Traget! Predigt über Galater 6,2
In Deutschland gab es früher — ich weiß nicht, ob es heute noch so ist — gewisse merkwürdige Eisenbahnwagen 4. Klasse, in denen z. B. die |235 Bauern, wenn sie auf den Markt fuhren, ihre Tragkörbe, Säcke und dergleichen ausbreiten und aufstellen konnten und die darum auch nach außen die Aufschrift trugen: «Für Reisende mit Traglasten». Solche «Reisende mit Traglasten» zu sein, ist wohl uns allen bestimmt. Die Einen wissen es, die Anderen nicht. Die Einen sind es offen, die Anderen im Verborgenen. Die Einen merken es erst später, wenn sie in die Jahre kommen, von denen wir sagen: «Sie gefallen uns nicht»
[vgl.
Fangen wir, wie es bei der Auslegung der Bibel öfters ratsam ist, mit dem Ende an, um dann von da aus den Anfang zu verstehen!
Von einem «Gesetz» ist da die Rede. Auch das tönt nicht eben gut, weil es uns unangenehm an Buchstaben, Sätze, Paragra99phen erinnert, an die man sich halten sollte, die man aber vielleicht lieber gelegentlich übertritt oder doch umgeht, wobei man leicht mit ihnen in Konflikt kommen und von ihrer gewaltigen Macht überfahren werden kann. Aber hier ist nicht von irgend einem, sondern von einem sehr besonderen, nämlich von dem «Gesetz Christi» die Rede. Beachten wir sofort, daß es nicht heißt: ihr sollt es erfüllen — wobei dann die Frage offen bleibt, ob wir das tun wollen oder auch nur können. Es heißt, wie wenn das das Natürlichste von der Welt wäre: ihr werdet es erfüllen. Und bedenken wir, was unser Herr Jesus selbst von diesem seinem Gesetz gesagt hat: «Nehmet auf euch mein Joch …, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen … Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht»
[
236 Das Gesetz Christi ist in der Tat das Gesetz der freien und befreienden Gnade Gottes. Jesus Christus hat es (darum heißt es sein Gesetz) aufgerichtet und in Kraft gesetzt. Das geschah aber in dem, was er als Gottes Sohn und Gesandter und in seinem Namen für die Welt, nämlich zu ihrer Versöhnung mit Gott, und für einen Jeden von uns, nämlich zu seinem Heil, getan hat und noch tut. Er tat und tut es aber als der große, der unvergleichliche, der in seiner Art einzige wirkliche Lastträger. So hat ihn Johannes der Täufer gesehen: «Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt» [
Es geschah aber noch mehr: eben als dieser große Lastträger und so als der Vollstrecker der allmächtigen Liebe, in der Gott die Welt und uns geliebt hat [vgl.
237 Aber nun zum Anfang unseres Textes und also zu uns kleinen Lastträgern! Wir können und werden immer nur kleine Lastträger sein: mit ihm nicht zu vergleichen — weder in dem, was wir sind, noch in dem, was wir tun dürfen und können. Kein Gotteswerk wird das sein, sondern immer nur ein sehr bescheidenes und sehr brüchiges Menschenwerk. Was wir zu 101 tragen bekommen, wird ja nie die Last der Sünde der ganzen Welt sein: an gewissen dunklen Schatten eines kleinsten Teils der Last, die Er trug und trägt, werden wir genug zu tragen haben. Auch nur sie zu beseitigen, ist uns nicht aufgegeben: uns kommt nur zu, als die durch Ihn Befreiten mit diesen Schatten umzugehen. Das aber kommt uns zu. Und das ist es, was das Gesetz Christi, was Er, der große, von uns kleinen Lastträgern will, was er uns vorschreibt und gebietet.
Was aber sind die Lasten, die wir zu tragen bekommen? Schatten nannte ich sie soeben. Man sagt wohl besser: sie sind die Rückstände, die dadurch entstehen, daß es auch in der Welt, deren Sündenlast Jesus Christus doch weg-, hinauf ans Kreuz getragen hat, auch bei uns, den durch Ihn Befreiten, immer wieder zu ganz unzeitgemäßen Rückfällen kommt: zu Rückfällen in die alten, vermoderten Irrtümer und Bosheiten, Verkehrtheiten und Gemeinheiten, in die längst überholten Werke und Gewohnheiten des Hochmuts, der Faulheit, der Lüge. Wie wenn Einer, dessen im letzten Herbst gebrochener Arm3 längst ganz schön kuriert ist, es gelegentlich (etwa wenn das Wetter umschlägt) doch wieder merken muß, daß ihm etwas passiert ist! Da sind sie wieder, ganz unerklärlich und unbegreiflich: die großen und kleinen Sünden, obwohl sie doch durch Jesus Christus längst ins Feuer geworfen und abgetan worden sind, obwohl wir doch ganz einfach und natürlich davon leben dürften, daß sie uns vergeben sind! Da sind sie wieder, die Gespenster — die sinnlos und mutwillig von uns heraufbeschworenen Gespenster — unserer Vergangenheit, der Zeit vor Christi Geburt! Ihre Wirksamkeiten sind die Lasten, die wir zu tragen bekommen.
Aber nun kommen wir erst zum Merkwürdigsten unseres Textes: Nicht unsere eigenen, sondern ein Jeder die Lasten des Anderen zu tragen werden wir geheißen. Sicher sind da auch je 102 unsere eigenen Sünden und also Lasten. Und sicher wäre auch vom Umgang mit ihnen |238 Vieles zu sagen. Nach unserem Text, dem wir jetzt folgen wollen, ist aber nicht die Beschäftigung mit ihnen das Eigentliche und Entscheidende im Gehorsam gegen das Gesetz Christi, besteht dieser vielmehr darin, daß Einer die Lasten des Anderen zu tragen willig und bereit sei und dann auch wirklich trage.
Ja, dieser Andere: dein Mitmensch, dein Nächster, dieser dir nur allzu Nahe, mit dem du jetzt, vielleicht aber auch dauernd, vielleicht dein Leben lang zu leben hast! O dieser Andere mit seinen Rückfällen und Rückständen, in dem ganzen gespenstischen Wesen seiner Art, seines Redens, Tuns und Verhaltens! O wie springt er dir in die Augen, wie betäubt er deine Ohren, wie gibt er dir bis in deine Träume hinein zu denken und alle Hände voll zu tun! O wie geht er dir auf die Nerven! Was ist er doch für ein wüstes Exemplar der Menschheit, die von der ihr geschenkten Freiheit keinen Gebrauch machen mag! Wie lästig ist er dir doch: dieser Mitreisende mit seinen Traglasten, Körben und Säcken! Wie macht er es dir doch so schwer! — Was tun in dieser bösen Sache? Willst du ihn übersehen, ihm aus dem Weg gehen, ihn verachten? Ach, damit änderst du gar nichts: an ihm nicht und für dich auch nicht. Kaum hast du ihn übersehen, so ist er in dieser oder jener Gestalt doch wieder da: wie eine eben verscheuchte Fliege brummend wieder und wieder kommt. Oder willst du ihm vorhalten, was für Einer er ist, dich mit ihm auseinandersetzen, mit ihm zu Boden reden4? Damit magst du dir, wie man es ja gerne tut, ein bißchen Luft machen — aber eben damit nimmst du sie dem Anderen. Er bleibt, der er ist. Auch seine Lasten bleiben. Und es bleibt auch bei der Belästigung, die er dir bereitet. Oder gelüstet es dich, ihn zu strafen, auf den groben Klotz einen groben Keil zu setzen — nach der Melodie: Wie du mir, 103 so ich dir? O weh, wo kommen wir da hin? Ohne eigene Rückfälle, ohne gespensterhafte Worte und Taten deinerseits wird es da bestimmt nicht abgehen. Und darum kann und wird dadurch erst recht nichts anders und besser gemacht. Tatsächlich auf allen diesen Wegen kann und wird nichts herauskommen als dies, daß es sichtbar wird, daß du mindestens ein ebenso wüstes Exemplar der trotz ihrer Befreiung so unfreien Menschheit bist wie der Andere. Was soll damit geholfen sein? Auf allen diesen Wegen kann die Not nur immer noch größer werden.
239 Unser Text zeigt uns einen besseren Weg. Traget, so heißt es, Einer — die Lasten des Anderen!
Der bessere Weg ist das schon darum, weil da ehrlich vorausgesetzt wird, daß der Eine und der Andere sich in demselben Boot befinden, daß sie solidarisch zusammengehören und haftbar sind. Beide sind offenbar Rückfällige und also Lastträger. Beide fallen sich also auch gegenseitig lästig. Und so kann Beiden nur gemeinsam geholfen werden. Eben so kann und soll ihnen aber auch geholfen werden. Gemeinsam und nicht jeder für sich werden sie darum auch angeredet und aufgerufen zu gemeinsamem Tun: Traget!
Und besser ist der hier angezeigte Weg vor allem darum, weil damit Beide zu einem sinnvollen, hilfreichen, verheißungsvollen Tun aufgerufen werden. Nicht zu einem großartigen, nicht zu einem radikal hilfreichen Tun: beseitigen kann ja Keiner die Lasten des Anderen und so auch nicht die Belästigung, die er ihm bereitet. Gerade sie soll er denn auch gar nicht loswerden wollen! Tragen heißt gerade: die gegenseitige Belästigung wechselseitig ertragen, aushalten, über sich ergehen lassen. Tragen heißt: Gebrauch machen von der Erlaubnis und Möglichkeit, sich die erfahrene Belästigung wechselseitig zu verzeihen. Tragen heißt: ein bißchen gütig miteinander umgehen, nicht 104 als mit wüsten und bösen, sondern als mit armen und kranken Menschen — etwa so, wie es zwischen Patienten im gleichen Zimmer eines Spitals das Natürliche ist. Tragen ist also wohl das Gegenteil von Blindheit und Gleichgültigkeit gegenüber den beiderseitigen Rückfällen und Sünden, aber auch das Gegenteil von allem entrüsteten Anklagen und Dreinschlagen bei ihrem Anblick. Tragen besteht in dem Beistand, den man sich damit gegenseitig leistet, daß man sich samt den beiderseitigen Lasten auf- und annimmt als Gefährten auf einem Weg, den man gemeinsam betreten hat und nur gemeinsam weiter und zu Ende gehen kann. Zum Tragen wird dann gewiß ganz besonders auch das gehören, daß man den Balken im eigenen Auge entdeckt und sehr viel interessanter findet als den Splitter im Auge des Bruders [vgl.
240 Es ist schon nur ein kleines Besseres, was wir kleinen Lastträger da wählen und ins Werk setzen dürfen. Dieses kleine Bessere hat aber — wir kommen jetzt noch einmal zum Schluß unseres Textes — die große Verheißung, die alles andere, auch das großartigste Tun nicht hat: Damit werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.
Indem ihr eure beiderseitigen Lasten gegenseitig tragt, tut ihr nämlich, was seinem Tun als der große Lastträger nicht gleich, wohl aber wie ein Spiegelbild oder Echo entsprechend, ähnlich ist. Man kann es auch so sagen: ihr tut damit im Kleinen und Einzelnen, was er im Großen und Ganzen getan hat und tut — er als der Gottessohn und vollkommene Heiland, ihr als 105 seine sehr unvollkommenen Menschenkinder. Ihr dürft, indem ihr das tut, dieses Tragen übt, dem Gesetz der in ihm erschienenen freien und befreienden Gnade demütig, aber entschlossen gehorsam werden. Ihr lebt und handelt also damit in seiner Gesellschaft, in Gemeinschaft mit ihm, in seiner Nachfolge: als solche, die allem Gespensterwesen, allen ihren Rückfällen zum Trotz durch ihn entlastet, befreit, gerettet, bewahrt sind zum ewigen Leben. Ihr mögt dann wohl einstimmen in das Kirchenlied:
- Nr. 40: «Lobe den Herren, o meine Seele» (nach Ps. 146) von
J. D. Herrnschmidt , Strophen 1,4–7 (= EKG 198, Str. 1,4–6,8) - Nr. 69: «Für alle Menschen beten wir» von
A. Knapp nachJ. A. Cramer , Strophen 1–5 - Nr. 44: «Nun danket alle Gott» von
M. Rinckart , Strophe 2