1.Thessalonicher 5,24
1. Der liebe Gott hat euch gerufen. Schon in der Taufe, und das ist tröstlich, er ist größer als unser Bitten und Verstehen. Er wird es auch weiter tun, und das ist wieder tröstlich, er gibt es nicht auf, und es gibt keinen Ort und keine Gelegenheit, wo sein Rufen nicht vernehmbar wäre. Und jetzt hat er auch in der Unterweisung gerufen. Nicht wahr, ihr habt nicht nur mich gehört, sondern durch meine Worte hindurch etwas viel Größeres, das ich kaum aussprechen konnte. Etwas, das uns oft bewegte wie nichts Anderes. Etwas ganz Wichtiges, das uns oft tief beschämte und auch wieder große Freude machte. Etwas, das wir hätten halten mögen und von dem wir fühlen: daraus muß noch etwas werden. Etwas wie das Angebot eines großen Geschenks, nach dem wir jetzt neu greifen möchten. Das war der Ruf Gottes.
Wir wollen jetzt noch einmal hören, wie das ist, wenn Gott uns ruft.
2.
Er wird’s auch tun! Das gibt einem eine große Festigkeit und
Hoffnung und Ruhe, wenn man das packt [?]. Aber nun haben wir gehört: Wenn wir an Gott denken, müssen wir sofort auch an uns
selbst denken. Gott tut nichts ganz ohne die Menschen. Er
will uns dabei haben. Gott möchte viel mehr tun, aber dann sind
wir so oft nicht dabei, und es kann nicht geschehen. Wenn wir hören: er wird’s tun, dann müssen wir sofort denken: also kann und will ich jetzt auch
etwas tun. Wenn wir hören: Es ist Gott ernst mit uns!, müssen wir
gleich fortfahren: und nun soll’s mir auch ernst werden! Dazu ist Gottes Sohn ein Mensch
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geworden, damit wir verstehen sollen, daß das Göttliche und das
Menschliche von nun an zusammengehen sollen auf der Erde. Wir
dürfen uns also nicht damit begnügen, daß wir das nun packen [?]
wollen: der liebe Gott macht’s gut [mit] mir!, sondern wir [müssen uns]2 selber davon packen lassen: Gott macht’s! Das ist die Gnade Gottes, die wir haben im Heiland, daß wir uns Gott jetzt nicht mehr
vorstellen als einen großen Mann, der
weit weg von uns etwas macht ohne uns, das uns dann auf die Köpfe regnet, wie es eben
trifft, sondern daß uns dieses: Gott macht’s! als eine Kraft ins Herz und in alle
Glieder fährt, daß wir’s auch machen. Gott sagt nicht: ich will
noch ein wenig warten, ich will diesen jungen Menschen laufen
und zappeln lassen, bis er fünfzig oder sechzig Jahre alt ist und zur Vernunft kommt.
Sondern heute schon ruft er dich und hat dich gestern schon gerufen und will schon in
deiner Jugendzeit an dir wahr machen, was er von dir denkt. Also wollen wir auch nicht
warten, vernünftig zu werden. Gott ist aufrichtig, er sagt uns
ganz genau und ohne Hintergedanken, wie es in seinem Herzen aussieht. Also müssen wir in
Gottes Namen auch aufrichtig werden und ihn in alle unsere Sachen, auch die
verborgensten, hineinsehen lassen. Gott sagt nicht heute ja und morgen
nein, sondern er bleibt bei seiner Meinung, also dürfen wir ihn nicht zu einem
wankelmütigen Ja-und-Nein-Gott machen, dürfen nicht heute ein ernstes
Konfirmationsgesicht machen und morgen wieder das gewöhnliche langweilige, trotzige
Werktagsgesicht, sondern heute und morgen ein Gesicht, das zu seinem lieben Gesicht, mit
dem er uns ansieht, paßt. Wir dürfen m. a. W. nicht nur
genießen wollen, einen treuen Gott zu haben, der über uns wacht, sondern wir
müssen uns zu ihm stellen und ihm recht geben und mit ihm auf der Wache sein. Wenn wir
es anders ansehen, wenn wir denken könnten: das kann oder will
ich nicht!, so wäre ja der Heiland umsonst gestorben, von dem
150 3. Nun könntet ihr mich freilich fragen: Ja, werden wir denn auch immer ein Gefühl davon haben, daß wir so mit Gott verbunden sind durch den Heiland, daß wir bei ihm Ruhe und von ihm Kraft haben? Werden wir immer dazu diese Freude und den Mut empfinden in uns, den man in diesem Bund mit Gott doch haben sollte? Darauf möchte ich euch antworten: Ihr werdet es nicht immer so fühlen und empfinden wie vielleicht in diesen letzten Wochen. Ihr werdet nicht immer diesen lebhaften Eindruck vom Göttlichen haben wie etwa heute. Es werden Zeiten der Armut und der Leere kommen für euch wie für uns alle. Aber dann sollt ihr nicht erschrecken und irre werden. Seht, das ist’s gerade: Nicht darauf kommt’s an, daß man’s fühlt und empfindet, sondern daß man’s erkennt und dann tief im Herzen hat, ob man’s nun fühlt oder nicht. Gott ist getreu, und Gott wird es tun, auch wenn die Empfindungen auf- und abgehen. Achtet nicht zu viel darauf, nehmt sie nicht allzu wichtig. Wir sind und bleiben mit Gott verbunden, solange wir wachsen in der Erkenntnis, und was wir dazu tun können, das wißt ihr: dazu redet Gott immer wieder mit uns durch sein Wort, und dazu müssen wir ihn hören und verstehen.
Ihr könntet mich aber noch etwas fragen: Werden wir denn nicht Fehler
begehen, Torheiten und Sünden, werden wir nicht unwissentlich und leider auch oft
wissentlich auf falsche Wege geraten und dadurch abkommen von Gottes Gedanken und von
dem, was er an uns tun will? Darauf antworte ich auch wieder: Ja, das
werdet ihr!, ganz sicher sogar, so gut wie wir alle. Wißt ihr noch
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4.
So ist’s, wenn Gott uns gerufen hat. Er stellt sich zu seinem
Wort und macht es wahr. Gott sprach: es werde Licht, und es ward Licht! [
- Nr. 4 «Ich singe dir mit Herz und Mund» von
P. Gerhardt , Strophen 1.2.11–13 (RG [1998] 723,1.2.11–13; EG 324,1.2.11–13) - Nr. 23 «O Höchster, deine Gütigkeit», Ps. 36,
Zürich 1886 nach älteren Übertragungen, Strophen 1.3 (RG [1998] 27,1.3)
- Nr. 237 «Wie schön leucht’t uns der
Morgenstern» von
Ph. Nicolai , Strophen 6. 7 (RG [1998] 653,6.7; EG 70,6.7; jeweils mit Textabweichungen)