18. April 1919

1.Thessalonicher 5,24

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Konfirmation
1. Thessalonicher 5,24
Getreu ist, der euch ruft; er wird’s auch tun!

1. Der liebe Gott hat euch gerufen. Schon in der Taufe, und das ist tröstlich, er ist größer als unser Bitten und Verstehen. Er wird es auch weiter tun, und das ist wieder tröstlich, er gibt es nicht auf, und es gibt keinen Ort und keine Gelegenheit, wo sein Rufen nicht vernehmbar wäre. Und jetzt hat er auch in der Unterweisung gerufen. Nicht wahr, ihr habt nicht nur mich gehört, sondern durch meine Worte hindurch etwas viel Größeres, das ich kaum aussprechen konnte. Etwas, das uns oft bewegte wie nichts Anderes. Etwas ganz Wichtiges, das uns oft tief beschämte und auch wieder große Freude machte. Etwas, das wir hätten halten mögen und von dem wir fühlen: daraus muß noch etwas werden. Etwas wie das Angebot eines großen Geschenks, nach dem wir jetzt neu greifen möchten. Das war der Ruf Gottes.

Wir wollen jetzt noch einmal hören, wie das ist, wenn Gott uns ruft. Paulus sagt: Gott ist getreu!, und er wird es auch tun! D. h.: Es ist dem, der euch gerufen, Ernst. Uns ist’s vielleicht oft nicht Ernst mit dem Hören. Wir waren vielleicht in der Unterweisung oft untreu im Aufnehmen, und vom Danach-Tun wollen wir nicht reden. Wir wollen uns sagen, daß das nur auf unserer Seite so ist. Gott war’s und ist’s immer Ernst. Er ist treu, und er tut’s auch. Ich erinnere euch an das, was ihr alle gehört habt, an das Leiden Jesu. Wer das gehört hat, der kann nicht denken, es sei Gott nicht ernst. Gott hat eine Absicht, einen Gedanken bei seinem Rufen. Er ruft nicht ins Leere, nicht zum Zeitvertreib, zu unserer Unterhaltung. «Die Kirche ist ein gefährlicher Ort»1, weil wir da von den höchsten Dingen reden und hören und leicht meinen: Das gilt nicht so, wie es gemeint ist, das ist nur in der Kirche so gesagt. Heute [möchte ich] noch einmal sagen: es ist gerade so gemeint, wie ihr es gehört habt! Gott hat einen Plan mit der Welt |148 und so auch mit euch. Gott hat von jedem einen besonderen Gedanken, der wahr werden soll. Und das soll nun euer [?] Leben sein. In seiner Arbeit, in seinem Kampf sollt [ihr] ihm helfen, jedes auf seine Weise. Und dabei wartet viel Freude und Hilfe [?] auf euch. Das ist fein und freundlich, das denken zu dürfen: Gott denkt immer auch an mich bei seinen großen Gedanken, nichts will er ohne mich machen, und Alles, was mich angeht, geht ihn auch an. Das muß uns aber auch sehr aufmerksam machen, daß wir an den Gedanken Gottes nicht vorbeileben, seinen Plan nicht stören, sondern ausführen lassen. Gott will ihn ausführen, es ist ihm wahrhaftig ernst. Er hat seine Absicht auch mit uns aus ganzem Herzen gefaßt. Was er tut, tut er recht und ganz. Es ist nicht so, als ob er uns heute riefe, um morgen wieder etwas Anderes von uns zu denken. Nicht denken: übers Jahr, wenn ich zwanzig bin, fort von Safenwil, ist das nicht mehr wahr, was ich jetzt von Gottes Meinung mit mir gehört. Es ist heute und gestern wahr und morgen und in Ewigkeit. Gott ist nicht wankelmütig. Wenn er uns ruft, so will er uns ganz haben, uns Alles geben, Alles an uns ausführen, was er mit uns im Sinn hat. Und wenn wir ihn hören, dürfen wir Alles nehmen, wie wenn wir es schon hätten, auch wenn es viel zu groß für uns wäre, einfach weil wir es von Gott gehört haben. Mit Gott kann man zum Voraus rechnen für sein ganzes Leben. Wenn es dann nicht kommt, wie es soll, so ist der Fehler nicht auf seiner Seite, und immer dürfen wir in solchem Falle darauf zurückkommen, daß er seine Absicht mit uns hat und nicht aufgibt. Ich möchte, daß ihr mit dieser Einsicht die Unterweisung verlaßt: daß es Gott ernst ist mit euch, nicht weil ihr so ernste Buben und Mädchen seid, sondern weil er Gott ist. Weil Gott gar nicht anders kann als treu sein und tun, was er gesagt hat.

2. Er wird’s auch tun! Das gibt einem eine große Festigkeit und Hoffnung und Ruhe, wenn man das packt [?]. Aber nun haben wir gehört: Wenn wir an Gott denken, müssen wir sofort auch an uns selbst denken. Gott tut nichts ganz ohne die Menschen. Er will uns dabei haben. Gott möchte viel mehr tun, aber dann sind wir so oft nicht dabei, und es kann nicht geschehen. Wenn wir hören: er wird’s tun, dann müssen wir sofort denken: also kann und will ich jetzt auch etwas tun. Wenn wir hören: Es ist Gott ernst mit uns!, müssen wir gleich fortfahren: und nun soll’s mir auch ernst werden! Dazu ist Gottes Sohn ein Mensch |149 geworden, damit wir verstehen sollen, daß das Göttliche und das Menschliche von nun an zusammengehen sollen auf der Erde. Wir dürfen uns also nicht damit begnügen, daß wir das nun packen [?] wollen: der liebe Gott macht’s gut [mit] mir!, sondern wir [müssen uns]2 selber davon packen lassen: Gott macht’s! Das ist die Gnade Gottes, die wir haben im Heiland, daß wir uns Gott jetzt nicht mehr vorstellen als einen großen Mann, der weit weg von uns etwas macht ohne uns, das uns dann auf die Köpfe regnet, wie es eben trifft, sondern daß uns dieses: Gott macht’s! als eine Kraft ins Herz und in alle Glieder fährt, daß wir’s auch machen. Gott sagt nicht: ich will noch ein wenig warten, ich will diesen jungen Menschen laufen und zappeln lassen, bis er fünfzig oder sechzig Jahre alt ist und zur Vernunft kommt. Sondern heute schon ruft er dich und hat dich gestern schon gerufen und will schon in deiner Jugendzeit an dir wahr machen, was er von dir denkt. Also wollen wir auch nicht warten, vernünftig zu werden. Gott ist aufrichtig, er sagt uns ganz genau und ohne Hintergedanken, wie es in seinem Herzen aussieht. Also müssen wir in Gottes Namen auch aufrichtig werden und ihn in alle unsere Sachen, auch die verborgensten, hineinsehen lassen. Gott sagt nicht heute ja und morgen nein, sondern er bleibt bei seiner Meinung, also dürfen wir ihn nicht zu einem wankelmütigen Ja-und-Nein-Gott machen, dürfen nicht heute ein ernstes Konfirmationsgesicht machen und morgen wieder das gewöhnliche langweilige, trotzige Werktagsgesicht, sondern heute und morgen ein Gesicht, das zu seinem lieben Gesicht, mit dem er uns ansieht, paßt. Wir dürfen m. a. W. nicht nur genießen wollen, einen treuen Gott zu haben, der über uns wacht, sondern wir müssen uns zu ihm stellen und ihm recht geben und mit ihm auf der Wache sein. Wenn wir es anders ansehen, wenn wir denken könnten: das kann oder will ich nicht!, so wäre ja der Heiland umsonst gestorben, von dem Paulus ein andermal gesagt hat, daß er aus zwei Menschen einen neuen gemacht habe [Eph. 2,15]. Mit diesem einen neuen Menschen muß es also Ernst werden, wie es Gott ernst ist mit uns. Sonst würden wir Gott wieder im Stich lassen bei seiner Arbeit und dürften uns nicht wundern, wenn er auch an uns nicht fertig bringt, was er im Sinn hat. Und das wollen wir doch nicht.

150 3. Nun könntet ihr mich freilich fragen: Ja, werden wir denn auch immer ein Gefühl davon haben, daß wir so mit Gott verbunden sind durch den Heiland, daß wir bei ihm Ruhe und von ihm Kraft haben? Werden wir immer dazu diese Freude und den Mut empfinden in uns, den man in diesem Bund mit Gott doch haben sollte? Darauf möchte ich euch antworten: Ihr werdet es nicht immer so fühlen und empfinden wie vielleicht in diesen letzten Wochen. Ihr werdet nicht immer diesen lebhaften Eindruck vom Göttlichen haben wie etwa heute. Es werden Zeiten der Armut und der Leere kommen für euch wie für uns alle. Aber dann sollt ihr nicht erschrecken und irre werden. Seht, das ist’s gerade: Nicht darauf kommt’s an, daß man’s fühlt und empfindet, sondern daß man’s erkennt und dann tief im Herzen hat, ob man’s nun fühlt oder nicht. Gott ist getreu, und Gott wird es tun, auch wenn die Empfindungen auf- und abgehen. Achtet nicht zu viel darauf, nehmt sie nicht allzu wichtig. Wir sind und bleiben mit Gott verbunden, solange wir wachsen in der Erkenntnis, und was wir dazu tun können, das wißt ihr: dazu redet Gott immer wieder mit uns durch sein Wort, und dazu müssen wir ihn hören und verstehen.

Ihr könntet mich aber noch etwas fragen: Werden wir denn nicht Fehler begehen, Torheiten und Sünden, werden wir nicht unwissentlich und leider auch oft wissentlich auf falsche Wege geraten und dadurch abkommen von Gottes Gedanken und von dem, was er an uns tun will? Darauf antworte ich auch wieder: Ja, das werdet ihr!, ganz sicher sogar, so gut wie wir alle. Wißt ihr noch Petrus? Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen [Mk. 14,30 par.]! Und damit werdet auch ihr Gott sein Werk schwer machen. Aber das möchte ich dazu sagen: Gottes Werk an euch wird nicht verhindert werden, solange euer Herz auch in solcher Lage offen bleibt. Nun nur dabei bleiben: so bin ich nun, und so steht’s nun mit mir! Nur nie fest und sicher werden auf so einem krummen Weg! Nur immer die Freiheit behalten, sich selber zu beschuldigen und zu verurteilen! Nur immer wenigstens den Willen rein behalten, auch wenn wir ins Böse hineingeraten sind und fast keinen Ausweg wissen. Solange ein Mensch sich selber verurteilt, verurteilt ihn Gott nicht. Solange ein Mensch das Bessere wenigstens will, will auch Gott immer noch das Bessere mit ihm. Wenn man das einmal gemerkt hat, dann weiß man, warum man beten muß, denn diese innere Freiheit muß Gott selbst alle Tage neu in uns schaffen.

151 4. So ist’s, wenn Gott uns gerufen hat. Er stellt sich zu seinem Wort und macht es wahr. Gott sprach: es werde Licht, und es ward Licht! [Gen. 1,3]. Wenn ein Mensch Gott findet, dann fängt damit etwas an, das nun einfach fortgeht seinem Ziel entgegen. Es wird da etwas geboren, das nicht sterben kann. Es kommt etwas in Bewegung, das nicht mehr stillstehen wird. Freut euch darüber, daß ihr Gottes Stimme gehört habt und hören werdet, wenn ihr fernerhin hören wollt. An ihm liegt’s sicher nicht, wenn nicht Alles, Alles wahr wird. Denn der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird es auch vollenden bis auf den Tag Jesu Christi [Phil. 1,6].3

Lieder:
  • Nr. 4 «Ich singe dir mit Herz und Mund» von P. Gerhardt, Strophen 1.2.11–13 (RG [1998] 723,1.2.11–13; EG 324,1.2.11–13) 🎵
  • Nr. 23 «O Höchster, deine Gütigkeit», Ps. 36, Zürich 1886 nach älteren Übertragungen, Strophen 1.3 (RG [1998] 27,1.3) 🎵
  • Nr. 237 «Wie schön leucht’t uns der Morgenstern» von Ph. Nicolai, Strophen 6. 7 (RG [1998] 653,6.7; EG 70,6.7; jeweils mit Textabweichungen) 🎵

Sachfußnoten

1
Barth spielt auf einen der Leitsätze an, die er im Konfirmanden-Unterricht 1918-1919 diktiert hatte. «Die Kirche ist ein schöner, aber auch ein gefährlicher Ort …» (KU 1909-1921, S. 263 📖).↩
2
Textausfall durch Beschädigung des Manuskriptblattes.↩
3
Ans Ende des Predigtmanuskripts hat Barth geschrieben: «Vgl. J. Chr. Blumhardt, Hausandachten II S. 301 📖!» Er verweist damit auf die Auslegung von 1. Thess. 5,24 in: J. Chr. Blumhardt, Hausandachten für alle Tage des Kirchenjahres, 2. Teil: Betrachtungen nach neutestamentlichen Texten (Gesammelte Werke, 1. Bd., 2. Teil), Karlsruhe 1886, S. 301f., die ihm wichtige Anregungen bot.↩