Vorwort · 1979

Vorwort

VII

VORWORT

In Abteilung I der Gesamtausgabe sind bisher zwei vollständige Jahrgänge — 1913 und 1914 — von Predigten des jungen Safenwiler Pfarrers Karl Barth vorgelegt worden. Ihnen folgt an nächster Stelle nun eine Sammlung der Predigten aus den letzten Jahren von Barths akademischer Tätigkeit und aus der Zeit seines Ruhestandes. Die Pointe, die in dieser Folge des Erscheinens entdeckt werden könnte, ist nicht deren Beweggrund. Zwar ist es in der Tat reizvoll und lehrreich, jene frühen und diese spätesten Predigten einander gegenüberzustellen und sich im Spiegel der nach Inhalt und Form so außerordentlich gewandelten Verkündigung desselben Predigers die Weite und Bedeutsamkeit des Weges zu vergegenwärtigen, den Barth als Theologe in jenen Jahrzehnten zurückgelegt hat: Er ahnte, als jene posthum veröffentlichten Predigten entstanden, noch nicht, daß er einige Jahre später mit einer Auslegung des Römerbriefs zu einer grundlegenden Erneuerung der Theologie ansetzen würde; und er stand, als er die ersten der hier wieder vorgelegten Predigten hielt, bei der Niederschrift des zweiten Teils der Lehre von der Versöhnung innerhalb seines monumentalen Hauptwerkes (KD IV/2 📖) und damit auf dem Höhepunkt der Entfaltung jener erneuerten Theologie. Doch hat nicht die Absicht solcher Kontrastwirkung zu dem Entschluß geführt, in der Veröffentlichung jetzt diesen Sprung vom Früh- zum Spätwerk zu machen. Bestimmend waren lediglich praktische Gründe: Da die Gesamtausgabe nach und nach die bisherigen Einzelausgaben der Werke Barths, wenn sie vergriffen sind, ersetzen soll, lag es nahe, diejenigen Predigten, die im Buchhandel am meisten verlangt werden, mit Vorrang in die Gesamtausgabe zu überführen.

Seit dem Übergang vom Safenwiler Pfarramt ins akademische Lehramt (Oktober 1921) hatte Barth keinen amtlichen und regelmäßigen Predigtauftrag mehr. Doch hat er seiner berühmt gewordenen Erklärung, daß die Wurzel seiner Theologie «das spezifische Pfarrerproblem der Predigt» sei1, auch in der Weise die Treue gehalten, daß er Einla|VIIIdungen zum Predigen, wann immer sein sonstiges Arbeitspensum es zuließ, gern Folge leistete. Aus den Jahren 1921 bis 1964 liegen rund 130 Predigten Barths vor, in der überwiegenden Mehrzahl in ausgeschriebenem Wortlaut (die meisten von ihnen einmal oder mehrfach veröffentlicht), zu einem kleinen Teil auch nur als Stichwortkonzept, wie er es auf die Kanzel mitzunehmen pflegte. Von einigen weiteren sind Datum, Ort und Text bekannt, aber keine Aufzeichnungen erhalten. Für diese Predigten aus Barths Professorenzeit sind drei Bände der Gesamtausgabe vorgesehen. Der erste wird diejenigen aus Barths Jahren in Deutschland (1921/1935) enthalten, der zweite diejenigen vom Beginn der Basler Zeit bis zu der einzigen großen Pause in seiner Predigttätigkeit: zwischen 1947 und 1954 hat er keinmal in Basel und nur dreimal auswärts gepredigt. Nach dieser Unterbrechung setzt eine neue, letzte Predigtperiode ein. Was in ihr entstanden ist, ist lückenlos erhalten und wird nun in diesem Band gesammelt vorgelegt.

Eine eigenständige Periode ist dieser letzte Zeitabschnitt nicht allein dadurch, daß ein längeres Fernbleiben von der Kanzel sie von der vorangehenden trennt, sondern viel mehr noch durch den neuen und von nun an (bis auf wenige Ausnahmen) kaum noch gegen einen anderen vertauschten, ja allen anderen ausdrücklich vorgezogenen Predigtort: die Basler Strafanstalt. Die mündliche Einladung des dort wirkenden Pfarrers Martin Schwarz hatte Barth zunächst mit Zurückhaltung auf und nicht sofort angenommen. Doch bat er Schwarz noch am selben Tag, an einem von diesem gehaltenen Gottesdienst in der Strafanstalt teilnehmen zu dürfen, und unter dem dort empfangenen Eindruck sagte er dann sofort zu.2 Von dem, was ihn seitdem mit dieser besonderen Predigtstätte verband, geben die Predigten selbst das beredteste Zeug|IXnis. Pfarrer Schwarz brauchte ihn fortan nicht mehr zu bitten; Barth fragte selbst von Zeit zu Zeit an, ob er wieder einmal predigen dürfe. Auch kam er mehrmals zu Gesprächsabenden und, während der Urlaubszeit des Pfarrers, zu Einzelbesuchen ins Gefängnis. Ihr Ende fand die über knapp zehn Jahre sich erstreckende Reihe der 28 Strafanstaltspredigten am Ostersonntag 1964, weil Barth sich danach zu einer Fortsetzung gesundheitlich nicht mehr in der Lage fühlte.

In dem vorliegenden Band gehen die beiden Predigtsammlungen Den Gefangenen Befreiung 📖 (1959) und Rufe mich an! 📖 (1965) auf. Die darin enthaltenen insgesamt 30 Predigten werden ergänzt durch die einzige in diesem Zeitraum gehaltene Kasualpredigt, die (S. 24ff.) in die chronologische Folge eingereiht ist, und eine weitere, bei der Drucklegung von Rufe mich an! versehentlich ausgelassene Gefängnispredigt: «Bekehrung»3 (S. 193ff.).

In einem zweiten Teil sind, wie generell für Abteilung I der Gesamtausgabe vorgesehen, die aus derselben Periode stammenden, für verschiedene Publikationsorgane verfaßten Artikel zu kirchlichen Feiertagen gesammelt. Sind sie durch den Bandtitel «Predigten» strenggenommen nicht miterfaßt, so wirken sie doch insofern auf die Namensgebung des Bandes ein, als sich durch sie die hintere zeitliche Begrenzung von 1964 auf 1967 verschiebt: Der letzte der Artikel, gleich der letzten Predigt zum Osterfest entstanden, ist drei Jahre jünger als diese.

Im dritten Teil werden Vorworte Barths zu Sammelbänden, die durch Übernahme ihres Inhalts in die Gesamtausgabe aufgelöst werden, abgedruckt: dasjenige zu der ersten der beiden genannten Predigtsammlungen — die zweite erschien ohne Vorwort — und das zu dem 1963 im Chr. Kaiser Verlag erschienenen Büchlein Gebete4.

Im Anhang endlich werden (vor den «Nachbemerkungen» von M. Schwarz zu Den Gefangenen Befreiung) zwei der schon im ersten Teil |X des Bandes enthaltenen Predigten in leicht abweichender Textform noch einmal wiedergegeben: in wörtlicher Reproduktion des gesprochenen Wortlauts nach den — einzig von diesen beiden Predigten existierenden — akustischen Aufzeichnungen. Manchem Leser mag es lieb sein, außer der von Barth leicht geglätteten Druckfassung in diesen beiden Fällen auch genau das lesen zu können, was der Prediger, das Einzelne im Augenblick spontan formulierend, auf der Kanzel gesagt hat, und dergestalt dem Ereignis des Predigens gleichsam noch einen Schritt näher zu sein. Die zugehörigen Gebete werden im Anhang nicht wiederholt, weil sie im Unterschied zu den Predigten vorher wörtlich fixiert waren, so daß dabei (nahezu) keine Textabweichungen auftreten.

Mit dem Vorliegen jener beiden Predigten in akustischen Aufzeichnungen schließt sich im übrigen auch der Kreis von Dokumenten, die das Entstehen einer Predigt dieser Periode von der Vorbereitung am Schreibtisch bis zur Druckfassung in der regelmäßigen Abfolge von meistens neun Phasen belegen.

  1. Barth notierte die Predigt handschriftlich in Stichworten. In dieser Erstgestalt ist nur eine Predigt (5. August 1956) erhalten geblieben.
  2. Er schrieb die Stichworte mit der Maschine in das Konzept (in der Regel 3 oder 4, bisweilen auch 2 oder 5 Blätter des Formats DIN A 5), das er auf die Kanzel mitnahm.
  3. Er versah das maschinenschriftliche Konzept mit handschriftlichen Korrekturen (meist Zusätzen) sowie oftmals mit Unterstreichungen mit blauem und rotem Farbstift. Die Konzepte sind bis auf vier Ausnahmen sämtlich erhalten.
  4. Anhand dieser Stichworte formulierte er die Predigt auf der Kanzel im einzelnen frei.
  5. Während der Predigt nahm seine Mitarbeiterin Charlotte von Kirschbaum, die ihn stets in die Gottesdienste begleitete, ein Stenogramm auf. (Von den Stenogrammen scheint keines erhalten zu sein.)
  6. Gewöhnlich noch am selben Sonntag schrieb sie das Stenogramm in normaler Handschrift aus.
  7. Diese handschriftliche Ausarbeitung versah Barth wiederum mit handschriftlichen Korrekturen. Zwei Predigten (14. August 1955 und 14. Juli 1959) sind in dieser Fassung erhalten.
  8. XINach der korrigierten Handschrift stellte Charlotte von Kirschbaum eine maschinenschriftliche Reinschrift her.
  9. Diese Reinschrift wurde von Pfarrer Schwarz abgeholt und in die Strafanstalt gebracht, wo sie von einem Häftling auf Matrizen abgeschrieben und vervielfältigt wurde. Die Vervielfältigung wurde in der Strafanstalt an alle Interessenten verteilt und von Barth an Bekannte verschickt. Sie lag auch dem Druck in den zahlreichen Einzelveröffentlichungen und in den beiden Sammelbänden5 zugrunde.

Seit etwa 1962 war Charlotte von Kirschbaum gesundheitlich nicht mehr in der Lage, in der gewohnten Weise an der Textherstellung mitzuwirken. Mangels eines Stenogramms arbeitete Barth nun nach gehaltener Predigt anhand seiner Stichworte eine endgültige Fassung selbst handschriftlich aus. In dieser Form sind vier Predigten (31. Dezember 1962, 24. Februar, 19. Mai und 24. Dezember 1963) vorhanden.

Von den Textstufen 1, 2/3, 6/7 sowie von Barths eigenen nachträglichen Ausarbeitungen wird diesem Band (im Anschluß an das Vorwort) je ein Blatt im Faksimile beigegeben. Die Textstufe 4 ist durch den Anhang repräsentiert.

Zum Technischen der Edition ist noch folgendes zu sagen.

Orthographie und Interpunktion wurden nach den für die Gesamtausgabe gültigen Regeln durchgehend korrigiert. Das legte sich um so mehr nahe, als in den bisherigen Druckausgaben — entsprechend der geschilderten stufenweisen Entstehung der Endfassung, die Barth nicht mehr im einzelnen zu überwachen pflegte — in beiderlei Hinsicht weitgehende Regellosigkeit und ein ständiger Wechsel im Grade der Angleichung an Barths persönliche Gepflogenheiten herrschen. So wurde z. B. statt der regellos alternierenden Formen «anderen»/«andern», «unseren»/«unsern» usw. stets die erstere Version eingeführt, «irgend ein» u. ä., wie Barth es zu tun pflegte, getrennt geschrieben. Barths spezifische Praxis der Großschreibung gewisser Worte, die nach Duden klein zu schreiben wären, wurde auch dort durchgeführt, wo es in der ursprünglichen Druckfassung nicht geschehen ist.6 Die Zeichensetzung |XII wurde vereinheitlicht und im Interesse der Lesbarkeit — in diesem Fall ohne Rücksicht auf Barths (in den Druckfassungen ohnehin nur partiell zum Zuge kommende) Abweichungen von den üblichen Regeln — modernisiert. Einige wenige kleine grammatische Unstimmigkeiten wurden ohne Vermerk verbessert, weitere wenige etwas schwerer wiegende Eingriffe in Fußnoten angezeigt. In Zweifelsfällen wurde, wo immer das möglich war, Barths Stichwortkonzept zu Rate gezogen.

Zwischen senkrechten Strichen in den Text eingefügt wurden die Seitenzahlen je einer früheren Druckausgabe. Sie bezeichnen jeweils den Beginn einer neuen Seite der früheren Ausgabe und beziehen sich bei den Predigten auf die beiden Sammlungen Den Gefangenen Befreiung 📖 und Rufe mich an! 📖, bei den übrigen Stücken (sofern dort die Anwendung des Verfahrens in Betracht kam) auf die Erstdrucke, die im «Nachweis der früheren Veröffentlichungen …» hinten im Band ersichtlich sind.

Wo größere Absätze (mit einer Leerzeile) eingeführt wurden, die in der älteren Druckfassung fehlen, und wo umgekehrt solche Absätze eliminiert wurden, ist es jeweils in Angleichung an die aus dem Stichwortkonzept ersichtliche Gliederung Barths geschehen.

Bibelstellenangaben sowie eine syntaktisch notwendige Textergänzung (S. 187) in eckigen Klammern wurden vom Herausgeber hinzugefügt. In den Gebeten wurde auf diese Zusätze verzichtet. Doch sind unverkennbare Anspielungen auf biblische Texte innerhalb der Gebete im Bibelstellenregister mit verzeichnet.

Die Anmerkungen stammen ausnahmslos vom Herausgeber.

Auf den Stichwortkonzepten sind meist die in den Gottesdiensten gesungenen Lieder notiert. Sie werden jeweils am Schluß der Predigten im Kleindruck mitgeteilt. Die Liednummern beziehen sich dort wie in den Anmerkungen, wo nicht anders angegeben, auf das 1952 eingeführte Gesangbuch der evangelisch-reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz 📖, das auch in den von Barth gehaltenen Gottesdiensten der Jahre 1954–1964 benutzt wurde. Die entsprechende Liednummer des (deutschen) Evangelischen Kirchengesangbuchs 📖 (EKG) wird nur dann zusätzlich angegeben, wenn die Strophenzählung in den beiden Gesangbüchern nicht übereinstimmt.

XIIIAbweichend davon werden in den Anmerkungen Kirchenliedzitate stets nach den beiden genannten Gesangbüchern nachgewiesen, sofern beide das betreffende Lied enthalten.

Die Namen der Dichter von Liedern, die gesungen wurden, aber nicht in der Predigt erwähnt sind, bleiben im Namenregister unberücksichtigt.

Das Begriffsregister möchte u. a. dazu beitragen, den Gebrauch dogmatischer Topoi in den Predigten leichter auffindbar zu machen. Daher sind darin auch einzelne Stichworte aufgenommen, die in den Predigten nicht wörtlich so vorkommen, und sind verwandte Gedanken gelegentlich unter einem gemeinsamen Stichwort subsumiert.

Für wertvolle Hilfe beim Lesen der Korrekturen habe ich Herrn Pfarrer i. R. Helmut Goes und meiner Frau zu danken.

Hinrich Stoevesandt

Sachfußnoten

1
K. Barth, Not und Verheißung der christlichen Verkündigung (1922), in: ders., Das Wort Gottes und die Theologie, München 1924, S. 101 📖. Vgl. auch ders., Fünfzehn Antworten an Herrn Professor von Harnack (1923), in: ders., Theologische Fragen und Antworten, Zollikon 1957, S. 10 📖: «Die Aufgabe der Theologie ist eins mit der Aufgabe der Predigt.»↩
2
Diese Darstellung folgt der rückblickenden Niederschrift von M. Schwarz: Bericht des evangelischen Strafanstaltspfarrers 1968. Karl Barth in der Strafanstalt, Privatdruck o. J. [1969] 📖 (gekürzt abgedruckt unter dem Titel Karl Barth im Gefängnis in: Stimme der Gemeinde, Jg. 21 (1969), Sp. 3–5 📖, und unter dem Titel Karl Barth in der Strafanstalt in: Kirchenblatt für die reformierte Schweiz, Jg. 125 (1969), S. 210–213), S. 5 📖. Die zeitliche Abfolge hat sich in der Erinnerung von Schwarz zusammengezogen; er legt nur eine Woche Abstand zwischen Barths Gottesdienstbesuch und seine erste eigene Predigt. Tatsächlich hörte Barth am 25. April 1954 die Predigt von Schwarz; ein Predigttermin für ihn selbst am 9. Mai stand zur Diskussion, kam aber nicht zustande. Am 1. August 1954 hielt Barth seine erste Predigt in der Strafanstalt. (Daten nach Tagebucheintragungen Barths und Briefen von M. Schwarz an Barth im Karl Barth-Archiv.)↩
3
Sie ist jedoch 1961 auf einer Schallplatte und 1962 als Einzeldruck erschienen; s. den «Nachweis früherer Veröffentlichungen…» am Ende dieses Bandes.↩
4
Von den 50 dort (teilweise leicht redigiert) abgedruckten Gebeten — die sämtlich im Zusammenhang mit Predigten entstanden sind — sind 40 (in ihrem originalen Wortlaut) im vorliegenden Band enthalten, jeweils in Verbindung mit der Predigt, zu der sie gehören. Die restlichen zehn Gebete des Büchleins stammen aus früherer Zeit; sie waren der Sammlung Fürchte dich nicht! (1949) 📖 entnommen.↩
5
Vgl. den Nachweis früherer Veröffentlichungen des Inhalts dieses Bandes, unten S. 307ff. ↩
6
Ausnahme: «alle», «alles» usw., das Barth, wenn es quasi-substantivische Funktion hat, groß schreibt, wurde (entgegen Barths überwiegender Praxis) in Verbindungen, wo es diese Funktion nicht hat («wir alle», «das alles» usw.), klein geschrieben.↩