18. April 1919

Lukas 23,33.39-43

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464
Karfreitag
Lukas 23,33.39–43
[Als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn daselbst und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. Aber der Übeltäter einer, die da gehenkt waren, lästerte ihn und sprach: Bist du Christus, so hilf dir selbst und uns! Da antwortete der andere, strafte ihn und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Und wir zwar sind billig darin, denn wir empfangen, was unsre Taten wert sind; dieser aber hat nichts Ungeschicktes getan. Und er sprach zu Jesu: Herr, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.]

1. Christus ist bei den Sündern und nicht bei den Heiligen. Das ist die unzweideutige Wahrheit des Karfreitags. Rechts und links die Übeltäter, in der Mitte er, mit ihnen in gleicher Verdammnis und Not. Das ist’s. Wer sich daran stoßen will und muß, der stoße sich. Wer aber Ohren hat zu hören, der höre [Mk. 4,9 par.]. Ob er wohl reich war, ward er doch arm um unsertwillen, auf daß wir durch seine Armut reich würden [2.Kor. 8,9]! Es ist in diesem völligen Armwerden des Heilands eine Gottesordnung, die wir immer aufs neue lebendig begreifen müssen. Denn die Erlösung, die uns der Heiland bringt, das Licht, das er verbreitet, die Kraft, die er schenkt, ist selber etwas Lebendiges, Besonderes. Sie kommt nicht zu uns wie Regen und Schnee vom Himmel, gleichgiltig wo wir stehen, sondern an einer ganz bestimmten Stelle des Menschenlebens, dort nämlich, wo die Schuld, die die Menschheit trägt, als Schuld erkannt, und die Strafe, die auf ihr liegt, als Strafe ertragen wird. Solange die Menschen sich noch rühmen können: ich bin gerecht! ich bin glücklich!, solange kann sie nicht kommen. Solange wir uns in dieser jetzigen Welt noch sicher und wohl fühlen können, kann die zukünftige Welt für uns nicht anbrechen. Solange wir uns irgendwie auf der Höhe des Lebens aufhalten wollen, kann Gott nicht mit uns reden von dem, was er im Sinn hat, und nicht an uns tun, was wir nötig haben. Denn das Göttliche ist etwas Neues. Es kann nur da eintreten, wo man mit dem Alten fertig ist. Jesus ist von |140 Anfang an zielbewußt dieser scheinbar so dunklen Stelle des Menschenlebens, der wir so gerne ausweichen würden, entgegen gegangen. Dort hat er angeklopft. Dort, unter den Zöllnern und Sündern, hat er seine Gesellen gesucht und gefunden. Dort, unter den Armen, Kranken und Leidenden hat er seine Herrlichkeit offenbart. Dort hat er den Hebel angesetzt, um freien Durchgang zu schaffen zwischen Gott und den Menschen. Schritt für Schritt vorwärtsgehend hat er alle Befriedigten und Satten hinter sich zurückgelassen, zuletzt auch seine eigenen Jünger, bis er ganz allein war, rechts und links die gekreuzigten Übeltäter, er selbst gekreuzigt, ausgestoßen, dem Tode überliefert. Dort, wo Alles zu Ende war, was wir Gerechtigkeit und Glück, Erfolg und Hoffnung nennen, hatte das Königreich der Wahrheit seinen Anfang und Ursprung. Die Menschen haben auch helfen müssen, diese Gottesordnung zu vollziehen, indem sie ihn zu den Übeltätern und in den Tod stießen. In unserer jetzigen Welt kann der Reichtum des Heilands nur als Armut auftreten. Seine Frömmigkeit mußte sich von den Menschen Gotteslästerung heißen lassen [Mk. 14,64 par.] und seine Gerechtigkeit Aufruhr und Empörung. Sie waren aber das Neue. Das Alte mußte das Neue hassen und verurteilen. Die Feinde Jesu mußten auf ihre Weise auch Ja sagen dazu, daß Christus zu den Sündern und Leidenden gehört.

2. Es fragt sich nun nur, ob man dazu nicht auch auf eine andere Weise Ja sagen könnte. Es ist etwas in uns, das sich dagegen wehrt, vom Kreuz her, aus dieser Tiefe des Lebens, aus dieser größten Armut und Demut heraus Hilfe und Gotteskraft und Leben zu erwarten. Zweifel [?]: Etwas Starkes, Großes und Glänzendes, das uns wohl gefallen würde und an dem wir uns halten könnten, wäre uns lieber. Wenn wir Christus so ansehen in der Gesellschaft der Übeltäter und in der gleichen Not mit ihnen, so möchte uns der Gedanke kommen, ob er denn wirklich Christus, ein Helfer und Heiland für uns sei. Wir kommen oft unwillkürlich auf ähnliche Gedanken, wie sie die Feinde Jesu bewegt haben, die ihn zu den Sündern stießen, nachdem sie gemerkt hatten, daß er wirklich zu den Sündern gehen wollte. Es graute ihnen eben vor dem Neuen, das da anfängt, wo unser ganzes altes Wesen zu Ende ist. Es graute ihnen vor dem Gott, der erst zu den Menschen kommt, die mit sich selbst fertig geworden sind. Es graute ihnen vor der Über|141macht der Gnade, die unsere ganze Welt sündig und tot nennt, um sie ganz zu erneuern und zu beleben. Sie sahen darin nur die große, zweifelnde Frage, die er an sie alle richtete, die Erschütterung alles Bisherigen, die diese Frage mit sich brachte, die Unruhe, die ihnen in ihrer Ruhe bereitet wurde. Sie sahen an ihm selbst nur seine merkwürdige Schwachheit, das Kleine an ihm, das Fehlen aller menschlichen Größe. Darum haßten und verachteten sie ihn. Darum gaben sie ihn dem Tode preis als einen Feind der Welt und des Menschengeschlechts1. |

So hat offenbar auch der eine der beiden Übeltäter von Christus gedacht. «Bist du Christus, so hilf dir selbst und uns!» Ihn ärgerte der große Anspruch, den dieser Mensch stellte, verglichen mit der großen Schwachheit, in der er ihn sah. Wenn er Kaiphas oder Pilatus gewesen wäre, er hätte ihn auch zum Tode gebracht. Er fühlte sich auch beleidigt durch die zweifelnde [?] Frage …2 Er sah aber auch aus nach etwas Gewaltigem, Wohlgefälligem und fand es nicht bei Jesus. Er ist ein Beispiel dafür, daß man mit Christus gekreuzigt sein kann, ohne darum mit Christus zu leben. - Man kann in der Tiefe des Lebens sein, ein Sünder unter Sündern, ein Kranker unter Kranken, ein Sterbender unter Sterbenden und dabei immer noch beharrlich vorbeisehen an der Gottestüre [?], die sich gerade in dieser Tiefe öffnen könnte. - Man kann durch alle Lebensumstände und Zeitzustände getrieben und gezwungen sein zur Demut und immer noch sich ärgern an der Demut Christi, immer noch sich wehren dagegen, selber demütig zu werden. - Es kann einem alles Alte, alle eigene Gerechtigkeit, alle eigene Hoffnung genommen sein, und die Möglichkeit ist vorhanden, daß man sich immer noch wehrt gegen das Eingeständnis, daß das Alte wirklich vergangen ist, daß ein Neues nun tatsächlich werden muß [vgl. 2.Kor. 5,17]. - Wir können mit vollständig leeren Händen dastehen und doch noch immer nicht merken wollen, daß wir leer sind und leer bleiben werden, wenn wir nun nicht Gott die Ehre geben. - Wenn wir in diesem trotzigen Irrtum, in dieser Abscheu vor der Demut verharren wollen, dann müssen wir uns endgiltig abwenden von dem Jesus, der |142 der Zöllner und Sünder Geselle [Mt. 11,19], der Ausgestoßenen und Geächteten mitleidender Bruder gewesen ist. Ich brauche nicht erst zu sagen, wie viel an unserem heutigen sogenannten Christentum bei aller Verherrlichung, die man Christus zuteil werden läßt, einfach darin besteht, daß man über diese Demut Jesu hinweggeht, als ob sie nicht vorhanden wäre.

3. Aber, liebe Freunde, dieser Irrtum ist nicht notwendig und unvermeidlich. Wir müssen nicht durchaus Nein sagen zu dem Jesus, der zu den Sündern gegangen ist und mit den Sündern wie ein Sünder gelitten hat. Er selbst kann uns noch etwas Anderes sagen. Ich meine jetzt nicht das, daß wir mit den Kindern [?] Mitleid mit ihm haben können und sollen wegen der Leiden, die er durchzumachen hatte. Und auch das nicht, daß wir ihn bewundern wegen des Heldenmuts, den er dabei gezeigt hat. Er braucht unser Mitleid und unsere Bewunderung nicht, und beides hilft uns auch nicht. Sie sind keine Antwort auf die Frage des Karfreitags. Wir könnten aber auf den Gedanken kommen, daß gerade in diesem Herabsteigen Jesu in die tiefste Tiefe des Lebens etwas unvergleichlich Starkes liegt, eine Tat, die viel bedeutsamer und folgenschwerer ist als alle Kriegstaten, Erfindungen und Entdeckungen, alle gescheiten Gedanken und tugendhaften Handlungen, alle Gebete und Predigten und was uns sonst immer als glänzend und wohlgefällig erscheinen mag. Denn wir können es ja doch nicht leugnen, daß diese Tiefen des Lebens tatsächlich da sind; nur, wenn wir ganz unaufrichtig sind, können wir uns über den […]3 darüber hinwegsetzen. Die Sünde ist eine Tatsache, die Krankheit ist eine Tatsache, der Tod ist eine Tatsache. Es ist keine Sekunde und kein Ort, wo nicht gefehlt, gelitten, geseufzt, gestorben wird. Wenn’s nicht uns angeht, so geht’s zufällig jetzt andere an, was tut’s, es ist doch unser und ihr gemeinsames Leben, morgen, heute, noch in der nächsten Stunde kann es uns selbst angehen. Was hilft uns alle Schönheit und Vernunft, wenn da beständig ein Rätsel auf uns wartet, das wir nicht zu lösen vermögen? Was helfen uns die Höhen des Lebens, wenn diese Tiefen immer dicht daneben sein dürfen ohne Licht, ohne Erklärung, ohne Grund und Sinn? (Wir können es fertig bringen, das lange zu übersehen, und uns |143 immer noch in einer gewissen Zufriedenheit und Hoffnung bewegen. Man kann am Rande des Grabes stehen, man kann sozusagen über dem Abgrund wandeln und das immer noch übersehen.) Wer es einmal gemerkt hat, der weiß, daß von diesen unerklärlichen Tatsachen der Sünde und des Todes aus ein Schatten auf das ganze Leben, auf die ganze jetzige Welt fällt. Wer diesen Schatten einmal gesehen hat, der vergißt ihn nicht wieder, der kann nicht wieder froh werden. Er weiß, was der Mensch ist und was das Leben. Er weiß zu viel, um wieder froh zu werden. In der Tiefe, in die er hineingesehen, ist ihm das Ganze der Welt und des Lebens und des Menschenwesens fraglich, rätselhaft, unheimlich geworden. Er glaubt nicht mehr an das, womit man sich gewöhnlich aufmuntern, trösten, beruhigen will. Es beruhigt ja Alles nur teilweise, nur vorläufig, nur augenblicklich. Gibt es keine ganze Ruhe?|

Wem diese Frage nach dem Ganzen des Lebens einmal gekommen ist, der sieht sich dann unwillkürlich um nach einem, der neben uns stünde in der Tiefe und uns da gerade die Hoffnung mehren könnte. Neben uns müßte er stehen, in der Sünde und im Tode müßte er bei uns sein; denn was hilft uns alles das, was nur auf die Sonnenseite des Lebens paßt, was helfen uns alle Erinnerungen an eine Gerechtigkeit und an ein Glück, an das wir nicht mehr glauben können? Aber Hoffnung müßte er uns machen gerade in der Tiefe, sündlos müßte er sein in der Sünde, Leben müßte er uns offenbaren im Tode, Herrlichkeit in der Schande, Macht in der Schwachheit, ein Neues müßte er uns offenbaren im Zusammenbruch des Alten, ein wirklich Neues, ein Neues, das nicht wieder alt werden kann. Ein Licht müßte er uns leuchten lassen, aber nicht eins von den Lichtern, die verlöschen, sondern ein ewiges Licht, das Leid und Freude, Himmel und Hölle umfaßt und umstrahlt. Von Gott müßte er uns reden, aber nicht von dem Gott der braven [?], zufriedenen Leute, die das Leben nicht kennen, sondern von dem lebendigen Gott, der die Welt richtet, weil er die Welt lieb hat. Das wäre die starke, die stärkste Tat, nach der uns eines Tages der Hunger und der Durst kommen könnte. Warum sollten sie uns nicht kommen?|

Dem anderen Übeltäter am Kreuz sind sie gekommen, der Hunger und Durst und - die Erfüllung damit. Ihm graute es nicht vor Jesus, weil er ein anderes Leben ankündigte und von den Menschen verlangte, denn |144 ihm war dieses jetzige Leben auch fraglich geworden. Er wehrte sich nicht gegen den Gott, vor dem alle Menschen Sünder sind, denn er meinte keinen Augenblick, etwas Anderes zu sein. Er verabscheute die Demut nicht mehr, denn er hatte in der Demut die einzige, die letzte mögliche Sicherheit gefunden. Er entrüstete sich nicht mehr über das Neue, denn auch er war mit dem Alten fertig geworden. - Er verstand Gott, in der Tiefe seiner Not verstand er ihn, darum fürchtete er ihn, setzte ihm keinen Widerspruch mehr entgegen. Er verstand seine eigene Verdammnis, darum erwartete er keine kleine Hilfe und Errettung mehr wie sein Gefährte, nur noch die Erlösung von der Verdammnis selbst. Er verstand sich selber, darum gab er sich selbst unrecht: wir empfangen, was unsere Taten wert sind. - Eben darum nahm er auch nicht Anstoß an der Schwachheit und Niedrigkeit Jesu. Er erschrak über die Welt, die Jesus dahin gebracht hatte, obwohl er nichts Ungeschicktes getan, aber nicht darüber, das Jesus das hatte geschehen lassen. Das mußte so sein. Hier gerade, in der Schwachheit und Niedrigkeit konnte er an ihn glauben, dem, der zu ihnen, den Sündern und Sterbenden gekommen, der versucht war wie er [vgl. Hebr. 4,15], der seinesgleichen geworden, dem konnte er es abnehmen und glauben, daß die Hoffnung kein leerer [?] Wahn ist, daß es ein anderes Leben, eine Gotteswelt gibt. - Wie weit ist dieser Mensch gekommen in kürzester Frist, weiter als Alle, die ihn als Verbrecher verurteilt und verabscheut hatten, weiter als die Frommen in Israel alle, weiter als die Jünger Jesu selbst. Er wagt es, Jesus zu erkennen, wo alle ihn mißverstehen mußten. Er wagt es, seine Finsternis Licht zu nennen, seine Schande Herrlichkeit, seine Schwachheit Kraft. Er wagt es, seine Not und die Not Jesu und die Not dieses ganzen jetzigen Lebens zu übersehen und zu vergessen und Jesus einen König zu nennen: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Es ist merkwürdig, überaus merkwürdig, dieses Verstehen, dieses Anrufen, dieses Suchen, Bitten und Anklopfen, dieser neue Weg, der in letzter Stunde in der tiefsten Tiefe eingeschlagen wird. Über was wollen wir uns mehr verwundern: über die große Frage, die in diesem Menschen entstanden ist, oder über die große Antwort, die er gefunden hat? Wir wollen uns nicht damit aufhalten, uns zu verwundern über dieses Bild eines Menschen, der Gott gefunden in Christus. Wir wollen es nur anschauen und uns freuen darüber, daß es offenbar möglich ist, sich |145 nicht zu irren Jesus gegenüber, zu sehen, was kein Auge gesehen, und zu hören, was kein Ohr gehört, was Gott denen schenkt, die ihn liebhaben [1.Kor. 2,9; vgl. Röm. 8,28].

4. Es lohnt sich, mit diesem Übeltäter zu hungern und zu dürsten und satt zu werden. Es lohnt sich, mit diesem Ausgestoßenen Nein zu sagen nach der einen Seite und Ja nach der anderen. Es lohnt sich, das Leben mit seinem Auge zu betrachten. Wir brauchen ihn nicht zu loben wegen seines aufrichtigen Nein, und wir brauchen ihn auch nicht zu bedauern wegen des schmerzlichen Loses, das er danach zu tragen hatte bis zum bitteren Ende. Er braucht unsere Gefühle nicht. Es handelt sich um Größeres. Sein Leben hatte in diesen paar letzten bösen Stunden seiner qualvollen Todesstrafe den wichtigeren, wertvolleren Inhalt als so viele, viele gesunde, ehrbare Menschenleben in dreißig oder siebzig Jahren. Denn dieses Sünderleben und Leidensleben [?], das bereits von der Finsternis des Todes umgeben war, hatte nur eine Hoffnung, ein Ziel, eine Bestimmung. «Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.» Das ist’s! Darum ist Christus in die Finsternis dieser Welt hineingegangen, um den Menschen, die da wohnen, die Hoffnung zu geben. Wir müssen es nur aufrichtig bekennen, daß wir da wohnen, dann gibt er sie uns, dann haben wir sie schon. Wer die ganze Not der Welt und das ganze Licht des Heilands erkannt hat, der hat sie. Wer aus der Wahrheit ist und sich nicht irren will, der hört dann seine Stimme [vgl. Joh. 18,37]. Es gibt hinfort keine Tiefe des Lebens mehr, in der diese Stimme nicht zu hören wäre. Keinen, gar keinen gottlosen Höllenwinkel des Menschenlebens soll es hinfort mehr geben, in dem das nicht zu hören wäre: heute noch sollst du mit mir im Paradiese sein! Das Paradies ist das vollendete Gottesreich, die Vergebung der Sünden, die Auferstehung der Toten, das ewige Leben.4 - Auf dieses Kommende warten, das heißt ein gerechter [?], lebendiger Mensch sein. Denn dieses Kommende wirft sein Licht voraus, macht seine Wirkungen im Voraus geltend, wirft einen Abglanz auch auf das, was jetzt ist. Wer in diesem Abglanz des Zukünftigen steht, in diesem Morgenglanz der Ewigkeit5, der kann nicht mehr |146 begehren, der kann nicht gerechter, nicht glücklicher sein, und wenn er ein sterbender Sünder wäre. - |

Sind wir nicht Sünder? Sind wir nicht Sterbende allesamt? Wollen wir nicht hineintreten in dieses Licht? Ist der kostbare Preis des Blutes Christi nicht bezahlt dafür, daß wir da hineintreten und auf das Künftige hoffen dürfen? O daß wir gerade heute ein Christentum bekämen, das den großen Ruf Vorwärts! wieder hören würde, der vom Kreuze Christi her in unsere Finsternis hinein ertönt! Ein Christentum, das weniger von Christus redet und besser auf seine Stimme hört. Ein Christentum, das wahrhaftig und demütig genug ist, Christus zu sehen, wie er gewesen ist. Ein Christentum, das Gott die Ehre gibt, um dafür jetzt schon, heute noch etwas zu schauen von den vorlaufenden Strahlen seiner Herrlichkeit. Aber ein solches Christentum können wir uns nicht nur wünschen, wir müssen es auch wollen, im Ernst wollen. Denn an Gott, von dem alle gute und vollkommene Gabe kommt [Jak. 1,17], kann es nicht fehlen, wenn wir es noch nicht haben. Ihm sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat in Jesus Christus [1.Kor. 15,57].6

Lieder:
  • Nr. 112 «O Haupt voll Blut und Wunden» von P. Gerhardt, Strophen 1-3 (RG [1998] 445,1-3; EG 85,1.2.4 mit Textabweichungen) 🎵
  • Nr. 3 «Sollt ich meinem Gott nicht singen» von P. Gerhardt, Strophen 1.3.9 (RG [1998] 724,1.3.8; EG 325,1.3.8; jeweils mit geringen Textabweichungen) 🎵

Sachfußnoten

1
Laut Tacitus war das «odium generis humani» der Christen hauptsächlicher Grund für ihre Verfolgung im Römischen Reich (Annalen XV,44 📖).↩
2
Der nachträglich hinzugefügte Satz verweist, wenn die Entzifferung zutrifft, auf «die große, zweifelnde Frage», von der im vorangehenden Absatz die Rede ist.↩
3
Ein Wort wegen Beschädigung des Manuskriptblattes unleserlich.↩
4
Symbolum Apostolicum, BSLK 21 📖.↩
5
Lied Nr.43 (RG [1998] 572; EG 450) 🎵.↩
6
Auf der leeren Rückseite des Manuskriptblattes sind drei Zahlen notiert: wohl die Nummern der Lieder 112 (s. Liedangaben) 🎵, 225 («Ist Gott für mich, so trete») 🎵 und 258 («Dir will ich danken bis zum Grabe») 🎵, die Barth vielleicht in die engere Auswahl für den Karfreitagsgottesdienst genommen hatte.↩