Psalm 23 (Neujahr)
1. Die Zeiten, wo wir mit harmlos vergnügten und zufriedenen Grüßen und gegenseitigen Glückwünschen die Schwelle des neuen Jahres überschreiten konnten, liegen weit hinter uns. Die Welt hat ein ernstes Gesicht bekommen. Aufmerksame Menschen merken das. Menschen, die nicht nur für sich selbst und in ihrem kleinen Kreise leben, sondern mitleidend tragen die Beschwerden der ganzen Zeitgenossenschaft2, solche Menschen gehen heute mit einem Herzen voll Sorge ins neue Jahr hinein. Mit größerer Sorge als während der vergangenen Kriegszeit. Der Krieg ist vorüber, und dabei könnten wir uns vielleicht einen Augenblick beruhigen.3 –
Aber die Abrechnung über den Krieg, über die Schuld, die ihn
verursacht, über das Böse, das er nun [?] erzeugt hat, über das, was wir in dieser
Kriegszeit gelernt oder noch nicht gelernt haben, diese Ab |4
rechnung steht noch bevor.4 Aufmerksame Menschen merken, daß die Aussicht keine erfreuliche ist. Die Luft über uns ist voll von den Anzeichen [?]
kommender schwerer Gewitter, und der Boden zittert unter unseren Füßen von den
Ankündigungen kommender schwerer Erdbeben. Es gibt Augenblicke, wo man die fast beneiden möchte, die in dem Schweren, das uns bevorsteht,
schon drinstehen, die jetzt schon büßen müssen für die Sünden der alten Zeit. Ich denke
an das unglückliche Rußland5. Ich
denke an das tief gedemütigte deutsche Volk. Was mag uns
Anderen bevorstehen, denen, die jetzt mit den Mienen der Gerechten den Sieg
auskosten, und uns Zuschauern? Wir haben doch auf unsere Weise genau so sehr wie das
alte Rußland, das alte Deutschland geglaubt an die Mächte, die den Krieg und die
Revolution verursacht haben: an das Geld, an eine bloß äußerliche Kultur, an ein
Christentum, das bloß Verzierung ist, an die militärische Macht, an die
gesellschaftlichen Vorurteile. Wer glaubt mehr daran als die Engländer, die Amerikaner,
die Schweizer? An einigen Stellen der Menschheit ist das Haus, das auf diesen Grundlagen erbaut war, nun unter Schrecken und Schmerzen
zusammengebrochen. Ich erinnere mich an das letzte Wort des ermordeten Tisza6: Es mußte so kommen! Werden
die verkehrten Grundlagen, auf denen wir Alles gebaut haben, bei uns etwa tragfähiger
sein als dort? Es wird auch in England, auch in Frankreich,
auch bei uns einmal so kommen, wie es kommen muß. Die Weltgeschichte ist unheimlich konsequent und gewissenhaft, sie vergißt nichts,
sie bringt Alles an den Tag. Was der Mensch sät, das muß er ernten [vgl.
5
Wer das weiß, der muß heute erschrecken beim Gedanken an die Zukunft.
Man wird beim besten Willen nicht behaupten können, daß die heutigen Sieger im Weltkrieg
in den letzten Monaten guten Samen gesät haben. Man
kann das auch von uns Schweizern nicht sagen. Wir haben erschreckend wenig gelernt.
Vielleicht sind uns in dem, was das Umdenken und Umlernen betrifft, die heutigen
Besiegten längst weit voraus. Wir gehen mit erstaunlicher Sicherheit und
Selbstgerechtigkeit weiter auf den Wegen, die in den
Weltkrieg hineingeführt haben. Wir sind erstaunlich getrost in der Zuversicht, die alte
Zeit mit ihren Götzen könne und müsse in Ewigkeit fortbestehen. Das muß sich einmal
rächen. Und daran denkt heute ein ernsthafter Mensch mit
Sorge. Wir haben nicht Ruhe zu erwarten, sondern neue Unruhe, nicht Frieden und
Verständigung, sondern neue Gegensätze, nicht Auflösung der Spannungen, sondern neue
schwere Bewegungen [?] und Schmerzen. Wir wollen es offenbar so haben. Es kann nicht
anders sein, als daß wir es so haben müssen. Wir wählen den Weg des alten Rußland, des alten Deutschland. Wir werden auf irgend eine Weise
und zu irgend einer Zeit auch ihr Schicksal aus der
Nähe kennen lernen müssen. Denn Gott läßt sich nicht spotten [
2. Es ist etwas Hohes, Gewaltiges, meine Freunde,
an diesem Neujahrstag die Worte des
Aber es ist nicht an dem, daß wir ohne weiteres so reden dürften. Wir
dürfen uns die Erkenntnis nicht ersparen, daß diese Worte in unseren Mund zunächst nicht passen. Der Trost und die Verheißung, die uns da
leuchten, sind Früchte, die erst wachsen müssen; es fragt |6 sich, ob sie bei uns gewachsen sind. Es fragt sich, ob man da stehen
kann, wo wir stehen, und gleichzeitig den
Denn zunächst müssen wir uns gestehen, daß wir alle in der
Entwicklung, die jetzt, wie es scheint, unaufhaltsam dem Gericht entgegentreibt,
mitten drin stehen. Wir alle, auch der Pfarrer, auch die Ernsten, auch
die Frommen, auch die Wohlgesinnten. Wir stehen auf der Seite der alten
Zeit. Wir haben unser Interesse und unsere Freude daran, daß Alles so weitergehe,
wie es vor dem Kriege gewesen ist. Wir helfen den Mächten der alten
Zeit, indem wir ihnen immer noch Respekt entgegenbringen, indem wir
ihnen auf Schritt und Tritt nachgeben, indem wir reden, wo wir schweigen, und schweigen, wo wir reden sollten. Wir
bestätigen und verstärken das, was heute still verschwinden sollte,
und wir entsetzen uns über das, was man heute ruhig verstehen sollte.
Wir sind mit unserem Herzen, mit unserer Liebe, mit unserem Gebet
nicht bei dem, was wird, sondern bei dem, was vergeht. Wir haben im Innersten noch nicht
gemerkt, um was es sich handelt. Wir haben den Ruf zur Buße, den diese
Zeit für die ganze Menschheit bedeutet, noch nicht gehört. Und dieses «noch
nicht» steht zwischen uns und dem
Erst jenseits des Grabens, den wir noch nicht übersprungen, auf der anderen Seite der innerlichen Umwälzung, des Umdenkens, Umlernens, Umfühlens kann man sagen: Der Herr ist mein Hirte … Der Mann, der das gesagt hat, hat den Sprung getan. Er hat dem Gott, der die Welt richtet, nicht widerstanden, sondern sich ihm in die Arme geworfen und gefangen gegeben. Er ist nicht mit dem Strom, sondern gegen den Strom geschwommen. Es hat sich in ihm etwas gekehrt von den Götzen zu Gott hin, er hat sich gebeugt unter das Gericht, er hat |7 die Wahrheit wenigstens in seinem Herzen Wahrheit sein lassen, er hat sich wenigstens einmal innerlich gelöst von den Gewalten der alten Welt, auch wenn er ihnen äußerlich noch nicht überlegen war, er hat begonnen, wenigstens anders zu denken, in eine andere Richtung zu sehen. Seht, von da an und darum konnte er ohne Übertreibung und Einbildung sagen: der Herr ist mein Hirte … Von da an wurde das wahr für ihn. Für uns aber ist das nicht ohne weiteres wahr, denn nicht wahr, es ist nicht ohne weiteres sicher, daß wir in diesem Umwandlungsprozeß auch drin stehen und stehen wollen. –
An uns treten seine Worte heute heran als Frage und Aufforderung: Gib
dich hinein in diese Umwandlung! Werde ein Mensch,
ein harrender, merkender, verständiger Mensch, ein von den Götzen zu
Gott gekehrter Mensch, der so reden darf und kann!, werde ein Mensch,
der in der Erneuerung ist und der damit für den Mut und für die
Hoffnung, die wir heute so nötig hätten, das Organ hat. Bist du ein solcher bewegter Mensch? Und wenn du’s nicht bist, weißt du, daß du
es werden mußt, um heutzutage nicht einfach rat- und trostlos
dazustehen? Und wenn du’s weißt, was tust du dafür, es zu werden?
Liebe Freunde, wer von uns hätte es nicht nötig, sich
heute diese Frage nach seinem Werden stellen zu lassen? Wer von uns dürfte es heute
wagen, frech nach den göttlichen Früchten des Trostes und der Verheißung zu greifen, ohne einer von den Werdenden zu sein, für die
sie gewachsen sind? Spüren wir’s, daß wir lügen würden
gegen Gott, wenn wir den
3. Seht, ich könnte mir auch heute einen Menschen denken, der es dürfte. O wenn jetzt Einer von uns aufstehen und uns anderen sagen könnte: Ich, ich darf! Ich will euch sagen, wie ich dran bin, wenn ich an die Zukunft denke. Und dann würde er etwa so mit uns reden: –
Ja, ich gehe auch mit schwerer Sorge beladen ins neue Jahr hinein. Ich sehe die Dinge nicht durch eine rosige Brille. Ich stelle mir die Menschen nicht besser vor, als sie sind. Ich weiß, daß alle Schuld sich einmal rächen muß und wird. Ich nehme mich selbst und mein Land und meine Familie nicht aus von dieser Schuld. Ich erwarte harte, ernste, verworrene Zeiten für mich und meine Kinder. Ich verlasse mich auf nichts mehr, weder auf mein bißchen Geld, noch auf8 das, |8 was jetzt Recht und Ordnung genannt wird, noch auf meine gute Gesinnung, noch auf den guten Willen der Menschen mir gegenüber. Ich weiß, daß wir in einer Zeit leben, in der Alles ins Wanken kommt: Königsthrone, Kirchen und Staaten [?], um wieviel mehr das kleine Gerüst von Rechten und Pflichten, das mich bis jetzt gehalten und geschützt hat. –
Aber in dem allem erkenne ich Gottes Hand, Gottes richtende Hand gewiß, unter deren Streichen vielleicht Vieles fällt, was mir teuer ist, aber Gottes Hand, nicht eines Teufels Hand. Mag fallen, was fallen muß, mag auch mich treffen, was mich treffen muß. Er ist mir teurer als [das] Teuerste, was ich habe, ich habe ihn in den guten Zeiten lange genug vergessen, ich will ihn in der bösen Zeit nicht aufs Neue verlieren. Ich verstehe ihn, ich will ihn verstehen. Ich sehe ihn Gericht üben, weil er seine Gnade offenbaren will auf der Erde. Ich sehe ihn zerstören, weil er bauen will. Ich höre ihn Nein sagen, damit sein großes Ja einmal gehört werden kann. Ich hoffe auf ihn. Und darum bin ich jetzt schon geborgen mitten im Unwetter.9 Ich warte auf sein Licht, und darum kann mich alles Dunkel der Gegenwart nicht verfinstern. Der Herr ist mein Hirte [; mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser,] er erquicket meine Seele. Jawohl, denn man kann seufzen und doch selig sein.10 –
Ich bin zwar einsam und fast immer ratlos im Gewühl dieser Welt. So bitter wenig Menschen sehe ich um mich, mit denen ich mich verstehen kann über das, was jetzt gesagt und getan werden müßte. So bitter wenige, mit denen man im Ernst gemeinsam arbeiten und beten kann. So bitter wenige, die einem eine wirkliche Hilfe sind, von denen man sich auch nur raten lassen kann. Und ich selber bin voll Irrtum und Sünde. Ich strauchle noch wie ein Unmündiger.11 Ich weiß fast nie, was und wie ich es machen soll, um der großen Lüge und dem Herzeleid der Welt etwas wirklich Neues, Besseres entgegenzustellen. |9 Alle meine Dämme, die ich gegen die Flut baue, zerreißen so gut wie die der Anderen. Ich vergreife mich immer wieder in den Mitteln, ich pfusche, ich überhöre Gottes Wort und störe seine freundliche Absicht und werde immer wieder mitschuldig mit der Welt. –
Aber eins läßt mich nicht los: Gott redet mit mir. Es ist eine Weisheit in mir, nicht meine eigene Weisheit, auch keine Weisheit von Anderen, aber etwas wie die Weisheit Gottes selbst, die leitet mich. Ich habe ein Gefühl für das Richtige, dem ich oft untreu bin und das mir doch nie untreu wird. Es ist ein Licht in mir, dem zu folgen mich noch nie gereut hat. Ich bekomme ganz bestimmte Weisungen: jetzt links! jetzt rechts! jetzt vorwärts! jetzt rückwärts!, und wenn ich ihnen gehorche, so lichtet sich das Gewühl, so spüre ich Grund unter meinen Füßen, so kommt etwas Neues dabei heraus, das sich lohnt, das sich bewährt. Ich habe oft den Eindruck, ich sei nur ein Werkzeug in meinem Tun, nur ein Sprachrohr in meiner Rede, den Eindruck von einem inneren Müssen!, und das tröstet mich, das kann mir niemand nehmen. Etwas Ähnliches sehe ich dann auch da und dort bei einem Anderen, wie Schiffe des Nachts die Lichter anderer Schiffe sehen. Es ist mir, ich sei auf einer Wanderung begriffen, auf der ungesehen viele Andere mitgehen, viel mehr als ich ahne vielleicht. Ich freue mich da und dort, so einen Mitpilger zu grüßen. Und so bin ich nicht allein, nicht verlassen. Er führet mich auf rechter Straße [um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir,] dein Stecken und Stab trösten mich. –
Ich bin zwar angefochten auf diesem Weg von allen Seiten. Es ist aller Ernst damit, daß ich auch ein Kind dieser dunklen, schuldbeladenen Zeit und Welt bin. Ich gebe gerechten Anstoß durch meine Fehler und Versäumnisse. Ich habe mehr als eine schwache Seite. Und darüber hinaus muß ich leiden darum, weil ich recht habe, weil ich Sprachrohr und Werkzeug eines Höheren bin, muß leiden um meiner Sache willen. Das ist kein Kinderspiel. Denn Gottes Sache ist gar angreifbar in dieser Welt. Es läßt sich gar Vieles sagen mit tausend Vernunftgründen und Erfahrungsgründen gegen das Unternehmen, es dem Schein zum Trotz mit Gott zu wagen. Es läßt sich gar Vieles einwenden gegen einen, der nur ein Argument, nur einen Beweis, nur einen Triumph hat, die stille göttliche Wahrheit. Man kann gar Vieles machen gegen einen, der sich nur auf Gott stützt. Da stehe ich wie ein |10 wehrloses Kind im Schlachtgetümmel. Ich kann sie nicht widerlegen, nicht zurückschlagen, nicht zunichte machen, wenn ich schon wollte. –
Aber in dem allem hat mich die Erfahrung noch nie verlassen und
wird mich nicht verlassen, daß ich gedeckt bin, daß es ihnen nicht
gelingen wird. Es kann mir schlimm gehen, aber ich werde nicht
überwältigt werden. Ich kann zum Gelächter und Gespött werden, aber zu
allerinnerst bin ich der, der unter Tränen lächeln12 kann. Eben darum, weil mein Leben nicht mein
Leben, meine Sache nicht meine Sache ist. Gott müßte sich selbst
aufgeben, wenn ich ganz untergehen sollte, und dafür ist gesorgt, daß Gott sich nicht
aufgibt. Mich kann man ängstigen und chicanieren, aber was hilft’s, wenn in
mir noch etwas ist, das nicht ich selber bin? Gott bekommt nicht Angst. Der im
Himmel wohnt, lachet ihrer [
Auch das weiß ich schließlich, daß ich ein Mensch bin mit einem kurzen
Leben und einmal, sehr bald vielleicht, sterben muß. Was bin
ich dann? Werde ich bis dahin einen Erfolg sehen? Werde ich
auch nur einen Strahl sehen vom Morgenglanz des endlich einbrechenden
Reiches Gottes? Werde ich sterbend auf etwas pochen können gegenüber
den Anderen, die mit dem Strom geschwommen sind? Werde ich
je die Freude haben, dazustehen als der, der schließlich doch recht
hat? Sehr wahrscheinlich nein und abermals nein das alles. Ich weiß, daß ich zum Verzicht auf jeden Erfolg gefaßt sein muß. Ich weiß, daß ich es mir noch
zur höchsten Ehre anrechnen [?] muß, wenn ich im Buch des Lebens zu denen
gezählt bin, von denen es
Aber über dem allem weiß ich, daß mein kleines Leben nicht
umsonst ist. Wiederum aus dem Grund, weil es nicht mehr mein Leben
ist, weil es gefangen und verkauft ist an Gott. Was Gott gehört,
ist nicht umsonst. Aus vielen solchen Pilgerleben und Kämpferleben baut er sein |11 ewiges
Reich. Das sind die Kräfte der Gnade, die durch das
Dunkel des Gerichts hindurchbricht. Von solchen Menschen leben schon jetzt
auch die Anderen, auch die, die besinnungslos mit dem Strom schwimmen. Wenn es
keine solchen Menschen gäbe, es wäre nicht zum Aushalten. Es genügt
mir, [für] diese höchste und unverdiente Ehre zu danken, daß mein Name geschrieben steht im Buch des Lebens [vgl.
4. Liebe Freunde, denkt euch, wir würden einen Menschen so reden hören. Wohlverstanden: ich sage nicht etwa, daß ich mir anmaße, so reden zu dürfen. Was ich gesagt habe,
habe ich im Namen des