Lukas 23,33.39-43
1.
Christus ist bei den Sündern und nicht bei den Heiligen. Das ist
die unzweideutige Wahrheit des Karfreitags. Rechts und links die Übeltäter, in der Mitte
er, mit ihnen in gleicher Verdammnis und Not. Das ist’s. Wer sich daran stoßen will und
muß, der stoße sich. Wer aber Ohren hat zu hören, der höre [
2. Es fragt sich nun nur, ob man dazu nicht auch auf eine andere Weise Ja sagen könnte. Es ist etwas in uns, das sich dagegen wehrt, vom Kreuz her, aus dieser Tiefe des Lebens, aus dieser größten Armut und Demut heraus Hilfe und Gotteskraft und Leben zu erwarten. Zweifel [?]: Etwas Starkes, Großes und Glänzendes, das uns wohl gefallen würde und an dem wir uns halten könnten, wäre uns lieber. Wenn wir Christus so ansehen in der Gesellschaft der Übeltäter und in der gleichen Not mit ihnen, so möchte uns der Gedanke kommen, ob er denn wirklich Christus, ein Helfer und Heiland für uns sei. Wir kommen oft unwillkürlich auf ähnliche Gedanken, wie sie die Feinde Jesu bewegt haben, die ihn zu den Sündern stießen, nachdem sie gemerkt hatten, daß er wirklich zu den Sündern gehen wollte. Es graute ihnen eben vor dem Neuen, das da anfängt, wo unser ganzes altes Wesen zu Ende ist. Es graute ihnen vor dem Gott, der erst zu den Menschen kommt, die mit sich selbst fertig geworden sind. Es graute ihnen vor der Über|141macht der Gnade, die unsere ganze Welt sündig und tot nennt, um sie ganz zu erneuern und zu beleben. Sie sahen darin nur die große, zweifelnde Frage, die er an sie alle richtete, die Erschütterung alles Bisherigen, die diese Frage mit sich brachte, die Unruhe, die ihnen in ihrer Ruhe bereitet wurde. Sie sahen an ihm selbst nur seine merkwürdige Schwachheit, das Kleine an ihm, das Fehlen aller menschlichen Größe. Darum haßten und verachteten sie ihn. Darum gaben sie ihn dem Tode preis als einen Feind der Welt und des Menschengeschlechts1. |
So hat offenbar auch der eine der beiden Übeltäter von Christus
gedacht. «Bist du Christus, so hilf dir selbst und uns!» Ihn ärgerte der große Anspruch, den dieser Mensch stellte, verglichen mit der großen
Schwachheit, in der er ihn sah. Wenn er
3. Aber, liebe Freunde, dieser Irrtum ist nicht notwendig und unvermeidlich. Wir müssen nicht durchaus Nein sagen zu dem Jesus, der zu den Sündern gegangen ist und mit den Sündern wie ein Sünder gelitten hat. Er selbst kann uns noch etwas Anderes sagen. Ich meine jetzt nicht das, daß wir mit den Kindern [?] Mitleid mit ihm haben können und sollen wegen der Leiden, die er durchzumachen hatte. Und auch das nicht, daß wir ihn bewundern wegen des Heldenmuts, den er dabei gezeigt hat. Er braucht unser Mitleid und unsere Bewunderung nicht, und beides hilft uns auch nicht. Sie sind keine Antwort auf die Frage des Karfreitags. Wir könnten aber auf den Gedanken kommen, daß gerade in diesem Herabsteigen Jesu in die tiefste Tiefe des Lebens etwas unvergleichlich Starkes liegt, eine Tat, die viel bedeutsamer und folgenschwerer ist als alle Kriegstaten, Erfindungen und Entdeckungen, alle gescheiten Gedanken und tugendhaften Handlungen, alle Gebete und Predigten und was uns sonst immer als glänzend und wohlgefällig erscheinen mag. Denn wir können es ja doch nicht leugnen, daß diese Tiefen des Lebens tatsächlich da sind; nur, wenn wir ganz unaufrichtig sind, können wir uns über den […]3 darüber hinwegsetzen. Die Sünde ist eine Tatsache, die Krankheit ist eine Tatsache, der Tod ist eine Tatsache. Es ist keine Sekunde und kein Ort, wo nicht gefehlt, gelitten, geseufzt, gestorben wird. Wenn’s nicht uns angeht, so geht’s zufällig jetzt andere an, was tut’s, es ist doch unser und ihr gemeinsames Leben, morgen, heute, noch in der nächsten Stunde kann es uns selbst angehen. Was hilft uns alle Schönheit und Vernunft, wenn da beständig ein Rätsel auf uns wartet, das wir nicht zu lösen vermögen? Was helfen uns die Höhen des Lebens, wenn diese Tiefen immer dicht daneben sein dürfen ohne Licht, ohne Erklärung, ohne Grund und Sinn? (Wir können es fertig bringen, das lange zu übersehen, und uns |143 immer noch in einer gewissen Zufriedenheit und Hoffnung bewegen. Man kann am Rande des Grabes stehen, man kann sozusagen über dem Abgrund wandeln und das immer noch übersehen.) Wer es einmal gemerkt hat, der weiß, daß von diesen unerklärlichen Tatsachen der Sünde und des Todes aus ein Schatten auf das ganze Leben, auf die ganze jetzige Welt fällt. Wer diesen Schatten einmal gesehen hat, der vergißt ihn nicht wieder, der kann nicht wieder froh werden. Er weiß, was der Mensch ist und was das Leben. Er weiß zu viel, um wieder froh zu werden. In der Tiefe, in die er hineingesehen, ist ihm das Ganze der Welt und des Lebens und des Menschenwesens fraglich, rätselhaft, unheimlich geworden. Er glaubt nicht mehr an das, womit man sich gewöhnlich aufmuntern, trösten, beruhigen will. Es beruhigt ja Alles nur teilweise, nur vorläufig, nur augenblicklich. Gibt es keine ganze Ruhe?|
Wem diese Frage nach dem Ganzen des Lebens einmal gekommen ist, der sieht sich dann unwillkürlich um nach einem, der neben uns stünde in der Tiefe und uns da gerade die Hoffnung mehren könnte. Neben uns müßte er stehen, in der Sünde und im Tode müßte er bei uns sein; denn was hilft uns alles das, was nur auf die Sonnenseite des Lebens paßt, was helfen uns alle Erinnerungen an eine Gerechtigkeit und an ein Glück, an das wir nicht mehr glauben können? Aber Hoffnung müßte er uns machen gerade in der Tiefe, sündlos müßte er sein in der Sünde, Leben müßte er uns offenbaren im Tode, Herrlichkeit in der Schande, Macht in der Schwachheit, ein Neues müßte er uns offenbaren im Zusammenbruch des Alten, ein wirklich Neues, ein Neues, das nicht wieder alt werden kann. Ein Licht müßte er uns leuchten lassen, aber nicht eins von den Lichtern, die verlöschen, sondern ein ewiges Licht, das Leid und Freude, Himmel und Hölle umfaßt und umstrahlt. Von Gott müßte er uns reden, aber nicht von dem Gott der braven [?], zufriedenen Leute, die das Leben nicht kennen, sondern von dem lebendigen Gott, der die Welt richtet, weil er die Welt lieb hat. Das wäre die starke, die stärkste Tat, nach der uns eines Tages der Hunger und der Durst kommen könnte. Warum sollten sie uns nicht kommen?|
Dem anderen Übeltäter am Kreuz sind sie gekommen, der Hunger und Durst und - die Erfüllung damit. Ihm graute es nicht vor Jesus, weil er ein anderes Leben ankündigte und von den
Menschen verlangte, denn |144 ihm war dieses jetzige Leben auch
fraglich geworden. Er wehrte sich nicht gegen den Gott, vor dem
alle Menschen Sünder sind, denn er meinte keinen Augenblick, etwas Anderes zu sein. Er
verabscheute die Demut nicht mehr, denn er hatte in der Demut
die einzige, die letzte mögliche Sicherheit gefunden. Er entrüstete
sich nicht mehr über das Neue, denn auch er war mit dem Alten fertig geworden. -
Er verstand Gott, in der Tiefe seiner Not verstand er ihn, darum
fürchtete er ihn, setzte ihm keinen Widerspruch mehr entgegen. Er verstand seine eigene Verdammnis, darum erwartete er keine kleine Hilfe und
Errettung mehr wie sein Gefährte, nur noch die Erlösung von der Verdammnis selbst. Er
verstand sich selber, darum gab er sich selbst unrecht: wir
empfangen, was unsere Taten wert sind. - Eben darum nahm er auch nicht
Anstoß an der Schwachheit und Niedrigkeit Jesu. Er erschrak
über die Welt, die Jesus dahin gebracht hatte, obwohl er nichts Ungeschicktes
getan, aber nicht darüber, das Jesus das hatte geschehen lassen. Das mußte so sein. Hier gerade, in der Schwachheit und Niedrigkeit konnte er an ihn
glauben, dem, der zu ihnen, den Sündern und Sterbenden gekommen,
der versucht war wie er [vgl.
4.
Es lohnt sich, mit diesem Übeltäter zu hungern und zu dürsten und satt zu werden. Es lohnt sich, mit diesem
Ausgestoßenen Nein zu sagen nach der einen Seite und Ja nach der
anderen. Es lohnt sich, das Leben mit seinem Auge zu betrachten.
Wir brauchen ihn nicht zu loben wegen seines aufrichtigen Nein,
und wir brauchen ihn auch nicht zu bedauern wegen des
schmerzlichen Loses, das er danach zu tragen hatte bis zum bitteren Ende. Er braucht
unsere Gefühle nicht. Es handelt sich um Größeres. Sein Leben
hatte in diesen paar letzten bösen Stunden seiner qualvollen Todesstrafe den wichtigeren, wertvolleren Inhalt als so viele, viele gesunde,
ehrbare Menschenleben in dreißig oder siebzig Jahren. Denn dieses Sünderleben und
Leidensleben [?], das bereits von der Finsternis des Todes umgeben war, hatte nur eine Hoffnung, ein Ziel, eine Bestimmung. «Heute noch wirst du mit
mir im Paradiese sein.» Das ist’s! Darum ist Christus in die
Finsternis dieser Welt hineingegangen, um den Menschen, die da wohnen, die Hoffnung zu
geben. Wir müssen es nur aufrichtig bekennen, daß wir da wohnen,
dann gibt er sie uns, dann haben wir sie schon. Wer die ganze Not der Welt und das ganze
Licht des Heilands erkannt hat, der hat sie. Wer aus der Wahrheit ist und sich nicht irren will, der hört dann seine
Stimme [vgl.
Sind wir nicht Sünder? Sind wir nicht Sterbende allesamt? Wollen
wir nicht hineintreten in dieses Licht? Ist der kostbare Preis
des Blutes Christi nicht bezahlt dafür, daß wir da hineintreten
und auf das Künftige hoffen dürfen? O daß wir gerade heute ein
Christentum bekämen, das den großen Ruf Vorwärts! wieder
hören würde, der vom Kreuze Christi her in unsere Finsternis hinein ertönt! Ein
Christentum, das weniger von Christus redet und besser auf seine Stimme hört. Ein Christentum, das wahrhaftig und
demütig genug ist, Christus zu sehen, wie er gewesen ist. Ein Christentum, das
Gott die Ehre gibt, um dafür jetzt schon, heute noch etwas zu
schauen von den vorlaufenden Strahlen seiner Herrlichkeit. Aber ein solches Christentum
können wir uns nicht nur wünschen, wir müssen es auch wollen, im
Ernst wollen. Denn an Gott, von dem alle gute und vollkommene
Gabe kommt [
- Nr. 112 «O Haupt voll Blut und Wunden» von
P. Gerhardt , Strophen 1-3 (RG [1998] 445,1-3; EG 85,1.2.4 mit Textabweichungen) - Nr. 3 «Sollt ich meinem Gott nicht singen» von
P. Gerhardt, Strophen 1.3.9 (RG [1998] 724,1.3.8; EG 325,1.3.8; jeweils mit geringen
Textabweichungen)