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13. April 1919
Bevor die Oster-Lawine ins Rollen kommt, rasch noch einige Mitteilungen. […] Wir hatten unterdessen sehr ausgefüllte Zeiten. Wo soll ich anfangen? Also: viel Apostelgeschichte: Ananias und Saphira, Gamaliel, Stephanus. Dazu eine Serie von Bolschewiki-Abenden im Arbeiterverein mit Betrachtungen über die Lenin’schen Vorder- und Hintergründe (der Dostojewskische russische Christus, das Elias-Calvin-Cromwell-Problem des Reiches Gottes!). In den Predigten Erwägungen über Judas, Kaiphas, Petrus und Pilatus (ich lege sie gleich bei […]), in der Unterweisung Abschluß der «95 Thesen
📖» [Leitsätze], die ich dir später zur kontrollierenden Begutachtung vorlegen möchte, diese Woche gibts noch eine Generalrepetition, vor deren Ergebnissen mir bangt! Dann hatten wir Lehrerinnenwahl, bei der es gelang, jene Frl. Wehrli fast einstimmig durchs Ziel zu führen. Die Freisinnigen hatten noch eine Sonderkommission durchs Land geschickt, weil sie der Schulpflege nicht recht trauten. Sie konnten aber unsern Befund über Frl. Wehrli als Lehrerin nur bestätigen. Erst jetzt, nachträglich, sind sie nun scheints auf die Entdeckung gekommen, sie sei oh, oh, «christlich-sozial», und der Pfarrer habe wieder einen neuen Streich gegen sie geführt. Die Mine, die mich sprengen sollte (Ablehung einer Besoldungserhöhung), ist doch nicht aufgeflogen, da |325 noch keine Kirchgemeinde1 stattfinden soll, denn die Kirchenpflege ist trotz zwei Wahlgängen noch nicht rekonstruiert. Doch zirkuliert ein Protest-Schreiben gegen mich, das dem Kirchenrat eingegeben werden soll, und einige 40 sollen unterzeichnet haben. Es wird sehr wahrscheinlich nichts Rechtes aus dieser Sache, obwohl sie scheints eine Reihe von Kirchengesetz-Paragraphen gegen mich ins Feld führen. Welch ein Fest wird das werden, wenn ich am grünen Tisch in Aarau […] zur Verantwortung gezogen werden sollte! Merkwürdigerweise machen z.Z. auch die Kapellenleute2 gegen mich mobil. Kurz, für Opposition ist gesorgt, doch habe auch ich, abgesehen von der kleinen und kleinsten Herde, einen Block hinter mir, der nahe an die Mehrheit langt, und mein Verhältnis zu den Opponenten ist durchaus kein tragisches. An Ostern halte ich z. B. eine Haus-Taufe bei einem Fabrikanten, wo ich wahrscheinlich etwas vom «russischen Christus» verlauten lassen werde. — […] Ich besuchte Prof. Hoffmann3 [in Bern] und bekam zu hören, daß man mich in diesen Kreisen als theologischen Reaktionär mißbilligt und bekopfschüttelt, ohne das Buch
📖 zu lesen! Andrerseits wiederum finde ich Beifall in den dunkelsten Gebieten der «Evangelischen Gesellschaft»!4 […] [Die] Aarau[er Konferenz] habe ich auch in guter Erinnerung. Heiners Vortrag5 ist mir zum Antrieb geworden, das totaliter aliter des Gottesreiches noch viel kräftiger ins Auge zu fassen. Ragaz wird uns wohl zunächst immer noch fremder werden müssen, bis wir ihn wieder heilsgeschichtlich einordnen können. […] Meine Festpredigten sind noch alle im Nebel, morgen fange ich an, zu brüten. Auch du?
Mit herzlichen Grüßen und Wünschen von Familie zu Familie