1) Biographisches
Zu Beginn des Jahres 1919 war Karl Barth schon 71/2 Jahre Pfarrer in Safenwil und lebte mit seiner Frau Nelly, geb. Hoffmann und den Kindern Franziska (41/2 Jahre), Markus (3 Jahre) und Christoph (11/4 Jahr) in dem aargauischen Arbeiter- und Bauerndorf. Nelly Barth war eine kritische Predigthörerin, leitete ein Bibelkränzchen und erfreute gelegentlich die Kirchgänger durch ihr Geigenspiel.1 Die Freundschaft mit Eduard Thurneysen und seiner Familie im nahen Leutwil wurde eifrig gepflegt, zumal die räumliche Trennung vor der Tür stand2. Vom 20.-31. Juli machten Barth, Thurneysen und Rudolf Pestalozzi mit «Sturmhaube und Eispickel» Bergferien im Wallis.3
Die politischen Auseinandersetzungen in der Schweiz machten nicht Halt vor den Toren Safenwils. Es kursierte das Gerücht, Barth habe «den Generalstreik [11.-14.11.1918] verherrlicht». Trotz deutlichen Dementis «demissionierten am 20. November vier seiner sechs Kirchenpfleger»4 (= Presbyter). Es zirkulierten Protest-Schreiben gegen ihn, man drohte mit Verweigerung der fälligen Gehaltserhöhung und mit Kirchenaustritt5. Doch konnte Barth an Thurneysen schreiben: «Gerade in letzter Zeit erfreuten uns ein paar Zeichen von Verständnis und Bewegtheit aus der Gemeinde, für die wir dankbar sind» (21.2.19); «mein Verhältnis zu den Opponenten ist durchaus kein tragisches» (13.4.). «Die neue Kirchenpflege läßt sich nicht übel an» (3.6.).6 Im Februar setzte er «nach längerer Unterbrechung in seinem Arbeiterverein wieder mit einer Serie von Vorträgen ein, in denen er die politischen Vorgänge ‹auslegte› … Am 1. Mai marschierte er dann sogar mit seinen Arbeitern hinter der roten Fahne her nach Zofin|VIIIgen … Der Fabrikant Hochuli7 trat mit anderen aus der Kirche aus und gründete … einen eigenen ‹Kultusverein›».8 «An das aargauische Bürgertum» schrieb Barth über eine verpaßte Gelegenheit, «etwas gegen den Bolschewismus zu tun». Zu den Sozialdemokraten des Städtchens Suhr sprach er «vom Rechthaben und vom Unrechthaben».9 Gespannt verfolgte er die Pariser Friedensverhandlungen und die politischen Vorgänge in Deutschland und Rußland.
Konnte Barth vor Weihnachten 1918 mit den Freunden das Erscheinen seines Römerbriefs
📖 feiern, so waren sie nun auf das Leser-Echo gespannt. Thurneysen schrieb am
6.1.1919: «Nichtwahr, du teilst uns seine Einschläge mit!» Barth am 15. Januar: «Wir waren also in Basel … Der Römerbrief war scheinbar noch nirgends gelesen», und am 28.1.: « … Mitteilung von Bäschlin, daß er in seinem Laden alle Tage 1-2 Exemplare verkaufe und daß die Bestellungen auch von auswärts tüchtig eingingen», Thurneysen am 1.2.: «… Kutter … redete auch sehr freundlich und zustimmend vom Römerbrief … Im Übrigen läßt sich bereits eine Römerbriefgemeinde in Zürich konstatieren».10 Rezensionen schrieben E. Brunner und E. Gerber11 und ausführlich Thurneysens Lehrer Paul Wernle. Barth antwortete umgehend ebenso ausführlich.12 Inzwischen hatte Barth freilich beim Hören auf seinen philosophischen Bruder ein erstes Fragezeichen an sein Erstlingswerk gesetzt. Am 13.4. schrieb er: «Heiners Vortrag ist mir zum Antrieb geworden, das totaliter aliter des Gottesreiches noch viel kräftiger ins Auge zu fassen».13
IX Das Erscheinen des Römerbriefs
📖 brachte Barth eine ungeheure Arbeitsentlastung und gab ihm Raum für neue biblische Untersuchungen. Es entstand ein «Kommentärlein» über das Kapitel 1. Kor. 15. In der Sonntagabend-Bibelstunde las er die Apostelgeschichte. Sie «ist ein vorzügliches Bilderbuch Gottes. Wir beschauen es in kleinem, aber beharrlichem Kreise.»14 «Der Epheserbrief beschäftigt mich lebhaft und gibt Predigt-Stoff für den ganzen Sommer.»15 Im Juni erreichte Barth eine Einladung zu einer religiös-sozialen Tagung in Tambach/Thüringen. Der Zufall wollte, daß ihm dort auch das Haupt-Referat «Der Christ in der Gesellschaft» anvertraut wurde. Es war aber nicht zuletzt eine Frucht seiner biblischen Arbeit, daß sein «in ununterbrochener Tag- und Nachtschicht» verfaßter Vortrag von außerordentlicher Wirkung war und ihm die Tür nach Deutschland öffnete.16
Die Arbeitsentlastung nach dem Erscheinen des Römerbriefs hatte aber auch zur Folge, daß der fast sonntägliche Predigtdienst und die Unterweisung wieder in den Mittelpunkt der Gemeindearbeit rückten. Für den Präparanden- und Konfirmandenunterricht erarbeitete Barth neue Pläne.17 Die Predigten werden wieder wörtlich ausgearbeitet und niedergeschrieben. Nur einmal begnügt sich Barth mit einem Predigtaufriß (Nr. 491). Die Predigtreihe über den Epheserbrief
📖 umfaßt nicht weniger als 18 Predigten. Im Frühjahr behandelt Barth Matth. 9,1-31 an 7, im Herbst Matth. 18 an 6 Sonntagen. Die Anfechtungen, die Barths Pfarrdienst entgegenstehen, sind nach wie vor bedrängend und werden gegenüber dem Freund selten, aber deutlich ausgesprochen: «Mein Unterweisen ist gegenwärtig wieder einmal besonders jämmerlich. Das Reich Gottes will und will sich bei mir nicht zum Lehrstoff gestalten, trotz aller Künste.»18 «Der Kampf um das Wort wird mir in Safenwil so schwer, ich leide bei jeder Predigt so unter dem Bewußtsein der Differenz von Verheißung und Erfüllung, |X daß ich mich oft eher zurücksehne nach den Fleischtöpfen Ägyptens, wo man den Leuten doch ‹etwas› zu bieten hat». Was setzt Barth dagegen? «Unterdessen und im Blick auf diese letzte Notwendigkeit [sc. die Wiederkunft Christi] bleibt dann doch wieder nichts übrig, als sich wandernd unter die Erwägungen von Röm. 4 zu stellen, also doch zum Wüsten- und Pilgerstand Ja zu sagen, zu warten und auch die andern mit ihrem Drängen nach Zeichen und Wundern (mit dem sie etwas Richtiges vertreten) warten - oder in die Heilsarmee ziehen zu lassen.»19
2) Zu dieser Edition
Dies ist innerhalb der Gesamtausgabe der 7. Band mit Barths Safenwiler Predigten. Er enthält die 51 Predigten des Jahres 1919 mit den Ziffern 449 - 499. Die restlichen Predigten bis zur Abschiedspredigt vom
9.10.1921 Nr. 578 werden für den Druck vorbereitet.
Die im Karl Barth-Archiv vollständig erhaltenen Manuskripte bestehen aus unlinierten Bögen mit einer Höhe von 22,7 cm und einer Breite von 36,4 cm, die einmal quergefaltet sind. 1910 (in Genf) hat Barth eine Predigt auf 4 solcher Bögen = 16 Seiten niedergeschrieben, 1915 brauchte er 3, ab Frühjahr 1916 2 Bögen, wechselte aber im August 1915 von der deutschen Handschrift seiner Jugend zur leichter lesbaren lateinischen Schrift. Im Jahre 1918 drängte die Arbeit am Römerbrief
📖 die Predigtvorbereitung an die zweite Stelle. An 19 Sonntagen finden sich nur Predigt-Entwürfe, die in dichter werdender deutscher Handschrift auf 2 Seiten geschrieben sind. Ab Oktober 1918 schrieb Barth seine Predigten wieder aus, aber das Schriftbild bleibt dicht und eng. So auch 1919, wo keine Predigt mehr als einen Bogen = 4 Seiten ausfüllt, die auch nicht immer ganz beschrieben sind. Am
3.2.1919 schickte Barth eine Predigt an Thurneysen mit der Bemerkung: «Vielleicht brauchst du aber die Lupe, um sie zu lesen.»20
Die Transkription war Sache des Herausgebers. Unsichere Wörter sind mit einem [?] oder einer Anmerkung versehen. Meine Frau vollzog mit mir die nötigen Kontrollesungen, Dr. Hans-Anton Drewes hat die Transkriptionen überprüft.
XI Orthographie und Interpunktion werden nach den für die Gesamtausgabe gültigen Regeln modernisiert unter Beibehaltung charakteristischer Eigentümlichkeiten Barths. Abkürzungen werden in der Regel ausgeschrieben. Lange Passagen werden untergliedert durch vom Herausgeber eingeführte Absätze. Sie sind erkennbar an einem | hinter dem Punkt. Öfters wird auch ein Gedankenstrich, mit dem Barth einen Abschnitt unterteilt, in einen Druckabsatz umgewandelt. Unterstreichungen mit Tinte werden durch Kursivsatz wiedergegeben. Mit Blaustift unterstrichene oder mit Bleistift doppelt unterstrichene Wörter sind in abweichender Schrift (Helvetica) gesetzt. Kursive Helvetica steht dann, wenn Tinten- und Blaustiftunterstreichungen zusammen vorkommen. Texte in eckigen Klammern - meistens Bibelstellennachweise - stammen stets vom Herausgeber. Ein einziges Mal hat Barth sich mit der Erstellung eines Predigtentwurfs begnügt (Nr. 491). Hier wird - wie in früheren Bänden21 - ein möglichst originalgetreuer Eindruck vermittelt. Eine Predigt, die Osterpredigt Nr. 466, hat Barth drucken lassen. Hier geben wir Rechenschaft über die Abweichungen des Drucktextes vom Manuskript. Zum Schlußteil der Predigt Nr. 481 vom
18.8.1919 können wir parallel zum Manuskripttext eine Nachschrift unbekannter Hand vorlegen. Wir danken dem Landeskirchlichen Archiv Stuttgart, in dem die Nachschrift aufbewahrt wird, für die freundliche Abdruckerlaubnis. Notizen zu den Kasualansprachen des Jahres 1919 - z. B. traute Barth am 6. Mai seine Schwester Gertrud und Karl Lindt - sind nicht erhalten.
In der Predigtreihe über den Epheserbrief
📖 beginnt die Niederschrift jeweils mit Barths eigener Übersetzung des Textes. Barths Unterstreichungen sind darin durch Sperrsatz wiedergegeben. Außer in der Konfirmationspredigt Nr. 465 finden sich auf den Manuskripten nur die Angaben zur ausgelegten Bibelstelle, nicht die Predigttexte selber. Diese werden vom Herausgeber in [ ] hinzugefügt, und zwar in der Fassung der Lutherbibel von 1912
📖.
Meist hat Barth auf S. 1 des Manuskripts rechts oben die Liednummern für den Gottesdienst eingetragen. Es handelt sich um das |XII Gesangbuch für die Evangelisch-reformirte Kirche der deutschen Schweiz, Basel 1891 (GERS
📖). Wir teilen nach der Predigt die Lieder mit und fügen die Liednummern des Gesangbuchs der Evangelisch-reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz, Basel / Zürich 1998 (RG [1998]
📖) und des (deutschen) Evangelischen Gesangbuchs von 1992f. (EG
📖) hinzu. Fehlen die Lieder hier, geben wir nach Möglichkeit eine andere Quelle an.
Der Erschließung des Buches für den Leser dienen die Register. Dort werden nachgewiesen: 1. Bibelstellen, 2. Namen, 3. Begriffe.
3) Dank des Herausgebers
Dieses Buch entstand in enger Zusammenarbeit mit dem Herausgeber der Karl Barth-Gesamtausgabe und Archivar des Karl Barth-Archivs in Basel, Dr. Hans-Anton Drewes. Ihm gilt zuerst mein Dank, ebenso auch Pfarrer Dr. Hinrich Stoevesandt (Basel), der vor allem in einer Reihe besonders schwieriger Transkriptionsprobleme weiterzuhelfen wußte, sowie Pfarrer Peter Leuenberger (Füllinsdorf, früher Safenwil), Pfarrer i.R. Rudolf Weber (Zofingen), Oberstudienrat i.R. Georg Otten (Oldenburg) und Frau Margrit Müller (Basel), die mich wiederum unterstützt haben. Zugute kam mir die Gastfreundschaft meiner Nichte Irmgard Geiser und ihres verstorbenen Mannes Donatus Geiser (Basel). Ihnen und anderen, die mir zur Seite standen, und nicht zuletzt meiner lieben Frau bin ich dankbar verbunden.
Oldenburg (Oldenburg), im Juli 2003Hermann Schmidt