1. Januar 1919

Psalm 23 (Neujahr)

3
449
Neujahr
Psalm 23
[Der Herr ist mein Hirte; mir wird nchts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele; er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.]

1. Die Zeiten, wo wir mit harmlos vergnügten und zufriedenen Grüßen und gegenseitigen Glückwünschen die Schwelle des neuen Jahres überschreiten konnten, liegen weit hinter uns. Die Welt hat ein ernstes Gesicht bekommen. Aufmerksame Menschen merken das. Menschen, die nicht nur für sich selbst und in ihrem kleinen Kreise leben, sondern mitleidend tragen die Beschwerden der ganzen Zeitgenossenschaft2, solche Menschen gehen heute mit einem Herzen voll Sorge ins neue Jahr hinein. Mit größerer Sorge als während der vergangenen Kriegszeit. Der Krieg ist vorüber, und dabei könnten wir uns vielleicht einen Augenblick beruhigen.3  –

Aber die Abrechnung über den Krieg, über die Schuld, die ihn verursacht, über das Böse, das er nun [?] erzeugt hat, über das, was wir in dieser Kriegszeit gelernt oder noch nicht gelernt haben, diese Ab |4 rechnung steht noch bevor.4 Aufmerksame Menschen merken, daß die Aussicht keine erfreuliche ist. Die Luft über uns ist voll von den Anzeichen [?] kommender schwerer Gewitter, und der Boden zittert unter unseren Füßen von den Ankündigungen kommender schwerer Erdbeben. Es gibt Augenblicke, wo man die fast beneiden möchte, die in dem Schweren, das uns bevorsteht, schon drinstehen, die jetzt schon büßen müssen für die Sünden der alten Zeit. Ich denke an das unglückliche Rußland5. Ich denke an das tief gedemütigte deutsche Volk. Was mag uns Anderen bevorstehen, denen, die jetzt mit den Mienen der Gerechten den Sieg auskosten, und uns Zuschauern? Wir haben doch auf unsere Weise genau so sehr wie das alte Rußland, das alte Deutschland geglaubt an die Mächte, die den Krieg und die Revolution verursacht haben: an das Geld, an eine bloß äußerliche Kultur, an ein Christentum, das bloß Verzierung ist, an die militärische Macht, an die gesellschaftlichen Vorurteile. Wer glaubt mehr daran als die Engländer, die Amerikaner, die Schweizer? An einigen Stellen der Menschheit ist das Haus, das auf diesen Grundlagen erbaut war, nun unter Schrecken und Schmerzen zusammengebrochen. Ich erinnere mich an das letzte Wort des ermordeten Tisza6: Es mußte so kommen! Werden die verkehrten Grundlagen, auf denen wir Alles gebaut haben, bei uns etwa tragfähiger sein als dort? Es wird auch in England, auch in Frankreich, auch bei uns einmal so kommen, wie es kommen muß. Die Weltgeschichte ist unheimlich konsequent und gewissenhaft, sie vergißt nichts, sie bringt Alles an den Tag. Was der Mensch sät, das muß er ernten [vgl. Gal. 6,7]. –

5 Wer das weiß, der muß heute erschrecken beim Gedanken an die Zukunft. Man wird beim besten Willen nicht behaupten können, daß die heutigen Sieger im Weltkrieg in den letzten Monaten guten Samen gesät haben. Man kann das auch von uns Schweizern nicht sagen. Wir haben erschreckend wenig gelernt. Vielleicht sind uns in dem, was das Umdenken und Umlernen betrifft, die heutigen Besiegten längst weit voraus. Wir gehen mit erstaunlicher Sicherheit und Selbstgerechtigkeit weiter auf den Wegen, die in den Weltkrieg hineingeführt haben. Wir sind erstaunlich getrost in der Zuversicht, die alte Zeit mit ihren Götzen könne und müsse in Ewigkeit fortbestehen. Das muß sich einmal rächen. Und daran denkt heute ein ernsthafter Mensch mit Sorge. Wir haben nicht Ruhe zu erwarten, sondern neue Unruhe, nicht Frieden und Verständigung, sondern neue Gegensätze, nicht Auflösung der Spannungen, sondern neue schwere Bewegungen [?] und Schmerzen. Wir wollen es offenbar so haben. Es kann nicht anders sein, als daß wir es so haben müssen. Wir wählen den Weg des alten Rußland, des alten Deutschland. Wir werden auf irgend eine Weise und zu irgend einer Zeit auch ihr Schicksal aus der Nähe kennen lernen müssen. Denn Gott läßt sich nicht spotten [Gal. 6,7]. –

2. Es ist etwas Hohes, Gewaltiges, meine Freunde, an diesem Neujahrstag die Worte des 23. Psalms zu lesen, zu hören, in den Mund zu nehmen und auf uns anzuwenden: Der Herr ist mein Hirte … Wenn wir’s doch könnten und dürften! Wenn wir greifen dürften nach diesem wunderbaren Trost, nach dieser Fülle von Verheißung mitten in dieser dunklen Zeit! Wenn wir jetzt sagen dürften: Ja, Gott läßt sich nicht spotten. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.7 Was kommen muß, kommt. Wir aber, unser Volk, unsere Gemeinde, wir hier Versammelten, wir wenden uns und sehen mit Mut und Hoffnung in die Zukunft, wir sprechen: Der Herr ist mein Hirte … –

Aber es ist nicht an dem, daß wir ohne weiteres so reden dürften. Wir dürfen uns die Erkenntnis nicht ersparen, daß diese Worte in unseren Mund zunächst nicht passen. Der Trost und die Verheißung, die uns da leuchten, sind Früchte, die erst wachsen müssen; es fragt |6 sich, ob sie bei uns gewachsen sind. Es fragt sich, ob man da stehen kann, wo wir stehen, und gleichzeitig den 23. Psalm auf sich beziehen kann. Es fragt sich, ob sich diese Worte als Neujahrsparole für uns eignen. Ich sage nicht: es ist unmöglich. Denn Gott hat die Tür auch für uns nicht verschlossen, für Keinen von uns. Aber es hat auch Keiner von uns ohne weiteres das Recht, sich einzubilden, er könne und dürfe so mutig und hoffnungsvoll in die Zukunft blicken, wie es da beschrieben ist. Keiner, ich auch nicht, auch alle die nicht, die ernster und frommer sind als ich. Es ist sehr töricht, die Bibel dazu zu mißbrauchen, uns mit solchen Worten der Zuversicht über unsere Lage hinwegzutäuschen. Es steht für uns alle in Frage, ob wir sie auf uns anwenden dürfen. –

Denn zunächst müssen wir uns gestehen, daß wir alle in der Entwicklung, die jetzt, wie es scheint, unaufhaltsam dem Gericht entgegentreibt, mitten drin stehen. Wir alle, auch der Pfarrer, auch die Ernsten, auch die Frommen, auch die Wohlgesinnten. Wir stehen auf der Seite der alten Zeit. Wir haben unser Interesse und unsere Freude daran, daß Alles so weitergehe, wie es vor dem Kriege gewesen ist. Wir helfen den Mächten der alten Zeit, indem wir ihnen immer noch Respekt entgegenbringen, indem wir ihnen auf Schritt und Tritt nachgeben, indem wir reden, wo wir schweigen, und schweigen, wo wir reden sollten. Wir bestätigen und verstärken das, was heute still verschwinden sollte, und wir entsetzen uns über das, was man heute ruhig verstehen sollte. Wir sind mit unserem Herzen, mit unserer Liebe, mit unserem Gebet nicht bei dem, was wird, sondern bei dem, was vergeht. Wir haben im Innersten noch nicht gemerkt, um was es sich handelt. Wir haben den Ruf zur Buße, den diese Zeit für die ganze Menschheit bedeutet, noch nicht gehört. Und dieses «noch nicht» steht zwischen uns und dem 23. Psalm. –

Erst jenseits des Grabens, den wir noch nicht übersprungen, auf der anderen Seite der innerlichen Umwälzung, des Umdenkens, Umlernens, Umfühlens kann man sagen: Der Herr ist mein Hirte … Der Mann, der das gesagt hat, hat den Sprung getan. Er hat dem Gott, der die Welt richtet, nicht widerstanden, sondern sich ihm in die Arme geworfen und gefangen gegeben. Er ist nicht mit dem Strom, sondern gegen den Strom geschwommen. Es hat sich in ihm etwas gekehrt von den Götzen zu Gott hin, er hat sich gebeugt unter das Gericht, er hat |7 die Wahrheit wenigstens in seinem Herzen Wahrheit sein lassen, er hat sich wenigstens einmal innerlich gelöst von den Gewalten der alten Welt, auch wenn er ihnen äußerlich noch nicht überlegen war, er hat begonnen, wenigstens anders zu denken, in eine andere Richtung zu sehen. Seht, von da an und darum konnte er ohne Übertreibung und Einbildung sagen: der Herr ist mein Hirte … Von da an wurde das wahr für ihn. Für uns aber ist das nicht ohne weiteres wahr, denn nicht wahr, es ist nicht ohne weiteres sicher, daß wir in diesem Umwandlungsprozeß auch drin stehen und stehen wollen. –

An uns treten seine Worte heute heran als Frage und Aufforderung: Gib dich hinein in diese Umwandlung! Werde ein Mensch, ein harrender, merkender, verständiger Mensch, ein von den Götzen zu Gott gekehrter Mensch, der so reden darf und kann!, werde ein Mensch, der in der Erneuerung ist und der damit für den Mut und für die Hoffnung, die wir heute so nötig hätten, das Organ hat. Bist du ein solcher bewegter Mensch? Und wenn du’s nicht bist, weißt du, daß du es werden mußt, um heutzutage nicht einfach rat- und trostlos dazustehen? Und wenn du’s weißt, was tust du dafür, es zu werden? Liebe Freunde, wer von uns hätte es nicht nötig, sich heute diese Frage nach seinem Werden stellen zu lassen? Wer von uns dürfte es heute wagen, frech nach den göttlichen Früchten des Trostes und der Verheißung zu greifen, ohne einer von den Werdenden zu sein, für die sie gewachsen sind? Spüren wir’s, daß wir lügen würden gegen Gott, wenn wir den 23. Psalm etwa nachsagen würden, ohne es zu dürfen?

3. Seht, ich könnte mir auch heute einen Menschen denken, der es dürfte. O wenn jetzt Einer von uns aufstehen und uns anderen sagen könnte: Ich, ich darf! Ich will euch sagen, wie ich dran bin, wenn ich an die Zukunft denke. Und dann würde er etwa so mit uns reden: –

Ja, ich gehe auch mit schwerer Sorge beladen ins neue Jahr hinein. Ich sehe die Dinge nicht durch eine rosige Brille. Ich stelle mir die Menschen nicht besser vor, als sie sind. Ich weiß, daß alle Schuld sich einmal rächen muß und wird. Ich nehme mich selbst und mein Land und meine Familie nicht aus von dieser Schuld. Ich erwarte harte, ernste, verworrene Zeiten für mich und meine Kinder. Ich verlasse mich auf nichts mehr, weder auf mein bißchen Geld, noch auf8 das, |8 was jetzt Recht und Ordnung genannt wird, noch auf meine gute Gesinnung, noch auf den guten Willen der Menschen mir gegenüber. Ich weiß, daß wir in einer Zeit leben, in der Alles ins Wanken kommt: Königsthrone, Kirchen und Staaten [?], um wieviel mehr das kleine Gerüst von Rechten und Pflichten, das mich bis jetzt gehalten und geschützt hat. –

Aber in dem allem erkenne ich Gottes Hand, Gottes richtende Hand gewiß, unter deren Streichen vielleicht Vieles fällt, was mir teuer ist, aber Gottes Hand, nicht eines Teufels Hand. Mag fallen, was fallen muß, mag auch mich treffen, was mich treffen muß. Er ist mir teurer als [das] Teuerste, was ich habe, ich habe ihn in den guten Zeiten lange genug vergessen, ich will ihn in der bösen Zeit nicht aufs Neue verlieren. Ich verstehe ihn, ich will ihn verstehen. Ich sehe ihn Gericht üben, weil er seine Gnade offenbaren will auf der Erde. Ich sehe ihn zerstören, weil er bauen will. Ich höre ihn Nein sagen, damit sein großes Ja einmal gehört werden kann. Ich hoffe auf ihn. Und darum bin ich jetzt schon geborgen mitten im Unwetter.9 Ich warte auf sein Licht, und darum kann mich alles Dunkel der Gegenwart nicht verfinstern. Der Herr ist mein Hirte [; mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser,] er erquicket meine Seele. Jawohl, denn man kann seufzen und doch selig sein.10 –

Ich bin zwar einsam und fast immer ratlos im Gewühl dieser Welt. So bitter wenig Menschen sehe ich um mich, mit denen ich mich verstehen kann über das, was jetzt gesagt und getan werden müßte. So bitter wenige, mit denen man im Ernst gemeinsam arbeiten und beten kann. So bitter wenige, die einem eine wirkliche Hilfe sind, von denen man sich auch nur raten lassen kann. Und ich selber bin voll Irrtum und Sünde. Ich strauchle noch wie ein Unmündiger.11 Ich weiß fast nie, was und wie ich es machen soll, um der großen Lüge und dem Herzeleid der Welt etwas wirklich Neues, Besseres entgegenzustellen. |9 Alle meine Dämme, die ich gegen die Flut baue, zerreißen so gut wie die der Anderen. Ich vergreife mich immer wieder in den Mitteln, ich pfusche, ich überhöre Gottes Wort und störe seine freundliche Absicht und werde immer wieder mitschuldig mit der Welt. –

Aber eins läßt mich nicht los: Gott redet mit mir. Es ist eine Weisheit in mir, nicht meine eigene Weisheit, auch keine Weisheit von Anderen, aber etwas wie die Weisheit Gottes selbst, die leitet mich. Ich habe ein Gefühl für das Richtige, dem ich oft untreu bin und das mir doch nie untreu wird. Es ist ein Licht in mir, dem zu folgen mich noch nie gereut hat. Ich bekomme ganz bestimmte Weisungen: jetzt links! jetzt rechts! jetzt vorwärts! jetzt rückwärts!, und wenn ich ihnen gehorche, so lichtet sich das Gewühl, so spüre ich Grund unter meinen Füßen, so kommt etwas Neues dabei heraus, das sich lohnt, das sich bewährt. Ich habe oft den Eindruck, ich sei nur ein Werkzeug in meinem Tun, nur ein Sprachrohr in meiner Rede, den Eindruck von einem inneren Müssen!, und das tröstet mich, das kann mir niemand nehmen. Etwas Ähnliches sehe ich dann auch da und dort bei einem Anderen, wie Schiffe des Nachts die Lichter anderer Schiffe sehen. Es ist mir, ich sei auf einer Wanderung begriffen, auf der ungesehen viele Andere mitgehen, viel mehr als ich ahne vielleicht. Ich freue mich da und dort, so einen Mitpilger zu grüßen. Und so bin ich nicht allein, nicht verlassen. Er führet mich auf rechter Straße [um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir,] dein Stecken und Stab trösten mich. –

Ich bin zwar angefochten auf diesem Weg von allen Seiten. Es ist aller Ernst damit, daß ich auch ein Kind dieser dunklen, schuldbeladenen Zeit und Welt bin. Ich gebe gerechten Anstoß durch meine Fehler und Versäumnisse. Ich habe mehr als eine schwache Seite. Und darüber hinaus muß ich leiden darum, weil ich recht habe, weil ich Sprachrohr und Werkzeug eines Höheren bin, muß leiden um meiner Sache willen. Das ist kein Kinderspiel. Denn Gottes Sache ist gar angreifbar in dieser Welt. Es läßt sich gar Vieles sagen mit tausend Vernunftgründen und Erfahrungsgründen gegen das Unternehmen, es dem Schein zum Trotz mit Gott zu wagen. Es läßt sich gar Vieles einwenden gegen einen, der nur ein Argument, nur einen Beweis, nur einen Triumph hat, die stille göttliche Wahrheit. Man kann gar Vieles machen gegen einen, der sich nur auf Gott stützt. Da stehe ich wie ein |10 wehrloses Kind im Schlachtgetümmel. Ich kann sie nicht widerlegen, nicht zurückschlagen, nicht zunichte machen, wenn ich schon wollte. –

Aber in dem allem hat mich die Erfahrung noch nie verlassen und wird mich nicht verlassen, daß ich gedeckt bin, daß es ihnen nicht gelingen wird. Es kann mir schlimm gehen, aber ich werde nicht überwältigt werden. Ich kann zum Gelächter und Gespött werden, aber zu allerinnerst bin ich der, der unter Tränen lächeln12 kann. Eben darum, weil mein Leben nicht mein Leben, meine Sache nicht meine Sache ist. Gott müßte sich selbst aufgeben, wenn ich ganz untergehen sollte, und dafür ist gesorgt, daß Gott sich nicht aufgibt. Mich kann man ängstigen und chicanieren, aber was hilft’s, wenn in mir noch etwas ist, das nicht ich selber bin? Gott bekommt nicht Angst. Der im Himmel wohnt, lachet ihrer [Ps. 2,4]. Versucht’s, was ihr könnt; ich hoffe und weiß, daß bei dem allem etwas in mir ruhig [und] unangefochten bleiben wird. Du bereitest [vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest] mir voll ein. –

Auch das weiß ich schließlich, daß ich ein Mensch bin mit einem kurzen Leben und einmal, sehr bald vielleicht, sterben muß. Was bin ich dann? Werde ich bis dahin einen Erfolg sehen? Werde ich auch nur einen Strahl sehen vom Morgenglanz des endlich einbrechenden Reiches Gottes? Werde ich sterbend auf etwas pochen können gegenüber den Anderen, die mit dem Strom geschwommen sind? Werde ich je die Freude haben, dazustehen als der, der schließlich doch recht hat? Sehr wahrscheinlich nein und abermals nein das alles. Ich weiß, daß ich zum Verzicht auf jeden Erfolg gefaßt sein muß. Ich weiß, daß ich es mir noch zur höchsten Ehre anrechnen [?] muß, wenn ich im Buch des Lebens zu denen gezählt bin, von denen es Hebräer 11 [V.39] heißt: Diese alle haben durch den Glauben Zeugnis überkommen und nicht empfangen die Verheißung. Wenn es meinen klügeren Kindern gefällt, mögen sie auf meinen Grabstein schreiben: Hier ruht auch Einer, der geträumt und sich getäuscht hat! –

Aber über dem allem weiß ich, daß mein kleines Leben nicht umsonst ist. Wiederum aus dem Grund, weil es nicht mehr mein Leben ist, weil es gefangen und verkauft ist an Gott. Was Gott gehört, ist nicht umsonst. Aus vielen solchen Pilgerleben und Kämpferleben baut er sein |11 ewiges Reich. Das sind die Kräfte der Gnade, die durch das Dunkel des Gerichts hindurchbricht. Von solchen Menschen leben schon jetzt auch die Anderen, auch die, die besinnungslos mit dem Strom schwimmen. Wenn es keine solchen Menschen gäbe, es wäre nicht zum Aushalten. Es genügt mir, [für] diese höchste und unverdiente Ehre zu danken, daß mein Name geschrieben steht im Buch des Lebens [vgl. Apk. 17,8 u. ö.], daß Gott mich braucht für seine Zwecke und daß jetzt schon Viele von mir sich nähren [?], ohne es zu wissen. Es genügt mir, daß ich unbegreiflicherweise ein wenig Salz sein darf [vgl. Mt. 5,13]. Das Salz mag vergehen, die Durchsäuerung bleibt. Ich mag leben und sterben, in Gottes Hand bin ich kein Sterbender, denn Gott ist nicht ein Gott der Toten [Mk. 12,27 par.]. Gutes und Barmherzigkeit [werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn] immerdar. Auf dieses «immerdar» hin will ich leben, in die dunkle, verhangene Zukunft hinein leben, als ein Getrösteter, als ein Mutiger, als ein Hoffnungsvoller.

4. Liebe Freunde, denkt euch, wir würden einen Menschen so reden hören. Wohlverstanden: ich sage nicht etwa, daß ich mir anmaße, so reden zu dürfen. Was ich gesagt habe, habe ich im Namen des 23. Psalms, nicht in meinem Namen gesagt. Was mich betrifft, könnte ich nur hinzufügen, daß ich wünschte, so reden zu dürfen. Nicht wahr, das wünschen wir ja eigentlich alle. Denn das spüren wir: das wäre die Haltung, in der wir dem neuen Jahr und der ganzen Zeit, die kommt, bei aller Aufrichtigkeit und Nüchternheit freudig entgegensehen könnten, ohne rote Brille, aber auch ohne schwarzen Pessimismus, ruhig und tapfer und aufrecht und sicher: es wird recht kommen. Denn wenn einem Menschen das gewiß ist, daß Gott kommt, dann ist er auch gewiß, daß es recht kommt. Wohlverstanden, ich sage nun nicht etwa: Also laßt uns auch so reden. Das wäre wieder ein kirchlicher Betrug, und damit wollen wir nicht schließen. Denn das ist eben die Frage, ob wir so reden dürfen. Ich beantworte die Frage nicht, weder für dich noch für mich, wohl aber möchte ich schließen mit dem Hinweis darauf, daß wir eigentlich dürften. In Christus, im Blick auf die Wendung, die es mit der Menschheit durch ihn genommen, in seiner Nachfolge dürften wir, trotz alles Dunkels, das bis heute die Erde erfüllt. Christus ist nicht umsonst geboren. Er ist dazu geboren, |12 daß der 23. Psalm an uns, auch an uns wahr werde. Aber da stehen wir vor der Frage aller Fragen, vor der Frage, die die tiefste und brennendste Zeitfrage ist, vor der Frage, von der das neue Jahr und alle Zukunft beherrscht und bestimmt sein wird wie von keiner anderen, ob wir mit dem alten Simeon im Tempel sagen können, daß unsere Augen das Heil Gottes gesehen haben [vgl. Lk. 2,30].13

Sachfußnoten

1
An Neujahr wie auch an den beiden folgenden Sonntagen predigte Barth auch im Nachbarort Ürkheim in Vertretung des Ortspfarrers Paul Schild.↩
2
Aus der 5. Strophe des Liedes «Zerstreut und mannigfach geschieden» von S. Preiswerk (Evangelischer Liederkranz aus älterer und neuerer Zeit, Basel 1844, Nr.124, S. 155f. 📖 🎵):
Laß uns ein Salz der Erde werden,
Und als der Menschheit erste Kraft
Mitleidend tragen die Beschwerden
Der ganzen Zeitgenossenschaft.
↩
3
Im Mskr. steht hier wie an den entsprechenden Stellen im folgenden ein dicker, senkrechter, nachträglich zur Markierung eines Abschnitts eingetragener Blaustift-Strich.↩
4
Am 18.1.1919 wurde die Friedenskonferenz in Versailles von den Delegationen der Siegerstaaten eröffnet.↩
5
Während des noch bis 1921 andauernden «Kriegskommunismus» sanken die Industrie- und Agrarproduktionen dramatisch. Außerdem bestimmten die militärischen Auseinandersetzungen zwischen der «Roten Armee» und den «weißen» Armeen der Gegenrevolutionäre das Jahr 1918 und die Folgejahre.↩
6
István Graf Tisza war 1903-1905 und 1913-1917 ungarischer Minister-Präsident. Er wurde am 31.10.1918 in Budapest ermordet. Er hatte sich 1914 dem Angriffskrieg gegen Serbien widersetzt, später aber die Kriegsanstrengungen der Mittelmächte gefördert. Zu seiner Ermordung und zu seinen letzten Worten vgl. G. Vermes, István Tisza. The Liberal Vision and Conservative Statecraft of A Magyar Nationalist, New York 1985, S. 453 und S. 566, Anm.58 📖.↩
7
Aus der vorletzten Strophe des Gedichts «Resignation» von Fr. von Schiller 📖.↩
8
Mskr.: «in». Korrektur vom Hrsg.↩
9
Im Mskr. befindet sich hier ein Wurzelzeichen: Barth wollte hier noch etwas einfügen, hat es aber nicht niedergeschrieben.↩
10
J. Chr. Blumhardt, Blätter aus Bad Boll, Jg.5 (1877), S. 85 📖: «Wir können seufzen und doch selig sein.»↩
11
Schlußzeile von Strophe 3 des Liedes Nr.48 «Der Tag ist hin» von J. Neander (EKG 365,3). 🎵↩
12
Vgl. H. Kutter, Reden an die deutsche Nation, Jena 1916, S. 98.113.225 📖.↩
13
Zu dieser Predigt gibt es keine Liedangaben.↩