Predigt: 2 Korinther 12,9: "Was genügt"
Das ist nun ein sehr kurzer Text — vier Wörtlein nur! —, ich meine: der kürzeste, über den ich je gepredigt habe. Das hat den Vorteil, daß ihr ihn umso besser behalten könnt. Es ist mir ja, beiläufig gesagt, jedesmal, wenn ich hier sein darf, das wichtigste Anliegen, daß weniger meine Predigt als das biblische Wort, dem sie jeweils folgt, so richtig in euch hinein und nachher mit euch gehe. Diesmal also: Meine Gnade genügt dir. Gerade in seiner Kürze besteht übrigens auch die wunderbare Würze dieses Textes — bildet er gewissermaßen ab, was er ausspricht. Diese vier Wörtlein genügen. Einige von euch haben vielleicht etwas davon läuten hören, daß ich in den letzten vierzig Jahren sehr viele und teilweise sehr dicke Bücher geschrieben habe. Ich darf aber frank und frei und auch fröhlich zugeben, daß die vier Wörtlein: «Meine Gnade genügt dir» viel mehr und sehr viel Besseres sagen als der ganze Papierhaufen, mit dem ich mich da umgeben habe. Sie genügen — was ich von meinen Büchern von ferne nicht sagen könnte. Was an meinen Büchern Gutes sein möchte, könnte höchstens darin bestehen, daß sie von ferne auf das hinweisen, was diese vier Wörtlein sagen. Und wenn jene längst überholt und vergessen sein werden und die Bücher der ganzen Welt mit ihnen, so werden diese immer noch leuchten in ewiger Fülle: Meine Gnade genügt dir.
80 Und nun noch eine zweite Vorbemerkung: Wenn ihr diesen Text nachher in euren Bibeln nachlesen wollt, so werdet ihr finden, daß er gerade in der immer noch am meisten verbreiteten Übersetzung
Ein Erstes und Wichtigstes: Kein Mensch kann das zu sich selbst sagen: Meine Gnade genügt dir. Denn Keiner kann sich selbst Gnade gewähren. Es ist immer ein schrecklicher Irrtum, wenn Einer meint, sich selber zu genügen. Daß es so etwas wie Gnade gibt und daß sie uns genügt, das können wir alle uns nur sagen lassen. Wir können es uns aber auch nicht von anderen Menschen sagen lassen. Gnädig ist eben kein Mensch und keiner in der Lage, Anderen Gnade zu gewähren. In alter Zeit gab es freilich gewisse vornehme Personen, die sich als «gnädige Herren» anreden ließen — der eine und andere Potentat sogar als «allergnädigster Herr». Und «gnädige Frau» und auch «gnädiges Fräulein» kann man in
Dem Apostel
82 Er, dieser Herr, ist gnädig, ist in der Lage, Gnade zu üben und das zu sagen: Meine Gnade genügt dir — er allein, kein Engel, kein anderer Mensch, keiner zu sich selbst. Er will das auch zu uns sagen. Er will das aber nicht nur. Er hat es zu uns gesagt, auch im ganzen Jahr 1962. Und er wird es uns wieder sagen, auch im ganzen Jahr 1963. Daß Er das gesagt hat und auch zu uns sagt, das ist die Wahrheit und die Kraft, der tiefe Trost und die wunderbare Ermutigung dieses Wortes.
Wenn Einer einem Anderen mit dem, was er ihm ist, für ihn tut, ihm gibt, genügt, so heißt das offenbar: er verschafft und vermittelt ihm, was er braucht, nicht mehr, nicht weniger, nichts Anderes. Aber was braucht so ein Anderer? Was müßte Einer sein, tun, geben, um einem Anderen zu genügen? Denken wir über diese Frage ein bißchen nach, so müssen wir entdecken, daß uns zunächst jede Antwort wie unter den Händen zu zerrinnen scheint.
Wir brauchen ja so Vieles und Verschiedenes: jetzt dies, jetzt jenes, Großes und Kleines, Nötiges und weniger Nötiges, Äußerliches und Innerliches, Nahrung für den Leib, aber Nahrung auch für die Seele, das Herz, das Gemüt, Menschliches und doch auch Geistliches. Aber was von dem allem brauchen wir nun eigentlich und wirklich? Was würde uns, wenn wir es bekämen, tatsächlich genügen?
Und wir brauchen Alles in Abwechslung: nicht nur Arbeit, sondern auch Ruhe und Zerstreuung — nicht nur dieses, sondern auch jenes Vergnügen — nicht nur die Familie, sondern auch gute Kameraden und Freunde — nicht immer dieselben Gesichter, sondern auch einmal ganz andere — nicht nur die Heimat, sondern auch die Ferne, die Fremde. Auch das Schönste würde uns öde, wenn es das Einzige wäre. So kommt es, daß sich Mancher auch den Himmel, auch die Ewigkeit nur |223 83 als ziemlich langweilig vorstellen kann, weil er denkt, daß er da nichts zu tun haben werde, als fort und fort Psalmen und Choräle zu singen. Nun ja: aber wo in dem scheinbar endlosen Film unseres Lebens mit all seinen Wechseln kommt wohl das vor, was wir eigentlich brauchen? wo das Genügende, das uns dann gewiß auch nicht langweilig sein könnte?
Noch etwas: Wir brauchen bekanntlich Alles immer wieder: in lauter Wiederholungen. So ist es schon mit der Nahrungsaufnahme, so mit dem Schlaf. Haben wir eine Freude, so möchten wir dieselbe noch einmal haben. Sind wir einmal getröstet, so rufen wir schon danach, wieder getröstet zu werden. Ist uns Jemand lieb und wert geworden, so sagen wir nicht umsonst: Auf Wiedersehen! Haben wir Zeit gehabt (z. B. jetzt wieder ein ganzes Jahr), so wissen wir genau, daß das nicht genügt, daß wir noch mehr Zeit (ein «gutes neues Jahr») haben sollten. Was wir eigentlich brauchen, wäre immer mehr als ein nur Einmaliges. Aber was brauchen wir dann? Was kann und wird uns je genügen können?
Kehren wir zu dem zurück, was der Herr zu
Was wir brauchen, wäre demnach: ein Ganzes, in welchem das Viele, das Verschiedene, das wir brauchen, gewiß auch enthalten, in welchem es aber sicher eingeschlossen, richtig zu84sammengehalten, geordnet und gereinigt wäre. Das brauchen wir eigentlich. Das könnte und würde uns genügen.
Was wir brauchen, wäre weiter: ein Einziges, das in der seltsamen Flucht unserer Jahre, ihrer Erscheinungen und Gestalten, in aller Abwechslung durchhielte, dem Wechsel einen Sinn gäbe, alles Einzelne (fern von aller Langweiligkeit) interessant machte. Das brauchen wir eigentlich. Das würde uns genügen.
224 Was wir brauchen, wäre (das ist die entscheidende Bezeichnung) ein Ewiges, das mitten in der Reihe der nötigen Wiederholungen selber keine Wiederholung nötig hätte — das uns nicht nur einmal, sondern einmal für alle Male gegenwärtig wäre, bliebe, immer neu würde: gestern und heute und morgen, 1962 und 1963. Das brauchen wir. Das würde uns genügen.
Eben davon hat der Herr zu
Meine Gnade genügt dir, hat er zu Paulus gesagt, sagt er jetzt auch zu uns.
Meine Gnade — das ist das, was nur Ich dir geben kann — kein noch so lieber Freund, kein noch so edler Wohltäter, auch kein noch so ernster und beredter Pfarrer, die ganze Welt nicht. Warum nicht? Weil gnädig zu sein und Gnade zu üben ganz und gar meine, die von Gott mir anvertraute Sache ist.
Meine Gnade — das ist das, was Ich dir tatsächlich geben will, mehr noch: was ich dir, ob du es merkst und dafür dankbar 85 bist oder nicht, schon gegeben habe, jetzt eben gebe, wieder und wieder geben werde.
Meine Gnade — das ist das, worauf du nicht den geringsten Anspruch hast, was du nicht verdient hast, dessen du nicht wert bist, was aber ohne dein Zutun, frei und rein von mir aus dein sein, dir gehören soll.
Meine Gnade — das bin Ich selber: Ich für dich nämlich, Ich als dein Heiland an deiner Stelle — Ich, dein Befreier von Sünde, Schuld, Elend und Tod, die ich auf mich und so von dir weggenommen habe — Ich, der ich dir den Vater zeige und den Weg zu ihm auftue — Ich, der dich das große Ja hören läßt, das er von Ewigkeit her auch zu dir, gerade zu dir gesprochen hat — Ich, der dich hiemit einsetzt und einstellt in den Dienst Gottes und der dich eben zu diesem Dienst auch brauchbar, willig und bereit macht.
Das ist meine Gnade: Und diese meine Gnade genügt dir. Sie ist das, |225 was du eigentlich und wirklich brauchst, was du aber auch haben darfst und sollst. An sie kannst du dich halten, mit ihr kannst du leben. Mit ihr kannst du auch sterben. Sie genügt dir jetzt, sie wird dir auch in alle Ewigkeit genügen.
Liebe Brüder, ich darf heute zum dritten Mal gerade an Sylvester hier unter euch sein. Und nun habe ich euch vor zwei Jahren und dann wieder vor einem Jahr jeweils das biblische Wort, das ich euch erklären und auslegen durfte, als eine Art Parole mit auf den Weg gegeben. «Meine Zeit steht in deinen Händen» [
- Nr. 132: «Nun laßt uns gehn und treten» von
P. Gerhardt , Strophen 1–7 - Nr. 52: «Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren» von
J. Neander , Strophen 1–5 - Nr. 59: «Großer Gott, wir loben dich» von
I. Franz , Strophen 6–8