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11. Kapitel
DIE HOFFNUNG DER KIRCHE
Die Einheit Gottes
V. 1‒2a Nun sage ich: Sollte Gott sein Volk verstoßen haben? Unmöglich! Denn auch ich bin ein Israelit, aus Abrahams Stamm, aus dem Geschlechte Benjamin. Gott hat sein Volk, das er erkannte, nicht verstoßen.
«Sollte Gott sein Volk verstoßen haben?» «Das Licht scheint in der Finsternis» [Joh. 1,5]. Wie soll die zweite Hälfte des johanneischen Wortes lauten? «Die Finsternis hat es nicht begriffen»? oder nach neuerer besserer Deutung: «Die Finsternis hat es nicht überwältigt»?1 Näherliegenda scheint doch, auf die Sache gesehen, immer wieder das Ersteb zu sein. Müssen wir nicht stehen bleiben bei jenem starren Nein!, das in der Tat, soweit das Auge reicht, das letzte Wort des Menschen ist? Bei jenem Atheismus der Kirche, der sich, sobald sie unausweichbar vor der Entscheidung für oder gegen ihr eigenes Thema steht, als ihr eigentliches Wesen enthüllt? Bei jenem Satanismus des Großinquisitors, der Gott kennt, aber – aus Menschenliebe – nicht kennen und darum lieber Christus töten als dem Wort von der Freiheit Gottes seinen Lauf lassen will?2 Hat Gott selbst seine Arme um|528sonst ausgebreitet nach seinem Volk (10,21), geschieht das Unerhörte, dass Gott selbst in der Kirche (in welcher Kirche nicht?) fort und fort verraten ist, verraten an den Menschen, der, auch wenn er Gott dient, gerade nicht Gott dienen, gerade das mit aller Kunst und Kraft verleugnen will, dass Gott selbst Gott ist – wo soll dann noch Hoffnung sein? Wie soll es von diesem toten Punkt aus in irgend einem Sinn weitergehen? Kann es eine Hoffnung geben für die, die die Hoffnung mit eigenen Händen gemordet und verscharrt haben? Eine Hoffnung für Judas Ischarioth? Wahrlich, diese Frage muss in ihrer ganzen Bitterkeit gestellt sein; sie darf in ihrer ganzen erdrückenden Schwere nicht mehr vergessen werden; sie muss, wenn es eine Hoffnung gibt, als das alle illusionären Hoffnungen verzehrende Feuer weiterbrennen. «Sollte Gott sein Volk verstoßen haben?» Ohne den Hintergrund dieser Frage wäre Hoffnung nicht Hoffnung.
376 Wie aber soll es hier eine Hoffnung geben? Woher nehmen wir den Mut, dieser vernichtend naheliegenden Frage ein «Unmöglich!» entgegenzustellen? Sicher nicht aus irgend einem Argument, das doch wieder für den Menschen sprechen würde, sicher nicht aus einer vorhandenen oder erstrebten andern menschlich-anschaulichen Möglichkeit als der in der Kirche gegebenen; also weder aus der Möglichkeit einer verbesserten noch aus der einer neuen Kirche. Die andre Möglichkeit, die der Mensch, die die Kirche in der Tat hat und deren Versäumnis ihre Schuld ist, sie ist ja eben die göttlich-unanschauliche, Möglichkeit und mit jeder Hoffnung, die wir auf verbesserte oder neue Menschlichkeiten und Anschaulichkeiten setzen würden, würde jene Schuld automatisch vergrößert, nicht aber aufgehoben. Nur mit dem Unmöglichen selbst, nur mit Gott können wir jenes «Unmöglich!» begründen.
Dann begründen wir es aber, indem wir paradoxerweise an die Spitze auch dieser Erwägung (9,1–5; 10,1) die Erklärung stellen: «Denn auch ich bin ein Israelit, aus Abrahams Stamm, aus dem Geschlechte Benjamin.» Wie könnte die Hoffnung der Kirche gesehen werden von Einem, der nicht auf Gott hofft? Wie könnte aber einer |529 auf Gott hoffen, der sich nicht ganz und gar vor Gott gebeugt hat? Und wie könnte sich Einer wirklich vor Gott beugen, wenn nicht in der Erkenntnis: «Auch ich bin – Israelite, aus Abrahams Stamm, aus dem Geschlechte Benjamin», auch ich bin – der Großinquisitor, der Verräter, der Widerstrebende und Ungehorsame, der unter dem Vorwande, Gott und den Menschen zu dienen, um jeden Preis den Menschen vor Gott retten will, der Vielgewandte, der durchaus (10,18.19) gehört und verstanden hat, um was es geht, und der doch alles Gehört- und Verstandenhaben nur dazu benützt, sich und anderen zu verbergen, dass es darum geht, Gott die Ehre zu geben! Strecken wir die Waffen, wer wir auchc seien: Wir sind Kirche mit allem, was dazu gehört. Wir treiben das höchst fragwürdige Geschäft und wir tragen den höchst bedenklichen Stempel dieser oder jener Religionsunternehmung (und wenn es eine solche eigenster Erfindung wäre!). Wir sind also jüdisch, katholisch, lutherisch oder reformiert (vor Konfessionswechsel hin oder her wird dringend gewarnt3!), wir stehen auf oder wir sitzen unter allerlei Kanzeln und Kathedern (gegen «Laien» und «Theologen» sowie gegen Pfarrer und Professoren ist gleichmäßig viel zu erinnern!), wir rollen auf den Geleisen einer alten großen (oder wenn es denn durchaus nicht anders geht: einer neuen kleinen!) christlichen Gemeinschaft. Und nun meinen wir zu wissen um die Tragik und um den – 377 Humor dieses ganzen Seins, Treibens, Tragens, Stehens, Sitzens und Rollens. Wir haben vernommen, was Kierkegaard dagegen einzuwenden hat und haben ihm recht gegeben. Wir seufzen täglich über dieses «Auch ich bin», über seine «Ehre» und «Kraft» noch mehr als über seine Schmach und Schwachheit. Wir hoffen seine Problematik nicht zu vergessen, sondern in jedem Wort und Schritt davon Zeugnis abzulegen. Wir wissen aber, dass dieses «Auch ich bin» nicht nur menschlich, sondern noch viel mehr von Gott aus unvermeidlich ist. Anders denn in der Katastrophe der |530 menschlichen Gipfelmöglichkeit (und das ist eben die Kirche in jeder Gestalt) kann die göttliche Möglichkeit nicht begriffen werden. Anders denn durch das radikalste Trotzdem! Gottes (und wo wird es so deutlich wie in der Kirche, dass es zwischen Gott und Mensch nur dieses Trotzdem gibt?) kann der Mensch nicht gerechtfertigt werden. Anders denn als Jude wird man das Judentum, anders denn als Pharisäer den Pharisäismus, anders denn als Theologe die Theologie nicht los. Eben um ihrer besonderen Not und Schuld willen, eben um deswillen, dass sie menschlich gesprochen keine Hoffnung hat, hat die Kirche die Hoffnung, die Hoffnung auf Gott.
«Gott hat sein Volk, das er erkannte, nicht verstoßen.» Also nicht vom sichern Ufer, nicht vom glücklich davonrudernden (und auch nicht vom hilfreich herbeirudernden!) Rettungsboot, sondern vom sinkenden Schiffe selber aus ist das gesagt. Was es heißt: an Gott sündigen, Gott verraten, Gott leugnen, das weiß nur der, der weiß, dass er selber Kirche ist mit allem, was dazu gehört. Weiß er das nicht, weiß er etwa für sich immer noch etwas Besseres als die Kirche mit ihrem Jammer, sieht und geht er für sich immer noch einen kleinen Privatweg um die Verlegenheit gerade der Kirche herum, entzieht er sich also jenem «Auch ich bin», dann kennt er jedenfalls die Not nicht, die Gott als Gott dem Menschen bereitet, und so auch nicht die Schuld, in die der Mensch Gott als Gott gegenüber verhaftet ist. Und darum dann auch nicht die Hoffnung, die eben in dem liegt, was in der Kirche schmerzlich offenbar wird: dass unsre Not von Gott kommt und dass wir Gott gegenüber schuldig sind. Denn wie ist es doch? Ist es Gott, der den ganzen Tag seine Hände ausbreitet nach einem ungehorsamen und widersprechenden Volk (10,21) und nehmen wir das so existentiell ernst, dass wir uns zu diesem Volk gar nicht erst stellen müssen, sondern wissen, dass wir auf alle Fälle zu ihm gehören, dann haben wir eben darum, dass es Gott ist, an dem wir zerschellen, die unüberwindliche, die siegreiche Hoffnung für dieses Volk und für uns selbst. Ist es Gott, der seine Hände nach uns 378 ausbreitet, was kann dann unser Ungehorsam und Widersprechen, und wenn es noch so satanisch wäre, bedeuten? Was der tote Punkt, an dem wir endigen? Was der Mord und das Begräbnis, die wir der Hoffnung bereiten? Was der Verrat an Christus, den wir verüben? Geküsst wird der Großinquisitor von Christus «auf seine blutleeren neunzigjährigen Lippen». «Das |531 war seine ganze Antwort.»4 Und eben diese einzige, diese ganze Antwort ist die Hoffnung der Kirche: das schlechthin unableitbare, grundlose, nur in Gott selbst begründete ewige Erbarmen, das alles Denken übersteigt. Dass der Mensch Gott erkennt, das rettet ihn nicht, das richtet ihn. Dass er von Gott erkannt ist, das rettet ihn, das richtet ihn auf. Gott ist der Erste, darum auch der Letzte. Gott verwirft, darum erwählt er auch. Gott verdammt, darum begnadigt er auch. Gott führt in die Hölle, darum auch wieder heraus [vgl. 1.Sam 2,6]. Gott stellt die Frage, die in der Kirche als in der offenen, schwärenden Wunde der menschlichen Gesellschaft zum Aufbrechen kommt, darum gibt er auch die Antwort. Die Einheit Gottes, die Identität des Zürnenden mit dem Erbarmer, des Deus absconditus mit dem, der Jesus Christus von den Toten erweckte, des Gottes Esaus mit dem Gotte Jakobs, mit einem Wort: die Einheit Gottes, die sich in ihrer vollen Unanschaulichkeit und Unerhörtheit im Kreuze Christi offenbarte, sie ist unsre Hoffnung. Und darum – ohne alle andere Hoffnung, ohne Unterstützung, Vermittlung, Überleitung und Mitwirkung anderer Hoffnungen ist’s gemeint – «Das Licht scheint in der Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht überwältigt!» [Joh. 1,5]. «Nicht verstoßen wird der Herr sein Volk um seines großen Namens willen, denn freilich hat er euch angenommen zu seinem Volk!» (1.Sam. 12,22 LXX).
V. 2b‒6 Oder wisst ihr nicht, was die Schrift sagt
in der Geschichte des Elia, als er sich bei Gott beschwerte gegen Israel: Herr, deine Propheten töteten sie, deine Altäre zerschlugen sie, und ich bin allein übrig geblieben, und mir trachten sie nach dem Leben. Aber was sagt ihm das Gotteswort? Ich habe mir erhalten siebentausend Mann, die ihre Kniee nicht beugten vor der Baalschande. So ist nun auch in der Zeit des Jetzt ein Rest vorhanden durch die Wahl der Gnade. Weil aber durch Gnade, darum nicht durch Werke, sonst wäre ja Gnade nicht Gnade.
532«Herr, deine Propheten tötetend sie, deine Altäre zerschlugen sie, und ich bin allein übrig geblieben, und mir trachten sie nach dem Leben.» Die Einheit Gottes als die Hoffnung der Kirche will in ihrer ganzen Paradoxie und Unzulänglichkeite geglaubt sein. Besser sie bleibt ganz verborgen, besser die Kirche hat gar keine Hoffnung, als dass 379 f-etwa, was doch nur geglaubt werden kann, vermeintlich doch wieder gesehen oder dass versucht wird, es zu sehen-f. Diese Hoffnung muss, weil sie die letzte, die einzige ist, ganz rein, echt und real sein; ganz klar muss es sein, dass es Gott selber und nur er ist, der hier, indem er die Frage aufwirft, auch die Antwort gibt. Die Lage der Kirche kann darum nicht scharf genug gesehen werden, wie sie ist. Sie ist die Kirche Ahabs und Isebels, sagen wir rücksichtslos. Was Elia gegen jene zu klagen hatte (1.Kön. 19,10.14), das ist’s, was vom Evangelium aus gegen sie zu sagen ist. Wenn gestern nicht, dann sicher heute; wenn heute nicht, dann sicher morgen; wenn nicht in dieser Hinsicht, dann sicher in jener. Es genügt aber jede einzelne Hinsicht für sich allein, um die Anklage zu rechtfertigen. Ein relatives Verhältnis zwischen Jahwe und Baal, ein «Hinken auf beiden Seiten» [vgl. 1.Kön. 18,21] kann es ja bekanntlich nicht geben, sondern wenn Baal an einer Stelle unzweideutig hervorguckt (sagen wir z. B. in der Theologie, in der Predigt, in der Stellung der Kirche zur Politik), so ist es klar, dass er der Herr des Hauses ist; denn Jahwe denkt sicher nicht daran, es etwa mit ihm zu teilen. Die «verabsolutierenden» Anklagen eines Kierkegaard5, eines Kutter6 sind also gerade als solche im Recht, |533 können gerade als solche nicht stark genug unterstrichen, nicht offen genug aufgenommen werden. Handelt es sich um Gott (und in der Kirche handelt es sich jedenfalls um Gott), dann heißt das, dass es bei jeder Einzelheit ums Ganze geht, dann ist auch die stärkste «Übertreibung» einer Einzelheit nicht stark genug, um an die Problematik des Ganzen zu erinnern, und keine wehleidige Verwahrung, es möchte die Kirche neben diesem und jenem Baalsmäßigen doch auch allerlei von Jahwe haben, kann dann der Wucht des so geführten Indizienbeweises widerstehen, darf dann eine Schutzwehr sein gegen die Notwendigkeit, Buße zu tun. Also hier gilt nicht Geduld, sondern prophetische Ungeduld, nicht beschaulicher Humor, sondern ungehemmte Offensive, nicht historische Gerechtigkeit, sondern bis auf den Sattelknopf durchhauende7 Wahrheitsliebe, die auch dem Vorwurf der Ungerechtigkeit gegen diesen und jenen braven Mann (weder die Baalspriester in Israel noch die dänischen und schweizerischen Pfarrer waren ja alle so schlimm!) jedenfalls nicht aus dem Wege geht.
«Ich habe mir erhalten siebentausend Mann, die ihre Kniee nicht beugten vor der Baalschande» (1.Kön. 19,18). Das ist die andere Seite, die Elia nicht sieht. Aber wie sollte er sie auch sehen, und wenn er noch so feine Augen für kirchengeschichtliche Feinheiten hätte? Ist es doch wirklich nicht eine verborgene Unterströmung etwa, sondern die andere, 380 die ganz andere Seite der Kirchengeschichte, die hier durch das Gotteswort enthüllt wird. Die Siebentausend sind, so paradox und textwidrig das klingen mag, keine 7000, keine Quantität (kein «nicht ganz geringer Teil des Volkes», Jülicher8), keine Minoritätsgemeinde von Stillen im Lande, die Elia etwa da und dort hätte antreffen, als solche erkennen und namhaft machen können. Er hat ganz recht mit seinem «Ich bin allein übrig»; der Prophet als solcher |534 ist immer schlechthin allein und einzigartig, und weder zu vermehren noch zu vermindern ist das Quantum seiner einsamen Seele. Nicht als 7000 psychologische Individuen, sondern unmittelbar, als ganze siebentausend in überwältigender Menge unanschaulich eintretend für den einsamen Elia, als nur siebentausend in ihrer verschwindenden Minderzahl unanschaulich eintretend für die Gesamtheit des Volkes Israel, in ihrer Qualität als Objekte der Erwählung mitten in der Verwerfung, als die unsichtbare Kirche Jakobs mitten in der Kirche Esaus – so stehen die Siebentausend der Aufrechten vor Gott selbst〈, vor Gott allein, sein Volk, das er nicht verstoßen hat. Also dass Gottes Erkennen der Seinigen nicht aufhört (nicht dass da auch Etliche sind, die ihn etwa kennen!), dass Gottes Gnade unendlich ist (nicht dass da 7000 Begnadigte sind!), dass Gottes Einheit triumphiert in der unabsehbaren Problematik der Kirchengeschichte (nicht dass da so und so viele sind, die zu einem gewissen Frieden mit sich selbst kommen!), das sagt das Gotteswort. Es redet vom Wunder, es redet von der Erwählung, es redet von Gott, also nicht von Assisi oder Boll, nicht von einer Oase in der Wüste (was übrigens auch das Assisi des Franz und das Boll Blumhardts in ihrem fruchtbaren Augenblick am allerwenigsten waren!). Denn diese Wüste hat keine Oasen. Gewiss wird die unanschauliche Qualität der Erwählung anschaulich da und dort, an diesem und jenem, aber eben in ihrer Unanschaulichkeit, selber als Wunder und Offenbarung. Submarin ist die Insel der Wahrheit, wie wir früher (8,18) feststellten9. Ich, ich habe mir erhalten siebentausend Mann! Hier will Gott allein
recht haben und retten. Er hat aber recht, er rettet aber. Elia ist nicht allein, und nicht verstoßen ist ganz Israel: weil Gott hier eintritt, gerade hier, wo alle menschliche Hoffnung ein Ende hat, weil Gott in seinem Zorn nur gewartet hat auf das Schreien des Einsamen in Israel, um ihm und ganz Israel zu beweisen, dass er der Barmherzige ist.
«So ist nun auch in der Zeit des Jetzt ein Rest vorhanden durch die Wahl der Gnade. Weil aber durch Gnade, darum nicht durch Werke, sonst wäre ja Gnade nicht Gnade.» 381 Das Verhältnis der Kirche zu ihrem Thema ist das Verhältnis von Zeit und Ewigkeit, Mensch und Gott. Damit ist sie, ist jede Kirche erledigt. Aber vielleicht auch ge|535rechtfertigt. Vielleicht: wenn nämlich dieses Verhältnis in seiner richtenden, ein für allemal erledigenden Bedeutung selber zum Gotteswort wird; wenn der Mensch in gründlichster Demütigung seiner Ohnmacht und seines Zerschellens an der Macht Gottes gewahr wird – wenn also der Schleier der Zeit zerreißt im ewigen Augenblick der Offenbarung, wenn Christus der Herr zum Menschen sich neigt10. Dass das geschieht, geschehen ist, geschehen wird, dass dieses Geschehen die – Wahrheit ist, das ist’s, was wir als Heilsbotschaft verkündigen. Und sofern das geschieht, ist Elia nicht einsam, ist die Kirche (die ganze Kirche, jede Kirche!) nicht verstoßen. «In der Zeit des Jetzt» ist mitten in der Kirche Esaus die Kirche Jakobs schon da: in sehenden Augen, in hörenden Ohren, in aufmerkenden Herzen, in jener Liebe zu Gott, ausgegossen in die Herzen durch den heiligen Geist [5,5], in Worten, die mehr sind als Worte, in der Bereitschaft Vieler, dem Willen Gottes zu gehorchen. Wer sind diese Vielen? Wiederum keine zählbaren 7000, sondern ein, wenn als Quantität angesprochener, alsbald verschwindender, alsbald überhaupt nicht in Betracht kommender «Rest». Wieder kann man auf der aus dem Meer auftauchenden Insel der Wahrheit – ertrinken, denn sobald einer täppischen Fußes sie betreten will, bedeckt sie sich aufs Neue mit der verhüllenden Flut. Wieder ist es die «Wahl der Gnade», die alle Menschen angeht und auf die Keiner ein Recht hat, welche sich hier manifestiert, nicht aber wird hier dieser oder jener so und so heißende Mensch gerechtfertigt. Wieder stehen diese und jene Menschen, an denen Gottes Gedanken (über Alle!) etwa sichtbar werden, durch Gnade allein da als das, was sie sind, und durch Gnade allein mögen sie sichtbar werden in dieser ihrer göttlichen Qualität, und Gnade allein (Gnade für Alle!) ist’s, was an ihnen durch Gnade sichtbar werden kann. Wieder ist also dieser Rest gerade nicht dort zu suchen, wo eine direkte Betrachtung der menschlichen Dinge Emporstiege, Höhepunkte, Gnadenzeiten, Durchbrüche, Erweckungen, Reformationen und dergleichen, d. h. aber – «Werke» zu konstatieren unternimmt. «Sonst wäre ja Gnade nicht Gnade.» Mag er auch dort zu finden sein; dann aber jedenfalls auch dort nur, sofern Gott sich auch |536 auf solchen Höhenkurven menschlich-religiöser Entwicklung finden lassen kann, sofern auch dort «Gehorsam»
(10,16) stattfindet. Aber gerade darum nicht nur dort, zum Ärgernis aller geradlinigen Betrachtung sicher nicht nur dort (wird er dort gesucht, sogar sicher gerade dort nicht!), sondern ebenso sehr, ja vielleicht erst recht und noch ganz anders in 382 den Tiefenkurven, wo von «Werken», wie die Kirchenhistoriker sie lieben, gar nicht die Rede sein kann, wo es offenkundig ist, dass alle und jede Zeit ganz und gar «Zwischenzeit» ist, wo nur Gott für Gott die Augen öffnen, wo nur Gott in der menschlichen Armseligkeit und Verlorenheit sich selbst wiederfinden und erkennen kann. Das Erkennen Gottes selber entscheidet, gleichviel ob die Kurve der Kirchengeschichte nach oben oder unten weist, gleichviel ob wilde Alemannen oder domestizierte Fromme des 19. Jahrhunderts sein Objekt sind. Weil Gott sein Volk erkannte (11,2), darum hat er es nicht verstoßen. Aus Gnade erwählt ist der Mensch, das ist die demütigende und gerade insofern rechtfertigende und rettende Botschaft vom «vorhandenen Rest», dessen Licht «jetzt» inmitten der Not und Schuld der Kirche aufleuchtet. Dass Gott sich selber «jetzt» rechtfertigt, seine eigene Einheit «jetzt» beweist, das allein kann die Hoffnung der Kirche sein. Das aber ist ihre Hoffnung, so gewiss Gott «jetzt» in Christus sich offenbart als der, der unsre Not ist und an dem wir schuldig geworden sind.
V. 7‒10 Wie steht es nun? Was Israel sucht, das erlangte es nicht; die Auserwählten aber erlangteng es. Die übrigen aber wurdenh verstockt, wie geschrieben steht: Gott gab ihnen einen Geist des Tiefschlafs, Augen zum Nicht-Sehen und Ohren zum Nicht-Hören bis auf den heutigen Tag. Und David spricht: Ihr Tisch möge ihnen zur Schlinge und zur Falle und zum Ärgernis und zur Strafe werden! Finster mögen ihre Augen sein zum Nicht-Sehen, und ihren Rücken mögest du beugen ein für allemal!
Wir machen, um unzweideutig zu demonstrieren, dass wir Gott meinen, wenn wir von der Hoffnung der Kirche reden, noch einmal Halt bei Gottes Nein über die Kirche. Nur im Ringen mit diesem |537 Nein kann ja die Kirche Jakobs erscheinen, kann die Hoffnung rein, echt und real sein. Dieses Nein besteht in der nochmals (9,31) festzustellenden Tatsache, dass «Israel nicht erlangte, was es sucht». Es erlangt es nicht und es wird es nicht erlangen. Wir wissen, was es sucht: jene eigene Gerechtigkeit unter bewusster Eskamotierung der göttlichen (10,3), jene Rechtfertigung und Rettung des Menschen durch die Inthronisierung des frommen Menschen. Wo wäre die Kirche, die nicht nach kurzem zauderndem Bedenken immer wieder das suchte? Wer, der weiß, wie Kirche zustande kommt, könnte sich selbst von der Schuld dieses Suchens freisprechen? Also die Hoffnung, dieses zu erlangen, kann sich nicht erfüllen. Alle Hoffnungen dieser Art werden immer wieder scheitern an ihrer eigenen Unmöglichkeit, an der Unmöglichkeit Gottes. Aber meint die Kirche bei diesem Suchen nicht etwas 383 ganz Anderes, etwas, an das sie sich nicht heranwagt, weil der Mensch als Mensch das gar nicht suchen kann und weil sie sich, wenn sie sich daran heranwagte, ihre eigene völlige Fragwürdigkeit eingestehen müsste? Ist es nicht so, dass nicht das Suchen selbst hier schuldhaft ist (im Gegenteil: Suchet Ihn, so werdet ihr leben! [vgl. Am. 5,4.6]11), sondern das Vergessen, dass der Mensch hier nicht suchen kann, die Überhebung, mit der er meint suchen zu können, ohne schon gefunden zu haben, die Unbedachtheit, mit der er das schon Gefundene preisgibt, um dann sicher umsonst zu suchen?
An der Grenze der menschlichen Möglichkeit, die mit der Kirche zusammenfällt, steht der nicht-vergessende, der sich nicht-überhebende, der nicht-unbedachte Mensch, der sich unter das Gericht Gottes gebeugt und so Gerechtigkeit erlangt hat: Gerechtigkeit Gottes. «Die Auserwählten haben es erlangt», das, was die Kirche bei ihrem Suchen eigentlich meint. Wir haben uns eingeschärft, dass diese «Auserwählten» nicht diese und jene sind, nicht da und dort, nicht so und so heißen. Aus Gnade sind sie, was sie sind. Sie sind nicht nachzuweisen. Sie sind nicht aufs Programm zu nehmen. Man kann nichts mit ihnen anfangen, nicht mit ihnen rechnen. Sie werden keine Kirchenlichter werden. Sie werden keine Schule machen. Sie werden keine «Anregungen» geben, es wäre denn den Anstoß zum ewigen Leben12 |538 und auch diesen nur in Form des Ärgernisses. Sie sind hier und sie sind dort, nur sicher nie da, wo Da! gerufen wird. Sie tragen diesen und jenen Namen, nur sicher nie den, auf den sie angeredet werden. Sie sind bekannt als die Unbekannten [vgl. 2.Kor. 6,9]. Sie tauchen auf, um wieder zu verschwinden. Ihre Auserwähltheit und ihr «Erlangen» gewinnt keine historische Breite, weder in erbaulichen Lebensgeschichten noch in gesegneten Einflüssen auf die Kirchengeschichte. Was an ihnen etwa historische Breite gewinnt, ist sicher nicht ihre Erwähltheit und ihr Erlangen. Also auch in ihnen, in diesen Trägern ihrer eigenen Hoffnung, kann die Kirche nur die grenzenlose Freiheit und Verborgenheit Gottes erkennen und nur in dieser Freiheit und Verborgenheit seine Gnade und nur in seiner Gnade ihre eigene Hoffnung. Auch an ihnen kann sie immer nur lernen: «Was Israel sucht, das erlangt es nicht.»
«Die Übrigen aber wurden verstockt.» Das Licht scheint in der Finsternis [Joh. 1,5] – nicht überwältigt! aber in der Finsternis! Hoffnungslosigkeit ist Hoffnungslosigkeit. Der tote Punkt ist der tote Punkt. Keine Kontinuität zwischen der Seele des Einen und des Andern, zwischen den Trägern der Hoffnung und denen, zu denen sie getragen wird, keine Übertragung, keine Ansteckung, kein «Einfluss» von jenen auf diese. Nur in Gott ist der Zusammen384hang. Nur von Gott werden auch diese erlangen, was sie, wenn sie es nicht von Gott erlangen, vergeblich suchen. Nur Hinweis auf Gott, aber nicht göttlicher Anfang, göttlicher Same, Zellkern oder dergleichen etwa können die Erwählten für die Andern sein (das Reich Gottes nur anzukündigen, nicht aufzurichten, hat auch der synoptische Jesus seine Jünger ausgesandt Mt. 10,7!), sind sie doch selber immer wieder in der einen großen, der einzigen, der (Mt. 10,28 ausdrücklich als solche bezeichneten) tödlichen Gefahr, Gottes uneingedenk zu sein, und darum, sofern sie nicht Hinweisende sind, ganz und gar zu diesen Andern gehörig und mit ihnen «verstockt», gegen die göttliche Möglichkeit hermetisch abgeschlossen. Es bleibt dabei, und so muss die Kirche ihre Hoffnung begreifen lernen, dass, wenn Gott nicht das Wunder tut (und eben das Wunder Gottes ist es, was sich in den Auserwählten meldet!), keine Hoffnung vorhanden ist. Es bleibt dann bei der einzigen anschaulichen Wahrheit, die, sofern die Kirche dabei verharrt, anschauliche Wahrheit zu verkündigen, über jede Kirchentüre, |539 über jedes Predigtmanuskript, auf die erste Seite jedes religiösen Buches geschrieben werden müsste: «Die Übrigen wurden verstockt.» Die «Übrigen» sind so wenig eine Quantität wie die «Auserwählten». Alle sind die «Übrigen», sofern Gott nicht durch Gott erkannt wird. Denn Gott will durch Gott erkannt sein: darum das Erscheinen der Auserwählten, darum auch der Ausschluss der «Übrigen», zu denen alsbald auch die Auserwählten gehören, sofern ihr Dasein nicht mehr das bedeutet.
Es bleibt dann bei der ganzen Not der Kirche Esaus, dass sie von Gott mit «Tiefschlaf», mit «nicht-sehenden Augen» und «nicht-hörenden Ohren» geschlagen ist, dass von Gott aus ihr «Tisch», ihr ganzes Tun, «zur Schlinge und zur Falle und zum Ärgernis und zur Strafe» werden muss, dass Gott «ihren Rücken beugt» unter das nicht als Rechtfertigung und Errettung begriffene und doch nicht zu vermeidende Gericht. Dieser Gott also, der so unbarmherzig Nein sagt, indem er seine Barmherzigkeit offenbart, der so unerbittlich ausschließt, indem er allen sich zuwendet, der so verborgen bleibt, ja erst recht als der verborgene Gott sich kundgibt, indem er seinen Namen nennt – er ist die Hoffnung der Kirche: seine Einheit, seine Identität, seine Gnade und seine Wahrheit. So und nicht anders ist er unser Vater in Jesus Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Woher soll der Kirche so viel Hoffnung kommen, um auf diesen Gott ihre Hoffnung zu setzen?
Ein Wort an die draußen
V. 11 Nun sage ich: Sind sie dazu angerannt, damit sie fallen sollten? Unmöglich! Sondern durch ihren Fall geschieht die Rettung der Heiden – um auch sie selbst eifersüchtig zu machen.
«Sind sie dazu angerannt, damit sie fallen sollten? Unmöglich!» Der Kirche, jeder Kirche gegenüber sehen wir die «Heiden», die «Andern» stehen – Kirche ihrerseits ziemlich sicher, aber nehmen wir sie einmal in ihrer relativen Unkirchlichkeit gegenüber der uns zunächst |540 liegenden Kirche als die Nichtmithörenden und Nichtmitredenden, als die unbeteiligten Zuschauer und Zeugen des kirchlichen Versuchs, des kirchlichen Misslingens. Sie sehen auf alle Fälle – die Welt, bzw. eine Kirche hat es an der andern von jeher gesehen, auch wenn sie dazu geschwiegen hat –, dass da ein Misslingen stattfindet, ein Straucheln, ein «Anrennen» an ein unsichtbares Hindernis. Sind wir selber auch nur einigermaßen gesunde, romantisch unangekränkelte «Heiden», so werden wir etwa einer katholischen Messe kaum anders beiwohnen können als mit der Grundempfindung, dass es so nicht geht, wenn wir es nicht mit dem Heidelberger Katechismus sogar noch kräftiger ausdrücken wollen.13 Sind wir selber irgendwo «drinnen» (und wir sind es alle!), so wollen wir uns darüber klar sein, dass die jeweils, von uns aus gesehen, Draußenstehenden, uns gegenüber nicht besser daran sind. Die jeweiligen «Heiden» sind eben immer in der glücklichen Lage, festzustellen, dass ihnen die Kirche nicht imponiert, nicht den Eindruck einer wesentlichen Unternehmung macht, vielleicht ehrwürdig, aber jedenfalls nicht glaubwürdig erscheint. Dass es sich in der jeweiligen Kirche um das Wort Gottes handle, das hören sie zwar behaupten, sie sehen es aber nicht beweiseni. Die draußen haben als solche eine feine Witterung für die Not und Schuld der Kirche, für das göttliche Nein, das ihr entgegengestellt ist. Sie sehen den Stachel, wider den die da drinnen nicht löcken können [vgl. Act. 9,5; 26,14]. Was von Gott aus gegen die Kirche zu sagen ist, das wird tatsächlich, mit Verstand oder Unverstand, immer auch von der «Welt» aus gegen sie gesagt. Aber eben darum kann das, was von der Welt gegen die Kirche gesagt wird, immer nur im Sinne dessen aufgefasst werden, was von Gott aus gegen sie zu sagen ist, nicht anders. Also nicht so, als ob etwa die Ohnmacht, die Verlegenheit, die tiefe Unglaubwürdigkeit, in der sich die Not und Schuld der Kirche der Welt gegenüber immer wieder manifestieren wird, eine letzte, eine metaphysische Wirklichkeit wäre. Nicht erledigt, nicht überwunden ist die Kirche, sie ist nicht aus, und wenn die «Heiden» 386 noch zehnmal deutlicher an ihr sehen wür|541den, was sie sehen. So wenig die Welt selbst in ihrer Not und Schuld von Gott fallen gelassen ist, so wenig ihr fragwürdiger Gipfel, die Kirche. «Welt» und «Kirche» sind ja, was sie sind, nur in Relation zueinander. Wie sollte da von
absoluter Ausschließlichkeit der einen gegenüber der andern die Rede sein können? Absolut ist ihrer beider Gegensatz zu Gott. Von Gott aus gesehen ist es allerdings «aus» mit der Kirche, aber ebenso sehr mit der Welt: «aus» mit Israel und mit den Heiden. Also: Unmöglich dazu sind sie angerannt (am Stein des Anstoßes und Fels des Ärgernisses 9,33), damit sie fallen sollten.
«Sondern durch ihren Fall geschieht die Rettung der Heiden.» Not und Schuld der Kirche ist ein Moment jenes unanschaulichen «Ganges» Gottes j-von der Verwerfung zur Erwählung-j, vom Nein zum Ja, von Esau zu Jakob, von Pharao zu Mose, k-in dem er seine souveräne Freiheit betätigt, in dem er sich selbst kundgibt, in dem-k er die Versöhnung der Welt vollzieht (9,22–23), eben darum aber keine letzte Gegebenheit, kein metaphysisches Zweites neben seiner Gerechtigkeit und Herrlichkeit, sondern nur die in der Zeit seine ewige Gerechtigkeit und Herrlichkeit, seinen Willen, allen zu helfen, die Hoffnung der Kirche bedeckende Zorneswolke. «Sein Zorn währt einen Augenblick und lebenslang seine Gnade; den Abend lang währet das Weinen, aber des Morgens ist Freude» (Ps. 30,6). Verwerfung gibt es nur als Schatten des Lichtes der Erwählung. Gottes Nein ist nur die diesem Menschen in dieser Welt unvermeidlich zugekehrte Kehrseite von Gottes Ja. Esau
ist Esau nur, sofern er nicht Jakob ist. Pharaos unanschauliche Verstockung dient zum Erweis derselben Gotteskraft wie Moses unanschauliches Berufensein. Stellvertretendl muss der Mensch, der die Offenbarung Gottes empfängt, mit der ganzen Not und Schuld, die das mit sich bringt, einstehen für den Menschen, der die Offenbarung Gottes empfängt und darin seine Hoffnung hat. Der Erstem ist aber Israel, ist die Kirche. In ihrem Versagen, in ihrer Katastrophe wird der Zweiten geboren. «Durch ihren Fall geschieht die |542 Rettung der Heiden.» «Wo die Sünde zum Überfließen kam, da überströmte die Gnade» (5,20). Erwählung ist die unerhörterweise mögliche und wirkliche Errettung des Menschen aus dem unvermeidlichen Los der Verwerfung. Nur in der Umkehrung seines Nein kann Gottes Ja bestehen. Jakob ist Jakob, weil er nicht Esau ist. Und keine Berufung Moses, die nicht die Berufung eines unheilbar verstockten Pharao wäre. So geschieht durch das Fallen der Kirche die Rettung der Heiden. Aber wie geschieht sie? In der Bewährung der göttlichen Gnade über aller menschlichen 387 Ungerechtigkeit. Ihr (der Gerechtigkeit Gottes) steht die gen Himmel schreiende Menschenungerechtigkeit der Heiden weniger im Wege als die Menschengerechtigkeit der Kirche. Dieser relative (und negative) Gegensatz zur Kirche also ist das fruchtbare Moment des Heidentums. So sind die Heiden nur gerechtfertigt gegenüber der Kirche und nicht anders. Indem Gott sich der Kirche gegenüber immer wieder als der Alleinmächtige beweisen will, indem das Menschenwerk der Kirche immer wieder an Gott zerschellen muss, wendet sich das Blatt zugunsten derer draußen; indem die Kirche Christus kreuzigt, kommt das Heil zu den Heiden.
«Um auch sie selbst eifersüchtig zu machen» (9,19). Der beschriebene Zusammenhang lässt den Gedanken an einen metaphysischen Gegensatz zwischen psychologischen Individuen «draußen» und «drinnen» nur aufkommen, um ihn alsbald wieder verschwinden zu lassen. Objekte, Träger, Werkzeuge des einen göttlichen Tuns sind sie beide. Als göttliche Möglichkeit ist die Erwählung immer auch die Möglichkeit der Verworfenen. Gottes Ja leuchtet hinüber auch in die letzte Tiefe seines Nein, gerade weil dieses so radikal, weil es das göttliche Nein ist. Erinnerung an den Gott Jakobs ist die provozierende Bevorzugung Jakobs auch für Esau. Und an dem göttlichen Ursprung der Berufung Moses hat auch Pharao in seiner Verstockung Anteil – und wäre es nur durch «Eifersucht», durch die tiefe Beunruhigung, die das Dasein der Erwählten, d. h. aber die Demonstration der göttlichen Freiheit und Gnadenwahl für die Verworfenen notwendig bedeutet. Eben diese Eifersucht, diese Beunruhigung ist – menschlich geredet – die Hoffnung der Kirche, das letzte Wort, mit dem sich das, was mit dem nicht-erwählten Menschen geschehen wird und zu geschehen hat, in subjektiven Kategorien beschreiben lässt. |543 Dazu ist die Kirche «angerannt» - dazu ihr Misslingen, ihre Unglaubwürdigkeit, der unfreiwillige Humor, mit dem sie umgeben ist, dazu der tief verborgene Schaden Josephs [vgl. Am. 6,6] – damit sie die in dem allem sich offenbarende Freiheit Gottes aufs Neue erkenne, damit sie der heilsamen, fruchtbaren, verheißungsvollen Eifersucht und Unruhe aufs Neue teilhaftig werde, damit sie für Gott aufs Neue – offen werde. Ist diese Erkenntnis, diese Unruhe, diese Offenheit aufs Neue da, dann hat die Not und Schuld der Kirche ihr Ziel und damit ihr Ende, ihre Erfüllung – in Gott – erreicht.
V. 12‒15 Ist aber ihr Fall Reichtum für die Welt und ihre Entleertheit Reichtum für die Heiden, um wie viel mehr ihre Erfüllung! Zu euch Heiden sage ich das! Gerade sofern ich Heidenapostel bin, suche ich die Ehre meines Amtes darin, die 388 von meinem Fleisch eifersüchtig zu machen und Einige von ihnen zu retten. Denn ist ihre Wegwerfung Versöhnung der Welt, was ist dann ihre Aufnahme anderes als Leben aus dem Tode?
«Ist aber ihr Fall Reichtum für die Welt und ihre Entleertheit Reichtum für die Heiden, um wie viel mehr dann ihre Erfüllung?» An der Wirklichkeit Gottes anrennen, an Gott zuschanden werden, an Gott sterben müssen, das ist ein hoffnungsvolles Geschehen. Wem das widerfährt, der kann wohl gefallen sein, aber nur gefallen, um an eben dem Hindernis, an dem er zu Fall gekommen, sich wieder aufzurichten – nicht endgültig, nicht in einem metaphysischen, starren, absoluten, über die Zeitgrenze etwa hinausgreifenden Sinne gefallen. An Gott zu Falle kommen, das bedeutet, weil Gott Gott ist, um der Freiheit Gottes willen die Möglichkeit, wieder aufzustehen. Damit also haben die, die von außen das Versagen, die «Entleertheit» der Kirche feststellen, zu rechnen. Dieses Ende ist kein Ende.
«Reichtum für die Welt», «Reichtum für die Heiden» ist die Not und Schuld der Kirche, jenes Versagen, jene «Entleertheit» Israels, wie sie sich in der Kreuzigung Christi offenbart, wie sie der Welt ja nur im Lichte des Kreuzes Christi offenbar sein kann. Denn in dieser Katastrophe, im Sehen dieser Katastrophe offenbart Gott, dass er sich seiner Freiheit, seiner Unanschaulichkeit, seiner «ewigen Kraft und Gottheit» (1,20) nicht begeben hat, dass er selber, er allein Gott sein will über allen Menschenwerken. Wo sich das zeigt, wo das gesehen wird, drinnen oder draußen, da findet dann eben in solchem Zeigen und Sehen Erwäh|544lung statt, Kundgebung des auferstandenen Herrn, der «reich ist für alle, die ihn anrufen» (10,12), da gibt er den Demütigen Gnade [vgl. 1.Petr. 5,5; Jak. 4,6]. Unanschaulich jenseits des Kreuzes ist ja (gezeigt von Gott, gesehen mit von Gott sehend gemachten Augen!) die Auferstehung.
Da hat sich Gott bewiesen und bewährt, da hat sich Gott in Erinnerung gerufen als der Ursprung aller Dinge, als der Schöpfer und Erlöser, da hat Gott, indem er an der Fülle des menschlichen Besitzes den Fall, das Minus, den Hohlraum, das Versagen, die Entleertheit, die Unanschaulichkeit erscheinen lässt, die Fülle seines Besitzes erscheinen lassen. Die Fülle seines Besitzes! Seine Gerechtigkeit also, sein Plus, seinen Reichtum, seine Barmherzigkeit, seine Anschaulichkeit. Der Hohlraum an der Fülle des menschlichen Besitzes hat ein Ende, wie diese Fülle selbst ein Ende hat. Gottes Fülle aber, das Plus, das für jenes Minus eintritt, hat kein Ende. Das Ende der Kirche ist der Anfang der Fülle Gottes, die nicht nur unendlich, sondern ewig ist und also nicht nur die 389 Begrenzung, sondern die Aufhebung des ihr gegenüberstehenden Endlichen, in der es also keine Erwählten und Verworfenen, Heiden und Juden, Draußenstehende und Drinnenstehende gibt, weil in ihr Alle Einer sind in Christus Jesus [vgl. Gal. 3,28]. Ist die negative Bedeutung des Endes der Kirche (die Bedeutung des Kreuzes Christi!) die Tat der Selbstbefreiung Gottes aus allen menschlichen Schranken,
die Möglichkeit und Wirklichkeit der Gnadenwahl Gottes und der Versöhnung des Menschen mit ihm, das Aufblitzen des ewigen Augenblicks in der Zeit, so ist ihre positive Bedeutung (die Bedeutung der Auferstehung Christi!) das ewige Licht selbst, die Ewigkeit, die ganz und gar keine Zeit mehr neben sich hat, das Leben des Auferstandenen, die geschehende und geschehene Erlösung, die Verunmöglichung der Verwerfung durch die Erwählung. Dass die letzten Dinge in Frage kommen (Aufhebung des Todes 11,15; 1.Kor. 15,26!), wenn das Ende der Kirche in Frage kommt, dass, wo «Entleertheit» (heilsame Entleertheit!) festzustellen ist, «Erfüllung» (noch ganz anders heilsame Erfüllung!) vor der Türe steht, dessen mögen sich also die Zuschauer der Kirche und ihres Misslingens bewusst sein. Dass die Kirche aus ist, das dürfte nur unter Furcht und Zittern, das dürfte besser gar nicht festzustellen sein, denn wer ertrüge es, zu wissen, was dann ist?
545«Zu euch Heiden sage ich das. Gerade sofern ich Heidenapostel bin, sehe ich die Ehre meines Amtes darin, die von meinem Fleisch eifersüchtig zu machen und Einige von ihnen zu retten.» Die «draußen», gerade sie, müssen das alles hören und bedenken. Sie sind gerechtfertigt durch die Not und Schuld der Kirche. Der Augenblick der Verwerfung jener drinnen ist der Augenblick ihrer eigenen Erwählung. Was Israel richtet, die Alleinherrlichkeit Gottes, das rettet sie – sie in der ganzen, fast keinen Augenblick zu rechtfertigenden oder zu beschönigenden Blöße ihrer fast unqualifizierten Weltlichkeit, sie in ihrer ganzen, zu keinerlei ernsthaftem Anspruch berechtigten und hoffentlich auch keinen solchen erhebenden menschlichen Schwachheit. Ihr Apostel ist Paulus, gerade an sie sieht er das Evangelium gerichtet, weil ihm ihre Blöße und Schwachheit ein Gleichnis ist für jedeo Nacktheit und Armut des vor Gott stehenden und von Gott gerechtfertigten Menschen im Gegensatz zu dem andern Menschen, der gerade in der gesunden Fülle seiner eigenen Gerechtigkeit jedenfalls nicht vor Gott steht, nicht zu rechtfertigen ist. Aber eben das hält Paulus auch bei Israel fest, führt ihn immer wieder zu Israel zurück, nötigt ihn, wie es Lukas sicher zutreffend beschreibt, mit seiner Verkündigung immer bei Israel einzusetzen14. 390 Denn die Blöße, p-in der sich der «Heide»-p befindet und die im Kontrast zu der Fülle Israels seine Offenheit für Gott bedeutet, sie kann doch eben darum nichts anderes bedeuten als die Lage, in der sich der Mensch überhaupt, also auch Israel, Gott gegenüber befindet, den Punkt, wo jenseits seiner eigenen Gerechtigkeit, die sein Gericht ist, auch für Israel das göttliche Trotzdem! der Vergebung in Betracht kommt. Und umgekehrt: Dass die Vergebung der jenseitige Sinn der menschlichen Blöße der Weltkinder ist, woher sollte das zu wissen sein, wenn nicht gerade von dorther, wo in der Erschöpfung der letzten, höchsten, der religiösen Möglichkeit des Menschen der Sinn seiner und jedes Menschen Lage in Gott erkannt ist: anderswoher als von der kapitulie|546renden Kirche aus ist der Welt die Vergebung tatsächlich noch nie verkündigt worden. Ist also einerseits die Welt der Spiegel, in dem die Kirche, demütigender- und verheißungsvollerweise, sich selbst erkennen muss, so ist die
Kirche andrerseits der Spiegel, ohne den die Welt sich selbst nicht in ihrer Beziehung zu Gott erkennen würde. Wobei wiederum daran erinnert sei, dass «Kirche» und «Welt» hier nicht als historische, sondern als dialektische Größen zu verstehen sind. Wie durch eine eiserne Klammer sind Kirche und Welt zusammengehalten durch den unendlichen qualitativen Unterschied von Gott und Mensch, die dort des Menschen Verwerfung, hier seine Erwählung bedeutet, der aber ein Auseinanderfallen der Menschen in die zwei entsprechenden Gruppen schlechthin unmöglich macht. Müssen es sich die einen gefallen lassen, durch die andern beunruhigt, «eifersüchtig» gemacht zu werden, so dürfen diese Andernq ihre Andersheit nur in dem erkennen, was auch jene rechtfertigt, was nicht säumen wird, alsbald auch «Einige» von Jenen zu «retten», herauszureißen aus ihrer Verstockung, zum Zeichen, dass Errettung und nicht Verderben auch ihrer aller ewige Zukunft ist. Der «Heidenapostel» wäre nicht der Gesandte Jesu Christi, wenn er sich nicht ebenso sehr an den Heiden im Juden wenden würde wie an den Heiden im Heiden. Und der Heide wäre nicht der Erwählte Gottes, wenn er etwa dabei beharren wollte, dass der Jude als solcher der Verworfene, dass die Kirche erledigt sei.
«Denn ist ihre Wegwerfung Versöhnung der Welt, was ist dann ihre Aufnahme anderes als Leben aus dem Tode?» Die «Wegwerfung» der Kirche besteht in der Tatsache, dass der in der Kirche unternommene letzte, höchste Versuch des Menschen, der Versuch, Gottes Wort zu hören und zu reden, als titanisch gerichtet und unmöglich ist, dass gerade er den Menschen belastet, wie ihn kein anderer Versuch belasten kann. Beweis: die Kirche hat Christus gekreuzigt. Sie sucht Gott und 391 verwirft ihn, wenn er ihr begegnet, denn sie vermag ihn nicht zu fassen. In der Erkenntnis dieser Katastrophe vollzieht sich die «Versöhnung der Welt» mit Gott. Wo das geschehenr ist, dass in der Kirche der alte Mensch auf dem Gipfel seiner Möglichkeiten zum |547 Sünder wird an Gott und an Gott sterben muss, da wird der neue Mensch geboren, der «Frieden mit Gott» hat (5,1). «Als Feinde sind wir versöhnt worden mit Gott durch das Blut seines Sohnes» (5,9). Wo anders sollte dieses «als Feinde» und dieses «versöhnt» gesehen werden als im Zusammenbruch der Kirche? Wo anders ist Paulus selbst auf die Schwelle der neuen Welt getreten als s-in der sich längsschnittartig durch sein zeitliches Leben hinziehenden-s Erledigung des Pharisäismus? Gerade die zusammenbrechende Kirche, gerade der sich selbst erledigende Pharisäismus hat aber, eben in dieser unterstrichenen Eigenschaft, eine letzte Daseinsberechtigung. An diesem Juden ist der Heide, an dieser Kirche ist die Welt durchaus interessiert. Die Menschheit ist darauf angewiesen, dass es immer wieder eine Stelle gibt, wo die letzten Konsequenzen der ihr gegebenen Möglichkeiten gezogen werden, um in ihrer offenbaren Unmöglichkeit die Konsequenz der Möglichkeit Gottes erscheinen zu lassen. Und nun wissen wir, dass «Wegwerfung» kein letztes Wort ist, wie für den ganzen menschlichen Lebensversuch nicht, so auch nicht für den in der Kirche unternommenen. Wie ja auch die Worte «Versöhnung» und «Friede mit Gott» in ihrer ganzen Unerhörtheit noch keine letzten Worte sind. Jenseits der «Wegwerfung» wartet die «Aufnahme», die Aufnahme der menschlichen Unmöglichkeiten in die Möglichkeit Gottes, die Einheit von Ursprung und Gegebenheit, das Anziehen der
Unverweslichkeit durch das Verwesliche [vgl. 1.Kor. 15,53], die Verewigung der Zeit, der neue Himmel und die neue Erde [vgl. 2.Petr. 3,13]. Das alles wartet auch auf die – kirchliche Unmöglichkeit. Und wird es nirgends so deutlich wie gerade an der Kirche, was «Wegwerfung» ist, so kann auch, was es ist um die «Aufnahme» dieses Menschen in dieser Welt in die Einheit mit Gott, nirgends so deutlich werden wie eben an der Kirche: Wenn der Mensch in Wahrheit und realiter Gottes Wort hört und redet, wenn das Evangelium (aber wirklich das Evangelium, nicht irgend ein Christentum!) gepredigt wird in der ganzen Welt [vgl. Mt. 26,13 par.], wenn das Programm der Kirche ausgeführt wird als das Programm Gottes, dann – aber was sagen wir «dann»? dann ist keine Zeit und alle Zeit! – dort also sagen wir, um das zeitliche Miss|548verständnis der eschatologischen Möglichkeit, um die es hier geht, zu durchkreuzen – dort, wo die in der Kirche verkörperte Menschenmöglichkeit zusammenfällt mit dem, was diese bedeutet und meint: mit der Möglichkeit 392 Gottes selbst, Gottes allein, dort ist, was mehr ist als Versöhnung, als Friede mit Gott, dort ist «Leben aus dem Tode». Mit andern Worten: t-Das Nichtwegwerfen, sondern die Aufnahme-t der Kirche, die Realisierung der Kirche Jakobs ist identisch mit dem Anbruch des Tages Jesu Christi, identisch mit dem Erscheinen der Herrlichkeit Gottes, deren wir uns jetzt in Hoffnung – aber nur in Hoffnung – rühmen (5,2), identisch mit der in Gott erlösten Welt. Wo also Hoffnung ist, da ist – und das eben ist «euch Heiden», euch Zuschauern da draußen, so sehr ihr als solche (gerade sofern ihr als solche!) gerechtfertigt seid, zu sagen – Hoffnung auch für die Kirche, gerade für die Kirche, da ist alle Hoffnung als solche Hoffnung für die Kirche, weil in der Hoffnung für die Kirche alle Hoffnung beschlossen liegt. Wenn irgendwo, dann muss sich an diesem Punkt, wo die Krankheit der Welt zum Ausbruch kommt, die Wendung zur Gesundung vollziehen. Worauf warten wir? Wir warten darauf, das Wort Gottes existentiell zu hören, existentiell zu reden. Wenn also irgend ein Geschehen allgemein-menschliche Aufmerksamkeit verdient (und tatsächlich trotz allem immer wieder auf sich zieht!),
dann ist es das, das sich innerhalb der Mauern abspielt, wo Gottes Wort zu hören und zu reden immer wieder, und immer wieder vergeblich, unternommen wird.
V. 16‒18 Ist aber der Anbruch heilig, so ist es auch der Teig. Und ist die Wurzel heilig, so sind es auch die Zweige. Sind aber einige von den Zweigen ausgebrochen worden, du aber bist als wilder Ölbaumzweig an ihre Stelle eingepfropft und teilhaftig worden der fetten Wurzel des echten Ölbaumes, so überhebe dich nicht über die Zweige! Aber auch wenn du dich überhebst, so trägst du doch nicht die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.
«Ist aber der Anbruch heilig, so ist es auch der Teig. Und ist die Wurzel heilig, so sind es auch die Zweige.» Der heilige «Anbruch», die heilige «Wurzel» ist die letzte, die eschatologische Möglichkeit, u-die |549 das Thema und als solches-u das Gericht und die Verheißung der Kirche ist. An ihr entsteht die Kirche und muss sie immer wieder entstehen. An ihr wird sie und muss sie immer wieder zuschanden werden. An ihr wird sie, hoffend, wo nichts zu hoffen ist (4,18), nicht zuschanden werden (5,5; 9,33; 10,11). Man lasse sich durch die Gleichnisse von Anbruch und Teig, Wurzel und Zweigen nicht zu der Annahme verleiten, als ob hier etwa von einem «organischen», kontinuierlichen, immanenten Verhältnis der Kirche zu ihrem Ursprung und Ende die Rede sei. Mag sein, dass Paulus bei den Worten «Anbruch» und «Wurzel» an die Erzväter denkt, mag sein an die Auserwählten aus 393 Israel (11,9), aber auch dann an diese geschichtlichen Figuren nur als an die Träger jener eschatologischen Möglichkeit, auf keinen Fall aber an eine ober- oder unterirdische geschichtliche Tradition, an einen irgendwie innerweltlichen Zusammenhang. Denn aus aller anschaulichen Analogie herausfallend ist die Heiligkeit des Ursprungs und Endes, die Teilnahme der Mitte an dieser Heiligkeit, der Zusammenhang also zwischen der Kirche Esaus, die wir kennen, und der Kirche Jakobs, die wir nicht kennen. Die Heiligkeit Gottes in strengster Transzendenz und Wunderbarkeit, die Heiligkeit des Gottes, der in einem Lichte wohnt, da niemand zu kann [1.Tim. 6,16], ist die Hoffnung der Kirche. Sie ist aber ihre Hoffnung, haben wir eben (11,13–15) gehört, weil die Größe der Not und Schuld der Menschheit gerade an der Stelle «Kirche» nur noch als Frage, der diese Antwort entspricht, aufgefasst werden kann. Und diese Hoffnung heiligt die Kirche in ihrer ganzen Unheiligkeit und wird sie immer wieder heiligen.
«Sind aber einige von den Zweigen ausgebrochen worden, du aber bist als wilder Ölbaumzweig an ihre Stelle eingepfropft und teilhaftig worden der fetten Wurzel des echten Ölbaumes, so überhebe dich nicht über die Zweige!» «Paulus ist eben ein Stadtkind – Jesus aber war vom Lande» (Lietzmann).15 Nein, wahrhaftig nicht darum leistet sich Paulus dieses gärtnerisch unmögliche Gleichnis, sondern weil das Unbegreifliche, um das es hier geht, jedes mögliche Gleichnis ausschließt. |550 Die Zweige des edlen Ölbaumes ausgeschnitten: die Verwerfung der Kirche. Der wilde Ölbaumzweig an Stelle jener dem edlen Baum aufgepfropft: die Erwählung derer draußen. Es ist eines so ungeheuerlich wie das andere. Aber gerade darum handelt es sich: Gott lässt sich nicht finden, von denen, die ihn suchen, lässt sich finden von denen, die ihn nicht suchen (10,20), nur weil er Gott ist, weil er an Beiden als Gott sich erweisen will. Er ist die heilige Wurzel des Baumes, aus dem ausgeschnitten auch das Edelreis nicht mehr wachsen kann, auf den aufgepfropft auch der Wildling Leben und Nahrung hat. Nicht so also, als ob etwa der Wildling vor dem Edelreis, der Heide vor dem Juden, der draußen vor dem drinnen an sich einen Vorzug hätte. Der Hochmut, mit dem die draußen in ihrer vermeintlichen Frei- und Wildgewachsenheit auf die in der Kirche heruntersehen möchten, ist immer noch unmöglicher als der umgekehrte. Ist die Blöße jener vor Gott nicht schlechter, so ist sie doch jedenfalls vor ihm auch nicht besser als die an sich immerhin respektable Menschengerechtigkeit derer da drinnen. Denn wohlverstanden: In derv Nacktheit, in der der Mensch Gott angenehm ist, in 394 derw Kindlichkeit oder Jämmerlichkeit, in der er in der Lage ist, vor Gott gerechtfertigt und gerettet zu werden, steht er nur vor Gott, von Gottes Gnaden, nicht etwa um seiner «heidnischen», unkirchlichen, weltkindlichen Eigenschaften willen. Nur Gleichnis dieser Gott angenehmen Blöße ist ihre Blöße! Weder irgend eine ursprüngliche Natürlichkeit tut es, noch proletarische Schlichtheit und Geradlinigkeit, noch das viel bewunderte oder viel postulierte «untheologische» Denken und Reden des religiösen «Laien», noch irgend eine andre Schwachbewusstheit, Unter- oder Unbewusstheit – so wenig die kirchliche Bewusstheit es tut. Was sich im Menschen abspielt von den Exerzitien im Benediktinerkloster bis zum Weltanschauungszirkel des sozialdemokratischen Volkshauses, das sind alles Stufen an einer Leiter. Der Armut im Geiste aber, der absoluten Unkirchlichkeit, die Jesus selig gepriesen hat [vgl. Mt. 5,3] undx die den Heiden vor Gott gerecht macht, hat sich noch Keiner rühmen können, weil sie als solche – noch nie da gewesen ist. Dass die göttliche Möglichkeit der Vergebung für ihn besteht – während sie |551 offenbar für den da drinnen nicht besteht – das wird auch der da draußen nur als Wunder anbeten, nicht aber als sein Vorrecht, als seinen Vorsprung geltend machen können.
«Aber auch wenn du dich überhebst, so trägst du doch nicht die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.» Will sagen: Wenn du es denn, lieber Heide, Zuschauer, Ästhet, Freideutscher16, Sozialist, Naturfreund17 oder was immer du dich zu sein rühmst, nicht lassen kannst, dich im Bewusstsein deines autochthonen und «autonomen» Gottesverhältnisses, oder wie du das nennen magst, über die Kirche zu erheben – und du kannst es wahrscheinlich nicht lassen, weil du selber längst wieder in einer kleinen Kirche bist! – so ändert das nicht das Geringste daran, dass du – im glücklichsten Fall – von der Möglichkeit lebst, die die Kirche unmöglich macht, dass du – im glücklichsten Fall – dort recht hast, wo sie unrecht hat, dass du – noch einmal: im glücklichsten Fall! – in dem Ja stehst, das der Kirche zum Nein werden muss. Du lebst also von dem, was jenseits deiner Möglichkeit und ihrer Unmöglichkeit, y-jenseits deines Rechts und ihres Unrechts, jenseits deines Ja und ihres Nein-y steht. «Die Wurzel trägt dich». Größenwahn, zu meinen, es könnte auch umgekehrt sein, du mit deiner Echtheit, Reinheit, Ehrlichkeit, Laienhaftigkeit etwa könntest selber die Wurzel, die Quelle des Göttlichen sein! Die Kirche mit ihrer Not und Schuld magst du scheinbar eine Weile los werden, das aber, was die Kirche bedrängt und richtet, wirst auch du nicht los. Was du bist, bist du nur, sofern dasselbe Etwas dich z-jetzt befreit – von deiner Überhebung! 395 Wer sich dieser Befreiung überhebt-z, der ist eben damit mit der Kirche in gleicher Not und Schuld; er ist nicht mehr |552 draußen, sondern längst ebenso sehr oder noch viel schlimmer drinnen, ein abgehauener Zweig – es könnte auch abgehauene Wildlinge geben! – wie jene, über die er sich überheben wollte.
V. 19–22
Davon ist nun noch zu reden: Du wirst nun sagen: Die Zweige wurden ausgebrochen, damit ich eingepfropft würde! Sehr wohl! Wegen des Unglaubens wurden sie ausgebrochen, du aber stehst, wo du stehst, wegen des Glaubens. Versteige dich nicht in deinem Sinn, sondern fürchte dich! Denn wenn Gott die natürlichen Zweige nicht schonte, so wird er auch deiner nicht schonen. Schau du an die Güte und Strenge Gottes: über den Gefallenen die Strenge, über dir aber die Güte Gottes – wenn du nämlich bei dieser Güte bleibst, sonst wirst auch du ausgeschnitten.
«Die Zweige wurden ausgebrochen, damit ich eingepfropft würde!» Das ist nun freilich die triumphierende Behauptung, mit der die Erwählten da «draußen» jeweilen der «Kirche» gegenüber auf den Plan zu treten pflegen. Muss es sein? Könnte es nicht auch anders sein? Es muss offenbar sein: Heute, heute und von uns, von uns ist Gott und sein Reich oder «das Leben» oder «die Entscheidung» gesehen, erfasst, verstanden, erlebt, erfahren, bezeugt, betätigt, verbreitet. Verlassen die alten Wege, zerbrochen die alten Tafeln, überwunden die «Männer von gestern», gestürzt die Götzen von «vor dem großen Ereignis»! Und nun kommt – unser Tag. Usf.
«Sehr wohl!» ist dazu zu sagen. Wer wollte die Möglichkeit solcher Rede grundsätzlich bestreiten? So hat die Parole noch immer gelautet, wenn der göttliche Zugwind hier eine Türe öffnete, dort eine andere zuschlug, wenn die göttliche Freiheit hier die Menschen befreite, dort sie bedrängte, hier ein Gefäß zur Zierde und dort eins für den Schmutz schuf, hier Licht und dort Schatten verbreitete. Und Gleichnis wesentlicher Wahrheit wenigstens war dann solches Reden, solche Stimmung, soweit es überhaupt einen Sinn hatte und nicht bloßes Missverständnis war zum vornherein. Als Lobpreis Gottes, warum sollte es nicht angestimmt werden von den Erwählten da draußen: das Lied von der Zeit, in der es eine Lust sei zu leben18?
553Aber: «Wegen des Unglaubens wurden sie ausgebrochen, du aber stehst, wo du stehst, wegen des Glaubens.» Das ist das Kriterium der Erwählten, das jedenfalls zur Vorsicht mahnt. Es ist gefährlich, seine eigene Stellung im Reich Gottes zu erwägen. Es ist gefährlich, sich 396 selbst als Figur in einer Heilsgeschichte zu sehen und mit andern zu vergleichen! Es ist gefährlich, es allzu gut zu wissen, wer und was man ist. Besser wir überließen es ganz und gar Gott, das von uns zu wissen. Denn in seinem Wissen liegt ja doch die Entscheidung darüber, ob das alles wahr oder im selben Augenblick Lüge und Einbildung ist. Der Grund der Erwählung ist der Glaube. Der Grund der Verwerfung ist der Unglaube. Aber wer istaa etwa gläubig? Wer etwa nicht ungläubig? Unanschaulich, ungreifbar, ungewiss für uns ist Glaube und Unglaube in Gott selbst begründet. Die Wurzel, die Wurzel tut es. Und was sollte etwa (der Wurzel gegenüber!) der Wildling vor dem abgehauenen Edelreis voraushaben?
Also: «Versteige dich nicht in deinem Sinn, sondern fürchte dich!» «Der Ton der absoluten Heilsgewißheit von 8,28f. klingt hier nicht gerade nach» (Jülicher).19 Doch, durchaus! Denn was dort gesagt ist, ist gesagt von «denen, die Gott lieben», und die Liebe zu Gott entspringt immer wieder der Furcht Gottes, von der wir hier neuerdings hören, dass sie, gerade und durchaus sie, der Anfang der Erkenntnis ist [vgl. Spr. 1,7]. Glaube ist kein Ding (wie etwa «Frömmigkeit»), dessen man sich rühmen, das man Gott und den Menschen darwägen und gegen sie ausspielen, auf Grund dessen man sich versteigen könnte. Glaube entspringt unter Furcht und Zittern [vgl. Phil. 2,12] der Erkenntnis, dass Gott Gott ist. Was nicht dort entspringt, das ist nicht Glaube, sondern Unglaube und begründet Verwerfung. «Heilsgewissheit» (wenn denn dieses fragliche Wort gebraucht sein soll) ist jedenfalls nicht eine Eigenschaft, die von irgend jemand irgendwoher gegen (oder auch für!) eine Kirche ins Feld geführt werden könnte. Es gibt kein furchtbareres Missverständnis der Reformatoren! Gott entscheidet, und wie seine Güte, so ist auch seine Strenge (als seine Güte, als seine Strenge!) alle Morgen neu [vgl. Klagel. 3,23]. Die schau an! |554 Gnadenwahl gilt! «Heilsgewissheit» ohne exklusivste doppelte Prädestination, Heilsgewissheit im Sinn des neuern Protestantismus ist schlimmer als Heidentum! «Hagars Magdgeist macht sich groß, wenn er etwas empfangen hat. Aber das ist der Weg, hinausgestoßen zu werden» (Steinhofer).20 Und es muss nun daran erinnert werden, dass jene gegenüber der Kirche schon so oft erhobene Siegersprache der Draußenstehenden tatsächlich noch immer die Glocke war, die eine neue – Kirche einläutete, die auf die Not und Schuld der alten nicht lange zu warten brauchte, die alsbald mit ihr zu den abgehauenen Zweigen gehörte. «Denn wenn Gott die natürlichen Zweige nicht verschonte, so wird er auch deiner nicht schonen. 397 Schau du an die Güte und Strenge Gottes: über den Gefallenen die Strenge, über dir aber die Güte Gottes – wenn du nämlich bei dieser Güte bleibst, sonst wirst auch du ausgeschnitten.» Man hüte sich vor «Laien», die ihre Laienhaftigkeit als ein Bene geltend machen und ausspielen, vor Weltkindern, die ihrer Weltlichkeit bewusst und affektiert froh sind, womöglich noch mehr als vor allen Pfaffen. Die wirklich Erwählten draußen werden jene Siegerparole nicht ausgeben.
V. 23‒24 Und auch jene, wenn sie nicht beharren im Unglauben, werden eingepfropft werden. Denn Gott ist kräftig, sie wieder einzupfropfen. Denn wenn du aus dem deiner Natur gemäßen wilden Ölbaum ausgeschnitten und wider deine Natur dem edlen eingepfropft wurdest, um wie viel mehr werden diese, deren Natur das entspricht, ihrem eigenen Ölbaum eingepfropft werden!
Unerschütterlich und unangreifbar besteht die Hoffnung der Kirche. «Der Israel zerstreut hat, der wird es auch wieder sammeln» (Jer. 31,10). Von Gott kommt Beides: die Verwerfung und die Erwählung. Wunderbar, unbegreiflich und dunkel ist immer wieder Beides. Wunderbarer, unbegreiflicher und dunkler aber ist die Erwählung derer, die Gott nicht suchten, als die Erwählung derer, die ihn immer suchten. Sie haben Anlass, auf Gnade allein und darum mit der Kirche und für sie zu hoffen.
555
Das Ziel
V. 25‒27 Denn ich möchte, Brüder, dass ihr an diesem Geheimnis nicht vorübergeht und euch in euren zufälligen Gedanken darüber bewegt: Verstockung kam teilweiseab über Israel bis auf den Eintritt der Erfüllung für die Heiden. Und unter diesen Umständen wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: Kommen wird der Erlöser aus*1 Zion und wird wegtun die Ehr398furchtslosigkeiten von Jakob, und das wird der Bund mit ihm sein, der von mir aus geschlossen wird: dass ich wegnehmen werde ihre Sünden.
«Ich möchte, dass ihr an diesem Geheimnis nicht vorübergeht und euch in euren zufälligen Gedanken darüber bewegt.» Hoffen heißt: |556 den Blick fest auf die hoffnungslose Wirklichkeit gerichtet, wissen um ihre Relativität, wissen um das Ziel, das ihr jenseitiger Sinn ist und dem sie unanschaulich zustrebt. Diese hoffnungslose Wirklichkeit in ihrer verborgenen Doppelsinnigkeit, in ihrer nur durch das indirekte Wissen der Hoffnung zu sprengenden Verschlossenheit und Unbegreiflichkeit ist das «Geheimnis» (Mysterium). «Geheimnis» dürfte in der Sprache des Paulus das sein, was wir das Paradox nennen. Geheimnis ist das Dasein des Menschen der Sünde, der den Anbruch des Tages Jesu Christi verhindert (2.Thess. 2,7). Geheimnis ist die störende Ungleichzeitigkeit der Lebenden und der schon Entschlafenen der Auferstehung gegenüber (1.Kor. 15,51). Geheimnis ist das zunächst durchaus fragwürdige Einswerden von Mann und Weib in der Ehe (Eph. 5,32). Geheimnis ist vor allem das Evangelium selbst als Menschenwort, aus dem das Gotteswort erst hervorbrechen möchte. «Quoties desperationem nobis iniicit longior mora, occurrit mysterii nomen» (Calvin).24 So ist nun auch die Lage zwischen Gott und Mensch, wie sie sich unter dem Gesichtspunkt der Kirche gestaltet, «Geheimnis». Ein unerträgliches Rätsel ist uns damit aufgegeben, dass wir direkt immer nur von der Not und Schuld Israels, von der Kirche Esaus wissen und wissen werden, dass statt der Offenbarung, die die Kirche vollziehen, ac-ja die sie sein-ac möchte, vielmehr gerade in der Kirche durchaus immer und überall Verhüllung stattfindet und dass es andrerseits Offenbarung und Erwählung gibt, die glatt an der Kirche, immer wieder an jeder Kirche, vorbeigeht. Dieses Geheimnis muss vor allem als solches verstanden werden; man soll nicht daran vorübergehen, nicht verkennen, ad-dass uns hier ein von Gott aufgegebenes Rätsel im Wege-ad steht, angesichts dessen notwendig Gott selbst auf den Plan gerufen werden muss, angesichts dessen «getroste Verzweiflung»25 und «Wir heißen euch hoffen!»26 die letzten menschlichen |557 Worte sind, dem gegenüber aber «zufällige Gedanken», Einstellungen, wie man sie den zufälligen, durch das Dies und Das des zeitlichen Geschehens aufgegebenen Rätseln gegenüber zu beziehen pflegt, nicht am Platze sind. «Zufällige Gedanken» gegenüber der Not und Schuld der Kirche sind alle die ungeduldigen, nur subjektiv zu erklärenden, rechthaberischen Aufgeregtheiten, Gereiztheiten, Enttäuschtheiten, Wehleidigkeiten, Anmaßlichkeiten und Mär399tyrerhaftigkeiten, die sich aus mangelnder Einsicht in die letzte Problematik der Lage hier zu ergeben pflegen. Es gilt zu bedenken, dass der Gegensatz von Kirche und Reich Gottes unendlichae ist (9,6). Kein Mensch kann innerhalb dieses Gegensatzes auf der rechthabenden Seite stehen. Keiner darf anders als in Furcht und Zittern [vgl. Phil. 2,12] an den denken, der hier recht hat. Keiner ist kompetent, an der unrechthabenden menschlichen Seite zu verzweifeln, ohne vor allem an sich selbst zu verzweifeln. Keiner hat die Erlaubnis, nicht mehr an die Kirche zu glauben; es wäre denn, er hörte gleichzeitig einmal auf, sich selbst zu rechtfertigen. Keiner ist in der Lage, hier – nicht zu hoffen. Wir stehen vor dem Geheimnis Gottes, wenn wir vor dem Geheimnis der Kirche stehen. Eben darum ist Hoffnung am Platze und nichts sonst.
«Verstockung kam teilweiseaf über Israel bis auf den Eintritt der Erfüllung für die Heiden.» Die Katastrophe der Kirche bietet uns ein Bild, aus dem wir Gott an keinem Punkte wegdenken können. «Von ihm und durch ihn und zu ihm ist alles» (11,36). Er ist der, der die ag-Aufgabe, die die Kirche sich stellt-ag, zu einer unvermeidlich zu stellenden macht. Er ist die große Unmöglichkeit, die sich ihrer Lösung entgegenstellt. Er ist es, an dem der Mensch gerade hier schuldig wird. Er ist es, der hier den Menschen wie mit einer eisernen Klammer festhält von allen Seiten, der sich ihm gerade darin zu erkennen gibt als der eine Gott, als das Jenseits seiner Not und Schuld, als das Ziel seiner Hoffnung. Derselbe Gott, der den Saul erwählt, verwirft denselben Saul, um David zu erwählen. Warum? Weil er Gott ist. «Meine Seele ist still zu Gott, der mir hilft.» [Ps. 62,2] Eben dieses unerhörte Tun ist |558 göttliches, Stille gebietendes Tun, angesichts dessen man hoffen kann, hoffen muss. Wäre es weniger unerhört, so wäre es nicht göttliches Tun, so bliebe dem Menschen etwas anderes übrig, als still zu sein und zu hoffen [vgl. Jes. 30,15]. Verhüllt und verborgen hat sich Gott vor den Augen Israels, unkenntlich und unmöglich hat er sich ihm gemacht. Der Mensch als Mensch kann Gott nicht erkennen. Mit sehenden Augen sollen sie nicht sehen, mit hörenden Ohren nicht hören. Umsonst all ihr Wollen, Suchen, Nachdenken und Eifern. Der entscheidende Punkt wird verfehlt, muss verfehlt werden. Zur Buße kommt es nicht, kann es, darf es nicht kommen um der echten Buße willen, «und ob sie wohl fast nach ihr schnappen wie ein Hund nach der Fliege, so entwischt sie ihnen doch» (Luther)27. Das ist «Verstockung» und das ist die Lage der Kirche Esaus. Aber eben weil die Bedrängnis Israels durch seinen Gott so groß, weil sie unendlich ist, hat sie ein wirkliches Jenseits, ein wirkliches Ende in Gott 400 selber, der das Jenseits alles Diesseits, das Ende auch der Unendlichkeit ist. Eben weil die «Verstockung» von Gott kommt, bestehtah sie erstens nur «teilweise», nur relativ; es stehen der Totalität der Verworfenen beständig gegenüber die unanschaulichen «Siebentausend» (11,4) der Erwählten, der in der Bedrängnis schon Getrösteten, aus der Bedrängnis schon Geretteten; es wird die himmelhohe Mauer, die den Menschen immer und überall von Gott scheidet, durchsichtig (nämlich wenn das Wunder geschieht, und also nimmer und
nirgends!): es kennt der Herr die Seinen [vgl. 2.Tim. 2,19]. Und es ist zweitens diese «Verstockung» nicht mehr als eine zeitliche Bestimmung des Menschen. Ewigkeit als Grenzwert der Zeit ist offenbar ihr Ende, Ewigkeit als Ursprung der Zeit ihr Ziel. Ende und Ziel der «Verstockung» ist die eschatologische Möglichkeit des «Eintritts der Erfüllung für die Heiden» (11,12.13). Dieser Gottesmöglichkeit muss offenbar «voran»gehen die Erschöpfung der menschlichen Möglichkeit, dem Geborenwerden des neuen Menschen das Sterben des alten, dem Anbruch der Erlösung die Katastrophe der Kirche. Im Lichte der Herrlichkeit Gottes und des Lammes sollen ja die Heiden wandeln, die |559 gerettet sind in jenem Jerusalem, in demai kein Tempel sein wird (Apk. 21,22–24). Wissend um dieses Ziel und Ende gilt es, den Blick auf die hoffnungslose Wirklichkeit der Verstockung Israels zu richten, gilt es, still zu sein und zu hoffen.
«Unter diesen Umständen wird ganz Israel gerettet werden.» Die Errettung der Verlorenen, die Rechtfertigung der nicht zu Rechtfertigenden, die Auferstehung der Toten muss genau von dorther kommen, woher ihre Katastrophe gekommen ist. Die Kirche ist die Verkörperung des Menschen, der die Offenbarung Gottes empfängt. Dieser ist als solcher verloren, im Unrecht, tot. Das ist der Schaden Josephs [vgl. Am. 6,6], der in der Kirche zum Ausbruch kommt. Rettung, Rechtfertigung und Auferstehung ist nur davon zu erwarten, dass durch die Offenbarung Gottes an den Menschen der neue Mensch geschaffen wird, der unanschaulich für jenen eintritt, sein Sinn, sein Ziel, seine Erfüllung ist, wie jener in seiner unabsehbaren Verstockung auch für ihn eintritt, seinen Platz in dieser Welt wenigstens bezeichnet und offen hält, ihn freilich auch fortwährend kompromittiert, für ihn leidet und auf ihn wartet: er, «das Vorbild des Kommenden» (5,14). Dieser kommende neue Mensch, durch Gottes Offenbarung gerettet, gerechtfertigt und lebendig gemacht, ist mit den Erwählten aus Israel die in Christus erwählte Heidenschaft. Wir bedenken auch hier, dass damit keine historische Größe, keine Summe von psychologischen Individuen, von bewussten oder unbewussten «Heidenchristen» ge401meint ist. Nur demonstrativen Sinn hat in diesem Zusammenhang das Dasein etwaiger «Heidenchristen». Sondern die Armut, die Blöße, die Blindheit, die Hoffnungslosigkeit der Heiden, sofern sie im Gegensatz zu der Fülle, Gesundheit, Sattheit und Gewissheit Israels den Menschen bedeutet, der in Christus aus Gnade erwählt ist, ist gemeint. Deutlicher kann der neue Mensch, «Jakob», der Erwählte doch wohl nicht als der von Gott geschaffene Mensch bezeichnet werden als durch diese seine ausdrückliche Kontrastierung zu seinem älteren Bruder, dem als Mensch Gottes Wort hörenden und redenden «Esau». Deutlicher kann es nicht gesagt werden, dass der als Mensch Gott Erwählende weichen muss dem von Gott erwählten Menschen. Und das eben muss gesagt und gehört |560 werden, das eben ist der Sinn der doppelten Prädestination, die Eröffnung des «Geheimnisses» Gottes, das Ziel seiner immer wieder gewahrten Freiheit. Wird das gesagt und gehört, vollzieht sich also die Offenbarung Gottes an den Menschen, so tritt eben damit die unmögliche, die eschatologische Möglichkeit ein, dass der Mensch, der sie empfängt und der als solcher nur weichen, nur abnehmen, nur vergehen kann, gerettet, gerechtfertigt und auferweckt ist: gerettet als der Verlorene, gerechtfertigt als der nicht zu Rechtfertigende, auferweckt von den Toten – die unmögliche in Christus in den Bereich der Möglichkeit tretende Begebenheit, dass Gott sich nicht nur in seinem Zorn, sondern noch ganz anders in seinem Erbarmen als Gott beweist und bewährt. Unter andern Umständen, durch irgendwelche direkte, geschichtlich oder psychologisch sich begebende Rettungen, Rechtfertigungen und Auferstehungen ist dem Menschen auf dem Gipfel seiner Möglichkeiten, dem Menschen, der sich unterwindet, Gottes Wort zu hören und zu reden, nicht zu helfen. Unter diesenaj Umständen, im Futurum resurrectionis, in der Anschauung der unanschaulichen Existentialität Gottes wird er gerettet werden. Und das gilt dann ganz Israel, der ganzen Kirche, jeder Kirche, Vorbild des Kommenden ist sie dann, erfüllte Weissagung, vom lebendigen Wasser der Offenbarung durchrauschter Kanal. «Nur wo Gräber sind, sind Auferstehungen» (Nietzsche)28 – aber wo immer Gräber sind, da sind Auferstehungen. Wo die Kirche (nicht kraft eines Menschenvotums, sondern kraft göttlichen Urteils!) aus ist, da fängt sie an. Wo sie ganz ins Unrecht gesetzt ist, da beginnt ihr Recht. Wo jede Kirche (von Gott aus!) erledigt ist, da ist keine erledigt, da ist jede Kirche Hinweis, Schwelle, Pfeil vom andern Ufer, Zeugnis der Hoffnung, Botschafter an Christi Statt [vgl. 2.Kor. 5,20], eine Hütte Gottes bei den Menschen [vgl. Apk. 21,3]. Wo die Heiden die Kirche missioniert haben mit der Bot402schaft von Gottes Freiheit und Erbarmen, mit der ganzen Demütigung und Verheißung, die diese Botschaft mit sich bringt, da mag dann die Stunde der Mission der Kirche an die Heiden |561 in der Tat geschlagen haben und kann nicht eilig, nicht eifrig, nicht freudig genug ergriffen werden, wie an Paulus selber zu sehen ist. Die gebeugte Kirche darf und soll erhobenen Hauptes ihr Thema aufnehmen. Die verlorene Kirche wird die Trägerin der Botschaft von der Errettung sein. Die erschrockene Kirche mag und muss reden von dem Gott, mit dem man über Mauern springt [vgl. 2.Sam. 22,30; Ps. 18,30]. Die ihrer Grenzen unerbittlich bewusste Kirche mag sich unerschrocken und unermüdlich wagen an ihre erschütternd grenzenlose Aufgabe. Die Weissagung des zweiten Jesaja von dem Knechte Gottes, auf den die Völker hören sollen [vgl. Jes. 49,1], sie geht dann, sie geht dort in Erfüllung. Wo
das Wort vom Kreuz erkannt ist und gilt als die Unmöglichkeit Gottes, die sich allem Fleisch in den Weg stellt, da ist erkannt und da gilt: Christus ist auferstanden! als die Möglichkeit Gottes im Geist und in der Wahrheit [vgl. Joh. 4,24].
«Kommen wird der Erlöser aus Zion und wird wegtun die Ehrfurchtslosigkeiten von Jakob. Und das wird der Bund mit ihnen sein, der von mir aus geschlossen wird: Dass ich wegnehmen werde ihre Sünden.» (Jes. 59,20; 27,9). Wir unterstreichen mit diesen Reminiszenzen aus der Eschatologie des alten Testamentes, dass es die göttliche Möglichkeit ist, die wir als Schlüssel des «Geheimnisses», als Ziel der dunklen Entwicklungen der Kirchengeschichte, in denen wir uns befinden, betrachtet wissen wollen. Von letzten Dingen, von der Erscheinung der Parusie Jesu Christi selbst haben wir geredet. Er ist die «Erfüllung für die Heiden», das Wunder des göttlichen Ja, gesprochen zu der unerlösten Menschheit. Er ist der Erlöser. Er ist das existentiell vor Gott stehende, aus zweien eins gewordene Individuum, in dem die Verwerfung überwunden und verschlungen ist durch die Erwählung. «Aus Zion» kommt er, von oben, aus dem unanschaulichen Grund der Kirche, aus dem auch ihre Verwerfung kam, aus der Herrlichkeit des Thrones Gottes, königliche Würde und königliche Macht mit ihm, und Schöpfung bedeutet sein Erscheinen, das zu keiner Zeit stattfindet, weil es aller Zeit Geheimnis, Aufhebung, Grundlegung und Ewigkeit ist. Und darum ist auch sein Werk das Unerhörte: das «Abtun der Ehrfurchtslosigkeiten von Jakob», das Abstreifen der Hüllen all des Unvermeidlichen, Beschränkten, Verkehrten, Esaumäßigen, von dem jetzt und hier die unanschauliche Kirche Jakobs bedeckt ist, das Schließen des neuen Bundes, der von Gott selbst, 403 |562 von Gott allein ausgeht, und der besteht in der «Wegnahme», in einem Fortraffen, Löschen, Tilgen, Vernichten der Sünden und der Sünde, in der Rückkehr des Menschen in die ihm jetzt und hier gänzlich verlorene Einheit mit Gott. Wir stehen wieder an der Grenze des Sagbaren und brechen ab. Eben diese Grenze ist das Ende der «Verstockung», das Ziel der unbegreiflichen Wege Gottes.
V. 28‒32 Auf die Heilsbotschaft gesehen sind sie freilich Feinde um euretwillen, auf die Erwählung gesehen aber Geliebte Gottes um der Väter willen. Denn unwiderruflich sind die Gnadenerweise und ist die Berufung Gottes. Denn wie ihr einst Gott ungehorsam waret, jetzt aber Erbarmen fandet durch ihren Ungehorsam, so wurden jetzt auch sie ungehorsam durch das euch widerfahrene Erbarmen, damit auch sie jetzt*2 Erbarmen fänden. Denn verschlossen hat Gott alle unter den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.
«Auf die Heilsbotschaft gesehen Feinde um euretwillen, auf die Erwählung gesehen Geliebte Gottes um der Väter willen.» Wir versuchen es nun, den Inhalt dieser drei Kapitel auf den schärfsten Ausdruck zu bringen. «Kirche» ist ein zweideutiges Faktum, haben wir gesehen. Die ganze Zweideutigkeit der menschlichen Natur und Kultur kommt in ihr zum Ausdruck. – ak-Sofern sich unter dem Gesichtspunkt menschlicher Pragmatik gegenüberstehen-ak hier die Heilsbotschaft von Christus als das Eine, dort das Menschenwerk der Kirche als das Andere, ist zweifellos die Kirche der Ort, wo die Feindschaft des Menschen gegen Gott offenkundig wird, wo seine Gleichgültigkeit, sein Missverständnis, sein Widerstand ihre sublimste und auch wieder ihre naivste Form gewinnen, wo der tote Punkt zwischen zwei |563 Welten sichtbar wird, an dem es auch für den gewaltigsten Ansturm gegenüberstehender, noch so groß gedachter Gotteskräfte kein Vorwärts mehr geben kann.
Der von der Kirche erstrebte und erreichte fromme und als solcher gerechtfertigte Mensch mit seinem Wissen, Tun und Beten scheint irgendwie das letzte unüberwindlich starke Hindernis diesseits der Barrikade. Alles, was der Mensch überhaupt unternimmt, um sich Gottes zu erwehren, erscheint gesammelt, wuchtig konzentriert, bis auf die Zähne bewaffnet in diesem Menschen. Darum die «Tempelreinigung»30! Eben darum muss angesichts dieses Menschen der Gedanke an einen direkten Weg zwischen Gott 404 und Mensch als aussichtslos endgültig aufgegeben werden. Eben darum erscheint aber auch gerade angesichts dieses Menschen die Möglichkeit des indirekten Weges, der Vergebung, des Erbarmens Gottes. Bote dieses indirekten Weges, Zeuge der Vergebung, Gefäß des Erbarmens [9,23] ist diesem Menschen gegenüber immer der andereal Mensch, der Draußenstehende, der Weltmensch, der Heide: in der ganzen Anschaulichkeit seiner Bedürftigkeit, seines Preisgegebenseins, seiner Wehrlosigkeit. An ihm erscheint die Beseitigung jenes Hindernisses. An ihm wird es klar, wie Gott und Mensch zueinander stehen. An ihm verherrlicht sich Gottes forensische Gerechtigkeit. Weil Gott es darauf abgesehen hat, an diesem anderen Menschen seine Ehre und sein Erbarmen klar zu machen («um euretwillen»), muss dieser Mensch, der das Ziel und Ergebnis der Kirche ist, als «Feind» der Heilsbotschaft diesseits der Grenze stehen. Die Sünde muss überfließen, damit die Gnade überströmen kann
(5,20). Aber wo wäre die Heidenschaft, die in dieser «Feindschaft», in diesem «Überfließen der Sünde», in der ganzen Verlorenheit dieser Situation mit Israel nicht solidarisch eins wäre? – am-Sofern aber unter dem Gesichtspunkt der göttlichen unanschaulichen Pragmatik die Heilsbotschaft von Christus und die Kirche als unwürdige Trägerin des göttlichen Wortes sich gar nicht-am als zwei gegenüberstehen können, weil jene doch nichts |564 anderes ist als die Offenbarung, die Erwählung aus Gnade allein, die gerade die Feinde Gottes angeht (5,10), sofern eben der nicht zu rechtfertigende, nicht zu rettende Mensch die göttliche Verheißung hat, sofern er in seinem ganzen Ungehorsam zum vornherein unter dem Erbarmen Gottes steht und seiner Ehre dienen muss («um der Väter willen», um Abrahams des Heiden Glauben willen), sind offenbar auch die drinnen, ja gerade sie, die «Geliebten Gottes». Geopfert und preisgegeben ist ja dann in der Kirche der fromme Mensch in seiner gefährlichen gottwidrigen Eigengröße. Raum ist dann geschaffen in der Kirche für die forensische Gerechtigkeit der Heiden. Gemeinschaft der Vergebung Suchenden und darum Heiligen, der Verlorenen und darum Geretteten, der Sterbenden und darum Lebenden ist ja dann die Kirche. Gesammelt und konzentriert erscheint ja dann in der Not und Schuld dieses Menschen, des wissenden, tätigen, betenden Menschen der Kirche die Hoffnung des Menschen überhaupt, die unerhörte Rechtfertigung und Rettung alles dessen, was der Mensch, nicht-wissend, was er tut, unternimmt und vollendet. Er selber, der fromme Mensch ist dann der – Heide: am Ende jeden direkten Weges zu Gott angelangt der Bote des indirekten, als Zeuge der Katastrophe menschlicher Gerechtigkeit der Zeuge der Auferstehung, als Gefäß 405 des Zornes das Gefäß des Erbarmens [9,22–23]! Und wo wäre ein Israel, das nicht wirklich mit der Heidenschaft in dieser seligen Lage wäre? Wenn Israel es wagen würde, sich auf den Boden der Erwählung seiner Väter zu stellen, wenn die Kirche es wagen würde, allein durch den Glauben Abrahams bewegt und gehalten, zu opfern, herzugeben, herabzusteigen, demütig, sachlich, ernst zu werden, wie groß könnte sie von einem Augenblick zum andern dastehen, groß, weil nicht
mehr groß, groß allein durch Gottes Erbarmen!
«Unwiderruflich sind die Gnadenerweise und ist die Berufung Gottes.» «Wird etwa ihre Untreue die Treue Gottes aufheben?» (3,3). «Gottes Wort ist nicht hinfällig» (9,6). «Gott hat sein Volk nicht verstoßen» (11,2). Wahrer als das Recht, in dem sich die draußen gegenüber denen drinnen befinden, wahrer als das Unrecht, in das sich die drinnen denen draußen gegenüber setzen, wahrer als die ganze anschauliche Pragmatik, die sich aus diesem Gegensatz von Kirche und Welt zu ergeben scheint, ist immer wieder das Thema der Kirche: die göttliche, die unanschauliche Pragmatik, dass er, er selbst, er allein es |565 ist, der Recht und Unrecht gibt und nimmt, das Thema von der Freiheit Gottes, die das Gericht, aber auch die Aufrichtung der Kirche, ihre furchtbare Reinigung, aber auch ihre Erfüllung bedeutet. Die Wahrheit in jenen Wahrheiten ist Gott, nichts sonst. Seine Gnadenerweise, seine Berufung werden durch die Verwerfung seiner Erwählten nur bestätigt, wie sie sich fort und fort nicht anders bestätigen können und werden als durch die Erwählung der Verworfenen, denn Beides ist unanschaulich eins und dasselbe in Gott. Unveräußerlich bleibt das Anliegen der Menschheit, das in jeder Kirche seinen Ausdruck sucht, und wenn, wie es tatsächlich der Fall ist, alle Kirchen diesem Anliegen gegenüber versagen sollten. Unwiderruflich die Sendung, die überall da stattfindet, wo Menschen dieses Anliegen zum Bewusstsein kommt, und wenn, wie es wiederum tatsächlich der Fall ist, jeder Mensch mit diesem Bewusstseinan in die Katastrophe alles Menschentums hineingerissen würde. Unverschlossen die Möglichkeit, die sich öffnet, wo immer der Mensch seine Not als von Gott bereitet und seine Schuld als Schuld an Gott erkennt, und wenn er – wir alle wissen es nicht anders! – darüber hinaus keine Hoffnung hätte.
«Wie ihr einst Gott ungehorsam waret, jetzt aber Erbarmen fandet durch ihren Ungehorsam, so wurden auch sie jetzt ungehorsam durch das euch widerfahrene Erbarmen, damit auch sie jetzt Erbarmen fänden.» «Er redet aber von dem 406 wunderlichen Regiment Gottes in seiner Kirche, daß die, so den Namen und Ruhm des Volkes Gottes und der Kirche (als das Volk Israel) haben, um ihres Unglaubens willen verworfen werden, die andern aber, die zuvor nicht Gottes Volk und unter dem Ungehorsam gewesen, nun sie das Evangelium annehmen und an Christum glauben, vor Gott die rechte Kirche und selig werden» (Luther).31 Ja, «wunderlich», paradox und unerhört ist die Art und Weise, in der sich das Regiment Gottes in seiner Kirche auswirkt. Finsternis, Verwerfung, Esaumäßigkeit, «Ungehorsam» ist der Generalnenner, über dem sich zunächst alles Menschliche als solches |566 befindet. Diesem «Einst» steht in voller Unanschaulichkeit das «Jetzt» der Offenbarung in seiner Bewegung von hier nach dort gegenüber. «Jetzt aber», im Licht des ewigen Augenblicks, im Licht des Tages Jesu Christi «fandet ihr Erbarmen», ihr Heiden, ihr da draußen, ihr Unheilbaren, ihr Hoffnungslosen! Jetzt werden Verworfene erwählt und in ihnen erscheint die Kirche Jakobs. Jetzt hat an Gottes Uhr ihre Stunde geschlagen. Wie aber? Die Kraft, d. h. aber die Göttlichkeit des ihnen widerfahrenen Erbarmens erweist sich in seinem schneidenden Kontrast zum menschlichen Ungehorsam, im Herausgerissenwerden der Erwählten aus der Reihe der Verworfenen, im Gegensatz von Licht und Finsternis. Darum und darin ist dies Erbarmen Gottes Erbarmen, dass ao-es sich Ungehorsamen (wer wäre das nicht?) zuwendet-ao unter gleichzeitiger rücksichtsloser Aufdeckung und Bestrafung des Ungehorsams. Gottes Erbarmen ohne die Manifestation von Gottes Heiligkeit wäre nicht Gottes Erbarmen. Wir reden aber von dem Erbarmen, das sich im Tod und Auferstehen Christi offenbart. Dem Erwählten nun widerfährt jene Zuwendung Gottes, das Auferstehen Christi, dem Verworfenen jene Aufdeckung und Bestrafung, das Sterben Christi. Erbarmen Gottes ist auch das, was ihm widerfährt. Er kann mit dem, was ihm widerfährt, nur einstehen für den Erwählten; denn dessen Sache ist wahrlich seine eigene. Also (zu den Erwählten gesagt): «Durch ihren Ungehorsam fandet ihr Erbarmen!»
Aber wiederum ist dies Erbarmen Gottes wirkliches und kräftiges Erbarmen darum und darin, dass er nur dazu den Ungehorsam des Menschen an dem Verworfenen aufdeckt und bestraft, um sich dem Ungehorsamen (noch einmal: wer wäre das nicht?) zuzuwenden. Auf den Verworfenen liegt die durch das Licht des Erbarmens erst als solche qualifizierte Finsternis («Durch das euch widerfahrene Erbarmen wurden sie jetzt ungehorsam»), aber wie sollte es anders sein, als dass «jetzt» (in demselben ewigen «Jetzt», das dort erhöht, hier stürzt, dort und hier aber Gottes Freiheit und Majestät verkündigt!) die Erwählten ihrerseits einstehen 407 für die Verworfenen, die auch ihre, der Erwählten Last zu tragen haben, dass das ihnen widerfahreneap |567 Erbarmen auch von jenen gefunden wird. Es ist der neue Generalnenner alles Menschlichen, der im «Jetzt» der Offenbarung unanschaulich anschaulich wird.
«Denn verschlossen hat Gott alle unter den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.» Dazu Lietzmann: «Mit diesem tröstlichen und fröhlichen Ergebnis endet die Kap. 9 begonnene Untersuchung.»32 Wir wenden uns staunend ab, um festzustellen, dass wir es hier vielmehr mit dem grimmig beunruhigenden Axiom zu tun haben, in dem der Schlüssel des ganzen Römerbriefs (und nicht nur des Römerbriefs!) zu finden sein dürfte. Was Paulus (und nicht nur Paulus!) meint, wenn er von Gott, Gerechtigkeit, Mensch, Sünde, Gnade, Tod, Auferstehung, Gesetz, Gericht, Errettung, Erwählung, Verwerfung, Glaube, Liebe, Hoffnung, wenn er – vom Tag Jesu Christi redet, was für Kategorien anzuwenden sind, um diese Urworte zu buchstabieren, das entscheidet sich am Verständnis oder Unverständnis dieser Stelle. Sie ist das Maß, an dem alles gemessen, die Waage, auf der alles gewogen sein will. Sie ist in ihrer Art für jeden Hörer oder Leser selber das Kriterium der doppelten Prädestination, deren letzten Sinn sie offenbar deuten will. Prägnant ist das göttliche «Verschließen» zu nehmen, von dem hier die Rede ist, prägnant das göttliche «Erbarmen», prägnant das erste und prägnant das zweite «Alle» – letzteres auf die Gefahr hin, von Calvin zu denen gerechnet zu werden, die «nimis crasse delirant»33. Hier ist der verborgene, der unbekannte, der unbegreifliche Gott, dem kein Ding unmöglich ist, Gott der Herr, der als solcher unser Vater ist in Jesus Christus. Hier ist Gottes Möglichkeit in ihrer ganzen drängenden Nähe, in ihrem ganzen Reichtum, aber auch in ihrer ganzen Unfassbarkeit. Hier der Anfang und das Ende, der Weg und das Ziel der Gedanken Gottes. Hier der Gegenstand des Glaubens (der nie zum «Gegenstand» werden kann). Hier das Wesen des Christentums (das über alle «Wesen» ist). Die Kirche hat eine |568 Hoffnung. Dies ist sie. Eine andere hat sie nicht. Möchte sie diese ergreifen. «Merk diesen Hauptspruch, der alle Welt und menschliche Gerechtigkeit verdammt und allein Gottes Gerechtigkeit hebet, durch den Glauben zu erlangen» (Luther).34
V. 33‒36 O Tiefe des Reichtums und der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unerforschlich sind seine Gerichte und wie unbegreiflich seine Wege! Denn wer hat die Vernunft des Herrn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen, oder wer hat ihm etwas gegeben, das er ihm vergelten müsste? Denn von 408 ihm und durch ihn und zu ihm ist alles. Sein ist die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
Die «Tiefe des Reichtums und der Weisheit und der Erkenntnis Gottes» ist (im Gegensatz zur 1. Aufl. dieses Buches muss es hier gesagt sein) durchaus seine Unerforschlichkeit35. Dass der Deus absconditus als solcher in Jesus Christus Deus revelatus ist, das ist der Inhalt des Römerbriefs (1,16–17). Wohl verstanden: Nur dass es dieses Subjekt (Deus absc.) ist, das dieses Prädikat (Deus revel.) hat, kann Inhalt des Römerbriefs, der Theologie, des Gotteswortes im Menschenmund sein. Das kann es und soll es aber auch sein. In weiser Zurückhaltung diesen Inhalt wieder zu fassen, das ist, bei vollem Bewusstsein, dass damit «nichts» getan ist, eine mögliche und (im Blick auf die sie begrenzende Unmöglichkeit!) verheißungsvolle Aufgabe. Das andere aber: dass dieses Subjekt (Deus absc.) dieses Prädikat (Deus revel.) hat, d. h. aber der Geist selbst, die Fülle der göttlichen Wahrheit, die Existentialität des göttlichen Ja, das steht nicht im Römerbrief, das wird weder gesagt noch geschrieben, aber wahrhaftig auch nicht «getan», weil das überhaupt nicht Gegenstand menschlichen Bemühens sein kann. Tritt das ein, dann hat nicht der Mensch, sondern Gott geredet und gehandelt; dann ist das Wunder geschehen. Der ehrfürchtige Verweis auf Gott und sein Wunder, die Stellung Johannes des Täufers also, ist die äußerste Grenze menschlichen Bemühens und Gelingens. «Wer diese Epistel wohl im Herzen hat, der hat des Alten |569 Testamentes Licht und Kraft bei sich», hat Luther, vermutlich mit vollem Bedacht, gesagt36; denn Licht und Kraft des Neuen Testamentes hat niemand «bei sich», das tritt als solches nicht in die Erscheinung, das ist nicht ein Fall neben jenem Fall. Das also, die Offenbarung selbst, das «Positive», das, was mehr als Wort ist, bei Paulus, bei der Theologie zu «vermissen», hat, sofern Jenes ehrlich geleistet ist, niemand das Recht. Er wende sich an Gott selbst mit der Frage, warum das in keinem Buche steht (auch nicht in der Synopse!) und überhaupt als menschliche Leistung nirgends vorliegt, und sei dankbar, wenn es der Theologie möglicherweise gelungen ist, ihn zu veranlassen, sich mit dieser Frage wirklich an Gott selbst zu wenden. «Vernünftig geschaut» wird in den Werken Gottes seine Unanschaulichkeit (1,20), und «erforscht» wird in den Tiefen Gottes seine Unerforschlichkeit (1.Kor. 2,10). Gott erkennen heißt anbetend stillstehen vor ihm selber, der in einem Lichte wohnt, da niemand zu kann [1.Tim. 6,16]. Immer wieder gerade vor der verborgenen Tiefe seines Reichtums, seiner
Möglichkeit, seines Lebens, seiner 409 Herrlichkeit! Immer wieder gerade vor der verborgenen Tiefe seiner Weisheit, seiner Gedanken, seiner Gerichte und Wege, seines Ganges von hier nach dort! Immer wieder gerade vor der verborgenen Tiefe der Erkenntnis, mit der er uns erkennt, bevor wir ihn erkennen, mit der er uns nicht loslässt, die wir immer ohne ihn sind!
«Wie unerforschlich sind seine Gerichte und wie unbegreiflich seine Wege!» Warum Erwählung? Warum Verwerfung? mussten und müssen wir immer wieder fragen und mussten und müssen immer wieder die eine Antwort hören: Darum, weil Gott nicht Gott wäre, wenn er nicht unerforschlicherweise verwerfen, unbegreiflicherweise erwählen würde, wennaq er sich nicht in der großen Verborgenheit seines Schreitens von Sieg zu Sieg als Gott erweisen würde: als der, der sich aller erbarmen will und wird.
«Wer hat die Vernunft des Herrn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen?» (Jes. 40,13). «Oder wer hat ihm etwas gegeben, das er ihm |570 vergelten müsste?» (wahrscheinlich Hiob 41,2, dort vom Leviathan-Krokodil gesagt!). Direkte Erkenntnis dieses Gottes? Nein! Mitwirkung bei seinen Beschlüssen? Nein! Möglichkeit, ihn zu fassen, zu binden, zu verpflichten, in ein reziprokes Verhältnis zu ihm zu treten? Nein! Keine «Föderaltheologie»37! Er ist Gott, er selbst, er allein. Das ist das Ja des Römerbriefes.
«Denn von ihm und durch ihn und zu ihm ist alles. Sein ist die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.» Mark Aurel hat in seinen Selbstgesprächen fast wörtlich dasselbe gesagt. In einem Selenehymnus und sogar auf einem Zauberring wurden diese Formeln wiedergefunden. Philo und andern waren sie nicht unbekannt.38 Warum nur hat die hellenistische Mystik, die bekanntlich wie das Spätjudentum ungefähr alles auch wusste, das nicht lauter, deutlicher, erschreckender und verheißender zu sagen gewusst? Warum nur erscheint die Entlehnung, die Paulus hier vornimmt, sogar auf der Fläche der geschichtlichen Dinge so sehr viel origineller als das Original? Aber sei dem, wie ihm wolle, wie könnte Paulus diese Kapitel bedeutungsvoller schließen, als indem er hörbar, drohend und Hoffnung erweckend das sagt, was – die andern auch wissen39?