hier seine Stimme [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.18.37">Joh. 18,37</ref>]. Aber wer ist aus der Wahrheit? Wer sieht Gott, wie er ist? Wer hat nicht tausend Vorwände, um ihm vielmehr auszuweichen? Wir ertragen <pb ed="A" n="354"/> die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit, unerträglich"/> nicht. Es wäre selbst das Wunder<term type="begriffe" key="Wunder"/>, wenn wir sie ertrügen, und durch das Wunder würde sie uns dann erretten aus der Not unsrer Kreatürlichkeit<term type="begriffe" key="Kreatürlichkeit"/>. Kann das nicht geschehen, weil wir für das Wunder<term type="begriffe" key="Wunder, der Wahrheit"/> der Wahrheit nicht offen, nicht bereit sind, dann wird sie uns ohne Wunder, einfach durch ihre immanente Logik zum Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/>. Der Mensch muss dann im vollen Laufe seiner Jagd<term type="begriffe" key="Jagd nach Gerechtigkeit"/> nach dem endlichen Ziel, das er Glaube, Gerechtigkeit, Liebe, Gott nennt, daran zuschanden werden, dass Gott mitten in dieses Zion<term type="begriffe" key="Zion"/>, in diesen irdischen Himmel hinein die Tatsache gestellt hat, dass er der Ewige<term type="begriffe" key="Gott, ewig"/> ist, der sich aus Gnade<term type="begriffe" key="Gnade"/> dort finden lässt, wo er als der Ewige gesucht wird. Nur wer glaubt, wird an diesem Anstoß<term type="begriffe" key="Anstoß"/> und Ärgernis<term type="begriffe" key="Ärgernis, und Glaube"/> <hi rend="italic">nicht</hi> zuschanden. Wer nicht glaubt, sondern «jagt» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.31">9,31</ref>), der erntet hier notwendig <pb ed="pga" xml:id="p502"/> taube Nüsse. Er rennt an wie einer, der in eine Sackgasse rennt. Die <hi rend="italic">Krisis</hi><term type="begriffe" key="Krisis, der Erkenntnis"/> <hi rend="italic">der Erkenntnis</hi><term type="begriffe" key="Erkenntnis"/>, die Katastrophe der Religion<term type="begriffe" key="Religion, Katastrophe"/> bricht aus. Die Entblößung und Beschämung, die mit einem undurchführbaren Unternehmen notwendig verbunden ist, tritt unaufhaltsam ein. Die Kirche <persName ref="kbga-actors-3667">Esaus</persName><term type="begriffe" key="Kirche, Esaus"/> ist und bleibt, was sie ist, und <hi rend="italic">muss</hi> Christus, der doch ihre einzige Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung, auf Christus"/><note xml:id="n10"> Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/47/p419#fn_n64">S. 419, Anm. 64</ref>.</note> ist, ans Kreuz<term type="begriffe" key="Kreuz"/> schlagen. Es kann ja nicht anders sein, wenn der Mensch die Ordnung, dass Gott uns erwählt<term type="begriffe" key="Gott, erwählt und verwirft"/> und nicht wir ihn [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.15.16">Joh. 15,16</ref>], nicht freudig anerkennen, sondern umkehren will. Alle noch so offenkundigen menschlichen Fehler und Gebrechen der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Fehler"/>, ihre Oberflächlichkeit und ihre Schwerfälligkeit, ihre Weltseligkeit und ihre Weltfremdheit, ihre unnütze Demut und ihr ebenso unnützer Hochmut, ihr unangebrachter technischer Eifer<term type="begriffe" key="Eifer"/> in Dingen, für die es sich nicht lohnt, einen Finger zu rühren, und ihre ebenso unangebrachte ratlose Gelassenheit in Fragen, bei denen es um Sein oder Nicht-Sein<term type="begriffe" key="Nicht-Sein, Sein/Nicht-Sein"/> geht, das alles und alles andere, was man gegen sie einwenden kann, würde sie nicht verurteilen, wenn sie sich nicht selbst verurteilte dadurch, dass sie das Gericht<term type="begriffe" key="Gericht"/> nicht annimmt, das
<hi rend="italic">vor</hi> allen Fehlern und Gebrechen über den Menschen<term type="begriffe" key="Mensch, als Mensch"/> als Menschen gesprochen ist. Käme sie selbst beständig aus diesem Gericht heraus, hätte sie ihre Rechtfertigung darin, dass sie von keiner andern Rechtfertigung<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> weiß als von der in diesem Gericht zu erlangenden, <hi rend="italic">glaubte</hi> sie also an den Stein des Anstoßes<term type="begriffe" key="Anstoß, Stein des Anstoßes"/> und Ärgernisses<term type="begriffe" key="Ärgernis"/>, statt Anstoß und Ärgernis<term type="begriffe" key="Anstoß, und Ärgernis"/> daran zu nehmen, sie könnte <hi rend="italic">mit</hi> ihren Fehlern<term type="begriffe" key="Kirche, Fehler"/> und Gebrechen (und eines Tages dann sicher auch <hi rend="italic">ohne</hi> einige davon) die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Gottes"/> Gottes sein. Der triumphierenden Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, triumphierende"/> aber, der <hi rend="italic">zeitgemäßen</hi><term type="begriffe" key="Kirche, zeitgemäße"/><note n="c" type="textcritical" xml:id="nc">Druckmanuskript: «<hi rend="italic">zeit</hi>gemäßen».</note>, der volkstümlichen<term type="begriffe" key="Kirche, volkstümliche"/>, der modernen<term type="begriffe" key="Kirche, moderne"/>, der alle Bedürfnisse des Menschen (außer dem einen!) befriedigenden<term type="begriffe" key="Kirche, bedürfnisbefriedigende"/>, der trotz aller Blamagen immer wieder selbstbewussten, immer wieder quecksilbrigen, immer wieder einen Ausweg suchenden und findenden Kirche, der Kirche des «kirchlichen Lebens<term type="begriffe" key="Kirche, des kirchlichen Lebens"/>» kann und <pb ed="A" n="355"/> wird es nicht gelingen, und wenn sie in aufrichtigstem Eifer alles täte, um von jenen Fehlern<term type="begriffe" key="Kirche, Fehler"/> und Gebrechen frei zu werden. Sie wird mit oder ohne Fehler nie und nimmer die Kirche Gottes sein, weil sie nicht weiß, was Buße<term type="begriffe" key="Kirche, und Buße"/> ist.</p> 
<p><pb ed="pga" xml:id="p503" rend="noPipe"/><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.1 Röm.10.3">V. 1‒3</ref> Brüder, die Sehnsucht und das Gebet meines Herzens ist auf ihre Errettung gerichtet. Denn ich bezeuge ihnen, dass sie den Eifer für Gott haben, aber ohne Erkenntnis. Denn sie verkannten die Gerechtigkeit Gottes, strebten danach, ihre eigene aufzurichten und unterwarfen sich so der Gerechtigkeit Gottes nicht.</hi></p>
<p><hi rend="italic">«Die Sehnsucht und das Gebet meines Herzens ist auf ihre Errettung gerichtet.»</hi> Der Vorwurf der Un- oder Antikirchlichkeit<term type="begriffe" key="Antikirchlichkeit"/>, mit dem Feststellungen, wie die eben gemachten, beantwortet zu werden pflegen, lässt uns ganz kühl, und so leicht werden wir es weder uns selbst noch den Andern machen, dass wir der an jenen Vorwurf<term type="begriffe" key="Vorwurf"/> geknüpften Einladung, die so charakterisierte Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> zu verlassen, etwa Folge leisten werden. Wir denken gar nicht daran. Wir reden von uns selbst, indem wir von der Kirche reden. Wir haben mit uns selbst geredet, bevor wir zu den Anderen redeten, und wir werden wieder mit uns selbst reden. Wir sind vielleicht kirchlicher als die Kirchlichen. Freilich: «<foreign xml:lang="lat">Vere verbum Dei, si venit, venit contra sensum et votum nostrum. Non sinit stare sensum nostrum, etiam in iis, quae sunt sanctissima, sed destruit ac eradicat ac dissipat omnia</foreign>» (<persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>).<note xml:id="n11"> <bibl corresp="kbga-bibls-1730"><hi rend="italic">Luthers Vorlesung über den Römerbrief 1515/1516</hi>, hrsg. von J. Ficker, <hi rend="italic">Die Scholien (Anfänge reformatorischer Bibelauslegung</hi>, 1. Bd. [Teil 2]), Leipzig 1908, S. 249, Z.7–10</bibl> (WA 56, 423,19-22).</note> Aber dass dem so ist und dass gerade die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> davon immer am schwersten betroffen sein wird, daran ist der unschuldig, der das Wort<term type="begriffe" key="Wort, Gottes in der Kirche"/> Gottes <hi rend="italic">in</hi> der Kirche <hi rend="italic">gegenüber</hi> der Kirche geltend zu machen hat; er ist ja, indem er das tut, <hi rend="italic">selber</hi> der Schwerstbetroffene! In Sachen Gottes ist es ganz unmöglich, dass Partei gegen Partei, Person gegen Person steht, kritisierend<term type="begriffe" key="Kritik"/> und recht habend die eine, kritisiert und unrecht habend die andere. In Sachen Gottes kann angreifend und angegriffen immer nur einer für den andern eintreten. Mit angreifend<term type="begriffe" key="Angriff"/> und mit angegriffen sind hier alle, denen es mit dem immer wieder unausweichlich gestellten Problem<term type="begriffe" key="Problematik"/> der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> ernst ist.</p>
<p><hi rend="italic">«Ich bezeuge ihnen, dass sie den Eifer für Gott haben.»</hi> Wir können zweitens auch den Vorwurf gelassen ablehnen, als ob wir der Gesinnung und den Leistungen der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, historisch-psychologisch"/> nicht gerecht würden. Wir sind durchaus in der Lage, ihr historisch und psychologisch<term type="begriffe" key="historisch-psychologisch"/> völlig gerecht zu werden. Wir würden uns anheischig machen, sie vor einem <pb ed="pga" xml:id="p504"/> menschlichen Forum mindestens ebenso gut zu verteidigen wie ihre beredtesten Anwälte. Wir anerkennen ihren «Eifer<term type="begriffe" key="Kirche, Eifer für Gott"/> für Gott» ein für allemal. Es kann sich aber in Sachen Gottes überhaupt nicht darum handeln, Komplimente auszutauschen. <pb ed="A" n="356"/> Es kann sich für uns nicht darum handeln, das Rennen, das <hi rend="italic">Flach</hi>rennen<term type="begriffe" key="Flachrennen"/><note xml:id="n12"> D. h. Pferderennen auf ebener Bahn ohne Hindernisse.</note> nach dem «Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, der Gerechtigkeit"/> der Gerechtigkeit» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.31">9,31</ref>) mit schnelleren Pferden, mit einer noch größeren Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit"/>, mit noch tieferen Erlebnissen<term type="begriffe" key="Erlebnis"/>, mit noch mehr Gottvertrauen und Bruderliebe<term type="begriffe" key="Bruderliebe"/> fortzusetzen. Nicht um den blöden Streit, wer wohl mehr «habe», ob der oder dieser oder gar jener, kann es sich handeln, nicht darum, einander an Intensität, Innerlichkeit, Frieden, Begeisterung, Liebe, Hoffnung zu übertreffen. Es handelt sich vielmehr darum, dieses Wettrennen abzubrechen in der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, der Frömmigkeit"/>, dass es ganz unnütz ist, in der Erkenntnis, dass menschliche Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit, menschliche"/>, und wenn sie qualitativ in der feinsten Feinkultur und quantitativ in wahren Babelstürmen<term type="begriffe" key="Babelsturm"/> aufträte, vor Gott keinen entscheidenden Wert hat, in der Erkenntnis, dass der Schauplatz, wo Gott und der Mensch sich begegnen, um sich zu scheiden, sich scheiden, um sich zu begegnen, keine Arena ist, in <anchor type="note" xml:id="fn-d"/>der sich Menschen untereinander mit Lorbeeren schmücken oder sich Lorbeeren verweigern<note n="d" target="fn-d" type="textcritical" xml:id="nd"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «der Menschen untereinander sich mit Lorbeeren schmücken oder Lorbeeren sich verweigern». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> können, in der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/>, dass wir alle nur Gott fürchten<term type="begriffe" key="Furcht, des Herrn"/>, lieben<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> und anbeten<term type="begriffe" key="Anbetung"/> ­können.</p>
<p><hi rend="italic">«Aber ohne Erkenntnis»</hi> eifern<term type="begriffe" key="Eifer"/> sie für Gott. Eben der Mangel an dieser Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Mangel an E."/> ist die Schuld der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Schuld der K."/>. Immer wieder und überall! Denn wer «hat» sie etwa? Wem entgeht sie nicht immer wieder? Wer rennt nicht immer wieder <hi rend="italic">mit</hi> das fatale Flachrennen<term type="begriffe" key="Flachrennen"/>? Was soll die ganze Folge religiöser Explosionen, eine lauter als die andere, die wir seit 1918 schaudernd erleben<note xml:id="n13"> Vgl. z. B. oben <ref type="pub" target="../volume/47/p269#fn_n19">S. 269, Anm. 19</ref>; <ref type="pub" target="../volume/47/p482#fn_n35">S. 482f., Anm. 35</ref>; unten <ref type="pub" target="../volume/47/p642#fn_n70">S. 642, Anm. 70</ref>.</note>? Was soll dieses Buch, sofern es in diesem Chaos offenbar nolens volens mitkonkurriert? Was soll die ganze Geschichte etwa der Theologie<term type="begriffe" key="Theologiegeschichte"/> bis auf diesen Tag, dieser sprechende Ausschnitt aus dem allgemeinen Kampf ums Dasein<term type="begriffe" key="Dasein, Kampf ums D."/>, in welchem jeweilen die mit den jüngeren, schärfern Zähnen und Hörnern bewaffneten Tiere den ältern, schwächern den Garaus machen, bis die <pb ed="pga" xml:id="p505"/> Reihe an sie selber kommt? Was hat diese Szenenfolge für einen Sinn<term type="begriffe" key="Sinn"/>? Aber wer merkt es etwa, dass sie keinen Sinn hat? Wir vergessen es alle immer wieder. Und eben dieses Vergessen<term type="begriffe" key="Vergessen"/> ist die Schuld<term type="begriffe" key="Kirche, Schuld der K."/> der Kirche, und wo immer dieses Vergessen stattfindet, da möge man sich demütig eingestehen, dass man sich trotz alles Protestes<term type="begriffe" key="Protest"/> eben in dieser schuldigen Kirche befindet.</p>
<p><hi rend="italic">«Sie verkannten die Gerechtigkeit Gottes, strebten danach, ihre eigene aufzurichten und unterwarfen sich so der Gerechtigkeit Gottes nicht.»</hi> Eifer<term type="begriffe" key="Eifer"/> für Gott <hi rend="italic">mit</hi> Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> wäre die Unterwerfung unter die Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> Gottes, Gottes selbst<term type="begriffe" key="«Gott selbst»"/>, Gottes allein<term type="begriffe" key="«Gott allein»"/>, die Beugung vor dem Geheimnis der göttlichen Prädestination<term type="begriffe" key="Prädestination"/> und die Liebe<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> zu dem in diesem Geheimnis thronenden Gott, weil er allein wahrer Gott<term type="begriffe" key="Gott, wahrer G."/> ist. Denn die Gerechtigkeit Gottes ist die Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> Gottes, <pb ed="A" n="357"/> sich selber Norm zu sein, seine Freiheit, selbst und allein der Berufende zu sein, auf den es ankommt (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.12">9,12</ref>), also den <persName ref="kbga-actors-2199">Jakob</persName> zu lieben<term type="begriffe" key="Liebe, und Hass"/> und den <persName ref="kbga-actors-3667">Esau</persName> zu hassen (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.13">9,13</ref>), also wessen <hi rend="italic">er</hi> will, sich zu erbarmen, und wen <hi rend="italic">er</hi> will, zu verstocken<term type="begriffe" key="Gott, erbarmt sich und verstockt"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.18">9,18</ref>), seine Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/>, selbst und allein Gott zu sein, gestern, heute und morgen mit derselben unbedingten Souveränität<term type="begriffe" key="Gott, Souveränität"/>. Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> Gottes nun wäre die nie zu unterlassende, nie schon erledigte, in keinem Sinne jemals hinter uns liegende Anerkennung dieser Souveränität Gottes, sie wäre das unablässig geübte kritische Unterscheiden zwischen der Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> Gottes und allen (allen!) Menschengerechtigkeiten<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/>. Sie wäre die unerbittlich immer zu vollziehende Überordnung der Wichtigkeit Gottes gegenüber allem, was <hi rend="italic">uns</hi> (und wenn es im Gedanken an Gott wäre!) wichtig ist: Sie wäre das wissende und willige Erleiden des absoluten <hi rend="italic">Angriffs</hi><term type="begriffe" key="Angriff, absoluter auf den Menschen"/> auf den Menschen, der von der Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> Gottes ausgeht. Aus dieser Erkenntnis möchte dann möglicherweise <hi rend="italic">der</hi> Eifer<term type="begriffe" key="Eifer"/> für Gott hervorgehen, der die Beteiligung an jenem Flachrennen<term type="begriffe" key="Flachrennen"/> nicht notwendig in sich schließt und eben damit sich selbst richtet. Aber wer «hat», wer betätigt diese Erkenntnis? Wem ist sie nicht zu wunderbar und zu hoch [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.139.6">Ps. 139,6</ref>]? Wer hält es aus in diesem Licht<term type="begriffe" key="Licht"/> und in dieser Luft? Wer fürchtete nicht, da möchte «Alles aufhören»? Wer setzte nicht an die Stelle dieser unnahbaren <hi rend="italic">Gottes</hi>gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gottesgerechtigkeit"/> eine (vielleicht, wahrscheinlich, sicher sehr feine, sehr hohe, sehr wertvolle) <hi rend="italic">eigene</hi> Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, eigene"/>, «mit Hilfe Gottes», «im Vertrauen auf Gott» usf. einen Plan, ein Programm, eine Methode<term type="begriffe" key="Methode"/>, eine Sache, eine neue Sprache, eine <pb ed="pga" xml:id="p506"/> Bewegung<term type="begriffe" key="Bewegung"/>, ein Ding<term type="begriffe" key="Ding"/>, das uns weniger zu schaffen und mehr zu tun, weniger zu denken und mehr zu reden, weniger zu erleiden und mehr zu unternehmen gibt als jene Gottesgerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gottesgerechtigkeit"/>? Ein Ding<term type="begriffe" key="Ding"/>, bei dem der Mensch (vor allem der religiöse Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/>) in seiner Taten-, Rede- und Unternehmungslust, in seiner unstillbaren Reform- und Revolutionsfreudigkeit<term type="begriffe" key="Revolution"/> besser auf seine Rechnung kommt, weil er darüber des Gerichts<term type="begriffe" key="Gericht"/>, unter dem er steht, vergessen kann, als wenn ihm, außer Gott über alles zu fürchten<term type="begriffe" key="Furcht, des Herrn"/> und zu lieben<term type="begriffe" key="Liebe, zu Gott"/> – nichts übrig bleibt. Wann wäre die
Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, in der Versuchung"/> nicht in Versuchung<term type="begriffe" key="Versuchung"/> gewesen, der Gerechtigkeit Gottes<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> eine solche menschliche eigene Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, eigene"/> zu substituieren? Wann hätte sie dieser Versuchung widerstanden? Wann wäre sie etwas Anderes gewesen als das, was die römische Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, römische"/> nur vollkommener ist als alle übrigen: die Organisation zur Wahrung der berechtigten Interessen des Menschen gegenüber Gott, der mehr oder weniger geschickte Versuch, die Wahrheit der göttlichen Prädestination<term type="begriffe" key="Prädestination"/> zu verheimlichen und zu unterdrücken? Wann hätte sie je den Mut gehabt, alle Bindungen, mit denen sie sich selbst an die Bedürfnisse, Wünsche und Strebungen <pb ed="A" n="358"/> <hi rend="italic">dieses</hi> Menschen in <hi rend="italic">dieser</hi> Welt<term type="begriffe" key="Mensch, «dieser Mensch in dieser Welt»"/> gebunden, zu zerreißen und sich ganz auf Gott zu stellen? <hi rend="italic">Kann</hi> sie das überhaupt? Kann sie sich auch nur <hi rend="italic">denken</hi>, dass sie es könnte? Kann sie es aber <hi rend="italic">nicht</hi>, gerade <hi rend="italic">das</hi>, was sie offenbar nach ihrem eigensten Programm tun müsste, <hi rend="italic">nicht</hi> – bricht ihre Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Gottes"/> Gottes immer wieder in dieser Krisis<term type="begriffe" key="Krisis"/> zusammen, <anchor type="note" xml:id="fn-e"/>dass sich der Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, als Mensch"/> als Mensch Gott als Gott<term type="begriffe" key="Gott, als Gott"/> zu erkennen scheut<note n="e" target="fn-e" type="textcritical" xml:id="ne"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «daß der Mensch als Mensch Gott als Gott zu erkennen sich scheut». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> und weigert, wie darf sie sich dann wundern über die Anklage<term type="begriffe" key="Anklage"/>, die – wahrlich nicht von Menschen – gegen sie erhoben ist? Wie darf sie sich dann der Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/> entziehen, diese Anklage selber gegen sich selbst zu erheben?</p> 
</div> 


<div>
 <pb ed="pga" xml:id="p507"/>
<head><hi rend="smallCaps">Das Licht in der Finsternis</hi></head>
<head type="sub"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.4 Röm.10.21">10,4–21</ref></head>

<p>Ist die Not der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Not der K."/> die <hi rend="italic">Schuld</hi> der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Schuld der K."/> und besteht die Schuld der Kirche, wie wir eben sahen, gerade darin, dass sie ihre <hi rend="italic">Not</hi><note n="f" type="textcritical" xml:id="nf"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «Not».</note>, die Not, die ihr durch ihre Gabe und Aufgabe<term type="begriffe" key="Kirche, Gabe und Aufgabe"/>, durch ihr Thema bereitet wird, nicht anerkennen, sondern ihr, d. h. aber Gott, ausweichen will, so bedeutet das, dass es auch <hi rend="italic">anders</hi> sein könnte, dass der Möglichkeit, Gott<term type="begriffe" key="Gott, als Gott"/> als Gott nicht anzuerkennen, sondern ihm gerade als Gott auszuweichen, eine <hi rend="italic">andre</hi> Möglichkeit gegenübersteht und dass die Kirche nicht auf eine blinde fatale Notwendigkeit<term type="begriffe" key="Notwendigkeit"/> rekurrieren kann, sondern sich selbst dafür haftbar machen muss, wenn sie diese andere Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/> nicht ergreift. Das Licht<term type="begriffe" key="Licht, und Finsternis"/> <hi rend="italic">scheint</hi> in der Finsternis [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.5">Joh. 1,5</ref>]. Wir müssen uns das deutlich machen, nicht nur damit uns die <hi rend="italic">Not</hi> der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Not der K."/> ganz unzweideutig und brennend als ihre <hi rend="italic">Schuld</hi><term type="begriffe" key="Kirche, Schuld der K."/> bewusst werde, sondern auch damit uns eben an diesem Punkt der Zusammenhang zwischen der Not und der <hi rend="italic">Hoffnung</hi><term type="begriffe" key="Hoffnung, der Kirche"/> der Kirche vor Augen trete. Die unmögliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unendliche"/> Gottes, sie liegt im <hi rend="italic">Bereich</hi> ihrer Möglichkeiten, und das ewige Licht, das Licht vom ungeschaffenen Lichte<term type="begriffe" key="«Licht vom unerschaffnen Lichte»"/>, es <hi rend="italic">leuchtet</hi> ihr. Ob sie Augen hat zu sehen, das, nur das ist die Frage.</p>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.4 Röm.10.5">V. 4‒5</ref> Denn das Ziel des Gesetzes ist Christus, zur Gerechtigkeit für jeden, der glaubt. Denn <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName></hi> <hi rend="bold">beschreibt die Gerechtigkeit,</hi>
die <hi rend="bold">aus dem Gesetz</hi>
kommt, mit den Worten: <hi rend="bold">Der Mensch, der dies tut, wird durch sie leben!</hi><note n="*1" type="original" xml:id="s1"><term type="begriffe" key="Textkritik"/>Ich lese in <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.5">V.5</ref>, indem ich mich den Erwägungen von <persName ref="kbga-actors-846">Zahn</persName><note xml:id="n14"><bibl corresp="kbga-bibls-3467"><persName ref="kbga-actors-846">Zahn</persName>, S. 476, Anm. 66.</bibl></note> und <persName ref="kbga-actors-651">Kühl</persName><note xml:id="n15"><bibl corresp="kbga-bibls-3468"><persName ref="kbga-actors-651">Kühl</persName>, S. 353.</bibl></note> anschließe: <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">γράφει τὴν δικαιοσύνην τὴν ἐκ νόμου ὅτι ὁ ποιήσας αὐτὰ ἄνθρωπος ζήσεται ἐν αὐτῇ</foreign>.</note></p>
<p><hi rend="italic">«Das Ziel des Gesetzes ist Christus zur Gerechtigkeit für jeden, der glaubt.»</hi> Es gibt nur <pb ed="A" n="359"/> <hi rend="italic">eine</hi> Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/>, nur <hi rend="italic">eine</hi> Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> Gottes, zu erwählen<term type="begriffe" key="Gott, erwählt und verwirft"/> oder zu verwerfen, nur <hi rend="italic">eine</hi> Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> Gottes. Ob sie <pb ed="pga" xml:id="p508"/> uns begegnet als die «Gerechtigkeit, die aus der Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> Gottes kommt» und im Glauben begriffen, bejaht und angeeignet wird (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.17">1,17</ref>), oder ob sie uns begegnet als die «Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, aus dem Gesetz"/> kommt», d. h. als die dem menschlichen Tun gesetzte Norm, als das Ziel<term type="begriffe" key="Ziel"/>, auf das und durch das es gerichtet ist, sie ist eine und dieselbe. Unanschaulicherweise ist sie die erste<note n="g" type="textcritical" xml:id="ng"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «erstere».</note>, anschaulicherweise immer die zweite<note n="h" type="textcritical" xml:id="nh"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «letztere». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note>. Eine andere Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, aus dem Gesetz"/> kann auch aus dem <hi rend="italic">Gesetz</hi> nicht kommen, als eben die Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> Gottes, und <hi rend="italic">kommt</hi> sie aus dem Gesetz, so ist sie die Gerechtigkeit, die aus der Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> Gottes kommt. Denn der Sinn, die Meinung, das «Ziel des Gesetzes»<term type="begriffe" key="Ziel, des Gesetzes"/> ist die Gerechtigkeit Gottes. Nicht umsonst jagt ja die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, und Reichsgottesreligion"/>, die das Gesetz treibt und treiben muss, einem «Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, der Gerechtigkeit"/> der <hi rend="italic">Gerechtigkeit</hi>», einer <hi rend="italic">Reichgottes</hi>religion<term type="begriffe" key="Religion, Reichsgottes-"/> nach<term type="begriffe" key="Jagd nach Gerechtigkeit"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.31">9,31</ref>). Das Ziel, von dem alle menschliche Religion<term type="begriffe" key="Religion, Ziel ist Jesus Christus"/> Zeugnis<term type="begriffe" key="Zeugnis"/> gibt (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.21">3,21</ref>), ist <hi rend="italic">Christus</hi>. Und <hi rend="italic">Christus</hi> ist das Ziel der menschlichen Bedürfnisse, Wünsche und Strebungen, deren Pflege und Befriedigung die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> angeblich ihre ganze liebevolle Aufmerksamkeit zuwendet. Täte sie es doch nur! Sähe sie doch ein, was es bedeutet, das «Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, der Gerechtigkeit"/> der <hi rend="italic">Gerechtigkeit</hi>» zu treiben, Religion<term type="begriffe" key="Religion, als Zeugnis von Jesus Christus"/> als <hi rend="italic">Hinweis</hi><term type="begriffe" key="Hinweis"/> und <hi rend="italic">Zeugnis</hi><term type="begriffe" key="Zeugnis"/> zu wecken und zu erhalten, dem eigentlichen, dem wirklichen, dem alle <hi rend="italic">vor</hi>letzten Anliegen in sich aufhebenden <hi rend="italic">letzten</hi> Anliegen des Menschen gerecht zu werden! Im Verlauf ihres eigenen Programmes müsste die Kirche auf die Wahrheit<term type="begriffe" key="Wahrheit"/>, Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> und Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> <hi rend="italic">Gottes</hi> stoßen. Ist einmal – und das ist in Israel<term type="begriffe" key="Israel"/>, in der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> der Fall – die mögliche Möglichkeit des <hi rend="italic">religiösen Menschen</hi><term type="begriffe" key="Mensch, religiöser"/>, der Anbetung<term type="begriffe" key="Anbetung"/> «Gottes», der Beziehung von Zeit<term type="begriffe" key="Zeit, und Ewigkeit"/> und Ewigkeit aufgetaucht und in Betracht gezogen, dann eben damit auch, als Grenzfall, als Anschauung jenseits der Anschaulichkeit<term type="begriffe" key="Anschaulichkeit"/>, als Voraussetzung und Blickpunkt, die unmögliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unmögliche"/> des <hi rend="italic">Menschen des Glaubens</hi><term type="begriffe" key="Glaube"/>. Eine wirklich <hi rend="italic">ernste</hi> Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit, Ernsthaftigkeit"/>, eine wirklich <hi rend="italic">ernste</hi>
Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/>, eine wirklich <hi rend="italic">ernste</hi> Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, ernste"/> kann (wie im Buch der Psalmen<term type="begriffe" key="Psalmen"/> auf jeder Seite zu sehen!) gar nicht stehen bleiben bei sich selber; sie weist notwendig über sich selbst hinaus; sie weiß, dass sie nicht mehr sein kann als menschlicher Eindruck, Mittelstation, Wegweisung, Erinnerung<term type="begriffe" key="Erinnerung, der Kirche"/>, Negation<term type="begriffe" key="Negation"/>. Sie entzündet (nochmals sofern sie <hi rend="italic">ernst</hi> ist, sofern <pb ed="pga" xml:id="p509"/> sie weiß um sich selber!) notwendig selber das Dynamit<term type="begriffe" key="Dynamit"/>, das die Pagode, jede Pagode, die möglicherweise um sie herum entstanden sein oder noch entstehen könnte, in die Luft sprengt. Wird das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/> <hi rend="italic">ernst</hi> genommen, dann hört aller Friede, alle Ruhe, alle Sicherheit, die nicht Friede, Ruhe und Sicherheit im ewigen Augen<pb ed="A" n="360" break="no"/>blick<term type="begriffe" key="Augenblick, ewiger"/> der Offenbarung<term type="begriffe" key="Offenbarung, Gottes"/> Gottes wären, auf. Es hört auf alles «Jagen»<term type="begriffe" key="Jagen nach Gerechtigkeit"/> nach der Gerechtigkeit, das etwas anderes wäre als die Frage nach der Erkenntnis<term type="begriffe" key="Erkenntnis"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.2">10,2</ref>). Es hört auf alles Aufrichtenwollen einer «eigenen Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, eigene"/>» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.3">10,3</ref>). Es hört auf, und wir wissen, dass wir damit sagen: das <hi rend="italic">Wunder</hi><term type="begriffe" key="Wunder"/> geschieht, die keinen Augenblick<term type="begriffe" key="Augenblick, zeitlicher"/> in der Zeit ausfüllende <hi rend="italic">existentielle</hi> Beziehung<term type="begriffe" key="Beziehung, von Gott und Mensch"/> des Menschen zu Gott wird Ereignis<term type="begriffe" key="Ereignis"/>, der <hi rend="italic">Glaube</hi><term type="begriffe" key="Glaube"/> glaubt, <hi rend="italic">Gott</hi> redet. Das ist <hi rend="italic">ernste</hi> Frömmigkeit<term type="begriffe" key="Frömmigkeit, Ernsthaftigkeit"/>, <hi rend="italic">ernste</hi> Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, ernste"/>! Aber das liegt (als unmögliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unmögliche"/>!) im Bereich menschlicher Möglichkeit, wo immer Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> ist, wo immer die vorletzte, die religiöse Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, religiöse"/> in Betracht gezogen ist. Auch die Kirche <persName ref="kbga-actors-3667">Esaus</persName><term type="begriffe" key="Kirche, Esaus"/>, die einzige, die wir kennen, lebt ja von der Möglichkeit der Kirche <persName ref="kbga-actors-2199">Jakobs</persName><term type="begriffe" key="Kirche, Jakobs"/>.</p>
<p><hi rend="italic">«Der Mensch, der dies tut, wird durch sie leben!»</hi> Mit diesen Worten beschreibt <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> (<ref type="can" subtype="bible" target="Lev.18.5">Lev. 18,5</ref>) die <hi rend="italic">«Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt».</hi> <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> weiß, was er sagt. <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> ist auf keinen Fall bloß der Vertreter <hi rend="italic">des</hi> Gesetzes<term type="begriffe" key="Gesetz"/>, das nur Menschenwerk und nichts als das bedeutet, auf keinen Fall bloß der Typus des sich selbst nicht verstehenden<note n="i" type="textcritical" xml:id="ni"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «selbst verstehenden».</note> Kirchenmanns<term type="begriffe" key="Kirchenmann"/>, auf keinen Fall bloß der uneinsichtig selbstbewusste Repräsentant der höchsten Religion<term type="begriffe" key="Religion"/>. Mag er das alles <hi rend="italic">auch</hi> sein. Welcher Prophet<term type="begriffe" key="Prophet, Repräsentant der höchsten Religion"/>, welcher Apostel<term type="begriffe" key="Apostel, Repräsentant der höchsten Religion"/>, welcher Reformator<term type="begriffe" key="Reformatoren, Repräsentant der höchsten Religion"/> wäre das nicht <hi rend="italic">auch?</hi> Er ist aber als <hi rend="italic">Prophet</hi>, als <hi rend="italic">Apostel</hi>, als <hi rend="italic">Reformator</hi>, als <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName></hi> mehr als das. Er legt den Finger darauf, dass das Gesetz <hi rend="italic">getan</hi> werden muss, damit der Mensch durch die Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, aus dem Gesetz"/>, die aus dem Gesetz kommt, lebe. «Nicht die Hörer des Gesetzes sind gerecht vor Gott, sondern die Täter werden gerecht erklärt werden» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.13">2,13</ref>). Das ist <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> Meinung von der Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, aus dem Gesetz"/> kommt. Was heißt aber ein «Täter<term type="begriffe" key="Gesetz, Täter des G."/> des Gesetzes» sein? Wir erinnern uns, dass das heißt: sich beugen vor dem, der das Gesetz gegeben, von dem wir es empfangen, begreifen, dass nur durch <hi rend="italic">göttliche</hi> Nähe<term type="begriffe" key="Gott, Nähe"/> und Erwählung<term type="begriffe" key="Erwählung"/> Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/> entstehen kann, entstehen, um immer wieder zu zeugen von der Majestät<term type="begriffe" key="Gott, Majestät"/> <hi rend="italic">göttlicher</hi> Nähe und Erwählung. <pb ed="pga" xml:id="p510"/> Also alle (alle!) Menschengerechtigkeit dem ausliefern, dem sie gehört, und ihm (nur ihm!) die Ehre<term type="begriffe" key="Gott, Ehre"/> geben. Nur wo das Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz, Tun des"/> getan (aber eben <hi rend="italic">getan!</hi>) wird, wo also die unmögliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unmögliche"/> des Wunders<term type="begriffe" key="Wunder"/>, der Existentialität<term type="begriffe" key="Existentialität"/>, des Glaubens<term type="begriffe" key="Glaube"/>, Gottes als solche (also nicht zeitausfüllend, nicht auf der Fläche der seelischen, geschichtlichen<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> Dinge, nicht Anlass zu menschlichem Ruhm<term type="begriffe" key="Rühmen"/> gebend (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.27 Röm.3.31">3,27f.</ref>!)) möglich wird, da <hi rend="italic">wird</hi> der Mensch durch sie leben, sagt <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName>, und es kann nicht fehlen, dass auch er durch Anwendung des Futurum<term type="begriffe" key="Futurum, aeternum"/> aeternum ausdrücklich darauf aufmerksam macht, dass er mit der Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung"/> <hi rend="italic">und</hi> mit der Bedingung, an die er jene <pb ed="A" n="361"/> knüpft, keine direkte, keine anschauliche, sondern die messianische, die eschatologische<term type="begriffe" key="Möglichkeit, eschatologische"/> Möglichkeit meint. So also müsste eine <hi rend="italic">ernste</hi> Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, ernste"/> ihre eigene Gabe und Aufgabe<term type="begriffe" key="Kirche, Gabe und Aufgabe"/>: die «Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, aus dem Gesetz"/>, die aus dem Gesetz kommt», auffassen, so dass es in energisch vollzogenem dialektischem<term type="begriffe" key="dialektisch"/> Griff alsbald klar würde, dass das Ziel des Gesetzes<term type="begriffe" key="Ziel, des Gesetzes"/> <hi rend="italic">Christus</hi> ist, dass aus dem Gesetz selbst <hi rend="italic">keine</hi> Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, aus dem Gesetz"/> kommt, wohl aber aus dem <hi rend="italic">Tun</hi> dessen, was das Gesetz fordert, also aus Christus, in dem der Mensch, der
«jagende» Mensch aufgehoben<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Menschen"/> und bei Gott aufgehoben wird, also aus Gottes Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/>. Zweifellos, dass die Kirche bei dieser Auffassung ihres Programmes ihrer tiefsten <hi rend="italic">Not</hi><term type="begriffe" key="Kirche, Not der K."/> mit Entsetzen ins Auge blicken müsste; denn es ist schrecklich, in die Hände des lebendigen Gottes<term type="begriffe" key="Gott, lebendiger"/> zu fallen [<ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.10.31">Hebr. 10,31</ref>]. Aber ihre <hi rend="italic">Schuld</hi> könnte dann von ihr genommen sein<term type="begriffe" key="Kirche, Schuld der K."/>. Und über ihrer Not würde sie dann ihre Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung, notvolle"/> leuchten sehen. Sofern die Kirche die Möglichkeit <hi rend="italic">hat</hi>, ihr Programm so aufzufassen, <hi rend="italic">scheint</hi> das Licht<term type="begriffe" key="Licht, und Finsternis"/> in der Finsternis [vgl.<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.5"> Joh. 1,5</ref>].</p>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.6 Röm.10.8">V. 6‒8</ref> Die Gerechtigkeit,</hi>
die <hi rend="bold">aus der Treue Gottes</hi>
kommt, <hi rend="bold">aber spricht so: Sage nicht in deinem Herzen: «Wer wird in den Himmel hinaufsteigen?» (nämlich um Christus herunterzuholen!), oder: «Wer wird in den Abgrund hinabsteigen?» (nämlich um Christus von den Toten heraufzuholen!) sondern was spricht sie? «Nahe ist dir das Wort, in deinem Munde und in deinem Herzen!» (nämlich das Wort von der Treue</hi>
Gottes<hi rend="bold">, das wir verkündigen!)</hi>
(<ref type="can" subtype="bible" target="Dtn.30.12 Dtn.30.14">Dtn. 30,12–14</ref>).</p>
<p><hi rend="italic">«Die Gerechtigkeit, die aus der Treue Gottes kommt»</hi>, verkündigt, wie wir gesehen, als «Ziel des Gesetzes»<term type="begriffe" key="Ziel, des Gesetzes"/> durchaus auch <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName>. Scheut und weigert sich die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/>, Gott die Ehre zu geben, so darf und kann <pb ed="pga" xml:id="p511"/> sie sich nicht darauf berufen, dass der Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, ist M."/> nur der Mensch sei und nur menschliche Möglichkeiten<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> habe. Die Botschaft von Gott, dem Unbekannten<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/>, dem Schöpfer<term type="begriffe" key="Gott, Schöpfer"/> und Alleingewaltigen ist ihr, ist dem Menschen nicht fremd. Sie ist <hi rend="italic">das</hi> Fremde, das ihm gerade, als Grenze<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze, der Menschheit"/> der Menschheit, nicht fremd sein kann. Geht der Mensch seinen <hi rend="italic">eigenen</hi> Weg nur wirklich zu <hi rend="italic">Ende</hi>, dann steht er vor <hi rend="italic">Gott</hi><term type="begriffe" key="Stehen vor Gott"/>. Dann steht aber mit ihm die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> vor jener ihrer <hi rend="italic">anderen</hi> Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/>. An jenem Punkt, wo die Kirche vor Gott treten, sich selbst ganz ernst nehmen <hi rend="italic">könnte</hi>, würde das Flachrennen<term type="begriffe" key="Flachrennen"/> nach dem «<hi rend="italic">Gesetz</hi><term type="begriffe" key="Gesetz, der Gerechtigkeit"/> der Gerechtigkeit» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.31">9,31</ref>), das erkenntnislose<term type="begriffe" key="Erkenntnis, Mangel an E."/> Eifern<term type="begriffe" key="Eifer"/> für Gott (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.2">10,2</ref>), das Streben nach der Errichtung einer eigenen anschaulichen Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, eigene"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.3">10,3</ref>) in der Tat aufhören und die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> würde, was der Mensch eigentlich bei ihr sucht und von ihr erwartet: die Stätte der fruchtbaren, der verheißungsvollen Buße<term type="begriffe" key="Buße"/> und nichts sonst. Zu jenem Punkt vorstoßend, würde ihr das krampfhafte Bemühen gerade <hi rend="italic">verleidet</hi>, ab<pb ed="A" n="362" break="no"/>wechselnd <hi rend="italic">«in den Himmel</hi><term type="begriffe" key="Himmel"/>» und <hi rend="italic">«in den Abgrund</hi><term type="begriffe" key="Abgrund"/>» zu fahren, das «Allerhöchste» und «Allertiefste» zu sein, es zu haben<note n="j" type="textcritical" xml:id="nj"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «sein, zu haben». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note>, zu sagen, es darstellen, zeigen, austeilen zu wollen, also Gottes Werk<term type="begriffe" key="Werk, Gottes"/> selber zu vollbringen, die Inkarnation<term type="begriffe" key="Inkarnation"/> der Gottheit<term type="begriffe" key="Gottheit"/> und die Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, der Menschheit"/> der Menschheit jetzt durch die Dynamik und Dämonie<term type="begriffe" key="Dämonie"/> ihres Wortes, jetzt durch ästhetische<term type="begriffe" key="Ästhetik"/> Raffinierung ihres Kultus<term type="begriffe" key="Kultus"/>, jetzt durch Popularisierung ihrer Sprache, jetzt durch Verdoppelung und Verdreifachung, durch Steigerung der Intensität und Verbreiterung der Basis ihres amtlichen Betriebs, jetzt durch eiliges Eingehen auf allerlei sehr fragwürdige «Laienwünsche»<term type="begriffe" key="Laie"/>, jetzt durch theologische<term type="begriffe" key="Theologie"/> und jetzt durch demagogische<term type="begriffe" key="Demagogie"/> Kunst und jetzt durch Anpassung an die kommenden und gehenden romantischen<term type="begriffe" key="romantisch"/>, liberalen<term type="begriffe" key="liberal"/>, nationalen<term type="begriffe" key="national"/> und sozialistischen<term type="begriffe" key="Sozialismus"/> Zeitgeister<term type="begriffe" key="Geist, Zeitgeist"/> – <hi rend="italic">in Szene zu setzen!</hi> denn darum handelt es sich. Sie wüsste dann, dass man Christus<term type="begriffe" key="Jesus Christus"/> nicht in Szene setzen, weder <hi rend="italic">«herab-»</hi> noch <hi rend="italic">«heraufholen»</hi> kann, dass er in keinem Sinn der erhöhte, der verklärte, der ideale, sondern der <hi rend="italic">neue</hi> Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> ist, dass Weihnachten<term type="begriffe" key="Weihnachten"/> darum <hi rend="italic">nicht</hi> das
Fest der wohlbekannten <persName ref="kbga-actors-2224">Mutter</persName> und des wohlbekannten Kindleins ist, die <hi rend="italic">wir</hi> so lieben, Karfreitag<term type="begriffe" key="Karfreitag"/> <hi rend="italic">kein</hi> Anlass, uns mit <hi rend="italic">unsern</hi> Leiden noch mehr zu beschäftigen, als wir es ohnehin tun, Ostern<term type="begriffe" key="Ostertag"/> <hi rend="italic">keine</hi> Darstellung des Sieges <hi rend="italic">unsres</hi> Lebens, <hi rend="italic">unsrer</hi> Aspiratio<pb ed="pga" xml:id="p512" break="no"/>nen (z. B. des Sozialismus<term type="begriffe" key="Sozialismus"/> oder der Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Deutschlands"/> Deutschlands!), Himmelfahrt<term type="begriffe" key="Himmelfahrt"/> <hi rend="italic">kein</hi> Symbol <hi rend="italic">unsres</hi> gen Himmel fahrenden Idealismus<term type="begriffe" key="Idealismus"/>, dass das Feuer der Pfingsten<term type="begriffe" key="Pfingsten"/> <hi rend="italic">nichts</hi> zu tun hat mit den von <hi rend="italic">uns</hi> arrangierten Feuersprüngen, und wenn sie noch so begeistert und echt wären. Die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> (inbegriffen jedes mögliche Kirchlein<term type="begriffe" key="Kirchlein"/>, das ums Leben gern <hi rend="italic">nicht</hi> Kirche wäre) wäre dann der Ort, wo im Unterschied zu allerlei andern Orten die angemessene (und nie ausgemessene!) <hi rend="italic">Distanz</hi><term type="begriffe" key="Distanz, zwischen Mensch und Gott"/> gegenüber dem Allerhöchsten und Allertiefsten wahrgenommen, geschaffen und gewahrt wird, damit es endlich selbst zu Worte gelangen könne, der Ort, wo man nicht erst mit oder ohne Weihrauch zu «schweigen» braucht, weil das Schweigen vor <hi rend="italic">Gott</hi> der Sinn des Schweigens <hi rend="italic">und</hi> des (lauten!) Redens<term type="begriffe" key="Schweigen, und Reden"/> ist, das sich daselbst ereignet, der Ort, wo der Mensch die <hi rend="italic">frohe</hi> Botschaft, das <hi rend="italic">positive</hi> Wort<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> Gottes vernimmt, gerade weil er hier (im Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz"/> zu allen gut gemeinten Sentimentalitäten<term type="begriffe" key="Sentimentalität"/> und Moralitäten) das höchst negative Wort vom <hi rend="italic">Kreuz</hi><term type="begriffe" key="Kreuz"/> und nur das zu vernehmen bekommt. Es sei ausdrücklich gesagt, dass mit dem <hi rend="italic">«in den Abgrund</hi><term type="begriffe" key="Abgrund"/> <hi rend="italic">fahren»</hi>-Wollen, das nicht sein soll, auch <hi rend="italic">der</hi> naheliegende Versuch gemeint ist, dieses der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> schließlich allein verbleibende negative «Wort vom Kreuz<term type="begriffe" key="Kreuz"/>» mit einer menschlichen Positivität zu umkleiden: Sei es dadurch, dass man statt des ge<pb ed="A" n="363" break="no"/>wohnten christlichen Idealismus<term type="begriffe" key="Idealismus"/> nun diese Botschaft vom Halt!<term type="begriffe" key="Halt!"/> und vom Abbau mit Plerophorie<term type="begriffe" key="Plerophorie"/>, Überzeugung und Kunst vorzutragen beginnt. Sei es dadurch, dass man diese radikale Negation<term type="begriffe" key="Negation"/> alles Menschlichen, den «Abgrund<term type="begriffe" key="Abgrund"/>», der sich hier öffnet, zu einem neuen, höchst eigenartigen und geistreich wirkenden theologischen Gesichtspunkt macht. Sei es dadurch, dass man sie als Methode<term type="begriffe" key="Methode"/> der Heilsgewinnung predigt und damit doch wieder zu einer menschlich-möglichen Position und Haltung<term type="begriffe" key="Haltung"/>, zu einer – Moral<term type="begriffe" key="Moral"/> macht! So dass nun etwa im Gegensatz zu der sonst geübten Betriebsamkeit der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> in einer künstlichen Passivität, statt in der gewohnten extensiven Propaganda in einem vermeintlich intensiven, bedeutungsschweren, in Wirklichkeit höchst fragwürdigen, weil höchst absichtlichen, höchst gemachten – «Warten»<term type="begriffe" key="Warten"/>, Nicht-Reden<note n="k" type="textcritical" xml:id="nk"><ref corresp="A">2. Abdruck</ref> (1923<hi rend="sup">3</hi>): «Nicht-Regen».</note>, Nichts-Treiben das Heil gesucht würde. Auch das kommt <hi rend="italic">nicht</hi> in Betracht!</p> 
<p><pb ed="pga" xml:id="p513" rend="noPipe"/><hi rend="italic">«Nahe ist dir das Wort in deinem Munde und in deinem Herzen, nämlich das Wort von Gottes Treue, das wir verkündigen.»</hi> Das bedeutet in erster Linie: Es bedarf keiner Machenschaften, keiner Verrenkungen, keiner Künste, keiner positiven <hi rend="italic">und</hi> keiner negativen. Es bedarf nur eines: des Blickes in die Nähe, d. h. in die Not<term type="begriffe" key="Not, des Lebens"/> und Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung, des Lebens"/> des Lebens, wie sie in jedem Wort deines Mundes, in jeder Regung deines Herzens<term type="begriffe" key="Herz"/> zum Ausdruck kommen. Du stehst, einfach dadurch, dass du Mensch bist, an jener Grenze der Menschheit<term type="begriffe" key="Begrenzung/Grenze, der Menschheit"/>, in jener Problematik<term type="begriffe" key="Problematik"/>, auf die «das Wort von der Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> Gottes, das wir verkündigen», die einzige Antwort<term type="begriffe" key="Antwort"/> ist. Schlichteste, nüchternste, illusionsloseste, weltlich-kritische Einsicht in das Dasein und Sosein<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, der Welt"/> von Welt und Leben ist die einzige Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, der nüchternen Welterkenntnis"/>, die erfüllt sein muss, damit wir auch unsrerseits dem «Worte»<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> nahekommen. Eine Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/>, die aus allen ihren heiligen Höhen<term type="begriffe" key="Höhe"/> und Tiefen, aus allen Bezirken ihrer kirchlichen Möglichkeiten extensiver und intensiver Art zurückkehren wollte zum Leben, zum Menschen, zur Lage, zurück aus allen Fernen in die «Nähe», um Aug in Auge der Problematik<term type="begriffe" key="Problematik, des Daseins/Lebens"/> des Daseins gegenüber zu sein: sie bekäme endlich ihre wirkliche Aufgabe, Not<term type="begriffe" key="Not"/> und Verantwortung<term type="begriffe" key="Verantwortung"/> zu Gesichte, zu Gesichte damit aber auch Den, der sie ihr bereitet, um ihr darin nahe<term type="begriffe" key="Gott, Nähe"/> zu sein. Wir wiederholen, dass wir mit dieser resignierenden und sich konzentrierenden, mit dieser streng sachlichen, mehr als «reformierten» Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, reformierte"/> die Kirche <persName ref="kbga-actors-2199">Jakobs</persName><term type="begriffe" key="Kirche, Jakobs"/> meinen, die Kirche des Wunders<term type="begriffe" key="Kirche, des Wunders"/> und des Glaubens<term type="begriffe" key="Kirche, des Glaubens"/>, die unmögliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unmögliche"/>, die «Kirche der Wüste»<term type="begriffe" key="Kirche, «Kirche der Wüste»"/><note xml:id="n16"> Wohl nach dem Ausdruck «<foreign xml:lang="fre">Église du désert</foreign>», der Bezeichnung für den französischen Protestantismus, als nach der Aufhebung des Edikts von <placeName ref="kbga-places-938">Nantes</placeName> (1685) die protestantischen Geistlichen mehr als hundert Jahre nur noch im Verborgenen und unter größter Gefahr Gottesdienste halten konnten. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3685"><persName ref="kbga-actors-9693">Th. Schott</persName>, <hi rend="italic">Die Kirche der Wüste. 1715 bis 1785. Das Wiederaufleben des französischen Protestantismus im achtzehnten Jahrhundert</hi> (Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte, Bd. 43/44), Halle 1893</bibl>.</note>, die nie als solche neben andern in Erscheinung treten, die also nicht Gegenstand einer neuen Bewegung<term type="begriffe" key="Bewegung"/>, Schule oder Gründung werden kann, weil sie überall und sofort, in dieser und in jener und in jeder möglichen Kirche, die <pb ed="A" n="364"/> etwa sich selbst ernst zu nehmen gedächte, in Erscheinung treten könnte und wollte. Der Rückzug auf die innere Linie, der hier zu bewerkstelligen wäre, ist also selbst kein zu planendes, einmal zu be<pb ed="pga" xml:id="p514" break="no"/>ginnendes und einmal zu beendigendes taktisches Manöver, sondern der strategische Sinn, den die Manöver der Kirche bekommen, haben und behalten müssten. Heute noch könnte er, ohne irgendwelche Vorbereitung, Begründung, programmatische Klärung und praktische Überlegung <hi rend="italic">dasein</hi>, um morgen aufs Neue zu <hi rend="italic">geschehen</hi> als der Schritt aus der Hoffnung<term type="begriffe" key="Hoffnung"/> in die Not<term type="begriffe" key="Not"/>, aus der Not in die Hoffnung; denn er ist der ewige Schritt<term type="begriffe" key="Schritt"/>, die neue Qualifizierung<term type="begriffe" key="Qualifizierung"/> und Orientierung <hi rend="italic">aller</hi> menschlichen Schritte, <hi rend="italic">der</hi> Schritt, der von <hi rend="italic">allen</hi> möglichen menschlichen Schritten begleitet oder auch nicht begleitet sein kann, der
Schritt<term type="begriffe" key="Schritt"/>, der <hi rend="italic">jeden</hi> menschlichen Schritt veranlassen oder auch verhindern kann. Er ist gegenüber allen Möglichkeiten immer die ganz <hi rend="italic">andere</hi> und eben darum die immer und überall <hi rend="italic">offene</hi> Möglichkeit und selber die Möglichkeit, offen – für Gott, wie er ist, für den lebendigen<term type="begriffe" key="Gott, lebendiger"/>, den unbekannten<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/> Gott <hi rend="italic">offen</hi> zu sein. Wo sie eingeschaltet sein sollte, da wäre hinter, über und in der Kirche Es<persName ref="kbga-actors-3667"/>aus<term type="begriffe" key="Kirche, Esaus"/> (und wenn sie die verrottetste Pfaffenkirche<term type="begriffe" key="Pfaffenkirche"/> wäre!) die Kirche <persName ref="kbga-actors-2199">Jakobs</persName><term type="begriffe" key="Kirche, Jakobs"/>. Denn noch einmal: <hi rend="italic">«Nahe ist dir das Wort!»</hi> sagt die Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> Gottes (<ref type="can" subtype="bible" target="Dtn.30.14">Dtn. 30,14</ref>). Bereit liegt es, ernst genommen zu werden, bereit, sich geltend zu machen, bereit, uns aufs Schwerste zu bedrängen und aufs Höchste zu befreien, bereit, von uns gehört und gesprochen zu werden – das Wort<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/>, das, weil es das Wort des Christus<term type="begriffe" key="Wort, des Christus"/> ist, doch nie ausgehört, nie ausgesprochen sein wird. Wir selbst warten darauf, es zu hören und zu sprechen. Viel zu schwer ist die Problematik<term type="begriffe" key="Problematik, des Daseins/Lebens"/> unsres Daseins, als dass wir nicht warten würden auf die Posaune<term type="begriffe" key="Posaune(, letzte)"/> der letzten Frage<term type="begriffe" key="Frage, und Antwort"/> und Antwort <hi rend="italic">jenseits</hi> – aber weil wirklich jenseits, gerade <hi rend="italic">in</hi> den Geräuschen der vorletzten Fragen und Antworten. Viel zu gewichtig, viel zu bedeutungsvoll, viel zu transzendent ist aber auch das die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, durch Wort Gottes konstituiert"/> konstituierende «Wort<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/> <hi rend="italic">Gottes</hi>» (wenngleich gehört von <hi rend="italic">Menschen</hi>ohren, verkündigt von <hi rend="italic">Menschen</hi>lippen!), als dass es ertrüge, anders denn als Posaune<term type="begriffe" key="Posaune(, letzte)"/> der letzten Frage und Antwort<term type="begriffe" key="Frage, und Antwort"/> verwaltet zu werden. <hi rend="italic">Nahe</hi> ist uns das Wort, <hi rend="italic">bereit</hi> liegt das Dynamit<term type="begriffe" key="Dynamit"/>, wo wir auch hinblicken. Geschieht nun trotzdem <hi rend="italic">nichts</hi> oder geschieht immer wieder etwas <hi rend="italic">anderes</hi>, wagen wir es nicht, nichts mehr zu wagen als das Kleinste, das das Größte ist, ziehen wir immer wieder dem <hi rend="italic">einen</hi> Tag in den Vorhöfen des Herrn tausend andre vor [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.84.11">Ps. 84,11</ref>], wollen unsere Hände nie leer werden, um endlich zu fassen, was nur leere Hände fassen können, haben wir immer schon den Wind in den Segeln und <pb ed="pga" xml:id="p515"/> das Steuer in der Hand, bevor wir wissen, wohin die <pb ed="A" n="365"/> Reise gehen soll, ist der Turmbau immer schon im Gang und der Krieg schon erklärt, bevor wir die Kosten überschlagen und unsre Truppen gezählt haben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.14.28 Lk.14.32">Lk. 14,28–32</ref>] – so sollen wir jedenfalls nicht sagen, dass wir etwas Unmögliches unterlassen haben, denn eben dieses Unmögliche<term type="begriffe" key="Unmögliche"/> ist uns als solches nahe, bereitliegend, möglich, drängt sich uns selbst auf, will hereinbrechen, ist schon da: möglicher als alles, was wir für möglich halten: das Licht<term type="begriffe" key="Licht, und Finsternis"/> <hi rend="italic">scheint</hi> in der Finsternis [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.5">Joh. 1,5</ref>].</p>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.9 Röm.10.11">V. 9‒11</ref> Denn wenn du mit deinem Munde Jesus als den Herrn bekennst und glaubst in deinem Herzen, dass Gott ihn von den Toten erweckte, so wirst du gerettet werden. Denn der Glaube des Herzens führt zur Gerechtigkeit, das Bekenntnis des Mundes zur Errettung. Sagt doch die Schrift: Jeder, der an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden!</hi>
(<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.28.16">Jes. 28,16</ref>).</p>
<p>«Der Mensch, der dies tut, wird durch sie leben!» sagt <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> von der Gerechtigkeit (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.5">10,5</ref>). Wir bestimmen nun deutlicher, was mit diesem «Tun» gemeint ist. Wieder und wieder taucht als Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung"/> jenes <foreign xml:lang="lat">Futurum aeternum</foreign><term type="begriffe" key="Futurum, aeternum"/> auf: <hi rend="italic">«… so wirst du gerettet werden!» «… der wird nicht zuschanden werden!»</hi> Und: «… dann wird sie die Kirche <persName ref="kbga-actors-2199">Jakobs</persName><term type="begriffe" key="Kirche, Jakobs"/> werden!» könnten wir fortfahren. Was ist die von der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> zu erfüllende Bedingung, was ist das «Tun» des Gesetzes<term type="begriffe" key="Gesetz, Tun des"/>, das dieser Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung, Gesetz"/> entspricht? Antwort: <hi rend="italic">«Wenn du Jesus als den Herrn bekennst und glaubst, dass Gott ihn von den Toten erweckte»</hi>, so wirst du gerettet werden. Und: <hi rend="italic">«Jeder, der an ihn glaubt»</hi>, wird nicht zuschanden werden. Also Jesus<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Herr"/> der <hi rend="italic">Herr</hi> und die <hi rend="italic">Auferstehung</hi><term type="begriffe" key="Jesus Christus, Auferstandener"/> und der <hi rend="italic">Glaube</hi><term type="begriffe" key="Jesus Christus, der zu Glaubende"/>, das ist die Bedingung. Keine andere, als die schon <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> stellte. Nichts anderes als die von uns immer als gefordert<term type="begriffe" key="Forderung"/> gewusste, immer wieder abgelehnte Unterwerfung unter die Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> Gottes (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.3">10,3</ref>). Kein anderes Wort als eben das, das Israel<term type="begriffe" key="Israel"/> in seinem Herzen und auf seinen Lippen findet, unendlich bereit, unendlich nahe, wenn es weiß, was es bedeutet, Israel<term type="begriffe" key="Israel"/> zu heißen, wenn die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, sich selbst ernst nehmend"/> sich selbst ernst nimmt (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.6 Röm.10.8">10,6–8</ref>). Unanschaulich gegenüber dem Ort, wo die Kirche steht mit ihrer Möglichkeit – als die Möglichkeit <hi rend="italic">aller</hi> Möglichkeiten <hi rend="italic">ohne</hi> Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit"/>, als der Abgrund<term type="begriffe" key="Abgrund"/>, in den niemand springen kann und in den wir doch alle springen müssen: diese drei, der <hi rend="italic">Herr</hi><term type="begriffe" key="Jesus Christus, Herr"/>, die <hi rend="italic">Auferstehung</hi><term type="begriffe" key="Jesus Christus, Auferstandener"/><hi rend="italic"/>, der <hi rend="italic">Glaube</hi><term type="begriffe" key="Jesus Christus, der zu Glaubende"/>. Es bezeichnet «der Herr» den unbedingten imperatorischen Anspruch, «die Auferstehung» die schlechthinige <pb ed="pga" xml:id="p516"/> Fremdheit, «der Glaube» die freie Initiative des absoluten Moments der Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> Gottes. Dass es aber <hi rend="italic">Jesus</hi><term type="begriffe" key="Jesus Christus, «historischer» Jesus"/> ist, der in seiner historischen Einmaligkeit, Zufälligkeit und Zeitlichkeit (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.4">8,4</ref>) als der Herr, als der Auferstandene<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Auferstandener"/>, als der zu Glaubende<term type="begriffe" key="Jesus Christus, der zu Glaubende"/> <pb ed="A" n="366"/> zu bekennen und zu glauben ist, das bezeichnet die Existentialität<term type="begriffe" key="Existentialität"/> dieses Moments im Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz, zur Idealität"/> zu aller bloßen Idealität. Darum auch: <hi rend="italic">«Der Glaube des Herzens führt zur Gerechtigkeit, das Bekenntnis des Mundes zur Errettung.»</hi> Nicht die Reihenfolge von «Herz<term type="begriffe" key="Herz"/>» und «Mund» ist dabei wichtig und nicht einmal das, dass es gerade das Herz und der Mund sind (denn es könnten durchaus auch die Füße, die Hände, die Augen, die Ohren genannt sein), wohl aber der durch die Nennung dieser menschlichen Organe erreichte Hinweis auf das kontingente Dasein und Sosein<term type="begriffe" key="Da-Sein und So-Sein, des Menschen"/> des Menschen mit seiner ganzen Problematik<term type="begriffe" key="Problematik, des Da-Seins und So-Seins"/> und auf die der <hi rend="italic">Kontingenz</hi> dieses Daseins und Soseins entsprechende und
antwortende <hi rend="italic">Existentialität</hi><term type="begriffe" key="Existentialität"/> der Wendung und Entscheidung, die sich an Jesus und eben darum im Bereich, wenn auch als Grenzfall, menschlicher Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, menschliche"/> vollzieht. Der Mensch, der dies tut, der <hi rend="italic">bekennt</hi> und <hi rend="italic">glaubt</hi>, er – wir haben die schlechthinige Unanschaulichkeit<term type="begriffe" key="Unanschaulichkeit"/> und Unerhörtheit dieses Tuns über der Betonung seiner Existentialität<term type="begriffe" key="Existentialität"/> nicht vergessen! – wird durch Gerechtigkeit leben. Durch die «Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, aus dem Gesetz"/>, die aus dem Gesetz kommt» [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.5">10,5</ref>]? Ja, denn mit der Betonung der Existentialität<term type="begriffe" key="Existentialität"/> <hi rend="italic">Jesu</hi>, des ihn bekennenden <hi rend="italic">Mundes</hi>, des ihm glaubenden <hi rend="italic">Herzens</hi><term type="begriffe" key="Herz"/> sagten wir einerseits unweigerlich «Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/>», Religion<term type="begriffe" key="Religion"/>, Geschichte<term type="begriffe" key="Geschichte"/>, Psyche<term type="begriffe" key="Psyche"/>. Wir betonten aber die Existentialität<term type="begriffe" key="Existentialität"/> Jesu als des <hi rend="italic">Herrn</hi><term type="begriffe" key="Jesus Christus, Herrn"/><hi rend="italic"/>, als des <hi rend="italic">Auferstandenen</hi><term type="begriffe" key="Jesus Christus, Auferstandener"/><hi rend="italic"/>, als des <hi rend="italic">zu Glaubenden</hi><term type="begriffe" key="Jesus Christus, der zu Glaubende"/> und sagten damit, dass die Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/>, indem sie <hi rend="italic">kommt</hi>, indem das Unmögliche <hi rend="italic">möglich</hi><term type="begriffe" key="Möglichkeit, des Unmöglichen"/> wird, nicht aus dem Gesetz<term type="begriffe" key="Gesetz"/>, sondern aus der Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> Gottes kommt. Das also die Bedingung, die jener Verheißung<term type="begriffe" key="Verheißung"/> entspricht, wirklich <hi rend="italic">entspricht</hi> dem Futurum<term type="begriffe" key="Futurum, aeternum"/> aeternum jener Verheißung. Und wir behaupten und meinen es zeigen zu können, dass diese der unanschaulichen Verheißung genau entsprechende Bedingung der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> weder unbekannt noch unerfüllbar sein kann.</p>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.12 Röm.10.15">V. 12‒15</ref> Denn da ist kein Unterschied zwischen Jude und Grieche: Derselbe Herr ist über Allen, reich für Alle, die ihn anrufen. Denn jeder, der den Namen des Herrn anrufen wird, wird gerettet werden. Wie könnten sie ihn nun anrufen, wenn sie nicht an ihn glauben würden? Wie könnten sie aber glauben, wenn sie nicht <pb ed="pga" xml:id="p517"/> gehört hätten? Wie könnten sie aber hören ohne Verkündiger? Wie könnte man aber verkündigen, ohne gesendet zu sein? Wie geschrieben steht: Wie rechtzeitig nahen die Füße derer, die gute Botschaft bringen!</hi></p>
<p>Anschaulich als der Unanschauliche<term type="begriffe" key="Unanschauliche"/>, bekannt als der Unbekannte<term type="begriffe" key="Unbekannte"/>, ihre letzte Frage<term type="begriffe" key="Frage, letzte"/> und Antwort<term type="begriffe" key="Frage, und Antwort"/> aussprechend, so steht der aufer<pb ed="A" n="367" break="no"/>standene Herr<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Auferstandener"/> <hi rend="italic">allen</hi> ihn Anrufenden gegenüber. Er ist nicht ein Religionsstifter<term type="begriffe" key="Jesus Christus, kein Religionsstifter"/> und Kirchengründer<term type="begriffe" key="Jesus Christus, kein Kirchengründer"/> neben andern und gegen andre. Er ist, weil er die Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> Gottes in ihrer imperatorischen Gewalt<term type="begriffe" key="Jesus Christus, mit imperatorischer Gewalt"/>, in ihrer Fremdheit und Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit"/> selbst ist, der Schlüssel, der <hi rend="italic">alle</hi> Schlösser öffnet, die Welle, die durch <hi rend="italic">alle</hi> Stockwerke des Gebäudes hindurchläuft, der Blickpunkt <hi rend="italic">aller</hi> Bilder. Das Leben in seiner <hi rend="italic">ganzen</hi> Breite, Tiefe und Höhe weist hin auf die noch ganz anders <hi rend="italic">ganze</hi> Breite, Tiefe und Höhe der Errettung<term type="begriffe" key="Errettung"/> und Erfüllung<term type="begriffe" key="Erfüllung"/>, die in Jesu Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Christi"/> sich ankündigt. Er ist darum auch das Ziel<term type="begriffe" key="Jesus Christus, Ziel"/> <hi rend="italic">aller</hi> Gesetze<term type="begriffe" key="Gesetz, und Religion"/> und Religionen<term type="begriffe" key="Religion, und Gesetz"/>. Gesetz und Religion ist ja überall da, wo dieser im widerspruchsvollen Geschehen des Lebens liegende Hinweis<term type="begriffe" key="Hinweis"/> in Frage steht, wo sein Vorhandensein auch nur geahnt, seine Deutung auch nur gesucht wird. Und wo geschähe das nicht? Wo aber gäbe es ein solches Ahnen und Deutenwollen, in dem nicht potentiell die «Anrufung»<term type="begriffe" key="Anrufung"/> <hi rend="italic">Gottes</hi> läge, und eben darum Anrufung des Namens <hi rend="italic">des</hi> Herrn, der Gott als Gott offenbar macht? Gäbe es ein Bewusstsein des den Menschen bedrängenden Todesverhängnisses<term type="begriffe" key="Todesverhängnis"/> ohne das (unbegreifliche!) Bewusstsein der (unmöglichen!) Auferstehungsmöglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unmögliche"/>? Gäbe es die Universalität der Not<term type="begriffe" key="Not"/>, wäre sie als solche erkennbar und benennbar ohne die Universalität des Heils<term type="begriffe" key="Heil"/>, dessen Abschattung sie ist? So gäbe es auch keine «Gesetze»<term type="begriffe" key="Gesetz"/>, keine Religionen<term type="begriffe" key="Religion"/>, so gäbe es auch nicht das in ihnen sich manifestierende Fragen nach dem höchst verborgenen Sinn des Lebens<term type="begriffe" key="Lebenssinn"/> ohne die Anrufung<term type="begriffe" key="Anrufung"/> des Herrn, der in höchster Verborgenheit die Beantwortung dieses Fragens<term type="begriffe" key="Frage, und Antwort"/> ist. Gott hat geantwortet, ehe sie riefen, und eben <hi rend="italic">darum</hi>, einzig <hi rend="italic">darum</hi> riefen sie. Weil sie an Gott genesen sollen, sind sie an Gott krank<term type="begriffe" key="«krank an Gott»"/>. Das ist der Sinn<term type="begriffe" key="Sinn"/> der Lage zwischen Gott<term type="begriffe" key="Gott und Mensch"/> und Mensch, wie sie in <hi rend="italic">Jesus</hi> offenbar geworden ist, der <hi rend="italic">«der Herr»</hi> dieser Lage ist kraft seiner Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Christi"/>, der es offenbar macht <hi rend="italic">in</hi> der Not<term type="begriffe" key="Not"/> unsres Daseins, <hi rend="italic">in</hi> unserm Seufzen<term type="begriffe" key="Seufzen"/>, Fragen, Suchen und Schreien, dass der Reichtum göttlicher Errettung<term type="begriffe" key="Errettung"/> und Genesung die verborgene Wurzel dieser Not und dieses Seufzens <pb ed="pga" xml:id="p518"/> ist. Das ist die Lage: <hi rend="italic">«Da ist kein Unterschied zwischen Jude und Grieche. Derselbe Herr ist über Allen, reich für Alle, die ihn anrufen. Denn jeder, der den Namen des Herrn anrufen wird, wird gerettet werden»</hi> (<ref type="can" subtype="bible" target="Joel.3.5">Joel 3,5</ref>). «Jeder, der an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.11">10,11</ref>). Was aber bedeutet das alles im Blick auf die <hi rend="italic">Kirche</hi><term type="begriffe" key="Kirche"/>, auf <hi rend="italic">jede</hi> Kirche. Bedeutet es nicht: <hi rend="italic">Jede</hi> Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, sich selbst ernst nehmend"/>, die sich selbst ernst nimmt, wird die Kirche <persName ref="kbga-actors-2199">Jakobs</persName><term type="begriffe" key="Kirche, Jakobs"/> werden? Ist’s, zu Israel<term type="begriffe" key="Israel"/> gesagt, ein Gerichtswort oder ein Verheißungswort, dieses «Jeder», dieses: «Es ist <pb ed="A" n="368"/> kein Unterschied zwischen Jude<term type="begriffe" key="Jude"/> und Grieche<term type="begriffe" key="Grieche"/>»? Es ist auf alle Fälle der ausdrücklichste, der dem Paulus wichtigste Kommentar zu den Begriffen «Glaube<term type="begriffe" key="Glaube"/>» und «Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit"/>»; denn es bezeichnet, ob es der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> lieb oder leid sei, dieses «Jeder», dieses «kein Unterschied» die schrankenlose Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> Gottes, wie sie der Sinn des für jene Begriffe entscheidenden Kreuzestodes<term type="begriffe" key="Tod, Christi"/> des Christus ist. <hi rend="italic">Diesen</hi> Herrn gilt es anzurufen<term type="begriffe" key="Anrufung"/>, der «Herr ist über alle, reich für alle, die ihn anrufen», ohne Unterschied von Jude<term type="begriffe" key="Jude"/> und Grieche<term type="begriffe" key="Grieche"/>, der, indem er den <hi rend="italic">Juden</hi> rechtfertigt, sich <hi rend="italic">selbst</hi> rechtfertigt<term type="begriffe" key="Gott, rechtfertigt sich selbst"/> und also, sich <hi rend="italic">selbst</hi> rechtfertigend und dem Juden <hi rend="italic">nicht</hi> verpflichtet, auch den <hi rend="italic">Griechen</hi> rechtfertigen<term type="begriffe" key="Rechtfertigung"/> kann, der allen Menschen gegenüber <hi rend="italic">Gott</hi> ist. So ist Gott in Jesus<term type="begriffe" key="Jesus Christus"/> offenbar als der Herr. Ist die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, ruft Jesuss Christus an"/> klug, dann wird ihr das lieb sein; denn wenn es so ist, dann ist sie jedenfalls von diesem Herrn nicht ausgeschlossen, wenn sie ihn anruft<term type="begriffe" key="Anrufung"/>, weil er der Herr über alle ist; ist sie klug, so wird sie ihn, werde daraus, was da wolle, anrufen. Ist sie töricht, dann wird es ihr leid sein, dass Gott <hi rend="italic">so</hi> offenbar ist in Jesus; denn wenn es so ist, so ist sie nicht ohne weiteres ­eingeschlossen, auch nicht um ihrer Anrufung<term type="begriffe" key="Anrufung"/> willen; ist sie töricht, so wird sie es aus Furcht<term type="begriffe" key="Furcht"/> vor diesem harten Herrn unterlassen, ihn anzurufen. Aber sei dem, wie ihm wolle: Dieser Herr <hi rend="italic">wird</hi>, wie er ist, «angerufen». Angerufen<term type="begriffe" key="Anrufung"/> heißt existentiell<term type="begriffe" key="existentiell"/> bekannt, geglaubt, gefürchtet, geliebt. Es <hi rend="italic">sind</hi> Menschen, die warten in Unterwerfung unter die Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> Gottes auf das ewige Leben<term type="begriffe" key="Leben, ewiges"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.5">10,5</ref>), auf die ewige Errettung<term type="begriffe" key="Errettung"/> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.9">10,9</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.13">13</ref>), auf das ewige Nichtzuschandenwerden (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.11">10,11</ref>). Sind sie <hi rend="italic">in</hi> der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/>, sind sie <hi rend="italic">außer</hi> der Kirche, sind sie eine eigene <hi rend="italic">neue</hi> Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, neue"/>? Die Frage ist – und gerade das ist für die Kirche das Beunruhigende – belanglos. Wir reden nicht von den paar <hi rend="italic">bekehrten</hi> «Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/>» in Rom, Korinth und Ephesus. Nur Zeichen sind sie für eine ganz andere Umkehrung<term type="begriffe" key="Umkehrung"/>. Wir reden auch nicht von den <hi rend="italic">edlen</hi> <pb ed="pga" xml:id="p519"/> Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/> wie <persName ref="kbga-actors-1406">Seneka</persName> u. a. <note xml:id="n17"> Anspielung auf <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Lehre, dass bestimmte Heiden ohne ausdrücklichen Glauben an Christus die ewige Seligkeit erlangen; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2439"><hi rend="italic">Sermonis de providentia Dei anamnema</hi>, Sämtliche Werke, Bd. 6, 3. Teil (= CR 93,3), Zürich 1983, S. 182, Z.18 – S. 193, Z.13</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2439">für weitere Belege s. a.a.O., S. 182, Anm. 13</bibl>; über <bibl corresp="kbga-bibls-2439">Seneca s. a.a.O., S. 182, Z.18, und S. 106f., Anm. 6</bibl>.</note>, nicht von <hi rend="italic">frommen</hi>
Weltkindern<term type="begriffe" key="Weltkinder"/>, nicht von unbewusst <hi rend="italic">christlichen</hi> Atheisten<term type="begriffe" key="Atheist, unbewusst christlich"/><note xml:id="n18"> Der von <persName ref="kbga-actors-752">R. Rothe</persName> stammende Ausdruck «unbewußtes Christentum» war <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> schon aus <bibl corresp="kbga-bibls-2207"><persName ref="kbga-actors-599">A. Hausraths</persName> Biographie bekannt: <hi rend="italic">Richard Rothe</hi> <hi rend="italic">und seine Freunde</hi>, Bd. 2, Berlin 1906, S. 468f</bibl>. Bei dieser Doppelseite liegt in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar ein Lesezeichen. Siehe auch <bibl corresp="kbga-bibls-3478"><persName ref="kbga-actors-210">Jülicher</persName>, Römerbrief, S. 48</bibl>: «Man zerreiße nur nicht die innige Verkettung von Kap. 8 mit Kap. 7, so sieht man, daß die Menschen, die durch Christus Jesus der Verdammnis entgehen [...], Menschen sind mit einem trotz aller Sündenschuld reinen Herzen und zarten Gewissen: unbewußtes Christentum.» In seinem Exemplar hat <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> die Formel «unbewußtes Christentum» mit Schlangenlinie unterstrichen und am Rande eine Schlangenlinie und ein doppeltes Ausrufzeichen angebracht.</note> u. dergl.; Zeichen nur sind auch sie uns für das Licht<term type="begriffe" key="Licht"/>, in dem in Christus alle – abgesehen von aller Menschengerechtigkeit<term type="begriffe" key="Menschengerechtigkeit"/> – stehen. Wir reden nicht von einer Größe, mit der die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> doch konkurrieren, an der sie sich messen und die sie an sich selbst messen könnte. Wir reden vom Reiche<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/> Gottes. Die gläubigen Heiden, von denen wir sagen, dass sie den Herrn anrufen<term type="begriffe" key="Anrufung"/>, sind ganz und gar eine eschatologische<term type="begriffe" key="eschatologisch"/>, eine nicht aus einer Zahl von psychologischen Individuen zusammengesetzte, sondern die Totalität<term type="begriffe" key="Totalität"/> der psychologischen Individuen<term type="begriffe" key="Individuum"/> – abgesehen von ihrer Zugehörigkeit zur Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> – potentiell umfassende Größe. Es kennt der <hi rend="italic">Herr</hi> die Seinen<term type="begriffe" key="«Es kennt der Herr die Seinen»"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Tim.2.19">2.Tim. 2,19</ref>] und – es sind Menschen, die den Sinn für die Realität dieser Ordnung<term type="begriffe" key="Ordnung"/>, <pb ed="A" n="369"/> dass der <hi rend="italic">Herr</hi> die Seinen kennt, haben und sich vor ihm beugen, denen die Erfüllung dieser Bedingung<term type="begriffe" key="Bedingung"/> nicht unmöglich ist. Diese Menschen (wer gehört dazu? wer gehört nicht dazu?) stellen wir der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> gegenüber. Es kann auch der Kirche nicht unmöglich sein, diese Bedingung<term type="begriffe" key="Bedingung"/> zu erfüllen, jener Ordnung sich zu beugen, <hi rend="italic">ohne</hi> etwas davon noch dazu zu tun, <hi rend="italic">ohne</hi> das Geheimnis der Prädestination<term type="begriffe" key="Prädestination"/> durch eine menschliche «Heilsordnung»<term type="begriffe" key="Heilsordnung/ordo salutis"/> zu ergänzen und – aufzuheben, sich aufrichtig und immer wieder in die Reihe der Nachkommen des <hi rend="italic">unbeschnittenen</hi> <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.9 Röm.4.12">4,9–12</ref>) zu stellen, stark genug zu sein, um sich ihrer Schwäche<term type="begriffe" key="Schwachheit"/> vor Gott bewusst zu werden.</p> 
<p><pb ed="pga" xml:id="p520" rend="noPipe"/>Also: <hi rend="italic">«Wie könnten sie ihn nun anrufen, wenn sie nicht an ihn glauben würden? Wie könnten sie aber glauben, wenn sie nicht gehört hätten? Wie könnten sie aber hören ohne Verkündiger? Wie könnte man aber verkündigen, ohne gesendet zu sein?»</hi> Jesus der Herr <hi rend="italic">wird</hi> angerufen<term type="begriffe" key="Anrufung"/>, so gewiss jenes Schreien des Menschen aus seiner tiefen Not, wie es sich äußert in der Mannigfaltigkeit der Gesetze<term type="begriffe" key="Gesetz, und Religion"/> und Religionen<term type="begriffe" key="Religion, und Gesetz"/>, nicht stattfände<note n="l" type="textcritical" xml:id="nl"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «wäre». Korrektur in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Handexemplar.</note> ohne das unanschauliche, jenseits aller Feststellbarkeiten, aber als ihrer aller in <hi rend="italic">Gott</hi> gegebene Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, in Gott"/> stattfindende Wissen<term type="begriffe" key="Wissen, um Gott"/> des Menschen um Gott. Dieses Wissen um Gott ist aber gerade in seiner ganzen Verborgenheit<term type="begriffe" key="Verborgenheit"/> <hi rend="italic">Glaube</hi><term type="begriffe" key="Glaube, Wissen um Gott"/><hi rend="italic">;</hi> es setzt ein ebenso verborgenes <hi rend="italic">Hören</hi> voraus, eine ebenso verborgene <hi rend="italic">Verkündigung</hi><term type="begriffe" key="Verkündigung"/>, eine ebenso verborgene <hi rend="italic">Sendung</hi><term type="begriffe" key="Sendung"/> der Verkündiger<term type="begriffe" key="Verkündiger"/>. Es setzt mit einem Wort voraus die Möglichkeit, nein die Wirklichkeit<term type="begriffe" key="Wirklichkeit"/> der verborgenen Kirche <persName ref="kbga-actors-2199">Jakobs</persName><term type="begriffe" key="Kirche, Jakobs"/>, deren Ohr <hi rend="italic">Gottes</hi> Wort <hi rend="italic">hört</hi>, deren Mund <hi rend="italic">Gottes</hi> Wort <hi rend="italic">redet.</hi></p>
<p>Wir wissen, von welcher Möglichkeit wir reden. Die <hi rend="italic">«rechte Zeit»</hi><term type="begriffe" key="Zeit, rechte"/>, die <hi rend="italic">End</hi>zeit, <hi rend="italic">Gnaden-</hi> und <hi rend="italic">Gerichts</hi>zeit, – <hi rend="italic">Gottes</hi> Zeit und Stunde ist es, wenn <hi rend="italic">«die Füße derer nahen, die gute Botschaft bringen»</hi>, die gute Botschaft von Gottes Reich<term type="begriffe" key="Reich Gottes"/>, Kraft<term type="begriffe" key="Gott, Kraft"/> und Herrlichkeit<term type="begriffe" key="Gott, Herrlichkeit"/> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.13">Mt. 6,13</ref>], von der Legung des neuen Koordinatensystems<term type="begriffe" key="Koordinatensystem der Wahrheit"/> der Wahrheit, das Gott<term type="begriffe" key="Gott und Mensch"/> und Mensch auseinanderrückt, um Mensch und Mensch nebeneinanderzustellen vor Gott, von dem neuen Israel<term type="begriffe" key="Israel, neues"/>, dem niemand mit Recht, alle aus Erbarmen<term type="begriffe" key="Gott, Erbarmen"/> angehören. Ist Gott wahrer Gott<term type="begriffe" key="Gott, wahrer G."/>, wie sollte diese rechte Zeit<term type="begriffe" key="Zeit, rechte"/> nicht da sein? Ist sie da, wie sollte er seine Boten nicht senden, wie sollte sein Name nicht verkündigt, gehört, geglaubt, angerufen<term type="begriffe" key="Anrufung"/> werden? Fraglich ist nie, zu keiner Zeit, ob es wirklich die <hi rend="italic">rechte</hi> Zeit<term type="begriffe" key="Zeit, rechte"/> sei, mit der Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, Gottes"/> Gottes und also mit seinem <hi rend="italic">Alle</hi> demütigenden Zorn<term type="begriffe" key="Gott, Zorn und Erbarmen"/> und mit seinem <hi rend="italic">Alle</hi> aufsuchenden Erbarmen<term type="begriffe" key="Gott, Erbarmen"/> zu rechnen. Fraglich ist immer nur, ob wir <hi rend="italic">die Rechten</hi> sind, <pb ed="A" n="370"/> das zu tun. Fraglich ist nicht das <hi rend="italic">Scheinen</hi> des Lichts<term type="begriffe" key="Licht, und Finsternis"/> in der Finsternis [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.5">Joh. 1,5</ref>], wohl aber, ob es gerade von der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/>, gerade von <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> Geschlecht <hi rend="italic">gesehen</hi> wird.</p>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.16 Röm.10.17">V. 16‒17</ref> Aber nicht alle gehorchten der Heilsbotschaft. Denn <persName ref="kbga-actors-2204">Jesaja</persName></hi> <hi rend="bold">sagt: Herr, wer glaubt unsrer Kunde? (Es musste ja der Glaube kommen aus der Kunde, die Kunde aber durch das Wort des Christus!)</hi></p> 
<p><pb ed="pga" xml:id="p521" rend="noPipe"/><hi rend="italic">«Nicht alle gehorchten der Heilsbotschaft.»</hi> Das Wort<term type="begriffe" key="Wort, Gottes"/>, das das Ziel des Gesetzes<term type="begriffe" key="Ziel, des Gesetzes"/> ist, fordert <hi rend="italic">Gehorsam</hi><term type="begriffe" key="Gehorsam"/>. «Die <hi rend="italic">Täter</hi><term type="begriffe" key="Gesetz, Täter des G."/> des Gesetzes werden gerecht erklärt werden.» [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.2.13">2,13</ref>] Hier scheiden sich die Geister. Hier wird die Not der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Not der K."/> zu ihrer <hi rend="italic">Schuld</hi><term type="begriffe" key="Kirche, Schuld der K."/>, und ihre <hi rend="italic">Schuld</hi> wird zur Ursache ihrer Not. Denn es ist die oben (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.12 Röm.10.15">10,12f.</ref>) aufgedeckte universale Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, universale"/> nicht etwa zu verwechseln mit dem <hi rend="italic">rationalen</hi> Universalismus<term type="begriffe" key="Universalismus"/>, mit der <hi rend="italic">rationalen</hi> (in Wirklichkeit den Geist des echten Rationalismus<term type="begriffe" key="Rationalismus"/> betrübenden!) Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, des religiösen Apriori"/> eines «religiösen Apriori»<term type="begriffe" key="Apriori, religiöses"/>, einer hinter oder vor allen sog. positiven Religionen<term type="begriffe" key="Religion"/> liegenden allgemeinen Vernunftreligion<term type="begriffe" key="Religion, Vernunftreligion"/>.<note xml:id="n19"> <bibl corresp="kbga-bibls-1489"><persName ref="kbga-actors-410">E. Troeltsch</persName> geht in seinem Vortrag <hi rend="italic">Psychologie und Erkenntnistheorie</hi>, Tübingen 1905</bibl>, davon aus, dass «das Religion-Haben» sich «als ein Gesetz des normalen Bewußtseins» «erweisen» lasse «aus dem immanenten Notwendigkeits- und Verpflichtungsgefühl, das der Religion zukommt, und aus ihrer organischen Stellung in der Ökonomie des Bewußtseins, das seinen Zusammenschluß und seine Beziehung auf eine objektive Weltvernunft erst durch sie empfängt» (S. 43f.). «Ist die Religion ein Apriori der Vernunft, so ist sie an sich mit der Vernunft überhaupt gesetzt und alle Vernunft ist in dem Maße, als sie überhaupt verwirklicht ist, überall und immerdar auch religiös, auch wenn sie selbst es sich nicht zu Bewußtsein brächte.» (S. 46, in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar teilweise unter- und angestrichen).</note> Sagen wir: «<hi rend="italic">Jeder</hi>, der den Namen des Herren anrufen<term type="begriffe" key="Anrufung"/> wird, wird gerettet werden!» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.13">10,13</ref>), so handelt es sich bei diesem «Jeder» um den Universalismus<term type="begriffe" key="Universalismus"/> der <hi rend="italic">Gnade</hi><term type="begriffe" key="Gnade, Universalismus"/>, um die Voraussetzung<term type="begriffe" key="Voraussetzung, der Offenbarung"/> der <hi rend="italic">Offenbarung</hi><term type="begriffe" key="Offenbarung, Universalismus"/>. <hi rend="italic">Dieser</hi> Universalismus und <hi rend="italic">diese</hi> Voraussetzung bedeutet – gerade im Gegensatz<term type="begriffe" key="Gegensatz, zum religiösen Apriori"/> zu allem religiösen Apriorismus<term type="begriffe" key="Apriori, religiöses"/> – die <hi rend="italic">De</hi>struierung (nicht die Konstituierung!) aller menschlichen Religionen<term type="begriffe" key="Religion, menschliche"/>, die Proklamierung völliger Voraussetzungs<hi rend="italic">losigkeit</hi><term type="begriffe" key="Voraussetzungslosigkeit"/> im entscheidenden Punkte. Gott ist <hi rend="italic">frei</hi><term type="begriffe" key="Gott, ist frei"/>. Die Heilsbotschaft<term type="begriffe" key="Heilsbotschaft"/> ist gerade darum <hi rend="italic">Heils</hi>botschaft, weil sie <hi rend="italic">allen</hi> (auch den transzendentalst gedachten!) menschlichen Anknüpfungen, Vermittlungen und Voraussetzungen die absolute Souveränität<term type="begriffe" key="Gott, Souveränität"/> Gottes gegenüberstellt. <persName ref="kbga-actors-216">Kant</persName> hat aus guten Gründen und in letzter Einsicht <hi rend="italic">keine</hi> Kritik<term type="begriffe" key="Kritik"/> (Begründung!) der <hi rend="italic">frommen</hi> Vernunft<term type="begriffe" key="Vernunft"/> geschrieben. Nur um eines kann es sich menschlicherseits handeln: um die (bei <persName ref="kbga-actors-216">Kant</persName> mehr als bei seinen religiösen Verächtern<term type="begriffe" key="Verächter"/><note xml:id="n20"> Anspielung auf den Titel der Schrift <bibl corresp="kbga-bibls-212"><persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> <hi rend="italic">Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren
Verächtern</hi> (1799)</bibl>.</note> stattfindende!) Anerkennung der Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> Gottes, d. h. aber um – Gehorsam<term type="begriffe" key="Gehorsam"/>. Gehorsam heißt: Buße<term type="begriffe" key="Buße"/> tun, <pb ed="pga" xml:id="p522"/> d. h. aber eingehen<note n="m" type="textcritical" xml:id="nm"><ref corresp="B">1. Abdruck</ref> (1922<hi rend="sup">2</hi>): «eintreten».</note> wollen auf die göttliche, die rechtzeitige, endzeitliche Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, göttliche"/>, uns zu beugen vor seinem Zorn<term type="begriffe" key="Gott, Zorn und Erbarmen"/> und Erbarmen<term type="begriffe" key="Gott, Erbarmen"/>, offen werden für den einseitigen, den leidenschaftlichen, den ausschließlichen Anspruch, den «der Herr» an den Menschen stellt, offen für das schlechthin Fremde der «Auferstehung<term type="begriffe" key="Auferstehung, Fremde der A."/>», offen für die grundlos freie Initiative des «Glaubens<term type="begriffe" key="Glaube"/>». Gehorsam<term type="begriffe" key="Gehorsam"/> heißt: es entsteht an diesem, dem bekannten Menschen jene Einbruchstelle, jener Hohlraum<term type="begriffe" key="Hohlraum"/>, wo der <hi rend="italic">neue</hi> Mensch<term type="begriffe" key="Mensch, neuer"/> atmen und sich bewegen kann. Gehorsam ist der Sinn <pb ed="A" n="371"/> für das eigentliche, für das spezifisch Göttliche, für das ganz Andere<term type="begriffe" key="Gott, der ganz andere"/> Gottes, für Gott als König, Monarch und Despot<term type="begriffe" key="Gott, Despot"/>. Gehorsam heißt darum Parteigängerschaft unter allen Umständen, Willigkeit, der Selbstbewegung<term type="begriffe" key="Gott, Selbstbewegung"/> Gottes die eigene Bewegung zu opfern, in den Tod zu geben alle Wichtigkeiten, Bedürfnisse und Ansprüche des bekannten Menschen, Bereitschaft auf Abruf aus allem dies und das, hier und dort, in dem wir stehen, aus allen Unternehmungen, Denk- und Arbeitsgewohnheiten, Kompromissen, Bündnissen und Wagnissen, in die wir verwickelt sind, völlig freies Aufliegen des schwingenden Pendels<term type="begriffe" key="Pendel"/> auf seinem Ruhepunkt. Freiheit<term type="begriffe" key="Freiheit"/> zu «wandeln», d. h. denselben Weg vorwärts <hi rend="italic">und</hi> rückwärts immer wieder zurückzulegen und <hi rend="italic">nicht</hi> stille zu stehen, das Leben von jedem gegebenen Punkt aus mit demselben Ernst zu begreifen und anzugreifen, dem Stoß, der von Gott dagegen erfolgt, immer in seiner ganzen Tragweite Raum zu geben und den Halt, den alles in Gott hat, nie zu vergessen, nie zu verlieren. Das wäre der Gehorsam<term type="begriffe" key="Gehorsam"/>, der der Heilsbotschaft<term type="begriffe" key="Heilsbotschaft"/> entsprechen würde. Aber wer gehorcht denn? Sehr milde, sehr bedeutungsschwer gesagt: <hi rend="italic">«Nicht Alle».</hi> Sicher nicht Diese und nicht Jene. Sicher nicht eine Zahl so und so Vieler. Die Kirche <persName ref="kbga-actors-2199">Jakobs</persName><term type="begriffe" key="Kirche, Jakobs"/>, die gläubigen Heiden<term type="begriffe" key="Heide"/>, «die auf den Pfaden des Glaubens ohne Beschneidung<term type="begriffe" key="Glaube, der Unbeschnittenen"/> wandern, der der unsres Vaters <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> war» (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.12">4,12</ref>) – ja, aber wer sind diese? Wo sind sie etwa? Und die Kirche <persName ref="kbga-actors-3667">Esaus</persName><term type="begriffe" key="Kirche, Esaus"/>, unsre Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/>, die bekannte Kirche, gehorcht sie etwa? Es müsste ja so sein! Das <hi rend="italic">«Wort des Christus»</hi> ist ihr nahe<term type="begriffe" key="Kirche, Wort des Christus ist ihr nah"/>. Aus ihm die <hi rend="italic">«Kunde»</hi>, die von jenen «Boten» vertragen wird. Aus der Kunde ist die Treue<term type="begriffe" key="Gott, Treue"/> Gottes zu vernehmen, aus ihr müsste der <hi rend="italic">«Glaube»</hi><term type="begriffe" key="Glaube"/>, der Gehorsam<term type="begriffe" key="Gehorsam"/> erwachsen. Erwächst er etwa? Oder stehen die Boten, die sie bringen, nicht immer <pb ed="pga" xml:id="p523"/> wieder so seltsam verlassen, einsam, ratlos, zwecklos, innerlichst verlegen da – vor ihren Hörern und wahrlich nicht zuletzt vor sich selbst: <hi rend="italic">«Herr, wer glaubt unsrer Kunde?»</hi> (<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.53.1">Jes. 53,1</ref>). Wo immer, wo Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, und Buße"/> ist, kommt es denn zur Buße<term type="begriffe" key="Buße"/> in Furcht und Zittern<term type="begriffe" key="«Furcht und Zittern»"/>, zum
Respekt<term type="begriffe" key="Kirche, Respekt vor Gott"/> vor Gott, zum Distanzschaffen und -wahren<term type="begriffe" key="Distanz"/>, zum Angriff<term type="begriffe" key="Angriff, auf den religiösen Menschen"/> auf den (religiösen!) Menschen<term type="begriffe" key="Kirche, Angriff auf den religiösen Menschen"/>, zu jener Lockerung des Gefüges menschlichen Wesens, zu jenem «Wandeln», das <hi rend="italic">nicht</hi> Halt macht, wenn wieder einmal eine Ecke glücklich erreicht ist, zu jenem dauernden, weil grundsätzlichen, erschrocken-erfreuten Aufmerken, zu jener unbedingten Sachlichkeit<term type="begriffe" key="Sachlichkeit"/>, zu jenem unbestechlichen Aushalten und Durchhalten in der Verlegenheit<term type="begriffe" key="Verlegenheit"/>, die Gott uns bereitet? Wo kommt es nicht vielmehr – einige Symptome der Krankheit<term type="begriffe" key="Kirche, Krankheit"/> der Kirche müssen hier genannt sein – zum beständigen Ausweichen vor dem geforderten Bruch, Sprung<term type="begriffe" key="Sprung"/> und Opfer<term type="begriffe" key="Opfer"/>, – zum beständigen Seitwärtsschielen auf die <pb ed="A" n="372"/> Fürsten<term type="begriffe" key="Kirche, und Fürsten"/> und auf das Volk<term type="begriffe" key="Kirche, und Volk"/>, auf die Gebildeten<term type="begriffe" key="Kirche, und Gebildete"/> und auf die Proletarier<term type="begriffe" key="Kirche, und Proletarier"/>, auf die Jugend<term type="begriffe" key="Kirche, und Jugend"/> und auf die Bürger<term type="begriffe" key="Kirche, und Bürger"/>, auf die Zeitgenossen und Zuschauer<term type="begriffe" key="Kirche, und Zuschauer"/> (was sie wohl dazu sagen? damit anfangen? ob sie es wohl verstehen oder vielleicht gar missverstehen könnten?),‒ zu jener wahrhaft staunenerregenden Kunst, dem Göttlichen immer und überall eine historische und psychologische<term type="begriffe" key="historisch-psychologisch"/> Seite abzugewinnen, interessante Parallelen, geistige Stammbäume, bemerkenswerte Abhängigkeiten und Differenzen festzustellen, sog. «Typen»<term type="begriffe" key="Typus"/> zu entdecken oder zu erfinden und mit dem allem jeden etwa scharf geladenen<term type="begriffe" key="«scharf geladen»"/> Schuss sorgfältig wieder aus dem Rohre zu ziehen, – zu jener gummiballartigen Elastizität, die auch den stärksten Schlag ins Gesicht mit bewundernden Bemerkungen über die religiöse<term type="begriffe" key="religiös"/> Kraft solchen Schlages zu erwidern weiß, – zu jener entmutigend freundlichen, loyalen und korrekten Art, mit der sogar ein <persName ref="kbga-actors-2281">Elia</persName> oder <persName ref="kbga-actors-2147">Amos</persName> unschädlich zu machen wäre, wenn er heute «Bote» sein sollte, – zu jener fabelhaften Schnellkraft, die jedes, aber auch jedes, auftauchende Fünklein<term type="begriffe" key="Fünklein"/> der unmöglichen Möglichkeit<term type="begriffe" key="Möglichkeit, unmögliche"/> in die mögliche Möglichkeit einer Bewegung, einer Schule, einer «Linie» oder eines «Kreises», eines allerneuesten Geschreis und Getues von Gottbegeisterten<term type="begriffe" key="Gottbegeisterter"/> zu verwandeln und womöglich einen entsprechenden Verlag zu begründen weiß, dessen Name schon von Anmaßung und sicherem Misslingen Zeugnis gibt<note xml:id="n21"> Anspielung auf den <orgName ref="kbga-actors-9995">Patmos-Kreis</orgName> um <persName ref="kbga-actors-751">E. Rosenstock-Huessy</persName>, <persName ref="kbga-actors-538">R. Ehrenberg</persName> und <persName ref="kbga-actors-537">H. Ehrenberg</persName>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> wurde zeitweise zu diesem Kreis gezählt, und sein <ref type="pub" target="48061">Tambacher Vortrag</ref> erschien zuerst im 1919 als einer der «Neubau-Verlage» gegründeten <orgName ref="kbga-actors-9862">Patmos-Verlag</orgName>. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="../volume/03/p373#p373">S. 373</ref>.<ref type="pub" target="../volume/03/p376#p376">376</ref>.<ref type="pub" target="../volume/03/p387#p387">387</ref>.<ref type="pub" target="../volume/03/p389#p389">389</ref>.<ref type="pub" target="../volume/03/p420#p420">420</ref>.<ref type="pub" target="3360">422</ref>.<ref type="pub" target="3366">428</ref>.<ref type="pub" target="3369#p431">431–433</ref>.<ref type="pub" target="../volume/03/p445#p445">445</ref>.<ref type="pub" target="3388#p455">455</ref>.<ref type="pub" target="../volume/03/p464#p464">464</ref></bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-932">Bw.Th.II, <ref type="pub-" target="../volume/04/p003#p003">S. 3</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/04/p208#p208">208</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/04/p270#p270">270</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/04/p443#p443">443</ref></bibl>.</note>, – zu jener Fixigkeit, mit der jeder, der auch nur ein bisschen <pb ed="pga" xml:id="p524"/> mehr zu merken scheint als einige andere, alsbald dadurch erledigt wird, dass man ihn zum Führer proklamiert, – zu jener Fähigkeit endlich, immer und immer wieder einen Schlupfwinkel zu entdecken, wo der Mensch keine Aufhebung<term type="begriffe" key="Aufhebung, des Menschen"/> mehr zu befürchten hat, wo er endlich und endlich neutral<term type="begriffe" key="Neutralität"/> sein darf, nichts mehr hergeben muss, in «Gewissheit» seiner eigenen Gerechtigkeit<term type="begriffe" key="Gerechtigkeit, eigene"/> froh werden kann. Und bei dem allen der Wahn so ziemlich jedermanns, als ob <hi rend="italic">ihm</hi> die Kirche<term type="begriffe" key="Kirche"/> natürlich nicht das Höchste, nicht Selbstzweck sei, dieser Wahn, der seine eigene Widerlegung ist. Wir reden von der Kirche, die wir allein gekannt haben, kennen und kennen werden, von der Kirche, die nie wesentlich anders gewesen ist oder sein wird als eben <hi rend="italic">so</hi>, von der Kirche, die ja in allen diesen Symptomen nur verrät, dass sie wirklich und unweigerlich die Kirche <persName ref="kbga-actors-3667">Esaus</persName><term type="begriffe" key="Kirche, Esaus"/>, die Kirche des Unglaubens<term type="begriffe" key="Kirche, des Unglaubens"/>, die Kirche des Nicht-Hörens<term type="begriffe" key="Kirche, des Nicht-Hörens"/> ist und bleiben wird, von der Kirche, mit der wir uns – und wir verharren dabei – (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.1 Röm.9.5">9,1–5</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.1">10,1</ref>) solidarisch<term type="begriffe" key="Solidarität"/> erklärt haben. Aber dass die Not der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Not der K."/> ihre Schuld ist und dass das eben die Schuld der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Schuld der K."/> ist, dass sie an ihrer Not – am Geheimnis<term type="begriffe" key="Gott, Geheimnis"/> Gottes – immer wieder vorbeigeht, das muss darum nicht weniger, nein das muss <hi rend="italic">gerade darum</hi> ausgesprochen werden. Es muss erinnert werden an das Symptom aller Symptome: daran, dass die <pb ed="A" n="373"/> Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, hat Christus gekreuzigt"/> – nicht die Welt, sondern die <hi rend="italic">Kirche</hi> – Christus gekreuzigt hat.</p>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.18">V. 18</ref> Aber, sage ich, sollten sie es nicht gehört haben? Ja freilich: über die ganze Welt ging aus ihr Schall und bis zu den Enden der Welt ihre Worte!</hi> (<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.19.5">Ps. 19,5</ref>).</p>
<p>Sollte jene Schuld<term type="begriffe" key="Kirche, Schuld der K."/> damit zu entschuldigen sein, dass die Kirche es noch nicht gehört hat? Als ob man das noch nicht gehört haben <hi rend="italic">könnte!</hi> Als ob das «Wort des Christus»<term type="begriffe" key="Wort, des Christus"/> ein Etwas, eine Neuigkeit wäre, die man <hi rend="italic">«gehört»</hi> oder auch <hi rend="italic">«nicht gehört»</hi> haben kann, ein Charisma<term type="begriffe" key="Charisma"/> der in irgend einem Winkel, der in einer <hi rend="italic">andern</hi> Straße Wohnenden! Als ob irgend jemand sagen könnte, dass ihm das «neu» sei! Als ob es etwas Bekannteres gäbe als den unbekannten Gott<term type="begriffe" key="Gott, unbekannter"/>, und als ob wir etwas besser wüssten, als dass es <hi rend="italic">so</hi> nicht weiter geht! Als ob wir es etwa <hi rend="italic">noch</hi> besser wüssten, wenn heute ein Engel<term type="begriffe" key="Engel"/> vom Himmel käme, <pb ed="pga" xml:id="p525"/> auf den Tisch schlüge und uns mit seiner Donnerstimme dasselbe sagte! Nein, wir <hi rend="italic">haben</hi> es gehört. Wir sind durchaus «im Bilde», wer wir auch seien. Es ist durchaus die <hi rend="italic">objektive</hi> Unmöglichkeit<term type="begriffe" key="Unmöglichkeit"/>, in der wir uns als Nicht-Hörende<term type="begriffe" key="Nicht-Hören"/> befinden.</p>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.19 Röm.10.20">V. 19‒20</ref> Aber, sage ich, sollte Israel nicht verstanden haben? Schon <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName></hi> <hi rend="bold">sagt: Ich werde euch eifersüchtig machen auf ein Volk, das keines ist, und zornig auf ein unverständiges Volk. Und <persName ref="kbga-actors-2204">Jesaja</persName></hi> <hi rend="bold">wagt sich noch weiter und sagt: ich ließ mich finden von denen, die mich nicht suchten, und wurde offenbar denen, die nicht nach mir fragten</hi>
(<ref type="can" subtype="bible" target="Dtn.32.21">Dtn. 32,21</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.65.1">Jes. 65,1</ref>).</p>
<p>Oder sollte jene Schuld<term type="begriffe" key="Kirche, Schuld der K."/> damit zu entschuldigen sein, dass wir zwar hören, aber nicht verstehen können? Aber, was heißt verstehen? In einer günstigen geschichtlichen oder seelischen<term type="begriffe" key="«geschichtlich und seelisch»"/> Verfassung sich befinden? Zeit haben? Reif genug sein? Moralische<term type="begriffe" key="Moral"/> Kraft, dialektische<term type="begriffe" key="dialektisch"/> Begabung, einen starken Glauben<term type="begriffe" key="Glaube"/> haben? Aber wo sind denn die Verständigen in <hi rend="italic">diesem</hi> Sinn in der unsichtbaren Heidenkirche <persName ref="kbga-actors-2199">Jakobs</persName><term type="begriffe" key="Kirche, Jakobs"/>? Gibt es überhaupt auch nur einen einzigen Verständigen in <hi rend="italic">diesem</hi> Sinn? Wer ist denn in der Verfassung, wer hat Zeit, Reife, Kraft, Begabung, Glauben – wenn es sich um <hi rend="italic">Gott</hi> handelt? Verstehen wir denn gar nicht, dass es sich darum handelt, zu verstehen, dass wir <hi rend="italic">nicht</hi> verstehen? Dass eben das Volk, das kein Volk, das das unverständige Volk ist – das Volk der Verständigen ist? Dass – wer wagt es nach zu sagen, was «<persName ref="kbga-actors-2204">Jesaja</persName>
    » zu sagen wagt? – von denen, die ihn <hi rend="italic">nicht</hi> suchten, Gott in seiner unergründlichen Freiheit<term type="begriffe" key="Gott, Freiheit"/> in seinem bedingungslosen Erbarmen<term type="begriffe" key="Gott, Erbarmen"/> sich finden lässt und sich offenbart denen, die <hi rend="italic">nicht</hi> nach ihm fragten? <hi rend="italic">Kein</hi> höchster, erst zu erkletternder Gipfel<term type="begriffe" key="Gipfel"/> religiöser Einsicht, <hi rend="italic">kein</hi> allerletzter <pb ed="A" n="374"/> Glaubenskraftschwung ist das Verstehen, das hier gefordert ist, sondern das Verstehen, dass wir in unserm Unverstand von Gott verstanden sind. Sollte das nicht zu verstehen sein?</p>
<p><hi rend="bold"><ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.21">V. 21</ref> Von Israel aber sagt er: Den ganzen Tag habe ich meine Hände ausgebreitet nach einem ungehorsamen und widersprechenden Volk</hi>
(<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.65.2">Jes. 65,2</ref>).</p>
<p>Wir brechen ab. Schuld<term type="begriffe" key="Schuld"/> ist nicht Unschuld. Schuld heißt: Wir können, aber wir wollen nicht. Wir <hi rend="italic">wollen</hi> uns nicht preisgeben. Wir <hi rend="italic">wollen</hi> von jenem Gipfel<term type="begriffe" key="Gipfel"/> nicht heruntersteigen. Wir <hi rend="italic">wollen</hi> das neue Koordinatensystem<term type="begriffe" key="Koordinatensystem der Wahrheit"/> nicht gelten lassen. Wir wollen in den Zelten und <pb ed="pga" xml:id="p526"/> Hütten unsres Lagers bleiben, statt uns Gott entgegenführen zu lassen (<ref type="can" subtype="bible" target="Ex.19.17">Ex. 19,17</ref>). Ein zähes aussichtsloses Widersprechen gegen Gott – das scheint des Menschen, das scheint der Kirche<term type="begriffe" key="Kirche, Widersprechen gegen Gott"/> eigentliches Wesen. Das Licht<term type="begriffe" key="Licht, und Finsternis"/> <hi rend="italic">scheint</hi>, aber es scheint wirklich in der <hi rend="italic">Finsternis</hi> [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.5">Joh. 1,5</ref>]. </p> 

        </div>
    </div>
</body>
</text>
</TEI>
