17. Dezember 1920

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Es langt nicht zu einem Brief, nachdem ich an Herpel und Bansa1 eingehende Communiqués gerichtet. Dazu ist der «Führer in den Wirren religiösen Suchens» am ganzen Körper vom Katarrh heimgesucht, der auf das Bett als die beste Stelle in der Welt hinweist. Nur zuerst den Ruf: Komm doch ja am Sonntag! […] Es geziemt sich, daß die oberste Heeresleitung wieder einmal zusammentrete, um Rückblick und Ausblick zu halten. Ich will dir dann von Bern erzählen, wo ich gegen Moskau gestimmt, ferner dir allerlei Bayrisches vorweisen, wo Grützmacher in Erlangen mit seinen Studenten über dem Römerbrief auseinander |455 geraten ist, und wo in Erlangen von Prof. Müller2 (Calvin3) und in München-Pasing von Albers4 Vorträge über uns gehalten werden sollen!! und wo ferner ein Unbeteiligter in den «Münchner Neuesten Nachrichten» [7.12.1920], von Nietzsche kommend, das Overbeck-Büchlein 📖 anerkennend anzeigt und mich (neue Variante!) als den «eigenartigen Führer einer neureligiösen Bewegung» beschimpft. Ferner vernimmt man, daß Harnack neuerdings über uns schelte, Heim aber uns etwas vorsichtig belobige, und daß Geyer5 mich für die Theosophie in Anspruch nimmt. Also ein wahres Kreuzfeuer. Wie stehst du zu Patmos? Hier ist ein weiterer Brief von Rosenstock und ein Doppelbrief von Ehrenberg eingegangen, beide unter tragischen Gesten von mir Abschied nehmend. Den Brief an Herpel habe ich tröstlich aber kräftig abgefaßt und seiner Frau empfohlen, ihm bis mindestens zum Frühling das Tintenfaß zu verstecken. Auch Wolf Meyer schreibt, teilweise zwar vom Teufel redend, aber das Beste versprechend.

Herzlich
dein
Karl

Sachfußnoten

1
Otto Bansa, Pfarrer im Westerwald, Freund Herpels.↩
2
Ernst Friedrich Karl Müller (1863–1935), Prof. für reformierte Theologie in Erlangen.↩
3
Müller gab seit 1901 in Neukirchen «Johannes Calvins Auslegung der Heiligen Schrift in deutscher Übersetzung» 📖 heraus.↩
4
Hermann Albers, München, Freund von G. Merz, oder A. Albers, Verleger, ebenfalls München.↩
5
Christian Geyer (1862–1929), Pfarrer in Nürnberg, neigte unter dem Einfluß F. Rittelmeyers vorübergehend zur Anthroposophie.↩